Donnerstag, 2. Juni 2011

assoziation: nachdenken über EHEC [6. update am 10.06.*]

(...) "Die behandelnden Ärzte sprechen derweil von zunehmenden neurologischen Symptomen bei den HUS-Patienten. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", sagte der Direktor der Nephrologie am Kieler Uniklinikum, Professor Ulrich Kunzendorf. Andere Ärzte sprachen von "völlig abgedrehten Patienten".

Der Gastroenterologe Professor Stefan Schreiber von der Uni Kiel sprach von einer "Situation medizinischer Hilflosigkeit". Die jetzige Welle sei vergleichbar mit anderen großen Seuchen, etwa der Pest." (...)


("Ärztezeitung")

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nein, ich habe durchaus nicht vor, die gegenwärtigen ereignisse in südeuropa, japan/fukushima oder auch in nordafrika und arabien zu ignorieren. allerdings merke ich in den letzten tagen, dass mich das treiben jener e. coli-bakterien dann doch aus verschiedenen gründen immer mal wieder ausgiebig beschäftigt. aus mehreren gründen: einmal, weil ich selbst in einer stadt (noch) am rande jener zone lebe, in der - aus guten gründen, später mehr - eine oder mehrere aktive quellen der infektion zu suchen sein dürften. zweitens, weil sich auch in den hiesigen krankenhäusern inzwischen die intensivstationen beängstigend schnell füllen. drittens habe ich während meiner beruflichen ausbildung auch mit interesse am bereich epidemiologie geschnuppert - das liegt zwar schon ein paar jährchen zurück, aber momentan kommen immer wieder erinnerungen an ein paar grundlagen hoch. und schon damals rührte mein interesse auch davon her, dass epidemiologen in vielen fällen nicht sehr viel anders als kriminalisten an den ausbruch einer krankheit herangehen (müssen) - mögliche kausalketten aufrollen, ereignisse rückverfolgen, situationen rekonstruieren, plausibilitäten abschätzen, stück für stück geschehnisse bewerten und entweder ausschließen oder aber als basis für weitere ermittlungen nutzen.

und viertens lebe ich seit jahrzehnten (lakto-)vegetarisch, und esse eigentlich sehr gerne frischen gurkensalat - natürlich "bio", mit gewaschener schale, in hauchfeine scheiben gerieben, mit gutem olivenöl, echtem balsamico, kräutersalz, pfeffer und viel (am besten frischem) dill.

dieses schöne bild wurde nun in den letzten wochen von ganz anderen szenen überlagert, was mich persönlich nicht nur ärgert, sondern auch motiviert, jetzt hier meine ebenso persönlichen gedanken dazu loszuwerden. was ich hinsichtlich der bisher bekannten fakten so schreibe, werde ich nicht in jedem fall mit links unterlegen, weil das einfach zu viele werden würden. aber ich konnte jede der folgenden infos über das netz soweit nachprüfen und -vollziehen, das ich das mit gutem gewissen so schreiben kann wie ich´s schreibe.

1. kurz und knapp - der erreger

escherichia coli ist ein eigentlich
bestens bekanntes bakterium, welches in seinen gutartigen formen - und am richtigen platz - für unsere existenz durchaus positive aspekte aufweist. ausserhalb des darmes und in seinen pathogenen formen jedoch kann es sehr schnell zu unschönen bis schwer bedrohlichen zuständen führen. und während es bisher immer hieß, dass der aktuell verantwortliche ehec-strang aus der e. coli-familie schon lange bekannt sei, aber bisher niemals auffällig - schon gar nicht so verbreitet und vor allem so aggressiv - geworden ist, kamen vor ein paar stunden weitere informationen an die öffentlichkeit:

(...) "Die vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E.-coli-Bakterien ist, sagte die WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse. Weiter sagte sie, ein solcher Stamm sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Der neue Stamm weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen." (...)

das dürfte nun weiteres wasser auf die mühlen jener stimmen darstellen, die in den letzten tagen immer deutlicher vernehmbar an vielen stellen im netz das wort "biowaffenanschlag" vor sich hinmurmeln. ich sehe dafür weit und breit bisher bei dem, was so an informationen kursiert, keine wirklich überzeugenden indizien und betrachte die entsprechende meinung als reines konstrukt, welches allerdings durch eine durchaus mangelhafte informationspolitik seitens der verantwortlichen behörden gefördert wird.

aber noch mal zum erreger, dessen bisher sichtbare eigenarten durchaus beunruhigend sind:
  • resistent gegen die allermeisten antibiotika
  • tatsächlich sehr toxisch - die produzierten gifte können das darmgewebe derart angreifen, dass bereits bei einigen betroffenen teile des darms herausoperiert werden mussten. ebenfalls wurde von schweren entzündungen des gesamten magen-darm-traktes berichtet
  • die zahl derjenigen, die schwere nierenkomplikationen (HUS) im gefolge der zerstörung von roten blutkörperchen entwickeln, ist überproportional hoch
  • diejenigen antibiotika, die noch wirkung zeigen, führen als reaktion bei den bakterien offensichtlich zu einem nochmals erhöhten ausstoß an toxinen
  • ebenfalls ziemlich rätselhaft sind die meines wissens so noch nie bei einem ehec-ausbruch beobachteten neurologischen ausfälle, die von epileptischen anfällen über halluzinationen und sprachverluste bis hin zu kleinen schlaganfällen reichen können
  • sind bei früheren ausbrüchen vor allem überdurchschnittlich viele kinder betroffen gewesen, so reicht das spektrum aktuell von kindern bis sehr alten menschen, mit einer großen zahl von bisher "recht gesunden" (das ist bekanntlich interpretationssache) erwachsenen. dabei wiederum sind frauen stark vertreten (das ist ein interessantes und wichtiges indiz, wie ich finde)
  • es ist eine normalerweise für bakterien lächerlich geringe zahl an exemplaren - zwischen zehn und hundert - für eine infektion ausreichend
  • schmierinfektionen sind möglich, ebenso kann eine mensch-zu-mensch oder auch tier-zu-mensch-übertragung nicht ausgeschlossen werden (ist in der vergangenheit beides schon nachgewisen worden)
  • überraschenderweise fällt es mir aus was für gründen auch immer bisher schwer, ein klare antwort auf die frage nach der überlebensquote von ehec / e. coli außerhalb eines lebenden körpers zu finden. sporenbildung findet nicht statt, aber es gibt etliche hinweise darauf, dass ehec-erreger zumindest einige zeit auch außerhalb von ihren bevorzugten darmmilieus existieren können. vermutlich habe ich eine entsprechende klare ansage bisher nur nicht gefunden oder übersehen, wobei gerade eine solche für einige hypothesen über den ausbruch sehr wichtig wäre
  • und ja, ehec stammt mit sicherheit aus tierdärmen, bevorzugt rinderinnereien, aber auch aus denen von schafen und ziegen; schweine können den erreger zwar auch tragen, sind allerdings normalerweise zu vernachlässigen
  • inkubationszeit: zwischen zwei und zehn tagen
alles zusammengenommen ein wirklich unerfreuliches wesen, und mit einigen eigenschaften, die mich den verdacht äußern lassen, dass wir möglicherweise gerade den beginn von etwas erleben, was zumindest ich keinesfalls erleben möchte. das sei übrigens auch all jenen in stammbuch geschrieben, die - sicher mit einer gewissen berechtigung - auf tote durch autounfälle, rauchen, grippevieren, resistente krankenhauskeime etc. etc. hinweisen und fragen, warum in diesen fällen nicht vergleichbarer krach geschlagen wird. nun, damit werden bei mir einerseits offene türen eingerannt, andererseits betrachte ich persönlich ehec nicht als "einfache infektion, die mal halt immer wieder vorkommt", sondern in diesem fall als - wiedermal - von menschen selbst produziertes desaster, welches durchaus beängstigend werden kann bzw. zumindest das potenzial dafür hat.

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2. die norddeutschen hot spots - das elbe-weser-dreieck...

von anfang an war sehr klar, dass es einen oder mehrere regional deutlich eingrenzbare(n) infektionsherd(e) geben muss - immer noch sind sehr viele der infizierten, die aus anderen bundesländern oder auch dem europäischen ausland gemeldet werden, nachweislich vor dem ausbruch ihrer symptome in norddeutschland unterwegs gewesen. neben dieser tatsache verweist die zahl der bestätigten erkrankungen und verdachtsfälle im norden selbst auf diese besonderheit. es ist durchaus interessant, sich die bisherige verbreitung mal genauer zu betrachten.

auffällige cluster von fallzahlen werden aktuell aus folgenden gebieten und städten gemeldet (Sie können gerne selbst nachrecherchieren; "ehec" und stadtname reicht): hamburg natürlich, region und stadt cuxhaven, die kleinstadt rotenburg/wümme, harburg (kurz westlich vor hamburg), lüneburg. jetzt schauen wir mal auf die folgende karte:

elbeweserdreieck

(für die süddeutschen leserInnen: das "elbe-weser-dreieck" ist analog zum "weser-ems-gebiet" ein gebräuchlicher begriff). das "dreieck" wird markiert durch cuxhaven im norden, sowie bremen und hamburg im westen und osten. südöstlich schließt sich die lüneburger heide an, incl. lüneburg (auf der karte ganz unten im südosten).

die ganze gegend ist sehr ländlich geprägt; kleinstädte und dörfer wechseln sich ab. an der küste spielt natürlich der tourismus eine gewisse rolle; ebenso ist das alte land am westlichen elbufer (rund um stade) ein überregional bekannter begriff für ein traditionelles obstanbaugebiet.

zu dem, was sich östlich der elbe abspielt, komme ich gleich. zunächst ein blick nach westen, über die weser: hier werden bisher nur vereinzelte fälle von infektionen gemeldet; der landkreis wesermarsch (etwa nordwestlich von bremen hoch an der weser entlang bis an die küste) hatte bis gestern zwei bestätigte fälle; der sich südlich bzw. südwestlich daran anschließende landkreis oldenburg nur einen. weitere einzelfälle wurden bspw. aus kirchweyhe (bei bremen) sowie diepholz (schon eine ganze ecke weiter südlich von bremen) gemeldet. worauf ich hinauswill: bisher ist das kein vergleich mit dem geschehen östlich der weser. was ein epidemiologisch nicht ganz unwichtiger faktor sein dürfte. die krankenhäuser in bremen und bremerhaven sind übrigens z.zt. hauptsächlich voll mit infizierten aus dem elbe-weser-dreieck - ähnliches gilt auch für hamburg, wo gleichzeitig viele betroffene aus schleswig-holstein versorgt werden. das ist auch das nächste stichwort

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3. ... und schleswig-holstein

es gibt
hier auf einer offiziellen seite einen link zu einem pdf, welches die aktuelle ehec-verteilung im land zeigt. deutlich erkennbar sind die cluster östlich / nordöstlich rund um hamburg in den kreisen pinneberg und storman, aber auch kiel und lübeck an der ostseeküste sowie der bereich rund um flensburg an der dänischen grenze weisen auffällig erhöhte zahlen auf.

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4. (un-)wahrscheinlichkeiten

wenn ich mal das gedankenexperiment veranstalte, selbst auf basis der öffentlich verfügbaren informationen auf epidemiologische spurensuche zu gehen, dann kommt dabei ungefähr das folgende heraus:

erstens: der erreger stammt bevorzugt aus dem verdauungstrakten von wiederkäuern wie rindern, schafen und ziegen. zweitens: die antibiotikaresistenzen weisen als allererstes auf eine mutation hin, die aus der industrialisierten massentierhaltung stammt. das ist für mich einfach eine wesentlich näherliegende erklärung als spekulationen über ominöse (womöglich gar noch "islamistische") laborpanschereien mit e. coli. drittens: wenn ich mir die betroffenen regionen betrachte, so sind kühe/rinder dort absolut keine seltenheit und müssen auch oft genug in massentierhaltung ihr dasein fristen. schafe sind in den küstenregionen besonders auf den deichen keine seltenheit, aber auch an deichen der grossen und kleineren flüsse der betroffenen regionen anzutreffen; ebenfalls durchstreifen vereinzelte schäfer mit ihren herden das hinterland, in der lüneburger heide auch mit heidschnucken. massentierhaltung ist bei ihnen regional aber meines wissen dort ebensowenig ein thema wie bei ziegen. was bedeutet, sich vorzugsweise auf rinder/kühe als ausgangspunkt zu konzentrieren (und gleichzeitig breitflächig präventiv einmal die frei laufenden schafe zu untersuchen).

viertens: der bisher enorme anteil von infizierten frauen weist meiner meinung nach deutlich auf kontaminierte lebensmittel hin; das lässt sich besonders in den ländlichen regionen damit begründen, dass hier frauen immer noch "traditionell" für den küchenbereich zuständig sind. der nachweislich mit ehec infizierte und alleine lebende, in seiner wohnung tot aufgefundene mann in hamburg dürfte aller wahrscheinlichkeit nach selbstversorger und sein eigener koch gewesen sein. fünftens: die bekannten fälle von nach ihrer durchreise erkrankten in anderen bundesländern / im ausland weisen auf ein oder mehrere lebensmittel hin, die sich auch in hotels, pensionen, restaurants, raststätten... finden lassen müssen und womöglich einen regionalen ursprung haben. sechstens: es ist unwahrscheinlich, dass es einen einzigen räumlichen und engbegrenzten hot spot im sinne wie bspw. hamburger großmarkt o.ä. gibt. großmärkte sind als umschlags- und handelsplätze auch für regionale produkte natürlich verdächtig, aber wenn ich mich mal spekulativ über das einkaufsverhalten älterer (infizierter) damen auch in kleineren norddeutschen städten weitab von hamburg äußern darf, so sind diese dann doch eher auf (wenn vorhanden) wochenmärkten sowie in kleinen lebensmittelläden / kleinsupermärkten anzutreffen. das hängt nicht zuletzt mit den ländlichen infrastrukturen zusammen. und die beinhalten auch direkte lieferungen von regionalen erzeugern.

siebentens: und gerade diese älteren frauen schließen auch ursächlich eher aus, dass sich eine originäre quelle für den erreger direkt in hamburg finden lässt. dieser gedanke liegt zunächst nahe, wenn man sich klarmacht, dass hamburg ein großes einzugsgebiet - sagen wir mal einen umkreis von ca. 200 km - für pendler hat, die täglich kommen und gehen, gerade aus den oben dargestellten cluster-regionen. aber alte damen pendeln bekanntlich eher nicht jeden tag in großstädte. achtens: die focussierung auf gemüse ist nicht nachvollziehbar, vor allem nicht, wenn laut aussagen von ärzten etliche infizierte in den fraglichen zeiträumen bspw. gar keine gurken gegessen haben. ebenfalls sind bisher alle untersuchungen von regionalem gemüse in norddeutschland auf ehec ohne befund. tatsächlich essen jüngere frauen wahrscheinlich mehr salat als männer, aber wiederum ist gerade auf dem land der konsum von fleisch (und assoziierten produkten) immer noch die norm. und es erscheint ebenfalls nicht nachvollziehbar, warum in diesem fall praktisch von anfang an fleisch und milchprodukte als mögliche quelle(n) von vorneherein faktisch ausgeschlossen wurden.

kurzes zwischenfazit: ich würde also bevorzugt etwas regional produziertes suchen, was entweder auf dem acker oder feld kontakt mit fäkalien von kühen/rindern gehabt haben kann, oder direkt ein tierisches erzeugnis darstellt, bei welchem die kontamination dann eigentlich nur aus nachlässigkeit oder bewusster und krimineller ignoranz stattfindet. erst, wenn dabei nach abschluß aller möglichen ermittlungen nichts herauskommt, würde ich transportwege und -mittel als weitere möglichkeit in betracht ziehen.

und dabei springt einen in allen betroffenen norddeutschen regionen ein mögliches oberthema geradezu an.

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5. aus scheiße gold machen - das (nicht nur norddeutsche) gülle-problem

das thema hätte eigentlich nicht nur einen eigenen artikel, sondern ein ganzes eigenes blog verdient. aber aufgrund des umfangs und der vielfältigen implikationen muss ich das stark straffen und verweise interessierte auf das selbst recherchieren. gülle ist selbst ohne einen möglichen bezug zu ehec ein ökologisches problem ersten ranges, und verweist gleichzeitig auf das unser verkorkstes verhältnis zur tierwelt.

es gibt noch ein weiteres "dreieck" hier im norden, welches allerdings nur inoffiziell mit seinem namen genannt wird - das "goldene gülle-dreieck" rund um cloppenburg und vechta im sog. oldenburgischen münsterland, im südwestlichen niedersachsen mit fließenden grenzen zum westfälischen. "golden" deshalb, weil die praxis der industrialisierten massentierhaltung - nicht nur schweine und in geringer zahl rinder, sondern auch geflügel - mit millionen von tieren in einem räumlich recht begrenzten gebiet nicht nur materiellen "wohlstand" für große teile der dortigen bevölkerung gebracht hat, sondern inzwischen auch die gesammelten und konzentrierten hinterlassenschaften
vergoldet werden:

(...) "Die Gegend ist flach und gepflegt: akkurat gepflasterte Dorfstraßen, saubere Fassaden. Die Felder nicht zu groß, gesäumt von Hainen, Sträuchern und Eichen. Dahinter stehen halb versteckt die Wahrzeichen der Region: langgezogene Baracken mit kleinen Fenstern und Kaminen. 39 Millionen Masthähnchen, Legehennen, Puten und Schweine leben darin. Jeder der 300.000 Einheimischen könnte 130 gefiederte und berüsselte Wesen um sich scharen; im bundesweiten Mittel kommen auf einen Bürger zwei sogenannte Nutztiere. Doch kaum jemand darf zu ihnen, selbst der Tierarzt nur im Notfall – groß ist die Angst vor Vogelgrippe und Schweinepest. (...)

Über 600.000 Kubikmeter überschüssigen Dünger pro Jahr karren „Güllebomber“ nun rund 100 Kilometer weit ins Umland. Edelhard Brinkmann, Geschäftsführer des Transportunternehmens Güllebank Weser-Ems, sagt, es müsste viel mehr exportiert werden. Weil niemand die Betriebe ordentlich kontrolliere, kippten sie mehr als erlaubt auf die eigenen Felder. So sparten sie Kosten. Die Spediteure werden von den abgebenden und den empfangenden Bauern bezahlt. Letztere freuen sich über die schwappende Fracht, seit die Preise für Kunstdünger steigen und sie die Fäkalien durch Schleppschläuche gezielt auftragen können. Dank dieser Technik stinkt es auch nicht mehr so bestialisch.

So wird aus Gülle Geld – umso mehr, seit sie sich gewinnbringend in Strom verwandeln lässt. Biogasanlangen sind das jüngste Glied in der agrartechnologischen Wertschöpfungskette. Drei große Hersteller haben sich hier angesiedelt und allein das Oldenburger Münsterland mit 100 Fermentern bestückt." (...)


die genannten "100 kilometer ins umland" reichen übrigens auch ins elbe-weser dreieck. in der region selbst sieht der alltag oft genug so aus, wie zufällig ausgewählte unfall- und polizeiberichte zeigen:
13.000 liter gülle nach traktorunfall ausgelaufen (2009); fahrer lässt über kilometer weit gülle auslaufen; abwässer einer tiermehlfabrik verschmutzen fluß (2011). wobei gerade letzteres in regionen mit hohem gülleaufkommen ein bundesweites problem darstellt und oft genug die ursache für kleinere und größere fischsterben ist (auch, wenn es in der letzten meldung nicht explizit um gülle geht - aber die industrialisierte tierhaltung und -verwertung produziert vielfältigste destruktive folgen).

aus schleswig-holstein kommt ein beitrag, der deutlich macht, dass auch dort die gülle schon längst ein problem darstellt und dazu einen möglichen bezug zum aktuellen ehec-ausbruch präsentiert - aus dem
januar 2011:

"Es stinkt zum Himmel. Immer mehr Bürger melden sich - teils anonym - beim NABU und haben nur eine Frage: Ist es erlaubt, dass Landwirte trotz gefrorenen Bodens und auch in der Nähe von Gewässern Gülle großflächig ausbringen? (...) Der Sachverhalt ist einfach geklärt, die Frage eindeutig zu beantworten. Nein - Gülle und gefrorener Boden passen auch rechtlich nicht zusammen.

Der seit Wochen andauernde Frost bringt Tiere haltende Landwirte mehr und mehr in Bedrängnis: Die bei der Haltung von Kühen und Schweinen anfallende Gülle darf nach der Düngeverordnung des Bundes zum Schutz der Gewässer bei gefrorenem Boden grundsätzlich nicht ausgebracht werden, um ein Ausschwemmen der das Wasser gefährdenden Inhaltsstoffe zu vermeiden. Doch die Güllebehälter der Landwirte sind nach dem frühen Winterbeginn jetzt vielfach randvoll. Selbst wenn die Temperaturen tagsüber ins Positive drehen, sind die Böden noch längst nicht aufgetaut, da manchmal in der Nacht weiterhin Bodenfrost zu erwarten ist. Zudem wurden bereits in den letzten Tagen mit starken Frösten größere Mengen Gülle ausgebracht." (...)


letzteres ist wie gesagt eigentlich - eigentlich - verboten. überhaupt: wann darf gülle wie auf welche felder? im konventionellen landbau wird nach aussagen von gemüsebauern gülle "höchstens" lange vor der aussaat zwecks nährstoffanreicherung auf die felder gebracht, und auch dann nur nach "gemessenem bedarf". auf wachsendes gemüse darf gülle überhaupt nicht ausgebracht werden, weil das u.a. den geschmack elementar und deutlich beeinflussen würde. im originären (also nicht die betriebe, die nur mit dem "eu-bio-siegel" hausieren gehen) bio-landbau hingegen dürfen tiere gar nicht unter umständen gehalten werden, die gülle überhaupt in nennenswerten mengen anfallen lassen (also in großer zahl und auf laufgittern, unter denen sich kanäle befinden, in denen alles, was von oben herunterfällt und -plätschert, gesammelt wird). hier wird lediglich mit mist gedüngt, und zwar auch niemals direkt auf gemüse, sondern auf brachliegende felder zur verbesserung der nährstoffsituation. wenn man davon ausgeht, dass hier auch der antibiotikaeinsatz entweder gar nicht oder aber nur in fällen von notwendiger veterinärmedizinischer indikation stattfindet, so ist es wahrscheinlich, dass derartige betriebe als originäre verursacher aus der verlosung sind.

für alle anderen gilt aber ein großes fragezeichen. bei den praktiken in der industrialisierten landwirtschaft, die voll der konkurrenz der globalisierung unterworfen ist, sind krankheiten bei mensch und tier nicht nur nichts besonderes, sondern sogar unausweichlich. nicht nur die ständig wiederkehrenden tierseuchen (trotz massivem antibiotikaeinsatz) bestätigen das, sondern bspw. auch ein artikel, der bereits 1999 unter der überschrift
Landluft macht krank u.a. festhielt:

(...) "Vor allem Kinder leiden unter den Emissionen der Massentierhaltung: Im "goldenen Gülledreieck" zwischen Cloppenburg und Vechta, der Region mit der größten Viehdichte Deutschlands, erkranken Kinder etwa doppelt so häufig an den Atemwegen wie in anderen Teilen des Bezirks Weser-Ems. Auch die Stadtkinder aus Hannover und Braunschweig leiden wesentlich seltener an Asthma und Allergien als ihre Altersgenossen vom Lande. (...)

Zwar sterben Bakterien außerhalb der feuchtwarmen Stallluft schnell ab. Ihre Toxine aber werden erst beim Zerfall der Mikroben frei und werden ebenso wie Viren, Pilze und deren Giftstoffe bis zu 50 Kilometer weit vom Wind getragen. Der Durchmesser dieser Partikel ist so winzig, dass sie - ähnlich wie Asbestfasern - bis in die kleinsten Lungenzipfel vordringen können." (...)


na, auch erst gestutzt beim letzten absatz? aber bitte keine schnellschüsse, es geht hier bakterien primär aus geflügelställen und nicht um ehec. nichtsdestotrotz machen diese dinge durchaus deutlich, dass uns wie soviele andere "zivilisatorische errungenschaften" die gesamte praxis der industrialisierten fabrikmässigen tierhaltung und landwirtschaft über kurz oder lang mächtig um die ohren fliegen wird - ehec könnte da nur eine besonders schrille und misstönende overtüre darstellen.

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6. die mögliche verbindung - "biogas" aus gülle

zum letzten teil noch das: das ausbringen von gülle auf gefrorene oder auch wegen dürre ausgetrocknete böden hat zur folge, dass die bestandteile der gülle zwar eintrocknen, aber auf dem und nicht im boden. sie können daher auch nicht von den bodenbakterien verarbeitet werden (ein vorgang, der mögliche pathogene keime schon mal zu einem großen teil inaktiv macht), sondern bleiben trocken bis zur wachstumsphase an der oberfläche und geraten dann auch direkt mit pflanzenteilen in kontakt. und sollte es dazu noch auf diesen ausgetrockneten böden mal stürmen, wird die ganze pracht mit allen möglichen resistenten sporen oder sonstwie geschützten erregern als feinstaub in der luft verteilt. mit ein wenig phantasie ist ein solches geschehen auch im aktuellen fall denkbar.

aber zurück zum biogas: wenn man sich einmal betrachtet, wie so ein
fermentierer arbeitet, dann wird deutlich, dass sich kaum ein prachtvollerer brutreaktor auch für pathogene keime vorstellen lässt. gülle von diversen arten kommt mit pflanzlichen resten zusammen, wird ordentlich durchmixt und gärt zwischen 30° und 37° grad vor sich hin - ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es in diesem bakteriellen paradies erstens nicht zu allerlei spontanen mutationen kommt, die zweitens auch bei der vielzahl an tierischen fäkalien mit den vorhandenen antibiotikaresten auf ihre weise fertigwerden - nämlich resistent werden. wenn das material sozusagen fertig "verbrannt" ist, werden die festen - und weitgehend geruchsfreien - reste ebenfalls als begehrter dünger verwendet. incl. aller vorhandenen bakteriellen sporen und aktiven kulturen.

ich würde also ebenfalls mal genauer betrachten, ob und aus welchen biogasanlagen so ca. im letzten halben jahr verbreitet dünger ins elbe-weser-dreieck und nach schleswig-holstein geliefert worden ist. nur mal so als persönliche idee.

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7. zum schluß noch ein kurzes wort nach spanien

liebe spanische produzenten, erstens sind die bedingungen, unter denen in der region
almeria produziert wird, in so ziemlich jeder hinsicht ein einziger großer skandal. zweitens haben ehec-bakterien auf gurken auch dann nichts verloren, wenn sie nicht zur offensichtlich spezifischen norddeutschen mutation klassifiziert werden können. und drittens ist die idee schlicht wahnsinnig und kriminell, bei dürre und wassermangel euer gemüse einfach mit abwässern zu versorgen. eure beschwerden sind deshalb ein höchst schlechter witz. vielen dank.

(*hinweis: aufgrund der bereits vorhandenen länge dieses beitrags packe ich updates in die kommentarsektion. bisherige updates: 1. 03.06.; 2. + 3. 05.06.; 4. 06.06.; 5. 08.06.; 6. 10.06.)

Montag, 30. Mai 2011

kontext 75: "werdet zwerge!"

weil´s sehr gut passt und einiges weiterführt, was ich neulich mal angerissen hatte - die "taz-nord" hat einen hamburger literaturwissenschaftler zum zusammenhang zwischen melancholie und utopie interviewt:

"taz: Herr Fuest, was verstehen Sie unter Melancholie?

Leonhard Fuest: Erstmal ist der Begriff konnotiert mit radikaler Traurigkeit und Mattigkeit, Suizidalität. Und es gibt diesen Gedanken, dass der Melancholiker der enttäuschte Utopist ist. Der Melancholiker leidet daran, dass sich das, was er von der Welt erhofft hat, nicht realisieren lässt.

Das Ereignis …

… bleibt aus, genau. Daneben gibt es noch eine auf die Geschichte gerichtete Melancholie, die jüngst sehr wichtig geworden ist. Melancholie als eine Form der nie-an-ein-Ende-gelangenden Trauerarbeit. In den Gedächtnis- und Traumadiskursen seit des Zweiten Weltkrieges ist so die Melancholie als adäquate Haltung, etwa zum Holocaust, erkannt worden.
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Die moderne Übersetzung der Melancholie ist Depression. Was halten Sie davon?

Nichts. An die Depression knüpft sich ein ganz anderer Diskurs. Nach Baudelaire ist die Melancholie die "erlauchte Freundin der Schönheit". Man muss die Melancholie mindestens ästhetisch lesen, man kann sie philologisch und philosophisch lesen, aber natürlich auch politisch.

Wieso politisch?

Der Melancholiker ist der Widerständige. Er ist ein unruhiger Geist, er begnügt sich nicht." (...)


das fasst eigentlich in kurzform bereits alles wichtige zusammen, was es aus meiner sicht zur melancholie zu sagen gibt - und vor allem die abgrenzung zur depression, als klinisch relevantes phänomen, ist durchaus wichtig in einer zeit, da selbst gesunde prozesse von trauer und melancholie - gesund im sinne einer durchaus emotional vernünftigen reaktion auf und eines verarbeitungsversuches von schwer erträgliche(n) realitäten - oft genug gefahr laufen, im negativen sinne von professionellen, die sich offensichtlich mit ihrer eigenen trauer mehr als schwertun, pathologisiert zu werden.

und im gegensatz zur depression, die sich funktional in ihren offenen formen oft genug bis hin zur totalen agonie innerhalb eines lebens steigern kann, ist die melancholie etwas durchaus lebendiges.

(...) "Wie wird man Melancholiker?

Vor allem über die Beobachtung der Welt, beispielsweise das Konsumieren der Medien. Das bedeutet: tägliche Konfrontation mit dem Grauen. Zeitung lesen heißt, an den Rand des Abgrunds treten.

Aber es gibt doch manchmal auch Freudiges zu vermelden.

Ja, aber am Ende läuft es doch hinaus auf das Problem des Nicht-Fertig-Werdens mit jenen Grausamkeiten und Dummheiten, die die Welt zu regieren scheinen.

Was also tun?

Da wird es schwierig. Der Melancholiker ist ja einer, der ein gestörtes Verhältnis zur Tat hat. Der Melancholiker schätzt die Unermesslichkeit des Wissens. Die aber verhindert die Tat, weil dazu immer die Entscheidung nötig ist, das Urteil, jetzt genug zu wissen." (...)


wie schön :-) - mit der letzten antwort wird mein seit langem schwelender verdacht bestärkt, dass weite teile besonders der marxistisch (in allen formen) orientierten linken größtenteils verkappte melancholikerInnen sind - gerade dann, wenn auf "die noch nicht ausreifend gereiften gesellschaftlichen widersprüche" als begründung zum nichtstun verwiesen wird. aber auch dann, wenn quasi fix und fertige "lösungen", gar "pläne" gefordert werden, deren inhalt unbescheidenermaßen nichts geringeres als eine art kompletter instant-alternativentwurf für eine neue gesellschaft sein soll, dürfte sich hinter dieser nicht nur unmöglich umzusetzenden, sondern auch real in ihrer maßlosigkeit lähmenden forderung oft genug jene resigniert-müde bis trotzig abwinkende bittersweetness verbergen, die hierzulande natürlich noch zusätzlich jene aspekte enthält, die fuest weiter oben bezgl. der "niemals endenden" trauerarbeit angesprochen hat (ein aspekt übrigens, den ich anders sehe - eine trauerarbeit, die "niemals" zu enden scheint, hat durchaus pathologische qualitäten und verweist auf steckengebliebenes).

als literaturfreak verweist fuest dann im weiteren verlauf auf sozusagen ästhetische auswege - oder genauer: geistige tricks - für den umgang mit der grundsätzlichen melancholie, bei denen zumindest ich ihm nicht unbedingt folgen möchte. sicher, musik und literatur können zustände erhellen, ausdrücken, anders erfahrbar machen - aber sie können sie nicht verändern. und das ist letztlich - für mich - ein implizite aufforderung, die auch in der melancholie steckt - "du hast keine chance, aber nutze sie".

zur frage, wie er denn einen melancholischen anfall im gefolge einer (persönlichen) krise literarisch "behandeln" würde, gibt er eine vielsagende antwort:

(...) "Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Linderung oder die homöopathische Herangehensweise, über die wir Sie zunächst in den Zustand einer Heilskrise versetzen. Dazu würde ich Ihnen etwa die Aphorismen von Emile Cioran verschreiben unter der Überschrift: "Vom Nachteil geboren zu sein". Da stehen so Sachen wie: "Atmen ist Unzucht". Oder: Man hätte uns ersparen sollen, einen Körper herumzuschleppen, die Last des Ichs reicht vollkommen aus." (...)

auch wenn ich finde, dass "atmen ist unzucht" als aussage durchaus etwas hat - letztlich ist diese ästhetisierte, also im weitesten sinne "geistige", herangehensweise dann eine sehr versteckte art des "mehr desselben", also mehr von dem, was die misere erst auslöst. das ist das logische ergebnis der verherrlichung des "geistigen" in der westlichen kultur, die dann solche sätze wie den letzten erst hervorbringt. das gilt zwar als kunst, ist aber letztlich eine getreue wiederspiegelung des grundsätzlichen objektivistischen wahns innerhalb dieser kultur, in der weiterhin größtenteils und hartnäckig ignoriert wird, dass das umjubelte "ich" westlicher ausprägung eine durch und durch körperliche angelegenheit ist, deren lästige ausprägungen erst durch bestimmte störungen innerhalb der psychophysis entstehen. und diese aufzulösen bzw. zu verändern, ist sicher auch kunst, aber mit einem ganz anderen verständnis vom menschlichen sein.

aber nun endlich zu den zwergen:

(...) "Ich bin Jahrgang 1967, das ist die Generation Golf. Ich finde es gut, dass bei dieser Generation bis heute, obwohl sie jetzt an die Macht geht, bislang, toi, toi, toi, keine Helden dabei sind. Und damit das auch so bleibt, schlage ich vor: Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!

Ist das nicht ein Rückzug?

Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. Die wahren Radikalen."




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sehr spannende ansätze zur zwergenhaftigkeit in
spanien:

(...) "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt ein älterer Mann und setzt sich zu den anderen auf den Boden. Rund 600 Menschen aller Altersgruppen waren am Samstag pünktlich um 12 Uhr auf einem Platz in Lavapiés, dem Herzen des alten Madrid, zur "Volksversammlung" gekommen. Keinen Kilometer entfernt hatten sich weitere 500 Menschen eingefunden. Noch ein Stück weiter 600, im Arbeiterviertel Vallecas weit über 1.000.

Die Liste umfasst 140 Stadtteile, Vororte und Dörfer der Region. "Die Bewegung ist in den Stadtteilen angekommen", stellt eine Sprecherin im Protestcamp auf dem zentralen Platz Puerta del Sol zufrieden fest. (...)

Seit der Platz im Herzen Madrids vor zwei Wochen nach einer Großdemonstration unter dem Motto "Echte Demokratie Jetzt!" besetzt wurde, arbeitet die junge Frau in der "Kommission Ausweitung". Jetzt sitzt sie vor dem Computer und trägt die Früchte ihres Engagements ein. "30 Stadtteile haben ihre Daten bisher übermittelt. Insgesamt waren dort 15.000 Menschen", sagt sie. 25.000 bis 30.000 oder mehr könnten es am Ende gewesen sein. "Nicht bei einer Demonstration, sondern um zu diskutieren und zu planen, wie es weitergeht", sagt einer ihrer Kollegen." (...)


behalten Sie das einfach mal im hinterkopf, wenn spanien in den nächsten tagen medial nur noch im zusammenhang mit gurken genannt wird.

ebenfalls sind in griechenland nicht nur seit tagen plätze besetzt, sondern es finden auch tag für tag bzw. abend für abend große
massendemonstrationen statt, von denen unsere von und für domestizierte gartenzwerge gemachten medien nur wiederwillig notiz nehmen - dabei sind zusehends nicht nur in spanien und griechenland wild werdende zwerge unterwegs. auch in paris gab es gestern auf dem platz vor der bastille eine erste große demonstration von ca. 5000 menschen, die sich ebenso wie etliche in italien und portugal anschicken, ihre mögliche zwergenhaftigkeit zu entdecken.

gesammelte infos gibt´s neben den üblichen verdächtigen namens twitter und facebook ( mit dem ich allerdings größte bauchschmerzen habe), auf einer neuen seite mit dem schönen namen
europeanrevolution.

und das passende wort zum montag zum weitgehenden und fast schon beleidigten linken und linksradikalen schweigen zu all dem, was sich da inzwischen auf vielen europäischen plätzen abspielt, klaue ich heute aus einer
kommentarspalte bei indymedia:

"Ich habe nicht erst seit den Antideutschen den Eindruck, dass die Marginalisierung weiter Teile der Linken nicht einer geschlossenen völkischen Geisteshaltung der Bevölkerung zuzuschreiben ist, vielmehr wird die eigene Marginalität mit einer Exklusivität verwechselt und daher angestrebt. Der Rest: Normalos, Bürgerliche, Wohlfühl-Ökos, Masse....

Diese Borniertheit zeigt, dass die bestehende linksradikale Praxis ein Anachronismus geworden ist. Klar, was ich von so mancher(m) Demokratie jetzt-AktivistIn zu hören bekomme, klingt mitunter naiv. Einig bin ich mit ihnen aber, dass die bestehenden Verhältnisse (so) unerträglich geworden sind, dass man nicht einmal mehr von einer bürgerlichen Demokratie sprechen kann.

Es ist eine liquid modernity, es wird (hoffentlich) keine geschlossenen Weltbilder mehr geben. Entweder wir gehen Bündnisse ein und ertragen die mitunter auch skurrile Vielfalt und Vielstimmigkeit oder wir beobachten von unserem exklusiven, besserwisserischen Standpunkt aus. Wenn es scheitert, werden die Rechtspopulisten durchmaschieren, die Foghs, Le Pens, Orbans, Wilders, Straches, Sarrazins und ihr menschenverachtendes Pack." (...)


strike! auch für "die" linke gilt die aufforderung der überschrift.

Dienstag, 24. Mai 2011

assoziation: wachsende widersprüche - wachsende wut ? [update am 25.05.]

(...) "Die Welt muss sich auf weitere Atomkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima einstellen, hat UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon gestern gemahnt. Diese düstere Wahrheit verlange weitere Verbesserungen bei der internationalen Zusammenarbeit, sagte Ban in Kiew anlässlich einer Konferenz zum bevorstehenden 25. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl.

Die stärkere Nutzung der Kernenergie ist nach Bans Darstellung unausweichlich. Atomenergie «ist eine relativ saubere und logische Wahl in einer Ära zunehmender Rohstoffknappheit», sagte Ban. «Die bedauernswerte Wahrheit ist, dass wir wahrscheinlich weitere Katastrophen erleben werden.» (...)


(quelle)

(...) "Seit mehreren Monaten ist die Welt einer ständigen Abfolge geopolitischer, wirtschaftlicher und finanzieller Schocks ausgesetzt, die nach unserer Auffassung Vorzeichen für ein Ereignis von traumatischer Folge sind. (...) Das internationale System hat nunmehr die Phase seiner strukturellen Schwächung hinter sich gelassen und ist (...) in die Phase seines Zerfalls eingetreten, in der die alten Koalitionen sich auflösen, während neue Interessengemeinschaften sich rasch bilden. (...)

Zentralbanker dem Wahnsinn verfallen, die großen Regierungen ohne Vision und Plan, Volkswirtschaften in Rezession oder gar Depression, steigende Inflation, Währungszusammenbrüche, volatile Rohstoffpreise, westliche Staatsschulden außer Kontrolle, Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe, Gesellschaften vor sozialen Zerreißproben... Es kann keinen Zweifel geben: Die explosive Verschmelzung all dieser Trends wird das entscheidende Ereignis des zweiten Halbjahrs 2011 sein!"

(aus dem aktuellen
geab 55)

"It´s a beautiful day, sunshine... smiling on my face... it´s a beautiful day and i´m feeling good...sunshine...let the sunshine in...let the sunshine in...let the sunshine in."



*

das erste zitat ganz oben ist nun schon ein paar wochen alt, und offensichtlich kaum öffentlich wahrgenommen worden. im zusammenhang mit den jüngsten entwicklungen nicht nur in japan, sondern auch in den nuklearen anlagen anderer länder, lässt sich das nur noch als ausdruck einer unfaßbaren frechheit und hochgradig antisozialer gesinnung betrachten, ebenso allerdings als beleg eines bewußtseins, welches sich in einer totalen wahrnehmungsmässigen sackgasse befindet und sich nichts anderes mehr als den bestehenden dreckhaufen als lebensraum und -weise vorzustellen vermag.

das zweite zitat stammt aus dem aktuellen geab, das vergangene woche veröffentlicht wurde. die autoren bekräftigen nochmals ihre sicht der dinge, wie sie sie zum
jahresbeginn umschrieben haben. wenn ich mir diesen beitrag heute nochmals betrachte, mit den damals gerade ersten wahrnehmbaren eruptionen der afrikanischen und arabischen aufstände, so kommt mir das schon bizarr fern vor - die ereignisdichte seitdem hat ein fast unerträgliches maß erreicht.

und bei all dem empfinde ich es von tag zu tag schwieriger, ins alltagsleben abzutauchen. vieles allzu gewohnte erscheint inzwischen regelrecht obszön; die ganze bisherige art des lebens in einer westlichen metropole ist bei genauerer betrachtung derart fragwürdig, dass ich mich schon geraumer zeit mit wachsenden inneren konflikten herumschlage.

die werden nicht zuletzt auch durch den ständig stärker werdenden eindruck genährt, dass sich nicht nur die hiesige gesellschaft rasend schnell auf zustände zu bewegt, die heute noch unfaßbare und tiefgreifende veränderungen bis in die sog. allerpersönlichsten bereiche mit sich bringen werden. die frage ist nicht mehr ob, sondern nur noch: wann?

*

und die allseits sichtbaren zeichen dafür verstellen mittlerweile in alle richtungen den horizont: sei es das inzwischen zu einem medialem lückenfüller degradierte
atomare desaster in japan, bei dem inzwischen alleine bei betroffenen menschen das ganze ausmaß langsam erkennbar wird (es geht im bericht um tausende von arbeitern, die in den letzten monaten in und um fukushima herum aktiv waren und bei denen jetzt eine stark erhöhte innerliche strahlenbelastung nachgewiesen wurde, d.h. die haben radionuklide entweder eingeatmet oder sonstwie aufgenommen, was besonders bei alphastrahlern eine wirklich üble geschichte darstellt.) die ganzen lügen, schönfärbereien und simulationen der japanischen und globalen atombranchemafia, aber auch der japanischen regierung sowie internationaler institutionen wie der iaea und der who werden zukünftig noch ganze generationen von historikern beschäftigen, die nicht zuletzt aus diesem material den zusammenbruch der blase namens "westliche industriezivilisation" rekonstruieren werden können - falls sie nicht nur mit ihrem eigenen bloßen überleben beschäftigt sind.

*

oder sei es die nicht mehr abreißende kette von (kleinen und großen) protesten, demonstrationen und aufstandsähnlichen situationen bis hin zu laufenden revolutionären umwälzungen auf inzwischen faktisch allen kontinenten (nehmen wir die antarktis mal aus), die für unsere hypothetischen historiker ein weiteres und inzwischen nur noch schwer überschaubares reservoir an material ergibt. entgegen allem geschwätz, welches sich vor allem hierzulande hartnäckig hält: die seit 2008 offen sichtbare globale finanz- und wirtschaftskrise ist in vielen regionen dieser welt niemals wirklich zuende gegangen, manifestiert sich jedoch in teils sehr unterschiedlichen formen und zuständen. es deutet aktuell sehr viel darauf hin, dass wir in kürze diesbezgl. in eine weitere und umfassendere phase dieser krise eintreten, deren verwobenheit mit grundsätzlichen ressourcen-, energie- und ökologischen krisen keinerlei auswege mehr innerhalb der herrschenden systemlogik zulässt. und da spielen aus meiner sicht nicht nur die vielfach und zu recht kritisierten inneren logiken des kapitalismus eine rolle, sondern auch damit assoziierte, aber teils ältere und tieferliegende wahrnehmungsmuster innerhalb der westlichen kulturellen traditionen. letztlich dürfte die gesamte bisherige art der westlich geprägten ego-formen zur disposition stehen.


*


von permanenten katastrophen:

(...) "Bei der "Deepwater Horizon" strömte das Öl schon 153 Tage lang weitgehend ungehindert ins Meer. Es war eine Katastrophe neuen Typs, für die es eigentlich auch ein neues Wort geben müsste, handelte es sich doch um eine Katastrophe in Permanenz. Die Betreiberfirma des havarierten japanischen Atomkraftwerks in Fukushima hat unterdessen verkündet, das "Problem" in sechs bis sieben Monaten lösen zu wollen. Die permanenten Katastrophen beginnen also bereits, sich gegenseitig zu überlagern - und uns zu langweilen. Das ist die Signatur unserer Zeit, eine schleichende Eingewöhnung ins Unausweichliche. (...)

Fest steht nur, dass wir jetzt unseren sanften Abstieg ins Tal einer ölfreien Zivilisation beginnen müssen - oder weitermachen wie bisher und uns alsbald am Rande einer sehr, sehr, sehr hohen Klippe wiederfinden werden. Spätestens an dieser Stelle drängt sich regelmäßig die rührende Frage auf: "Was muss noch passieren, damit wir umdenken?" Es wird noch viel mehr passieren, und wir werden nicht umdenken. Weil wir die Faust nicht öffnen, vom Errungenen unmöglich lassen können.

Man muss kein Apokalyptiker sein, keine Kassandra und auch kein Al Gore, um das einzusehen. Und doch wiegen wir uns in dem sehr menschlichen Fortschrittsglauben, dass es "irgendwie" doch noch eine angenehme Lösung geben wird, einen alternativen Sockel für unsere Zivilisation. Es wird wahrscheinlich wirklich etwas geben, das man eine "Lösung" nennen könnte. Nur wird sie uns womöglich nicht angenehm sein, weil sie, um eine Lösung zu sein, das Ende der Zivilisation bedeuten muss, wie wir sie kennen." (...)


wieder mal ein (auch schon ein paar monate alter) kommentar sehr grundsätzlicher art in der "taz", den ich in seinem fazit voll unterschreibe. ich möchte nicht falsch verstanden werden: wenn ich hier sowohl den aktuellen europäischen protesten als auch den arabisch-afrikanischen aufständen hier deutlich sympathisierend raum gebe, dann deshalb, weil ich sie erstens bitter nötig und völlig legitim finde, sie aber zweitens ebenfalls nur als beginn eines langen und bisher weitgehend unbekannten weges in regionen jenseits aller bisherigen systemlogiken betrachte. es wird in spanien, in griechenland und überall sonst genügend menschen geben, die primär ihre partizipation an dem ihnen von kindheit an als "alternativlos" und "allein glücklich machendes" modell von konsum, karriere und "erfolg" einfordern. die dämmernde erkenntnis, dass dieses "lebens"modell nicht nur wegen seiner inneren hohlheit, vielfältigen destruktivität und letztlich expliziten sinnlosigkeit nicht nur nicht zum glück führt, sondern auch schlicht nicht planetenweit umsetzbar ist (über die vielfältigen gründe für diese unmöglichkeit gab es in der vergangenheit schon einiges zu lesen) und auch deshalb aus emanzipatorischer sicht völlig unakzeptabel ist, wird in naher zukunft ganze gesellschaften zusätzlich in große und gefährliche turbulenzen versetzen. trotzdem sind die derzeitigen proteste bitter nötig, ist doch die darin entfesselte kommunikation zwischen sehr vielen menschen über ihre situation der erste schritt dazu, die unausweichlichen massiven veränderungen einigermaßen in einem rahmen zu halten, der als emotional-rational bezeichnet werden könnte. eine garantie darauf gibt es nicht, aber das stellt aus meiner sicht schon mal eine nötige basis dar.




*

updates zur aktuellen protestlage in europa: in spanien bleiben auch weiterhin nach den "wahlen" in vielen städten die zentralen plätze besetzt, so in madrid, barcelona, valencia... mit der option, die dort bisher entwickelten formen einer rudimentären selbstverwaltung auch in die stadtviertel zu tragen. das kann eine sehr spannende geschichte werden, deren brisanz womöglich seitens der "eliten" noch unterschätzt wird. verschiedene berichte zur entwicklung dort:
eins; zwei. mrs.mop berichtet in ihren roten schuhen inzwischen ausführlich über diverseste aspekte der "spanish revolution" und hat letzte woche eine art zusammengefasster grundsatzerklärung der bewegung veröffentlicht, die sowohl grenzen als auch möglichkeiten deutlich macht. erstaunlich daran finde ich die geduld, die diesem system selbst im zugespitzten und von vielen persönlich erlebtem verfall noch entgegengebracht wird - noch.

die gewerkschaften dort sind alle von der dynamik überrascht und -rannt worden, das gilt auch für die in spanien historisch schon immer besonders starke fraktion der anarchosyndikalisten. die cnt hat sich inzwischen eindeutig
positioniert.

eine art "twitter-portal" bietet einen überblick zu den aktuellen weltweiten
solidaritätscamps und -aktionen, die oft, aber nicht nur, von spanischen studentInnen initiiert worden sind.

italien: seit vergangenen freitag kommt es tatsächlich in vielen städten jeden tag zu kleinen und größeren aktionen, incl. camps. die beteiligung reicht dabei bisher von einigen dutzend bis zu einigen hundert leuten; ein italienisches
blog berichtet seit freitag jeden tag zusammenfassend über die situation, und auch wer wie ich kein italienisch spricht, kann sich anhand von fotos und videos einen eindruck verschaffen.

griechenland: hier scheint sich - fast erwartungsgemäß, könnte ich sagen - die spanische bewegung besonderer aufmerksamkeit und sympathie zu erfreuen.
bericht aus athen vom vergangenen wochenende. ansonsten war in den letzten tagen auffällig, dass erstmals auch im medialen mainstream die sich seit monaten in griechenland ausbreitenden aktionen von "zivilem ungehorsam" bis hin zur (versteckten) sabotage staatlicher maßnahmen erwähnung finden.

die fülle an vielen ähnlichen aktionen europaweit - hier bspw. in
bristol - ist wie schon gesagt kaum noch zu überblicken und wird von anderen seiten besser und ausführlicher dokumentiert, als ich es hier vermag. für einen ersten eindruck sei einmal mehr auf twitter verwiesen, die entsprechenden hashtags hatte ich im vorletzten beitrag schon vorgestellt.



*

soweit für heute - ich werde bis in die nächste woche aus vielen gründen kaum dazu kommen, hier etwas längeres zu schreiben. das finde ich durchaus ganz persönlich bedauerlich, weil die zeiten gleichzeitig spannend, aber auch in vielerlei hinsicht schrecklich sind, was das schreiben gleichsam oft genug zu einem therapeutischen akt werden lässt. aber ich kann die umstände gerade nicht ändern.

wer sich über die musik wundert, findet
hier auf- bzw. erklärungen. und den immer noch nicht aktualisierten index habe ich nicht vergessen; das wird aber vermutlich ein projekt für einen langen verregneten sommernachmittag.

*

edit am 25.05.: ganz frisch und medial zumindest im deutschsprachigen raum bisher kaum vorhanden: in
griechenland wurde heute abend das erste mal deutlich spürbar der ruf aus spanien aufgenommen:

(...) "Das Motto lautete: „Ohne Parteien und Ideologien verkünden wir friedlich unsere Empörung.“ Als Replik auf den spanischen Slogan „Pssst, die Griechen schlafen“ prangte auf einem Transparent in Athen: „Wir sind wach geworden“.

Allein in der griechischen Hauptstadt strömten nach Schätzungen von Medien rund 8000 Menschen zum zentralen Syntagma-Platz vor dem Parlament. Richtung Volksvertretung skandierten sie Parolen wie „Diebe, Diebe“. Auch in den Hafenstädten Thessaloniki und Patras sowie auf Kreta und der Halbinsel Peloponnes gingen tausende Menschen auf die Straße, berichtete das Staatsradio weiter." (...)


nach den ersten vagen berichten unterscheidet sich das heute in mehrerer hinsicht deutlich von den bisherigen protesten in griechenland: gewerkschaften, die relativ starke griechische kommunistische partei und auch offensichtlich die dort ebenfalls starke autonom-anarchistische linke sind anscheinend nicht der motor. und entgegen der aussage im artikel besteht nach anderen informationen die absicht, es in sachen dauerpräsenz in öffentlichen räumen der spanischen bewegung gleich zu tun. damit ist griechenland jedenfalls das erste land, in dem die spanischen aktionen deutlich merkbare resonanz bekommen. italien, portugal und inzwischen auch frankreich befinden sich hingegen nach dem, was ich so mitbekomme, noch in etwas, was sich als mögliche phase vor dem durchbruch zu einer fühlbaren massenbewegung nach dem spanischen muster interpretieren lässt. ich mag keine prognose abgeben, wie´s in all diesen ländern demnächst weitergeht - reine episode oder tatsächlich die zündfunken für einen europäischen flächenbrand?

Freitag, 20. Mai 2011

notiz: live aus madrid, puerta del sol








Free TV Show from Ustream

die verbotsverfügung hat allgemein für großen unmut gesorgt; das landesweite verbot aller demonstrationen gilt ab heute nacht null uhr. es ist schlecht zu prognostizieren, wie beide seiten - staat und bewegung - damit umgehen werden.

für hintergründe siehe
hier; ich werde erst morgen nachmittag wieder dazu kommen, weitere updates zu erstellen.

der stream sollte soweit laufen, falls er nicht überlastet ist.

Donnerstag, 19. Mai 2011

notiz: mucho poder a espana... buon giorno italia? [3. update am 20.05.]

die fortsetzung von gestern, die mangels zeit meinerseits etwas fragmentarischer ausfallen wird, beginne ich nicht zufällig mit einem fragezeichen richtung italien. bereits gestern war im netz ein reges treiben von userInnen aus italien zu registrieren, und ohne gewähr zeichnet sich das folgende ab: bereits heute abend vereinzelt, spätestens aber morgen abend um 20.00 h sind in folgenden italienischen städten kundgebungen und demonstrationen im geiste der "spanishrevolution" geplant: rom, turin, bologna, mailand und einige weitere. zu den dortigen forderungen und vorstellungen kann ich (noch) nichts genaueres sagen; ich kann mir zwar angesichts der situation in italien einiges vorstellen, aber da hier die sprache für mich definitiv ein hindernis darstellt, heisst es vorläufig abwarten. morgen abend wird dann auch sichtbar sein, ob sich das nur um eine virtuelle nullnummer gehandelt hat oder jetzt tatsächlich ein impuls durch südeuropa geht.

*

währenddessen geht´s in spanien unverdrossen weiter, zunächst mal ein kurzer pressespiegel mit artikeln, die etwas mehr vermitteln als in den letzten tagen:

(...) "Es geht um mehr als nur um die Kürzungen und Sparmaßnahmen der Regierung. Wir wenden uns auch gegen diese Diktate aus der Finanzwelt an die Politik. Die Politik ist ins zweite Glied getreten, die Finanzwelt sagt ihr, was sie zu tun hat. Das ist überall in Europa ein Problem. Dann haben wir in Spanien dieses Wahlrecht, das große Parteien bei der Sitzverteilung bevorzugt und faktisch zu einem Zweiparteiensystem führt. Es sind einfach grundlegende Dinge, die sich ändern müssen." (...)

"Das ist ja keine Studentenbewegung. Meine Frau und ich sind beide arbeitslos. Wir haben zwei Kinder. Die Krise betrifft alle - auch die Glaubwürdigkeit der Politiker. Die beiden großen Parteien machen was sie wollen - unabhängig von den Interessen der Bürger. Nein, die Alternative ist hier auf der Straße, bei dieser Bürgerbewegung. Sie sagt den Politikern auf friedliche Weise: Entweder Ihr verändert Euch oder Ihr kommt weg. Wir haben ja nichts mehr zu verlieren."(...)


("Wie aus dem Nichts" - DLF)

(...) "Viele Medien ziehen Parallelen zu der Besetzung des Tahrir- Platzes in Kairo. Stand die ägyptische Revolution Pate für das Camp?

Alles steht irgendwie im Zusammenhang. Das hier ist eine intellektuelle Revolution. Und wir versuchen dem, was uns in Nordafrika vorgemacht wurde, auch hier gerecht zu werden. Auch hier in Europa brauchen wir einen Wandel. Mit unserem Camp wollen wir dies der Bevölkerung hier in Europa verständlich machen.

In Ägypten ging es um den Sturz einer Diktatur, in Spanien hingegen geht es um Forderungen innerhalb eines demokratischen Systems, oder?

Beide Proteste gehen von der tiefen, breiten Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen aus und sind in der Lage, breite Solidarität zu erzeugen. Das haben wir mit den Menschen in Ägypten gemeinsam." (...)


("Das ist der Anfang einer Revolution" - taz)

und auch
spon veröffentlicht manchmal noch ganz informative artikel.

besonders, was die bisher sichtbaren reaktionen der spanischen politik anbelangt, lässt sich sagen, dass das timing für die aktionen kaum besser gewählt hätte sein können - die kommunal- und regionalwahlen am sonntag haben offensichtlich durchaus eine gewisse bedeutung, und die generelle ablehnung beider parteien lässt sie selbst und auch alle vereinnahmungsversuche ziemlich dumm dastehen. zudem dürften diese wahlen auch ein hindernis für allzu repressive aktionen gegen die bewegung darstellen - jede partei, die den konflikt jetzt mittels ihrer institutionellen möglichkeiten eskalieren sollte, könnte ruckzuck plötzlich alleine auf weiter flur gegen große teile der bevölkerung stehen.

interessant und entscheidend dürfte sein, was diese erkämpfte kollektive und bisher in gewisser hinsicht erfolgreiche aktion bei den teilnehmerInnen bewirkt - was da auf den plätzen jetzt für diskussionen und gespräche laufen, würde mich brennnend interessieren. aus den ergebnissen dieser debatten dürfte sich nicht zuletzt auch die weitere entwicklung nach den wahlen ergeben. ich hoffe, sie machen nicht den fehler, sich zu sehr am datum dieser wahlen zu orientieren. andererseits sind die bisher wahrnehmbaren inhaltlichen forderungen durchaus nicht als eintagsfliegen konzipiert.

nachzutragen bleiben weitere soliaktionen: auch in amsterdam gab es eine kleine kundgebung; der kundgebungstermin heute in berlin um 15.30 h an der spanischen botschaft darf nach weiteren berichten als bestätigt angesehen werden. ebenfalls sind botschaftsaktionen in dublin und warschau angekündigt.

*

so, und weil ich hier ja
neulich mehr musikalische untermalung angekündigt hatte, beende ich den beitrag mit einem mehrfach passenden motiv - auch dem mutigen sprung ins ungewisse...



*

edit am 19.05.: ein update hatte ich ja unten schon in die kommentare gepackt; inzwischen kommen aber aus immer mehr europäischen ländern sowohl ankündigungen als auch berichte von solidaritätsaktionen, die teils mit eigenen länderspezifischen forderungen gekoppelt werden. und während am heutigen abend auch in paris etwas größeres passieren soll, liegen inzwischen ebenfalls eine ganze menge termine hierzulande vor - teils organisiert von menschen aus spanien, teils aber auch von hiesigen sympathisanten. im folgenden eine liste, die sich aus facebook- und twitterinfos zusammensetzt - ohne gewähr!
  • düsseldorf, samstag, 21. mai, 12.00 h (oder auch 15.00 h, angaben sind unterschiedlich) - burgplatz
  • hamburg, samstag, 21. mai, 12.00 h - im mittelweg (harvestehude?)
  • bremen, sonntag, 22.mai, 16.00 h - marktplatz / am roland
  • frankfurt, samstag, 21. mai, 12.00 h - spanisches konsulat am nibelungenplatz
  • münchen, samstag, 21. mai 15.00 h - marienplatz
  • leipzig, freitag, 20. mai, 17.00 h - augustusplatz
ebenfalls dürfte es in portugal in den nächsten tagen spannend werden...

*

edit 2 am 20.05.: das wird vermutlich bis zum samstag das vorläufig letzte update sein, also dann - wie sieht´s heute nacht aus?

spanien: die plätze waren heute abend gut gefüllt, die teilnahme scheint heute insgesamt noch etwas besser gewesen zu sein als in den letzten tagen. inzwischen sind auch die inseln, bspw. mallorca und teneriffa, von protesten erfasst worden. die reaktion der spanischen "politik" erscheint bisher sehr defensiv, die polizei hält sich bis auf ausnahmen weitgehend zurück.

gleichzeitig erhöht die bewegung den druck, und zwar durch eine konsequent propagierte internationalisierung der proteste, die sich keineswegs mehr nur auf europa beschränkt - dazu gleich mehr. die spanischen medien werden für ihre (nicht-)berichterstattung scharf angegangen, und insgesamt ist die medienblockade der ersten tage auch durch die netberichterstattung weitgehend aufgelöst.

italien: es sieht tatsächlich so aus, als würde es ernst werden - ich kann noch nicht verifizieren, dass bereits heute abend in florenz die erste piazza besetzt wurde, aber für morgen abend sind in inzwischen mehr als zwölf städten aufrufe vorhanden, nicht nur für demonstrationen, sondern meist auch für camps.

dazu auch ein artikel aus dem britischen
guardian.

in weiteren städten und ländern sind für heute solidaritätsaktionen angekündigt: in stockholm, prag sowie ein allgemeiner aufruf für ganz portugal - da wird man abwarten müssen.

außereuropäisch laufen aktionen (oder sind geplant) in mexico, argentinien, usa - meist vor botschaften und konsulaten.

in vielen europäischen ländern, gerade den gebeutelten mittelmeerländern, aber auch irland und großbritannien, werden, wenn man sich so die netzreaktionen an diversen stellen betrachtet, die spanischen aktionen genau beobachtet und lebhaft begrüßt. und viele sehen das als eine art initialzündung, um selbst in den eigenen ländern entweder erneut oder überhaupt den kampf gegen das jeweilige politische und ökonomische system aufzunehmen. weitgehend jenseits aller parteien und auch gewerkschaften. für letztere kann sich das in europa zu einem echten (und verdienten) desaster auswachsen: wenn die bewegung tatsächlich in vielen europäischen ländern wurzeln schlagen sollte, wozu sie sich gerade anschickt, wird das die ganze reale schäbige rolle der allermeisten großen europäischen gewerkschaften mit ins grelle rampenlicht zerren - ich bin mir nicht sicher, ob das den herrschaften auf der funktionärsebene überhaupt auch nur ansatzweise klar ist, was das auch für sie bedeuten könnte.

*

soweit für den moment. wer aktuelle infos bekommen möchte, ist in diesem fall tatsächlich mit twitter am besten bedient. die wichtigsten hashtags dürften für die nächsten tage die folgenden sein:

#spanishrevolution, #italianrevolution, #europeanrevolution, #globalcamp.

und heute abend empfiehlt sich unbedingt ein blick auf die plätze und strassen in italien, neben den spanischen städten.

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edit 3, 20.05.: das folgende kommt als eine art
breaking news :

(...) "Die zentrale Wahlbehörde hat sämtliche für das Wochenende angekündigte Demonstrationen in dem Land verboten. Die Kundgebungen könnten den Ablauf der Regional- und Kommunalwahlen am Sonntag stören und die Wähler beeinflussen, hieß es in der Nacht zum Freitag in einer Mitteilung." (...)

das ändert natürlich einerseits ein paar meiner einschätzungen oben, andererseits wird das eine erste echte kraftprobe werden. jetzt sind internationale beobachtung und aktionen noch wichtiger. no pasaran!

assoziation: die stimme der menschlichen welt ist weiblich und spricht aus mexico

wie lautete noch die parole eines plakates aus der ägyptischen (unvollendeten) revolution? one world, one pain.



(und wer jetzt damit ankommt, dass es ja hier längst nicht so schlimm aussehen würde, hat einiges wichtige nicht begriffen...)

Dienstag, 17. Mai 2011

assoziation: von bleiernen zeiten und ihrem dahinschmelzen (10) [3. update am 18.05.]

weil´s dringlich ist, um einmal mehr ein allgemeines mediales schweigen zu brechen.

wenn Sie mal in den deutschsprachigen google news unter "spanien" recherchieren, kommt zur stunde
das dabei heraus - lauter meldungen über handball, fussball, formel eins, doping - und zwischendrin ein paar jubelartikel über boomende spanische aktien und überhaupt die "wirtschaftliche stärke" des landes.

macht man die gleiche recherche noch ergänzt um das keyword "demonstration", so kommt
das hier zum vorschein - immerhin sieben artikel beschäftigen sich mit den ereignissen, die seit ca. zwei tagen in spanien eskalieren. vielleicht bis auf (mit einschränkungen) die "taz" und "euronews" ist dabei kein einziges medium zu sehen, welches hierzulande wirklich eine größere verbreitung besitzt.

zufall oder absicht?

*


"Wir haben keine Zukunft":

(...) "Die Facebook-Revolte ist in Spanien angekommen. Unter dem Motto "Echte Demokratie – Jetzt!" versammeln sich seit dem Wochenende in allen größeren Städten des Landes Zehntausende von Jugendlichen.

In Madrid demonstrierten am Sonntag rund 40.000 Menschen, in Barcelona etwa halb so viele. In weiteren 58 Städten wurden Kundgebungen abgehalten. Selbst an britischen Universitäten kam es zu spontanen Solidaritätsaktionen spanischer Auslandsstudenten. Die Veranstalter zählten insgesamt 130.000 Teilnehmer. In mindestens 27 Städten richteten die Jugendlichen Protestcamps ein. Das in Madrid wurde in der Nacht auf Dienstag von der Polizei geräumt.

"Wir haben keine Zukunft", heißt eine der Hauptklagen der Teilnehmer. Spanien hat eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent. Bei jungen Menschen ist sie mehr als doppelt so hoch. Immer mehr junge, spanische Akademiker suchen ihre Zukunft im Ausland." (...)


das ist erstens darum bemerkenswert, weil ich nach berichten von mir bekannten leuten, die das land gut kennen und auch kontakte haben, bisher immer das bild einer mehrheitlich ziemlich apathischen jugend dort hatte. und zweitens scheint die "taz"-reduktion auf eine art jugendrevolte nicht zu passen, wenn man sich die kommentare nicht nur dort betrachtet, sondern auch an anderen stellen recherchiert - hier eine anmerkung zur "taz":

es ist nicht nur eine "jugendrevolte"--- bei den landesweiten demonstrationen waren arbeitslose, arbeiter*innen, hausfrauen und hausmänner usw.- ein querschnitt durch die gesamte bevölkerung
das "reduzieren " auf die jugend versucht seit montag die spanische presse, um einen "zündfunken" zu vermeiden --- die bewegung breitet sich aber - auch durch das gewaltsame räumen der puerta del sol - weiter aus --- es kann durchaus schon der "funke" gelegt sein, der "einen steppenbrand auslösen kann"


kurze impressionen aus dem abendlich-nächtlichen madrid am sonntag:



bei
spreeblick gibt´s was längeres zum thema, u.a. mit einigen links und vor allem einer übersetzung des manifestes "wahre demokratie jetzt!":

"Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.

Und diese Situation ist mittlerweile zur Normalität geworden – tägliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Es ist an der Zeit, Dinge zu verändern. Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deswegen treten wir eindringlich hierfür ein: (...)


weiterlesen bitte bei spreeblick; die haben sich dankenswerterweise die arbeit gemacht.

und
telepolis hat einen wirklich brauchbaren hintergrundartikel zu bieten, aus dem dann u.a. endgültig deutlich wird, dass es sich hier um eine so bisher in spanien nicht dagewesene bewegung jenseits aller parteien und auch gewerkschaften handelt, deren forderungen mindestens zum teil an bisherige gesellschaftliche fundamente gehen.

und vor dem hintergrund bleibt bei der frage von weiter oben, ob das bisherige mediale schweigen hierzulande nun eher zufall oder absicht ist, eigentlich nur eine möglichkeit realistisch.


*

edit am 18.05.: ganz frisch vom gestrigen nachmittag:
interview zu #spanishrevolution - auf deutsch, direkt aus dem land zur situation, zielen und zusammensetzung der protestierenden sowie dem alleuropäischen medialen schweigen (es ist offensichtlich kein nur deutsches vorgehen). auf twitter lässt sich der hashtag im link verfolgen; und bei feynsinn wird kräftig gesammelt.


*

edit 2 am 18.05.: ein mir bisher unbekanntes blog will heute
live berichten, und hat neben einigen weiteren links auch videos vom gestrigen abend parat. (massen-)medial finden sich heute morgen erstmals berichte bspw. in "stern" und "focus", wobei die alle auf der gleichen dpa-meldung beruhen. ansonsten ist bei derartigen situationen indymedia meist ganz brauchbar:

indy alicante

indy barcelona

indy madrid

indymedia valencia und euskadi/baskenland sind z.zt. nicht erreichbar. für alle, die kein spanisch sprechen, bleiben bis auf weiteres die üblichen übersetzungstools eine möglichkeit. ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass bei andauernden weiteren protesten sehr bald eigene themenblogs zur situation in spanien entstehen, bei denen dann auch direkt übersetzt wird - so selten wird die sprache auch hierzulande nicht gesprochen.

*

edit 3: ein ziemlich gutgemachtes mobilisierungsvideo:



alles in allem bin ich wirklich überrascht - wie schon angedeutet, stand spanien auf der liste meiner persönlichen erwartungen hinsichtlich europäischer massenbewegungen gegen die linie der durchgesetzten elitären diktate keinesfalls ganz oben. meiner wahrnehmung nach hat das land trotz zeitlichem abstands von jahrzehnten immer noch mit den folgen und resten der franco-diktatur zu kämpfen (was ich bekanntlich nicht verwunderlich finde), und ebenfalls sind die sozialen strukturen dort, bedingt durch die familiären traditionen und auch die katholische kirche, nicht unbedingt aufstandsfreundlich.

seitdem ich 2008 mit den "krisennews" begonnen hatte, tauchte spanien nur vereinzelt auf - militante auseinandersetzungen rund um fabriken blieben ebenso einzelfälle wie innerhalb der letzten beiden jahre die gewerkschaftlich organisierten generalstreiks.

was von aussen allerdings jetzt zu sehen ist, sieht tatsächlich nach etwas neuem aus - jenseits der etablierten parteien, die offensichtlich durchweg als gegner wahrgenommen werden, und auch jenseits der gewerkschaften besitzt ein teil der (aktuellen; es ist ja nicht klar, was da unter umständen je nach entwicklung noch dazukommt) forderungen durchaus systemändernden charakter. den berühmten tropfen zum überlaufen bildeten in diesem fall offensichtlich die landesweiten kommunalwahlen am nächsten wochenende, bei denen die beiden einzigen relevanten parteien sich nicht zu blöde waren, über hundert bereits einschlägig wegen korruptionsfällen bekannte politiker aufzustellen (aber vermutlich haben die auch gar kein anderes personal mehr). das hat offensichtlich eine menge leute endgültig sehr, sehr wütend gemacht...

das ganze passt potenziell natürlich auch bestens in dieses bisher von geschichtlich erschütternden ereignissen nicht gerade arme jahr. und es bieten sich eine vielzahl an denkbaren weiteren entwicklungen innerhalb der nächsten tage und wochen an. die wichtigsten fragen sind dabei für mich zunächst die: wie weit und breit kann sich die mobilisierung in spanien selbst ausdehnen? wie reagieren die spanischen "eliten"? und vor allem: wie wird die europäische rezeption der ereignisse ausfallen? portugal hatte eine ähnliche unabhängige (= ohne parteien und gewerkschaften) initiative ja schon einmal im märz, allerdings nur für einen tag. jetzt, wo das land faktisch ebenso wie griechenland als protektorat von iwf und eu verstanden werden muss - wie wird da eine mögliche massenbewegung beim großen nachbarn wirken? wie wird das signal in griechenland verstanden? in italien ist der twitter-hashtag #spanishrevolution angeblich heute der tophashtag, wie werden die ereignisse dort und auch in irland sowie großbritannien wirken - allesamt länder, wo es seit langem eine latente und partiell auch immer wieder im vergangenen jahr sichtbare unruhe gibt?

die eu-"eliten" können sich das eigentlich in der derzeitigen situation nicht leisten, in einem mitgliedsstaat vom kaliber spanien eine tatsächlich oppositionelle bewegung ausbreiten zu lassen, womöglich mit sichtbaren erfolgen. andererseits wären sie schön blöd, hier mit reiner repression zu antworten - das würde die gesamte hütte dann wohl in hellen brand stecken. was bleibt, ist zunächst das alte "teile-und-herrsche-spiel", wie es in den letzten wochen in griechenland und vielen anderen eu-staaten zu sehen ist. vor allem die rassistische karte ist hier beliebt, und könnte in spanien vermutlich auch mit einigem erfolg gespielt werden.

letzteres scheint mit blick auf mögliche sympathisierenden stimmungen hierzulande auch jene erbärmliche kreatur im sinn zu haben, die da heute
geifernd und zeternd den altbewährten joker vom "faulen südländer an sich" auf den tisch warf. naja, wenn dieses pack den eigenen untergang näher kommen fühlt, werden sie am ende alle masken fallen lassen. das ist nichts neues, aber darauf sollte man mental gut vorbereitet sein.

*

noch als info: um das ganze hier nicht umfangmässig zu lang werden zu lassen, packe ich kleinere updates in die kommentare unten. ergänzungen, anmerkungen etc. sind natürlich jederzeit erwünscht.

Montag, 9. Mai 2011

mit musik geht alles besser ? vielleicht.

immer noch geht es mir grundsätzlich gerade so, wie anfangs der letzten beiden beiträge skizziert - aber inzwischen ist mir selbst klarer geworden, dass diese partielle schreibblockade auch zu einem großen teil aus einem gefühl "alles viel zu viel!" stammt - ist ja nicht so, dass ich keine nachrichten mehr wahrnehme oder meine üblichen recherchezüge durchs netz zu den themen, die mich besonders interessieren, eingestellt hätte. aber mir persönlich geht es so, dass ich so drastisch wie vielleicht niemals zuvor in den letzten monaten den begriff informationsoverkill mal wirklich mit einem seinszustand assoziieren kann. syrien, libyien, überhaupt die ganzen arabischen und afrikanischen aufstände? fukushima? die weiter schwelenden finanz- und wirtschaftskrisen? das ölige debakel im golf von mexico? peak oil, die frage von ressourcen / rohstoffen und damit einhergehenden bereits laufenden und künftigen krisen überhaupt? der zustand der menschlichen spezies überhaupt?

kaum sind zu einem bereich mal gefühlt etwas tragfähigere gedanken entstanden, passieren mindestens in drei anderen thematischen gebieten wieder dinge, die dringend der näheren beschäftigung bedürfen; und / oder es tauchen auf einmal informationen auf, die wiederum ganz neue lichter werfen. ganz neu ist dieses phänomen ja nicht, aber wie gesagt: persönlich habe ich noch nicht ansatzweise so eine dadurch induzierte art lähmung verspürt wie zur zeit.

*

ich weiß nicht mehr, wo ich vor jahren den sinngemäßen satz gelesen habe, der einzige wirklich angemessene seinszustand in der konfrontation mit der existierenden menschlichen welt sei die melancholie. inzwischen kann ich damit mehr anfangen als früher, auch wenn ich oft genug - und ich finde, glücklicherweise - einfach nur wütend bin beim anblick dieses gebirges aus erbärmlichkeit, niedertracht und dummheit, welches unsere spezies in der kurzen zeit ihres daseins innerhalb der evolutionären zeitleiste bereits erzeugt hat. beim gleichzeitigen erahnen dessen, das alles so anders sein könnte...



für mich eine wirklich wunderschöne musikalische umsetzung des oben gemeinten - und damit willkommen in der welt von deep house! für mich schon seit jahren neben detroit-techno und drum`n´bass mit der bevorzugte stil von elektronischer musik. nicht zufällig - vor längerer zeit schrieb ich mal in einem ähnlichen
zusammenhang:

"ich höre musik sehr stimmungsabhängig, und meine vorlieben für funk, jazz, und die meisten sparten elektronischer musik haben sowohl etwas mit rhytmus zu tun als auch mit den jeweils assoziierten inneren bildern, besonders bei den beiden letzteren stilen."

*

hatte ich damals den detroit-techno aufgrund seiner geschichte und den erzeugten atmosphären deutlich zu den (für mich) traumatischen tönen sortiert, mit dem potenzial zur transformierenden bearbeitung unerträglicher realitäten, so empfinde ich bei deep house etwas anderes im vordergrund. sind die allermeisten house-stile doch sowohl im guten wie im schlechten der inbegriff von zeitgenössischer party-musik - und das wort "party" verwende ich hier im durchaus negativen sinne von oberflächlichkeit, beliebigkeit, rücksichtslosem hedonismus, narzissmus und egozentrismus.

und es ist eine ironie der geschichte, dass ausgerechnet in dieser musik mit dem deep house so etwas wie ein - hm, dialektischer umschlag stattgefunden hat - vieles der housemusic seit ende der 1980er erscheint im nachhinein von den dort vermittelten stimmungen wie der perfekte musikalische ausdruck des rasend gewordenen neoliberalismus. als eine art subgenre existierte deep house eine ganze zeit eher unauffällig mit, und wurde vor etwa zehn jahren hierzulande versuchsweise
so definiert:

(...) "Es geht um Tiefe und Wärme. Um die Beschwörung eines zurückgenommenen, repetitiven Grooves. So einer, der sich Zeit lässt, um zu kommen. (...)

Eine Fusion von Techno und Soul. Eine Verfeinerung von Garage, dem New Yorker Nachfolger von Disco mit wilderen, elektrifizierten Beats.

Doch wo Garage oder Disco House den klassischen Songstrukturen von Strophe und Refrain treu bleiben, dehnt Deep House einfach die Zeit, seziert dabei rhythmische und harmonische Strukturen wie in einem anatomischen Lehrfilm. Beseelte Stimmen deuten den Song dabei oft nur an. Hochdosiertes Soul-Extrakt. Wie ein Flaschengeist kann es im entkorkten Zustand für kurze Momente Urgewalten entfachen. Andeutung, Verzückung, Steigerung, Glück." (...)


*



ich würde ja die attribute um intensität, weite, verlassenheit, trauer und sogar bedrohlichkeit erweitern - ich kenne deep house-tracks, die das deutlich rüberbringen.

und natürlich eine überwältigende und oft genug paradoxerweise gleichzeitig sehr warme melancholie. das meinte ich mit dialektischem umschlag: musik für clubabende und euphorische, tagelange partys bis zum exzess tastet sich plötzlich zu den realitäten jenseits dessen vor - ich habe hier tracks auf cd, die nicht zufällig titel tragen wie alone again oder into this lonely crowd. im moment der größten euphorie, irgendwann am frühen morgen, schleicht sich die erkenntnis heran - all das war eine berauschende show, all die glücklichen verschwitzten gesichter um mich herum sind letztlich unerreichbar - was auf gegenseitigkeit beruht. der daraus entstehende enorme blues mit seinen extrem widersprüchlichen gefühlen stellt für mich persönlich letztlich das im- oder auch ganz explizite berührende hauptthema von deep house dar.



*

nicht nur bei den entsprechenden videos bei yt, sondern auch auf vielen covern von cds und lps aus dem bereich finden sich auffällig viele motive von menschenleeren landschaften, oft genug (traum-)strände, aber auch seen, weite himmel, wolken, leere bis zum horizont. ebenfalls großstadtpanoramen, in denen allerdings meist auch keine menschen erkennbar sind. die repetitive eindringlichkeit der beats bildet zusammen mit den oft genug schwer hypnotischen flächen (solche empfinde ich persönlich meist von herzzerreissender schönheit - als ich den ersten track oben, deep love, das erste mal gehört habe, war ich schlicht sprachlos bei diesen flächen. im passenden moment können auch durchaus tränen fliessen) letztlich den schlüssel, um innere räume, deren unbekannte weiten, aufzumachen zu können (eine eigenschaft, die ich beim detroit techno und bei vielen drum`n´bass-tracks auch feststelle.) für diese räume lassen sich die benannten bildmotive durchaus als versuchte annäherung begreifen. und diese räume sind immer nur zugänglich im sinne eines ganz individuellen und zutiefst persönlichen erlebens. bittersweet - ich würde solche räume oft genug sehr gerne in all ihrer mysteriösen großartigkeit teilen. aber - alone again.



*

und warum ich das jetzt alles schreibe? zum einen, um vielleicht den einen oder die andere mit einer musik bekannt zu machen, die wirklich verborgene schätze zu bieten hat. dann aber ist das für mich gerade der perfekte soundtrack zu diesem kuddelmuddel, welches ich am anfang beschrieben habe. und deshalb werde ich in der kommenden zeit öfter beiträge damit sozusagen illustrieren, um eine weitere informationsebene zu installieren. bestimmte widersprüchlichkeiten lassen sich so womöglich deutlicher und verständlicher rüberbringen als mit manchmal einfach hilflosen worten.

und wo ich gerade widersprüchlichkeiten schrieb: auch das thema verzicht ist bei musik aus strom, deren existenz ohne eine recht weit entwickelte technologie nicht denkbar wäre, ein durchaus relevantes, in diesem fall speziell für mich.

ich werde mich übrigens nicht an eine ganz starre definition des genres halten, wenn ich zukünftig hier öfter tracks einstelle - es gibt fliessende grenzen genauso zu vocal house, house mit latin-einflüssen sowie dem ganzen bereich, der sich nu jazz nennt. aber welche schublade man nun auch aufmacht - diese musik kann in verschiedener hinsicht ein
look to the future sein.

Sonntag, 8. Mai 2011

kontext 74: kriegsenkel

passend zum heutigen datum - vor 66 jahren endete der zweite weltkrieg formal; in anderer hinsicht ist er noch lange nicht beendet - bin ich über das obige wort gestolpert, und zwar im zusammenhang mit diesem mir bisher unbekannten gleichnamigen forum:

"Das Forum Kriegsenkel bietet Interessierten und Betroffenen die Möglichkeit, sich auszutauschen und sich über die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges bis in die dritte Generation zu informieren.
Die Generation der circa zwischen 1960 und 1975 geborenen ist nach dem Krieg in Gesellschaften aufgewachsen, die versuchten, den Krieg hinter sich zu lassen, oft mit wirtschaftlichem Ehrgeiz oder auch durch Emigration. (...)

Doch hinter den Fassaden der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Neuorientierungen, der „heilen Welten“, war und ist die Generation der Kriegsenkel umso subtiler von den Wirkungen des Nationalsozialismus und des Krieges betroffen: Denn faschistische Gewalt, Traumata, Ängste, Minderwertigkeitskomplexe und Aggressionen wurden nach dem Krieg weitestgehend dort ausgelebt und weitergereicht, wo die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte: In der Familie.

Über Jahrzehnte wurden und werden familiäre Verstrickungen während der Zeit des Nationalsozialismus tabuisiert und über Kriegserlebnisse geschwiegen. Ein ganzes Kapitel deutscher Familiengeschichte wurde somit auf Jahrzehnte verdrängt. Nicht selten leidet die Kriegsenkel-Generation dadurch an immer wiederkehrenden Blockaden, diffusen Ängsten, dem Gefühl der Heimatlosigkeit, bleiernen Schuldgefühlen oder depressiven Verstimmungen, ohne sich erklären zu können, wo die Probleme ihren Ursprung haben können." (...)


einige der dortigen bisher veröffentlichten
lebensgeschichten haben in mir spontane beklemmungen ausgelöst - ich kenne viel zu viel von dem, was da steht, selbst.

aber für den moment möchte ich mich mit dem hinweis auf dieses forum begnügen, und gleichzeitig nochmals auf die älteren beiträge hier verweisen, die sich ausführlich mit dem thema beschäftigen: das wären einmal die traumageschichte(n) zur (pseudo-)diagnose
"vegetative dystonie", zum anderen die längere mail einer frau, die ebenso wie ich der "dritten generation" angehört und entsprechende biographische erfahrungen machen musste.

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