ziemlich lustlos und mit halbfertigen beiträgen auf dem buckel, dazu etliche gesundheitliche probleme, die sich in den letzten monaten die klinke in die hand gaben - das waren bzw. sind die gründe für die längere pause, die ich so nicht vorgesehen hatte. aber ich hatte hier auch niemals vor, das schreiben zu einer zwangsveranstaltung werden zu lassen. insofern war die pause zumindest auch erquickend.
die halbfertigen beiträge beziehen sich auf die diskussionen zu den letzten artikeln, und das sind wahrlich weite felder, die da der bearbeitung harren - das werde ich nun gemächlich, aber beharrlich, angehen - die aufgeworfenen fragen und ihre konsequenzen finde ich durchaus essentiell für alle überlegungen, wie sich die derzeitigen antisozialen verhältnisse qualitativ und tiefgreifend ändern lassen.
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nicht nur indirekt gehören dazu auch fragen zu einem komplex, der in der vergangenheit hier schon öfter thema war - die mafia, aka das organisierte verbrechen, seine reale dimension, bedeutung, wirkungskräfte und vor allem seine verbindungen zu den "legalen" bereichen staatlicher und ökonomischer macht. ich habe früher glaube ich eher implizit schon öfter deutlich gemacht, dass ich finde, dass dieser bereich in seinen auswirkungen auf das gesamte soziale leben weltweit auch und gerade von linken jeder coleur deutlich unterschätzt bzw. falsch eingeschätzt wird, oder im schlimmsten falle sogar - analog zum mythos der piraten - die protagonisten der mafia (das wort gebrauche ich hier als synonym für alle weltweit existierenden analogen organisationen) irgendwie doch als "verbündete" betrachtet werden, weil sie ja (sinngemäß) "auch gegen den staat" agieren würden und "das eigentum" angreifen würden. die unreflektierten (popkulturellen) mythen von "verwegenheit, unabhängigkeit und gegenwehr gegen staatliche zumutungen" besorgen ein übriges. nichts aber könnte falscher und gefährlicher sein als solche, eher implizite annahmen, die ich v.a. aus privaten gesprächen innerhalb meiner "bewegten zeiten" immer wieder mit erstaunen vernommen habe.
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zur zeit ist in der geschichtsreihe der zeitschrift "geo", der "geo epoche", als aktuelles heft die nummer 48 mit dem oberthemamafiaerhältlich. und dieses heft kann ich durchaus ohne größere probleme allen empfehlen, die sich einmal näher mit den geschichten der organisierten kriminalität in diversen ländern befassen möchten; auch als einstieg in weitergehende studien eignet es sich.
neben der sizilianischen mafia - der cosa nostra, die für italien den schwerpunkt bildet - werden auch kurz entwicklung und verhältnis zur ersteren von camorra (rund um neapel) und der kalabrischen ´ndrangheta skizziert, wobei die sizilianischen familien mit ihren us-amerikanischen ablegern bis heute historisch am relevantesten sind.
so ziemlich alle artikel sind sehr informativ und auch spannend zu lesen, enthalten aber durchaus auch realistische schilderungen der teils unfaßbaren brutalität, mit der in diesen kreisen vorgegangen wird. die länderschwerpunkte liegen auf italien, den usa, china und hongkong (die triaden), japan (yakuza), großbritannien, dem vorrevolutionären kuba (es lässt sich eine menge über die verhältnisse lernen, aus denen später fidel castro und die revolution entstanden sind), das (erledigte) kolumbianische kokainkartell von medellin unter pablo escobar, sowie der sowjetunion und der heutigen russischen mafija.
ich habe beim lesen festgestellt, dass ich viele historische tatsachen schlicht nicht wusste bzw. noch nie etwas von den jeweiligen ereignissen gehört habe. und als ein fazit muss ich sagen, dass jegliche geschichtliche darstellungen der gesellschaftlichen entwicklungen im 20. jahrhundert besonders von italien und japan, aber auch den jahrzehnten seit 1920 in der sowjetunion bis ins heutige russland, die das organisierte verbrechen nicht angemessen berücksichtigen, nicht nur unvollständig, sondern sogar verzerrend sind und ein völlig falsches bild von außen liefern. ich vermute, dass sich das über weitere staaten und regionen ebenfalls sagen lässt, aber bei den genannten ländern springt einem das bei der lektüre geradezu ins gesicht.
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desweiteren wird an mehreren punkten deutlich, woher die weiter oben genannten linken illusionen über das organisierte verbrechen eigentlich stammen - tatsächlich haben nicht nur die sizilianische mafia, sondern auch bspw. die vorläufer der chinesischen triaden teils noch bis ins 19. jahrhundert ursprünge, die ansatzweise als eine art selbstschutzbünde gegen staatliche übergriffe und auch gegen jeweils regionalen ungebremsten kapitalismus angesehen werden könnten; dazu kam auch oftmals - wie in sizilien - etwas, was sich mit antikolonialistischen motiven, aber auch nationalistischen ressentiments beschreiben ließe. im 20. jahrhundert schließlich lieferte die kommunistische partei der sowjetunion bereits ansatzweise unter lenin, voll entfaltet dann im stalinismus, ein katastrophales beispiel für etwas ab, was mit mechanistisch interpretiertem marxismus nur unvollständig umschrieben ist - wer solschenizynsarchipel GULAGgelesen hat, wird sich sicher an seine ausführlichen darstellungen und schilderungen der kriminellen innerhalb des lagersystems, ihre dortige rolle und vor allem an ihre bevorzugung seitens des regimes gegenüber allen als "politisch" bezeichneten (ein attribut, welches durchaus wahllos vergeben wurde, aber eben nicht an kriminelle) erinnern - der grund dafür wurde u.a. im terminus "sozial nahestehende elemente" seitens der stalinisten deutlich, die damit marxsche ideen so auslegten, dass kriminalität innerhalb einer "sozialistischen" gesellschaft nicht existieren kann, da nur im kapitalismus möglich - und die noch existierenden kriminellen eigentlich nur eine art "rückstand" aus dem überwundenen system seien, denen man innerhalb der lager ihre "wahre proletarische natur" zum bewusstsein bringen müsse - eine vorstellung, über die sich nicht nur die kriminellen köstlich amüsiert haben (und deren konsequenzen sie weidlich genützt haben), sondern auch eine, die für mich etliches über die stalinisten selbst verrät (ebenso wie über stalin persönlich, der aus einem durchaus passenden milieu stammte).
jedenfalls ist die geschichte der urkas und suki als originäre produkte des gulags (und dieser umstand kommt bei solschenizyn durchaus nicht deutlich heraus, vermutlich seiner eigenen unwissenheit geschuldet) von den 1920er bis ungefähr die 70er jahre ein einziges trauerspiel, dessen verlauf bereits einen relevanten kern des späteren zusammenbruchs des "realsozialistischen" experiments enthält - zwischen parolen und sozialer realität klafften in diesem bereich mit die nur stärksten denkbaren lücken.
die heutige russische mafija ist dabei keine bruchlose fortsetzung dieser strukturen, aber ohne den hochgradig antisozialen humus der originären sowjetischen züchtung in meinen augen auch nicht denkbar. und das ist alles durchaus auch ein stück authentischer "linker" geschichte, aus der es zu lernen gilt.
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mir ist bei alldem durchaus schon klar, dass der begriff "kriminalität" durchaus immer definitionssache und keinesfalls unabhängig von der jeweiligen gesellschaftsformation "für sich" stehen kann. das "legale" treiben von konzernen, staaten, banken, militärs, politikerInnen und geheimdiensten lässt sich mit guten gründen in vielerlei hinsicht ohne weiteres als kriminell betrachten; ebenso als organisiertes verbrechen und auch als terroristisch - das wort "atommafia" zb. sollte ruhig wörtlich genommen werden. ich denke aber erstens, dass sich dinge wie
(auftrags-)morde
zwangsprostitution
menschenhandel
organhandel
ohne weiteres unabhängig von jedem gesellschaftlichen system nur als symptome vorhandener hochgradiger antisozialität begreifen lassen, während so "klassische" geschäftsbereiche der mafia wie drogenhandel und auch glücksspiele und wetten relativ einfach ins leere laufen zu lassen wären - wenn sie nicht nur unter den heutigen bedingungen so wahnsinnige profite abwerfen würden.
zum anderen aber ist die frage hoch relevant, ob und wie weit es überhaupt noch sinn macht, die heutigen "eliten" der verschiedenen gesellschaftlichen bereiche einerseits und die mafiösen strukturen andererseits noch scharf zu trennen. ich habe dazu schon öfter in der vergangenheit meine deutliche meinung geäussert, und fühle mich nach der "geo"-lektüre eher noch bestärkt. ein paar beispiele, die mir persönlich bisher unbekannt waren, mögen das gemeinte illustrieren:
im sehr interessanten bericht über den "mythos von chicago" namens al capone auf s. 45: "Im März 1930 erscheint er auf dem Titel des `Time Magazine´, eine Rose im Knopfloch und ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Und die Zeitschrift `Liberty´ druckt ein Interview, in dem er einem verzückten Gesellschaftsreporter erläutert, `wie Al Capone dieses Land regieren würde´: mit harter Hand gegen den drohenden `Bolschewismus´ (...) am besten mit Hilfe eines `amerikanischen Mussolini´".
im bericht zu den chinesischen triaden wird anhand einer sehr detallierten darstellung einer frühen "kernzelle", der "grünen bande" von shanghai mehr als überdeutlich, wie diese tausendköpfige struktur sowohl von kapitalisten als auch - politisch einhergehend - von nationalisten zur niederschlagung imaginierter "bolschewistischer" strömungen und realer sozialer bewegungen, damals arbeiter- und gewerkschaftsaufstände, nicht nur benutzt wird, sondern alle drei gruppen - bande(n), unternehmer/firmenbesitzer, politische nationalisten - eine art bündnis eingehen, in dem die einzelnen teile nicht mehr zu unterscheiden sind.
gleiches gilt grundsätzlich auch für japan - auf s. 151 im heft ist klartext zu lesen: "Die Yakuza verbindet viel mit den militanten Gruppen der Ultranationalisten, die eine Alleinregierung des Kaisers und die Expansion Japans fordern - sowie eine Rückkehr zur alten, strikten Hierarchie der japanischen Gesellschaft. So nah stehen sich Ultranationalisten und Yakuza, dass ihre Gruppen zunehmend kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind."
diese sätze wurden zwar im hinblick auf das frühe 20. jahrhundert geschrieben, aber grundsätzlich hat sich nichts daran geändert - überhaupt musste ich mein bild von japan, bereits nach fukushima ins wanken gekommen, nochmals stark revidieren - ich hatte noch nie etwas davon gehört, dass die yakuza bis 1992 (!) ganz offiziell und unter staatlicher billigung, nicht nur öffentliche stadtteilbüros mit sprechzeiten unterhielten, sondern auch mitgliedszeitungen herausgaben und wichtige personelle veränderungen innerhalb der banden in pressekonferenzen öffentlich bekannt gegeben wurden. ich hatte ja in der vergangenheit schon berichte zitiert, nach denen in japan die verflechtungen zwischen "legaler" ökonomie, politischem apparat und mafia besonders eng sind - aber inzwischen frage ich mich, wo überhaupt noch eine trennlinie gezogen werden soll. auch, wenn der japanische staat seit den 1990er jahren offensichtlich versucht, den spielraum der yakuza einzuengen.
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aber genug der beispiele (zu denen auch ein langer text zur vorgeschichte des aufstiegs von berlusconi gehören könnte, aber lesen Sie´s einfach selbst). es ist eine fülle von material und informationen, die zumindest bei mir für etliche aha-effekte sorgten. und nicht nur aus diesem grund würde ich trotz des durchaus happigen preises sagen, dass sich diese investition lohnt.
kritikpunkte hätte ich folgende: einmal fehlt mir die berücksichtigung bzw. ein vergleich der klassischen mafiösen strukturen mit historisch neueren phänomenen wie zb. den mittelamerikanischen maras; überhaupt hätte ich organisierte jugend- wie auch motorradgangs alá "hells angels" mit in die darstellung aufgenommen. dann wäre die explizite darstellung der psychosozialen hintergründe bzw. der psychophysischen quellen für bandenphänomene durchaus relevant gewesen, auch wenn in vielen darstellungen schon eine ahnung durchschimmert, aus was für gewalttätigen milieus sich die jeweilige mafia letztlich speist. drittens hätte ich gerade den vergleich in ökonomischer hinsicht zwischen "legalen" und "illegalen" strukturen und geschäftsfeldern expliziter gemacht - auch diesbezgl. steht zuviel "zwischen den zeilen". viertens - und da ist das heft völlig unterbelichtet - sind so ziemlich alle dargestellten strukturen massive männerbünde, wozu es auch einiges anzumerken gäbe.
(zur überschrift empfehle ich das video am ende. ansonsten war dieser beitrag bereits am gestrigen abend zur veröffentlichung gedacht, was aber dann an technischen problemen scheiterte.)
die fälligen antworten zu einigen kommentaren der letzten beiträge muss ich verschieben - einerseits wieder mal aus zeitgründen, weil ich mich ausserstande sehe, die auf dem tisch liegenden themen "mal eben so" und quasi nebenbei abzuhandeln. nein, das wird zeit brauchen. zum anderen habe ich mir selbst mediale auszeiten verordnet, und stattdessen lieber viel zeit im frühling der letzten tage verbracht. wobei ein gefühl kommenden unheils ständiger und unerfreulicher begleiter gewesen ist.
dieses gefühl verschwand natürlich nicht nach ein paar stunden herumstöberns im netz, im gegenteil - gerade gestern waren die nachrichten mal wieder so derart dystopisch-surreal, dass ich mich frage, was eigentlich all die noch vorhandenen sci fi- und social fiction-autoren zukünftig noch schreiben wollen...
drei news, die für mich besonders relevant sind: erstens werden Sie am heutigen tag eventuell bereits zeuge der finalen hochstufung des fukushima-GAUs auf "ines-7" sein - die gerüchte und meldungen verdichten sich in diesen stunden, und es wäre zusammen mit der ebenfalls angekündigten ausweitung der evakuierungszone das erstemal, dass die japanischen behörden nach wochen der desinformation so etwas wie realitätssinn zeigen würden. über die möglichen gründe dafür darf spekuliert werden.
zweitens liesse sich partieller realitätssinn auch einer durch und durch antisozial agierenden institution unterstellen, nämlich dem "internationalen währungsfond" iwf - der grund dafür ist eine faktischeanerkennung der realität von peak oil:
(...) "Der Internationale Währungsfond, der in den kommenden Tagen zu Beratungen über steigende Rohstoffpreise zusammenkommt, warnt vor zunehmenden Knappheitsrisiken auf dem Ölmarkt. Der IWF empfiehlt politischen Entscheidern weltweit, "sicherzustellen, dass ihre Ökonomien mit unerwarteten Veränderungen in der Ölversorgung und bei Ölpreisen umgehen können". (...)
Ein Wachstum der Ölfördermenge von 1,8% wie in den Jahren 1981 bis 2005 erscheint laut IWF unwahrscheinlich, vielmehr wird vor einer Stagnation oder gar einem Absinken der Produktion gewarnt. Der IWF erkennt in seinem Bericht an, dass insbesondere ältere Ölfelder die Fähigkeit einzelner Produzenten begrenzen, zusätzliche Produktionskapazitäten verfügbar zu machen." (...)
drittens hat es in griechenland einen ziemlich spektakulärentv-auftrittdes "heimlichen nationalheldens"mikis theodorakisgegeben, dessen wirkungen noch nicht abschätzbar sind - die wichtigsten aussagen sind diejenigen, dass er von einer ökonomischen junta spricht, die in griechenland - unter beteiligung des gerade erwähnten iwf - faktisch mit einem staatstreich die regierung übernommen hätte, und gegen die er englisch übersetzt das folgende empfiehlt:
(...) "It needs a peaceful revolution by the people. (...) We need a revolutionary government." (...)
yo, das ist schlicht ein revolutionsaufruf - und zwar von jemandem, dessen worte in dem land durchaus gewicht haben. es empfiehlt sich, immer wieder ebenso einen blick nach griechenland zu werfen wie nach spanien, porugal, irland, großbritannien - in den ländern sind ebenso wie in vielen arabischen und (nicht nur mehr nord-!) afrikanischen staaten sehr interessante gärungsprozesse wahrzunehmen, von denen uns einige mit großer sicherheit im laufe der nächsten monate um die ohren fliegen werden, und zwar wieder mal völlig verdientermaßen.
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warum ich den letzen satz so formuliere, beantwortet jetzt blumfeld - gerichtet an jene sedierte und insozialer tranceversunkene bevölkerungsmehrheit hierzulande, deren energie sich im panischen blöken "ich WILL..." erschöpft...
"Ihr habt alles falsch gemacht
Habt Ihr nie drüber nachgedacht?
Gebt endlich auf - Es ist vorbei"
ich werde bis zum wochenende nicht groß dazu kommen, ausführlich zu schreiben - deshalb an dieser stelle schon mal danke für die ausführlichenkommentarezu den letzten "bleiernen zeiten", die ich in der nächsten folge mit aufgreifen will.
heute bleibt der hinweis auf informationen, die einige der letzten beiträge hier ergänzen und fortführen. die thematiken öl und atomenergie lassen sich dabei ganz gut zusammen betrachten und auch vergleichen, stellen sie doch erstens sozusagen die "speerspitzen des fortschritts" dar, zumindest in der logik der auf fossilen energien beruhenden kapitalistischen industriezivilisationen. zweitens wird in beiden bereichen mit enorm giftigen stoffen hantiert, was gleichzeitig nichts anderes aussagt als die tatsache, dass diese "unsere zivilisation" im wahrsten sinne des wortes auf gift beruht. und drittens drängt es sich bei den menschengemachten megadesastern namens "deep water horizon" und "fukushima" geradezu auf, die (bisher wahrnehmbaren) folgen zu vergleichen und unterschiede und parallelen zu betrachten.
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hinsichtlich derneuen und alten ölverschmutzungen im golfhatte ich ein paar tage in jeder hinsicht funkstille, und ich musste mich jetzt erst mal selbst zum letzten stand der dinge schlau machen. wirklich erfreulich ist dieser stand nicht; so ist erstens anzumerken, dass weiterhin und offensichtlich immer mehr tote tiere, und zwarnicht nur seeschildkröten, auf die sich der verlinkte artikel focussiert, an der us-golfküste angeschwemmt werden. zweitens gibt es nicht wirklich etwas aufschlußreiches über die ölteppiche der vergangenen wochen zu berichten; in dem artikel klingt es jetzt so, als würde die beobachtete große verschmutzung auf see ebenfalls der ominösen quelle vor der küste vor louisiana zugerechnet werden, aus der ja nach angaben der verantwortlichen firma "nur fünf gallonen" ausgetreten seien. nach analysen von satellitenaufnahmen der betroffenen region sollen es real aber mehr als 640.000 gallonen (etwas über 2,4 millionen liter) frisches öl sein, die da jetzt zusätzlich zu den altlasten von bp und anderen im golf herumschwappen. diese widersprüchlichen aussagen kann ich hier nicht auflösen, nur dokumentieren.
während staatliche und private institutionen weiterhin öffentlich ankündigen, die toten tiere würden "nach allen seiten und ergebnisoffen hinsichtlich der möglichen todesursachen" untersucht werden, so ist mit der nahenden wiederkehr des jahrestages des ölGAU am 20. april eine verstärkte tätigkeit von "pr-spezialisten" in der golfregion zu beobachten, die medial vor allem auf weitere tiefseebohrungen ("energie und jobs") sowie tourismus ("baden ist unbedenklich") und fischerei ("fisch essen ist unbedenklich") focussieren. die stimmung in der bevölkerung am golf scheint da sehr ambivalent zu sein; es sind einfach inzwischen erstens zu viele menschen krank geworden, und zweitens sorgen die nicht erst seit ein paar wochen stattfindenden sichtungen toter tiere für weitere sorgen. insgesamt ist besonders aus staat und wirtschaft die tendenz zum kleinreden und verharmlosen deutlich und nicht überraschend. wie das bei einer bevölkerung ankommt, die die teils drastischen gegenbeweise ständig im alltag erleben muss, bleibt abzuwarten.
letzteres liesse sich vielleicht dann ähnlich auch tausende kilometer weiter westlich an der japanischen küste sagen, aber bevor ich noch auf zwei artikel zum aktuellen atomaren GAU hiweise, möchte ich die leserInnen nochmals aufjenes fast völlig unbekannte detail der ölförderunghinweisen, welches zwischen beiden themen einen ganz direkten und sozusagen handfesten zusammenhang knüpft, und zwar in chemisch-physikalischer hinsicht- die nüchternen sätze bei wikipedia fassen das wichtigste nochmals zusammen:
(...) "Im Dezember 2009 wurde der Öffentlichkeit bekannt, dass bei der Erdöl- und Erdgasförderung jährlich Millionen Tonnen radioaktiv verseuchter Rückstände anfallen, für dessen Entsorgung größtenteils der Nachweis fehlt. Im Rahmen der Förderung an die Erdoberfläche gepumpte Schlämme und Abwässer enthalten NORM-Stoffe (Naturally occurring radioactive material), u. a. das hochgiftige und extrem langlebige Radium 226 sowie Polonium 210. Die spezifische Aktivität der Abfälle beträgt zwischen 0,1 und 15.000 Becquerel (Bq) pro Gramm. In Deutschland, wo etwa 1000 bis 2000 Tonnen Trockenmasse im Jahr anfallen, ist das Material laut der Strahlenschutzverordnung von 2001 bereits ab einem Bq pro Gramm überwachungsbedürftig und müsste gesondert entsorgt werden. Die Umsetzung dieser Verordnung wurde der Eigenverantwortung der Industrie überlassen, wodurch die Abfälle letztlich über Jahrzehnte hinweg sorglos und unsachgemäß beseitigt wurden. Es sind Fälle dokumentiert, in welchen Abfälle mit durchschnittlich 40 Bq/g ohne jede Kennzeichnung auf einem Betriebsgelände gelagert wurden und auch nicht für den Transport besonders gekennzeichnet werden sollten.
In Ländern mit größeren geförderten Mengen von Öl oder Gas entstehen deutlich mehr Abfälle als in Deutschland, jedoch existiert in keinem Land eine unabhängige, kontinuierliche und lückenlose Erfassung und Überwachung der kontaminierten Rückstände aus der Öl- und Gasproduktion. Die Industrie geht mit dem Material unterschiedlich um: In Kasachstan sind weite Landstriche durch diese Abfälle verseucht, in Großbritannien werden die radioaktiven Rückstände in die Nordsee geleitet. In den Vereinigten Staaten gibt es in fast allen Bundesstaaten aufgrund der radioaktiven Altlasten aus der Erdölförderung zunehmend Probleme. In Martha, einer Gemeinde in Kentucky, hat das Unternehmen Ashland Inc. tausende kontaminierte Förderrohre an Farmer, Kindergärten und Schulen verkauft, ohne diese über die Kontamination zu informieren. Es wurden bis zu 1100 Mikroröntgen pro Stunde gemessen, so dass die Grundschule und einige Wohnhäuser nach Entdeckung der Strahlung sofort geräumt werden mussten." (...)
wie schrieb ich eingangs oben? "eine zivilisation, auf gift gebaut" - das muss auch durchaus wortwörtlich genommen werden.
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hatte ich im letzten beitrag vom alltag als katastrophe geschrieben, so lassen sich die folgendeninformationenrund um "tepco", die japanische regierung(spolitik) und die dortigen medien durchaus in der rubrik einordnen - der artikel beginnt mit einem wahren paukenschlag, wie ich finde:
"Seine Welt sind Fakten, und als der 54-jährige Yu Tanaka, Professor für Ökologie an der Rikkyo Universität, vor knapp einem Jahr eher zufällig über eine Studie der Universität Tokio stolperte, traute er zunächst seinen eigenen Augen nicht. Im Auftrag des Elektrokonzern Tepco, einem der größten Stromkonzerne der Welt und Betreiber des Atomkraftwerks von Fukushima, hatten seine Akademikerkollegen das Potenzial erneuerbarer Energien in Japan untersucht. Das sensationelle Ergebnis der Studie: Das Land wäre in der Lage, mit Windkraftanlagen, Solarstrom, Geothermik und Maschinen, die Elektrizität aus Ozeanwellen gewinnen, leistungsfähigen Batterien und einem „schlauen Stromnetz“ den gesamten Energiebedarf des Landes zu decken.
Aber der Tepco-Konzern, der ein Drittel der gesamten Stromversorgung Japans produziert, hatte nicht nur die Veröffentlichung der Studie verhindert. Wenn Yu Tanaka in Vorträgen auf die Studie über das immense Potenzial der erneuerbaren Energien verwies, wurden seine Aussagen von den Medien verschwiegen. „Stromkonzerne wie Tepco sind die wichtigsten Werbesponsoren der japanischen Medien“, sagt Tanaka.
Der japanische Staat garantiert den Energieriesen des Landes das 3,5-fache Einkommen der Baukosten von Kraftwerken. Für Unternehmen wie Tepco gehörten Atomkraftwerke mit ihren gigantischen Investitionen deshalb zu den lukrativsten Projekten." (...)
und so weiter und so fort, lesen Sie´s. wobei: so wirklich überraschen kann zumindest mich inzwischen eigentlich nur noch der jeweilige grad der frechheit, mit der die mafiösen strukturen gleich welcher coleur - und egal, ob "legal" oder "illegal" - inwischen vorgehen. das aber ist dann ein punkt, der direkt auf uns, besser, unsere duldung dieses fortgesetzten kriminellen bis terroristischen (in diesem kontext wird das wort übrigens einmal wirklich sachlich angemessen nutzbar) treibens aufmerksam macht.
um die unrühmliche rolle "offizieller institutionen" und ebenfalls der medien geht es auch im zweiten linktipp für heute, der unter dem titelIAEA und WHO halten Berichte zurücknicht nur anhand der aktuellen situation, sondern auch durch einen erweiterten rückblick auf das verhalten von beiden besonders hinsichtlich der folgen des GAUs von tschernobyl das fazit unterstreicht und begründet, das dort gleich zu beginn zu lesen ist:
"Eines steht fest: Fukushima ist ein Informationsdesaster."
unter anderem, aber auch das. was das für ein licht auf das vielgepriesene und beschworene "informationszeitalter" wirft, ist dann schon wieder ein anderes thema.
während ich heute so durch den ersten wirklichen frühlingstag geradelt bin, habe ich beim anblick des summenden und fröhlichen treibens draussen höchst ambivalente gefühle gehabt - einmal viel stärker als in vergangenen jahren eine mir durchaus vertraute, schwer in worte zu fassende sehnsucht, die sich nicht umstandslos als fernweh (schöne worte beide) entschlüsseln lässt, sondern darüber hinaus auch viele erinnerungen an vergangenes mit sich bringt, welches sich auf eigenartige weise aktuell anfühlt.
diese primär körperliche und passemde wahrnehmungsebene wurde ständig von virtuellen produktionen von gedanken durchzogen, die ebenfalls sehr spontan entstanden - gedanken in die richtung, wieviele all dieser schicken gestylten menschen, oft genug mit sonnenbrille im wehenden haar und handy am ohr, sich wirklich darüber im klaren im sind, dass die gesamte art und weise ihres bisher gewohnten lebens ein sehr fragiles gewebe darstellt, welches sich nicht nur seit längerer zeit in erschütterten schwingungen befindet, sondern bereits an diversen stellen löcher und risse aufweist. ich musste in den letzten wochen immer wieder mal an die aus vielen trickfilmen und comics wohlbekannte situation des wanderers denken, der, die augen starr nach oben gerichtet, den rand eines klaffenden abgrunds bereits überquert hat und jetzt auf nichts mehr geht, die unbarmherzigen gesetze der schwerkraft einzig durch seine reduzierte wahrnehmung einen moment anscheinend ausser kraft setzend. Sie werden wissen, wie das üblicherweise weitergeht: früher oder später kommt ein erstaunter, dann schnell entsetzter blick nach unten und whooosch!
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ich habe mich trotz der gefahr gewisser irritationen durch den titel dieser kleinen reihe dazu entschieden, ihn beizubehalten. das hat in diesem fall nichts mit einer durchaus vorhandenen sarkastischen oder zynischen ader meinerseits zu tun, sondern damit, dass ich das strahlende wrack in fukushima als weiteres einer ganzen reihe von menetekeln betrachte, die in den vergangenen jahren erschienen sind. und ich bin durchaus auch inspiriert vom vorgehen desaushilfshausmeisters, der den GAU in japan schon seit einigen folgen gleichrangig neben der aufständen in nordafrika und arabien behandelt. mittlerweile kann ich dabei durchaus sinn sehen, weil zwischen den derzeitigen ereignissen durchaus gar nicht mal so untergründige beziehungen bestehen, wenn man sich die situation der menschlichen gesellschaften global genauer betrachtet. aus diesem grund folge ich auch dem beispiel des hausmeisters und will versuchen, beides zusammen zu betrachten.
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als beispiel für das zuletzt gemeinte will ich mich zentral mit zwei kommentaren beschäftigen, die in dieser woche veröffentlicht wurden und die mit zum besten gehören, was ich seit langem im hiesigen medialen mainstream gelesen habe. beide beschäftigen sich u.a. mit einer haltung, die ich auch sehr vielen der anfangs erwähnten schicken menschen zuschreiben würde - in einemkommentarbei "spon" wurde das wie folgt formuliert:
"Wieso wollt ihr immer anderen vorschreiben wie sie zu leben haben.
Ich WILL Auto fahren
Ich WILL Erdbeeren im Winter." (...)
es lassen sich ganze abende mit der mediation über diese sätze verbringen. wer genau ist "ihr"? was wird vorgeschrieben? wieso ist sich der verfasser augenscheinlich überhaupt nicht im klaren über die - hm, dialektik in seiner beschwerde? (sein umgesetzter WILLEN führt im- und explizit umgekehrt zu massiven, sogar teils sehr bedrohlichen einschränkungen des lebens von anderen.) und vor allem: was für eine art "ich" ist es, das da empört nach auto und erdbeeren kreischt und sich offensichtlich durch den bloßen gedanken an verzicht existenziell getroffen und eingeschränkt fühlt?
alles so fragen, für die ich in der vergangenheit schon im blog versucht habe, antworten zu skizzieren. die beiden kommentare nun, die jetzt folgen, geben ebenfalls implizite und sehr weitreichende antworten, die dem verfasser des obigen sehr wahrscheinlich kein stück gefallen werden - und nicht nur ihm. aber ich persönlich sehe solche leute inzwischen durchaus in der position des weiter oben erwähnten comicwesens über dem abgrund. das wäre nur dann tragikomisch, wenn diese sich derart manifestierende haltung nicht auch bedeuten würde, dass solche leute in ihrer bodenlosen ignoranz ganze gesellschaften mit über den abgrund zerren. "ich WILL aber!" was sie aller wahrscheinlichkeit nach in letzter konsequenz bekommen werden, ist im besten falle ein aufstand, im schlechtesten ein zustand zwischen dystopie und anomie. aus einer (rein imaginären) neutralen perspektive muss ich sagen, dass beides voll und ganz verdient wäre, wobei meine präferenzen deutlich sein sollten.
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in der "süddeutschen" fand sich vor ein paar tagen (für ein paar stunden war das sogar der aufmacher) unter der erfreulich deutlichen überschriftstunde der heuchlerein bemerkenswerter kommentar, der oberflächlich primär auf die "grün" wählenden teile der bevölkerung abzielt, aber real zumindest nach meinem verständnis eine breitseite gegen ganze lebensentwürfe und -modelle darstellt:
(...) "Auch ein Porsche Cayenne eignet sich dazu, das Altglas zum Container zu bringen. Ein Porsche Cayenne ist aber sehr, sehr schlecht für die Umwelt. In der Standardausstattung hat das Auto 290 Pferdestärken. Das ist völliger Wahnsinn. Aber dieser Wahnsinn, den die Porsche AG mit Sitz in Stuttgart-Zuffenhausen produziert, verschafft rund 7500 Vollzeitbeschäftigten in Deutschland einen sicheren Arbeitsplatz.
Wird nun der neue grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der im Wahlkampf eine grünere Automobilindustrie gefordert hat, hingehen und die Porsche-Werke von einem auf den anderen Tag schließen lassen? Konsequent wäre es.
Wenn die Partei der Grünen im Kern des südwestdeutschen Bürgertums angekommen ist,(...) dann wird das Grün der Grünen endgültig zum zeitgemäßen Ausdruck der Widersprüche, in denen der leidlich aufgeklärte Mensch der westlichen Welt heute steckt. Man könnte auch sagen: Es ist die Stunde der Heuchler.
Der global verbreitete urbane Lebensstil ist durch die Ökologie insgesamt in Frage gestellt: Mobilität durch Bildung, Pendelverkehr und Flugreisen, kapitalistische Produktvielfalt, Ästhetik des Konsums, Partizipation durch Wohlstand, leuchtende Städte, Massenmedien, der riesige Stromverbrauch des Internets, beheizte Wohnungen und warme Duschen - all das steht auf dem Spiel oder müsste massiv eingeschränkt werden, wenn die Gesellschaft tatsächlich radikal auf Nachhaltigkeit umgestellt würde." (...)
yeah! ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich finde das ungeheuer wohltuend, wenn sich im medialen strom dieser zeiten mal zur abwechslung ganze fragmente der authentischen realität wiederspiegeln, statt der ansonsten ständig dargebotenen simulationen und illusionen aus den werkstätten der pr- und marketingabteilungen plus den produkten sedierter journalistInnen.
ich habe dem sachlich nichts zuzufügen ausser der feststellung: genau so ist es. niemand, der auch nur einen hauch von verständnis für die globale situation hat, in der sich unsere spezies befindet, kann ernsthaft widersprechen. was übrigens auch und gerade für viele teile der linken gilt, die sich langsam aber sicher damit konfrontieren müssen, dass auch für das marxsche gedankengebäude grenzen gelten, die sich primär und zwangsläufig durch seine eingebundenheit in westliche denk- und philosophietraditionen ergeben, was darauf hinausläuft, dass deren fundamentale fehler (die ich früher an anderen stellen schon mal umrissen habe) gar nicht anders als von marx mit eingebaut werden konnten. linke ausserhalb europas und der usa haben diese tatsache übrigens schon länger im auge; ich erinnere mich an ein lesebuch in den 90ern, in denen ein tupamaro aus uruguay den bezug auf indigene gesellschaftsmodelle mit der blindheit und auch arroganten abwertung der gesamten europäischen philosophie einschließlich marx für lebens- und gesellschaftsmodelle ausserhalb des westlichen "kulturkreises" begründete. es geht dabei übrigens nicht um die unreflektierte lobpreisung anderer kultureller modelle. aber vor allem der westlich-christlich-europäische naturbegriff ist ein einziges desaster; und prinzipiell auch das damit assoziierte menschenbild - "ich denke, also bin ich" und "macht euch die erde untertan" stellen zwei grelle wegweiser auf dem weg in eine grandiose sackgasse dar, die leider auch in diversen facetten linker politik- und weltmodelle existieren, von denen "die grünen" bekanntlich ursprünglich abstammen, zumindest zu großen teilen.
(...) "Das ist also das Lebensmodell, wenn die Grünen zur Mehrheitspartei werden: Der Mann arbeitet bei Bosch und macht irgendwelche klimaschädlichen Sachen - Bosch ist zum Beispiel der weltweit größte Hersteller von Verpackungsmaschinen für Konsumgüter -, während die Frau, die gegen Stuttgart 21 ist, im Ökosupermarkt leckeren Biokäse aus der Region und vollmundigen Biowein aus Apulien kauft, möglichst Verpackung vermeidend. Die Tochter studiert in Tübingen, demonstriert gegen Atomkraft und wird von ihrem Freund abgeholt, der praktischerweise ein Auto hat und dann mit ihr über die Autobahn rast. Nicht so schön aber wär's, wenn den vielen Indern und Chinesen ihr Wunsch nach einer passablen Wohnung, einem kleinen Auto und einem Besuch im Steakhaus erfüllt würde. So etwas muss auf Regierungskonferenzen unbedingt verhindert werden, idealerweise von grünen Ministern, unsere Kinder werden es uns danken." (...)
wunderschön boshaft formuliert zum einen, zum anderen aber wird zuletzt genau der punkt erwähnt, der am ende ganz basal dazu beitragen wird, den westlichen "way of life" auf seinen verdienten platz auf dem müllhaufen der geschichte zu befördern. mit welchem recht und mit welchen argumenten wollen europa und die usa dem rest der welt deutlich machen, dass das hier besonders in den jahrzehnten seit dem ende des wk2 existierende niveau des materiellen wohlstands eine historische abartigkeit, eine riesige blase darstellt, die aus sehr vielen und absolut zwingenden gründen platzen muss, aber bitte nicht hier bei "uns". und wenn schon, dann wenigstens bei uns als letzte, ohne sich dabei endgültig als jene raffgierigen plünderer und diebe der globalen ressourcen zu demaskieren, die besonders aus europa während der letzten jahrhunderte wie eine plage ausgeschwärmt sind?
wie die erwartbare und berechtigte antwort darauf aussieht, lässt sich bereits in der globalen politk bspw. von ländern wie indien und china betrachten. und ich schreibe "berechtigt", obwohl ich die ökonomische entwicklung dieser und anderer "schwellen"- und "entwicklungs"länder - diverse variationen des selben themas der kapitalistischen modernisierung - in so ziemlich allen aspekten katastrophal finde, nicht nur für die jeweiligen staaten. es ist aber zwingend ein ding der schieren unmöglichkeit, ohne weitreichendes runterfahren, eindämmen, abschalten der westlichen konsumgesellschaften und der damit assoziierten lebensstile von anderen zu fordern, sie sollen den versuch doch bitte unterlassen - und wenn die gründe dafür noch so zwingend sind -, an dieser lebensweise zu partizipieren. auf derartige ansinnen dürfte es mehrheitlich aus den oasen der sahara, aus andentälern, aus afrikanischen steppen und von asiatischen küsten die jeweiligen kulturellen äquivalente des gezeigten vogels geben. der spätestens dann durch andere gesten ersetzt werden dürfte, wenn auch dort überall deutlich wird, dass das durch internet und us-amerikanische soaps imaginierte "paradies" nicht nur keins ist, sondern auch definitiv unerreichbar ist und bleibt.
(...) "Der unersättliche Kapitalismus, der unsere Lebensform garantiert, bildet den Hintergrund für das grüne Lebensgefühl der Mittelklassen; mit fundamentaler Umkehr hat das alles nichts zu tun. Man muss ja schließlich auch Geld verdienen. Deshalb wird auch gerne die Illusion genährt, aus derselben Wachstumsdynamik, die Ressourcen verbraucht, entstünden auch bald jene Erfindungen, die den Ressourcenverbrauch stoppen - und uns zugleich im Wesentlichen so weiterleben lassen wie bisher. Wer wollte das nicht?" (...)
ähm, ich zum beispiel. die versteckten kosten dieses "so weiterlebens", und zwar auch und gerade solche, die sich gar nicht mal primär monetär quantifizieren lassen, sind inzwischen so krass und destruktiv - am schlimmsten in der verwüstung der beziehungsfähigkeiten zu beobachten -, dass jedes gerade von "effizienz", "lebensqualität" etc. als reaktion nur noch grelles hohngelächter verdient.
alles in allem ein erstaunlicher kommentar, gerade vor dem hintergrund der inhaltlichen entwicklung der "sz" in den letzten jahren. und nicht zufällig hat der in ein paar tagen mehr als fünfhundert kommentare nach sich gezogen, dort auch eher ungewöhnlich.
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ob der folgende kommentar mit dem sehr treffenden titelzurück in die wirklichkeitin der "taz" auch so eine diskussion anstösst? der rundumschlag ist in gewisser weise noch breiter und auch fundamentaler als in der "süddeutschen", werden doch zusätzlich ein paar eigenarten unserer jetzigen lebensrealität angesprochen, die ich hier auch immer wieder im focus habe:
"Die AKW-Katastrophe von Fukushima hat nicht nur die extremen Risiken der Atomenergie aufgezeigt, die skrupellose Profitgier der Stromkonzerne und die Verantwortungslosigkeit der atomkraftfreundlichen Regierungen. Sie hat auch ein Schlaglicht auf die Irrealität unserer alltäglichen Lebensführung in den westlichen Industrienationen geworfen.
Nehmen wir Japan: Ein Land, das seit Jahrzehnten die Mikroelektronik beherrscht, das Millionen von Menschen damit beschäftigt, die Menschheit mit digitalen Spielen, mobilem Internet, elektronischen Zahlungssystemen und anderem Schnickschnack zu beglücken, schafft es nicht, ein sicheres System der Energieversorgung zu errichten. Und offenbar gab es dort bis vor Kurzem kaum jemanden, der sich für diese Fragen interessierte.
Doch Japan ist überall! (...) Die breite Mehrheit unserer Gesellschaft plagt sich dagegen mit ganz anderen Problemen: mit dem Chatten im Internet, dem persönlichen Auftritt bei Facebook, den Leistungsvergleichen vor dem Kauf eines Navis und den günstigsten Flatrates fürs Handy.
Die Katastrophe in Fukushima ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie ist das Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung in den führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Die großen, überlebensnotwendigen Fragen treten zunehmend in den Hintergrund menschlichen Denkens und Handelns.
Das hat seine Gründe: In der modernen "Dienstleistungsgesellschaft" lebt der Mensch, von Naturgewalten abgeschirmt, in klimatisierten Bürotürmen und verbringt auch seine Freizeit vor dem Monitor. Der Kontakt zu den natürlichen Bedingungen des Lebens verflüchtigt sich. Sie erscheinen als äußere Selbstverständlichkeiten, die sich der aktiven Beeinflussung entziehen.
Der aufgeblasene postindustrielle Sektor produziert derweil Pseudogüter und Fantasiedienstleistungen: das Design, um die Marke A von der Marke B zu unterscheiden, sogenannte Finanzdienstleistungen, die virtuelles Geld aus einer Datei in die andere verschieben. Kommunikationsberater beraten die Unternehmensberater und lassen ihre Beratungsqualität anschließend evaluieren, um bei einer Zertifizierungsagentur ein Zertifikat zu erwerben. Bestimmt die Hälfte der städtischen Büroflächen könnte man mühelos planieren - und die Menschheit wäre um nichts ärmer.
Zwischen First und Second Life verschwinden die Grenzen. Was ist virtuell, was materiell? Kommt einem Short-Zertifikat auf den DAX gegenständliche Realität zu, oder ist es reine Fantasie? Bedeutet das Getippe im Chatroom Freundschaftspflege oder nur deren Simulation? Es gibt Leute, die studieren das TV-Programm eifriger als ihren Hartz-IV-Bescheid, weil das Leben vor dem Fernseher mit oder ohne Kürzungen irgendwie weitergeht."
jeder satz ein treffer, jede aussage ein fanal und eine anklage zugleich, deshalb zitiere ich hier ausgiebiger als sonst:
"In manchen Fußgängerzonen finden sich kaum noch andere Geschäfte als Handyläden. Der Mensch als Insasse einer entfremdeten Welt begibt sich auf Traumreise. Sein Leben wird zu einem verlängerten Kindergartenaufenthalt, in dem es nie genug Tastaturen gibt, auf denen man spielen kann. Wenn etwas piept oder quietscht, kommt Freude auf.
Je unwichtiger ein Gegenstand für das reale Leben objektiv ist, desto mehr Zeit, Material und Geld verschwendet unsere Gesellschaft für seine Herstellung und Nutzung: Während nur noch 292.500 Menschen damit beschäftigt sind, unser tägliches Brot zu backen, arbeiten in der Werbeindustrie mehr als 550.000 Beschäftigte. Wir können Aktien vom Display unseres Handys aus ordern, aber den künstlich geschaffenen Stress der Arbeit immer weniger bewältigen.
Nach Feierabend Freunde zu treffen, dazu fehlt uns die Muße, weil die Arbeit derart verdichtet ist, dass am Abend das Gehirn seine Schotten dicht macht. Bei der France Télécom sprangen vor zwei Jahren die Mitarbeiter aus Verzweiflung gleich reihenweise aus dem Fenster. Wer acht Stunden am Tag mit kryptischen E-Mails und zermürbenden Meetings traktiert wird, hat danach für Beziehungsdiskussionen keinen Nerv mehr. Die unverbindliche SMS ist das Einzige, was noch geht." (...)
die dargestellte rolle der akw in einer so reduzierten und deformierten art der wahrnehmung unterschreibe ich weitgehend, und der appell am ende ist zwar aus meiner perspektive noch unzureichend, aber dennoch ein nötiger anfang:
(...) "Klar, ein Zurück in die "Müsli-Zeit" kann es nicht geben. Doch die Konsequenz aus der Fukushima-Katastrophe sollte ein neuer Realismus sein: Boykottiert die Unterhaltungsindustrie, führt handyfreie Tage ein und entsorgt endlich die Glotze! Nehmt wieder realen Kontakt zu den Menschen und zur Natur auf und gestaltet euer Leben selber - überall da, wo es geht!"
yay! im grunde wird hier schon ziemlich viel von dem zusammengefasst, was ich neulich in den kommentaren zu einem anderen beitrag mit bezug auf "den kommenden aufstand" schon mal geschrieben hatte und was auch "das unsichtbare komitee" nach meinem verständnis ähnlich formuliert und auf den punkt bringt: der alltag hier ist die eigentliche katastrophe, die alle anderen - ob das nun ölteppiche von der größe ganzer kleinstaaten sind, vor sich hinrauchende akw-ruinen, oder aber die langfristig vielleicht noch schlimmeren, aber unspektakulären prozesse der allmählichen vergiftung ganzer lebensbereiche, aber auch zb. finanzkrisen - hervorbringt. der alltag der weitaus meisten menschen beruht inzwischen - und diese aussage begründe ich primär, aber nicht nur, aus eigenem erleben - auf der gleichen art illusionärer blasen wie das gesamte gesellschaftliche leben westlicher zurichtung. die explosion des virtuellen und objektivistischen ist vor diesem hintergrund eine sehr logische reaktion, wenn auch grundsätzlich leider ungeeignet zur realen problembewältigung, auf eine fundamentale und existenzielle krise, weil sie dem "mehr-desselben-prinip" folgt.
da aber unserer alltag in der regel am engsten und nahesten mit unserem denken und fühlen verbunden ist und dieses auch - selbst bw. gerade in den verzerrungen - getreulich wiederspiegelt, erlaubt diese tatsache auch eine nähere bestimmung des ausmaßes der krise, in der sich die westlichen lebensentwürfe inzwischen ganz offen befinden. es ist nicht nur eine finanzkrise, nicht nur eine wirtschaftskrise, nicht nur eine ressourcenkrise in vielen bereichen - die genannten plus die ökologischen krisen zusammen machen es notwendig, eine systemkrise zu konstatieren. aber selbst dieser befund bringt die sache vermutlich noch nicht auf den punkt - da alles dafür spricht, dass unser alltägliches und gewohntes fühlen und denken selbst in gewaltigem ausmaß fundamental und grundsätzlich falsch ist, neige ich persönlich inzwischen dazu, von einer evolutionären krise auszugehen, weil sie derart tiefe und fundamentale veränderungen in uns selbst, genauer der art unserer selbst- und fremdwahrnehmung und folglich den ganz persönlichen wertesystemen nötig macht, dass ich dafür nirgends auch nur ansatzweise etwas historisch vergleichbares sehe. und wir sind evolutionsgeschichtlich eine wirklich junge spezies, gerade mal am rand des krabbelalters angekommen.
mir ist schon klar, dass dieser gedanke der weiteren erläuterung bedarf, und ich werde in kommenden beiträgen auch drauf zurückkommen. für heute und zu später stunde möchte ich ihn jedoch schon mal in den (virtuellen) raum stellen.
(auch, wenn es sichdabeinur um die bestätigung eines sachverhalts handelt, der meiner meinung nach von den allermeisten menschen bereits "gewusst", aber von vielen nicht wahrgenommen wird...)
(...) "Emotionale Tiefschläge werden oft mit körperlichen Schmerzen verglichen - entsprechende Redewendungen finden sich in den meisten Sprachen. Bei manchen Menschen stellen sich sogar echte körperliche Beschwerden ein. Das kommt nicht von ungefähr, wie eine Studie jetzt ergeben hat. Der Gedanke an den emotionalen Tiefschlag erzeugt demnach in denselben Hirnregionen Aktivität wie die Erfahrung physischer Schmerzreize." (...)
juchu. das erste, was ich nach einem langen festen schlaf gestern mittag von der welt vernahm, waren die grotesken sprünge der tepco-istischen desinformationspolitik, Sie wissen schon, die millionenfache belastung des wassers in den reaktoren, die dann - "leider, wir bitten um entschuldigung" - ein meßfehler gewesen sein soll. wenn man sich so durch die verfügbaren informationen nicht nur hierzulande wühlt, bleibt am ende eigentlich nur ein schluß: die situation dort ist nicht nur übel, sie ist regelrecht beschissen. dies vor allem deswegen, weil offensichtlich niemand wirklich einen plan davon hat, was erstens in den reaktoren eigentlich tatsächlich passiert, geschweige denn zweitens, was jetzt zu tun wäre. man kann diese rauchenden und strahlenden ruinen noch nicht mal tschernobyl-artig einsargen, weil vieles darauf hindeutet, dass mindestens in einem reaktor eine kernschmelze schon lange im gange ist und vor einem zuschütten die temperaturen erst ausreichend runtermüssen (so jedenfalls mein eigenes fazit nach ansicht diverser beiträge von leuten, die sich professionell mit kernphysik und atomenergie beschäftigen). bleibt bis auf weiteres die hoffnung, dass sich der wind nicht dreht - soweit sind wir schon gekommen.
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aus diesem und anderen gründen gebe ich dem desaster in japan jetzt bevorzugt platz - was mir in anbetracht der anderen globalen ereignisse nicht gerade leicht fällt, weil es in verschiedener hinsicht durchaus - ja doch, erfreulicher wäre, sich mit den letztgenannten zu beschäftigen. das sind dann nicht nur solche massenproteste wie gestern in london oder auch erst neulich in portugal, sondern ebenfalls die weitere entwicklung der aufstandswelle in nordafrika, arabien und anderen regionen. in diesem zusammenhang empfehle ich einmal mehr denaushilfshausmeisterbei der "taz", der bei seinen betrachtungen inzwischen auch dem atomaren GAU einen platz einräumt. ebenfalls sind dienahostinfosweiter eine gute quelle für zeitnahe infos.
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massenproteste der besonderen art hatten wir ja nun gestern auch hierzulande, und ich muss gestehen, dass ich mir teils wie in einer zeitschleife vorkomme. ich war vergangenen montag selbst bei der örtlichen variante der hundertfachen anti-atom-"mahnwachen", teils aus emotionalem bedürfnis heraus, teils auch aus interesse, wer sich denn überhaupt so auf die straßen bewegt gerade. als erstes hat mich das altersspektrum überrascht - sehr viele ältere, ab 50 aufwärts, fanden sich neben vielen schülerinnen (ja, primär die weibliche form diesmal - viele mädchen bzw. junge frauen) sowie einer gruppe, die ich durchaus gehässig als "typische grünwählerInnen" beschreiben würde; dazu das ganze spektrum der erkennbaren "veteranen der bewegung" aus anti-akw- und umweltgruppen. vereinzelt ein paar parteifahnen dazu, gab das insgesamt ein buntes bild, welches dominiert wurde von einer mir in der form neuen äusserlichkeit: viele fahnen mit der roten sonne.
"Verbraucherschutz-Ministerin Margit Conrad (SPD) protestiert gegen Pläne der EU, die Cäsium-Grenzwerte für Lebensmittelimporte aus Japan heraufzusetzen. Eine entsprechende Eilverordnung der Europäischen Union sollte nach Angaben Conrads am Samstag in Kraft treten.
Nach dieser Verordnung dürfen laut Conrad Waren wie Gemüse, Fleisch, Fisch und Getreide bis zu einem Höchstwert von 1.250 Becquerel an Cäsium 134 und Cäsium 137 pro Kilo in Verkehr gebracht werden. Damit könnten Waren mit einer radioaktiven Belastung bis zu diesem höheren Wert aus Japan importiert werden und auf den europäischen und deutschen Markt kommen." (...)
alle, die alt genug sind, um sich an die zeiten "nach tschernobyl" zu erinnern, dürften bei derartigen meldungen heimelige erinnerungen bekommen... mal abgesehen davon, dass die ganze geschichte tatsächlich als frechheit daherkommt, bei der es interessant wäre zu wissen, welche lobby da im hintergrund wieder die gichtigen und gierigen finger im spiel hat.
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interessant war vor allem das zusammentreffen verschiedener gruppen, die ansonsten leider und bezeichnenderweise wenig bis gar nichts miteinander u tun haben - findet doch montags regelmässig auf dem marktplatz seit jahren tatsächlich auch eine "montagsdemonstration" von erwerbslosen bzw. einigen gruppen aus diesem spektrum statt, die mangels masse aber seit langer zeit den status einer kundgebung mit angeschlossenem "offenen mikrofon" nicht überschreitet. diese versuchten nun, nicht ohne grund und inhaltlich durchaus berechtigt, den bogen zu schlagen zwischen der desolaten sozialen situation vieler leute hier zu dem drohenden bzw. stattfindendem desaster in japan. ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob das wirklich gelang (wie ich mir generell nicht sicher bin, ob das vermitteln doch etwas komplexerer zusammenhänge bei solchen anlässen nicht von vorneherein zum scheitern verurteilt ist), aber die zuströmenden anti-akw-bewegten hörten sich das zumindest größtenteils interessiert an. irgendwann wurde dann von den veranstaltern der mahnwache ihre eigene tonanlage in betrieb genommen, und mir ging erst im verlauf der nun folgenden kundgebung auf, wer das eigentlich organisiert hat: neben einigen umweltverbänden federführend "die grünen", und so standen dann auch neben einigen senatoren aus der rot-grünen landesregierung weitere funktionäre der partei herum, um u.a. den worten des hiesigen umwelt- und verkehrssenators zu lauschen. an diesem punkt ergriff mich dann das erste mal starker widerwillen und ich dachte leicht betrübt an zeiten zurück, an denen so ein redner nach seinen ersten sätzen vom publikum nachdrücklich zum abgang aufgefordert worden wäre.
vor allem dann, wenn die rede eines solchen systemtragenden funktionärs tatsächlich auch genauso klingt: wie eine rede eines solchen funktionärs halt, druckreif, rhetorisch pompös aufgeblasen, und inhaltlich von der konsistenz einer qualle. betrüblich, dass für etwas derartiges genauso beifall geklatscht wurde wie für die anschließenden worte eines mitglieds von robin wood, die im vergleich zum vorhergehenden schon zwangsläufig wohltuend deutlich und regelrecht radikal klangen. die zeiten sind ganz offensichtlich schon andere als "damals".
nach all dem erklärten dann die "grünen" die veranstaltung für beendet, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass alle, die das bedürfnis hätten, "natürlich" so wie den vergangenen montag auch noch demonstrieren könnten, wofür die "montagsdemo" dann wieder die formale verantwortung übernahm. viele der etwa meiner eigenen schätzung nach 800 - 1000 anwesenden machten sich dann auch auf den weg, nur halbherzig und versuchsweise aufgehalten von einer kleinen einheit bereitschaftspolizei, die allerdings auch ohne helm und schild anwesend war. die wurden mit einer erstaunlichen selbstverständlichkeit stehengelassen, und es formierte sich dann in der zunehmenden dunkelheit eine demo durch die abendliche innenstadt, vorbei am örtlichen "energieversorger" und dem cdu-parteibüro, über die nicht mehr viel zu sagen ist.
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hirnschmelze II: jetzt habe ich mir ein paar stunden "wahl"berichterstattung gegeben und weiß nicht, was ich eigentlich schlimmer finde: das es immer noch so viele gibt, die zu diesem simulativen event rennen und ernsthaft glauben, damit auch nur irgendwas beeinflussen zu können? das es immer noch leute gibt, die vor allem die offene fraktion der kapitalhörigen blockparteien wählen? oder ist das schlimmste vielleicht die zahl derjenigen, die anscheinend wirklich glauben, dass die "grünen" in der lage seien (nicht unbedingt nicht willens, da dürfte es dort schon einige geben, denen das abzunehmen ist), nicht nur den nationalen ausstieg aus der atomenergie zu schaffen, sondern auch international mit ihren mitteln druck zu machen? immerhin ist es sehr deutlich geworden, dass diese frage zur nagelprobe dieser partei werden wird und auch ein derartiges agieren wie zu zeiten von rot-grün im bund nicht unbedingt möglich erscheint. bin sehr gespannnt darauf, was sich der reaktionärste teil dieser partei (von dem kretschmann einen würdigen vertreter darstellt) ausdenken wird, um in dieser frage die quadratur des kreise zu schaffen.
wobei das schlimme daran ist, dass man denen genau in dieser frage auch noch wirklich glück wünschen muss - der ausstieg, genauer der schnelle ausstieg, ist eine blanke und existenzielle notwendigkeit.
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ich muss ja gestehen, dass ich die frage der "friedlichen" nutzung der atomenergie lange zu sehr am rande gelassen habe - "politisch sozialisiert" in der81er-bewegung, waren die anti-akw-proteste in jenen zeiten immer etwas selbstverständliches, obwohl ich mich dort nie so recht involviert habe. klar habe ich die großen demos damals - "republik freies wendland" in gorleben, die hunderttausend im kalten februar in brokdorf etc. - immer sympathisierend verfolgt. und auch wusste ich bereits etliche argumente gegen diese technologie zu nennen, aber ernster wurde das erst nach tschernobyl.
was in den letzten tagen und wochen aber alles an informationen dazukam, zwingt mich jetzt, die ganze geschichte nochmals neu zu bewerten. und inzwischen frage ich mich, wie ich nur so blind sein konnte, so lange das ganze destruktive potenzial und das volle ausmaß der schier unbegrenzten kriminellen energie innerhalb der atomindustrie plus verbandelter sparten nicht zu erkennen. nicht nur die in den letzten beiträgen schon erwähnten begleitumstände beim uranabbau über den störanfälligen betrieb bis hin zur nicht lösbaren "endlagerung" auf zehntausende von jahren sprechen absolut und zwingend gegen jegliche nutzung der atomenergie, nein, es ist vor allem ihr gleichfalls in jeder hinsicht unmenschliches maß. und das meine ich in keiner hinsicht moralisch, sondern wortwörtlich:
die technik selbst ist bereits viel zu komplex, um die ständig notwendige fundamentale kontrolle der diversen prozesse auch nur ansatzweise zu gewährleisten
zeitliches ausmaß, räumliche ausdehnung und die nur indirekt mögliche wahrnehmung radioaktiver strahlenbelastung überfordern jedes menschliche vorstellungsvermögen, damit aber wird auch allen realistischen gefahreneinschätzungen gerade im sog. routinebetrieb die fundamentale basis entzogen, was sich dann u.a. in jenen vielfältig auftretenden fällen "menschlichen versagens" äussert. ein "versagen", welches aber erstens zwangsläufig ist und zweitens eben und gerade hier nicht passieren darf
und welche andere technologie bringt es mit sich, dass wirklich schwere stör- und unfälle nicht nur ganze länder, sondern gleich ganze kontinente und die dazugehörigen ökologien existenziell und auf dauer schädigen können? sicher, die wirkungen von analogen fällen zb. in der chemieindustrie oder auch dem ölbusiness werden meist unterschätzt. aber radioaktive strahlung und partikel können über unfassbar lange zeiträume ein elementares problem darstellen.
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hirnschmelze III: ein wie ich finde wirklich interessanter blogbeitrag der "tagesschau" zur frage nach dem stand des katastrophenschutzes in d-land im falle eines atomaren GAU. beachten Sie vor allem auch die kommentare, da sind einige von angehörigen des "thw" und verschiedener feuerwehren dabei, die ziemlich deutlich sagen, was sache ist. fazit: im falle des falles werden wir hier genauso hilflos und dumm dastehen wie jetzt die leute in japan.
und ich mache gleich mit der hirnschmelze IV weiter - das geht in diesemkommentarneulich doch zu sehr unter:
"TÜV Süd ist eine Aktiengesellschaft. 74,9 % der Aktien gehören dem TÜV e.V., der ca. 13.500 Mitglieder hat; die übrigen 25,1 % gehören der "TÜV SÜD Stiftung". Mitglieder des TÜV e.V. sind unter anderem die Energiekonzerne E.ON, Vattenfall und EnBW."
dieser "tüv" - viele leute scheinen ja in diese institution, oder besser in diesen namen, durchaus vertrauen zu setzen - hat u.a. die aufgabe, genau die akw zu kontrollieren, die von seinen größten aktionären betrieben werden.
ich meine, das ist wieder so ein fall, wo jeder mafiosi (also von der "illegalen" mafia) schlicht grün vor neid werden muss. apropos "grün": das wird auch sehr interessant sein zu beobachten, wie "die grünen" dort im süden jetzt mit genau dieser konstellation weiter umgehen. kann mir nicht vorstellen, dass die nicht wissen, was dieser sachverhalt eigentlich bedeutet. fällig wäre eigentlich die sofortige ersetzung dieser "kontrolleure" durch zumindest einigermaßen unabhängige instanzen. als allererste und mindeste aktion.
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betrachten Sie sich einmal dieses video aus japan:
es zeigt die wirklich schwer fassbare gewalt, die in dem tsunami steckte, der auf das beben folgte. und mir wurden dadurch erst jene bilder von städten und dörfern verständlicher, die nichts weiter mehr als ziemlich eingeebnete flächen von geshreddertem schrott zeigen.
was ich mir danach aber auch dachte: nicht nur das akw in fukushima scheint bei ansicht dieser szenen noch glück im unglück gehabt zu haben. auch, wenn im film deutlich wird, dass große gebäude aus beton einzig die stabilität zu haben scheinen, die für das überstehen eines tsunamis dieses kalibers nötig ist. aber bekanntlich gibt es noch stärkere und höhere tsunamis, die dann nicht nur wie in jenen anderen surrealen bildern der katastrophe halbe brennende häuser an ihrer spitze und an ihrer oberfläche mit sich reißen (ein anblick, der mich persönlich aus irgendwelchen gründen besonders verstört hat), sondern die dann gleich mal ganze reaktordruckgefäße weiter ins land befördern können. sicher, solche tsunamis sind "ausnahmen" - genauso so, wie ein erdbeben der stärke neun. und da lässt sich in jeder hinsicht nur jenem japanischenerdbebenforscherzustimmen, der bereits vor einigen jahren "tepco" direkt auf die tsunami-gefahr hinwies und neulich sagte:
"Es sollte umfangreiche Flexibilität geben, wenn es um die Sicherheit eines Atomkraftwerks geht", sagte Okamura am Samstag. "Es ist eine komische Einstellung, ungewisse Aspekte nicht mitzuberücksichtigen."
"komische einstellung" ist wirklich gut - sollten wir hier nicht deutlich von krimineller und vermutlich bewusster ignoranz reden? vermutlich ist japan, was diese naturphänome angeht, einer der ungünstigsten orte auf diesem planeten überhaupt, um da atomare anlagen hinzustellen. und ich bin gespannt, falls das land wünschenswerterweise dieses mal noch mit einem quasi blauen auge davonkommen sollte, ob dann daraus die einzig denkbare konsequenz gezogen wird?
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aber diese besonders aufwendige form des kollektiven suizids, welche atomenergie darstellt, ist natürlich kein rein japanisches phänomen, wie in derhirnschmelze Vdeutlich wird:
(...) "Aber Indonesiens Regierung will die Atomkraft, auch wenn das Land ähnlich wie Japan im heiklen tektonischen Bereich des pazifischen Feuerrings liegt. Noch ist der Inselstaat ein Entwicklungsland, aber die Wirtschaft wächst schnell und der Energieverbrauch steigt rasant. Seit Ende 2010 gibt es ein Abkommen für den Bau von zwei Atomkraftwerken auf der Hauptinsel Java: Muria 1 und Muria 2 - am Fuß des schlafenden Vulkans Mount Muria. Auch nach der Katastrophe in Japan gibt es bisher keine Reaktion der indonesischen Regierung, die auf eine Änderung der Pläne hindeutet." (...)
am fuß eines schlafenden vulkans... warum nicht gleich im krater selbst? das gäbe dann wenigstens vielleicht ein spektakuläres feuerwerk, wenn sich dieser vulkan eines tages regen sollte (was er irgendwann sicher wird - er liegt auf dem pazifischen feuerring).
ich meine, wie absolut irre muss man sein, um auch nur überhaupt auf so eine völlig durchgeballerte idee zu kommen?
***
aber diese spezifische art von suizidalem und massenmörderischem wahnsinn, welcher sich hinter dem ewigen gehechel vom "wachstum! wir brauchen wachstum und energie!" versteckt, lässt sich durchaus weltweit beobachten, ob es sich nun um öl-, pharma-, gen-, oder sonstige industrien handelt. die nuklearbranche jedoch toppt in gewisser hinsicht und aus gründen, die ich weiter oben schon angeführt habe, nochmal alle anderen. es ist dabei übrigens auch völlig egal, in welcher art von gesellschaftssystem sie gedacht wird - es ist die technik an sich, die hier völlig unakzeptabel ist. ich habe mich die tage in einem forum mit jemandem herumgestritten, der doch ernsthaft die these vertrat, dass unter anderen eigentumsverhältnissen und vergesellschaftet die atomenergie doch gefahrlos betrieben werden könne... auch eigentlich ein fall von hirnschmelze, der mich an gewisse äusserungen zb. seitens der dkp noch in den 1980er jahren erinnerte, nach denen "sozialistische" akw völlig sicher seien, "weil sie ja dem volk gehören würden". ausser unschönem gegurgel fällt mir zu leuten nichts mehr ein, die einen derartigen blödsinn heute noch vertreten.
und ja, kurz hier schon mal meine antwort auf all diejenigen, die gerade an vielen stellen mit scheinalternativen operieren: "wenn wir keine atomkraft nutzen, müssen wir halt mehr fossile brennstoffe (kohle, öl) verbrennen, um unseren lebensstandard zu halten".
überraschung: müssen wir nicht, und können wir vor allem auch nicht. peak oil ist eine realität, atomenergie aus gründen total abzulehnen. und es gibt auch mittelfristig so etwas wie peak coal, d.h. auch kohle ist ein endlicher rohstoff, der sich dazu bei der verbrennung noch negativ klimatisch bemerkbar macht. das potenzial von geothermie, wind- und solarkraft sowie gezeitenkraftwerken ist noch keineswegs voll ausgeschöpft, aber ich wage die prognose, dass selbst in diesem fall niemals mehr und nirgendwo das materielle niveau der derzeitig existierenden "westlichen zivilisation" v.a. in unseren breiten erreicht oder auch nur gehalten werden kann. ja, da lugt das böse wörtchen "verzicht" wieder um die ecke. verzicht allerdings nur für solche leute, die völlig unfähig erscheinen, sich ein anderes leben jenseits der wahl zwischen 30 waschmittelsorten, 500 fernsehprogrammen, sechsspurigen autobahnen, billigflügen für 19 euro fuffzich sowie stand-by-schaltern am elektrischen dosenöffner auch nur ansatzweise vorstellen zu können.
am ende noch etwas erfreuliches: es kommen gerade weltweit menschen auf den gedanken, sich einmal näher mit den jeweiligen zweigen der atommafia in ihrem land zu beschäftigen - ob es sich dabei um dieusahandelt...
"In Kalifornien liegt das Kernkraftwerk San Onofre - mitten im Erdbebengebiet und zwischen zwei Millionen-Städten. Gegen Katastrophen hält man sich für gut gerüstet, dabei hat der Betreiber jahrelang gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen." (...)
...oder umchina, ob es sich um indien handelt oder italien (wo es am samstag ebenso wie in der schweiz anti-akw-demonstrationen gab), und selbst in den zitadellen der "nuklearen religion", wie frankreich oder eben auch und gerade japan, beginnt sich, erster widerstand zu entwickeln. aber es gilt allerdings auch: wann, wenn nicht jetzt?
(und mir persönlich reicht dieser eine satz auch - würde ich mir den ganzen kommentar vorknöpfen, so würde ich eine nicht druckreife sammlung bösester beschimpfungen und flüche produzieren. das, was da zu lesen ist, kann als verkappter suizid- und gleichzeitig mordwunsch bezeichnet werden, es ist eine derartige propaganda, dass mir die spucke wegbleibt. es erreicht (strukturell!) auch schon mühelos das level der mentalität von endsiegüberzeugten nazis ca. ende 1944.)
und das in den gleichen stunden, in denen die immer noch unvollständigen informationen aus japan immerböserwerden:
(...) "Die IAEA gibt an, dass hohe Werte von Beta-Gamma-Kontaminationen zwischen 16 und 58 km Entfernung vom AKW gefunden wurden. Die Werte liegen zwischen 200.000 und 900.000 Becquerel (Bq) pro Quadratmeter. Die IAEA kann nicht ausschließen, dass solche hohen Werte auch in größeren Entfernungen auftreten. (...)
Zur Bewertung liegt ein Blick zurück auf die Situation nach Tschernobyl nahe. Hot spots wurden von den russischen Behörden damals als lokal begrenzte Kontaminationen von mehr als 555.000 Becquerel pro Quadratmeter definiert. Das ist die Größenordnung, die in Japan zwischen 16 und 58 km von der IAEA gemessen wurde. Die Ausdehnung dieser Zone in Japan ist vergleichbar mit der Sperrzone westlich von Tschernobyl.
Wir haben es jetzt mit dem SuperGau zu tun. Die Vergleiche mit Tschernobyl werden ernst. Weitere Evakuierungsmaßnahmen sind dringend erforderlich. Es wird vor weiterer Bagatellisierung der Kontamination des Meeres gewarnt. " (...)
heute nachmittag gab es dazu noch die information (von "tepco" selbst, die nur das zugeben, was auf keinen fall verheimlicht werden kann), dass über einen kilometer außerhalb der reaktorenneutronenstrahlunggemessen wurde, was auf die freisetzung von plutonium und/oder uran hindeutet. währenddessen sind die konzentrationen radioaktiven jods im trinkwasser von tokio so hoch, dass babys und kleinkinder nach regierungsanordnung damit nicht mehr in berührung kommen dürfen. ich versuche mir das schon die ganze zeit vorzustellen, wie eltern mit einer solchen situation umgehen - eltern, die zudem wie auch kinderlose gesagt bekommen, dass für erwachsene der konsum "unbedenklich sei"...
"sachlich bleiben", my ass. etwa so: "bitte stellen Sie sich ruhig und gesittet für Ihre vernichtung an", oder was?!? es ist eher an der zeit, endgültig stinksauer zu werden.
eininterview(in englisch) mit natalia manzurova - einer ingenieurin, die 1986 und in den folgejahren in tschernobyl an den "aufräumarbeiten" beteiligt war und heute die einzige überlebende ihres damaligen teams ist - zu unterschieden und gemeinsamkeiten zwischen tschernobyl und fukushima.
ich kann momentan immer noch nur sporadisch und begrenzt online gehen, was ich gerade zum jetzigen zeitpunkt nervig finde - für längere texte muss ich mir erst wieder einen anderen arbeitsmodus einfallen lassen (ja, es gibt ein paar möglichkeiten).
jedenfalls ist mein kopf voll von gedanken, und ansonsten sitze ich auf einem berg von teils extrem widersprüchlichen und überwiegend unerfreulichen gefühlen. das ist die crux dieses mächtigen virtuellen mediums: informationsoverkill. was nichts daran ändert, dass hier wie kaum irgendwo anders eine möglichkeit besteht, informationen von allgemeiner relevanz zu verbreiten. der erste teil der überschrift war ungefähr mein erster gedanke, als ich mit dem folgendenkonfrontiert wurde - die meldung ist von gestern:
"A large oil slick – 12-miles wide by 100-miles long – was spotted yesterday off Grand Isle, Louisiana, by pilot Bonny Schumaker, who heads up the California-based environmental nonprofit “On Wings of Care.” Ms. Schumaker confirmed that the slick is rapidly expanding, and reports that she will be returning to the site as soon as possible to further investigate the situation." (...)
kurz noch mal übersetzt: vorgestern wurde vor der küste von louisiana ein großer - 100 meilen lang, 12 meilen breit - ölteppich bisher unbekannter herkunft entdeckt, der sich laut beobachtungen weiter vergrößert. die stelle, an der er sich befindet, ist ca. 20 meilen von der ehemaligen "deep water horizon" unseligen angedenkens entfernt. auf der verlinkten seite gibt es luftbilder zu sehen. auch diehuffington postberichtet mittlerweile.
was das bedeutet? ich habe momentan keine ahnung, aber es melden sich gerade einige schlimmebefürchtungenaus dem letzten jahr wieder.
das "diese geschichte" selbst im besten falle keinesfalls für alles leben am golf vorbei und erledigt ist, hatte ich in den letzten wochen ja bereits schon an verschiedenen stellen angemerkt. ein beispiel dafür sind aller wahrscheinlichkeit nach zb. dietoten delphinbabys:
"Ein knappes Jahr nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko werden an den Küsten der US-Bundesstaaten Alabama und Mississippi zehn Mal so viel tote Delfin-Babys angespült wie in anderen Jahren. In den vergangenen zwei Wochen seien 17 tote Delfin-Babys gefunden worden, teilte das Institut für Meeressäuger-Studien mit. "Normal sind ein oder zwei im Monat. Dieses Jahr haben wir 17, und der Februar ist noch nicht mal vorbei", sagte Moby Solangi, Leiter des Instituts in Gulfport im Bundesstaat Mississippi. "Aus irgendeinem Grund haben sie Fehlgeburten", sagte Solangi. Er warte auf die Ergebnisse einer Untersuchung zweier toter Delfin-Babys, um Angaben zur Todesursache machen zu können.
Die hohe Zahl von Totgeburten sei nicht normal, und die Explosion der Ölbohr-Plattform "Deepwater Horizon", in deren Folge rund 780 Millionen Liter Öl ins Meer liefen, spiele wahrscheinlich eine Rolle, sagte Solangi. Die Zahl toter erwachsener Delfine verdreifachte sich im vergangenen Jahr von 30 auf 89. "Wir sollten nicht voreilig Schlüsse ziehen, bis wir erste Ergebnisse haben", sagte Solangi, "aber dies ist mehr als nur ein Zufall". (...)
das letzte heisst schlicht: statistisch so signifikant, dass der zufall als verantwortlicher ausscheidet. das macht erst recht sinn, wenn man sich die weiteren, und auch unter menschen zu beobachtenden folgen betrachtet. aber diese letzteren werden zum thema eines eigenen beitrags gehören.
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noch ein wort zu japan: weiterhin heisst es daumen drücken, wobei es nicht nur hinsichtlich der zunehmenden meldungen hinsichtlich radioaktiver kontaminationen von lebensmitteln und wasser (natürlich inmer ganz "unbedenklich" ...) so aussieht, dass sich enorme schäden bereits irreparabel ereignet haben. die japanische (des-)informationspolitik jedenfalls ist ein eigener skandal innerhalb der ganzen sache.
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update: das bietet der oben verlinkte bericht der huffpost aktuell, und da heisst es, dass die us-küstenwache davon ausgeht, dass das neue öl nicht mit der versiegelten quelle der "deep water horizon" in verbindung stehen würde. was bedeuten würde, dass es sich in diesem fall um eine neue verschmutzung aus bisher unbekannter quelle handelt. es gibt z.zt. - nach zwei tagen - offensichtlich in den usa keine (öffentlichen) hinweise darauf, wer dafür verantwortlich ist bzw. was für eine art aktion diesen ölteppich produziert.
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update 2: im gegensatz zu meinem ersten letztgenannten obigen eindruck existieren doch erste hinweise auf einenverdächtigen - dieser blogeintrag greiftinformationenauf, wonach es sich um ein leck auf bzw. unter der bohrinsel " Matterhorn SeaStar" des konzerns "w&t offshore" handeln soll. insgesamt ist die nachrichtenlage aber unübersichtlich, deshalb bleibt das alles mit vorsicht zu geniessen. und ja, den weiter oben verlinkten huffpost-beitrag hatte ich beim ersten mal ungelesen zwecks ergänzung übernommen, der enthält bereits den genannten verdacht. sorry!
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update 3, 21.03.: wäre die mediale aufmerksamkeit ohne die derzeitigen - hm, zynisch vom standpunkt der sog. aufmerksamkeitsökonomie muss man wohl sagen blockbuster libyien und japan für diesen doch nicht gerade kleinen ölteppich und seine mögliche entstehung größer? es ist jedenfalls schwer, selbst in den usa ausser in ein paar blogs auch nur irgendetwas relevantes zu finden. aber das sich bis heute in so ziemlich allen deutschsprachigen medien noch nicht mal das kleinste infofitzelchen finden lässt, spricht bände. und nein, das muss auch nichts mit einer (eingebildeten) "großen verschwörung" zu tun haben.
diese nullberichterstattung macht es jedenfalls den real und möglicherweise involvierten bisher einfach, zu deckeln und womöglich wie gewohnt desinformationen zu streuen. das ist jedenfalls mein eindruck nach anblick des folgendenartikelsvon heute aus einem us-blog:
(...) "The Coast Guard says it collected samples from the slick that showed trace amounts of petroleum hydrocarbons, oil and grease. It speculates that the pollution could be caused "by a tremendous amount of sediment being carried down the Mississippi River due to high water, possibly further agitated by dredging operations." The agency says it does not believe the pollution is coming from the Deepwater Horizon spill site." (...)
also okay, zum letzteren - das die küstenwache nicht glaubt, dass es sich hierbei um öl aus dem "deep water horizon"-komplex handelt, das kann ich ja noch nachvollziehen. das lässt sich auch meines wissens durch eine chemische analyse sehr schnell ausschließen oder eben bestätigen. aber die erste behauptung, dass es sich dabei angeblich um durch hochwasser aufgewirbelte sedimente des mississippis handelt - was ist das denn für eine nichterklärung? es existieren aussagen von fischern, die durch die neue verschmutzung gefahren sind - brennende, tränende augen sowie die bemerkung eines anderen, er hätte selbst bei beim ölGAU des letzten jahres nicht derart viel öl auf einem haufen gesehen wie aktuell, machen diese these eher noch abstruser. es sei denn, der grund des mississippis hätte sich komplett in ölschlamm verwandelt - das aber wäre dann ein anderes thema ebenso unerfreulicher natur.
die geschichte jedenfalls hat es dringend nötig, verfolgt zu werden. für weitere hinweise, über die die leserInnen womöglich stolpern, wäre ich natürlich dankbar.
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update 4, 22.03.: vermutlich fühlen sich inzwischen viele anwohnerInnen der us-golfküste in einer horrorversion von "und täglich grüßt das murmeltier" gefangen - so berichtet dieserkommentaraus florida, das es dort seit sonntag an der küste deutlich und lästig nach öl stinken würde. währenddessen treibt in louisiana an verschiedenen stränden und an den vorgelagerten inseln des mississippi-deltasfrisches ölan - zum letzteren äusserte sich die us-küstenwache inzwischen dahingehend, dass es sich dabei um öl aus einem lecken bohrloch in küstennähe handeln würde, allerdings ohne nähere einzelheiten zu nennen. und sie bestreitet nebenbei auch weiterhin implizit, dass der gemeldete und durchaus als riesig zu bezeichnende ölteppich weiter draussen überhaupt ein solcher wäre - baggerarbeiten im mississippi flußaufwärts hätten sedimente in großen mengen gelöst, die jetzt sichtbar wären. nach ihren eigenen untersuchungen enthielten diese sedimente lediglich spuren von kohlenwasserstoffen bzw. rohöl.
dem wird von augenzeugInnen deutlich widersprochen - sowohl fischer als auch mitglieder unabhängig beobachtender gruppen auf flugzeugen und schiffen berichten ebenfalls von deutlich wahrnehmbaren ölgeruch selbst in höheren luftschichten:
"They could smell it from the airplane and I could smell it from the boat. This wasn't just Mississippi River mud."
ebenfalls verhalten sich tiere wie delphine und schildkröten innerhalb der treibenden öligen wolke deutlich ungewöhnlich. die us-küstenwache hat angekündigt, weitere wasserproben zu testen und sucht nach dem verursachenden leck an der küste von louisiana. da es sich dabei um eine staatliche behörde handelt, wäre es sehr interessant, zu welchen resultaten unabhängige untersuchungen kommen würden - nachdem die obama-administration das "moratorium" des letzten jahres bezgl. tiefsee-bohrungen im golf weitgehend aufgehoben hat, wäre ein erneuter großer störfall etwas, was staat und konzerne in sehr große schwierigkeiten bringen würde, und ich kann mir gut vorstellen, dass deshalb im windschatten der anderen global erschütternden ereignisse versucht wird, so lange wie möglich den deckel auf einem möglichen debakel zu halten.
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update 5, 23.03.: inzwischen sind an den stränden von louisiana wieder reinigungstrupps unterwegs, die küstenwache untersucht angeblich immer noch die proben aus dem ölteppich weiter draussen, und es hat sich nach deren ermittlungen ein unternehmen namens"anglo-suisse offshore partners", ansässig in houston, texas, als verantwortlich für ein leck in einem seit monaten nicht fördernden bohrloch erklärt - nicht, ohne sich "überrascht" zu zeigen, hätten sie doch nicht gedacht, dass sich eine "geringfügige entlastung/ableitung" (so klingt das jedenfalls übersetzt - "a minor discharge") sich in einer solchen verschmutzung bemerkbar machen würde.
das wirft nun gleich einen haufen fragen auf: die obige formulierung klingt erstens nach einer bewussten handlung, d.h. die wussten, das dort öl austritt, haben sich aber über tage nicht gemeldet, bis ihnen die küstenwache auf der spur war. dürfen wir das als "normales geschäftsgebaren" in diesem metier annehmen? zweitens aber ist das immer noch keine antwort zum auf dem meer schwimmenden öl, welches ja angeblich gar keins sein soll - wieso lässt die küstenwache verkünden, es handele sich nach ihrer meinung hauptsächlich um "sedimentschlick", während sie "weiter untersucht"? und haben wir es hier tatsächlich mit zwei unterschiedlichen fällen zu tun, wie es im moment den anschein hat? das leck vor louisiana wäre dann durchaus dem sog. "alltagsbetrieb" des ölbusiness zuzuschreiben, während der beobachtete teppich (der sich zwischenzeitlich in länge und breite nochmals vergrößert haben soll) eher auf etwas größeres deutet. mit dem "kleinen" störfall ließe sich der größere dazu zumindest für eine gewisse zeit trefflich deckeln. es heisst jetzt vorläufig abwarten, was die nächsten tage bringen. ach ja, und schon wieder taucht in dem ganzen zusammenhang die schweiz auf - scheint ein wirklich unternehmungslustiges völkchen zu sein, da in den ölfreien und frankenschweren bergen...
und noch ein nachtrag: auch diehuffposthat zwischenzeitlich nachgelegt - und formuliert implizit teils ähnliche fragen, wie sie mir in den sinn kamen. haben wir es mit zwei ereignissen zu tun? zur geschichte mit der "anglo-suisse offshore partners" wird dort ergänzt, dass die firma behauptet, "weniger als 5 gallonen" seien ausgetreten. was in anbetracht der situation dort an der küste absurd klingt und womöglich glatt gelogen ist. aber diese geschichte sollte jetzt ja wohl zu klären sein.
zum großen "teppich" - mir fällt leider kein anderes wort gerade ein, obwohl es nicht treffend ist und auch assoziativ etwas in die irre führt - kommen folgende neue infos:
ein sich eher als "skeptisch" bezeichnender beobachter - ingenieur - nach einem erkundungsflug sagt sinngemäß, dass er so etwas noch nie gesehen hätte. die verschmutzung hätte nicht die farbe bspw. einer algenblüte, und er sei sich nicht 100%ig sicher, aber es würde für ihn nach den erfahrungen des letzten jahres eher in richtung öl gehen
ein zweiter beobachter einer schutz-ngo für den golf beschreibt auf einer großen strecke diverseste erscheinungsformen - schillernde schlieren an der oberfläche, "öl-schlangen" knapp unter der wasseroberfläche, ölige schlieren und wolken, alles laut aussagen deutlich von neuem öl gebildet
undhiergibt es einen film vom letztgenannten erkundungsflug zu sehen. inzwischen laufen neben den staatlichen auch erfreulicherweise unabhängige untersuchungen.
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update 7, 25.03.: neben den beklemmenden nachrichten aus japan - die "new york times" hat vor ein paar stunden mit berufung auf direkte quellen aus der japanischen atomindustrie gemeldet, dass das druckgefäß von reaktor 3 mit den plutoniumhaltigen "mox"-brennelementen einen langen vertikalen riß aufweise, aus dem es ständig lecken und ausgasen würde -; sowie der sich weiter manifestierenden globalen unruhe in vielen ländern fällt es schwer, die aufmerksamkeit noch auf weitere erschütterungen zu lenken - aber das geschehen am golf bleibt seit letztem jahr ein menetekel, und zwar durchaus für den gesamten planeten, weil das thema "öl" unser aller gegenwart und zukunft entscheidend mitbestimmt.
es gibt bei der "huffington post" einen autor, der die neuigkeiten seit tagen dort noch meinem eindruck gut zusammenfasst, und deshalb nutze ich diese artikel auch als primäre quelle. zumaktuellen standfinde ich folgende punkte wichtig:
momentan direkt von frisch anlandendem öl betroffen ist vor allem die südostküste louisianas, wo auch weiterhin reinigungstrupps und inzwischen auch wieder barrieren im wasser im einsatz sind
dieses öl wird weiterhin seitens der us-küstenwache "anglo-suisse offshore partners" zugerechnet, wobei die firma in einer öffentlichen erklärung ihre verantwortlichkeit fraglich findet, da die verdächtigte quelle eigentlich seit monaten nicht produzierend gewesen sei und im letzten halben jahr bei kontrollen als "geschlossen" gegolten habe. mangels weiterer informationen muss das erstmal so stehenbleiben
die große verschmutzung weiter draußen wird weiterhin untersucht; die küstenwache bleibt bisher bei ihren bisherigen, in den letzten updates dokumentierten aussagen. andere quellen zitieren nicht näher bezeichnete "lokale wissenschaftler", die glauben würden, es handele sich bei dem beobachteten teppich um tote algen, die in folge der letztjährigen katastrophe abgestorben seien. das wäre nun im vergleich zu einer möglichen neuen großen ölverschmutzung vielleicht das kleinere übel, aber nicht wirklich beruhigend.
ich schätze, anfang nächster woche spätestens sollte endgültig klar sein, was da nun wirklich auf dem wasser treibt. seltsam genug, dass ein finaler befund so lange unklar bleibt, seltsam genug auch, dass es diverse (weiter oben dokumentierte) aussagen verschiedenster beobachterInnen gibt, die das ganze als öl identifiziert haben. es bleibt bisher ein mehr als schaler beigeschmack nach vertuschung bei der ganzen sache.
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update 8, 29.03.: es gibt nach einem blick in die mediale landschaft der usa auch seitlich des mainstreams nicht wirklich etwas konkretes und neues zu berichten - die letzten news, die mir vor die augen kamen, beziehen sich alle auf das geschehen direkt an der küste von louisiana und dessen vermuteten ursprung, wie er in den letzten updates skizziert worden ist.
ich bin mir nicht sicher, wie das schweigen rund um das, was sich weiter draussen tut (oder auch nicht tut), nun zu werten ist. die ganze golfregion wird eigentlich spätestens seit dem letzten jahr auch von genügend menschen und institutionen so intensiv beobachtet, dass es eigentlich nicht vorstellbar erscheint, dass ein neuer gravierender störfall dort nicht über kurz oder lang bekannt wird. das allerdings - zumindest habe ich nichts derartiges gefunden - keinerlei berichte mehr über die weiteren angkündigten untersuchungen von proben aus den beobachteten verschmutzungen bekannt werden, kann ich gerade von der bedeutung her nicht einschätzen. was also diese konkrete geschichte betrifft, heisst es weiter abwarten.
klar ist aber jenseits aller spekulationen, dass im golf sehr bedrohliche dinge vor sich gehen - die huffpostberichtetheute, dass von anwohnerInnen des mississippi-deltas in den letzten tage eine große zahl toter meereslebewesen an den stränden gefunden wird - seeschildkröten und fische diverser arten, aber auch tote seevögel. dabei wird betont, dass es sich eindeutig nicht um das normale volumen von toten tieren handelt, die an küsten nun mal immer anzutreffen sind, sondern vom ausmaß her bisher so nicht beobachtet worden ist. und gerade die toten vögel geben mir persönlich besonders zu denken, weil ich es aufgrund der belastungen des wassers nun nicht besonders erstaunlich finde, dass wasserlebewesen darin krank werden und sterben. seevögel jedoch haben keinen dauerhaften wasserkontakt, und entweder könnte das eine kontamination der nahrungkette bedeuten, eine besonders starke belastung des wassers, oder aber es sind so viel gasförmige schadstoffe in der luft, dass sie direkt solche wirkungen auslösen. das letztere ist keine dystopische annahme meinerseits, sondern beruht auf der tatsache, dass sich bei vielen menschen in der region im blut erhöhte werte von schädlichen kohlenwasserstoffverbindungen finden lassen, die sich als folge des letztjährigen ölGAU nicht durch direkten kontakt mit öl erklären lassen und nur über die luft aufgenommen worden sein können. und die viele betroffene übrigens inzwischen auch krank gemacht haben.
mittlerweile sind auch bei den toten tieren untersuchungen verschiedener institutionen im gange.