Mittwoch, 16. März 2011

notiz: the end of the world as we know it

"[12.10 Uhr] Die französische Regierung geht offenbar vom Schlimmsten aus - und widerspricht den Offiziellen in Japan. "Reden wir nicht drum herum. Sie haben offensichtlich die Kontrolle über die Situation verloren. Das ist jedenfalls unsere Analyse und nicht das, was sie verkünden", sagte Wirtschaftsminister Eric Besson dem Fernsehsender BFM. Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet empfahl demnach allen Franzosen, Tokio mit dem Flugzeug zu verlassen. Sollten sie darauf bestehen, zu bleiben, sollten sie sich in den Süden des Landes begeben."

(aus dem spon-ticker)


"ich bin mir jedenfalls gerade überhaupt nicht mehr sicher, ob die welt am ende dieses jahres nicht in einer art und weise verändert sein wird, dass uns aus diversen gründen die ohren schlackern werden."


(selbstzitat, gerade mal eine woche her, als noch kaum jemand hierzulande den namen fukushima kannte)

"2011 - Das Jahr, das keine Gnade kennt"


(aus dem vorletzten GEAB)

*

und in diesem geab war dann u.a. auch folgender satz zu lesen: "Das internationale System ist inzwischen in einem so jämmerlichen Zustand, dass es in jeder Art von Katastrophe größeren Ausmaßes zusammenbrechen kann" (...)

das sich nur wochen später die gelegenheit ergeben würde, die prognosefähigkeiten der "leap"-leute einmal mehr auf die probe zu stellen, hätten sie wohl selbst in ihren dunkelsten träumen nicht für möglich gehalten.

und wer das alles, besonders meine überschrift, nun einmal mehr übertrieben finden sollte, hat meiner meinung nach den schuß nicht gehört und beweist ebenfalls seine oder ihre fähigkeiten zur dissoziierenden wahrnehmung. erinnert sich noch wer an das letzte jahr, gar nicht so lange her eigentlich und doch gefühlt schon wieder extrem weit entfernt? schon damals gab es globale menetekel gleich im mehrfachpack, von der sommerlichen
brandkatastrophe in russischen wäldern angefangen, bei denen ein zusammenhang mit möglichen menschengemachten klimaveränderungen ebenso bis heute ein starker verdacht bleibt wie bei den schweren überschwemmungen der pakistanischen flutkatastrophe im gleichen zeitraum, bis hin zum ölGAU namens "deep water horizon" im golf von mexico. zu letzterem hatte ich ja schon öfter einen weiteren beitrag angekündigt, der sich mit der letztlich immer noch stattfindenden katastrophe beschäftigen soll, weil weder große teile des öls noch jener damals unter dem namen "corexit" existierende und zu weltweiter bekanntheit kommende stoff aus der welt sind und in all den monaten seit dem versiegeln des lecks ein stilles leiden sowohl in tier- und pflanzen als auch der menschlichen welt am golf stattfindet. dieser beitrag wird auch noch kommen, aber momentan - tja.

das uns innerhalb von zwei jahren sowohl die risiken als auch die (neben?)wirkungen von gleich zwei elementaren bereichen der öl-basierten und energieverschleudernen westlich-industriellen "zivilisation" so derart um die ohren fliegen würden, hätte ich mir selbst in meinen übelsten alpträumen nicht ausmalen können. die realität spottet einmal mehr jeder beschreibung, kein literarischer katastrophenplot (und glauben Sie mir, von solchen kenne ich einige) kommt tatsächlich an das heran, was uns die moderne, gerne auch mit "post" davor, derzeit präsentiert.

und wenn ich, @demon driver, im letzten beitrag von der unvorstellbarkeit der kommenden situation in japan geschrieben habe, so meine ich das auch so - ich kann mir durchaus bis zu einem gewissen grad die folgen eines schweren bebens, auch eines solchen tsunamis, ausmalen, weil ich mich rein aus interesse schon lange mit diversen naturgewalten beschäftige. was ich mir schon nur noch schwer vorstellen kann, sind die folgen bspw. eines mega-tsunamis, wie er zb. vielleicht entstehen könnte, wenn auf den kanarischen inseln ein schwerer
vulkanausbruch stattfinden sollte. hunderte meter hohe wasserwalzen kann ich mir nur noch schwer vorstellen.

und das gilt auch für jenes szenario, welches in japan leider im bereich des möglichen liegt: das ein urbaner ballungsraum mit 35 bis 40 millionen menschen in den einfluß relevanter und bedenklicher strahlung geraten kann, ist etwas, was ich mir letztlich in folgen und konsequenzen auch nicht vorzustellen vermag. wenn menschen, tiere, gebäude, wasser und nahrung großflächig kontaminiert sein sollten, und womöglich gar noch das giftigste aller gifte, plutonium, eine rolle spielt - nein, das kann ich mir nicht mehr imaginieren.

die aktuelle situation dort ist mehr als bedenklich, sie geht eher stark in richtung verzweiflung. eine sammlung mit nützlichen und auch weitergehenden links jenseits der ticker findet sich bspw.
hier.

*

die weiteren konsequenzen sind ebenfalls noch völlig unabsehbar, könnte gut sein, dass die "leap"-crew im schlimmsten falle recht behält und nach dem nuklearen GAU sich dann mit zeitlichem abstand ein weiterer globaler ökonomischer crash vollzieht, der dann nicht mehr von den gegenüber banken und konzernen freigiebigen staaten aufgefangen werden kann, weil sich diese mehrheitlich inzwischen selbst bis zum hals in ökonomischen schwierigkeiten befinden.

wir haben ja immer noch nicht nur die schwelenden wirtschafts-, währungs- und (staats-)schuldenkrisen an den hacken, mitsamt all den bekannten sozioökonomischen verwerfungen in vielen, nicht nur westlichen gesellschaften, sondern ebenfalls auch noch die brisante situation in nordafrika und den arabischen staaten, die momentan zu sehr untergeht, und die ihrerseits bereits auch als symptom von grundsätzlichen krisenhaften verwerfungen wie im bereich nahrungsmittel, wasser und öl gelten kann.

alle zusammengenommen ergibt das einen absolut unbekömmlichen globalen mix, der nicht mehr lange in der form bestand haben kann, bevor es final zu entwicklungen kommt, die dann großflächig nicht mehr zu "kontrollieren" sein werden. meine persönliche einstellung dazu habe ich schon öfter deutlich gemacht: lieber ein ende mit schrecken als ein schrecken ohne ende.

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da ich momentan mal wieder keinen direkten netzzugang habe, muss ich von öffentlichen orten aus schreiben. aus diesem grund folgt der eigentlich überfällige rundblick über die globalen unruhe(n) erst in den nächsten tagen.

ps: beim stichwort "nahrungsmittel" oben sollte dann auch die folgende
meldung klar machen, dass wir es mit komplexen und mehrdimensionalen destruktiven prozessen zu tun haben:

"Ein neuer Uno-Bericht schlägt Alarm: In immer größeren Teilen der Welt sterben die Bienen. Die Nahrungsgrundlage der Menschheit scheint bedroht. Besonders schwierig wird die Lage dadurch, dass Gegenmaßnahmen alles andere als einfach zu finden sind." (...)

aber sicher werden die mietmäuler, schönredner und propagandisten des irrsinnigen westlichen "way of life" auch hier wieder ein set an beschwichtigungs- und rechtfertigungsformeln aufbieten können...

Dienstag, 15. März 2011

notiz: es gibt nichts mehr zu sagen - @atomkraft @japan

"und wer im jahre 2010 trotz aller bekannten fakten immer noch das lied der ach so "sauberen" atomkraft singt, macht sich, ob gewollt oder nicht, selbst zu einem nützlichen idioten der herrschenden soziopathie."

das hatte ich im letzten jahr als fazit anlässlich der castortransporte und nicht nur zum thema der (illusionären) "endlagerung" von atomarem müll und des laufenden störanfälligen betriebs geschrieben, sondern auch bereits hinsichtlich des
uranabbaus zu beginn der verheerenden kette.

was sich, mit immer größerer wahrscheinlichkeit, in den nächsten stunden und tagen in japan abspielen wird, ist schlicht unvorstellbar. jede phantasie, jede imagination muss zwangsläufig versagen im angesicht der drohenden realität.

nur zwei punkte noch, beide durchaus in verschiedener hinsicht sehr relevant und auch inhaltlich verbunden:

1. das wort atommafia muss aller wahrscheinlichkeit nach nicht nur in japan
wortwörtlich genommen werden:

"In Japan, so schätzt man, haben ca. 80 000 Personen, die der Organisierten Kriminalität ("Yakuza") zugerechnet werden, in den (bisherigen) Hauptzweigen der Unterwelt (Drogen und Sex) eine Billion Yen (9,3 Milliarden Dollar) im Jahr 2000 verdient (die Hälfte mit Drogen und ungefähr ein Viertel aus dem Sexgeschäft). Dort ist es aber mittlerweile zum größeren Problem geworden, dass sich zumindest eine kriminelle große Organisation (Yamaguchi Gumi) in die "New Economy" des Landes eingeschlichen hat und politische Verbindungen zu den höchsten Rängen der Regierung unterhält. Sie half bei den Unterhauswahlen im Juli 2000 diskret bei der Geldbeschaffung und beim Stimmenfang einer Vielzahl von Politikern aus der Liberal-Demokratischen Partei des (etwa ein Jahr im Amt befindlichen) Premierministers Yoshiro Mori und aus anderen konservativen Parteien. Es soll keinen einzigen Politiker in Japan geben, der seinen lokalen Yakuza-Boss nicht kennt. Ein in der Bekämpfung des organisierten Verbrechens ehemaliger führender japanischer Polizist (Raisuke Miyawaki) glaubt, dass es zudem unmöglich sei, die Verknüpfungen zwischen der Geschäftswelt Japans und der dortigen Unterwelt in den Griff zu bekommen, weil sie zu ausgedehnt seien."

das sind zwar angaben aus dem jahr 2005, aber es gibt keinerlei anzeichen dafür, dass sich an diesen verhältnissen grundsätzlich etwas geändert haben sollte.

2. zeit, mal wieder
günther anders zu lesen:

"Keiner von denen - und ich spreche vor allem von Politikern, Generälen, Wissenschaftlern und Journalisten - keiner von denen, die die atomare Massenbedrohung oder den Massenmord vorbereiten, mit diesem drohen oder die Möglichkeit des Massenmordes durch sogenannte friedliche Atomanlagen mindestens in Kauf nehmen - keiner von denen darf mehr oder soll mehr seines Lebens sicher sein. Da sie uns pausenlos programmatisch und professionell in Angst versetzen, sollen nun endlich auch sie in Angst leben müssen. Die uns bedrohen, sollen von uns bedroht werden. Und nicht nur bedroht werden, sondern dadurch, daß wir unsere Drohungen hier und dort wahrmachen, eingeschüchtert, dadurch zu Einsicht gebracht und dadurch zur Umkehr veranlaßt werden. Damit am Ende niemand mehr bedroht sei, nicht wir und auch sie nicht. Ob uns das gelingt, ob wir durch unsere Gegenbedrohung die Gefährdung der Menschheit noch neutralisieren können, das weiß ich nicht. Aber daß wir das ohne unsere Gegendrohung nicht können, das weiß ich." (Charles Meunier* - meines wissens ein kanadischer künstler, anmerk. mo)

*übersetzung durch günther anders am 28.9.1986, im buch auf s.89

weitere argumentationen aus dem interview von anders mit seinem fiktiven selbst:

"... Das Recht auf Notwehr tödlich Bedrohter und in jeder Sekunde Angreifbarer ist natürlich natürlich! Selbst das Naturrecht ...

Die Absage an Gewaltlosigkeit nennen Sie "Notwehr"?

Schon wieder dieses "Nennen"! Sie ist Notwehr! Und da die Bedrohung total und die mögliche Vernichtung global ist, hat unser Notwehr total und global zu werden. Zum Verteidigungskrieg aller Bedrohten. Und das heißt: aller Menschen heute und morgen." (s.91)

"Wir Atomgegner kämpfen also, wie gesagt, einen Verteidigungskampf gegen so enorme Bedroher, wie es deren nie zuvor gegeben hatte. Also haben wir das Recht, Gegengewalt auszuüben, obwohl hinter dieser keine "amtliche" und "rechtmäßige" Macht, also kein Staat, steht. Aber Notstand legitimiert Notwehr, Moral bricht Legalität. Diese Regel zweihundert Jahre nach Kant eigens zu begründen, erübrigt sich ja wohl." (s. 93)

"Happenings sind nicht genug!

(Befremdet:) Happenings! Dieser Vergleich überschreitet doch wohl ...

Nein. Gar nichts überschreitet er. Und ist auch nicht nur ein Vergleich. Gewaltlose Widerstandsaktionen ähneln nicht nur Happenings. Sie sind Happenings.

Und warum sind sie das?

Deshalb, weil Happinings verspielte Scheinakte sind und Als-Obs, die so tun, als seien sie mehr: nämlich wirkliche Aktionen oder mindestens Bastarde von Sein und Schein, von Ernst und Spiel." (s.98)


zum schluß nur noch innigste wünsche dafür, dass den menschen in japan das schlimmste erspart bleiben möge. eine naturkatastrophe dieses ausmaßes ist schlimm genug, aber letztlich weder zu verhindern noch aufzuhalten. ein menschengemachter atomarer GAU jedoch ist nichts anderes als ein verbrechen von monströsem ausmaß.

Samstag, 12. März 2011

notiz: warum überrascht mich das jetzt nicht?

"12:18 Uhr Reuters berichtet, bereits in der Vergangenheit sei es in AKWs der Fukushima-Betreibergesellschaft Tepco zu schweren Sicherheitspannen gekommen. 2002 mussten demnach der Präsident des Atomenergieunternehmens sowie vier weitere Manager wegen des Verdachts gefälschter Sicherheitsberichte zurücktreten. Fünf Meiler - darunter die zwei durch das Erdbeben schwer beschädigten - wurden in der Folge vorübergehend stillgelegt. "

(aus dem
sz-ticker)

wie lautetet der legendäre dialog in "brazil" zwischen sam lowry und dem guerilla-klempner harry tuttle noch?

"aber - aber - das ist ja....SCHEISSE!"

"ja, mein junge. wir stecken alle tief drinne."

Mittwoch, 9. März 2011

assoziation: von bleiernen zeiten und ihrem dahinschmelzen (8)

(die direkte fortsetzung von teil 7)

*

weil ich selbst nach den recherchen beim anblick des keinesfalls vollständigen bildes sehr überrascht bis regelrecht geschockt war, soll der aktuelle länderüberblick in dieser folge endlich einigermaßen vollständig werden - es ist inzwischen global eine derartige häufung von protesten bis offenen und schweren unruhen zu verzeichnen, dass es mir wichtig erscheint, diese tatsache viel breiter als bisher zu vermitteln, weil sich - wie besonders in teil 6 schon skizziert - derart möglicherweise erschütterungen andeuten, die über kurz oder lang auch das leben hier massiv beeinflussen werden. die derzeitige mediale praxis vermeidet es sehr offensichtlich, in ihrer berichterstattung thematische cluster zu bilden - die aufstände in nordafrika und im arabischen raum werden selten genug noch zusammen verhandelt, aber was sich darüber hinaus abzeichnet, geht völlig in nebenspalten und kurzmeldungen unter, wenn´s denn überhaupt thema wird. also, dann mal los:

*

nordafrika / arabische halbinsel:

ägypten: im gegensatz zum bericht in der letzten folge ist die ebenfalls zu vermeldende stürmung etlicher gebäude der dortigen "staatssicherheit" mit anschließender beschlagnahme von diversen akten etwas durchaus positives und auch absolut nötiges. inzwischen sind etliche dieser dokumente im netz
zu sehen (achtung, facebook-link) und es spricht sich auch hierzulande langsam herum, dass damit auch ein paar veritable skandale das licht der welt erblicken - siehe zb. hier:

"Die Münchener Firmengruppe Gamma/Elaman soll über einen ägyptischen Vertragspartner Abhörsoftware an die ägyptische "Allgemeine Staatssicherheit" geliefert haben. Dies behauptet das ARD-Studio Kairo unter Berufung auf einen vorliegendes Kaufangebot.

Am vergangenen Samstag stürmten rund 2000 jugendliche Aktivisten der Demokratiebewegung ein von Soldaten umstellte Gebäude der "Allgemeinen Staatssicherheit" in Nasr City unweit von Kairo. Die Soldaten ließen die Demonstranten passieren, die die Räume durchsuchten, um Akten der Spitzelbehörde sicherzustellen. Die "Allgemeine Staatsicherheit" hatte nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwa 100.000 Mitarbeiter und unterhielt ein großes Netzwerk von Informanten. Bei der Suche nach Dokumenten, die die Folterungen von Regimegegnern belegen sollen, fand der Aktivist Mustafa Hussein eine Akte mit dem Vermerk "Streng geheim", in der eine Gamma International der Staatssicherheit Mitte 2010 die Installation der Programmsuite Finfisher anbietet, inklusive Einweisung, Training und einem optionalen zweijährigen Support." (...)


"partner, freunde und gute geschäftsbeziehungen..." - es wird geradezu monoton, die handlungen der diversen mafiösen herrschenden klüngel noch einzeln aufzulisten.

ansonsten gibt es
hier noch einen sehr interessanten bericht über streiks und soziale kämpfe im gefolge des diktatorsturzes in einem industriellen zentrum des landes. tipp!

algerien: an dem in früheren folgen dieser reihe skizzierten status der auseinandersetzungen im land hat sich nichts großes geändert. falls ich noch nicht vermerkt hatte, dass vor ein paar wochen der 19jährige ausnahmezustand- das wurde ausdrücklich als gnädiges zugeständnis des regimes verkauft - aufgehoben wurde, sei das hiermit geschehen. am grundsätzlichen und seit monaten zu beobachtenden umgang mit protesten seitens des regimes hat das allerdings nichts geändert. jeden samstag kommt es zu ähnlichen szenen in algier, wie sie bereits vor wochen zu verzeichnen waren. gestern allerdings ist dort etwas passiert, was nicht nur von der größe her eine ernstzunehmende demonstration wurde, sondern auch durch die teilnehmer einen, na sagen wir,
besonderen touch erhielt:

(...) "Laut Organisatoren beteiligten sich rund 20.000 aus zahlreichen Landesteilen angereiste Sicherheitsbeamte an dem Protest. Die Demonstranten, von denen viele ihre Uniformen trugen, hatten sich am Vormittag auf dem Märtyrer-Platz in Algier versammelt.

Trotz der Polizeisperren drangen sie dann bis zu dem 500 Meter entfernten Parlamentsgebäude vor. Sie wurden daraufhin von der Polizei eingekesselt."


"kommunale sicherheitsbeamte" im kampf für höhere gehälter - hm? ähnliches war ja nach mubaraks sturz auch von ägyptischen polizisten zu berichten, die sich ebenfalls demonstrierend an ihre alten? neuen? "dienstherren" wandten. ich vermag das absolut nicht einzuschätzen - kann es sein, dass die diktatoren jeweils so dumm und gierig sind, dass sie wesentliche teile ihrer machtbasis selbst in mangelzuständen lassen und derart aufruhr provozieren? ist das für die "sicherheitskräfte" nur jeweils eine opportune gelegenheit, die eigenen materiellen interessen durchzusetzen? fragen über fragen. im übrigen könnte ich mir vorstellen, dass die weitere entwicklung in libyien nicht unwesentlich auch das nachbarland beeinflussen wird - fällt gaddhafi, und folgt eine eher stammesgeprägte struktur in libyien, könnte das in algerien womöglich nochmals versuche aus ganz anderen richtungen als den bisherigen provozieren, das regime aus dem sattel zu heben. dazu ist die soziale krise im land weiter virulent - das sollte nicht vergessen werden. algerien war im letzten dezember neben tunesien das erste land, in dem soziale unruhe gemeldet wurde.

marokko: im vergleich relativ ruhig - nach den ersten größeren protesten im februar hat vor ein paar tagen das dortige monarchistische regime die
initiative ergriffen:

"Nach den Protesten in Marokko hat König Mohammed VI. einen neuen Nationalen Menschenrechtsrat ins Leben gerufen. (...)

Das Gremium sei unabhängig und mit grossen Vollmachten ausgestattet, teilte dessen künftiger Generalsekretär Mohammed Sebbar am späten Donnerstag in Rabat mit. Es setzt sich nach seinen Angaben aus Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, Behörden, Parteien sowie aus unabhängigen Experten zusammen. Vorsitzender wird der Menschenrechtsaktivist Driss al-Yazami, der bisher die marokkanischen Gemeinden im Ausland vertritt.

Der 59-Jährige engagierte sich in den 1970er-Jahren für die extreme Linke in Marokko, dann ging er nach Frankreich ins Exil. Unter anderem war Yazami Generalsekretär der Internationalen Föderation der Menschenrechtsligen." (...)


nicht ungeschickt, würde ich sagen. natürlich sind alle regimes vom atlantik bis zum golf spätestens seit mubaraks sturz hellwach, und wie sie sich im einzelnen verhalten, lässt durchaus prognosen über ihre jeweilige zukunft zu - diejenigen, die eine gewisse flexibilität im umgang mit protesten und den vermittelten forderungen zeigen, haben erstmal größere chancen des machterhalts als diejenigen, die mit reiner repression reagieren. binsenweisheit, aber deren gültigkeit ist halt wieder einmal zu beobachten. das "erstmal" bezieht sich allerdings auf faktoren wie weiterhin steigende nahrungsmittelpreise - sollten die sozioökonomischen verhältnisse sich weiter zuspitzen, dann wird auch eine solch "flexible", an westlich erprobten machttechniken angelehnte politik schnell ihre grenzen finden.

syrien: von außen betrachtet neben libyien, saudi-arabien (und dem speziellen fall iran) für revolutionäre gelüste eine der härtesten nüsse. es ist kaum etwas aus dem land zu vernehmen, erste "facebook-aufrufe" erwiesen sich im februar bekanntlich als flop. ich kann mir überhaupt keine prognose für das land und das regime vorstellen, ausser der tatsache, dass eine nähere beschäftigung mit dem regime bauchschmerzen bereitet. syrien ist neben libyien, vielleicht sogar mehr als letzteres, ein deutlicher fall eines nicht pro-westlichen regimes, ideologisch verhaftet in einem regionalen ableger der panarabischen und "sozialistischen"
baath-partei (einen anderen flügel führte im benachbarten irak bekanntlich ehemals ein gewisser saddam hussein an). ich neige dazu, die beiden diktaturen in libyien und syrien trotz all ihrer unterschiede besonders als relikte des "kalten krieges" des 20. jahrhunderts zu betrachten. im falle libyiens ist jetzt so oder so ein ende abzusehen, und syrien? hat die instabilen gebilde irak und libanon als nachbarn, dazu israel in nächster nähe. im norden dazu einen gewissen anteil kurdischer bevölkerung, was in naher zukunft durchaus relevant werden könnte (dazu gleich unten mehr). die sozioökonomische lage im land finde ich schwer einschätzbar, ausser der wahrscheinlichkeit, dass es auch in syrien inzwischen eine relevante jugendliche bevölkerungsgruppe gibt, die potenziell andere lebensentwürfe als die staatlich vorgegebenen ausprobieren möchte. dafür spricht u.a. auch ein urteil gegen eine 19jährige bloggerin , die wg. "spionage" mitte februar zu fünf jahren haft verurteilt wurde. das lässt sich aufgrund des zeitpunktes durchaus auch als warnschuss gegen netzaffine teile der städtischen jugend - und damit potenzielle protestkerne - ansehen. wir werden es letztlich erleben, ob und was dort passiert.

irak: vielleicht liegt es daran, dass das land in der hiesigen, nicht nur medialen wahrnehmung eh als sowas wie ein "failed state" gilt, beherrscht von terror und undurchsichtigen religiösen und "ethnischen" konflikten, dass die
sozialen kämpfe der letzten wochen kaum irgendwo zum thema wurden?

"Im Irak kam es in den vergangenen Wochen sporadisch zu Demonstrationen, die am letzten Freitag (25.02.) an einem weiteren “Tag des Zorns” kulminierten, als im ganzen Land zehntausende Menschen auf die Straße gingen. Sie demonstrierten gegen Mißwirtschaft und Korruption in der Verwaltung, für die Auswechslung unbeliebter Gouverneure und Beamter und für eine bessere Versorgung, eine Ausweitung der täglichen Stromversorgung und mehr Arbeitsplätze. Die Proteste führten an einigen Orten zum Rücktritt von hohen Beamten, u.a. der Gouverneure von Babil und Basra.

Die größtenteils friedlichen Demonstrationen führten in einigen Städten zu Gewalt, unter anderem in Mosul, wo Demonstranten ein Verwaltungsgebäude anzündeten, oder in Baghdad, wo Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstranten vorgingen, die in die “Grüne Zone” – Sitz der Regierung – eindringen wollten. Dabei gingen sie mit Schlagstöcken, Tränengas und sogar scharfer Munition vor, ein Demonstrant wurde getötet.

Im ganzen Land, u.a. aus Fallujah und Suleimaniya im kurdischen Autonomiegebiet, gab es Berichte von Polizeibrutalität, auch gegen friedliche Versammlungen gingen Sicherheitskräfte vor, teilweise wie in Bagdad mit scharfer Munition. Es gab 29 Tote und hunderte Verletzte. Auch Journalisten wurden angegriffen, ihre Ausrüstung beschädigt, einige verhaftet.
Premier Nouri al-Maliki hatte noch in der letzten Woche betont, die Regierung nehme die Kritik der Bevölkerung an der schlechten Versorgung und Korruption ernst, und forderte die Sicherheitskräfte auf, friedliche Versammlungen zuzulassen. Zudem hat er in den letzten Tagen Reformen zur Anhebung des Lebensstandards und einer Verbesserung der Versorgungslage angekündigt und vorgezogene Neuwahlen auf Kommunalebene gefordert." (...)


weiteres und mehr bei den nahostinfos. wirklich eine sehr gute und informative quelle, auf die ich gleich nochmal zurückgreife.

kurdistan: wie oben schon angedeutet, rumort es auch heftig in den kurdischen autonomen gebieten
im nord-irak:

(...) "Und auch im oft als stabil, ruhig und gar demokratisch bezeichneten Nordirak, in der kurdischen autonomen Zone, kam es nun zu Auseinandersetzungen, die diese Attribute mehr als fragwürdig erscheinen lassen. Auf erste Proteste gegen die Regierung aus PUK und KDP, zwei kurdischen “Parteien”, die Macht und Besitz untereinander aufgeteilt haben, reagierten diese mit brutaler Gewalt. Gegen steinewerfende Jugendliche gingen KDP-Milizen mit scharfem Feuer vor, verschiedene Demonstrationen wurden gewaltsam aufgelöst, oppositionelle Medien angegriffen und sabotiert, es gab Tote und dutzende Verletzte und Verhaftete." (...)

die mögliche brisanz dieser entwicklung wird erst dann so richtig deutlich, wenn man sich klar macht, dass es bereits seit monaten - hierzulande kaum beachtet - auch im mehrheitlich kurdischen südosten der türkei zu massiven protesten und unruhen einer solchen intensität kommt, dass u.a. als eine reaktion darauf die kck ("gemeinschaft der gesellschaften kurdistans", besitzt auch einen bewaffneten, als guerilla operierenden arm, faktisch die nachfolge der pkk-guerilla) ihren einseitigen waffenstillstand mit der türkei in der letzten woche
aufgekündigt hat:

(...) "Der Ko-Vorsitzende der legalen Kurdenpartei BDP, Selahattin Demirta, warnt: „Die Region ist jetzt wie ein Pulverfass. Es steht kurz vor der Explosion.“ Ende vergangener Woche hatte die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) den einseitigen Waffenstillstand der kurdischen Rebellen für beendet erklärt. In einer Mitteilung begründet dies die KCK damit, dass keine ihrer politischen Forderungen erfüllt worden sei.

Mit Beginn des Frühjahrs seien wieder verstärkte Angriffe der türkischen Armee auf die Kurden-Rebellen zu erwarten, so die KCK. Deren bestimmende Kraft ist die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK, der inhaftierte PKK-Anführer Abdullah Öcalan leitet auch die KCK. Die PKK-Guerilla kündigte an, sich „gegen Angriffe noch wirksamer zu verteidigen“, will selbst jedoch vorerst auf offensive Aktionen verzichten."(...)


wer sich ein bißchen mit dem machtgerangel der kurdischen parteien - die drei in den beiden oben zitierten artikeln sind die relevanten - beschäftigt hat, kann sich ganz verschiedene variationen der weiteren entwicklung vorstellen. keine davon ist besonders ruhig, im gegenteil. die auseinandersetzungen in den kurdischen gebieten der türkei waren meines wissens in den letzten monaten teils so massiv und von breiten bevölkerungskreisen getragen, dass die reaktionen der türkischen armee wie üblich ebenfalls extrem ausfielen - extrem brutal, was dann wiederum zulauf für die guerilla brachte. ein imaginärer kurdischer staat würde sich auf heutigen territorien der türkei, des irans, des iraks und syriens befinden und würde dazu im nordirak auch einiges an ölvorräten besitzen. wenn man sich eine durchaus im bereich des möglichen liegende zunehmende instabilität der letzten drei ausmalt, wird zumindest mir bei den dann möglichen optionen in dieser gegend ziemlich schummrig vor augen. nicht falsch verstehen: die jetzigen zustände sind in diverser hinsicht ein einziger riesiger skandal, aber jenseits dessen könnte die ganze aktuelle "politische architektur" der region so derart aufgemischt werden, dass dieser ganze teil der welt nicht wiederzuerkennen wäre. wie gesagt: optionen.

(was noch dazukommt: nordöstlich schliesst sich in zentralasien die ganze kette der ehemaligen südlichen sowjetrepubliken an, und zu den zuständen dort bzw. den allerjüngsten entwicklungen in zumindest einigen dieser länder gibt es auch einiges zu sagen - mehrheitlich sind das ebenfalls schlicht und einfach - diktaturen. aber das dürfte dann schon zum nächsten beitrag gehören).

yemen: geht in der aufmerksamkeitsökonomie etwas unter, obwohl vieles dafür spricht, dass das land das nächste sein könnte, aus dem ein autoritärer herrscher fliehen muss. die
jüngsten entwicklungen:

(...) "Etwa 2.000 Häftlinge haben sich im Jemen den Protesten gegen Präsident Ali Abdullah Saleh angeschlossen und in einem Gefängnis in Sanaa am späten Montag gemeutert. Mehrere Wachleute seien als Geiseln genommen worden, sagte ein Behördenvertreter am Dienstag. Einige Häftlinge hätten ihre Matratzen in Brand gesteckt und den Gefängnishof besetzt.

Das Sicherheitspersonal habe Tränengas eingesetzt und in die Luft geschossen, sagte der Behördenvertreter. Seit Wochen kommt es im Jemen zu Protesten gegen die Regierung.

Der TV-Sender al-Dschasira berichtet , die Insassen hätten die Kontrolle über das Gefängnis erkämpft, die Büroräume seien ausgebrannt und alle Angestellten hätten das Gebäude verlassen. (...)

Hunderte Menschen haben sich am Dienstag vor der Universität in Sanaa versammelt, um den unverzüglichen Rücktritt des jemenitischen Präsidenten Ali Abdulla Saleh zu fordern. Die Behörden zogen rund um den Ort der Kundgebung und beim Präsidentenpalast starke Kontingente der Sonderpolizei zusammen." (...)


klingt es zynisch, wenn ich von außen, aus der position eines eher nichtsahnenden "westlers", den yemen als "wundertüte" betrachte? es gab genügend berichte, die mich haben staunen lassen - das land hat irgendwie im medialen mainstream das image eines "failed state", wo al-quaida und irgendwelche wilden stämme in den bergen hausen. könnte es sein, dass sich das zukünftig als eine der größeren medialen desinformationen der neuzeit entpuppt?

iran; libyien: beides länder, die momentan thematisch gesondert behandelt müssten - ich neige gerade dazu, noch etwas abzuwarten, weil ich mir in beiden fällen eingestehen muss, viel zu viel spekulieren zu müssen, solange ein paar aus meiner sicht wesentliche informationen nicht vorhanden sind.

*

so. ich hoffe, dass Sie sich als leser/-in jetzt nicht völlig erschlagen fühlen. schließlich wird es im nächsten teil der reihe um entwicklungen gehen, die außerhalb der gerade thematisierten regionen stattfinden und kein stück weniger relevant, interessant, aufschlußreich sind (der kommt aber erst innerhalb der nächsten tage). ich bin mir jedenfalls gerade überhaupt nicht mehr sicher, ob die welt am ende dieses jahres nicht in einer art und weise verändert sein wird, dass uns aus diversen gründen die ohren schlackern werden.

Dienstag, 8. März 2011

assoziation: von bleiernen zeiten und ihrem dahinschmelzen (7)

"Das neue Jahr hatte kaum begonnen, da wagte einer der renommiertesten internationalen Lebensmittelexperten eine Prognose: Um Ostern, also Ende April, würden Hungerrevolten ausbrechen, warnte der Franzose Philippe Chalmin. (...) "Ich bin sehr besorgt." Doch schon wenig später stellte sich heraus, dass die Warnungen des Fachmanns Chalmin sogar noch untertrieben waren. Die explodierenden Lebensmittelpreise lösten am Freitag die ersten schweren Unruhen aus: Bei Protesten in Algerien starben zwei Männer, 400 Menschen erlitten Verletzungen. Eine wütende Menge griff Regierungsgebäude an, Banken und Postfilialen wurden geplündert. Die Regierung in Algier beschloss, Einfuhrzölle und Steuern auf Zucker und Speiseöl zu senken.

Die Ausschreitungen könnten der Auftakt einer globalen Serie von gewaltsamen Demonstrationen gegen kaum noch bezahlbare Lebensmittel sein. In der vorigen Woche schockte die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO mit den neuesten Zahlen ihres Preisindexes für die wichtigsten Grundnahrungsmittel: Das Barometer, das die Teuerung von Erzeugnissen wie Weizen, Reis, Korn, Zucker, Speiseöl und Milchprodukten anzeigt, schoss im Dezember auf den höchsten Stand seit seiner Einführung zu Beginn der neunziger Jahre." (...)


("Angst vor neuen Hungerrevolten"- mitte januar veröffentlicht)

*

so, hier kommt die verspätete fortsetzung der
sechsten folge dieser reihe - ich hatte und habe die letzten tage ausgiebig mit den unangenehmen effekten eines blockierenden halswirbels zu tun, eine erfahrung, auf die ich ganz gut verzichten könnte. aber bekanntlich lautet ja eine der unausgesprochenen folgerungen dieses blogs ungefähr so: der körper ist der meister. manchmal oder auch gar nicht so selten bringt sich diese absolute basis unserer existenz sehr nachdrücklich und sehr schmerzhaft wieder zu bewußtsein.

der - hm, vorteil an der geschichte für diesen beitrag ist nun, dass sich in den tagen seit donnerstag nun schon wieder derartig viel ereignet hat, dass ich zunächst mit einigen nachträgen beginnen werde. das zitat oben soll im übrigen als eine art sehr loser roter faden dienen; das thema der hungerrevolten und die frage danach, wie und ob denn die aktuellen aufstände unter diesem begriff verstanden werden können, wird im folgenden immer wieder eine rolle spielen.

*

nordafrika / arabische halbinsel:

saudi-arabien: nachzutragen bleibt eine
meldung, die am wochenende verbreitet wurde und nochmal deutlich macht, wie nervös die ölprinzen inzwischen sind:

"In Saudi-Arabien hat die Regierung ein Kundgebungs- und Demonstrationsverbot erlassen. Die Sicherheitskräfte würden mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Versuche unterbinden, die öffentliche Ordnung zu gefährden, berichtete das staatliche Fernsehen am Samstag unter Berufung auf das Innenministerium. Zuvor hatte es kleinere Protestkundgebungen der schiitischen Minderheit im Land gegeben." (...)

das ein paar tage vor dem ersten angekündigten "tag des zorns" am 11. märz und mit unruhen in so ziemlich allen angrenzenden nachbarländern konfrontiert: im süden der yemen und oman, im osten die golfstaaten und -emirate, im norden der irak und im nordwesten jordanien - die diktatur der öligen könige muss sich inzwischen wie in einem kochenden krater vorkommen, und die präventiven ankündigungen verheissen nichts gutes.

kuwait: hatte ich im letzten beitrag noch von den dortigen protestierenden staatenlosen arbeiterInnen geschrieben, die als erste auf den straßen waren, so haben diese inzwischen
gesellschaft bekommen:

(...) "Für Dienstag haben mehrere Gruppen zu Kundgebungen in dem Golfemirat aufgerufen. Nach dem Vorbild der Aufstände in Tunesien und Ägypten fordern sie die Absetzung des Ministerpräsidenten und größere politische Freiheiten. Die Organisatoren, vor allem junge Kuwaitis, haben keine Genehmigung für ihre Demonstrationen eingeholt - die damit illegal wären und die Regierung vor eine Machtprobe stellen könnten." (...)

ich konnte bisher noch nichts finden, ob und was da heute möglicherweise passiert ist. kann sein, dass ich später nochmal drauf zurückkomme und ergänze.

tunesien: zur illustration und vertiefung meiner thesen vom letzten beitrag - die revolution befindet sich tatsächlich in ihrer nächsten und ebenfalls entscheidenden
phase:

(...) "Wem gehört die Revolution? Allein der "Kasbah", den tausend Personen, die seit zwei Wochen die Regierung erfolgreich unter Druck setzen, weil sie notfalls auch 100000 Menschen mobilisieren? Vor dem Sportpalast von El Menzah, einem noblen Außenviertel von Tunis, sieht man das anders. Hier demonstriert seit Montag täglich zwei Stunden die "schweigende Mehrheit", von der Ghannouchi in seiner Rücktrittsrede gesprochen hatte. Es sind etwa gleich viel Leute wie auf dem Kasbah-Platz. Doch ist es eine andere Gesellschaft. Viele tragen Krawatte. Demonstriert wird zwischen 17 und 19 Uhr. Vorher arbeitet man schließlich. Man will ja ein neues Tunesien aufbauen. Das wollen die Jugendlichen auf dem Kasbah-Platz gewiss auch, bloß haben die meisten von ihnen eben keine Arbeit." (...)

das beschreibt nochmal ganz gut den konflikt, den ich auch skizziert habe - hier wird entschieden, ob es letztlich in richtung einer sozialen revolution geht oder aber lediglich - ich sagte schon, dass das im verhältnis zur diktatur schon eine verbesserung wäre - eine spezifisch nordafrikanisch-tunesische bürgerlich-demokratische herrschaftsform etabliert wird.

an dieser stelle seien die nachträge erstmal beendet, und es ist durchaus sinnvoll, sich anhand der drei beispiele oben gedanken zu machen zum stichwort vom beginn: hungerrevolten?

wenn ich mir das, was ich inzwischen fragmentarisch in den letzten monaten zu den diversen ländern alles gelernt habe, so betrachte, dann finde ich, dass sich bei dieser frage zunächst ein sehr grober regionaler, geographischer unterschied festmachen lässt: das motiv des hungers (bürokratischer: "nahrungsmittelknappheit") spielt in nordafrika (ausnahme ist möglicherweise ausgerechnet libyien) eine große, aber nicht die einzigste rolle. auf der arabischen halbinsel hingegen - die ausnahme dürften hier zunächst der yemen, aber auch der irak darstellen - rangiert es von außen betrachtet unter den motiven der proteste weiter hinten. der grund für diese unterscheidung dürfte klar sein und ist in einem einzigen kurzen wort zusammenzufassen: öl.

saudi-arabien und die meisten golfstaaten verfügen aufgrund ihrer vorräte an fossilen brennstoffen ebenso wie libyien immer noch über so derart viel materiellen reichtum, dass es ihren herrschern potenziell möglich wäre, sämtliche (materiellen) nöte in ihren ländern abzustellen. das das teils nicht bzw. nur unzureichend (libyien, einige golfemirate) geschehen ist und die schlichte wahrheit des satzes "der mensch lebt nicht von brot alleine" - das beides ergibt zusammen die glut, aus der jetzt die flammen der revolte hochschlagen. in nordafrika hingegen ist der aufstand in ländern wie tunesien, algerien, ägyten... für viele etwas, was auf eine anderen ebene existenziell ist - hier geht und ging es gerade für die mehrheit der armen unterklassen ums pure überleben, eine situation, die durch das geprotze, die widerwärtigkeiten und die repression der jeweiligen diktatorischen clans dann bekanntlich vor kurzem derart unerträglich wurde, das seit dem die weltgeschichte weiter und neu geschrieben wird.

meine eigene antwort, ohne anspruch auf vollständigkeit, auf die frage des anfangs also: teils-teils. die nahrungsmittelpreise spielen und spielten eine rolle, die aber möglicherweise in allernächster zukunft noch deutlicher und fataler werden wird. es ist nämlich kein ende des anstiegs absehbar, und das nicht nur deshalb, weil diese preise nicht nur indirekt mit dem ölpreis zusammenhängen. ebenfalls aber werden die aufstände - und zwar querdurch alle länder hindurch - von wünschen nach mehr gesellschaftlicher partizipation im allgemeinen sinne befeuert - und dabei spielen die städtischen mittelschichten, die dazugehörigen (gutausgebildeten) jugendlichen und auch teile der weiblichen bevölkerung eine große rolle. in so ziemlich allen derzeit "betroffenen" staaten, in denen die aufständigen bewegungen schon die "kritische masse" erreicht haben oder aber dabei sind, diese zu erreichen, spielen blanke materielle existenznöte (für große teile der land-, aber auch stadtbevölkerungen), perspektivlosigkeiten von millionen teils sehr junger menschen, bewußtsein über die bisher völlig fehlenden möglichkeiten der eigenen und politischen selbst- und mitbestimmung sowie das inzwischen global übliche arm-reich-gefälle - das letztere auch besonders für diejenigen, die in den ländern einen arbeitsplatz haben, egal ob im öffentlichen oder privaten sektor; die zahl der gemeldeten stattgefundenen, stattfindenden oder geplanten streiks in den regionen ist nicht mehr zu überblicken - zusammen die entscheidende rolle, um diejenige wucht ins rollen zu bringen, die nötig ist, um diktaturen der dortigen sorte hinwegzufegen. das das nur der erste schritt auf einem langen weg sein kann, wenn es darum geht, das jahrzehnte- bis jahrhundertealte geflecht aus autokratischen, feudalen, religiös untermauerten und patriarchal geprägten (teils auch noch stammes- und clan-) strukturen aufzurollen, dürfte etlichen aktivistInnen in den ländern selbst klar sein.

soweit ein antwortversuch, wie ich ihn z.zt. ungefähr geben würde. mit der frage
Demokratie- oder Hungerrevolten? hat sich vor wochen schon telepolis beschäftigt. lesen, auch wenn ich die frage eben nicht so formulieren würde.

*

was ich gerade oben von "ersten schritten auf einem langen weg" geschrieben hatte, wird untermauert von einem ganz frischen beitrag der
nahostinfos- eine aktion zum internationalen frauentag heute in kairo auf dem tahrirplatz...

"Auf dutzenden Blogs und auf facebook wurde geworben und zum Frauenmarsch auf dem Tahrir-Platz in Kairo aufgerufen. Auf einer facebook-Seite hatte das mehr oder weniger feministische Event über tausend Teilnahmezusagen erhalten. Mit dem noch der revolutionären Hybris entstammenden Pathos sollte es ein “Millionenmarsch für die Frau” werden. Es ging um mehr Gleichberechtigung in einer neuen, säkularen Verfassung und die öffentliche Thematisierung und Kritik des patriarchalen und sexistischen Alltags, wie er sich vor allem in den täglichen verbalen und physischen (=offensives Grabschen) sexistischen Übergriffen auf Frauen mit und ohne Kopftuch, die 9 von 10 befragten ägyptischen Frauen schon mehrmals erlebt haben, äußert. So viele waren enthusiastisch, Schilder wurden gemalt, Witze kursierten auf twitter. Doch 18 Tage Kairiner Revolution verändern eben doch keine Gesellschaft.

Es kam anders, aber anders, als alle dachten. Nur einige Dutzend Frauen und ein paar Männer fanden sich auf dem Tahrir-Platz ein, und begannen zwei Transparente und selbstgemachte Schilder hochzuhalten und Flyer zu verteilen, die u.a. eine säkulare Verfassung und die Möglichkeit weiblicher Präsidentschaft forderten. Auf Schildern verurteilten sie die weitverbreitete Praxis der sexuellen Übergriffe. Innerhalb kurzer Zeit sammelten sich Männer um die kleine Gruppe, und ganz im Sinne massendynamischer Prozesse kamen, als es etwas zu sehen gab, immer mehr hinzu. Bald waren die DemonstrantInnen, die zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 70 und 250 an der Zahl waren, von bis zu tausend ganz normalen ägyptischen Männern [manche behaupten, es seien "angeheuerte thugs" gewesen, aber unklar wer sie hätte anheuern sollen] von allen Seiten umringt, die sie beschimpften, beleidigten und teilweise angrapschten. Sie wurden wahlweise als Ausländer oder “Katzen” bezeichnet, und in hitzigen Pöbeleien ging es darum, dass sie zurück in die Küche sollten, sich nicht wundern brauchten betascht zu werden, wenn sie so aussehen würden. Am meisten aufgebracht waren die Männer von der Forderung, dass auch Frauen Präsident werden sollen. Das alles sei irgendwie gegen die Werte, wahlweise ägyptische, islamische, arabische etc." (...)


so bitter es klingen mag - aber derlei szenen sind in den zwischen- oder nach?revolutionären phasen durchaus zu erwarten. ich kann mich an die vielen teils euphorischen äusserungen gerade von frauen aus den 18 tagen der "republik tahrir" erinnern, hier eine durchaus
repräsentative:

(...) "Der Tahrirplatz hat sich in eine gut organisierte Republik innerhalb der Republik verwandelt. Menschenliebe, Aufmerksamkeit und Rücksicht zeichnet das Verhalten aller DemonstrantInnen aus. Komitees für Sauberkeit und Ordnung sind gebildet worden. Ein Teil des Platzes wurde für Menschen mit Behinderungen bestimmt, dort können sie von den anderen unterstützt und beschützt am Geschehen teilnehmen. Die Nahrungsmittelspenden werden über Stände verteilt. Es sind Millionen, die sich selbst ohne fremde Hilfe verwalten. Es sind zahlreiche Ambulanzstationen errichtet worden. Es gibt keine einzige Meldung über Diebstähle, sexuelle Belästigungen oder Gewaltverbrechen. Nicht vom Tahrirplatz, aber auch nicht vom ganzen Land. Ein Land in der Größe Ägyptens mit 80 Millionen EinwohnerInnen ist in einem Zustand der Aufruhr, ohne einen einzigen Polizisten, und ist dennoch sicherer als vor dem 25. Januar!" (...)

selbst, wenn das in der totalität als übertrieben gezeichnet erscheint - der kern des berichts darf durchaus als realistisch angesehen werden, und frauen waren nach vielen berichten durchaus völlig selbstverständlich überall beteiligt. telepolis hat heute übrigend gerade vier frauen aus der region nochmals beispielhaft
gewürdigt, und ihr anteil an den revolutionären prozessen ist bereits jetzt ein geschichtlicher fakt.

ist der bericht aus kairo von heute nun ein zeichen für das scheitern der revolutionären bewegung? ich finde nein - immer noch befinden sich ausser tunesien alle anderen staaten in der ersten oder gar den vorphasen der eigenen möglichen revolution. ägypten hat nach dem ersten meilenstein - sturz der symbolischen führungsfigur - noch viel arbeit vor sich, die in tunesien schon weiter fortgeschritten ist. die künftige stellung und bedeutung von frauen im öffentlichen leben lässt sich allerdings - aus westlicher sozialisierter sicht - als echte nagelprobe für die frage ansehen, wieweit sich die antidiktatorischen revolten zu sozialen revolutionen entwickeln - einfach deshalb, weil dieser aspekt sehr direkt an die weiter oben angesprochenen basisstrukturen auch der heutigen herrschaftssyteme in den beiden regionen rührt. und zukünftig bedeutet das auch einen schärferen konflikt zwischen womöglich immer größeren teilen der weiblichen bevölkerungen dieser länder mit allen vorhandenen spielarten des islam. was wir gerade erleben, kann der erste schritt in diese zukunft sein.

vielleicht sollte für leute, besser gesagt männliche leute, die bei dem bericht aus kairo schon wieder chauvinistisch abgewunken haben und im stillen denken: "sieht man(n) ja wieder, wie `die araber´ wirklich ticken" auch noch die empfehlung auf den weg gegeben werden, sich selbst - vorzugsweise als beobachter - auf den weg zu hiesigen feministischen aktionen zu machen und einfach mal zu sehen und zu hören, wie die reaktionen des hiesigen publikums dann so ausfallen. jegliche anflüge kultureller arroganz sollten sich in aller regel dann zuverlässig verflüchtigen.

*

so, wieder recht lang geworden, und ich mache wieder einen cut. aber der nächste teil soll in den kommenden stunden folgen.

Donnerstag, 3. März 2011

assoziation: von bleiernen zeiten und ihrem dahinschmelzen (6)

(...) "Reuters verbreitet ein Pressemitteilung – Tunesien betreffend – von Amnesty International: “Tunesien muss Tötung von Demonstranten untersuchen”. Was für ein bürgerlicher Scheißdreck. Es geht darum, das ganze Scheißsystem hinwegzufegen – solche Forderungen, gerichtet an irgendwelche Nochimmerherrschenden oder nach demokratischen Wahlen Demnächstherrschenden stabilisieren deren System bloß, indem sie ihnen wohlmöglich nachkommen und irgendwelche armen Schweine unter den Polizisten oder Soldaten anklagen -. ihnen einen sauberen Prozeß machen. Gerichte, Rechtsanwälte – das alles gehört vielmehr mit weggefegt. Für immer. Alle tun hier so im Westen, als gäbe es nichts anderes als die Errungenschaften der Französischen Revolution – freie Wahlen, Presse, Regierungen, Gewaltenteilung etc.. Das alles gehörte längst auf den Misthaufen der Geschichte – es gibt ein viel größeres Revolutionsziel: die Abschaffung der Warenproduktion und die Aufhebung aller Trennungen." (...)

("Der Kairo-Virus - Chronik seiner Ausbreitung/Eindämmung (21)")

(...) "Niemand, der sich in Führungspositionen befindet, hat etwas davon, den eigenen Untergang zu prophezeien. (So wie jener Chefredakteur, der sich bei einem Essen weinschwer über den Tisch gebeugt und gesagt hatte: »Noch sitzen wir hier und essen Fischfilet. Aber Sie und ich wissen«, Kunstpause. »Sie und ich wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird.« Einen Brunnen habe er schon gebohrt, über die nötigen Maße eines Gemüsebeets für eine vierköpfige Familie denke er nach." (...)


("Rette sich, wer kann!")

(...) "Mit dem Sturz der Diktatoren Nordafrikas wird der Flüchtlingsstrom nach Europa massiv wachsen", sagte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Dieser Ansturm lasse sich nur stoppen, wenn Europa zur Festung umgebaut werde." (...)


...und auch diese "festung" wird am ende fallen...

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so. derart eingestimmt, betrachten wir uns ein weiteres mal näher das, was ich neulich als "globales wetterleuchten an fast allen horizonten" bezeichnet hatte. es erscheint immer noch und immer mehr bitter nötig, das blog einerseits zur reinen informationsvermittlung zu nutzen, da sehr vieles, was zum verständnis bzw. mindestens für eine annäherung daran nötig ist, medial entweder gar nicht oder nur fragmentarisch vermittelt wird. andererseits habe ich die nächsten tage voraussichtlich etwas mehr raum, um einige grundsätzlichere fragen ebenfalls zu thematisieren:
  • aus der perspektive der bloginhalte hier wäre da bspw. die frage nach den wirkungen der z.zt. in libyien wahrscheinlich am massivsten, aber auch anderswo primär staatlicherseits ausgeübten gewalt - stichwort trauma. ich will versuchen, mich den aktuellen szenarien mal mit hilfe der bisherigen erkenntnisse aus der psychotraumatologie zu nähern, weil der umgang mit dieser gewalt und ihren folgen unweigerlich auch den weiteren weg der betroffenen gesellschaften mitbestimmen wird
  • verschwörungstheorien: von beginn an gab es besonders im netz unter den üblichen verdächtigen eine teils reflexartig anmutende reaktion zu bestaunen: diese ganze dynamik der aufstände seien - "wie üblich" - ein produkt von us-amerikanischer und israelischer einflussnahme, sie folgten einem drehbuch, und all die millionen in den revolten involvierten seien lediglich (ahnungslose) statisten. mich regt eine solche betrachtungsweise einerseits auf, andererseits scheint sie mir zumindest hierzulande letztlich auch der treffende ausdruck einer generationenalten mentalität in einer gesellschaft zu sein, die in ihrer bisherigen geschichte kein einziges mal wenigstens so etwas wie eine bürgerliche revolution hinbekommen hat und mit dem wort "selbstorganisation" mehrheitlich offensichtlich nichts anzufangen weiß. auch das lohnt der näheren betrachtung, wie ich finde
  • ich hatte ja zu beginn dieser reihe geschrieben, dass ich hier auch vorläufig die schon im letzten jahr begonnene debatte zum "kommenden aufstand" des "unsichtbaren komitees" weiterführen möchte - das wäre ein weiterer punkt, einmal zu schauen, wieweit sich die imaginationen des "kommenden aufstands" inzwischen in der globalen realität wiederfinden lassen
  • peak oil, peak water, nahrungsmittelkrisen, mögliche klimakrisen?, bevölkerungszahl: hinsichtlich der aufstände weitgehend völlig unterbelichtet, diese "megatrends". aber ich bin überzeugt davon, dass wir aktuell bereits mehr als nur die vorboten zumindest einiger dieser absoluten grenzen (für den globalen kapitalismus zumindest) sehen
soweit zum vorgesehenen programm; das ich dafür keinen zeitplan angeben mag und kann, sollte auf der hand liegen.

*

bevor ich nun zu einem kurzen überblick zuerst zur situation in nordafrika und der arabischen halbinsel aushole, noch ein wort zu den quellen: wie in den letzten folgen versuche ich besonders, aus meiner sicht zu kurz gekommene meldungen ins blickfeld zu holen. dazu bevorzuge ich weiter neben einzelnen anderen quellen den britischen guardian sowie al jazeera, möchte jedoch auch speziell auf zwei weitere hinweisen: das erste einleitende zitat stammt aus dem
hausmeisterblog der "taz", und da möchte ich wirklich empfehlen, einmal alle folgen der "chronik" von beginn an zu lesen. das wird vermutlich ein paar stunden dauern, aber es lohnt sich, weil dort eine vielzahl an aktuellen und historischen informationen sowie eigenen gedanken des autors in einer ähnlich assoziativen art & weise zusammengetragen wird wie hier. es gibt dort eine menge zur geschichte der verschiedenen länder zu lernen sowie etliche hinweise auf weitere interessante artikel und quellen - tipp! und das gilt in anderer weise auch für die nahostinfos, die als meines wissens bisher einziges deutschsprachiges blog so etwas wie einen gesammelten überblick zu den aktuellen entwicklungen in den ländern der region bereitstellen. ich weiß nicht, wer der oder die autorInnen dort sind, aber von hier aus für die arbeit schon mal ein dickes danke! (das ist neulich direkt im blog offensichtlich an technischen problemen gescheitert).

wie in den letzten folgen auch, werde ich viele der infos nicht jeweils einzeln quellenmässig belegen, sondern nur diejenigen, die mir besonders relevant und/oder brisant erscheinen. und jetzt wirklich los, es ist so viel passiert und passiert weiterhin, dass dieser überblick vermutlich jetzt schon wieder veraltet ist...

*

nordafrika/arabische halbinsel

tunesien: zu den wiederaufgeflammten riots und auch streiks im land, die mittlerweile zwar auch zum rücktritt des "übergangspräsidenten" und alten ben al-vertrauten ghannouchi geführt hat, aber das bedürfnis großer bevölkerungsteile nach einer tiefgehenderen sozialen veränderung - minimalkonsens ist der abgang alles personal der bisherigen diktatur - konnte dadurch nicht begrenzt werden. ich hatte von beginn an spontan bei tunesien die wenigsten bedenken, das wort "revolution" zu benutzen, und ich finde das bei der aktuellen entwicklung auch weiterhin berechtigt - es ist zwar i.d.r. unangemessen, die verschiedenen länder zu vergleichen, aber tunesien scheint im "eigenen" zyklus der revolutionären phasen, die eine gesellschaft im umbruch durchlaufen muss, am weitesten zu sein - dazu gehört auch, dass sich jetzt innerhalb der gesellschaft deutlicher die klassengegensätze beginnen abzuzeichnen. hatte die mittelklasse anfangs das gleiche unmittelbare interesse am sturz der diktatur wie die unterklassen sowie große teile der perspektivlosen jugend, so geht es jetzt eher darum, neben der abwicklung von ben alis altlasten durchaus sozialrevolutionäre inhalte in einem konflikt zwischen mittel- und unterklassen auszufechten. erstere können tatsächlich als solche gesehen werden, die primär eine "parlamentarische demokratie" westlichen zuschnitts - was real bereits sicher ein fortschritt darstellen würde im vergleich zur diktatur - anstreben, während für letztere das problem der armut weiterhin brisant bleibt und es zeit braucht, um diesbezgl. selbst eine art programm für die weitere entwicklung zu schmieden. so scheint tunesien, zusätzlich auch wg. des problems der vielen aus libyien kommenden flüchtlinge, von außen betrachtet in einem seltsamen schwebezustand zu hängen. zu all dem ein relatib aktueller - 27. februar -
bericht von drei aktivisten aus italien von einem besuch im land selbst, der mit den absätzen schliesst:

(...) "Eine Revolution ohne Anführer und ohne Waffen machen ist keine leichte Sache, das muss erfunden werden, die Tunesier und Tunesierinnen sind aber stolz darauf, dem Drama dieser Tage zum Trotz. Das Fehlen einer Mitte offenbart sich in einem vermeintlichen Chaos, das sich tatsächlich aber gerade durch die Vielfalt der Lebensformen ein weiteres Mal als kollektive Kraft und Intelligenz erweist.

Von der Platzbesetzung und dem Basispunkt der Gewerkschaft UGTT aus startet ein Aufruf an die Generaldirektion des Transportwesens, die kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu gestatten, damit möglichst viele eine Chance bekommen, Tunis zu erreichen.

Seit heute haben die tunesischen Medien den Generalstreik ausgerufen, niemand hatte es gemerkt, dass sie statt dessen für Tunesien arbeiteten... Wer weiß, ob sie nicht die Freiheit erringen, von dem, was ihr Volk gerade tut zu berichten."


was auch immer noch weiter geschehen mag - die bevölkerung jenes kleinen landes "irgendwo da unten, an der peripherie" hat sich mehrheitlich für immer einen platz in den herzen all jener verdient, die sich für tatsächliche menschliche fortschritte begeistern können. hier wurde der funke entfacht, der tatsächlich zum steppenbrand wurde und das erste mal laut und vernehmlich gesagt "es reicht!". und bei dieser sachlage bin ich auch gerne pathetisch...

golfregion (bahrain, kuwait, oman...): hat irgendjemand den sog. bundespräsidenten neulich auch im tv beim emir von quatar bewundert, wie er weiter - bei gleichzeitigem "mahnen" für "demokratische reformen" - die guten wirtschaftsbeziehungen mit dem kleinstaat lobte? ich konnte bei dieser szene nur mit dem kopf schütteln angesichts einer "elitären" verfassung, die offenbar tatsächlich immer öfter auf nackte realitätsverdrängung hinausläuft - denen muss anscheinend wirklich erst alles hautnah so richtig um die ohren fliegen, bevor sie begreifen, dass das spiel aus ist.

es rumort weiter in der gesamten region - und die jeweiligen diktatoren und monarchen mobilisieren nicht nur in einem land ihre jeweilige
anhängerschar:

"Im Golfstaat Bahrain sind nach offiziellen Angaben 300.000 Anhänger des Königs Hamad bin Issa el Chalifa auf die Straße gegangen, um die sunnitische Herrscherfamilie zu unterstützen. (...)

Zur gleichen Zeit forderten tausende Regierungsgegner auf dem Platz der Perle den Rücktritt des Königs und demokratische Reformen." (...)


kuwait: weitere proteste von den ins land geholten und formal extrem rechtlosen arbeiterInnen werden vermeldet, die u.a. die staatsbürgerschaft sowie fundamentale rechte fordern und denen größtenteils repressiv begegnet wird. der infofluß ist diesbezgl. aber eher mau.


oman:

In Sohar im Sultanat Oman hat das Militär mit Panzern hunderte Demonstranten auseinandergetrieben, die den Zugang zu einer Brücke und eine Hauptstraße in Richtung der Hauptstadt Maskat blockiert hatten. Bei dem Einsatz der Militärfahrzeuge am Dienstag wurde niemand verletzt, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Die Demonstranten waren für mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne auf die Straße gegangen. Sie forderten außerdem juristische Ermittlungen gegen in ihren Augen korrupte Minister.

Auch in anderen omanischen Städten wie Salala im Süden und in der Oasenstadt Buraimi im Norden des Landes gingen am Dienstag hunderte Menschen auf die Straße." (...)


saudi-arabien: wie ich schon früher einmal schrieb - eine der übelsten diktaturen des planeten, entscheidender öl-lieferant für den westen, nachweislich exporteur religiös-fundamentalistischen terrorismus in die ganze region - wenn und falls die ölprinzen fallen sollten, dann ist die ganze jetzige schon atemberaubende dynamik wahrscheinlich nur eine art vorspiel - die "mutter aller aufstände", wie ein entsprechendes szenario in us-amerikanischen foren gerne genannt wird, könnte von weltweiten massiven erschütterungen begleitet werden, bis hin zu denkbaren kriegerischen auseinandersetzungen in der region und dem endgültigen ausbruch einer neuen und schwereren phase der schwelenden weltweiten wirtschaftskrise, die dann angesichts der eh schon prekären situation vieler staaten tatsächlich das ganze globale system sehr sehr nahe an den finalen abgrund bringen würde. erster
stichtag: 11. märz:

"Am Mittwoch machte in saudischen Aktivisten-Kreisen das Gerücht die Runde, einer der zwei Administratoren einer Facebook-Seite von Regierungsgegnern sei von Angehörigen der Sicherheitskräfte in Riad erschossen worden. Von offizieller Seite wurde dies ebenso wenig bestätigt wie die Festnahme eines schiitischen Geistlichen im Osten von Saudi-Arabien am vergangenen Sonntag. Scheich Tawfik al-Amir, der in Ahsa predigte, soll in der Moschee dazu aufgerufen haben, Saudi-Arabien in eine konstitutionelle Monarchie umzuwandeln.

Im sozialen Netzwerk Facebook, das von jungen Saudis stark genutzt wird, gibt es derzeit zwei Aufrufe zu Demonstrationen gegen Korruption und für eine stärkere Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungsprozessen. Die Demonstrationen sollen am 11. und 20. März stattfinden." (...)


es sollte vielleicht besonders darauf hingewiesen werden, dass zumindest ein im netz bekannt gewordener aufruf von frauen initiiert worden ist, die speziell auf ihre situation in dem land focussieren - eine revolte unter einem derzeitigen vorzeichen wäre trotz der durchwegs in so ziemlich allen betroffenen ländern der region zu verzeichnenden teilnahme von frauen an den aufständen trotzdem qualitativ etwas neues.

die diktatur sieht sich, wenn ich das recht verstehe, gleich vier potenziellen konfliktpunkten gegenüber: einmal ein kulturell-religiös motivierter, nämlich den bereits stattfindenden protesten der schiitischen minderheit im osten des landes. dann wäre da zum anderen die situation der vielen jugendlichen, denen keine langfristige perspektive geboten wird. drittens die - analog den kleinen golf-monarchien - vielen als arbeitskräfte ins land geholten migranten aus anderen arabischen staaten, aber auch aus asien, die weitgehend rechtlos am untersten ende der gesellschaftlichen hierarchie stehen. und viertens die wie kaum in einem anderen land so offen patriachalische herrschaftsstruktur mit religiöser verbrämung, die potenziell große teile der weiblichen bevölkerung quer durch alle klassen hindurch zur rebellion bringen könnte.

und zu all dem kam mitte februar dann auch noch eine meldung, die seltsamerweise ohne größere resonanz blieb, deren brisanz aber gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, v.a., wenn man sich die praxis der dortigen herrschaften betrachtet, eventuelle proteste frühzeitig einfach mit geld zuzuschütten -
mittelfristig ist der ofen so oder so aus:

(...) "Die USA befürchten, dass Saudiarabien, die grösste Exportnation von Rohöl, nicht genug Reserven hat, um der Preisspirale Einhalt zu gebieten. Dies geht aus Dokumenten hervor, welche die Enthüllungsplattform Wikileaks im britischen «Guardian» veröffentlicht hat. Einmal mehr handelt es sich dabei um vertrauliche Depeschen von Diplomaten. Ein US-Diplomat, der in der saudischen Hauptstadt Riad stationiert war, appellierte in der Depesche an seine Regierung, sie solle die Warnungen eines arabischen Öl-Experten ernst nehmen.

Sadad al-Husseini, Geologe und ehemaliger Chef des staatlichen Ölkonzerns Aramco, hatte dem US-Diplomaten gegenüber gesagt, die Ölreserven im Land würden geschönt dargestellt. Gegenwärtig könne fast 40 Prozent weniger gefördert werden, als man dem Westen weismache." (...)


und das lässt sich durchaus als bestätigung eines gerüchtes lesen, welches schon seit langer zeit in diversen peak-oil-foren im netz herumläuft. die konsequenzen kann sich jeder selbst ausmalen - ich merke im moment gerade, dass dieser beitrag hier zu lang für die software zu werden droht und muss ihn splitten. fortsetzung folgt also, ich versuche das bis spätestens morgen - dann mit dem rest dieser rubrik, aber vor allem auch einigen höchst interessanten meldungen aus den usa, mittel- und südamerika sowie europa...

Mittwoch, 2. März 2011

zwei hinweise - "satanische" (rituelle) gewalt im tv; fotoausstellung mafia

ich bin darum gebeten worden und komme dem auch gerne nach, einen hinweis auf eine tv-reportage zu veröffentlichen, die am kommenden samstag, dem 5. märz um 22.15 auf zdfneo läuft:

"Immer wieder hört man von Straftaten, die im Zusammenhang mit Satanismus stehen sollen. Was aber bedeutet es wirklich, ein Satanist zu sein? Von einem Experten erfährt Manuel, dass Satanismus für weit mehr stehen kann, als dunkle Rituale, gelegentliche Grabschändungen und Dämonen-beschwörungen. (...)

Auf seiner Suche lernt Manuel zwei Mädchen kennen, die seit ihrer Kindheit Mitglieder und Opfer von Satanskulten sind. Sie berichten von schwarzen Messen, massiver psychischer und physischer Folter, bewusst herbeigeführten Persönlichkeits-spaltungen und der Beteiligung an satanistischen Ritualen." (...)




wer sich von der thematik noch überhaupt keine vorstellung machen kann, hat
hier die möglichkeit, schwer vorstellbaren und vor allem schwer erträglichen realitäten in relativ (!) distanzierter art & weise zu begegnen. es werden öffentlich immer wieder starke zweifel laut, ob so etwas wie diese sehr spezifische, organisierte gewaltform primär gegen kinder überhaupt existiert. meine persönliche antwort ist aus diversen gründen kurz "ja", auch wenn es sich vom ausmaß her um ein "randphänomen" handeln mag. aber was sich darin alles finden lässt, ist dann durchaus keine nebensache mehr.

*

im übersee-museum in bremen läuft seit anfang februar noch bis zum 24. märz eine ausstellung unter dem titel
Mafia - das globale Verbrechen , mit einem begleitprogramm, in dessen rahmen am mittwoch, 9. märz um 19.30 h im museum auch der hier im blog schon öfter genannte autor jürgen roth zum "mafialand deutschland" einen vortrag halten wird. mein ganz persönlicher tipp des monats, wird sicher interessant werden. vorher könnten sich interessierte dann noch die ausstellung ansehen, die schwerpunktmässig photographien von letizia battaglia zur sizilianischen mafia präsentiert, aber auch arbeiten zur russischen mafia sowie zur japanischen yakuza enthält:

(...) "In ihren Fotografien hat Letizia Battaglia den sizilianischen Alltag in den 80er und 90er Jahren und die Macht der Mafia festgehalten: Auf der Straße oder in Hinterhöfen hingestreckte Tote, Prostitutierte in einem blutbespritzten Zimmer, die wegen Streitigkeiten beim Drogenhandel exekutiert wurden, verzweifelte Angehörige. Oder ein Junge mit Strumpfmaske, der Killer spielt und die Normalität in Palermo reproduziert."(...)

wer sich diese ausstellung ansieht, könnte eine mögliche variante auch seiner/ihrer zukunft betrachten.

Montag, 28. Februar 2011

kontext 72: "wahnsinnige liebe" und die borderline-gesellschaft

ein presseartikel, über den ich eher zufällig gestolpert bin: Wahnsinnige Liebe - droht eine Borderline-Gesellschaft? ich sehe da einerseits ein paar rote fäden zu den themen des gestrigen beitrags zum "freiherrn"; aber natürlich wissen stammleserInnen, dass der begriff der "borderline-gesellschaft" sich schon seit einigen jahren, wenn nicht jahrzehnten, immer mal wieder unheilverkündend irgendwo manifestiert. der artikel bietet nun einmal anhand einer fallgeschichte den versuch, einige der bekannteren symtome der bps nachvollziehbar zu machen, zum anderen werden begleitend einige der aktuelleren forschungsergebnisse und ansätze zum umgang (nicht nur) mit borderline dargestellt. und da findet sich nun ein absatz, der mich gestern hellwach gemacht hat, als ich ihn das erstemal las:

(...) "Nach neuesten Erkenntnissen verschwimmen die Grenzen zwischen den bisher bekannten Persönlichkeitsstörungen. "Dies liegt daran, dass wir inzwischen sehr viel differenziertere Diagnosen stellen können", sagt der Hamburger Psychiater Dr. Birger Dulz, 58 Jahre, Chefarzt der Fachabteilung für Persönlichkeitsstörungen in der Asklepios-Klinik Nord in Ochsenzoll. "Wir stellen immer häufiger fest, dass praktisch kein Betroffener jeweils nur eine einzige Störung aufweist, sondern dass es zwischen Soziopathen, Narzissten oder Borderlinern eine Vielzahl von Überschneidungen in den signifikanten Verhaltensmustern gibt."

na endlich, bin ich geneigt auszurufen - schon immer war die "reine le(e)hre" der diagnostischen kataloge icd und dsm - letzteres als primär psychiatrische klassifikation mehr als erstere in ihrer betonung der strengen trennung zwischen den verschiedenen diagnosen gerade aus dem bereich der persönlichkeitsstörungen mehr oder weniger realitätswidrig, weil kaum jemand bspw. irgendwann irgendwo jemanden gesehen hätte, der / die als "borderline in reinform" hätte gelten können. nein, gerade im psychiatrischen bereich sind differenzierungen nicht grundlos und zufällig so schwierig vorzunehmen, und kaum jemand der betroffenen rennt mit nur einer einzigen diagnose durch die welt. was aber bemerkenswert ist, auch wenn sich die tendenz bereits vor jahren abzeichnete - nicht nur das borderline-buch von mertz, sondern auch das "handbuch der bl-störungen", an dem dulz übrigens als einer der bekanntesten hiesigen theoretiker und praktiker beteiligt war, beschäftigten sich jeweils speziell mit dem komplex "antisozialität" (beide siehe literaturliste) - , was also bemerkenswert ist, ist das eingeständnis, dass sich in der realität narzisstische und borderline-ps tatsächlich in vielen (nicht allen!) fällen in ihren symptomen und ihrer jeweiligen individuellen prägung kaum bis gar nicht von der antisozialen ps unterscheiden lassen, bzw. teils fließend ineinander übergehen zu scheinen.

"Daher hat sich seit einiger Zeit der übergeordnete Begriff der "Antisozialen Persönlichkeitsstörung" (APS) durchgesetzt. Die am häufigsten vorkommenden Symptome sind eine enorme Wandlungsfähigkeit, pathologisches Lügen sowie fehlendes Mitgefühl und Reue. Antisoziale Menschen sind zumeist sehr impulsiv, gelten sogar als "gerissen" und sind häufig nicht in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Das APS-Syndrom ist durch die Missachtung sozialer Verpflichtungen gekennzeichnet. Oft weisen die Erkrankten auch eine geringe Frustrationstoleranz sowie eine niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten auf."

ich frage mich beim ersten satz nur, ob der autor dieses artikels da etwas falsch verstanden hat, oder ob das tatsächlich eine neue praxis darstellen sollte? die antisoziale ps ist in den katalogen schon lange enthalten, und - klar ich bin hier aus gründen redundant - nicht automatisch gleichzusetzen mit der "echten", strukturellen soziopathie, auch wenn die oben geschilderten symptome bei letzterer überwiegend auch zu finden sind. aber wenn hier jemand aktuell im psychiatrischen bereich beschäftigte/r mitliest, würde mich eine antwort auf die frage sehr interessieren. werden borderline und narzisstische ps aktuelle wirklich öfter als antisoziale ps geführt?

dann kommt so ein satz, wo ich einfach nur mal wieder mit dem kopf schütteln kann, weil ich mich frage, wie autor und verantwortliche redaktion die einen direkt anspringende sinnwidrigkeit der folgenden aussage kommentarlos durchgehen lassen können:

"Sie sind in der Regel zwar bindungsunfähig, aber dennoch in der Lage, ständig neue Beziehungen einzugehen." (...)

wenn der erste teil stimmt - wofür es viele gründe gibt, das als realität anzunehmen, muss der zweite teil in der form falsch sein. meine korrektur dürfte nicht groß überraschen:

"...aber dennoch in der lage, ständig neue beziehungssimulationen einzugehen."

bekanntlich einer der themenschwerpunkte hier im blog von beginn an, interessierte stöbern bitte im
index (ja, der muss dringend aktualisiert werden, aber es lässt sich zu den fraglichen themen trotzdem etliches finden).

ist´s nur wieder die übliche zu beobachtende scheu, ausdruck von nichtwissen oder zurückschrecken vor den gewaltigen konsequenzen, die es hätte, sich die existenz von großen oder gar allen teilen ihres lebens simulierenden menschen einzugestehen, die zu solchen sätzen wie dem zitierten führt? mertz war bisher der einzige mir bekannte autor, der zumindest fragmentarisch den versuch unternahm, diesen komplex mal näher zu untersuchen. und er erntete bekanntlich bis heute dröhnendes schweigen von der scientific community.

es folgt im artikel weiter eine zwangsweise grob verkürzte charakterisierung der jeweiligen ätiologie der drei persönlichkeitsstörungen, wobei sich da dann bei der antisozialen ps ein deutlicher sachlicher fehler finden lässt:

(...) "Bei Patienten mit klassischen APS-Symptomen vermutet man dagegen inzwischen auch biopsychologische Gründe für die Erkrankung, denn die Betroffenen weisen überproportional oft einen erhöhten Anteil langsamer Gehirnwellen (Alpha-Wellen) auf. Darüber hinaus besitzen sie stärkere Hautwiderstände sowie eine geringere zentral- und periphernervöse Erregung. Das "antisoziale Verhaltensmuster" könnte daher Ausdruck ihrer Suche nach Aufregung sein, um die Aktivität im zentralen und vegetativen Nervensystem zu stimulieren." (...)

der fehler liegt darin, bezgl. narzisstischer und borderline-ps "biopsychologische" (etwas unglückliche wortwahl) gründe nicht zu erwähnen - tatsächlich sind alle beziehungskrankheiten, von denen die drei hier thematisierten zu den fatalsten gehören, nur psychophysisch zu verstehen. auch nix neues, aber in - eigentlich ganz brauchbaren - populistischen artikeln wie diesem ärgern mich solche fehler sehr.

es geht weiter mit der richtigen schilderung der mangelhaften versorgung in den zuständigen psychiatrischen bereichen, um dann am ende tatsächlich die täter-opfer-dialektik zwar nicht direkt zu benennen, aber immerhin zu umkreisen:

(...) "Doch können kranke Menschen (...) wirklich "Täter" sein?" (...)

die frage gehört vom kopf auf die füsse gestellt: gibt es bei verbrechen innerhalb der menschlichen sozialität (und auch bei destruktiven aktionen gewisser art gegen nichtmenschliches leben) wie z.b. vertrauensbrüchen, ausbeutung, mobbing bis hin zu angriffen direkt gegen körperliche gesundheit und leben täter, die überwiegend nicht als krank gelten müssen? meine persönliche antwort ist an vielen stellen im blog nachzulesen.

am ende dann noch eine frage, die wie angedeutet in den 1990ern und in der ersten hälfte des vergangenen jahrzehnts öfter als heute gestellt wurde:

(...) "Leben wir im Bewusstsein von rund zehn Millionen psychisch Kranken in Deutschland bereits in einer "Borderline-Gesellschaft"? Spiegelt das "bruchstückhafte Gefühl der Borderline-Persönlichkeit von Identität und Stabilität" (Jerold J. Kreisman) möglicherweise die Zerschlagung beständiger Werte in unserer Gesellschaft wider?" (...)

wer darauf eine antwort haben will, setzt sich am besten einfach mal in irgendeiner einkaufszone in einer großstadt ein paar stunden hin und beobachtet nur die mitmenschen - wie sie sich bewegen, was sie für mimiken zeigen, etc.

und stellt sich danach die frage, was er oder sie denn als "beständige werte" ansieht. denn deren defintion ist mit entscheidend dafür, was für antworten am ende herauskommen.

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