kontext 31: "fiktionale glaubwürdigkeit"

nicht vergessen möchte ich den hinweis auf ein interview mit einem angehörigen der branche, deren tätigkeit als professionelle fake-industrie vermutlich schwer unterschätzt wird. einige gleichzeitig erschütternd und erfreulich deutliche auzüge:

(...)"Sie behaupten auch, Ehrlichkeit sei für die Politik kein relevantes Kriterium.

Kocks: Richtig. Und das ist kein Zynismus, das ist der Zustand des Aufgeklärtseins. Die Wahrheitskategorie hat mit Geschäften nichts zu tun. Ein Autohändler möchte Geschäfte machen, und ein Politiker möchte das auf einer anderen Ebene auch. In Demokratien müssen Sie Machtausübung - zynisch könnte man sagen: leider - legitimieren. Deshalb müssen Sie die Leute von Ihren politischen Maßnahmen überzeugen. Dass es dabei nicht um die reine Wahrheit geht, ist mittlerweile Allgemeingut. Auf die Frage: 'Glauben Sie Politikern?', antworten nur 15 Prozent uneingeschränkt mit ja. Und die müssen Sie im Grunde genommen zum Arzt schicken."(...)


so wird auch noch ganz nebenbei die bedeutung des wortes "aufklärung" manipuliert: in der denkwelt dieses konstruktivisten ist das offensichtlich die rein kognitive wahrnehmung eines zustands der sozialen zerstörung, die lediglich objektivistisch registriert und unter dem eigenen nutzkalkül bewertet wird. zynisch bleibt das allerdings weiterhin, und die konstatierte - angebliche - nichtbeziehung von wahrheit und geschäften klingt haargenau wie die hier dokumentierte behauptung, das gefühle und "geschäfte" nichts miteinander zu tun hätten. haben sie auf einer ebene auch nicht, aber ganz anders, als es die zitierten meinen. es ist eigentlich unglaublich, dass diese selbstdemaskierungen von protagonisten der herrschenden a-sozialen zustände ohne sichtbare konsequenzen bleiben.

und dann wird es noch deutlicher - was für einen begriff von authentizität hat so jemand?

(...)"Also geht es in der politischen Auseinandersetzung darum, wer der bessere Schauspieler ist?

Kocks: Es geht um fiktionale Glaubwürdigkeit. Wir können einen Politiker nicht als Person beurteilen, weil wir ihn nicht wirklich kennen, sondern nur in seiner Rolle. Die kann er authentischer oder weniger authentisch spielen. Authentizität ist eine bestimmte Art der Inszenierung, auf die wir mit der Zubilligung von Vertrauen reagieren. Authentizität ist aber nicht Wahrheit: Leute, die im Stadttheater sitzen und den Hamlet sehen, glauben doch nicht, sie wären jetzt wirklich in Dänemark und es wären Geister da"(...)


"authentizität ist eine bestimmte art der inszenierung" - so klingt das gerede der völlig flexibilisierten, globalisierten und konstruktivistischen ich-manager, die den waren-fetischismus, die verdinglichende logik und ihren letztlich funktional autistischen wahrnehmungsstatus in totalität als ersatzoption und identitätskrücke für verlorengegangene (selbst-)wahrnehmungsfähigkeiten - und in letzter konsequenz für ihren fehlenden persönlichkeitskern (durchaus materiell gemeint) - akzeptiert haben (früher waren dafür bevorzugt götter und nationen beliebt - aber auch die haben ja bekanntlich eine art revival).

natürlich kann authentizität auch simuliert werden, aber hier geht es um jemanden, der ganz offensichtlich nichts anderes als simulationen wahrnimmt (bzw. wahrnehmen kann). und seine beschriebenen schwierigkeiten mit seiner branche dürften eher daher rühren, dass er seinen wahrnehmungsstatus bis in die letzte konsequenz hinein deutlich werden lässt - und dabei womöglich berufsspezifische strukturen zu sehr kenntlich macht.

(...)"Mit welchem Rollenbild möchten Sie denn gerne wahrgenommen werden?

Kocks: Ich? Der käufliche Intellektuelle. Klar. Brain to hire."


sich selbst zur nutte machen und stolz drauf sein. sie wissen irgendwo, was sie tun. andererseits wissen sie´s auch wieder nicht - sonst würden sie vor sich selbst schreiend davonrennen.
Saranya (Gast) - 20. Jan, 13:37

Authentizität

Ich glaube auch - wie Du, wenn ich Dich richtig verstehe - dass dieser Mensch nicht von Authenzität sondern von Scheinauthentizität spricht. So tut als ob. Sicher kann eine Inszenierung echt rüberkommen - aber das ist etwas Anderes.

Meine eigene Definition von Authentizität ist "schlicht" folgende: Dass sich eine Person - ein Mensch gibt - wie er wirklich ist. Also zielt meine Betrachtungsweise vorwiegend auf die Echtheit einer Person ab. Die anderen Übersetzungungsmöglichkeiten mit Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit können zutreffen müssen aber nicht. Kurz eine authentische Person muss für mich keine "gute" Person sein - es erleichtert lediglich die Einschätzung - es kann sich dabei allerdings auch um ein "zuverlässsiges menschliches A*rschloch" handeln.

Allerdings erschreckt mich an dem von Dir zitierten Auszug weniger die Aussagen des Interviewten selbst, sondern die Tatsache - dass sich meinem Eindruck nach - die von ihm beschriebenen "Zustände" - lange nicht mehr nur auf die Wirtschaft, Manager und ähnliches zutreffen.

In meinem Blog habe ich mich die Tage u.a. darüber ausgelassen, dass es hier in Deutschland es vielen Menschen oft nicht mehr möglich ist - jemanden zu kritisieren bzw. auf Fehler aufmerksam zu machen ohne das dabei gleichzeitig die gesamte Person "abgewertet" wird.

In diesem Zusammenhang muss ich auch eines der Diagnosekriterium von Borderline-Störungen denken - nähmlich die "fehlende Objektkonstanz" (Die Fähigkeit, andere als komplexe Menschen wahrzunehmen, die sich dennoch widerspruchsfrei verhalten können). In der entsprechenden Literatur liest man dann ja auch, dass sich diese Menschen sich selbst bei Kritik von Außen komplett als Person abgewertet (bewertet) fühlen und entsprechend reagieren.

Eine Frage, die für mich daraus resultiert ist (ob ich selbst an das Borderline-Konstrukt wirklich glaube - weiß ich nicht genau - ich weiß nur, dass mir - wie auch bei anderen Erkrankung vieles einfach nicht vollständig erfasst oder sich einfach für mich Unstimmig anfühlt oder ich das Gefühl nicht loswerde, dass es mehr Diagnosen als Erkrankungen gibt):

Was wenn dieser Eindruck stimmt? Wenn einige Menschen die Gesellschaft einfach diese stärker (und echter) spiegeln?

Wie oft hört man nach einer Kritik: Da sind Sie nicht persönlich mit gemeint. Falls Sie das Annehmen irren Sie sich! Was wenn sich die kritisierende Person über ihr eigenes Verhalten irrt? Zynisch könnte man sagen. Praktisch - man hat dann man jemanden abwerten (merkt es selbst vielleicht nicht mal - jedenfalls nicht bewußt) und kann dann die andere Person sogar für "verrückt" erklären.

Erinnert mich stark an (sozial vererbte?) Manipulationstechiken.

Das waren jetzt einfach mal ein paar unsortierte Gedanken zu diesem Thema.

Lg, Saranya

monoma - 22. Jan, 13:00

@saranya

"Ich glaube auch - wie Du, wenn ich Dich richtig verstehe - dass dieser Mensch nicht von Authenzität sondern von Scheinauthentizität spricht. So tut als ob. Sicher kann eine Inszenierung echt rüberkommen - aber das ist etwas Anderes."

ja. er redet von deutlich von fakes und als-ob-konstrukten - die ja, wie ich hier an verschiedenen stellen schon versucht habe deutlich zu machen, nicht generell ein problem darstellen (die fähigkeit zu fiktionen aller art gehört untrennbar zum menschlichen leben und kann auch gute dienste leisten). aber in einer position der dominanz, v.a. im bereich sozialer beziehungen, sind sie eindeutig ein problem.

was sich u.a. immer daran erkennen lässt, dass die betroffenen behaupten, es gäbe zwischen authentizität und simulation "eigentlich" keinen unterschied - nicht umsonst haben sich postmoderne philosophien wie der konstruktivismus im letzten jahrzehnt so derart in allen möglichen sozialen bereichen verbreitet.

"Meine eigene Definition von Authentizität ist "schlicht" folgende: Dass sich eine Person - ein Mensch gibt - wie er wirklich ist. Also zielt meine Betrachtungsweise vorwiegend auf die Echtheit einer Person ab. Die anderen Übersetzungungsmöglichkeiten mit Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit können zutreffen müssen aber nicht. Kurz eine authentische Person muss für mich keine "gute" Person sein - es erleichtert lediglich die Einschätzung - es kann sich dabei allerdings auch um ein "zuverlässsiges menschliches A*rschloch" handeln."

ich glaube, deine definition lässt sich auch kürzer fassen: ein mensch ist - punkt. sich authentisch zu "geben" - im sinne von darstellen - stellt für mich einen widerspruch in sich dar.

den letzten punkt von dir oben finde ich gerade am spannendsten: ein authentisches arschloch? auch ich übersetze authentizität nicht per se mit "gut", allerdings glaube ich nicht, dass in der gerade genannten wortkombination das attribut "authentisch" eher eine bedeutung hat, die einer metapher gleichkommt. wenn ich mal das zugebenermaßen extreme beispiel eines neurophysiologisch als solchen tickenden soziopathen nehme, dann lässt sich so jemand in seiner art und weise des lebens ebenfalls als "authentisch" betrachten - allerdings nur hinsichtlich seiner ständigen simulativen funktionsweise. und trotzdem würde ich daran festhalten, dass hier das wort authentisch letztlich fehl am platz ist - also von einer rein beschreibenen ebene hin zu einer inhaltlich gefüllten, die deutlich werden lässt, dass es sich sowohl beim soziopathen als auch bei solchen zeitgenossen wie dem pr-mann eben nicht um menschen handelt, die ihr leben - aus welchen gründen auch immer - in der hauptsache in einem authentischen modus leben.

hm. ich weiß grad schon mal wieder nicht, ob ich den punkt wirklich getroffen habe, um den es mir geht. aber ich lass es erstmal stehen ;-)
Saranya - 22. Jan, 14:24

Hmmm ...

... das mag ich gerade an Dir und auch Deinem Blog - Worte finden - aber eben auch suchen bzw. eben versuchen die eigene Wahrnehmung in passende Worte zu fassen.

Also an Soziopathen hatte ich bei meiner Überlegung nicht gedacht. Nur die kommen für mich erst gar nicht authentisch rüber, weil ich bei ihnen kaum bis gar keine Emotionen fühle/spüre. Aber nach dieser Definition ist natürlich auch ein Soziopath.

Für meine persönliche Definition heißt das: Authentizität - also die Echtheit - eines Menschen ist, wenn eine Handlung (z.B. auch Sprechen) mit seinen nonverbalen und emotionalen Signalen übereinstimmt.

Auch hier ist der Soziopath mit inbegriffen, ob mir das nun jetzt passt (tut es nicht *lach*) oder nicht. Nichts desto trotz fühlt sich ein Soziopath für mich nicht echt an, weil mir die Emotionen fehlen. Insofern stimme ich da voll mir Dir überein. Die Ratio stößt mal wieder an die Grenzen des Fühlens .... ;o))

Was das "authentische" Arschloch angeht: das ist dann eben Eines, welches sich dennoch "menschlich" zeigt - also auch seine Gefühle ;o))) Mit der Metapher das könnte hin kommen - ich denke und rede viel in Bildern.

Lg,
Saranya
Mondschaukel (Gast) - 21. Jan, 17:19

Danke, mo, für diese wieder sehr treffende Analyse. Dieser Mensch ist wohl ein Exemplar der Spezies, die Erich Fromm als „Marketing-Charakter“ beschrieb. Dieser ist allerdings m.E. auch nur eine Rolle, mit der der von Dir schon benannte fehlende Persönlichkeitskern nur mangelhaft überdeckt wird.

Dennoch ist es immer wieder erfreulich, dass es - durch welche Umstände auch immer - noch Menschen gibt, die solche Fake-Persönlichkeiten (von denen es aufgrund der schlimmer werdenden Zustände immer mehr gibt, und die sich gern in Machtpositionen oder in exponierter Position in der Öffentlichkeit aufhalten) erkennen, die also „lesen“ können, ob der Mensch, der vor ihnen steht, wirklich authentisch (mit Kern) ist oder leer, was m.E. viel mit Empathie-Fähigkeit zu tun hat. Und die Leeren, das sind für mich die Gefährlichsten.

Wichtig wäre m.E., auch hier nach den Konsequenzen dieser Erkenntnis zu fragen.

Gruß, M.

Saranya (Gast) - 22. Jan, 09:07

Liebe Mondschaukel ...

... welche Erkenntnis meinst Du? Konsequenzen die von wem zu ziehen wären? Von denen die noch lesen können?

Ich denke nicht nur die Menschen, die Du als leer (eines sehr treffende Formulierung, wie ich finde) beschreibst - sind gefährlich. Auch die, die nicht sehen wollen und/oder können obwohl sie es könnten - halte ich für "gefährlich" - auf lange Sicht - denn sind es nicht u.a. auch sie, die diese Machtmenschen tragen? Und was ist mit denen, die lesen können - aber schon gar nicht mehr wissen - was sie tun sollten - aus der Erfahrung heraus, dass sie - wenn sie den Mund aufmachen - oft verständnislos angeschaut werden (im besten Falle - im schlechtesten für "nicht normal" gehalten werden). Was gibt es dann noch für eine Konsequenz? Auswandern?

Falls Du die gesellschaftlichen Konsequenzen meist - ich denke, da braucht sich ein "Lesender" nur umzuschauen und findet an jeder Straßenecke Beispiele. Leider. Wobei es auch positive Überraschungen gibt - aber sie halten sich in der Minderzahl.

Für ein anderes Problem halte ich u.a. dass nach meiner Wahrnehmung in diesem Land - der Begriff Person und Mensch zu einem Begriff verschmolzen wurde und gar keine Unterschiede mehr gemacht werden, ob jetzt vom Mensch zur Person oder umgekehrt. Das ist eine Entwicklung, die eine "Entmeschlichung" - sofern sie für einen (Macht-)Menschen opportun erscheint - wesentlich leichter macht.

Was ich mit dem Unterschied meine? Ein verurteilter Straftäter ist eine Person, die für ihre Taten die Konsequenzen zu tragen hat - aber dieser ist auch ein Mensch, der meiner Meinung nach ein Recht auf menschenwürdige Behandlung verdient hat - weil er Mensch ist - egal was er getan hat. Ich nachdem was so ein Mensch getan hat - kenne ich viele Menschen - die dieser Person dann auch das "Menschsein" absprechen. Aber das allein erschreckt mich nicht so sehr - als die Tatsache (gemäß meiner persönlichen Wahrnehmung) dass eine solche menschwürdige Behandlung oft nicht mal mehr Menschen zuteil wird, die nichts "wirklich schlimmes" getan haben - sondern z.B. einfach nur arbeitslos geworden sind ... das freut die Machtmenschen, weil sie mit so einer Meinung von Vielen Macht besser ausüben und unter Kontrolle halten können ...

... ein anderes Ding ist: Die einfache Wahrnehmung eines Menschen als Solchen. Vorgestern im Supermarkt ist mir das erste Mal vollends bewußt geworden, dass einige Menschen mich zwischen den Regalen umrunden als sei ich ein Objekt - vielleicht ein Regal oder ähnliches. Ich erwarte von mir fremden Menschen nicht, dass sie mir ihre volle Aufmerksamkeit zuteil werden lassen - doch ein vollkommene "Nichtwahrnehmung" ist ehrlich gesagt sehr erschreckend ... zumal es in anderen Ländern anders zugeht. Da schaut man sich zwischen den Regalen an und schaut, dass man gut aneinander vorbeikommt ...

Liebe Grüße
Saranya
kandinsky (Gast) - 23. Jan, 15:17

Nihilismus

Hallo Mo :)
liebe Mitleser und Mitstreiter,

zuerst mußte ich lachen über diese "fiktionale Glaubwürdigkeit", doch dann mußte ich an einen Habermas Schüler denken, der vor gar nicht langer Zeit den Begriff "mehrdimensionale Gerechtigkeit" in die soziale Debatte dieser Bananen Republik versuchte einzubringen und mir verging dann doch recht schnell das Lachen...

Wo bringen uns solche Möchte-Gern-Intelektuellen eigentlich hin?
Ich nehme an, schnurstracks und ohne weitere Umwege in den Nihilismus, den ich hier mal wie folgt beschreiben möchte:

Nihilismus ist eine "Weltanschauung", dessen oberstes Ziel darin besteht, dem menschlichen Leben jeglichen Wert und Sinn abzusprechen und ihn in tote Bewegungen hinein zu treiben. Neben dem Schüren von Angst findet man in der Struktur des Nihilismus das Untergraben des Triebhaft-Vitalen, die Trennung der Geschlechter, die Infantilisierung und Nivellierung der Persönlichkeit durch die Förderung der sexuellen, religiösen und autoritären Denkhemmung(Freud), das Versprechen von Erlösung und Rettung durch Unterwerfung, die Taktik von Befehl und Gehorsam, Belohnung und Bestrafung, das Aufstellen unerfüllbarer Gebote und nicht hinterfragbarer Verbote, die Diskriminierung von Außenseitern, die Aufrechterhaltung von Analphabetismus und Armut.

Damit verbunden sind auch "bewußte Entgleisung" von Begriffen, die in Gegensätzlichkeiten umdefiniert werden.

Krieg = Frieden
Demokratie = Diktatur
Heiß = Kalt
Sozialinteresse = Terror
Humanismus = Gleichgültigkeit
Oben = Unten

Ist der deutsche Michel erstmal komplett orientierunglos und verrückt gemacht, läßt sich mit solchen demoralisierten Individuen jede neue Schweinerei in Gange setzen, die wir uns nicht vorstellen brauchen, da wir so etwas schon hatten. Aber ich frage mich ernsthaft, wie zum Teufel können wir dem sich abzeichnenden Neo-Genozid Einhalt gebieten? Was ist das Rezept für die Masse der Verängstigten und Konformisten, und der allgemeinen Verblödung durch die Massenmedien?

Ein wenig ratlos....
Kandinsky

Mondschaukel (Gast) - 24. Jan, 11:53

@ Saranya

Hallo Saranya,

Du schreibst:

"... welche Erkenntnis meinst Du? Konsequenzen die von wem zu ziehen wären? Von denen die noch lesen können?"

Na ja, wenn man sieht, welche Art von Persönlichkeitsstruktur überwiegend in den Eliten unserer Gesellschaft vor"herrscht", kommt man nicht umhin, nach Konsequenzen zu fragen. Diese Konsequenzen - wie im einzelnen die aussehen könnten, ohne dass man für verrückt oder zum Staatsfeind erklärt wird - wären m.E. von all denen zu ziehen, die noch "lesen" können, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Spezies auch im Verschwinden begriffen ist ...

Dieses "Lesen-Können", eine Form der Wahrnehmung, ist m.E. - wie die Empathie-Fähigkeit - in der Psycho-Physiologie des Menschen verankert. Beide sind, wenn ich es richtig verstanden habe, von vornherein vorhanden, können aber durch prä- oder postnatale Traumata (auch durch diverse Mikro-Traumata) zerstört werden, was wohl auch der Grund dafür ist, dass so viele Menschen sowohl eine Empathie-Störung haben, als auch nicht mehr richtig "lesen" können, wen sie da vor sich haben.

Zitat Saranya: "Ich denke nicht nur die Menschen, die Du als leer (eines sehr treffende Formulierung, wie ich finde) beschreibst - sind gefährlich. Auch die, die nicht sehen wollen und/oder können obwohl sie es könnten - halte ich für "gefährlich" - auf lange Sicht - denn sind es nicht u.a. auch sie, die diese Machtmenschen tragen? Und was ist mit denen, die lesen können - aber schon gar nicht mehr wissen - was sie tun sollten - aus der Erfahrung heraus, dass sie - wenn sie den Mund aufmachen - oft verständnislos angeschaut werden (im besten Falle - im schlechtesten für "nicht normal" gehalten werden). Was gibt es dann noch für eine Konsequenz? Auswandern?"

Ja, oder ziviler Ungehorsam, Aufklärung, passiver Widerstand ...

Zitat Saranya: "Was ich mit dem Unterschied meine? Ein verurteilter Straftäter ist eine Person, die für ihre Taten die Konsequenzen zu tragen hat - aber dieser ist auch ein Mensch, der meiner Meinung nach ein Recht auf menschenwürdige Behandlung verdient hat - weil er Mensch ist - egal was er getan hat. Ich nachdem was so ein Mensch getan hat - kenne ich viele Menschen - die dieser Person dann auch das "Menschsein" absprechen. Aber das allein erschreckt mich nicht so sehr - als die Tatsache (gemäß meiner persönlichen Wahrnehmung) dass eine solche menschwürdige Behandlung oft nicht mal mehr Menschen zuteil wird, die nichts "wirklich schlimmes" getan haben - sondern z.B. einfach nur arbeitslos geworden sind ... "

Ich bin inzwischen sehr sicher, dass diese "Behandlung" von "Verbrechern" eine direkte Folge der Erziehung ist, die Menschen genossen haben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mensch, der mit Güte, Nachsicht und Anerkennung seines Wesens, einfach nur, weil er/sie lebt, aufgezogen wurde, anderen Menschen eine solch menschenwürdige Behandlung absprechen könnte - geschweige denn sich weigern würde, nach den tatsächlichen Hintergründen der Taten zu fragen und - selbst wenn danach gefragt wird - sich dann verweigern würde, zu versuchen, die Umstände, die zu diesen Taten führten, so zu verändern, dass ihnen das Wasser abgegraben wird.

So viel erstmal von meiner Seite.

Ebenfalls liebe Grüße, M.
Saranya - 25. Jan, 10:52

@Mondschaukel

Liebe Mondschaukel,

du schreibst:
Dieses "Lesen-Können", eine Form der Wahrnehmung, ist m.E. - wie die Empathie-Fähigkeit - in der Psycho-Physiologie des Menschen verankert. Beide sind, wenn ich es richtig verstanden habe, von vornherein vorhanden, können aber durch prä- oder postnatale Traumata (auch durch diverse Mikro-Traumata) zerstört werden, was wohl auch der Grund dafür ist, dass so viele Menschen sowohl eine Empathie-Störung haben, als auch nicht mehr richtig "lesen" können, wen sie da vor sich haben.

Es gibt auch das Gegenteil - durch traumatische Erfahrung - kann auch eine Empathie-Fähigkeit verstärkt bzw. vielleicht auch durch sie ausgebildet werden. Nicht umsonst findet man bei Traumatisierten oft den Hinweis, dass sie sich selbst als "emotionale Antennen" oder "Gefühlsseismographen" beschreiben. Vielleicht kommt es u.a. auch darauf ein wie (individuell) ein Mensch auf ein Trauma reagiert.

Wobei mir klar ist, dass traumatische Folgen nicht nur durch ein "anerkanntes Trauma" ausgelöst werden können. Es "reichen" bei manchen Menschen "schlechte, andauernde" Erfahrungen z.B. in der Schule oder im Umgang mit anderen Kindern. Es ist ein sehr weites Feld.

Ich denke - durch das Vorleben - Menschen oftmals nicht mehr als solche wahrzunehmen UND durch den meinungsbildenden Effekt vieler Medien heute (ich habe den Eindruck - heute bilden Medien mehr die Meinung von Menschen - als das sie berichten - damit Menschen aus diesen Information sich ihre eigene Meinung bilden).

Ich bin inzwischen sehr sicher, dass diese "Behandlung" von "Verbrechern" eine direkte Folge der Erziehung ist, die Menschen genossen haben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mensch, der mit Güte, Nachsicht und Anerkennung seines Wesens, einfach nur, weil er/sie lebt, aufgezogen wurde, anderen Menschen eine solch menschenwürdige Behandlung absprechen könnte - geschweige denn sich weigern würde, nach den tatsächlichen Hintergründen der Taten zu fragen und - selbst wenn danach gefragt wird - sich dann verweigern würde, zu versuchen, die Umstände, die zu diesen Taten führten, so zu verändern, dass ihnen das Wasser abgegraben wird.

Deinen ersten Satz kann ich voll und ganz unterschreiben. Die weiteren werfen bei mir die Frage auf, ob es selbst bei einer "guten" Erziehung nicht auch zu "Scheuklappen" kommen kann. Ich denke der Gruppenzwang ist nicht zu unterschätzen. Wieviele von den Menschen, die eine menschenwürdige Behandlung von Straftätern eigentlich befürworten - trauen sich heute noch - diese Meinung auch Öffentlich kund zu tun?

Wenn ich allein bedenke - was ich in solchen Diskussionen schon so alles zu hören bekam. Mich halt das aber nicht ab meine Einstellungen weiter zu vertreten - doch der Druck, den manche innerhalb solcher Gespräche auszuüben versuchen - ist wirklich nicht ohne.

Da kommen solche Argumente, wie: ich sehe nicht ein, dass ein solcher Menschen mit meinen Steuergeldern durchgefüttert wird oder Warum Therapie - der ist doch einfach nur böse - Jetzt komm nicht wieder mit der schweren Kindheit, etc.

Auch hier fällt mir dann immer wieder auf, dass viele Menschen Ursachenforschung mit Rechtfertigung verwechseln bzw. gleichsetzen. Wie oft habe ich versucht - ab und an sogar erfolgreich - zu vermitteln, dass wir aus solchen Biografien lernen können. Vielleicht sogar das ein oder andere Drama verhindert werden könnte.

Doch wie es so mit verhinderten Katastrophen der Fall ist - sie werden nicht bemerkt!!!!!

Was das Auswandern angeht (ich selbst überlege mir diese Alternative im Moment ernsthaft) - da kommt mir ein Anmerkung eines lieben Menschen in den Sinn - er sagte vor Kurzem zu mir:

Ich werde nicht auswandern. Nicht weil ich nicht schon mit dem Gedanken gespielt hätte - sondern weil ich sehe - wie viele Menschen, die die Lage in dieser Gesellschaft richtig wahrnehmen, auswandern. Wenn das alle tun - so bleibt keiner von denen übrig - um hier anderen Menschen vorzuleben, dass es auch anders geht.

Viele liebe Grüße
Saranya
monoma - 26. Jan, 13:31

@kandinsky

nihilismus lässt sich in den hier thematisierten zusammenhängen höchstens als philosophische metapher benutzen, die ich allerdings etwas verschleiernd finde - stellt mir persönlich wieder zu sehr "das geistige" in den vordergrund.

und ratlosigkeit? sicher, die kenne ich auch. ich finde allerdings das motto "wenn probleme ständig unlösbar erscheinen, sind vielleicht die fragen falsch gestellt" ganz trefflich und versuche hier u.a., angemessenere fragen - und neue antwortmöglichkeiten - zu finden.

grüße
mo

einen tag später habe ich noch einen nachtrag: meinen obigen gedanken zum nihilismus möchte ich um den punkt ergänzen, dass sich bei genauerer betrachtung das elitäre treiben auch als potenziell selbstmörderisch begreifen lässt. und dieser aspekt wäre einer, der die benutzung des wortes zumindest etwas mehr untermauern würde. andererseits führt gerade die betrachtung dieser suizidalen tendenzen sehr schnell wieder in den traumabereich, aber das ein zusammenhang, dessen existenz und implikationen ich selbst erst kürzlich entdeckt habe - und wo mir dementsprechend noch einiges an verständnis fehlt.
monoma - 26. Jan, 13:32

@saranya & mondschaukel

finde eure diskussion sehr inspirierend, und einige punkte haben schon zur halbfertigen existenz eines neuen beitrags geführt - hoffe, ich bekomme ihn am we fertig.
Mondschaukel (Gast) - 27. Jan, 10:30

@Kandinsky

Du schreibst:

"Aber ich frage mich ernsthaft, wie zum Teufel können wir dem sich abzeichnenden Neo-Genozid Einhalt gebieten? Was ist das Rezept für die Masse der Verängstigten und Konformisten, und der allgemeinen Verblödung durch die Massenmedien?"

Hm, das finde ich auch ´ne schwierige Frage. Ich glaube, es bleibt uns am Ende nichts weiter übrig, als in Gesprächen und Diskussionen geduldig immer wieder darauf hinzuweisen, was wirklich abgeht (obwohl Geduld nun wirklich keine meiner besonders ausgeprägten Eigenschaften ist). Außerdem kann man noch Leserbriefe schreiben, sich - wie auch immer - an Entscheidungsträger wenden und die eigene Sichtweise darstellen, wie z.B. auch in Blogs, Foren etc.

Ich weiß im Moment nicht, ob das genügt, und ob wir so viel Zeit haben, bis genügend Leute aufwachen, bevor es zum Riesencrash kommt, aber mir zumindest scheint es zur Zeit der einzig gangbare Weg.

Grüße, M.
Mondschaukel (Gast) - 27. Jan, 10:48

@ Saranya

Du schreibst: "Es gibt auch das Gegenteil - durch traumatische Erfahrung - kann auch eine Empathie-Fähigkeit verstärkt bzw. vielleicht auch durch sie ausgebildet werden. Nicht umsonst findet man bei Traumatisierten oft den Hinweis, dass sie sich selbst als "emotionale Antennen" oder "Gefühlsseismographen" beschreiben. Vielleicht kommt es u.a. auch darauf ein wie (individuell) ein Mensch auf ein Trauma reagiert. "

Ja, klar. Stimmt. Das hatte ich vergessen. Auch die allgemeine "Wachsamkeit" gegenüber anderen Menschen wird durch Traumata natürlich erhöht. Was man inzwischen auch physiologisch nachweisen kann. Die Stress-Achse kann prä- oder postnatal in frühen Jahren so gestört werden, dass eigentlich ständig eine Art erhöhte psycho-physische Wachsamkeit vorhanden ist, was über die Zeit zu einer Überlastung des Organismus führt, woraus dann mit der Zeit z.B. auch psychosomatische Erkrankungen resultieren können.

Weiterhin schreibst Du: "Wobei mir klar ist, dass traumatische Folgen nicht nur durch ein "anerkanntes Trauma" ausgelöst werden können. Es "reichen" bei manchen Menschen "schlechte, andauernde" Erfahrungen z.B. in der Schule oder im Umgang mit anderen Kindern. Es ist ein sehr weites Feld."

Ja, glaub ich auch. Und ein interessantes und spannendes dazu. ;-)

"Ich denke - durch das Vorleben - Menschen oftmals nicht mehr als solche wahrzunehmen UND durch den meinungsbildenden Effekt vieler Medien heute (ich habe den Eindruck - heute bilden Medien mehr die Meinung von Menschen - als das sie berichten - damit Menschen aus diesen Information sich ihre eigene Meinung bilden)."

Ja, und dies wird eben nicht nur in den Medien "vorgelebt", sondern auch und vor allem in den Familien. Ganz interessant zum Thema Familie und Trauma finde ich diesen Artikel:

http://de.news.yahoo.com/23012007/336/laquo-schlachtfeld-familie-raquo.html

in dem eine Studie zitiert wird, nach der 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland eine Erziehung mit Gewalt erfahren, und zwei bis drei Millionen Kinder während dieser Zeit mindestens einmal schwer misshandelt werden. Wobei ich persönlich glaube, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Das ist sozusagen direktes Vorleben, dass Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern als Besitz ihrer Eltern, mit dem sie tun können, was immer ihnen in den Sinn kommt. Allerdings glaube ich auch, dass diese misshandelnden Eltern oftmals nicht wissen, was sie da tun (was heißen soll, nicht wahrnehmen, dass sie dies als Re-Inszenierung ihrer eigenen Traumen tun), weshalb hier m.E. eine Aufklärung und Ansicht der eigenen Erziehungs-Geschichte für werdende Eltern dringend nötig ist.

Grüße, erstmal wieder
M.

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