dokumentation "ich bin ein psychopath" jetzt online zu sehen

im letzten jahr veranstaltete arte einen themenabend psychopathie, und in diesem rahmen wurde dann auch die dokumentation des regisseurs ian walker gesendet - jetzt ist sie auf yt verfügbar:



zu den weiteren teilen:
zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, und die neun.

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aus dem eingangs verlinkten damaligen beitrag übernehme ich mal meine persönliche rezension dieses films:

"der film von ian walker hat zumindest für mich im großen und ganzen das gehalten, was die ankündigung versprochen hat - die rücksichtlosigkeit (die in solchen fällen gerne mit "aufrichtigkeit" verwechselt wird) und dreistigkeit des sam vaknin wurde an vielen entscheidenden punkten aufschlußreich eingefangen; ebenfalls die elementare lieblosigkeit, mit der vaknin die sog. "beziehung" führt - seine charakterisierung der frau als u.a. "weißes blatt papier" (welches er dann beschreibt), macht seine selbst- und fremdwahrnehmung bzw. besser die defekte in dieser mehr als deutlich. interessant auch seine anfängliche selbststilisierung als narzisst (mit der er im übrigen durch sein buch noch geld verdient), die erst im laufe der im film dokumentierten psychiatrisch-neurologischen untersuchungen widerlegt wird - er ist tatsächlich ein klinischer soziopath, was die erste begutachtende psychologin und v.a. der psychoanalytiker an der zweiten station nicht bestätigen wollten, was vermutlich größtenteils mit an den denk- und diagnosemodellen liegt, die beide angewendet haben. walker hat aber primär durch den einsatz seiner versteckten kamera auch deutlich gemacht, dass eigentlich erst der alltägliche umgang mit soziopathen die ganze destruktive wirkung solcher leute deutlich macht; und dementsprechend überhaupt erst dann der entsprechende diagnostische verdacht aufkommen kann. neu war für mich immerhin die relative sicherheit bei der diagnosestellung, die sich durch den kombinierten einsatz von hirnscans und testverfahren wie dem von robert hare ergibt - das (anscheinend) sehr selbstsichere auftreten, der durchaus vorhandene (wenn auch meist verletzende) witz in kombination mit der als-ob-aufrichtigkeit und der rätselhaften wirkung des soziopathischen "charmes" machen es tatsächlich sehr schwer, hinter dieser maske die extrem kranke und krankmachende persönlichkeitsstruktur zu erkennen. da dürfte dann viel von dem gelten, was im ersten teil des (...) blogbeitrags zu als-ob-persönlichkeiten an zitaten von j.e. mertz zu der von ihm so genannten "psychoallergischen reaktion" zu lesen ist - die zeichen der eigenen wahrnehmung im umgang mit soziopathen bleiben meist so subtil, dass sich das "normale" gegenüber dann eher in irritationen und ausufernder selbstreflexion verliert, was dann für den soziopathen bei seinem treiben erleichternd wirkt.

beklemmend das verzweifelte klammern der ehefrau an ihrem konstruierten bild des "geliebten", welches auch durch die bestätigte diagnose nicht gestoppt werden kann. noch beklemmender aber die darstellung dessen, wie soziopathen anhand körperlicher bewegungsmuster opferpersönlichkeiten identifizieren können.

die bezüge zum öffentlichen leben, v.a. der rolle von soziopathen in der ökonomie, waren zwar vorhanden, wurden aber meiner meinung nach zu beiläufig abgehandelt. dabei ist einer entscheidenden frage nach dem sehen dieser doku eigentlich überhaupt nicht mehr auszuweichen: wie viele solcher leute sind in führungspositionen in politik, wirtschaft und militär unterwegs? wenn man sich das treiben in diesen bereichen so betrachtet, kann die antwort nur niederschmetternd sein.

und auch zu einer alten streitfrage hier im blog möchte ich noch was sagen: oberflächlich weist vaknin sicher zunächst überhaupt keine züge auf, die irgendwie als autistisch verstanden werden könnten. wenn man als zentrales und definitorisches merkmal von autismus jedoch weitgehende bis totale störungen der beziehungsfähigkeiten ansieht, ist er in meiner wahrnehmung ein gutes beispiel für strukturellen und simulationsfähigen autismus, wie er eben von mertz beschrieben wird. (...)
Peter (Gast) - 5. Nov, 18:36

Zwischenstufen

... wobei es m. E. auch simulationsfähige, extrovertierte Autisten gibt, die ziemlich harmlos und leutselig sind (ich persönlich kenne einen solchen), aber aufgrund ihrer bescheidenen Simulationsfähigkeit doch ziemlich leicht als abweichend erkannt werden können. Nur bei hochgradig ausgeprägter Simulationsfähigkeit dürfte sich das hier beschriebene Bild ergeben. Fragt sich nur noch, wo das "böse Element" herrührt.

monoma - 11. Nov, 00:29

erstmal einen dank an dieser stelle...

...stellvertretend an alle kommentatoren in diesem thread, v.a. für einige hochinteressante assoziationen, wie zumindest ich finde.

@peter: zur letzten frage - das wird dann deutlicher, wenn man sich klarmacht, dass empfundene bösartigkeit bei anderen zunächst eine information - hier repräsentiert durch eine emotionale gestalt - darstellt. ich vergleiche das gerne mit dem ekel, der ja bspw. hinsichtlich verschimmelter und verfaulter nahrungsmittel primär als schutz vor selbstschädigung in form einer möglichen vergiftung dient. ein soziopath ist letztlich in gewisser hinsicht so "böse" wie ein raubtier, ein hai oder ein virus. ich habe starke zweifel, ob hier die eh schon hochgradig fiktive konstruktion des "freien willens" überhaupt noch irgendwie sinnvoll benutzt werden kann.

hinsichtlich Deiner bemerkungen zu den simulationsfähigen autisten: d´accord. ich gehe z.zt. diesbezgl. ganz gerne von einem sozusagen erweiterten autistischen spektrum aus, in dem die echten soziopathen allerdings eine sonderrolle einnehmen.
schiaparelli (Gast) - 8. Nov, 01:14

die verstörendste szene war, wo die drei nach einem "streit" im auto sitzen und der soziopath dem filmemacher die kunst des mobbing erklärt, und verdeutlicht, dass sich das nervensystem des regisseurs als instrument in seinen händen befände. "deine hände zittern schon weniger - ich muss noch mehr gas geben" und dreht sich weg. die frau versucht ein grinsen zu unterdrücken
beklemmend ist genau das richtige wort, von einem raubtier gestellt und in die enge getrieben

Sven (Gast) - 8. Nov, 12:57

Führer und „Verführte“

Danke für den Hinweis auf diese Doku! Ich fand, dass in der Sendung die Kindheitsgeschichte des Protagonisten wie auch aller anderen Psychopathen zu kurz kam. Ein Fachmensch äußerte gar, dass Psychopathen auch eine „gute Kindheit“ haben können. Dies widerspricht allem, was ich denke und fühle, gesehen habe und an Fundiertem zu dem Thema gelesen habe. Sehr oft fällt mir allerdings auf, dass PsychologInnen selbst diese Zusammenhänge verleugnen oder abmildern. In meinem Blog habe ich gerade etwas über die USA geschrieben. In Zahlen fiel mir erst jetzt noch mal ein, darauf hinzuweisen, dass die USA zwischen 1981 und Anfang 2009 nachweislich von als Kind misshandelten, gequälten und somit traumatisierten Präsidenten regiert wurden. (was davor war, habe ich noch nicht weiter untersucht) Ebenso zeigt sich, dass in den USA nicht-geschlagene Kinder die Ausnahme darstellen. Hier verbindet sich im Großen das, was diese Doku in privaten Beziehungen zeigt. Zwischen Führer und „Verführten“ oder Geführten besteht eine psychische Verbindung, sofern sie ähnliche Kindheitsmuster durchlaufen haben.

schiaparelli (Gast) - 8. Nov, 23:38

missverständniss?

"Ein Fachmensch äußerte gar, dass Psychopathen auch eine „gute Kindheit“ haben können."
bei allen schwammigkeiten der definition und schwierigkeiten der diagnostik: wenn es sich so verhält, wie im film behauptet wurde, dass nur einer von hundert soziopathen überhaupt diagnostiziert wird, deutet sich schon an, dass es eventuell nur die extremeren, auffällig gewordenen sind, die hinsichtlich ihrer vergangenheit durchleuchtet werden. was die möglichkeit offen lässt, dass der rest ganz "normal" unter uns lebt, seine deffizite kaschieren kann und sich darauf beschränkt seine familie oder untergebene zu drangsalieren. nicht jeder soziopath wird zum axtschwingenden massenmörder oder präsidialer kriegsfürst in amerika...

darüber hinaus ägert es mich maßlos als opfer von soziopathen, dem man bis zur passenden traumadiagnose gern eine kombinierte persönlichkeitsstörung (persönlichkeitsstörung = "psychopathie"!) attestiert hat darüber, von jemandem, der sagt er habe sich damit beschäftigt, mit soziopathen gleigesetzt zu werden! wobei diese traumadiagnose "persönlichkeitsveränderung nach extrembelastung" (aka "kz-syndrom") formal auch den psychopathien zugerechnet wird. mir wird von therapeutenseite gerne eine mangelnde skrupellosigkeit und unterentwickelte aggressivität unterstellt.
um etwas licht und farbe in die grautöne zu bringen, muss man einfach genau bleiben, wenn man allgemeinverständnis in das psychologische wirrwar bringen will, jenseits der begrifflichkeiten, wie sie die medien kolportieren.
Sven (Gast) - 9. Nov, 10:27

@Schiaparelli

Den ersten Absatz deiner Antwort kann ich nur unterschreiben. Beim zweiten Absatz bin ich nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstehe. Du bist als Kind Opfer geworden? lese ich heraus. Damit bist Du für mich natürlich nicht gleichzusetzen mit einem Soziopathen oder Gewalttäter. Mich persönlich interessieren ehrlich gesagt psychologische Definitionen von Störungen nicht wirklich. Das ist vielleicht eher wichtiger für Therapien, weniger für die Analyse gesellschaftlicher Prozesse, meine ich. Wer als Kind Opfer elterlicher Gewalt wurde, der muss i.d.R. zum Selbstschutz Gefühle und bestimmte Erlebnisse abspalten. Es gibt Menschen, die kommen damit relativ gut durch Leben. Unter bestimmten Bedingungen greifen „Führer“ wie auch Partner in privaten Beziehungen allerdings diese wunden Punkte auf und benutzen sie für ihre Zwecke. Das funktioniert leider sehr gut, wie uns die Geschichte lehrt.
Wer als Kind Gewalt erfuhr, hat einfach eine andere psychische Grundlage, als jemand, der Liebe und keine Gewalt erfuhr. Das ist einfach so, ob man will oder nicht. Und das hat Folgen, politische wie auch persönliche. Das zeigt mir diese Doku, auch wenn sie auf „Kindheit“ nur beiläufig eingeht. Der Filmemacher hat dabei sogar nicht EINMAL nach der Kindheit seines Hauptdarstellers gefragt, das finde ich wirklich sehr nachlässig.
monoma - 11. Nov, 00:46

kindheit

das würde ich erweitern - es spricht meiner meinung bei vielen soziopathen etliches für eine pränatale basis der störung (was übrigens genetische einflüsse durchaus mit einschliesst).

@schiaparelli:

darüber hinaus ägert es mich maßlos als opfer von soziopathen, dem man bis zur passenden traumadiagnose gern eine kombinierte persönlichkeitsstörung (persönlichkeitsstörung = "psychopathie"!) attestiert hat darüber, von jemandem, der sagt er habe sich damit beschäftigt, mit soziopathen gleigesetzt zu werden!

ich bin mir gerade nicht sicher, auf was sich das genau bezieht - ist das letztere eine aussage von therapeutenseite?

falls ja, würde ich das für eine durch die entsprechenden diagnostischen modelle induzierte typische fehlinterpretation halten, die in psychiatrie und psychologie vermutlich weit verbreitet ist. das hat etwas damit zu tun, dass die echte soziopathie umstandslos mit der "antisozialen / dissozialen persönlichkeitsstörung" gleichgesetzt wird. ein schwerer fehler, der besonders von robert hare immer wieder kritisiert wird.

kurz: die verbreitesten persönlichkeitsstörungen, wie bspw. borderline und narzisstische ps, können, aber müssen nicht auch zu antisozialem verhalten führen. gleiches gilt für alle expliziten traumastörungen überhaupt: die täter-opfer-dialektik, d.h. das zwanghafte re-inszenieren der traumatischen struktur mit teils umgekehrten rollen, kann, wie zb. alice miller anhand ihrer analyse von jürgen bartsch schlüssig gezeigt hat, von außen wie das handeln eines soziopathen erscheinen. bei bartsch scheint mir aber die letztere wertung nicht zuzutreffen, jedenfalls nicht vor dem hintergrund der millerschen darstellung. antisozial hat er auf jeden fall gehandelt, aber das ist eben nicht grundsätzlich gleichzusetzen mit der soziopathie.

das habe ich früher schon an anderen stellen im blog immer wieder betont: in diesem ganzen bereich ist eine konzentrierte genauigkeit für die diagnostik ebenso nötig wie plausible diagnostische modelle, die die nötigen differenzierungen auch zulassen. beides ist bis heute nur fragmentarisch oder gar nicht vorhanden. und so sieht dann leider auch vielfach die praxis in den involvierten bereichen aus.
sven (Gast) - 11. Nov, 10:46

@Monoma

"es spricht meiner meinung bei vielen soziopathen etliches für eine pränatale basis der störung"

Ich denke, dass sich destruktive Einflüsse auf den Fötus immer und grundsätzlich vermuten lassen, wenn von den Eltern Gewalt/Vernachlässigung auf die späteren Kinder ausgeht. Letzteres ist ja oftmals deutlicher nachzuweisen, als ersteres. Wer seine Kinder schlägt etc., der zeigt damit ein hohes destruktives Potential und Gefühllosigkeit. Insofern ist nicht davon auszugehen, dass auch schon während der Schwangerschaft eine gute Beziehung zwischen Mutter (und Vater) und Kind bestand und besonders auf die Bedürfnisse des Fötus geachtet wurde (Stichwort: z.B. Rauchen und Alkoholkonsum etc.) Eine destruktive „pränatale Basis“ und eine „destruktive Kindheit“ sind Dinge, die grundsätzlich zusammengehören und ursächlich von den psychischen Problemen der Eltern ausgehen.

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