assoziation

Montag, 2. November 2009

assoziation: ist der kapitalismus auch eine *opferökonomie*? anmerkungen zur psychohistorischen sicht auf ökonomische krisen

ziemlich missvergnügt melde ich mich zwischenzeitlich wieder; es gibt gerade zu viele baustellen, die im realen leben warten - und das hat einfluss auf das schreiben hier. der angekündigte beitrag zum "freien willen" kommt noch, aber aus aktualitätsgründen (s.u.) schiebe ich jetzt ein thema dazwischen, welches aus meiner sicht nicht nur schon viele unsichtbare verbindungen zum willenskomplex aufweist, sondern mich auch schon spätestens seit dem offenen ausbruch der wirtschaftskrise letztes jahr beschäftigt. aber bislang fand ich irgendwie noch nicht den richtigen einstieg - das hat sich nun geändert.

*

und dafür verantwortlich ist hartmut finkeldey, der sich in einem
beitrag mit der frage beschäftigt hat...

"...warum speziell der Mittelstand sich so widersprüchlich verhält, warum er zB zwar in Umfragen immer wieder pro soziale Politik votiert, um dann dennoch schwarz-gelb zu wählen. Albrecht Müllers Antwort - das Volk sei Opfer manipulativer Machenschaften - habe ich hier schon mehrfach als zwar nicht falsch, jedoch unzureichend bezeichnet." (...)

und danach als antwortversuch friedrich engels mit einer art sozioökonomischer betrachtung aus dem vorletzten jahrhundert zitiert, die phasenweise selbst auf das aktuelle heute bezogen gar nicht mal falsch sein mag, aber erstens nach meinem eindruck zu sehr eine art irrational-rationaler kalkulation bei der skizierten klasse unterstellt, und zweitens muss die frage damals wie heute auch breiter gestellt werden: was treibt nicht nur die mittelklasse, sondern auch das "lumpenproletariat", aktuell die "unterschicht" oder - weiter gefasst - das sog. prekariat immer wieder in die in unterschiedlichen gewichtungen / ausprägungen zu konstatierenden haltungen wie
  • resignation, apathie, fluchtverhalten aller art
  • devotes bücken nach oben
  • aggressives treten nach unten ?
speziell bezgl. der hiesigen bevölkerung hatte ich ja schon einen
mehrteiligen antwortversuch geschrieben, aber erstens ist das obige nicht nur ein rein "deutsches" phänomen in der krise, und zweitens fehlt noch ein bereits existierender theoretischer ansatz, das ganze einmal aus einer qualitativ anderen perspektive zu betrachten. und darum geht´s jetzt im folgenden.

*

"Wir geben dir (...) keine Schuld an der Rezession. Wir waren zu fett geworden, zu bequem, zu faul zum Konkurrieren. Unsere Standards sind nicht mehr so hoch, wie sie es immer waren und man ist viel zu schnell bei der Hand, jemandem die Schuld zuzuschieben... Aber wir glauben noch an die alten (...) Werte, von denen Sie sprechen. Vielleicht mußten wir leiden, um uns zu reinigen von unserem ausschweifenden Leben."

na, wer könnte das wann gesagt haben - oder sagen? kein langen ratespiele: in die erste auslassung gehört der name ronald reagan, in die zweite das wort "puritanische", und beides zusammen macht ort und zeit deutlich:

"Obwohl das schwer zu glauben sein mag: Selbst viele Opfer der Reaganomics stimmten der Opferung zu. Eine Umfrage der Washington Post 1983 unter Reaganomics-Geschädigten faßte die Gefühle von Arbeitslosen, die krank waren und nicht behandelt werden konnten, weil sie keine Krankenversicherung mehr hatten, deren Leben durch die Reagan-Rezession zerstört worden war, derart zusammen."

und damit sind schon ein paar schlüsselbegriffe - "ausschweifendes leben", "opferung", "reagonomics" - gefallen, die allesamt eine zentrale rolle spielen im 1984 erschienenen buch des psychohistorikers
lloyd deMause, reagan´s amerika (der link führt auf die derzeitige neue url der ex-utopie 1, deren betreiber öfter mal im wahrsten sinne des wortes die seite wechselt. aber dankenswerterweise sind große teile des buches online lesbar - tipp!).

das buch eignet sich als praktische einfürhrung in die methodik und arbeitsweise der us-psychohistorie sehr gut, beschäftigt sich neben reagans wirtschaftspolitik als weiteren zentralen punkt mit den teils bizarr anmutenden militärischen übergriffen (lybien, grenada...) der frühen reagan-jahre und stellt teils überraschende zusammenhänge - oder eher ein zusammenspiel - zwischen regierung, medien (als vermittler) und eben großen teilen der damaligen us-bevölkerung her.

kritikpunkte und vorbehalte in kürze: einmal generell der meiner meinung nach überbelastete bezug der deMausschen psychohistorie auf die orthodoxe freudsche psychoanalyse, der mir in jüngerer zeit - siehe Das emotionale Leben der Nationen - durch eine größere berücksichtigung der neurowissenschaften sowie der psychotraumatologie bei ihm etwas in den hintergrund getreten zu sein scheint, aber in dieser vielleicht ersten wirklich spektakulären veröffentlichung noch eine (zu) große rolle spielt. dann sind die eigenarten der damaligen (und heutigen) us-amerikanischen medienwelt, die für die dortigen psychohistoriker als vermittelnde projektionsfläche für die "stillen" botschaften zwischen regierung und bevölkerung eine zentrale rolle spielt, natürlich so nicht auf andere regionen übertragbar, erst recht nicht in zeiten der online-medien. hierzulande wären, wenn man den damaligen deMausschen ansatz ein zu eins übertragen würde, vermutlich nur zeitungen wie die "bild" und andere auflagenstärkere boulevardblätter sowie illustrierte wie "spiegel", "stern" und "focus" im sinne von einigermaßen repräsentativen und wirkmächtigen vermittlungsquellen für
fantasy-messages denk- und brauchbar.

dazu kommen dann noch die ziemlich spezifischen eigenarten des religiösen lebens in den usa sowie die tatsächlich verbreiteten puritanischen einstellungen zur sexualität, die - neben der nachweislich explizit antifeministischen ausrichtung der "reagan-revolution" - mit dazu beigetragen haben mögen, dass deMause die entsprechenden teile der freudschen pa oft und gern zur untermauerung vieler thesen herangezogen hat.

nichtsdestotrotz: eine erweiterung des blicks auf die unzweifelbar vorhandenen zusammenhänge zwischen ökonomischen strukturen einerseits und andere gesellschaftliche bereiche andererseits ist dringend geboten und nötig, und da ist die perspektive von deMause zumindest für mich eine inspirierende. und kann zur eingangs erwähnten fragestellung durchaus neue antwortversuche beisteuern.

*

(...) "Trotz der erstaunlichen Regelmäßigkeit von Wirtschaftszyklen (in den Industrienationen haben sie im allgemeinen einen Achtjahresrhythmus) und der Kriege (die meisten Länder haben durchschnittlich alle zwanzig Jahre einen) wurden sie niemals als Wünsche angesehen; als Wege, durch periodische selbstzerstörerische Abläufe, die wir selber sorgfältig inszenieren, die Angst zu begrenzen, die daher kommt, daß wir unser Leben genießen. Wie der Patient, der seine Probleme als Folge von »Fehlern« in seinem Leben sieht, versteht man gemeinhin ökonomische und politische Krisen als Ergebnisse kollektiver »Fehler«, seien es »Fehler der Überinvestition«, »Fehler in der Geldpolitik«, »Fehler der Finanzierungsprogramme« oder die »Fehler von München«. Ökonomische Zyklen wie auch die Abfolge der Kriege werden kaum gesehen als gewollte.

Der Grund, aus dem gesellschaftliche Probleme so oft als Folge von Fehlern dargestellt werden, liegt in der Modellannahme eines »homo oeconomicus«, den die meisten Gesellschaftswissenschaften unterstellen. Dieser, er oder sie, handelt nur nach Eigeninteresse, vermehrt den eigenen Lustgewinn, arbeitet rational und rationell und geht in jeder Hinsicht klug mit seinem / ihrem Geld um. Um das zu glauben, muß man allerdings an der erstaunlichen Tatsache vorbeisehen, daß alle die, die man selber kennt, dem »homo oeconomicus« nur sehr entfernt, wenn überhaupt, ähneln. Die eigenen Nachbarn scheinen ihr Geld eher blindlings auszugeben, sie sparen kaum, mit der Arbeit gibt es Probleme oder sie trinken zuviel, oder sie sind eher depressiv oder zu schüchtern, zu streng, zu gelangweilt oder zu sehr geladen, um ihre Talente wirklich entfalten zu können oder ihr Familienleben zu genießen.


In Wahrheit sind die Leute auf genau die Weise irrational menschlich, wie sie in den umlaufenden Romanen vorkommen, und ähneln viel mehr einem Typ, der sich alle Mühe gibt, seine/ihre Vergnügen und Fähigkeiten zu begrenzen als sie zu entgrenzen. Selbst jene, denen es gelingt, ihre Arbeit als fruchtbar zu erleben, enden oft darin, daß alles, was sie tun, ihnen letztlich mißfällt oder sie opfern ihre Familien, ihr Liebesleben oder ihre Gesundheit »dem Beruf«. Menschen, die psychologisch gesund genug sind, sowohl Erfolg zu haben als auch Freude an ihrer Arbeit und an ihrem Besitz und an ihren Angehörigen und an ihrer Liebe, sind in Wahrheit höchst selten anzutreffen.

Wenn aber die meisten Individuen ihre Befriedigungen beschränken, ihre Fähigkeiten nicht entfalten, sowie ihre Einkünfte und ihre Vergnügungen opfern, grad so, als wollten sie keine Schuldgefühle provozieren durch zu exzessiven Lebensgenuß, dann wird das auch auf die Nationen zutreffen, die aus solchen Menschen bestehen. Eine brauchbare Theorie der Psychoökonomie muß deshalb auch untersuchen, durch welche Strategien Nationen ihren Überfluß vernichten, nicht nur, wie sie ihn erzeugen — Strategien, die periodische Blütezeiten, Zusammenbrüche und Kriege einschließen.

Wirtschaftswissenschaftler stoßen hin und wieder eher unfreiwillig auf die Möglichkeit selbstzerstör­erischer Motivationen, aber da ihr Modell dem »homo oeconomicus« nur rational zu sein erlaubt, verwerfen sie ihre Wahrnehmung als offensichtlich zu verrückt, um sie ernsthaft in Erwägung zu ziehen. So folgt in mehreren Büchern auf den Versuch, die Wirtschaftzyklen nach rationalen Modellen zu erklären, das Eingeständnis ihres Ungenügens; die Autoren werfen die Arme in die Luft und stellen, wie Paul Samuelson, fest, fast scheine es, als ob die Menschen »absichtlich einem manisch-depressiven Muster folgten und dabei erst den ökonomischen Zyklus erzeugen«, oder jemand ist versucht, wie Robert E. Lucas Jr., »anzunehmen, daß die Leute Depressionen mögen.« Aber das sind nur Momente psychologischer Einsichten, die schnell wieder fallengelassen werden; und sie kehren zurück zu ihrem Grundlagemodell »ökonomischer Mensch« mit seinen unmotivierten »Fehlern«. (...)


so ein längeres zitat aus der einleitung des kapitels 4,
Reaganomics als Opferritual, welches einen ganz zentralen punkt der psychohistorischen sichtweise deutlich macht. als reaganomics wird seit damals - analog dem britischen thatcherism - eine explizit neoliberale politik verstanden, die ökonomisch auf der "chicagoer schule" des milton friedman fusst, und in der umsetzung durch rabiate steuersenkungen zugunsten der oberklasse einerseits und ebenso rabiate sozialkahlschläge anderseits, bei ideologischer beweihräucherung der "freien märkte", reaktionären vorstellungen bezgl. familie und ehe, nationalismus als popanz, militaristischer aussenpolitik sowie allgemein antisozialer tendenz berühmt und noch mehr berüchtigt geworden ist. in einem artikel zur neuen bundesregierung, der mir kürzlich unter die augen kam (ich weiss leider nicht mehr wo), werden übrigens etliche gemeinsamkeiten vor allem der fdp-politik zu den reaganomics herausgearbeitet - die lassen sich meiner meinung nach tatsächlich nicht nur in punkto steuern auch belegen.

ich empfehle übrigens zum besseren verständnis, mindestens das gesamte kapitel, besser noch auch die anderen vorhandenen auszüge des buches zu lesen - einfach, weil sich durch das gesammelte mediale material die inhaltliche tendenz der argumentation besser erschliessen lässt.

eine argumentation, die ich jetzt in eigenen worten versuchen will, auf´s wesentliche zu komprimieren:

bekanntlich geht die psychohistorie von der existenz von psychoklassen aus, deren mitglieder durch die art und weise des elterlichen / familiären umgangs mit ihnen in der kindheit (dazu gehört auch die pränatale phase) entsprechend zugeordnet werden. diese klassen sind nicht identisch mit soziologischen oder ökonomischen klassen (auch, wenn "erziehungsstile" durch entsprechende materielle umstände natürlich beeinflusst werden), sondern stellen sich sozusagen quer - liebevoller oder liebloser, verdinglichender umgang mit kindern lässt sich jeweils sowohl in (materieller) armut als auch im "reichtum" beobachten.

diese psychoklassen, die ihre mitglieder quasi durch die jeweilige individuelle neurologische konfiguration gewinnen, agieren nun im öffentlich-gesellschaftlichen leben als quasi-kollektive - ältere erziehungsstile mit ihrem gewaltvolleren umgang gegenüber kindlichen bedürfnissen produzieren angstbesetzte, in destruktiv-irrationalen emotionalen mustern verhedderte erwachsene, die davon determiniert nun in der öffentlichen arena zwanghaft all das abspalten, verfolgen und projizieren, was sie selbst als bedrohlich empfinden und sich eher für grundsätzlich reaktionäre politikkonzepte gewinnen lassen, weil diese sie nicht zwingen, sich mit ihren mustern auseinanderzusetzen, sondern eher ihre konflikte im aussen inszenieren und symbolhaft und praktisch stellvertretend ausagieren (ganz im diesem sinne war auch "der führer" primär ein delegierter, wie überhaupt als grundaussage über den verschiedensten autoritären herrschern der geschichte als motto stehen könnte: er bündelte die vorherrschenden psychophyischen pathologien am wirksamsten und gab ihnen am wirkungsvollsten ausdruck. bezgl. ronald reagan empfehle ich auch noch mal den zweiten teil
dieses beitrags.)

demgegenüber sind die mitglieder neuerer psychoklassen, bedingt durch weniger traumatisierende kindheiten, innerlich ein stückchen freier - (hier befindet sich ein wichtiger link zum thema des "freien willens") - und eher zur emotionalen rationalität fähig; deMause fügt als wichtigen punkt u.a. auch die fähigkeit zum qualitativen genuß an. diese psychoklassen sind es in der psychohis. lesart, die letztlich die träger jedes gesellschaftlich-zivilisatorischen fortschritts darstellen - ohne unbedingt in moralischer hinsicht jetzt "bessere menschen " zu sein.

aus der psychohistorischen lesart der geschichte ergibt sich nun bezgl. der vorherrschenden und "beliebtesten" kollektiven inszenierungen (die eigentliche aufgabe von regierungen! jedenfalls werden sie dafür von älteren psychoklassen gewählt) eine schnelle focussierung auf den begriff des opfers. und der stammt nicht zufällig ursprünglich aus dem religiösen bereich - die praxis von sach-, aber auch tier- und menschenopfern zur beruhigung der "götter", aber auch zur "reinwaschung" von empfundener schuld (mit eine der schlimmsten möglichen plagen von traumatisierten menschen!) ist ein uraltes und global verbreitetes, interkulturelles und interreligiöses phänomen.

opferung eines chistlichen kindes
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nürnberg 1493
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quelle: wikipedia

während deMause in seinem buch sehr schön die entsprechenden amerikanischen motive - wo die azteken historisch eine nachwirkende rolle gespielt haben - herausgearbeitet und illustriert hat, habe ich als bewussten kontrast die darstellung eines kindlichen opfers aus dem hiesigen christlichen mittelalter gewählt.

und im kern spielt der doppeldeutige begriff des opfers bei seiner analyse eine hauptrolle: reagan wurde gewählt (und auch geprüft) dafür, dass er die rolle des opfernden als delegierter einehmen sollte (und dazu das passende ökonomische system bereitstand, welches strukturell u.a. auf solchen kollektiven dispositionen aufbaut). und sowohl die von ihm angezettelte us-rezession der frühen 1980er jahre als auch sein militärisches banditentum lassen sich als materiell gewordene inszenierungen von opferungen begreifen. und in alter paranoider und traumatischer tradition waren diese opfer hauptsächlich, aber nicht nur, kinder (kinder und frauen in rezessionen, jugendliche männer in kriegen):

(...) "Man soll nicht denken, Sätze wie die von den »Opfern der Reaganomics« seien bloß metaphorisch zu nehmen. Ein wirksames Opfer verlangt einen wirklichen Menschenschlucker und echte Tote.

Es ist nicht einmal sehr schwer, die ungefähre Zahl der Tode anzugeben, die auf das Konto von Reagans Opferungszeit gehen. Der durchschnittliche Anstieg der Sterblichkeitsrate in Rezessionen wird sorgfältig statistisch aufgezeichnet und analysiert vom Gemeinsamen Wirtschaftsausschuss des Kongresses (Congressional Joint Economic Committee), insbesondere für Selbstmord, Mord, Herztode und andere, die mit der ökonomischen Lage in Verbindung gebracht werden können. Ausgedehnt bis zum jetzigen Zeitpunkt (1984) können demnach annähernd 150.000 zusätzliche Tode den Effekten der Reaganomics zugeschrieben werden.

Dazu kommen die Todesfälle, die man mit Reagans Haushaltskürzungen in Beziehungen setzen darf — die vor allem auf die Millionen von Frauen und Kindern zielten, die auf die Unterstützung durch die Regierungsprogramme angewiesen sind —, sowie die Tode, die durch Kürzung von Kinderernährungsprogrammen verursacht wurden, durch Kürzung der Hilfe für Familien mit mehreren Kindern in Schule oder Ausbildung, der Lebensmittelhilfe für schwangere Frauen mit niedrigem Einkommen, der staatlichen Schulspeiseprogramme, der Unterstützung für behinderte Kinder und Erwachsene usw. Die abrupte Kürzung solcher Hilfsprogramme läßt den Todeszoll für Reaganomics die Zahl von 150.000 weit übersteigen.

Schließlich umfaßt diese Zahl noch nicht einmal die weniger augenfälligen Opfer von Kürzungen wie der beim Umweltschutz, bei der Unterstützung von Wohlfahrtsorganisationen wie der UNICEF, den Wegfall der Krankenversicherung bei Millionen von Arbeitslosen, Tode in den unterentwickelten Ländern als Folge der Reagan-Rezession und eine Reihe ähnlicher todbringender Aktivitäten. (...)

»Cut«, runter mit drei Millionen Kindern von der Schulspeise. »Slash«, weg mit den Geldern für 340.000 Stellen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. »Chop«, raus mit den behinderten Kindern aus der staatlichen Hilfe."(...)


und weiter aus dem buch zitiert (online leider nicht vorhanden):

(...) "So aber erschien im Winter 1981/82 Artikel auf Artikel über die steigende Kindersterblichkeit in sozialen Bereichen, die am härtesten von den Kürzungen und der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Artikel über die Kinder auf den Armenlisten, mehr als eine Million waren hinzugekommen, über die sechs Millionen Kinder, die wegen der Arbeitslosigkeit ihrer Eltern die Krankenversicherung verloren hatten, über die halbe Million Kinder, denen die Krankenversorgung entzogen war durch die Schließung von 229 Gesundheitszentren (community health centers) seitens der Regierung und über die Hunderte von Kindern, die zu Tode geprügelt werden würden, weil Reagan fast alle Mittel für das sehr erfolgreich arbeitende Zentrum für mißhandelte und vernachlässigte Kinder gestrichen hatte - man kommt auf über zwanzig Millionen Kinder, die unnötig Schmerzen und Hunger leiden mußten oder sogar starben, aber kaum jemand war zu sehen, der um sie getrauert hätte.

Während jener kalten Winternächte saßen wir alle vor dem Fernseher und sahen, Abend für Abend, Szenen von Kindern, die im Schnee unter Brücken schliefen, weil ihre Eltern Arbeit und Wohnung verloren hatten und Bilder von Neugeborenen, die vor der Kamera aus Schwäche starben, weil der Regierung die Gelder "fehlten" zur weiteren Finanzierung der Zusatzdiät für mittellose schwangere Frauen und stillende Mütter. (...)

"Reagans Netz sozialer Sicherheit ist ein Mythos", kommentierte Bill Moyers im Fernsehen. "Menschen sterben infolge dieser Kürzungen". (...)

(s. 117/118)


opfer - mindestens geduldet, schlimmstenfalls gewollte.

*

wie gesagt: lesen Sie das ganze kapitel selbst und betrachten Sie sich vor allem die vielzahl an entsprechenden medialen motiven aus der zeit - das ist schon frappierend.

ansonsten kann zumindest ich die obigen kapitel nicht lesen, ohne sehr schnell an die hartz-IV-kinder hierzulande denken zu müssen - vielleicht nicht in solch drastischen formen wie oben für die usa beschrieben, so ist die kinderarmut vor dem hintergrund des geldhinterherwerfens an die bankster doch ebenso als geduldet, wenn nicht schlimmstenfalls als gewollte, zu verstehen - wäre das grundlegend anders, so würde die mehrzahl von uns anders handeln als bisher. manchmal habe ich schon den eindruck, dass die kollektiven uralten frühreligiösen überbleibsel in unseren psychophysischen strukturen gerade von sich selbst als "aufgeklärt" haltenden gerne unterschätzt werden.

nun hatte ich weiter oben schon die reibungslose übertragbarkeit des ansatzes von deMause bspw. nach d-land relativiert, und dazu kommen zwei weitere punkte, die ich schon in der rezension des Emotionalen Lebens... angemerkt hatte: einmal die bei ihm fehlende berücksichtigung von anderen, aber trotzdem massenwirsamen traumata (wie kriege und diktaturen), zum anderen die möglichkeit, dass die existenz generationenübergreifender tradierter traumatischer strukturen am ende per evolutionärer selektion etwas hervorbringt, was sich als psychophyische mutationen bezeichnen liesse: empathiegestörte und weitgehend gleichgültige, aber deswegen auch schmerzunempfindlichere, überlebensfähigere (in traumatischen sozialen bedingungen) menschen -> soziopathen .

und trotzdem kann der ansatz auch hierzulande zum erweiterten verständnis befruchtend sein, wenn nämlich einfach hinsichtlich der aktuellen politik von einer gewünschten ausgegangen wird, und zwar gerade deswegen, weil sie verheerende soziale konsequenzen nach sich zieht und ziehen wird. die dazu nötigen psychoklassen hatte neulich ausgerechnet
peer steinbrück explizit und beispielhaft benannt, nämlich in dem fall die generation der kriegskinder des wk2, die sich nach den psychohistorischen kriterien durchaus als klasse verstehen lassen. und mehrheitlich immer noch in ihren traumatischen lebensbezügen feststecken, diese teils schon weitergegeben haben (da weiss ich sehr gut, wovon ich rede...) und in ihrem zustand die öffentlichen diskurse mitbestimmen. es geht dabei nicht um mehr oder weniger sinnlose schuldzuweisungen, aber ich denke, wir brauchen dringend ein erweitertes verständnis gesellschaftlicher prozesse. und da sollten ansätze wie der hier skizzierte und eher "klassische", soziologische und ökonomiekritische nicht als widersprüchlich, sondern als ergänzend empfunden werden.

auch, wenn es uns dann vielleicht selbst in der erkenntnis, dass all die
kevins und jessicas und all die anderen bekannten und unbekannten kinder, die hier in den letzten jahren thema waren, in der doppelten wortbedeutung zu opfern wurden, vorkommen mag, als würden uns aus dem spiegel, in den wir schauen, monster zurück anstarren. vielleicht ist der schreck dann groß genug für konsequenzen.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

assoziation: steinbrück goes psychohistory ? (wenn der traumadiskurs für antisoziale politik benutzt wird)

mit einem interessanten textfragment möchte ich mich heute näher beschäftigen, auf das ich eher zufällig durch eine kommentierung - eine weitere findet sich bspw. auch hier - der medial so getauften brandrede des ehemaligen spd-parteivorstandsmitglied und finanzministers peer steinbrück aufmerksam geworden bin. im kontext seiner antworten auf das desaströse spd-wahlergebnis im september zieht er vier vorläufige schlußfolgerungen (die natürlich alle darauf hinauslaufen, vor einem "linksrutsch" zu warnen), von denen ich eine sehr bemerkenswert finde:

(...) "Und bei der Annäherung an die Linkspartei ist nicht einmal ein Nullsummenspiel, sondern eher ein Verlust für die SPD wahrscheinlich, weil immer um einen Faktor höher Wählerinnen und Wähler in der Mitte zu den konservativ-bürgerlichen Parteien überlaufen. Das hat etwas mit der ausgeprägten Sehnsucht der Deutschen nach Stabilität, Sicherheit und Beständigkeit zu tun. Diese in meinen Augen tief verankerte Sehnsucht in der deutschen Gesellschaft geht auf die Brüche und traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zurück. Diese Traumatisierungen sind nach wie vor mentalitätsprägend und lassen die Wählerinnen und Wähler in Deutschland in der Mitte zusammenrücken. Jede Annäherung an die politischen Ränder trifft daher auf eine verbreitete Skepsis, mehr noch: Ablehnung in der Bevölkerung." (...)

"oups", dachte ich beim lesen dieser sätze, "unterschätze nie die instrumentelle intelligenz von "eliten" bei ihrem geschäft der machterhaltung". bemerkenswert finde ich vor allem einen möglichen einblick in die handlungsmotivationen von mitgliedern der "politischen klasse", der sich hinter den obigen sätzen offenbaren könnte. ebenso bemerkenswert aber ist aus so einer ecke das - eingeständnis? die behauptung? die vermutung? - , dass die -
abbröckelnde - vorliebe großer teile der hiesigen bevölkerung für "rechte" politikkonzepte unmittelbar etwas mit der spezifisch deutschen traumageschichte zu tun hat, und sich "politik" bzw. parteien, die hier "mehrheitsfähig" sein wollen, sich den daraus resultierenden strukturen und motivationen letztlich nur anpassen können.

nun ist mir das schicksal der spd bekanntlich herzlich egal, und ebenso halte ich aus gründen nicht viel von der demokratiesimulation, die hier unter dem label der "parlamentarisch-repräsentativen demokratie" immer noch in zu vielen köpfen bzw. körpern für die fatale illusion sorgt, dass in diesem system relevante bevölkerungsteile irgendetwas zu sagen hätten. nicht egal finde ich es jedoch, wenn sätze wie die obigen aus dem munde eines kürzlich noch unmittelbar an formalen entscheidungsprozessen "auf höchster ebene" beteiligten kommen, um damit quasi einen bei weitem nicht nur die spd betreffenden gesellschaftlichen status quo zu rechtfertigen, der sich nicht erst seit gestern als komplette sackgasse erwiesen hat. deshalb im folgenden ein paar gedanken zu den inhalten der steinbrückschen einlassungen.

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die argumentative basis, von der er ausgeht, ist dabei aus meiner sicht nicht zu bestreiten - bereits früher waren die hiesigen
traumainduzierten langzeitfolgen aus weltkrieg(en) und nationalsozialismus - die ddr ist dabei noch mal ein eigener bereich - hier thema; und ebenfalls kamen die durch jahrhunderte währenden fatalen ergebnisse der spezifisch deutschen (und sehr gewalttätigen) traumatisierenden erziehungspraktiken , welche sich in ihren übelsten ausprägungenbis teils weit in die 1970er jahre hinein als "normalität" halten konnten, zur sprache. wobei nicht nur ich die letzteren als entscheidend mitbeteiligt bei den ursachen für die ersteren halte, und ebenfalls von weitreichenden und tiefgehenden konsequenzen dieser traumatischen matrix für das gesamte gesellschaftlich-öffentliche, aber auch alltäglich-private leben hier ausgehe.

von daher scheint es also zunächst sogar ein fortschritt zu sein, wenn die skizzierte realität als solche gerade von leuten anerkannt wird, die hier z.zt. noch "politische" entscheidungen treffen. das problem ist dabei nur, dass diese "eliten" aller wahrscheinlichkeit nur aufgrund dieser traumatischen matrix überhaupt in ihren positionen sitzen können; und das führt dann in der folge zu allerlei unschönen paradoxien und / oder zu schlüssen wie denen von steinbrück.

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nun ergibt sich beim näheren nachforschen bezgl. der steinbrückschen thesen, dass er da - fast bin ich geneigt zu sagen, "natürlich" - nicht alleine drauf gekommen ist. wenn ein vertreter von angeblich notwendigen "reformen" wie der "agenda 2010" argumentativ zur erklärung der "reformunwilligkeit" der hiesigen bevölkerung mit dem rückgriff auf die traumatische matrix arbeitet, ist die mögliche quelle dieses diskurses nicht schwer zu finden: die autorin
sabine bode, deren buch zu den (deutschen) kriegskindern der "vergessenen generation" weiter als empfehlung in der literaturliste steht (ein gutes einstiegsbuch zum thema mit viel geschichte zur ptbs-diagnose und abstechern in die neuroforschung und psychotraumatologie), hat einige zeit später unter dem titel "Die deutsche Krankheit - German Angst" etwas thematisch anschliessendes veröffentlicht, welches nicht nur ich beim querlesen so ärgerlich fand, dass ich auf eine betreffende empfehlung verzichtet habe. mir ist allerdings damals entgangen, dass sie dort nicht nur biographische fragmente und statements von bundesdeutschen "promis" wie u.a. norbert blüm, wolf biermann und eben auch steinbrück gesammelt hat, sondern eben dieser steinbrück selbst das buch bei der veröffentlichung 2006 in einer rede zu diesem anlass lobend vorgestellt hat - ein buch, in dem die verfasserin, bei der diese inhaltliche wendung bei der "vergessenen generation" zumindest von mir keinesfalls irgendwie zu vermuten war, u.a. dieses fatale fazit zieht:

(...) "Führt die Verfasserin diese generationsspezifische "Unlebendigkeit" zunächst auf die Sozialisation durch "gebrochene" Eltern zurück, die trotz oder gerade wegen der Erschütterung ihres eigenen Wertesystems die "schwarze Pädagogik" des Nationalsozialismus auch in der Nachkriegszeit noch praktizierten, so geraten später die Nachgeborenen in die Kritik. Jetzt erscheinen nicht mehr Krieg und Nationalsozialismus als "Vergifter", sondern die Vergangenheitsbewältigung der alten Bundesrepublik, die "Kulturleistungen, auf die üblicherweise jedes Volk stolz ist", verworfen habe, "weil man darin die Wurzeln des Zivilisationsbruchs" vermutet habe. "Es ist an der Zeit, unsere Erinnerungskultur zu überdenken", folgert Bode und referiert mit Sympathie ein erzkonservatives Leitbild: Familie, Gott und Nation seien "Ressourcen", die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften in nur begrenztem Umfang zur Verfügung gestanden hätten. Es gelte, "vergessene Traditionen" wieder aufzunehmen, um ein "verunsichertes Kollektiv [...] zu unterstützen", wie die Verfasserin in ihrem Schlusswort fordert." (...)

(Jörg Arnold: Rezension von: Sabine Bode: Die deutsche Krankheit - German Angst, Stuttgart: Klett-Cotta 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007])


offensichtlich hätte ich das buch damals doch genau von anfang bis ende lesen sollen - die richtung, die bode da mit rückgriff auf eine unbezweifelbare gesellschaftliche realität vorgibt, ist nicht nur fatal, nicht nur "politisch" reaktionär, sondern auch psychotraumatologisch höchst bedenklich, weil es sich bei den erwähnten "ressourcen" in der hier verankerten form allesamt um destruktive kollektivhalluzinationen handelt, von denen ich als beispiel in der vergangenheit
die "nationale identität" als identitätskrücke schon ausführlich kommentiert habe. bode geht damit bei ihren empfehlungen den vermeintlich leichtesten weg, ohne anscheinend auch nur im ansatz zu realisieren, welche destruktiven - und letztlich traumatischen - wirkungen diese "vergessenen traditionen" nicht nur in der deutschen geschichte zu verantworten haben. ebenfalls handelt es sich bei ihren vorschlägen keinesfalls um eine reale kollektive und individuelle bearbeitung der traumatischen matrix (von denen wir bis heute hier jeder und jede einen mehr oder weniger großen teil im wahrsten sinne des wortes verkörpern), sondern letztlich um ein ausweichen mit hilfe von objektivistisch produzierten und angeblich "ewigen" surrogaten - kollektive als-ob-identitäten, in denen sich die beschädigten menschen nicht nur formen anscheinender sicherheit holen, sondern sich durch stärke- und größenillusionen auch um ihre realen psychophysischen zustände selbst belügen.

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steinbrück nennt den erwähnten bezug auf die "nation" in der
langfassung der oben erwähnten rede anlässlich der buchvorstellung verklausuliert anders:

(...) "Wenn ich das richtig sehe, sagt sie, dass es drei Kraftquellen gibt, über die wir versuchen können, Identitäten zu stiften. Das ist die Familie, das ist der Glauben und das ist die Gemeinschaft. Und ich bleibe mal bei der Gemeinschaft, weil ich mich in das andere nicht einmischen
will. Ich glaube, Gemeinsamkeiten entdecken zwischen Generationen, zwischen sozialen Schichten, Gemeinsamkeiten entdecken in der Beurteilung von komplizierten gesellschaftlichen Fragestellungen, auch zwischen Ost- und Westdeutschen mit dem Ziel, so etwas wie eine kollektive Identität zu stiften, ist in meinen Augen der wahrscheinlich wichtigste Ansatz, um aus diesem verbreiteten mentalen Block herauszukommen, den wir hier als deutsche Angst wahrnehmen und diskutieren." (...)


gegen authentische gemeinschaft, die langsam wächst und sich über lange und teils schmerzhafte prozesse in einem gegenseitigen vertrauen als basis ausdrückt, ist nun nicht nur nichts einzuwenden, eher ist ein solches menschliches (!) und eben nicht durch surrogate wie "nationen", "götter" etc. herbeikonstruiertes bzw. -halluziniertes kollektiv ein noch nicht verwirklichter, aber notwendigerer entwicklungszustand der spezies als vielleicht jemals zuvor, wenn man sich die vielfältigen und bedrohlichen probleme betrachtet, die heute nur noch auf planetarer ebene lösbar erscheinen. was steinbrück aber da unter "gemeinsamkeiten entdecken" und "kollektive identität stiften" aller wahrscheinlichkeit nach versteht, hat mit dem obigen nicht nur nichts zu tun, sondern stellt in gewissem sinne sogar dessen negation dar:
  • die "gemeinschaft" ist hier als implizit als "national" bestimmte formuliert
  • "gemeinsamkeiten zwischen sozialen schichten" entdecken zu wollen ist in einer zeit der weitergehenden spaltung zwischen reich und arm und in einer geleugneten klassengesellschaft eine frechheit, welche die realen gegensätze zugunsten eines halluzinierten als-ob-kollektivs zu verwischen versucht. im prinzip und strukturell ist das nichts weiter als eine modifizierte bzw. neu formulierte variante der nazistischen volksgemeinschaft - "jeder und jede an seinem / ihrem "naturgegebenen" platz für das große ganze"
wenn man sich die von der spd maßgeblich mitverantwortete bundesdeutsche politik der letzten zehn jahre betrachtet, so machen gerade solche aktuellen ausfälle wie die des spd-mitglieds sarrazin aus obiger perspektive einen größeren sinn, denn die spaltungen, die die "unterschichten-debatte" formuliert und zementiert, dienen auf der anderen seite genau der produktion einer solchen "gemeinschaft", wie sie steinbrück oben vorschwebt. dazu ist es bei der konstruktion solcher kollektiven surrogat-identitäten unabdingbar, mit einem binären "wir" und "die" zu operieren, weil der ausführende
objektivistische modus nur anhand solcher trennungen "identitäten stiften (konstruieren)" kann. der größte unterschied zur alten "volksgemeinschaft" nazistischen typs dürfte heute darin liegen, dass die aus- bzw. einschlußkriterien nur noch sekundär rassistisch/ethnisch bestimmt werden (obwohl das durchaus noch ein rolle spielt), sondern vor allem nach leistungskriterien (die machen "den ausländer" dann zwar immer noch nicht zum "deutschen", aber sie sorgen für etwas, was sich als murrende duldung bezeichnen liesse - solange eben die leistung stimmt.)

*

wo ich gerade beim thema bin: sowohl bode als auch steinbrück blenden völlig aus, dass sich inzwischen ebenfalls relevante gruppen und menschen aus anderen regionen / ländern hier teils selbst zur bevölkerung zählen, teils faktisch als zugehörig betrachtet werden sollten. und diese bringen aus (bürger-)kriegsregionen, diktaturen, zuständen extremer armut sowie entsprechenden fluchtgeschichten oft genug selbst traumatisierungen mit, deren konsequenzen dann hier vor ort genauso virulent werden wie die
tradierten "selbstproduzierten". komplexer wird die situation noch dadurch, dass der deutsche staat bzw. die deutsche gesellschaft teils direkt (bei kriegsbeteiligungen), teils indirekt (bei ökonomischer ausplünderung bspw.) als täterkollektiv auftritt, was die täter-opfer-dialektik fast aussichtslos verwirrend werden lässt.

gleichfalls ist besonders bei steinbrück als vertreter der antisozialen "agenda-gesetze" ein weiterer blinder fleck dahingehend zu konstatieren, dass er offensichtlich die
traumatischen bis tödlichen folgen gerade der "hartz-IV"-gesetze entweder nicht wahrnehmen kann oder will. spätestens dieser umstand macht jedes wort, was leute wie er über die traumatische matrix verlieren, zur heuchelei. nicht, dass ich alles als falsch begreifen würde, was er diesbezgl. sagt (aber vieles); ohne aber zu begreifen, dass er selbst und die politik, für die er steht resultate dieser matrix darstellen, wird er letztlich nur noch eins: unglaubwürdig.

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nichtsdestotrotz ist ein aspekt in der langfassung der rede gerade vor dem hintergrund seiner position als finanzminister und seiner rolle beim umgang mit der wirtschaftskrise interessant, nämlich dann, wenn er bodes blickwinkel bezgl. historisch traumatisierender ereignisse erweitert:

(...) "...mit Sicherheit durch die Inflationsentwicklung 1923, durch den Zusammenbruch auch des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mittelstandes, dass sie ökonomisch traumatisiert worden sind in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre,..." (...)

ich finde es nicht allzu abwegig, anzunehmen, dass bei der systemrettung um jeden preis auch solche motivationen bei den protagonistInnen in d-land eine rolle gespielt haben bzw. spielen (ihre kapitalhörigkeit wird damit weder bestritten noch in ihrer bedeutung tangiert). wenn auch nur relevante teile der hiesigen "eliten" tatsächlich die existenz der traumatischen matrix in ihr kalkül miteinbeziehen, wird die auch hier im blog schon oft thematisierte simulation von "normalität" in einer ausgewachsenen systemkrise nochmals verständlicher, zumal gerade die "politische klasse" hier an führender stelle beteiligt und tätig ist. es wäre dann, wie steinbrück ganz oben bezgl. der wahlen ausführt, teil eines machtkalküls, bei dem leute wie er meinen und glauben, die traumatisierten bevölkerungsteile durch eine illusion von sicherheit und beständigkeit zur eigenen unterstützung instrumentalisieren zu können. muss ich an dieser stelle noch extra erwähnen, dass ein vom interesse an authentischer menschlicher emanzipation geleiteter umgang mit der traumatischen matrix qualitativ sehr anders aussehen müsste? das ständige platte an- und belügen über die tatsächliche realität bis hin zum einsatz komplizierter fakes und simulationen bspw. lässt sich als permanenter trigger mit re-traumatisierender wirkung betrachten, den eine emanzipatorische politik im eigenen interesse zu vermeiden hat (nebenbei gesagt, wird sich meiner meinung nach u.a. an solchen stellen auch die tatsächliche emanzipatorische kraft der "linken" [partei] herausstellen).

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bleibt zum schluß noch der kurze hinweis auf andere politikfelder wie zb. die "innere sicherheit" (ein wahrhaft treffender begriff!), bei dem die traumatische matrix mitverantwortlich sein dürfte für widersprüche wie denjenigen zwischen einer einerseits in den letzten jahren ständig sinkenden kriminalitätsrate und andererseits steigenden unsicherheitsgefühlen vor allem bei älteren menschen (die größtenteils noch der kriegskindergeneration angehören). ein
schäuble als bisher handelnder protagonist jedenfalls stellt mit seinem individuellen traumatischen background einen perfekten stellvertreter für all jene dar, die sich unbegriffenerweise durch ihre individuelle und kollektive biographie in den historischen wirren dieser welt weiterhin in angstbesetzten, paranoiden, dissoziativen und destruktiv-aggressiven traumainduzierten zuständen befinden. schon aus solchen gründen ist das gerede von "mündigen bürgern" übrigens ein schlechter witz.

die zu beobachtende größere gewalt und brutalität bei in relation kleiner werdenden tätergruppen lässt sich ebenfalls vor dem hintergrund der traumatischen matrix besser verstehen, aber das ist ein anderes thema für andere beiträge.

Montag, 7. September 2009

assoziation: taliban, maras, piraten etc. - der asymmetrische krieg des westens gegen die "untere milliarde" (2)

(zum ersten teil)

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das auftreten von gangs - egal ob mit politischer und/oder religiöser ideologie - lässt sich durchaus als globales phänomen betrachten, und zwar als zwangsläufiges: erstens stellt die form der bande eine art rudimentäre basis der menschlichen sozialität dar, allerdings nur in situationen allgemeiner äußerer bedrohung und unsicherheit. zweitens lassen sich bandenstrukturen in allen gesellschaften mit traumatisch kontaminierter sozialstruktur nachweisen (ich verlinke
das vorsichtshalber nochmal); und drittens lässt sich die these aufstellen, dass es sich bei den meist männlichen mitgliedern i.d.r. um jüngere und agile teile der so called "unteren milliarde" (vielleicht ließe sich auch von globalen prekariat sprechen), die im mehrfachen sinne des wortes ungebundener agieren und sich bewegen können als bspw. die millionen von frauen, kindern, alten und familienvätern, die sich in den elendszonen des planeten täglich um leben, essen, wasser und gesundheit so viele sorgen machen müssen, dass sie davon in so ziemlich allen lebensäußerungen determiniert sind.

viertens aber gehört der vorherige punkt schon ebenfalls zur these, dass es trotz aller kulturellen unterschiede und räumlichen entfernungen strukturelle gemeinsamkeiten zwischen diesen gangs gibt, die fünftens von den strategen der oberklasse regelmässig instrumentalisiert werden. zumindest der versuch ist belegbar, auch wenn solche versuche oftmals - wie in afghanistan - zum rohrkrepierer werden. sechstens scheint mir in allen fällen die klassische form der mafia als, wenn auch nicht bewusste, matrix zu fungieren. und siebtens ist mit der hinweis mit am wichtigsten, dass in allen drei fällen die letzte verantwortlichkeit für das entstehen der jeweiligen gangs durchaus deutlich in der mehrheitlich bisher tolerierten politik der westlichen "elliten" zu suchen ist.

um diese sieben punkte etwas näher zu beleuchten, folgen drei beispiele - mit den taliban befindet sich der westen bekanntlich im offenen, wenn auch asymmetrischen, krieg. die piraten von ostafrika (aber auch asien) werden dem gegenüber durch eine art militärischen polizeieinsatz bekämpft, während sich die maras inzwischen von mittelamerika aus über recht große teile der usa (besonders im südwesten) ausgebreitet haben, in der ganzen region zu einer echten bedrohung für viele geworden sind und in und von mehreren staaten vorwiegend polizeilich, in ansätzen aber auch bereits paramilitärisch, bekämpft werden.

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auszüge aus einem interessanten
text zur jüngeren (politischen) geschichte afghanistans:

(...) "An diesem Punkt der afghanischen Geschichte betraten die Taliban (...) die Bühne. Wie aus dem Nichts schien diese unbekannte, neue Miliz aufgetaucht zu sein. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, daß der pakistanische Militärgeheimdienst ISI am Aufbau der Taliban wesentlich beteiligt war: von Anfang an war die Miliz gut bewaffnet und verfügte über schwere Waffen, einschließlich Panzer und Flugzeuge. Auch die Spannungen zwischen Pakistan und der Regierung in Kabul legen diesen Schluß nahe. Später wurde dies mehrfach belegt, etwa durch die Festnahme von pakistanischen Offizieren in Mazhar-i-Sharif, in afghanischen Norden.

Die Taliban verfügten über drei entscheidende Vorteile: erstens waren die Mudschahedinparteien und ihre zerstrittene Regierung in der Bevölkerung weitgehend diskreditiert. Es hatte sich lange herumgesprochen, daß sie weder das Wohl des Landes, noch den Islam im Sinn hatten, sondern nur das eigene, und daß sie den Krieg verewigten. Zweitens waren die Bevölkerung und selbst viele Mudschahedin ausgesprochen kriegsmüde. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1988/89 und dem Sturz Nadschibullahs 1992 waren immer weniger Gründe für eine Fortsetzung des Krieges zu erkennen, aber der Krieg und das Leiden hörten nicht auf. Beide Punkte stellten die Taliban ins Zentrum ihrer politischen Arbeit. Drittens aber waren die Taliban eine neue, unverbrauchte Kraft, die für die Verbrechen, Korruption und den Krieg keine Verantwortung trugen. Sie waren die einzige Organisation mit Glaubwürdigkeit. Und schließlich war es ein großer Vorteil, daß die Taliban nicht nur ständig vom Islam redeten, sondern “islamische Studenten” waren - also als überparteilich, unabhängig von der Parteipolitik und selbstlos gelten konnten. In der Bevölkerung waren die Taliban durchaus beliebt, da sie disziplinierter und rücksichtsvoller auftraten. Sie genossen Respekt, während man den Parteien gegenüber vor allem Furcht, Opportunismus oder Zynismus spüren konnte. (...)

Tatsächlich machten sie ernst mit “dem Islam”, wenn auch mit einer besonders rigiden und reaktionären Variante. Zuerst ließen die Taliban die Mohnfelder abbrennen und die Heroinlabors zerstören, da Drogen gegen den Islam verstießen. (Inzwischen haben sie den finanziellen Nutzen der Opiumproduktion erkannt und den Drogenexport wieder aufgenommen.) Sie einigten als drei Viertel des Landes unter ihrer Führung, womit die Zerstückelung Afghanistans zum Teil rückgängig gemacht und die Instabilität verringert wurde. Und in ihren Herrschaftsgebieten wurde tatsächlich der Krieg beendet - kein kleines Verdienst nach mehr als 1,5 Millionen Toten. Aber ihre Art des Islam hatte von Anfang an stark repressive Züge. Männer wurden gezwungen, sich Bärte wachsen zu lassen, Frauen verstärkt unterdrückt: Berufstätigkeit und Schulausbildung für Frauen sind verpönt und faktisch verboten. Das Tragen der burqa - ein Ganzkörperschleier - wird den Frauen aufgezwungen. Brutalste Bestrafungsformen und Willkür sind an der Tagesordnung. Was viele Afghanen zuerst als die letzte Hoffnung auf Frieden begrüßt hatten, entwickelte sich schnell zu einer terroristischen Gewaltherrschaft hinter religiösen Rechtfertigungsformeln. " (...)


es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der genannte pakistanische geheimdienst isi eine enge zusammenarbeit mit der us-amerikanischen cia pflegt. eine weitere
quelle stellt zur zusammensetzung und soziologie der taliban fest:

(...) "Die Taliban stammten überwiegend aus den ländlichen Gebieten in Südostafghanistan und den Flüchtlingslagern in Nordpakistan. Die meisten waren junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren, die im Krieg herangewachsen waren, viele als Waisenkinder.

Die Masse der Taliban sind Analphabeten. Sie verfügen lediglich über ein religiöses Basiswissen, das ihnen in religiösen Internaten (madrassa) beigebracht wurde." (...)


also kriegs- und waisenkinder, die zusätzlich zu diesem traumatischen background noch den spezifischen, in islamischen gesellschaften verbreiteten
gewalttätigen methoden im umgang mit kindern ausgesetzt waren. die teils extrem brutalen taten der taliban haben ihren psychophyischen hintergrund mit sehr großer wahrscheinlichkeit in den traumatischen biographien ihrer mitglieder, gekoppelt mit gruppendynamischen prozessen und der kriegsobligatorischen verrohung.

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aus nachvollziehbaren gründen hierzulande fast unbekannt sind die
maras :

(...) "Es sind junge Menschen, die leiden, die uns hassen, die uns herausfordern. Sie erwecken die schlimmsten Albträume. Aber im Grunde sind sie der Ausdruck absoluter menschlicher Einsamkeit." So sprach der französisch-spanische Dokumentarfilmer Christian Poveda über die Maras - straff organisierte Jugendbanden, die Mittelamerika und Teile der USA seit Jahren mit brutalster Gewaltkriminalität terrorisieren. (...)

Die Maras haben sich für die armen Länder Mittelamerikas zum existentiellen Problem ausgeweitet. Sie kontrollieren ganze Landesteile, vergewaltigen, erpressen, morden und erledigen die Drecksarbeit für die Drogenhändler. El Salvador, Guatemala und Honduras haben mit die höchsten Mordraten der Welt.

Aber auch in Einwanderervierteln in US-Städten stellen die Maras ein gewaltiges Sicherheitsrisiko dar. Gefürchtet sind sie an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko, wo sie Migranten überfallen. Auch in Madrid sind sie schon aufgetaucht. Das FBI stuft sie als "transnationale Super-Gangs" ein. Die US-Bundespolizei geht von 60.000 Maras aus, andere Quellen sprechen von 200.000.

Journalist Poveda sprach kürzlich in einem Interview mit der Los Angeles Times den USA eine direkte Mitverantwortung für die Existenz der Banden zu. Ihre Vorläufer entstanden in US-Vorstädten zu Zeiten der mittelamerikanischen Bürgerkriege der 80er Jahre, als Washington Diktatoren im Kampf gegen Guerilleros unterstützte. Mittelamerikaner flohen zu Hunderttausenden in die USA. Ihre Söhne schlossen sich zu Gangs zusammen, in Los Angeles entstand die berüchtigte Mara 18, benannt nach der 18. Straße.

Nach dem Friedensschluss in Mittelamerika begannen die US-Behörden, gefasste Bandenmitglieder, pandilleros, in ihre Herkunftsländer abzuschieben, wo sie weder Arbeit, Familie noch Halt fanden; und wenig Gegenwehr. Poveda sah in ihnen "die Antwort einer verlorenen Generation" auf die blutige Vergangenheit und die Aussichtslosigkeit ihrer Heimat." (...)




"Ihr Kennzeichen sind Tätowierungen, die Gesicht, Kopf und Körper bedecken und ein pervertiertes Wertesystem ausdrücken, in dem es darum geht, sich "Respekt" zu verschaffen - und zwar durch Gewalt. Tätowierte Tränen unter dem Auge stehen für Ermordete, für jeden Toten kommt eine hinzu.

Die meiste Gewalt fügen die Banden sich aber gegenseitig zu, Rivalin der Mara 18 ist die Mara Salvatrucha (ein abfälliges Wort für Salvadorianer), die auch Mara 13 heißt, weil sich männliche Neumitglieder einer 13-sekündigen Prügelorgie unterziehen müssen. Mädchen müssen Sex mit drei Bandenmitgliedern haben.

Aussteiger berichteten, sie seien zur Initiation gezwungen worden, den nächstbesten Passanten zu erstechen. Normalerweise verlässt man die Mara nur durch den eigenen Tod. Einzig radikale evangelikale Gruppen haben einen gewissen Erfolg dabei, Maras aus ihrem System zu brechen, in dem sie ihnen ein anderes, ebenso striktes entgegenhalten.

Die Regierungen haben versucht, mit harter Hand zu antworten, der frühere Präsident von Honduras, Ricardo Maduro, ließ das Militär gegen die Maras aufmarschieren, die seinen Sohn ermordet hatten. Gefüllt hat das jedoch nur die Gefängnisse, wahre Verbrechens-Hauptquartiere." (...)


btw: an der stelle möchte ich nochmals auf einen älteren beitrag und die diskussion rund um das thema
tattoos, piercing etc. hinweisen.

die zitierte aussage des journalisten, dass die usa direkte mitverantwortung trügen, muss eher noch ausgeweitet werden: die - ebenfalls teils schwer traumatisierten - flüchtlinge aus den diktaturen centralamerikas sind direkt als opfer us-amerikanischer politik - die diese dikaturen installiert und getragen hat - zu begreifen. das vor jahrzehnten produzierte gewaltpotential kehrt nun als weitgehend ungerichtete verrohung ebenfalls in und gegen die us-bevölkerung zurück, aber auch gegen die bevölkerungen mittelamerikas. und auch hier bilden sich die gangs aus dem potential von kindern und jugendlichen mit traumatischem background - in den usa als latinos rassistisch ausgegrenzt, in ihren heimatländern mit der ökonomischen aussichtslosigkeit und der unverarbeiteten traumatischen geschichte konfrontiert.


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etwas komplizierter ost der hintergrund der
piraterie in somalia , wobei auch hier im kern kriegsverwüstungen eine rolle spielen:

(...) "Der Hauptgrund für die somalische Seeräuberei ist immer wieder schnell genannt: Seit dem Sturz des diktatorisch regierenden Siad Barre 1991 ist Somalia ohne funktionierende, im ganzen Land anerkannte Regierung. Seither bekämpfen sich Clans, politische und religiöse Organisationen sowie andere Interessengruppen.

Als Erklärung für das aktuelle Ausmaß der Piraterie gerade in Somalia kann das Fehlen einer staatlichen Ordnung allein aber nicht ausreichen. Denn die Zahl der Kaperungen hat dort erst 2006 – also 15 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs – leicht zugenommen, stieg dann 2007 deutlich und 2008 sprunghaft an. Und es handelte sich dabei nicht nur um eine zahlenmäßige Zunahme, sondern vor allem um eine qualitative, hinsichtlich der Größe und des Wertes der gekaperten Schiffe. Außerdem: Die meisten Piratenakte um das Horn von Afrika, schätzungsweise 80 Prozent, ereignen sich im Golf von Aden, nördlich von Puntland, das sich 1998 von Somalia getrennt hat und seither de facto ein eigener Staat ist. Die Verhältnisse dort sind aber, verglichen mit denen Somalias, relativ stabil und friedlich.

Ein entscheidender Faktor für die plötzliche Zunahme der Seeräuberei rund um Somalia ist wahrscheinlich in der Verfügbarkeit von Kapital zu sehen, das den Piraten beispielsweise die Anschaffung von neuen Schnellbooten ermöglichte, mit denen sie inzwischen auch über 200 Kilometer weit vor der Küste operieren können. Die Piraterie ist zu einem Geschäft geworden, in das exil-somalische Geschäftsleute in Kanada, Großbritannien, auf der arabischen Halbinsel und in Südasien investieren. Vielleicht besteht auch ein direkter Zusammenhang zwischen dem gleichzeitigen Rückgang der Piraterie in Südostasien, vor allem in der Straße von Malakka, und dem Aufschwung der Seeräuberei um das Horn von Afrika: daß nämlich verbrecherisches internationales Kapital ein neues Betätigungsfeld gesucht und gefunden hat.

Von seiten entwicklungspolitischer und antikapitalistischer Gruppen wird auf den Zusammenhang zwischen der Piraterie und der Ruinierung der somalischen Fischer vor allem durch internationale Raubfischerei und die mafia­mäßig organisierte »Entsorgung« aller Arten von Giftmüll in den Gewässern um Somalia hingewiesen.

Tatsächlich haben diese Faktoren, die aber auch schon Anfang der 90er Jahre vorhanden waren, bei der Entstehung der somalischen Seeräuberei eine wesentliche Rolle gespielt. Es begann den Berichten zufolge mit Notwehraktionen von Fischern gegen die aggressiv vorgehenden, Raubfischerei in den somalischen Gewässern betreibenden Fangschiffe aus vielen Ländern der Welt. Die wichtigsten »Piratennester« – Bossaso und Eyl in Puntland, Haradere und Hobyo in Somalia – sind ursprünglich Fischerstädtchen, die allerdings durch die Piraterie in den letzten Jahren einen Boom erlebt haben. Immer noch sind viele Piraten ehemalige Fischer, auch wenn sich ihre Stützpunkte inzwischen zu Magneten für Männer aus allen Teilen des Landes und aus unterschiedlichen Berufen entwickelt haben. Darunter viele frühere Angehörige der heute praktisch kaum noch existenten Küstenwacht und schlecht entlohnte Soldaten. So wurde im vergangenen Sommer gemeldet, daß sich 400 puntländische Soldaten mit ihren Fahrzeugen den Piraten in Eyl angeschlossen hatten, nachdem die Soldzahlungen ausgeblieben waren."


durch die spezifischen eigenarten vor ort haben sich die bewaffneten seeräubereien für viele marginalisierte somalis als im verhältnis recht bequeme art und weise herausgestellt, das eigene überleben in einer weitgehend zusammengebrochenen und ebenfalls kriegstraumatischen sozialstruktur sicherzustellen. die erwähnte involvierung von organisierter kriminalität ist vor dem hintergrund der besonderen beute - ganz frachtschiffe - ebenfalls nicht überraschend. eine vom westen jahrelang abgeschriebene und nur mit kurzzeitigen "militärischen interventionen" bedachte region, deren meeresressourcen - die nahrungsbasis mindestens für die küstenbevölkerung - dazu noch geplündert wurden und werden, bringt sich so wieder ins gedächtnis.

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zusammenfassend lässt sich folgendes sagen:
  • alle drei gangphänomene sind in einer stark geschädigten sozialstruktur entstanden
  • bei allen drei spielt bei den jeweils aktiven eine traumatische matrix durch kriege, diktaturen sowie mehr oder weniger gewalttätige erziehungspraktiken eine rolle (in mittelamerika kommt noch das rollenbild des machismo hinzu)
  • alle drei sind teils direkte (taliban), teils indirekte produkte westlicher "politik" (die sich ihre eingangs erwähnten "demokratischen und moralischen ideale" sonstwohin stecken kann)
  • zwei (taliban, piraten) dienen bereits jetzt schon zur rechtfertigung globaler militäreinsätze. ich prophezeie hinsichtlich der maras in naher zukunft eine ähnliche entwicklung
"wir" ernten, was wir gesät haben....

solidarität? nun, mit den gangs begründet sicher nicht - eher mit den einzelnen menschen darin. wobei auch nicht vergessen werden darf, dass extrem antisoziale strukturen eines solchen kalibers (die sich auch als realitische widerspiegelung ihrer erschaffer und gegenparts begreifen lassen, vorläufig (nicht) mehr mit üblichen politischen und sozialen maßnahmen erreichbar sind. um diese strukturen aufzulösen bzw. überhaupt die bedingungen dafür zu schaffen, sind grundlegende veränderungen unabdingbar. kurz skizziert würde mir da einfallen:
  • massive ökonomische unterstützung der betroffenen regionen
  • stopp des waffenhandels
  • aufbau eines massiven psychosozialen netzes mit dem schwerpunkt der antitraumatischen arbeit
  • schaffung breiter bildungsmöglichkeiten
  • rückhaltlose ehrliche ansprache seitens der verantwortlichen westlichen staaten über ihre fehler an die betroffenen menschen
  • grenzziehung im sinne des verhindern des gewalttätigen ausagierens. der punkt wird vermutlich vielen nicht gefallen, impliziert er doch tatsächlich polizeiliche oder auch militärische interventionen, allerdings nur als reaktion, nicht für ökonomische interessen, und nur im zusammenspiel mit den anderen genannten maßnahmen, die parallel laufen müssen
Sie können selbst beurteilen, wie realistisch ein solches szenario - welches nicht nur humaner, sondern langfristig sogar ökonomisch günstiger kommen würde als die im ersten teil skizzierten pläne der eu - aktuell scheint. mit diesen politikerInnen und leider mehrheitlich auch dieser bevölkerung.

aber die alternative ist langfristig nur ein übles gemisch aus "brazil", "1984", "gattaca", "mad max" und "rambo". und bekanntlich hat die realität die eigenart, jeden filmplot um längen zu schlagen. und selbst die höchsten mauern und hochgerüstete kampfeinheiten werden selbst zum preis von wahrhaften massenmorden nicht verhindern können, dass am ende der totalitäre kapitalismus schlicht von der "unteren milliarde" überrannt werden wird. nur wird dann der verlust existenzieller menschlicher sozialer fähigkeiten der normalfall sein. und wer eine solche welt nicht will, muss sich jetzt und hier gedanken machen. und handeln.

assoziation: taliban, maras, piraten etc. - der asymmetrische krieg des westens gegen die "untere milliarde" (1)

während um den luftangriff in afghanistan inzwischen ein internationales (des-)informationsspektakel entbrannt ist, welches so nebenbei nochmals deutlich macht, dass es durchaus immer noch etwas gibt, was sich als innerimperialistisches machtgerangel bezeichnen ließe, gibt es heute auch von einem anderen abschnitt der front - und das ist nicht als metapher zu verstehen, wie später deutlich werden sollte - aktivitäten deutscher truppen zu vermelden:

"Die Fregatte "Brandenburg" vor Somalia hat ein verdächtiges Skiff mit fünf bewaffneten Insassen gestoppt. Bei dem Manöver kam einer der mutmaßlichen Piraten ums Leben

Nach Angaben der Bundeswehr vom Montag wollte die Fregatte Brandenburg ein verdächtiges Boot im Golf von Aden überprüfen. Nachdem die Verdächtigen auf wiederholte Warnhinweise und Warnschüsse nicht reagiert hätten, sei die Erlaubnis zum Anwenden von "manövrierunfähig machendem Beschuss" erteilt worden. Durch Schüsse wurde demnach ein Insasse des Skiffs tödlich verletzt." (...)


nein, ebensowenig wie in der trockenen gebirgslandschaft von afghanistan kann in den gewässern vor der afrikanischen ostküste von krieg gesprochen werden - einerseits, wenn man nämlich immer noch ein bild von kriegen im kopf hat, welches von sog. regulären armeen mit hundertausenden von soldaten ausgeht, die in formal erklärten kriegszuständen und großen schlachten gegen das militär anderer staaten kämpfen. andererseits spricht eigentlich alles dafür, dass diese art des krieges eine historische darstellt, zukünftig nur noch in ausnahmefällen stattfinden und abgelöst wird von einer situation, für die sich inzwischen der begriff
asymmetrischer krieg eingebürgert hat:

(...) "Anders als bei den üblichen Kämpfen außerhalb eng besiedelter Bevölkerungsgebiete sind asymmetrische Kriege aber sehr häufig mit hohen Opferzahlen unter einer eigentlich nicht direkt am Kampf beteiligten Zivilbevölkerung verbunden. Diese bietet zwar bei vorhandener Sympathie des Anliegens gegenüber asymmetrisch Kriegführenden und eigener Leidensfähigkeit eine ausgezeichnete Versteckmöglichkeit für die waffentechnisch schwächere Kriegspartei, bei denen auch technisch immer ausgeklügeltere Systeme moderner hochtechnisierter Armeen zwar kurzfristig erfolgversprechend sind, aber in ihrer Wirkung rasch abstumpfen (vgl. ständige blutige Zwischenfälle in Afghanistan und Irak).

Dieses Verstecken und unerwartete Zuschlagen von asymmetrisch Kriegführenden (Nadelstiche) führt aber bei konsequenter Durchführung innerhalb moderner Armeen rasch zu Frustrationen auf unterer Kommandoebene mit der Gefahr einer Eskalation, die sich dann in plötzlichen Massakern an der Zivilbevölkerung (wie My Lai im Vietnamkrieg) oder zur Nichteinhaltung eines Mindestmaßes an Humanität äußern kann, da der Freischärler ja jederzeit in ihr untertauchen kann und sie gerne als Schutzschild missbraucht. Diese Generäle oder ihre zivilen Vorgesetzten setzen sich bei lange nicht einstellenden Durchbrüchen in ihrer eigenen Bevölkerung harter Kritik aus, die ihre fachliche Reputation beeinträchtigen kann. Aus humanitärer Sicht ist damit auch bei kriegführenden Demokratien rasch eine Minderbewertung des menschlichen Lebens zu erwarten, so wie es von der Gegenseite ohnehin regelmäßig praktiziert wird. Auch demokratische Staaten laufen dann Gefahr ihre eigenen moralischen Ideale zu verraten, indem sie sich der gleichen Verbrechen schuldig machen, wie ihr Guerilla-Gegner (foltern und wahllos töten)." (...)


zu den unterstellten "moralischen idealen" der sog. demokratischen staaten ebenfalls später mehr. ein (konservativer) politologe spricht einen weiteren
wichtigen punkt an:

(...) "...aber im Verlauf asymmetrischer Kriege kommt es immer wieder zu Massakern von beiden Seiten. Das können die Angriffe auf das World Trade Center sein, das können aber auch etwa der US-Luftangriff auf den "Highway of Death" sein. Also Massaker ist eine Begleiterscheinung asymmetrischer Kriege und sie können nicht beendet werden durch einen Friedensvertrag. Symmetrische Kriege wurden eröffnet mit der Kriegserklärung und beendet mit dem Friedensvertrag. Was wir stattdessen erfunden haben, ist der Begriff "Friedensprozess", also ein langer Vorgang der psychischen Umgestaltung dieser Akteure, der Gewinnung von Vertrauen und so weiter, Vorgänge, die sich meistens über ein Jahrzehnt hinziehen, in denen der Krieg dann auf niedriger Flamme weiterköchelt und man nicht sicher ist, ob er wieder ausbricht. Der Blick in solche Konflikte zeigt eigentlich, dass er immer wieder dann hochkocht und es sind wenige Konflikte, bei denen es dann gelungen ist, sie dauerhaft zu beenden."

den begriff der "psychischen umgestaltung" - bei denen er mit akteuren in diesem kontext offensichtlich immer das "terroristische" gegenüber meint - finde ich sehr bemerkenswert. auch dazu noch später etwas.

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nun ist es keinesfalls so, dass die innerhalb der westlichen "eliten" für repression und "sicherheit" beauftragten erst seit gestern von diesen kriegen neuen typs wissen, die bei näherer betrachtung gar nicht so neu sind - der partisanenkampf des zweiten weltkriegs oder auch die vielen guerillakriege in der zweiten hälfte des letzten jahrhunderts waren ein vorgeschmack auf das, mit dem nicht nur die westlichen strategen nun zusehends mehr in aller welt konfrontiert sind. und ihre gedanken schweifen schon in die nähere zukunft wie bspw. ins jahr 2020, wie ein gerade im netz verbreitetes
papier des "eu instituts for security studies" (euiss) deutlich macht - ein sog. think tank (ähnlich "leap2020" auf ökonomischen gebiet) der eu:

(...) "Wie das "Institute for Security Studies" der EU (EUISS) in einer aktuellen Studie schreibt, würden die Kriege der Zukunft nicht mehr zwischen Staaten geführt, sondern zwischen "ungleichen sozioökonomischen Klassen der Weltgesellschaft" ("unequal global socioeconomic classes of society"). Auf der einen Seite dieser "hierarchischen Klassengesellschaft" ("hierarchical class society") stehe dabei eine metropolitane "Elite", die sich aus transnational operierenden Konzernen, den Staaten der OECD und den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Indien, China und Brasilien zusammensetze. Diese werde von Seiten der weltweiten Armutsbevölkerung mit "zunehmend explosiven Spannungen" ("increasingly explosive tensions") konfrontiert, heißt es. Um einen Zusammenbruch des globalen Wirtschaftssystems ("global systemic collapse") zu vermeiden, fordert das Institut, gegen die "untere Milliarde" der Menschheit ("bottom billion") das "gesamte Spektrum hoch intensiver Kampfmaßnahmen" ("full spectrum of high intensity combat") in Anschlag zu bringen.

Als "zentrale militärische Aufgabe" ("major military task") beschreibt das EUISS die Abwehr von Elendsflüchtlingen aus den Ländern des Südens. Groß angelegte "Sperroperationen" ("barrier operations") müssten den reichen Teil der Welt vor den "Spannungen und Problemen der Armen schützen", heißt es ("shielding the global rich from the tensions and problems of the poor"). Laut EUISS ist davon auszugehen, dass der Anteil der von Armut und Perspektivlosigkeit betroffenen Menschen an der Weltbevölkerung weiter zunehmen wird. Daher sei es unumgänglich, das bereits außerordentlich rigide Regime an den Außengrenzen der EU drastisch zu verschärfen ("strengthen our barriers").

Das EUISS setzt die Abwehr von Armutsflüchtlingen in direkte Beziehung zum globalen ökologischen Krisenmanagement. So könnten durch den Klimawandel verursachte Naturkatastrophen zu plötzlichen Migrationsströmen in die EU führen ("sudden refugee or migration flows within the EU"), die mit Hilfe des Militärs gesteuert werden müssten. Darüber hinaus sollten die reichen Länder des Nordens natürliche Ressourcen wie tropische Regenwälder oder Fischgründe in den südlichen Armutszonen militärisch gegen unerwünschten Zugriff absichern, fordert das Institut: Es handele sich dabei um "universelle Schätze" ("universal treasures"), die der Verfügungsgewalt einzelner Staaten zu entziehen seien ("overriding sovereign considerations")." (...)


diese zusammenfassung bei german-foreign-policy wird in kurzer zeit kostenpflichtig sein, darum habe ich die mir am wichtigsten erscheinenden strategischen ziele zitiert (die gesamte studie kann in english bei
wikileaks eingesehen werden.)

die us-südgrenze in der nähe von san diego (quelle: wikipedia)

die gesamte studie liest sich wie kaltblütiger plan zum bedingungs- und rücksichtslosen schutz des herrschenden status quo der völlig richtig benannten "internationalen hierarchischen klassengesellschaft". das tödliche regime von
frontex an den europäischen südgrenzen, aber auch der high-tech-zaun an der grenze zwischen den usa und mexico (das obige bild zeigt einen grenzausschnitt in der nähe von san diego)sowie jene "gated communities in den usa (aber auch anderen reichen enklaven auf dem planeten) sind dabei nur die eine seite der medaille des neu-alten klassenkampfes. die andere ist aktuell in den schlagzeilen zu studieren - der asymmetrische krieg.

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nun ist es in der realität so, dass sich - im gegensatz zu früheren zeiten, wo es bspw. befreiungsbewegungen mit sozialistischen und/oder auch nationalistischen forderungen, programmen, formalen organisationen und mehr oder weniger bekannten sprecherInnen gab, die sich mehr oder weniger im rahmen einer auch von ihren gegnern empfundenen politischen rationalität bewegten (und die man in diesem rahmen unterstützen oder ablehnen konnte) - , die heutigen formen der organisationen der verdammten dieser erde zusehends mehr dem phänomen der bande / gang angleichen, die sich primär um das eigene (materielle) überleben kümmert. das halte ich erstens
nicht für verwunderlich, zweitens aber wirft das fragen und probleme für alle an menschlicher emanzipation interessierten auf, die spätestens jetzt anlässlich der aktuellen ereignisse akut geworden sind. mehr dazu im zweiten teil.

Mittwoch, 5. August 2009

assoziation: ein internes krisengespräch mit (sommerlicher) musik (2)

im ersten teil ging´s am mehr oder weniger sichtbaren roten faden der dissoziation u.a. um die psychophysische verfassung großer teile der aktuellen hiesigen bevölkerung, die wirkungen repetitiver beats, schamanismus und völkische eutrance. nun die angekündigte fortsetzung, in der sich die beiden diskussionspartner zunächst in einem hochsommerlich induzierten freeflow-status befinden....

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ich: es passt wahrnehmungsmässig alles hinten und vorne nicht - während bei näherer betrachtung der daten, zahlen und analysen von diversen quellen nur zu konstatieren ist, dass sich die gesamte gesellschaft nicht nur hierzulande auf einem immer instabiler werdenden fundament bewegt, welches die voraussetzungen ihrer realen ökologischen, ökonomischen und sozialen existenz bildet, führen ihre mitglieder mehrheitlich das endlos-erfolgsstück "normalität" weiter auf - angestiftet zwar zu einem nicht geringen teil von den sog. "eliten", die aber bei ihrer anstiftung auf ein zu williges publikum stoßen. hier hat sich die stadt in weiten teilen in eine großbaustelle (die konjunkturprogramme lassen grüßen) verwandelt, während drumherum eis geschleckt, geshoppt, gesoffen, poussiert und party gemacht wird, als würde es kein morgen geben. ein zufällig aufgefundener flyer für eine house-party hat für eine auf die spitze getriebene variante dieser art der höchst sonderbaren realitätsbewältigung die passenden worte gefunden, ein paar auszüge:

"Just be. Enjoy. Express. Impress. Don´t care about whatever. Sehen und gesehen werden. Endlich einmal richtig oberflächlich sein. Designerdress und Acessoires zur Schau stellen. Sich freuen, wenn Kiddies und Trainingsanzüge schon an der Tür abgewiesen werden. Smalltalk. Und immer darauf achten, gesehen zu werden.

Das [...] wird bei diesem Event Gelegenheit bieten, endlich einmal wieder Dekadenz und oberflächliche Genüsse zu erleben, ohne sich dafür schämen zu müssen."(...)


das könnte, so wie´s da steht, auch das motto eines x-beliebigen bankster-meetings sein - aufgeblasener narzissmus plus abschottung plus eine demonstrativ vor sich hin getragene scheißegal-mentalität. von ironie keine spur - und das das ausgerechnet bei einem house-event abgefeiert wird, passt wie arsch auf eimer - rein musikalisch finde ich viele house-tracks ganz ansprechend, aber es gibt wohl keine populäre musik, die mehr daran beteiligt gewesen ist, diese völlig entleerte hedonismus-karikatur massenwirksam zu verbreiten. wer an dem postulierten tatsächlich spaß findet, stellt sich damit selbst ein höchst beredtes zeugnis aus - mit genuss im sinne eines zusammenspiels von zeit, qualität und den unabdingbar erforderlichen wahrnehmungssensibilitäten (die bei einer nicht fragmentierten menschlichen struktur untrennbar das wohlergehen des anderen miteinschliesst) haben solche inszenierungen nicht nur nichts zu tun; sie stellen in ihrer betonung des hemmungslosen und in letzter konsequenz erklärt antisozialen konsums - "ohne sich dafür schämen zu müssen" - eher das paradigmatische gegenteil von genuss dar. ich kann mir gut vorstellen, dass auf solchen partys dann zb. auch der frühneunziger-track your time is up von
underground resistance aufgelegt wird - ohne das die beteiligten wissen, wem dieses motto eigentlich gilt...



wobei diese benutzung von musik - und in diesem hypothetischen fall mit einiger wahrscheinlichkeit gegen die
intentionen ihrer produzenten: "Im wesentlichen richtet sich das Konzept von UR gegen die Verzweifelung in den Ghettos, die Major-Plattenfirmen („Majors“), das segregationistische amerikanische System und das sogenannte Programming. „Programming bedeutet, daß das System - und damit ist der gesamte Komplex von Staat, Öffentlichkeit und Wirtschaft gemeint - die Bürger zu seinem Vorteil programmiert. Durch Schulbildung, Erziehung, Werbung und auch Gesetze wird das Volk in eine funktionierende Maschine umgewandelt. Der Mensch wird von seinen Einflüssen, die auf ihn einwirken, indoktriniert, so daß er den Richtlinien der Gesellschaft Genüge tut, und sie so am Leben erhält.“ - das problem aller nicht primär am sprachlichen ausdruck orientierten musik deutlich macht: wer sich nicht mit dem jeweiligen kontext beschäftigt, kann das problemlos ohne bauchschmerzen konsumieren. und die repetitiven beats gerade von techno und house zielen ja auf die erzeugung von eutrance-zuständen ab, in denen dann zwar potenziell so einiges subversive möglich ist, die aber auch von zu vielen menschen in einem im negativen sinne drogenförmigen gebrauch zwecks verdrängung genutzt werden. und das...

alter ego: huhu!

ich: na, das passt ja - du bist sicherlich spezialisiert darauf, zu fragmentierungen und verdrängungen aller art deinen senf abzugeben.

alter ego (verbeugt sich): wie neulich schon gesagt - ich bin vor allem ein produkt des ersteren, ohne jetzt darüber streiten zu wollen, ob dissoziation und fragmentierung das gleiche bedeuten. aber wenn ich über ein projekt wie underground resistance nachdenke, fällt mir immer wieder ein, wie atmosphärisch anders doch afroamerikanische musik bspw. anfang der 1970er geklungen hat - man höre sich nur einmal dieses sehr frühe stück von earth wind & fire an:



ich: yo, perfekter pop im prinzip, vermutlich mit appeal für eine ähnliche zielgruppe wie marvin gaye - die schwarze mittelklasse, die gleichberechtigt mit ihren "traditionen" im system leben wollte und immer noch will. nur das ewf damals noch nicht die bekanntheit besaßen, die sie ab ende der 70er bekamen. aber was willst du jetzt eigentlich sagen?

alter ego (geduldig): ich möchte darauf hinweisen, dass die - hm, fröhlichen und optimistischen (unter-)töne damals völlig selbstverständlich klangen, während sie heute meistens nur noch verlogen und überdreht daherkommen - und vieles im (schwarzen) techno aber natürlich auch hiphop explizit düster klingt und auch so gemeint ist. und das kann nicht nur daran liegen, dass sich die gesellschaftlichen verhältnisse radikal gewandelt hätten - die sahen anfang der 70er in vielerlei hinsicht ähnlich kritisch bis hoffnungslos aus...

ich: ...wenn du eben das ausblendest, was du oben mit "atmosphärisch" gemeint hast - der kulturelle und politische aufbruch ende der 60er war gerade frische vergangenheit, die us-army stand kurz vor ihrem rausschmiß aus vietnam, es gab noch hippies und befreiungsbewegungen, die sich noch nicht diskreditiert hatten. ich finde ja auch, dass sich all diese momente durchaus gerade in den damaligen musiken widerspiegeln...

alter ego: ...aber das meine ich alles nicht, jedenfalls nicht primär. eher scheinen mir einige fähigkeiten sowohl bei den produzentenInnen als auch den hörerInnen von musik flöten gegangen zu sein. diese "fröhliche komplexität"...

ich: ...ist heute durchaus immer noch zu finden - als beispiel passt besonders gut zu deinen ausführungen das folgende von 4hero und der famosen ursula rucker; hab´s zwar schon vor ein paar jahren hier im blog gehabt, aber eine wiederholung schadet absolut nicht:



alter ego: ja. und nein, weil das heute mehr noch als damals etwas darstellt, was sich unter "minderheitenmusik" begreifen lässt und...

ich (ungeduldig): ich glaube durchaus zu wissen, worauf du hinauswillst. aber es geht bei den hier präsentierten musiken durchaus immer um minderheitsmusik, die du i.d.r. nicht in irgendwelchen charts finden wirst, und das war damals nicht groß anders. und das musik auch immer schon zwangsläufig etwas über gesellschaftliche verhältnisse bzw. ihr jeweiliges entsprechendes umfeld aussagt - geschenkt.

aber ist das wirklich wichtig? in den polit-szenen der vergangenheit gab es jeweils das diktat "angesagter" musik, mit den kriterien der political correctness und der revolutionären gesinnung. ich erinnere nur an hardcore, zu dem ich rein musikalisch - und das ist eben entscheidend - nie einen zugang gefunden habe, mochten die texte und aussagen noch so gut sein. ich mag diese töne einfach nicht, sie sprechen mich nicht an und machen mich in einem negativen sinne aggressiv und noch mehr verdrießlich. da finde ich solche töne wie von plaid mit ihrem kinderliedartigen touch einfach wesentlich inspirierender, was mögliche utopien anbelangt (und nebenbei ist "spudink" auch noch ein track, der gründlich mit dem vorurteil aufräumt, dass elektronische musik zwangsläufig immer kalt sein müsse - das perlt wie prosecco und ist dabei unglaublich warm:



sei noch angefügt: was im übrigen auch gegen deine these von oben spricht, hinsichtlich der atmosphäre älterer musik.

alter ego (beleidigt): ausnahmen bestätigen die regel. und du musst mir nicht unseren musikgeschmack erklären...

ich: geht das jetzt schon wieder los? ich bin´s...

alter ego: wie ich im ersten teil schon angedeutet habe, ist das falsch. wir sind genauso dissoziiert, meinetwegen auch fragmentiert, wie die überwiegende mehrzahl aller zeitgenossInnen. zum warum haben wir schon mit einigen gründen das blog gefüllt, aber es gibt da zb.
solche projekte, die das wesen und besser noch die funktion von dissoziation sehr gut deutlich machen:

"Stellen Sie sich einen Schmerz vor, der so intensiv ist, dass noch nicht einmal Morphium ihn wirklich stoppen kann. Ihre einzige Chance: Fliehen - wenn schon nicht mit dem Körper, dann wenigstens in Gedanken.

Forscher am Human Interface Technology Laboratory der University of Washington nutzen die Technik der Virtuellen Realität (VR), um Verbrennungsopfern die Möglichkeit zu geben, vor ihren schrecklichen Schmerzen zeitweise in eine andere, schönere Welt zu entkommen. Experimentiert wird mit der Technik am Harborview Medical Center in Seattle, einem regionalen Zentrum für die Behandlung von Verbrennungsopfern.

Schon seit sieben Jahren werden Patienten in Harborview mit Hightech-Kopfbedeckungen ausgerüstet, die sie in eine virtuelle Welt voller kalter Schneemänner und watschelnder Pinguine entführen. Währenddessen können ihre Wunden gereinigt, Verbände gewechselt oder die verheilende Haut mittels Krankengymnastik bewegt werden - alles Vorgänge, die normalerweise sehr schmerzhaft sind. Durch die Ablenkung in dieser "SnowWorld" fühlen die Patienten laut Befragungen 60 Prozent weniger Schmerzen, sagt Dr. David Patterson, ein Psychologe, der mit den Patienten arbeitet.(...)

"Es ist eine ziemlich einzigartige Erfahrung, wenn der Kopf an Orte geht, wo der Körper nicht ist - wenn man mal von Drogenkomsum absieht", sagt Dr. Hunter Hoffman, der an der Universität das Projekt zur Schmerzbekämpfung durch VR leitet.

Schmerz besteht immer auch aus einer signifikanten psychologischen Komponente. Es beginnt damit, dass Nerven eine Verletzung signalisieren. Das Gehirn entscheidet dann mit darüber, wie stark die Schmerzempfindung ist. Wenn man sich in eine virtuelle Welt begibt, wird das Gehirn von der Verarbeitung des Schmerzes abgelenkt. Das Endergebnis: Die Ärzte können die Verwendung von harten, süchtig machenden Schmerzmitteln wie Morphium reduzieren.

Die grafischen Inhalte der virtuellen Welten kommen besonders gut bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, die mit Videospielen vertraut sind. Im Gegensatz dazu, wenn Patienten einfach vor eine normale Spielkonsole gesetzt würden, nimmt die VR-Welt von "SnowWorld" die Benutzer allerdings fast vollständig gefangen. "In der virtuellen Welt nimmt man seine Umgebung nicht mehr wahr", sagt Patterson."(...)


ich würde ja aus meiner erfahrung behaupten, dass der effekt weniger auf der erzeugung als vielmehr auf der verstärkung bereits vorhandener virtueller räume in uns beruht - und das ganze prinzip beschreibt nichts anderes als den mechanismus der dissoziation. und macht deutlich, woher der wind bei all den kleinen und großen fluchten weht, die sich menschliche gesellschaften bis heute so ausgedacht haben. wenn die realität zu schmerzhaft wird...

ich: ...und weder flucht noch kampf möglich ist, sind wir auf die virtuellen räume determiniert, bei deren erschaffung der objektivistische modus in aktion tritt. ganz recht. und wenn die realität ihre schmerzhaftigkeit als dauerzustand chronifiziert, ohne das wirkliche auswege in realen veränderungen möglich werden oder auch nur erscheinen, wird die dissoziation ebenfalls zur chronischen "normalität", dissoziierte menschen und ihre fragmentierte psychophysis gleichfalls. daraus wird dann der fehlschluss gezogen "wir sind viele", was absolut keine anthropologische konstante darstellt, sondern eher eine menschliche option unter pathologischen bedingungen. by the way fallen mir zum obigen artikel gerade die nächte ein, die ich mir mit verschiedenen folgen der "gta"-spiele um die ohren gehauen habe - mit dem fiktionalen radiosender "msx" in der simulierten "liberty city" unter durchaus realer beschallung - wobei "first contact" von omni trio in der fiktionalen mixvariante mir besser gefällt als im original - schneller und härter:



alter ego (nickend): ist ein schönes beispiel für die jeweils individuelle attraktivität, die solche virtuellen räume entwickeln können. aber es bleibt dabei: je attraktiver virtuelle welten aller art erscheinen, desto mehr ist in und mit der authentischen realität faul.

ich: und das bringt uns direkt zum beginn dieses gesprächs zurück. musik ist vor diesem hintergrund nur eine art vehikel, und die hier präsentierte dazu noch eine, die nicht direkt den kulturellen und sozialen mainstream beeinflusst, aber teils dessen entwicklungen und tendenzen vorwegnimmt, widerspiegelt und indirekt bearbeitet wieder auswirft.

alter ego: aber was um alles in der welt sagt dann zb. dieser zeitlos schöne song von jan akkerman in der hinsicht aus?



ich: instrumentaler spät-70er jazzfunk, perfekt zum autofahren auf verlassenen landstraßen...

alter ego: ...erstens fahren wir kein auto...

ich: ...meinetwegen dann beim fahrradfahrn...

alter ego: ...und zweitens sind das unsere assoziationen.

ich: ach, dann schau dir mal die kommentare zum video an - "this is perfect when your high" - die inneren bilder dürften bei denen, die sich von solcher musik ansprechen lassen, nicht soooo weit auseinanderliegen. ja, ist ein schönes stück, aber transportiert gleichfalls bestimmte klischees - landschaften, weite, entspannung. aber das könnte auch deutlich machen, dass die psychophysischen phänomene der trance sowie der virtuellen räume in bestimmter hinsicht - oder vielleicht besser: unter bestimmten bedingungen - einhergehen. ich glaube aber, dass das nicht die regel ist. es gibt zwar sehr wenig material dazu - vielleicht bezeichnenderweise -, aber einen der verbreitesten tranceerzeuger - und in diesem falle muss von
sozialer trance gesprochen werden - stellt vermutlich das fernsehen dar, und zwar primär über dessen physiologische wirkungen auf die augen. im zweiten teil dieser arbeit heisst es dann:

(...)"Die Augen lähmende Wirkung, die von dem Fernsehgerät ausgeht, schlägt sich in einer messbaren Veränderung der Hirnstromtätigkeit nieder, die erst 1970 entdeckt wurde. Damals untersuchte H. E. Krugman, welche Veränderungen sich im EEG zeigen, wenn eine Versuchsperson vom Lesen zum Fernsehen übergeht.Schon seine ersten Messungen ergaben, was sich später immer wieder bestätigte: Vor dem Fernseher nehmen die Beta-Wellen stark ab, die Alpha-Wellen werden dominant. Es tritt also beim Fernsehen der so genannte "Alpha-Zustand" ein. Was aber bedeutet das?

Die neuere Forschung hat herausgearbeitet, dass im EEG die schnellen Betawellen immer dann die Alphawellen stark zurückdrängen, wenn ein bewusstes Erkunden und Abtasten der Umgebung stattfindet, indem die Augen ständig neu fixieren und akkommodieren. Verlieren die Augen aber den Sehgegenstand oder geben ihn auf, aus welchen Gründen auch immer, dann kehren die Alphawellen zurück.

Wir sehen daran, dass es auf den Wahrnehmungs-Willen ankommt, mit dem in die Welt hinausgeblickt wird:

Wenn diese gerichtete Willenskraft die Augenmuskeln ergreift und auf einzelne Gegenstände lenkt, dann herrscht jene visuelle Aufmerksamkeit, die sich im EEG durch einen hohen Anteil von Betawellen auszeichnet. Zieht sich der Sehwille aber aus den Augen zurück, weil man sich entspannt oder das Bewusstsein ganz von inneren Bildern und Tätigkeiten in Anspruch genommen ist, dann treiben die Augenbewegungen führerlos umher, der Blick bekommt etwas Starres und Dumpfes.

In genau dieser Lage sind die Augen vor dem Fernseher: Die Fernsehbilder entstehen, wie wir sahen, vollständig erst im Körperinneren, auf der Netzhaut, nicht auf dem Schirm, auf dem die Augen sie suchen. So entsteht die außergewöhnliche Situation, dass der Blick ständig nach außen auf den Schirm fixiert bleiben muss, zugleich aber die Augenbewegungen vom Sehwillen verlassen werden, weil die eigentlichen Bilder gar nicht draußen zu finden sind. Sie werden vom Kathodenstrahl herein geschossen. Und doch werden sie so erlebt, als habe man sie wie bei einer regulären Sinneswahrnehmung durch eigene Willensanstrengung erworben. Man fühlt sich völlig wach und steht nichtsdestoweniger im Bann des Bilderstroms, der durch den willenlos gewordenen, hohlen Blick wie durch eine Pipeline auf die Netzhaut fließt.

Dieser von außen gesteuerte Zustand zwischen Wachen und Schlafen ist wohl am ehesten mit einer Hypnose vergleichbar, und tatsächlich zeigt das EEG während der Hypnose ganz ähnliche Symptome wie beim Fernsehen."(...)


mal abgesehen davon, dass ein eeg keine "symptome" zeigen kann - warum lassen sich solche thesen nicht verifizieren, bzw. warum ist darüber nichts weiter bekannt? und wie würde sich dieser sachverhalt bei den neuen hochauflösenden bildschirmtechniken darstellen? die erwähnten alphawellen waren ja schon im ersten teil thema, und wir sollten den sog. "eliten" schon soviel instrumentelle intelligenz zutrauen, dass sich zumindest einige ihrer mitglieder über die bedeutung des zustands von untertanen, die sich bevorzugt im alphabereich aufhalten, im klaren sind. wenn wir uns einerseits die verbreitung möglicher tranceinduzierender quellen - musik, drogen, fernsehen - im leben anschauen, andererseits die normalität von dissoziierenden und fragmentarischen "ich"-zuständen in dieser gesellschaft registrieren, ist es kein allzuweiter weg mehr zu möglichen antworten auf die frage: warum ist es gesellschaftlich im angesicht einer systemkrise so verdammt ruhig? das kann nicht nur an den offenen und versteckten repressionsdrohungen liegen, auch nicht nur an resignation. eher sind tatsächlich zustände stark mitbeteiligt, die sich im weitesten sinne als "hin-und-weg"-zonen bezeichnen liessen - die alpha- (und theta) bereiche in unseren köpfen. es bleibt ein voläufiges fazit übrig, welches ich
früher mal so formuliert hatte:

"linke ansätze, die die relevanz der strukturen des menschlichen gehirns und nervensystems sowie die daraus resultierenden wahrnehmungs(un)fähigkeiten und -möglichkeiten als eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste basis für das gesamte menschliche soziale leben nicht in betracht ziehen, nicht wahrnehmen oder ignorieren wollen, können keinerlei tatsächlich emanzipative entwicklung in gang bringen. sie können vielleicht, in besonderen historischen situationen und unter besonderen umständen, voraussetzungen dafür schaffen, dass eine gesellschaft weniger traumatische gewalt erlebt, dass die intellektuellen reflektionsmöglichkeiten durch bspw. breite alphabetisierung überhaupt erst in den bereich des möglichen kommen können u.ä. - aber sie können und konnten bisher nicht die grundsätzlichen tiefenstrukturen erreichen, in denen die prozesse ablaufen, die u.a. hier im blog ständig thema sind."

alter ego: dem bleibt auch aus meiner sicht wenig hinzuzufügen, ausser vielleicht die bemerkung, dass die aufhebung der fragmentierung - oder auch die integration der dissoziierten teile - eine durchaus revolutionäre aktion darstellt, und eben nicht die zementierung dieser strukturen. konstruktivismus als ein teil / ausdruck dieser dissoziation ist bezgl. der menschlichen psychophysis etwas, was sich höchstens sekundär in bereichen wie der kunst ausdrücken sollte - und nicht als existenzform. musikalischer konstruktivismus hingegen kann sehr gut klingen, demonstriert in einem beispiel von dj shadow:



ich: wenn dieses gespräch nicht in der rubrik "assoziation" laufen würde... hätte selbst ich mit unseren sprüngen so meine schwierigkeiten.

alter ego: unterschätz die leserInnen nicht!

ich (murmelnd): naja, jede/r kann ja nachfragen... aber sag mal, ist das eigentlich alles wirklich explizit sommerliche musik, was jetzt so zu hören war?

alter ego: oh, ich hätte da noch zwei besondere tipps, von denen der eine etwas ist, was sich besonders für flirrend heisse sonntagnachmittage in verlassenen industrie- oder hafengebieten eignet -
martin donaths "véranda macht nicht nur deutlich, was sich hinter deep house verbergen kann, sondern hat sich zumindest bei uns wie selten zuvor sofort in ganze bilderwelten der beschriebenen art umgesetzt. sehr melancholisch. und wie gesagt: ein staubiges, verlassenes, hitzeflimmerndes industriegebiet ist das ambiente der wahl zum hören. anders geht´s dabei irgendwie nicht.

und dann zum schluß sozusagen sommer pur - klischee, ick hör´ dir trapsen - aus der karibik. das erdet irgendwie.



(abgang, zusammend wegtänzelnd).

*

Freitag, 24. Juli 2009

assoziation: ein internes krisengespräch mit (sommerlicher) musik (1)

nachdem ich in den vergangenen wochen einen großteil der zeit lohnarbeiten musste / konnte / durfte (alle drei begriffe lassen sich aus verschiedenen perspektiven begründen), und zwar in einem teilweise arbeitsbedingten subtropischen klima, dazu weniger schlaf bekam als eigentlich gewohnt, kehre ich nun mit einem experiment zurück - teils noch beschäftigt mit einigen aspekten aus dem, was hartmut finkeldey als "blogbattle" bezeichnet, teils fasziniert vom blick auf einiges liegengebliebene und aktuelle, entstand über mehrere tage ein inneres zwiegespräch (körperlich anstrengende und teilweise monotone arbeit kann für solches recht förderlich sein), welches sich im weitesten sinne über verschiedenen fragmente der krise - und zwar in ihrer umfassendsten form, nämlich als virulente und tiefgreifende systemkrise - drehte. es folgt der versuch, einige zentrale punkte daraus auch den leserInnen zugänglich zu machen. das gespräch führten ein westlich sozialisiertes und geprägtes gebilde, welches sich als "ich" versteht, sowie... aber das erzählen Ihnen die beteiligten am besten selbst.

*

ich: "Dass Realität nur noch simuliert wird, hat sich nicht geändert."
schrieb ralf streck neulich bei telepolis bezgl. der wirtschaftskrise - bloß stellt sich die frage, ob das nicht generell für das leben im totalitären kapitalismus gilt - es laufen nicht nur die obligatorische demokratiesimulation, deren ritueller höhepunkt hierzulande im september mal wieder mit viel trara zelebriert werden wird sowie via aufschwunggerede die verbreitung der illusion vom immerwährendem wachstum (welches dazu schon seit längerem unverholen als primär sinnstiftendes element des gesamten menschlichen lebens verkauft wird), nein, es laufen dazu solche sprachmagischen simulationen wie die vom friedenseinsatz in afghanistan und der sicheren atomkraft. begleitet von meldungen, in denen so interessante worte auftauchen wie analogkäse und formfleisch. all das stößt nun nicht auf breitesten widerstand gegen diese gleichzeitig so destruktive wie interessante art der breit angelegten de-realisierung des lebens, sondern eher ist etwas zu beobachten, was an anderer stelle ein user im erwerbslosenforum wie folgt beschreibt:

(...)"Das ist noch viel schlimmer. Es ist nicht nur Fun abgesagt, irgendwie schaffen es auch (vermeintlich) intelligente Leute die Realität vollkommen - und ich meine VOLLKOMMEN - auszublenden, respektive gar nicht wahrzunehmen. Ich habe versucht das zu analysieren. Die leben tatsächlich in einer anderen Welt - das für sich genommen ist eigentlich noch "normal". Das sie aber so gar nichts außerhalb ihrer wirklich kleinen, sehr sehr kleinen Welt mitbekommen, betrachte ich nicht mehr normal. Trotzdem ist es so. Tatsächlich ist es so das sie nicht ausblenden - das was sie ausblenden könnten/würden/müßten ist einfach nicht vorhanden - sondern nicht wahrnehmen, es existiert für sie tatsächlich nicht.

Wenn du solchen Leuten mit (deiner) Realität kommst, bist du einfach nur ne negativ gestimmte Spaßbremse. Und von solchen Leuten gibt es unglaublich viele..."(...)


nun, verdrängungen gehören seit eh und je zur grundausstattung aller auf gewalt beruhenden hierarchischer gesellschaften wie unserer. die frage stellt sich aber tatsächlich, ob es sich inzwischen nicht so verhält wie oben beschrieben - das die realität von vielen nicht nur mehr verdrängt wird, sondern regelrecht abgespalten - ich weigere mich bisher, anzunehmen, dass eine im verhältnis recht große minderheit innerhalb der bevölkerung hier inzwischen analog dem extremfall der soziopathen nun ebenfalls nur noch vorwiegend im konstruktivistischen modus "wahrnehmen" kann, besser gesagt sich kompensatorisch eigene "realitäten" konstruiert - auch, wenn das breiteren teilen der sog. "eliten" durchaus zu unterstellen ist. aber...

alter ego: wer a sagt, muss nicht unbedingt auch b sagen, ganz recht!

ich: wer bist du denn? und warum lässt du mich nicht ausreden?

alter ego (kichernd): da du in einem gewissen sinne auch aus mir bestehst oder auch ich du bin, ist die letzte frage ein kleines hübsches paradox, mal abgesehen von ihrer impliziten überflüssigkeit. und wer ich bin? nun, laut einigen modellen der entsprechenden forschung kann ich mich als neuronales subnetzwerk in unserem kopf verstehen und...

ich: halt! was heisst hier "unserer kopf"? das bin ich! und subnetzwerke kenne ich nur im kontext von
dissoziationen: "Zwei oder mehr mentale Inhalte oder Prozesse, die normalerweise miteinander in Verbindung stehen (z.B. Bilder eines Erlebnisses, dazugehörige Gefühle und im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen aus früheren Situationen), werden nicht miteinander in Beziehung gesetzt und dadurch nicht in Bewusstsein, Gedächtnis und/oder Selbstbild integriert. Hiervon können unterschiedliche mentale Inhalte wie z.B. Sinneseindrücke, Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Körperempfindungen, Handlungsimpulse oder Bewegungsabläufe betroffen sein. (...) Dissoziative Reaktionen sind zunächst einmal eine völlig normale Form der Informationsverarbeitung. Dissoziative Alltagsphänomene treten je nach individueller Dissoziationsfähigkeit bei jedem Menschen mehr oder weniger häufig auf und werden normalerweise nicht als belastend oder unangenehm erlebt. Typische Beispiele sind die sogenannte "Autobahntrance", bei der man quasi "per Autopilot" fährt, automatisch auf die jeweilige Verkehrssituation reagiert, aber in Gedanken weit weg ist und kaum registriert, was während der Fahrt passiert, Mini-Erinnerungslücken, z.B. wenn man von einem Raum in den anderen geht und plötzlich nicht mehr weiß, was man dort wollte oder die Fähigkeit, z.B. bei einem Kinobesuch so stark in die Handlung abzutauchen, dass man kaum mitbekommt, was um einen herum passiert."

alter ego (gelangweilt): jaja, DAS musst du gerade mir nicht erzählen - ich kenne diese prozesse in- und auswendig, weil ich sozusagen diese prozesse BIN. und bild dir bloß nicht ein, dass du unser kopf bist. eher bist du genauso ein fragment wie ich, mit dem unterschied, dass mir diese fragmenthaftigkeit durchaus bewusst ist, während du dir einbildest... eben DU, also wir, zu sein.

ich: hä? wir? wer soll das sein? und das dir etwas bewusst sein soll, möchte ich doch stark bezweifeln.

alter ego (in nachsichtigem tonfall): ach, bevor du gleich richtig ärgerlich wirst, chillen wir doch lieber etwas...



ich (verträumt): yo, der groove der 90er im stil der 1970er - das ist musik für sonnendurchflutete landschaften mit schattenspielenden bäumen - und tatsächlich ist da ein sample von herbie hancocks chamäleon drin, wie ein kommentar feststellt - ich hab´ mich die ganze zeit gefragt, woher mir der bass bekannt vorkommt (augen geschlossen).

alter ego (grinsend): ja, es ist immer wieder sehr angenehm, sich im
alpha-bereich aufzuhalten. repetitive beats sind dafür eigentlich ein mittel der wahl, zumal heute für die allermeisten problemlos verfügbar - und mit eigenen trommeln wie bongos lässt sich der alpha-bereich selbst erreichen, wie du dich sicher erinnern kannst.

(...)"Denn die Trommel ist in allen Ekstasepraktiken das bevorzugte Vehikel, wenn es gilt, auf die Seelenreise zu gehen. Der Schamane löst sich unter dem Rhythmus der Trommel von seinem körperlichen Dasein, um eine verlorene Seele zurückzuholen oder Dämonen nachzustellen.
Hinsichtlich dieses Motivs vom „Seelenritt“ gibt es offenbar interkulturelle Gemeinsamkeiten."(...)


ich: ja, sicher gibt es die. zumal
schamanismus in einem gewissen sinne die älteste "bewusstseinstechnik" der spezies darstellt - uralt und von sibirien bis australien, von afrika bis in die amazonaswälder, von skandinavien bis nordamerika bis heute in relikten vorhanden. wahre meister der trance, und damit auch meister der dissoziativen zustände. und gleichfalls die urform aller psychotherapie wie auch vermutlich aller religion, was im obigen zitat schon durch die dämonen und die verlorenen seelen deutlich wird. gleichfalls ist in dem zusammenhang interessant, dass in sog. primitiven gesellschaften laut anarchistischen anthropologen die schamanen sehr verschiedenen einfluss besaßen - und zwar abhängig vom jeweiligen umgang mit kindern: war der eher streng und repressiv, so waren die schamanen düstere, beängstigende und machtvolle gestalten, mit einigem einfluß auf die gesamte jeweilige sozialstruktur, und in deren hierarchie weit "oben" angesiedelt. wurden die kinder hingegen liebevoll aufgezogen, so war die stellung der schamanen bei weitem keine machtposition, sondern eher die von teils belächelten außenseitern, die wenig ernst genommen wurden. (entsprechende infos siehe zb. harold barclay, "völker ohne regierung. eine anthropologie der anarchie". edition schwarze kirschen, libertad verlag, berlin 1985).

ich bin mir sicher, dass in dieser beobachtung etliche wichtige informationen stecken, die einiges über das entstehen und das funktionieren politischer, aber auch religiöser machtsysteme verraten können. wenn repressiver umgang mit kindern zu menschen mit traumatischen beschädigungen führt, diese sich wiederum zentral in dissoziativen zuständen verschiedener ausprägung und intensität manifestieren, dann sind menschen in einer solchen sozialstruktur, die mit diesen zuständen bei sich und anderen manipulierend agieren können, und, vielleicht noch wichtiger, sie mittels großer geschichten anscheinend sinnvoll interpretieren können - der kontakt mit den toten ahnen stellt dabei nur ein beispiel dar - , dafür prädestiniert, eine zentrale position einzunehmen. in diesem sinne ist die vereinzelt geäusserte auffassung, dass auch leute wie bspw. hitler eine art schamane - und zwar der bösartigsten sorte - darstell(t)en, nicht mehr ganz so abstrus wie beim ersten hören.

alter ego: wobei nicht vergessen werden sollte, dass schamanen - oder leute in adäquaten positionen - aus heutiger sicht bevorzugt aus der gruppe von menschen mit schweren psychophysischen störungen ausgewählt wurden - von epilepsie bis hin zu den verschiedenen arten von psychosen. es ist da durchaus eine art roter faden erkennbar, und das sage ich sogar aus meiner beschränkten position, die gleichzeitig weniger beschränkt ist als deine.

ich: willst du dich mit mir streiten? du bist doch im wahrsten sinne des wortes ein alpha-männchen, ein produkt dissoziativer vorgänge...

alter ego: ...im körper, der wir sind. deshalb würde ich mich ja eher als theta beschreiben, während du ein beta-produkt bist - und noch dazu eingebildet, weil du fälschlich glaubst, das sagen zu haben. was definiv ein irrtum ist.

ja, sicher bin ich ausdruck von dissoziation. und ich denke, über die konsequenzen dieser aussage bist du dir selbst durchaus im klaren. aber es wird wieder zeit für ein wenig tranceinduzierende musik, und der track liquid summer passt nicht nur zu den vergangenen und hoffentlich noch kommenden tagen, sondern kann auch bestens die wirkung von techno illustrieren - play it loud und mit viel bass:



ich (wippend): naja, wenigstens liegen wir nicht so derart im clinch, dass das zu völlig unterschiedlichen musikalischen vorlieben führen würde.

alter ego: wobei mir wieder das einfällt, was wir (zieht eine augenbraue hoch) in der vergangenheit speziell zu
trauma und musik bzw. traumatischen tönen geschrieben haben - insbesondere beim letzteren die bemerkungen zu einigen hintergründen von detroit-techno und carl craig. du weisst genausogut wie ich, dass die wirkung eines tracks wie oben völlig unterschiedlich sein kann, je nachdem ob er über kopfhörer oder inmitten einer tanzenden menge gehört wird. beim ersteren können die dunkleren bis bedrohlichen aspekte überwiegen, während beim letzteren eher die euphorie kickt - eutrance, während alleine mit der musik auch dystrance auftreten kann. unter bestimmten voraussetzungen kann das aber natürlich auch umgekehrt sein.

ich: komm mal auf den punkt. wie du oben nachlesen kannst, bin ich (betont) bei den derzeit zu beobachtenden simulierten realitäten gestartet...

alter ego: ...die, wie wir immer wieder unterstreichen, als eine art materialisierter gesamtskulptur vieler ähnlicher neuronaler konfigurationen verstanden werden können. und aller wahrscheinlichkeit nach zu einem nicht geringen teil einiges mit verschiedenen trancezuständen - oder eben dissoziativen zonen - zu tun haben, darauf basieren und darüber funktionieren. letzteres haben schon die nazis "gewusst" und benutzt, gerade bei den masseninszenierungen - licht, feuer und nicht zuletzt marschmusik erzeugten gewollte
völkische eutrance:

"(...)Es gibt ein weiteres Schlüsselerlebnis für mich in der Hitlerjugend, von dem ich meine, daß es ganz typisch ist. Kein intellektuelles Erlebnis, aber es schließt an die Frage an, die Sie mir gestellt haben. Bei einer Sonnwendfeier hatte ich meinen ersten Orgasmus. Da war ich zwölf. Die ganze aufkommende Sexualität wurde umgelenkt auf diese Erlebnisse. Es war im Herbst 1933.

Ich erlebte die erste große Kundgebung der Hitlerjugend, der Jungen und Mädel zwischen 10 und 18. Es war in Hameln. Wir hatten uns versammelt auf einem Platz, die Fackeln wurden ausgeteilt, jeder kriegte eine. Das hatte ich bisher nur bei Erwachsenen gesehen. Dann mußten wir uns - was vorher sehr geübt worden war - aufstellen im Glied. Dann ging jemand um und steckte die Fackeln an. Ich erinnere mich noch an ein umheimlich tolles Gefühl von Weihe und Heiligkeit und unerhörter Verzauberung, wie ich dann dieses Feuer in der Hand hatte. Dann bewegte sich dieser ellenlange Zug durch Hameln, und die Leute standen am Straßenrand. Da sah man keine Gesichter, sondern nur eine unklare Mauer von Menschen. Und es waren viele, die am Straßenrand standen. Viele, viele - dieses Gefühl von vieIe“!

Das ist überhaupt bei mir mit diesem Erlebnis verbunden - von "unheimlich viele“ und ein kleiner Bestandteil von etwas ungeheuerlich Großem zu sein! Die Reihen bewegten sich, voran hörte man die Musik, im Gleichschritt war ich als ein Glied dieses glühenden Zuges eingeschlossen. Und der Gedanke war in mir, dieses Gefühl, in dem alles sonst verbrennt: Wir, das sind wir."(...)


ich (schüttel mich): wuah, immer wieder eindrucksvoll - und deprimierend, weil das zitat deutlich macht, auf welch tiefen ebenen ein primär als "politisch" begriffenes phänomen wie der faschismus ansetzt, und potenziell bis heute ansetzen könnte - was bis heute gerade von "der linken" immer noch kaum verstanden worden ist, nicht zuletzt aufgrund der fetischisierung der instrumentellen rationalität und der abfeierei abstrakter theoriegebäude. nichts grundsätzlich gegen abstaktionen, aber als menschliche wesen sind wir einfach eine ganze menge mehr (ausnahmen bestätigen auch hier die regel). um den horst-wessel-marsch aus dem virtuellen ohr zu bekommen, brauche ich jetzt eine dosis drum`n´bass - wenn um 3:10 die flächen und das saxophon einsetzen, wird das herz weit und ein lächeln steigt auf...



alter ego: soso, das herz wird weit und ein lächeln steigt auf? muss ich das extra sagen, dass sich das funktionell nicht groß von dem unterscheidet, was die alte frau oben aus ihrer mädchenzeit erzählt?

ich: quark. natürlich muss es funktionelle gemeinsamkeiten geben, schließlich war die kein marsmensch mit grundsätzlich anderer psychophysis. aber es gibt eben qualitative unterschiede - wer fährt warum auf welche art von rhytmen ab, und was erzeugt bei wem welche dissoziativen zustände? das wären die damit verbundenen fragen. wobei es natürlich auch interessant ist, dass heutige nazis sich durchaus für so etwas wie
gabba erwärmen können. wäre ebenfalls eine nachforschung wert, ob sich bspw. ein ernst jünger in seinen letzten jahren zu techno geäussert hat - die geschwindigkeit bestimmter richtungen in kombination mit dem industriellen und maschinellen touch lassen sich durchaus als fortsetzung bestimmter linien der futuristischen musik begreifen, die wiederum fließende grenzen besonders zwar zum italienischen faschismus, aber in einigen teilen auch zur sog. ästhetik des ns aufweist. wobei ich da kraftwerk mit ihrer verherrlichung des roboterhaften eher in der tradition sehen würde als bspw. die us-amerikanischen technowurzeln in detroit, die primär aus der afroamerikanischen musiktradition stammen. und ein song aus den tiefen 70ern wie sun goddess von ramsey lewis und den unvergleichlichen earth, wind & fire macht diese andere qualität mehr als deutlich:



das waren noch zeiten damals in der bevorzugten landdisco...

alter ego: ...als reagan, thatcher und kohl gerade dabei waren, ihre zerstörungswerke zu beginnen. aber in diesem fall war die musik tatsächlich einer anderen epoche zugehörig. lässt sich auch atmosphärisch spüren, wie ich finde.

*

und damit ist das ende des ersten teils erreicht, in dem es einige ungeplante abschweifungen gab. im zweiten teil wird´s dann wieder aktueller und kriselnder werden; ebenfalls mit viel auf die ohren.

Sonntag, 28. Juni 2009

assoziation: fällt "peak oil" noch drastischer aus als erwartet?

für den heutigen sonntagsblues sage ich mal ein must read! an, und den impuls fühle ich selten genug - aber es gibt geradezu sensationelle (mir fällt gerade kein passenderer begriff ein) neue informationen, die den zusammenhang zwischen peak oil und der sich immer deutlicher manifestierenden systemkrise nicht nur unterstreichen und meiner meinung nach sehr nachvollziehbar machen, sondern diese verbindung sozusagen mit einem grellen leuchtenden rot hervorhebt:

"Eine neue Studie stellt alle derzeitigen Nachrichten in den Schatten. David Murphy hat unter dem Titel The Net Hubbert Curve: What Does It Mean? den Einfluss steigenden Energieaufwands bei gleichzeitig abnehmender Erdölförderung untersucht. Das Ergebnis lässt selbst hartgesottene Zweifler der derzeitigen Industriezivilisation erzittern.

Der Hintergrund ist, dass es Erdöl braucht um nach Erdöl zu bohren. Zieht man die Menge des zur Förderung aufgebotenen Erdöls von der Menge des geförderten Öls ab, bekommt man die Netto-Energie, die der Gesellschaft anschließend für andere Zwecke zur Verfügung steht (den Quozienten aus Ertrag und Aufwand nennt man Erntefaktor, dieser gilt sinngemäß für alle Energiequellen). Im Jahre 1930 bekam man etwa 100 Fass Erdöl für jedes Fass, das man investierte, 1970 waren es nur noch dreißig und im Jahr 2000 gar nur noch 11 Fass. Dieser Trend wird sich so fortsetzen, gerade beim Ausbeuten von Tiefsee- und Polaröl, das gigantische Aufwendungen benötigt. Murphy extrapolierte also den beobachteten Trend aus totaler Erdölförderung und Netto-Energie und kam zu folgender Prognose:"(...)


ich möchte hier nur die vielleicht gravierendste konsequenz aus dieser studie erwähnen: unserer spezies bleiben danach gerade noch 20 jahre, um vor allem die ökonomische infrastruktur - incl. produktion, transport, landwirtschaft etc. - global auf das post-öl-zeitalter umzustellen. aber nicht nur das nötige problembewusstsein sowie der nötige wille zu den nötigen umwälzenden prozessen ist weit und breit nicht zu sehen, auch und gerade die materiellen voraussetzungen, die benötigt werden, um bspw. angepasste techniken zu entwickeln - was den übergang zumindest nicht ganz so ruppig machen würde, aber beim heutigen stand der technik vorläufig weiterhin in vielen bereichen die nutzung von erdöl impliziert -, werden mit jedem kommendem jahr in diesem leider sehr plausiblen countdown schwieriger, teurer und vor allem in ihrer verfügbarkeit geringer werden.

sicher, man kann solche studien anzweifeln und in frage stellen - genauso, wie man die haltung der drei affen einnehmen kann. für alle anderen jedoch wird es dringend zeit, sich tatsächlich mit den möglichen worst-case-szenarien auseinanderzusetzen, die beim zerfall der globalisierten industrialisierten welt nach westlichem muster potenziell denkbar sind. wer den sonntag dazu nutzen will, könnte sich zum anfang mit zwei online lesebaren romanen beschäftigen:
jenseits des ölgipfels sowie peak oil reloaded der autorin eva marbach geben erste hinweise gerade auf die alltagsprobleme, die sich mit den zunehmenden auswirkungen des peaks ergeben werden.

wobei: die verhältnisse, die sich aus dem zusammentreffen von peak oil nicht nur mit der sich immer noch verschärfenden weltwirtschaftskrise, sondern auch anderen ressourcenkrisen (wasser!), den folgen des klimawandels (die sich zunächst ebenfalls in möglichen verteilungskriegen v.a. um land, massiven flüchtlingsbewegungen und zunehmenden politisch-sozialen instabilitäten manifestieren werden), sowie - und das betrachte ich als eigentliche katastrophe - dem ebenfalls global wahrnehmbaren phänomen des zerfalls der sozialen basis vieler gesellschaften bzw. dem zugrundeliegenden teilweisen oder auch kompletten der individuellen sozialen fähigkeiten vieler menschen (wie ich ihn fragmentarisch im blog zu dokumentieren versuche) ergeben, sind vermutlich etwas, was auch die phantasie des düstersten apokalyptikers überfordern dürfte. es wird höchste zeit, sich darüber klar zu werden, das die nicht mehr abreissenden botschaften des kommenden eine schwere, andauernde und fatale überlastung der inneren schutzmechanismen bei vermutlich fast allen von uns mit sich bringen werden, was ein im besten sinne ganzheitlich vernünftiges umgehen mit dieser historischen konstellation, die einen absoluten und vermutlich entscheidenden wendepunkt in der menschlichen geschichte anzeigt, fast unmöglich erscheinen lassen - wir werden uns auf alle möglichen bekannten und noch unbekannten arten der inneren flucht (in diverse virtuelle räume, zu denen auch die verschiedenen arten von wahnsinn zu rechnen sind) als massenphänomen einstellen müssen. und das ist nur ein punkt unter vielen, die am horizont sichtbar werden.

ganz ernsthaft: aus meiner sicht und mit berücksichtigung der mir realistisch erscheinenden szenarien sowie der wahrnehmbaren entwicklungen steuern wir rasend schnell auf einen punkt zu, an dem sich nur noch eine einzige alternative für die überwiegende mehrheit aller menschen stellen wird. und die lautet:

(die art unseres lebens radikal) ändern oder sterben
.

Montag, 18. Mai 2009

assoziation: der umgang mit der krise in deutschland (4)

(zu den vorherigen teilen.)

*

(...)"So ist es ja immer gewesen, dass die Deutschen entweder andere das Fürchten lehrten oder sich vor sich selber fürchteten. Nun merken wir, dass etwas sich verändert hat; das heißt, die anderen merken es. Roger Cohen, der Berlin-Korrespondent der New York Times, schrieb kürzlich in der Süddeutschen: »Die Welt steht Kopf – die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich!«(...)

ein kurzer auszug aus einem
essay, der die frage stellt, "was eigentlich aus der german angst geworden ist". ich komme auf diesen artikel später nochmal zurück. vorher grabe ich nochmal im letzten herbst, genauer ende oktober, wo ich folgendes skizziert hatte:

(...)"es ist vor dem eben umrissenen eigentlich kein wunder, dass bei der aussicht auf derart gewaltige um- und zusammenbrüche eine mehrheit der hiesigen bevölkerung nichts mitbekommen will - ja, will. denn auch wenn die materie gerade bezgl. der ökonomie komplex ist, so sind doch für alle interessierten die nötigen informationen (noch) vorhanden, um sich ein wie rudimentär auch immer ausfallendes bild der situation machen zu können. bezgl. dieses punktes gibt es keine entschuldigung. es muss also etwas mit der eigenen motivation, den verbreiteten inneren strukturen und auch mit der eigenen wahrnehmung zu tun haben, wenn hier bisher weiter "alltag" gespielt wird. ein wichtiger punkt ist dabei sicherlich die schon neulich aufgegriffene soziale trance, zu der die propagierung von "privatheit" (in der form als synonym von vereinzelung) sicher viel beiträgt. will sagen: uns fällt jetzt die allgemeine schädigung der beziehungsfähigkeiten (und damit auch schädigung der fähigkeiten zum kollektiven handeln) voll auf die füße. und als eine folge davon werden wir im zuge der weiteren eskalation der krise mit zunehmend destruktiver werdenden ängsten und aggressionen rechnen müssen"(...)

jetzt, ein gutes halbes jahr später, scheint mir der zeitpunkt gekommen zu sein, um die im letzten satz genannte these erstmals auf ihre plausibilität zu überprüfen. das kann ich naturgemäß nur auszugsweise, weil ich weder über die möglichkeiten noch über die zeit verfüge, entsprechendes bundesweit gültiges datenmaterial zu sammeln und zu sichten. datenmaterial, welches ich vor allem in den rubriken der "unpolitischen", "privaten" und "alltäglichen" gewalt suchen würde, denn - und den zusatz hatte ich damals nicht gemacht - gerade in diesen bereichen vermute ich das erste sichtbarwerden der destruktiven kollektiven tiefendynamik, welche diese umfassende systemkrise innerhalb einer bevölkerung unfehlbar mit sich bringen wird, die mehrheitlich nicht (mehr) fähig erscheint, sich qualitativ andere lebens- und existenzbedingungen auch nur vorzustellen und den herrschenden kapitalismus plus seine totalitär verdinglichenden wirkungen im gesamten sozialen leben als quasi-"natürliches" ansieht.

fangen wir also mal an mit dem kleinen und nicht repräsentativen überblick von entsprechenden meldungen, die mir in den letzten wochen und monaten so im gedächtnis hängen geblieben sind. da wären zum einen etliche großereignisse wie bspw. der
rheinische karneval im februar:

"Nachdem es schon an Weiberfastnacht teils aggressiv und gewalttätig zuging, kam es auch am Rosenmontag vor allem in Köln zu zahlreichen Schlägereien. In den anderen Karnevalshochburgen des Landes wurde nach Angaben der Polizei weitgehend friedlich gefeiert."

aber:

(...)"An allen Karnevalstagen zusammen haben die Beamten weniger Einsätze absolvieren müssen als im Vorjahr. Nur an Weiberfastnacht sei es gewalttätiger als sonst zugegangen, resümiert Baldes.

Die Bundespolizei im Kölner Hauptbahnhof verzeichnet einen sprunghaften Anstieg der Gewalt. Von Weiberfastnacht bis zum Abend des Rosenmontags wurden 19 Körperverletzungen gemeldet."(...)


nur ein großstadtphänomen?

(...)"Doch nicht nur der Kölner Karneval wird von gewalttätigen Jecken massiv gestört. Auch die Polizei im Rheinisch-Bergischen Kreis bemerkte eine zunehmende Gewaltbereitschaft. "Mit von Jahr zu Jahr zunehmender Tendenz ist festzustellen, dass junge Leute kaum noch Interesse an Karneval selbst haben, sondern die Tage gemeinsam nutzen, um sich in jede Richtung auszuleben", erklärt Norbert Knappe von der Polizei in Bergisch Gladbach. Die Einsätze wegen körperlicher Gewalt sind von 69 Delikten im vergangenen Jahr auf 103 angestiegen."(...)

und als bewohnerin von köln hatte
somlu damals in bezug auf karneval einen aspekt erwähnt, der auch in allen folgenden meldungen fast immer eine nicht unwesentliche rolle spielen wird - alkohol.

von karneval in den april vor meine haustür nach bremen, wo bspw.
folgendes zu verzeichnen war:

"Bei drei verschiedenen Einsätzen wurde am Wochenende Widerstand gegen die einschreitenden Polizeibeamten geleistet. Auf dem Vegesacker Bahnhofsplatz trat und schlug ein 23 Jahre alter Mann auf Polizisten ein und zertrümmerte die Scheibe eines Streifenwagens. Am Werdersee trat eine 14 Jahre alte Jugendliche mit Füßen nach den Beamten und beschädigte die Tür eines Streifenwagens und in Bremen-Burg widersetzte sich ein 29 Jahre alter Bremer seiner vorläufigen Festnahme mit Fußtritten gegen die Beamten."(...)

alle beteiligten waren im alter bis ca. 25, also nach allgemeinem verständnis noch jugendliche. bei zwei der fälle war ebenfalls alkohol im spiel. und bemerkenswert - selbst die polizeitypische überhöhung von "widerstandshandlungen" abgerechnet - fand ich vor allem das spontane attackieren der polizei seitens der verhafteten.

ostern war zumindest hier bisher eine art festivität, die nicht durch irgendwelche besonders exzessiven "feiern" geprägt war - bis zu diesem jahr. wer sich ein wenig mit der geschichte der straßenkrawalle in der (alten) brd beschäftigt hat, wird den namen
sielwallkreuzung vermutlich schon mal gehört haben:

"In den frühen Morgenstunden des Ostersonntages blockierten zirka 250 bis 300 zum Teil erheblich angetrunkene Menschen die Sielwallkreuzung. Es wurde unkontrolliert Fußball gespielt und dabei auch die Oberleitungen der Straßenbahn getroffen. Der ÖPNV wurde daraufhin umgeleitet. Durchfahrende Taxen wurden von der Menge umringt und als Polizeikräfte vor Ort erschienen, wurden diese mit Flaschenwürfen attackiert."(...)

hieß es in den ersten meldungen der lokalpresse seitens der polizei noch, das wäre alle ein werk von "autonomen" im zusammenspiel mit "erlebnishungrigen jugendlichen" gewesen, so wurde das später revidiert - es blieben nur die letzteren übrig. es kam übrigens in den letzten wochen noch öfter zu solchen fussballspielen nachts auf der
gleichen kreuzung - "Heute Morgen hielten sich ca. 150 Personen im Bereich der Sielwallkreuzung in größtenteils aggressiver Grundstimmung auf. Sie spielten auf der Kreuzung Fußball, feuerten Leuchtraketen ab und hatten mitten auf der Kreuzung ein 120 Liter fassendes Müllgefäß in Brand gesetzt. Der Individualverkehr war blockiert.

Die eintreffenden Polizeikräfte wurden mit Flaschen beworfen und wüst beschimpft. Durch zügiges Vorgehen der Einsatzkräfte - u.a. unter Einsatz von Diensthunden - wurde die Kreuzung geräumt."(...)
-, was eine größere öffentliche debatte unter forderung nach mehr polizeipräsenz nach sich zog. und stellt das umfunktionieren der kreuzung besonders nach werder-spielen oder auch bei welt- und europameisterschaften schon eine art tradition dar, so war dieses jahr das erste mal zu beobachten, wie nicht nur ostern, sondern (s.o.) auch noch ein paar wochenenden später sich jeweils eine menge ohne einen solch "formalen" anlaß versammelte, mit anschließenden weiteren polizeieinsätzen. es hat fast den anschein, als würden sich die über jahre berüchtigten "silvesterkrawalle" rund um die kreuzung jetzt unregelmäßig auf das ganze jahr ausdehnen. nächsten mittwoch dürfte anläßlich des uefa-pokal-endspiels unter bremer beteiligung - und vor einem feiertag - ähnliches zu beobachten sein, wobei der gleichfalls beginnende kirchentag am selben abend vermutlich für eine sehr seltsame kombination von sich auf der straße befindlichenden menschen sorgen wird.

aber ostern war auch an anderen orten - wie zb. einem großen und ebenfalls seit jahren stark besuchten osterfeuer am weserstrand - gekennzeichnet von maßlosen alkoholkonsum sowie teils schweren übergriffen und überfällen, in einem fall einer messerstecherei, bei denen überall ebenfalls jugendliche bis 25 - meist noch jünger - beteiligt und betroffen waren.

bleiben wir noch ein wenig beim stichwort fussball, der ja nicht nur in seiner kommerziellen "profi"-variante und nicht nur in massenpsychologischer hinsicht einige
funktionen erfüllt, sondern sich dadurch auch als eine art gesellschaftlicher seismograph nutzen lässt. vor ein paar tagen beschwerte sich wieder einmal die polizei:

(...)"Pro Spielsaison summierten sich die Einsatzzeiten von Polizeibeamten mittlerweile auf 1,3 Millionen Stunden, berichtet Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder. Jedes Wochenende würden deutschlandweit rund 800 Spiele von Beamten begleitet.
Die enorme Zahl lässt sich einerseits auf das Phänomen zurückführen, dass selbst in den unteren Ligen, die Gewaltbereitschaft von Fangruppen zunimmt. Ein zweiter Grund ist die Entwicklung der Ultras-Bewegungen, die der Polizei Kopfschmerzen bereiten. Aus den einstigen Kritikern der Kommerzialisierung des Fußballs, gehen nach Darstellung der Polizeivertreter immer öfter gewaltbereite Gruppen hervor."(...)


wobei bzgl. der "ultras" noch anzumerken wäre, dass sich hier die wahrnehmung der polizei naturgemäß von der wahrnehmung der fans krass unterscheidet (interessierte stöbern bitte
hier.)

*

soweit wie gesagt ein paar nicht repräsentative, subjektive und schlaglichtartig ausgewählte meldungen in sachen "unpolitischer" gewalt aus den letzten monaten. die verzerrenden medialen einflüsse sowie die interessen der polizei schon berücksichtigt: was können uns solche meldungen nun in hinsicht auf die ausgangsfrage sagen? sind sie überhaupt aussagekräftig? immerhin waren ja bei den gleichen anlässen zeitgleich teils tausende menschen unterwegs, die nun nicht in irgendeiner form "polizeilich auffällig" geworden sind. und da ist schon die erste einschränkung: die aktuelle qualität der hiesigen sozialen beziehungen sowie der allgemeine individuelle psychophysische "durchschnittszustand" lässt sich meiner meinung nach aus solchen meldungen nur beschränkt ableiten, nicht zuletzt deshalb, weil sich besonders bereiche wie die innerfamiliäre oder auch beziehungsgewalt, aber auch das mobbing im beruf, immer noch weitgehend unbeobachtet abspielen. hingegen sind die jugendlichen und teils auch die kinder seit jahren (medial) immer zuerst im blickpunkt, nicht nur wg. des sog.
komasaufens, sondern auch wg. der konstatierten allgemeinen perspektivlosigkeit, die in diesem fall jedoch prompt - und wieder öffentlich - sofort bestritten wird.

kurz: es ist ein durchaus widersprüchliches bild, was sich da (medial) präsentiert. und ich versuche mal, sowohl die widersprüche als auch die aus meiner sicht vorhandenen tatsächlichen tendenzen auf den punkt zu bringen:
  • alkohol: bekanntlich die "volksdroge" nr.1, und ihr einfluss bei massenevents aller art ist gewaltig. ich halte die beliebtheit von alkohol aufgrund seiner spezifischen wirkungen - u.a. förderung von enthemmung und amnesie - hierzulande nicht für zufällig. und wenn ich mir so die alltäglichen straßenszenen so betrachte, die ich mitbekomme, bekomme ich mehr und mehr den eindruck, dass - analog zum einsatz bei der ganz persönlichen "krisenbewältigung", wie er seit jeher benutzt wurde - auch die laufende systemkrise im aktuellen stadium nicht unwesentlich mittels alkohol von vielen vorläufig "weggetrunken" wird.
  • "widerstand gegen die staatsgewalt": bei aller vorsicht, die vor allem aus der berücksichtigung der eigeninteressen der polizei bei solchen öffentlichen diskussionen herrührt - hier habe ich ebenfalls den eindruck, dass es primär, aber nicht nur, unter bestimmten teilen von jugendlichen zu einer massiven verschiebung in der hinsicht gekommen ist, dass die polizei ihren status als "respektsinstitution", wie sie ihn bspw. noch in meiner jugendzeit in den 1970ern besaß, massiv eingebüsst hat. und das ist aus meiner sicht auch keine entwicklung, die nur mit der zunahme der zahl von kindern / jugendlichen aus migrantischen milieus zu tun hat, die in ihren herkunftsländern teils mit einer wesentlich offener brutal agierenden polizei zu tun haben (was die polizei hierzulande nun nicht freisprechen soll.) ich finde diese entwicklung durchaus ambivalent: einmal ist eine weichende angst vor der "staatsgewalt" in meinen augen nun nichts grundsätzlich negatives, weil zu fähigkeiten wie dem öffentlichen und bewussten politischen widerspruch nun einmal auch relativierte ängste gegenüber dem staatsapparat gehören; zum anderen aber könnte es sich dabei auch um menschen handeln, wie sie in diversen blogbeiträgen schon beschrieben wurden, mit sehr ernsten psychophysischen störungen, die sich durch grenzenlosigkeiten aller art, und eben nicht nur gegenüber staatlicher gewalt, manifestieren.
  • "öffentliche" (bzw. öffentlich registrierte) straßengewalt allgemein: meines wissens in den letzten jahren statistisch zurückgegangen, wobei eine in relation kleine gruppe von primär ebenfalls jugendlichen hier eine erhöhte brutalisierung gegenüber ihren opfern zeigte. ich vermute, dass sich im laufenden jahr hier sowohl der allgemeine trend spürbar verändern wird (ich gehe von einer zunahme aus), als auch die brutalisierung verschärfen und ebenfalls verbreiten wird.
  • die "unsichtbaren" gewaltformen: hier sind das schon genannte mobbing, auch stalking, ebenfalls die sog. beziehungsgewalt, aber auch die folgen wie psychophysische ("psychische") krankheiten gemeint. und gerade in diesem bereich gehe ich bis auf weiteres - solange nämlich keinerlei wirkliche politische massenbewegung erkennbar ist - von einer enormen verschärfung aus. warum, steht letztlich schon in den vorherigen teilen dieser reihe: die vorhandene traumatische matrix im zusammenspiel mit den vereinzelnden ("individualistischen") ideologischen maximen, zuschreibungen und "werten" des herrschenden systems begünstigt eindeutig die letzteren reaktionen als "typische" für den hiesigen bisherigen umgang mit einer krise solchen kalibers. soweit meine persönliche prognose.
*

auch bei hinzunahme weiterer potenzieller indikatoren, die auskunft über kollektive tiefenprozesse geben können, erscheint die situation weiter widersprüchlich. nehmen wir einmal einen (musikalisch einigermaßen erträglichen) chart-hit, nämlich "haus am see" von peter fox, der mitte oktober letzten jahres (offener krisenbeginn) zuerst unter den "top ten" in d-land auftauchte und sich in den charts bis vor kurzem halten konnte:



ist der text ironisch gemeint? ich bin mir da ernsthaft nicht sicher, obwohl ich zumindest ironische anklänge durchhöre. ansonsten stellt der text eine geballte ansammlung von vorstellungen des unbeschwerten, wenn auch modifizierten, spießerglücks aus männlicher sicht dar - individueller "erfolg", eine narzisstische "die-welt-ist-für-mich-da" haltung, die sich regelrecht beisst mit tendenzen zum cocooning im eigenen "haus am see" und geradezu aufdringlichen wünschen nach einer (groß-)familie sowie sozialer verankerung, bei gleichzeitiger akzeptanz des neoliberalen credos vom win-it-or-lose-it, selbstverständlich mit "gezinkten karten". und alles ausgesprochenerweise ein traum.

kurz: der song lässt sich in meiner wahrnehmung durchaus auch als krisensong verstehen, je nach blickwinkel als einer der trotzigen sorte, oder aber auch als abgesang auf hiesige lebensträume und -entwürfe (wenn man denn die eventuelle ironische komponente als existierend bezeichnet).

als anschluß dazu gleich eine der zahllosen
umfragen dieser zeit:

(...)"In ihrem Unmut über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise würde offenbar die Mehrheit der Berliner Gewalttätigkeiten gegen die Verantwortlichen gutheißen. Wie eine aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der «Berliner Zeitung» (Wochenendausgabe) ergaben, sagten 58 Prozent der Befragten, dass sie Verständnis für gewalttätige Proteste und Demonstrationen haben, die sich etwa in Frankreich gegen Banker und Manager richteten. Verständnis für solche Aktionen haben in Berlin besonders Anhänger der Linken (69 Prozent) und der Grünen (66 Prozent), aber auch 58 Prozent der SPD- und immerhin 53 Prozent der CDU-Anhänger."(...)

was im eingangs erwähnten essay so kommentiert wird:

(...)"Man kann die Solidität einzelner Umfragen mit Fug bezweifeln, aber nicht bezweifeln lässt sich, dass sie nicht das geringste Indiz für Radikalisierungen, gleich welcher Art, enthalten. Es müssten sich ja, aller historischen Erfahrung nach, ökonomische Krisenerfahrungen in einem sichtbaren Zulauf zu radikalen Parteien äußern. Nichts davon ist zu sehen. Zwar gibt es, vor allem in den neuen Bundesländern, einen harten Kern neofaschistischer Antidemokraten, aber erstens ist der in Frankreich oder Italien nicht kleiner, zweitens gab es ihn schon vor der Krise, und dass er jetzt wachsen wird, ist keineswegs ausgemacht."(...)

der erste satz ist im angesicht der zitierten umfrage eine völlig widersprüchliche behauptung, und nichts weiter. die nächste behauptung stimmt zwar, es ist für mich aber inzwischen mehr als fraglich, ob sich das genannte historisch gewohnte muster auch bei dieser krise finden lassen wird. die entscheidenden reaktionen in den kollektiven tiefenströmungen werden sich aller wahrscheinlichkeit in historisch neuen formen ausdrücken, die sich erst als letztes - wenn überhaupt - in irgendwelchen prozentanteilen irgendwelcher parteien wiederspiegeln werden (eher in solchen formen, wie ich sie oben als alltagsgewalt umrissen habe). und das hat nicht nur etwas mit den in den letzten beiträgen in dieser reihe skizzierten verhältnissen zu tun, sondern auch mit der endgültigen zerschlagung aller organisierten strukturen der arbeiterbewegung hierzulande im nationalsozialismus. das war ein bruch, von dem sich "die linke" bis heute nicht erholt hat (und das meine ich nicht primär auf die zerschlagung der kpd bezogen, sondern eher auf das, was sich als "proletarisches milieu" bezeichnen ließe - von arbeitersportvereinen über selbsthilfestrukturen in proletarischen vierteln bis hin zu einer ausgewachsenen kleingartenkultur (die nicht umsonst bis heute staatlicherseits sehr reglementiert wird - im ns waren die parzellengebiete vieler großstädte rückzugsorte des vorhandenen widerstands).

der autor des essays in der zeit hat nicht nur davon offensichtlich keinen begriff, sondern auch nicht von der existenz transgenerationaler traumata, wie sie hier schon thema waren (und wie sie die teils durchaus zutreffenden bemerkungen zur öffentlichen stimmung in den 1980er jahren miterklären können).

(...)"Man soll nie sagen, etwas sei ein für alle Mal vorbei, aber ein unbefangener Blick auf die Gegenwart lehrt, dass die alte Mechanik aus Angst und Aggression schwach geworden ist. Natürlich gibt es immer wieder Gegenbeweise, aber in der jetzigen Wirtschaftskrise geschah es nicht in Deutschland, dass Banker oder Manager attackiert wurden, sondern in England und Frankreich."(...)

und das wird als ausdrücklich positiv beschrieben, obwohl man ebensogut desinteresse, nichtwissen über das tatsächliche ausmaß der krise sowie immer noch vorhandene autoritätsängste und falsche vorstellungen über die "eliten" als wahrscheinlichere gründe anführen konnte. immer noch wird ein "seriöses" auftreten im nadelstreifenanzug und das sprechen in esoterischen und bedeutungsvoll erscheinenden worten über ökonomische zusammenhänge von vielen hierzulande als beweis für gute absichten und fähigkeit genommen. der
hauptmann von köpenick ist immer noch lebendig, und der oben beschriebene veränderte umgang von teilen der jugendlichen mit der staatsgewalt stellt dabei nur scheinbar einen widerspruch dar - die eine (staatliche) uniform mag abgelehnt werden, aber die fixierung und mehr oder weniger heimliche sehnsucht nach der anderen (nadelstreifen) ist nach jahrzehnten der kapitalistischen formierung unter totalitären vorzeichen (und als symbol für geld = "leben") mehr oder weniger ungebrochen. bisher sollen nur die nieten weg (wenn überhaupt), aber (noch) nicht das gesamte system dahinter.

der dokumentierte essay lässt sich als verspäteter kommentar zu den vor ein paar wochen beschworenen und verdammten sozialen unruhen lesen, und das bringt mich jetzt direkt zu diesem thema zurück. es gab da u.a. eine ganz aufschlußreiche
sammlung verschiedener "prominenter" stimmen, ein paar auszüge:

(...)"Bisher war die soziale Stabilität ein klarer Standortvorteil. Wer auch diesen noch abschaffen will, setzt nicht nur die Zukunft unserer Wirtschaft und ihrer Arbeitsplätze aufs Spiel, sondern führt etwas anderes im Schilde: Der will ein anderes politisches System!"

Hans-Olaf Henkel


ganz recht, "herr" henkel - und zwar ein system, wo leute wie Sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu melden haben.

(...)"Die Geiselnahmen in Frankreich zeigen, welche Lösungen verzweifelte Menschen suchen. Daraus kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die von den Verantwortlichen genau beobachtet werden sollte - sie könnten zur Rechenschaft gezogen werden. Darum brauchen wir schnell ein gewaltiges Beschäftigungsprogramm, das gerade den industriellen Bereich stärkt. Die Regierung muss ganz schnell viel Geld lockermachen."

Rainer Einenkel


ein betriebsratsvorsitzender von opel auf gewerkschaftslinie - "geld her, oder ihr werdet zur rechenschaft gezogen". eine kleine erpressung zur erhaltung des status quo der industriearbeiterschaft. aber keinesfalls systemkritisch.

(...)"Und es gibt die reale Gefahr, dass der zentrale Aufruf von rechts erfolgt. Es ist ja angenehm, dass es in dieser Hinsicht in Deutschland bisher sehr ruhig geblieben ist, nicht so wie in anderen europäischen Ländern. Wenn jetzt nichts von links kommt, besetzt die Rechte das ganze. Die Linke muss reagieren, von ihr muss ein Aufruf kommen, etwas, um das die Leute sich sammeln können. Und damit meine ich kein fertiges Programm, die Alternative selbst kann nur in einem Prozess kollektiver sozialer Unruhe entstehen.

Thomas Seibert


eine stimme aus der außerparlamentarischen radikalen linken. ich sehe die skizzierte gefahr ebenfalls, wenn auch nicht als alleinige - auch der organisierte faschismus wird sich mit den eingangs und bisher umrissenen reaktionen schwer tun, obwohl er in sachen andockpunkte an gewaltstrukturen mehr und "bessere" optionen hat als die linke. den letzten satz hingegen kann ich nur unterschreiben, das sehe ich gleich.

und als letztes ein wissenschaftler:

"Niemand kann voraussehen, ob und wann es soziale Unruhen auch in Deutschland geben wird. Ich auch nicht. Trotzdem teile ich nicht die Einschätzung, dass es hier auf Dauer ruhig bleiben wird. Unter der Oberfläche brodelt es bereits.

Wir haben ganz aktuell die Leute in den Betrieben befragt und es zeigte sich: Der Unmut wächst. Entscheidend für Deutschland ist bisher, dass die Kurzarbeit noch viele Probleme abfedert. Die Frage ist jedoch, wie lange das halten wird. Eine Reihe von kleinen Unternehmen werden vor der Insolvenz stehen, und auch bei den großen Betrieben wird es massiven Personalabbau geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einer Wirtschaftsstruktur, die ohnehin bereits eine stark prekarisierte Arbeitswelt hat, eine weitere Prekarisierung völlig folgenlos bleiben wird."(...)


ja, was wird passieren, wenn die absehbaren massenentlassungen real werden, was wird nach den bundestagswahlen passieren, wenn der zwang zu (leeren) versprechungen bei der politischen "elite" nicht mehr vorhanden ist und die große rechnung präsentiert werden wird? was wird also in dem moment passieren, wenn die krisenfolgen ganz spürbar auch für viele derjenigen werden, die sich heute noch - ob aus unwissenheit oder/und selbstsedierung - in "sicherheit" wähnen? was wird dann aus all den in diesem beitrag erwähnten teils eher unterschwelligen reaktionen von aggressivität gegen andere, aber auch in großem maße gegen sich selbst? wie wird sich dieses potenzial entwickeln?

denn die krise läuft nicht nur hierzulande unbeirrbar
weiter, und die frage bleibt offen, ob in einem halben jahr immer noch relative ruhe und der quasiwunsch nach einer art volksgemeinschaft dominieren. und wie lange das noch vorhandene restvertrauen in die dgb-gewerkschaften anhalten wird.

*

das war jetzt ein zugegebenermaßen sehr "voller" und assoziativer beitrag, aber genau dafür existiert ja auch die entsprechende rubrik. und ich hoffe, gerade durch die vielzahl auch widersprüchlicher aspekte vielleicht dem einen oder der anderen leserIn anregungen für eigene wahrnehmungen gegeben zu haben.

im letzten teil der reihe werde ich dann noch einen aspekt behandeln, der mir hierzulande besonders relevant erscheint: die massenwirkung des fernsehens als teil der sozialen trance.

Samstag, 9. Mai 2009

assoziation: der umgang mit der krise in deutschland (3)

(zu den bisherigen teilen.)

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die temperaturen steigen draußen in einem ähnlichen tempo, wie inzwischen fast täglich propagandistische nebelkerzen mit den hauptinhalten "es-wird-alles-nicht-so-schlimm-wir-haben-die-situation-unter-kontrolle-es-geht-wieder-aufwärts" unter die bevölkerungen ganzer ländern geworfen werden. zu einigen der gerade am meisten hierzulande verbreitesten konstrukte:
die lüge vom angeblich positiven us-banken-stresstest; der fake vom deutschen export"aufschwung"; die simulation vom positiveren us-arbeitsmarkt. und zusammenfassend wird die situation von einer prominenten stimme aus dem off wie folgt bewertet:

"Die Politiker pumpen Billionen Euro und Dollar in die Wirtschaft, um der globalen Krise Herr zu werden. Alles umsonst, fürchtet Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet."(...)

und ob diese katastrophe so eintreten wird, hängt nicht zuletzt maßgeblich von den reaktionen relevanter bevölkerungsmehrheiten rund um den globus ab - darum jetzt ein weiterer blick vor die haustür.

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in einem
kommentar zu einem der songs in den letzten krisennews hat "argolis" folgendes angemerkt:

"Einige der Songs sind auch ganz nett, nur bei RoboZ - wenn die Rede ist von 'Parasiten', von 'menschlichen Schmarotzern' und das Ressentiment gegen das arbeitslose Einkommen gepflegt wird - wird mir eher übel."

ich greife diese kritik deshalb auf, weil sie direkt zu einigen zentralen punkten der bisherigen "krisenbewältigung" hierzulande führt - der öffentliche diskurs von der "gier einiger weniger schwarzer schafe" ist darin ebenso enthalten wie die dadurch potenziell im raum stehende unheilvolle trennung zwischem (bösen internationalen) "raffenden" und (guten deutschen) "schaffenden" kapital, die damit verbundene these vom "strukturellen antisemitismus" sowie die fragen danach, ob die krise erstens hierzulande in nennenswertem maße bestehende aggressions- und wutpegel steigern und zweitens bis zu ihrem ausbruch triggern kann (diese fragen dürften sich real auch größtenteils hinter der öffentlichen debatte zu den "sozialen unruhen" verbergen).

ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend, trotz wahrnehmung der erwähnten und sich durchaus aufdrängenden assoziationen. warum? wenn ich diese frage für mich zu beantworten versuche, komme ich zu folgenden schlüssen: erstens benennt er tatsächlich die ständig geleugnete realität einer existierenden klassengesellschaft, in der sich eine immer größer werdende spaltung der materiellen situation zwischen einer im verhältnis tatsächlich sehr kleinen schicht oben und einem größer werdenden unten auftut. zweitens wird die tatsache benannt, dass es tatsächlich konkrete täterInnen innerhalb der strukturen gibt (eine tatsache, die von einer breiten medialen koalition von leuten wie bspw. hans werner sinn bis hin zu teilen der radikalen linken bestritten wird - "es sind die anonymen systemzwänge". ich halte eine derartige argumentation für bestens geeignet, tatsächlich leute in scharen zu einer potenziellen faschistischen massenbewegung zu treiben. erstmal sehe ich einen grundsätzlichen widerspruch zwischen zwei - auch gerne in der linken - gebräuchlichen konstrukten: die "anonymen systemzwänge" (in gestalt der notwendigen profitakkumulation, der eigenen behauptung am markt etc.) beissen sich direkt mit der immer wieder gerne postulierten "(selbst)verantwortungsfähigkeit" "des" menschen, die für viele linke welt- und menschenbilder eine tragende rolle spielt.

wenn man aber diese "verantwortungsfähigkeit" ernstnimmt (ich tue das nur begrenzt, weil ich die nicht von vorneherein als irgendwie gegeben betrachte, sondern als potenzial bzw. option sehe, dessen manifestation direkt von den gesellschaftlichen verhältnissen und der jeweiligen förderung dieser option abhängig ist), so ist das bild des von kapitalistischen zwängen determinierten managers /bankers / unternehmers sehr fragwürdig - was zwingt diese leute schließlich dazu, in ihren positionen zu verharren, wenn sie aufgrund ihrer fähigkeit zum verantwortlichen handeln doch erkennen müssten, dass sie nicht nur andere existenziell gefährden, sondern langfristig auch sich selbst? (eine art tatsächlicher zwang ist nur bei klinischen soziopathen gegeben). sie könnten ja schließlich auch etwas ganz anderes aus ihrem leben machen (dafür gibt es übrigens auch ein paar wenige beispiele).

dann: die "anonymen systemzwänge" mögen ja strukturell durchaus vorhanden sein, aber trotzdem ist zu ihrer materiellen umsetzung in die realität das konkrete tun und lassen ganz konkreter personen notwendig - nicht der "zwang" zur rationalisierung und zur drückung der lohnkosten führt zu massenentlassungen und erwerbslosigkeit, sondern die entsprechenden beschlüsse und die unterschriften unter die kündigungen von wieder ganz konkreten personen. letztere mögen sich zwar auf die "zwänge" berufen, aber sie könnten ebensogut ja auch - zusammen mit der betroffenen belegschaft - nach mitteln und wegen suchen, eine ökonomie zu gestalten, die ohne die dem konkurrenz- und leistungsprinzip immanenten zwänge funktioniert. und auch hier führen die fragen zu den möglichen gründen, warum die sog. "führungspersönlichkeiten" bzw. "leistungsträger" letzteres i.d.r. nicht einmal in erwägung ziehen, direkt zur frage nach ihrer möglichen psychophysischen verfassung.

die genannten systemzwänge sind also nur dann ein relevanter faktor, wenn die handelnden personen aufgrund ihrer persönlichkeitsstruktur tatsächlich ebenfalls so determiniert sind, dass ihnen diese zwänge nicht als solche erscheinen, sondern als quasi "natürliche" und scheinbar alternativlose lebensbedingungen - und das macht es gerade in diesem fall aus meiner sicht noch notwendiger, sich mit den handelnden personen und erst recht mit ihrer isolierung von allen relevanten machtpositionen in politik & ökonomie zu beschäftigen - eine schlußfolgerung, die zwar aus anderen gründen, aber immerhin von anderen teilen der linken
gleichfalls gezogen wird:

"Wann, wenn nicht jetzt fordern wir den Bruch mit dem System und den Verantwortlichen?

Weder wird das System des kapitalistischen Verwertungszwangs radikal hinterfragt, noch werden die Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft benannt. Die Tietmeyers, Eichels, Steinbrücks, Merkels, die Asmussens oder die Issings und Ackermanns. Das sind sie. Sie sind die Verantwortlichen für das Desaster. Sie sind die Verantwortlichen aus Deutschland für die drastische Zunahme von Hunger, Elend und Vertreibung durch die Weltfinanzkrise. Sie müssen verschwinden. Und zwar alle. Wie hieß der Schlachtruf 2002 in Argentinien? "Que se vayan todos"! (Alle sollen abhauen)"


der bruch mit dem system und den verantwortlichen - das eine ist ohne das andere nicht schlüssig, nicht sinnvoll, und auch nicht zu haben.

*

und auch wenn man argumentiert, dass die jeweils handelnden personen aus den "eliten" letztlich ja nur austauschbare charaktermasken" darstellen würden, ändert das nichts an der notwendigkeit, ihnen direkt auch ihre persönlichen grenzen - und ihre endlichkeit - aufzuzeigen, notfalls auch in solchen formen, wie sie bspw. in der vergangenheit von
günther anders für den fall eines "gesellschaftlichen notstands" skizziert worden sind - dazu kann doch auch das szenario aus dem text der "roboZ" zählen, in den entsprechenden wohnvierteln den "eliten" direkt auf den pelz zu rücken (was eh mehr sinn machen würde als die immer wiederkehrenden rituale der zerstörung von infrastruktur in gerade denjenigen vierteln, wo größtenteils die betroffenen der elitären "politik" wohnen - seien es nun banlieus oder auch, etwas anders gelagert, viertel wie kreuzberg und die schanze).

zu begriffen wie "parasiten" und "schmarotzern" habe ich nun durchaus eine deutliche
position, und sehe es trotzdem analog dem text lieber, wenn denn solche begriffe denen zurückgegeben werden, die man inhaltlich treffend noch am ehesten damit belegen kann - und das sind natürlich nicht die erwerbslosen bzw. "hartzer", sondern das ganze antisoziale pack an der macht. will sagen: es gibt auch für mich grenzen der geduld und der verständnis- bzw. reflexionsbreitschaft und -fähigkeit, hinter der mächtige wut und der wunsch danach steht, dass bestimmte leute für ihre ständigen destruktiven aktionen in massendimensionen endlich auch spürbare und schmerzhafte konsequenzen erleiden sollen. und genau solche wünsche und auch die wut, die ich erstens für verständlich und zweitens auch für legitim halte, werden durch ermahnungen in richtung "unzulässiger" personalisierung von "anonymen systemzwängen" seitens bestimmter linker nicht nur ins leere laufen gelassen (wo sie sich selbstverständlich nicht verflüchtigen, sondern sich schlimmstenfalls gegen die eigene person wenden), sondern es werden damit gleichzeitig auch die nötigen psychophysischen prozesse blockiert, die als voraussetzung für späteres (zielgerichtetes und bewußtes) handeln grundsätzlich notwendig sind.

mit anderen worten: bei der notwendigen berücksichtigung der psychophysischen verfassung breiter bevölkerungskreise in diesem land ist jede art von verbot, antikapitalistische impulse und ressentiments auch in personalisierter form zu empfinden, eine fatale und geradezu suizidale dummheit. die meiner meinung nach auch nicht unmaßgeblich in den 1920ger und 30ger jahren seitens der damaligen linken mit zum aufstieg des faschismus beigetragen hat. wer an strukturell mehr oder weniger psychophysisch geschädigte menschen ansprüche hinsichtlich (selbst-)reflexionsfähigkeiten und einsicht in strukturelle gegebenheiten stellt, die diese vorläufig nicht erfüllen können und dazu noch keinen begriff von der elementaren und existenziellen aggression besitzt, die das leben in sich selbst als "zivilisiert" bezeichnenden kapitalistischen gesellschaften mit ihrer ständigen tabuisierung so ziemlich jeglicher - auch positiver und nötiger - aggression ständig produziert, hat eine der wesentlichen lektionen des faschismus schlicht nicht verstanden. die nazis haben nämlich genau mit diesem potenzial erfolgreich "politik" gemacht.

es gilt dabei auch, die enge innere verwandtschaft zwischen depression und aggression (die erstere begreife ich als verwandelte letztere) zu beachten, die unseren "eliten" durchaus bekannt ist und bisher erfolgreich dazu benutzt wird, um zb. das potenziell revolutionäre potenzial der erwerbslosen mittels ständiger öffentlicher stigmatisierungen und demütigungen
bis in den tod ruhigzustellen. eine linke, die sich - meiner meinung teils aus mittelklassenbedingter harmoniesucht - weigert, die realität des klassenkampfes zu begreifen und sich entsprechend klar und deutlich zu äussern, macht sich an dieser stelle der mittäterschaft schuldig.

*

struktureller antisemitismus: selbst, wenn viele der derzeit aufälligen us-banken und auch manager aus dem finanzbereich jüdische namen tragen mögen - wen interessiert das eigentlich wirklich ausser leuten, die zwanghaft nach zusammenhängen suchen, die am kern des problems vorbeigehen? es ist sachlich schlicht und einfach irrelevant. und den leuten, die sich aus zufälligen religiösen hintergründen selbst verschwörungstheorien basteln, muss konsequent sowohl ihre eigene gestörte logik als auch die realität des treibens des meistens als gegenpol glorifizierten "deutschen" kapitals vor augen geführt werden, welches kein stück besser oder anders agiert als die geschmähte "jüdische us-ostküste". für diese notwendigen maßnahmen jedoch sehe ich nicht, dass abstriche bei der gleichfalls nötigen benennung konkreter verantwortlicher gemacht werden müssen - ganz im gegenteil sehe ich eine realitätsgerechte aufklärung als antidot zumindest für diejenigen an, die aufgrund ihrer eigenen psychophysischen dispositionen, aber auch aufgrund der schwer verständlichen komplexität der krise anfälliger als andere für die entsprechenden reduktionistischen (ein wesentliches merkmal des antisemitismus) konstrukte von rechtsaussen sind.

*

und das letzte stichwort des "arbeitslosen einkommens": hier bleibt mir nur zu sagen, dass die benennung der tatsache der fundamentalen ungerechtigkeit des zustands, dass wiederum einige wenige von der ausbeutung der arbeitskraft der vielen, die sich selbst am markt zur bloßen existenzsicherung verkaufen müssen, profitieren, aus meiner perspektive erstmal nichts mit der durchaus wünschenswerten entkoppelung von (lohn)arbeit und materieller existenzsicherung zu tun hat. eher sehe ich hier schon die besondere und fragwürdige glorifizierung von schwerer körperlicher arbeit berührt, wie sie in deutschland trotz wesentlich veränderter bedingungen (incl. eines realen bedeutungsverlustes gerade dieser art von arbeit) eine lange und schlechte tradition besitzt.

klaus theweleit hat in seinen "männerphantasien" zu dieser besonderen - und im naziuniversum auf die spitze getriebenen - fetischisierung dieser besonderen art arbeit einige aspekte herausgearbeitet, die aus meiner sicht bis heute relative gültigkeit besitzen: vor dem hintergrund des weiter oben angesprochenen ständig produzierten aggressionspotenzials in dieser gesellschaft, dessen bloße existenz zu erwähnen bereits vielfältig tabuisiert ist, stellt(e) körperliche arbeit einen der wenigen erlaubten und sogar erwünschten wege der psychomotorischen abfuhr der im genannten potenzial gebundenen energien dar (ein anderer ist bis heute die sportliche betätigung).

das hat aus sicht der "eliten" gleich zwei wünschenswerte konsequenzen: einmal stabilsiert diese abfuhr das gesamte gesellschaftliche gefüge, zum anderen aber lässt sie sich selbstverständlich profitabel nutzen. mit dem zunehmenden verschwinden dieser art der arbeit primär durch automatisierung haben sich die "eliten" also aller wahrscheinlichkeit selbst ein ei ins nest gelegt, welches vermutlich zu argen verdauungsstörungen führen wird bzw. schon führt, wenn man diesen aspekt mal in zusammenhang besonders mit dem verhalten erwerbsloser junger männer betrachtet.

neben der identitätskonstruktion mittels (lohn-)arbeit wäre das also der zweite - und mit dem ersten funktional zusammengehörige - punkt, der bei der betrachtung der bedeutung von "arbeit" in deutschland eine wichtige rolle spielt. er erklärt einerseits die zu beobachtende traumatische wirkung von erwerbslosigkeit bei vielen menschen mit, andererseits aber auch die bisher primär zunehmende depression bei den betroffenen, die jedoch unter bestimmten bedingungen in relativ wahllose und destruktive aggression umschlagen kann (wenn übrigens der worst case eines krieges zwecks "rettung" des systems eintreten sollte, so wird er psychophysisch primär aus dieser quelle mit den nötigen aggressionen gespeist werden).

ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass die verfasser des textes ihre zeilen vor diesem hintergrund geschrieben haben; eher verstehe ich die entsprechenden passagen in dem sinne, wie ich ihn oben eingangs zu diesem abschnitt skizziert habe. ich arbeite unter miesen bedingungen zu einem miesen lohn, während andere direkt davon profitieren und sich ein leben im überfluss (zu allem auch noch allgemein schädlichen überfluss) gestatten? fuck you!

*

soweit also anhand des userkommentars einige weitere anmerkungen zum krisenumgang hierzulande. und so wie es aussieht, werden weitere teile in dieser reihe folgen, zumal ich ein paar weitere aus meiner sicht relevante punkte (bspw. den einfluss des fernsehens) noch nicht mal erwähnt habe.

Samstag, 2. Mai 2009

assoziation: der umgang mit der krise in deutschland (2)

die beiträge dieser kleinen reihe - hier geht´s zum ersten teil - stellen einen versuch dar, das thema besonders aus der perspektive weit verbreiteter psychophysischer strukturen in der hiesigen bevölkerung zu beleuchten. diese in jedem fall zunächst individuell vorhandenen strukturen prägen aufgrund historisch gewachsener und tradierter ähnlichkeiten wie eine größtenteils unsichtbare matrix unser aller verhalten, auch und gerade bei kollektiven reaktionen. und das gilt nochmal besonders und verschärft bei realen oder auch "nur" potenziellen existenziellen bedrohungen diverser art, welche die krise bereits jetzt (und zukünftig noch in größerem maßstab) für viele menschen mit sich bringt. das ist, sehr kurzgefasst, mein "arbeitsansatz" bei diesen beiträgen.

*

der fiktive brief des hyperion im ersten beitrag "...lässt sich durchaus nach meinem verständnis als sehr frühe psychohistorische studie lesen.". dabei beziehe ich mich vor allem auf die arbeiten des us-amerikanischen psychohistorikers lloyd deMause, von dem eine zusammenfassung seiner arbeiten
hier mit einigen seiner zentralen thesen näher vorgestellt wird.

und die basis dessen, was da von hölderlin mittels der kunstfigur hyperion über die damalige deutsche bevölkerung und ihre eigenarten im sozialverhalten konstatiert wird, lässt sich anhand von deMause bzw. den arbeiten deutscher psychohistoriker wie folgt begreifen:

(...)"Kindesmord und Säuglingssterblichkeit waren gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Deutschland und Österreich weit mehr verbreitet als in England, Frankreich, Italien und Skandinavien. Neugeborene wurden nicht als vollwertige Menschen betrachtet, weil man dachte, sie besäßen in den ersten 6 Wochen noch keine Seele und konnten so »in einer Art später Abtreibung getötet werden«. Vielfach bekamen gebärende Mütter in Deutschland »ihre Babies im Abort und behandelten die Geburt wie eine Evakuation«. Geburten, die als »Stuhlgang erfahren wurden, ermöglichten den Frauen ihre Kinder auf eine sehr grobe Art umzubringen, durch Zerschmettern ihrer Schädel wie bei Geflügel oder Kleintieren«.

Andere, die beobachteten, wie Mütter ihre Kinder töteten, bemerkten an diesen keine Gewissensbisse, »voll von Gleichgültigkeit, Kälte und Gefühllosigkeit [und vermittelten] den Eindruck allgemeiner Gefühlsarmut« gegenüber ihren Kindern. Auch wenn der Säugling überleben durfte, konnte er leicht vernachlässigt und zuwenig gefüttert, und somit »direkt in den Himmel geschickt« werden. Die Sterblichkeitsraten von Säuglingen reichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von 21 Prozent in Preußen bis zu erstaunlichen 58 Prozent in Bayern, wobei sich die Zahlen im Süden teilweise aus der Praxis des Nichtstillens erklären, denn von Hand gefütterte Babies starben dreimal so häufig wie Gestillte. Die besten Zahlen für ganz Deutschland gegen Ende des Jahrhunderts lagen immer noch über 20 Prozent, doppelt so hoch wie in Frankreich und England."(...)

(...)Klöden schreibt, das Motto deutscher Eltern gegen Ende des 19.Jahrhunderts wäre simpel gewesen: »Kinder können nie genug geschlagen werden.«Obwohl wenige deutsche Eltern der Vergangenheit sich für ihr Schlagen heute einer Gefängnisstrafe entziehen könnten, bekamen die
Kinder Ende des 19. Jahrhunderts wenig Schutz von der Gesellschaft, da ihre eigenen Worte und nicht einmal die körperlichen Spuren ihrer
schweren Misshandlung nichts zählten. Endes Erhebung beschreibt typische Gerichtsverfahren, so ein Nachbar Anzeige erstattete, wegen »eines dreijährigen Mädchens, [deren] Körper mit Striemen übersäht war. Lippen, Nase und Zahnfleisch waren offene Wunden. Der Körper zeigte zahlreiche eiternde wunde Stellen. Das Kind wurde auf einen glühend roten eisernen Herd gesetzt - zwei Wunden auf den Pobacken eiterten«, aber das Gericht sprach die Eltern frei."(...)

(auszüge aus lloyd deMause, "das emotionale leben der nationen", siehe literaturliste oder den link oben)


das sind zustände, wie sie sich nicht plötzlich erst in der beschriebenen epoche entwickelt haben, sondern auch vorher (zb. in der zeit von hölderlin) vorhanden waren - und spätestens seit den arbeiten verschiedener, v.a. ursprünglich "klassisch" psychoanalytischer dissidentInnen wie arno gruen und besonders
alice miller, fortgeführt und ergänzt durch eigene ansätze von der psychohistorie und vielfältig belegt und gestützt durch die untersuchungen der aktuellen psychotraumatologie könnten eigentlich alle wissen, dass ein derartig destruktiver umgang innerhalb unserer eigenen spezies - gegenüber dem nachwuchs - nicht nur nicht ohne schwere negative konsequenzen für die direkt betroffenen bleibt, sondern auch das potenzial besitzt, ganze gesellschaften in ihrer sozialen basis schwer zu schädigen, wenn nicht sogar mittel ständiger zwanghafter re-inszenierungen der destruktivität auf den pfad der selbstzerstörung zu treiben.

ein ganz fataler mechanismus bei traumatischen prozessen stellt dabei die eigenschaft von traumata dar, sich zu tradieren - d.h., dass traumatisierte menschen, bei denen ohne bewussten umgang mit den trauma ihr ganzes leben von selbigen in vielfältiger art und weise totalitär bestimmt werden kann - in sachen körperlicher verfassung, körperlichem ausdruck, wertesysteme, weltvertrauen, soziales verhalten, beziehungsfähigkeiten, selbst- und fremdwahrnehmung - in einem bestimmten sinne gar nicht anders können, als ihre gesamte soziale umgebung und besonders "eigene" kinder ständig mit traumatischen und auch traumatisierenden strukturen im alltag zu konfrontieren und zu beeinflussen. und das auch, ohne das die kinder selbst als traumatisch zu bezeichnende erlebnisse am eigenen leib erlebt haben müssen. der gleich prozeß kann sich dann, selbst ohne neues traumatisches material, in abgeschwächter und modifizierter form noch in den nächsten generationen manifestieren. weitere informationen zu tradierten traumata im blog bspw.
hier, hier , da und dort.

*

ich glaube dabei, dass die informationen, die hinter der wahrnehmung der tatsache, dass traumata dazu neigen, sich in gewisser - und vielfältiger - weise fortzupflanzen stecken, noch nicht annähernd in ihrer vollen bedeutung und allen konsequenzen verstanden worden sind. auch ich möchte mir das nicht anmaßen, habe aber aus meiner inzwischen jahrelangen und teils sehr persönlichen beschäftigung damit immer wieder durch vage gefühle und bestimmte aha!-erlebnisse öfter den eindruck, als würde hier eine entscheidende weggabelung unserer weiteren evolutionären entwicklung liegen. will sagen, das es für mich in manchen momenten so erscheint, das es ohne ein breites sowohl individuelles als auch kollektives verständnis des prozesses "trauma" die erwähnte entwicklung nicht (mehr) geben wird. und die spezies insgesamt in einer phase der agonie, gewalttätigkeit, allgemeiner antisozialer atmosphäre und psychophysischer verwahrlosung enden wird (alles typische mögliche symptome eines traumas, zu besichtigen schon in vielen weltregionen). und, das sollte und muss dazu gesagt werden: es wird ein sehr qualvolles ende für die meisten sein, die das möglicherweise miterleben müssen.

deutschland stellt dabei eine art mikroskop dafür dar, was weit verbreitete - und primär durch den über jahrhunderte extrem brutalen und erbärmlichen umgang mit kleinen menschen erzeugte - traumata in massenhaften dimensionen innerhalb einer gesellschaft anrichten können. ich habe im letzten beitrag bereits das, was so allgemein unter dem begriff der "deutschen mentalität" verstanden wird, kurz umrissen. und sowohl die autoritätsängste (wurden und werden bis heute zuerst in den familien verankert) als auch bereitwillige unterwürfigkeit (dito) stellen ebenso wie die brutalität gegen alles anscheinend "schwächere" (wird bis heute von den sog. "eliten" benutzt) tatsächlich zwei zusammengehörige seiten einer medaille dar. je nach betroffenem mensch, der zugehörigen sozialisation sowie dem jeweiligen sozialen umfeld im näheren und weiteren (gesellschaftliche verhältnisse) sinne können traumatische strukturen sich mal im extrem in der einen oder der anderen weise ausdrücken. aber beides gehört funktional untrennbar zusammen.

wie die deutsche, von deMause inspirierte, psychohistorische forschung ausserdem darlegt, gibt es auffällige entwicklungsunterschiede zwischen deutschland und anderen europäischen ländern (zb. frankreich) im umgang mit kindern. und diese sind bruchlos bis 1945 zu konstatieren, erst nach dem ende der nazis lässt sich ansatzweise eine sehr langsame verbesserung wahrnehmen (und relikte der üblichen und "normalen" sog. erziehung bis 45 haben sich in der alten brd, aber wahrscheinlich auch in der ddr, mindestens bis in die 1970er jahre gehalten - stichwort
heimkinder.) ebenfalls ist die mehrheitlich - zumindest öffentlich - entsetzte reaktion auf die immer wieder neuen fälle von verschiedener gewalt gegen kinder (siehe auch den index hier im blog, wo viele dieser fälle dokumentiert sind) eine für deutschland historisch recht neue reaktion, zumal die jeweiligen praktiken - kindermorde durch eltern, vernachlässigung, prügel - hier über jahrhunderte im bewusstsein viel zu vieler menschen als "normal" gegolten haben.

natürlich haben dann die historischen traumatischen kollektiverfahrungen durch diktaturen, kriege, flucht, vertreibung und auch all die gescheiterten bzw. teils "verratenen" revolutionen (wozu übrigens "1989" aus meiner sicht nicht zu zählen ist, denn das war eine systemimplosion und keine revolution) dann auf die eh schon vorhandene basis jeweils noch eins draufgesetzt bzw. diese basis immer wieder getriggert. und trotzdem halte ich den eingangs skizzierten unterdurchschnittlichen hiesigen umgang mit kindern für eine entscheidende - zumindest psychophysisch wirksame - quelle des ganzen deutschen desasters.

und eine der vielfältigen ausdrücke davon lässt sich nach meinem verständnis bspw. auch in den folgenden aussagen betrachten, mit denen ich dann wieder den bogen zur aktuellen situation schlagen möchte - stichwort
"mentalitätsunterschiede":

(...)"Die Revolution fand vor zweihundert Jahren in Frankreich statt, nicht in Deutschland", sagt Rudolf Heim von der Chemiegewerkschaft IG BCE. "Das sind unterschiedliche Mentalitäten." Dabei ist die Wut auch in Deutschland groß: "Conti stellt die Systemfrage", erklärt Heim. Es gebe eine Betriebsvereinbarung, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen in Stöcken kommt. "Damit wird eine rechtsverbindliche Vereinbarung gebrochen." Doch diesen Streit will man geordnet juristisch austragen, obwohl auch die IG BCE weiß, dass "man langfristig vor Gericht die Standorte nicht sichern kann".(...)

Heim fürchtet nicht, dass Conti-Mitarbeiter derweil die Geduld verlieren könnten und einfach ohne ihre Gewerkschaft beschließen, das Werk in Stöcken zu besetzen. "In Frankreich haben wilde Streiks Tradition, doch nicht in Deutschland."

So sieht es auch Gewerkschaftsexperte Hans-Jürgen Arlt: In Frankreich gebe es eine Protestkultur, in Deutschland eine Verhandlungskultur."(...)


so kann man sich eigene autoritätsängste und damit vorhandene konfliktscheu bzw. -unfähigkeit auch schönreden. ich würde ja den begriff einer unterwerfungskultur eher realistisch finden. aber diese realität soll und darf bis dato
nicht ausgesprochen werden:

(...)"Heitmeyer: Frankreich besitzt eine ganz andere Protestgeschichte und auch eine gewaltanfällige Protestkultur. Außerdem ist Frankreich eine Klassengesellschaft. Darin entstehen viel eher Protestbewegungen, weil die Menschen sich aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit leichter zusammenfinden.

sueddeutsche.de: Ist es auch eine Mentalitätsfrage?

Heitmeyer: Ja, auch. In Deutschland ist es bisher undenkbar, dass deutsche Arbeiter ihre Manager festhalten und als Geisel nehmen, so wie es jetzt in Frankreich passiert."(...)


starkes stück von heitmeyer, die tatsache der existenz einer klassengesellschaft in deutschland schlicht zu leugnen. und dann noch die nichterklärung mittels der "anderen mentalität". etwas quasinatürliches, vielleicht "genetisch bedingtes", wird damit suggeriert, was bei näherer betrachtung zur durchaus selbstproduzierten sozialen realität wird - selbstproduziert durch all die jahrhunderte voller schläge, grausamkeiten, beschimpfungen, anklagen und erzeugter schuldgefühle.

heribert prantl nähert sich dem ganzen komplex mit einem
weiteren aspekt , der das bisherige ergänzt:

(...)"Ist jetzt Freiheit - oder ist noch Ordnung? Dieser fragende Satz aus den Fliegenden Blättern von 1848 ist ein deutscher Schlüsselsatz, er erklärt den deutschen Anti-Chaos-Reflex. Freiheit galt hierzulande lange nicht als Inhalt und Teil der Ordnung, sondern als ein Synonym für Unruhe und Chaos. Ordnung ist gut, Freiheit ist schlecht. Das klingt noch heute in den politischen Debatten durch, mit denen neue Sicherheitsgesetze begründet werden; die Beschränkung der Freiheitsrechte soll mehr Sicherheit bringen. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, Unruhe eine Pflichtverletzung. Das wurzelt tief im kollektiven Hintergrundbewusstsein."(...)

und der vorletzte satz war schlicht und einfach jahrhundertelang eine maxime des deutschen umgangs mit kindern. und auch vor diesem hintergrund ist ein ganz wichtiger satz zu lesen:

"Die gewalttätigsten Zeiten waren in Deutschland diejenigen, in denen keinerlei Unruhe geduldet wurde."

und an anderer stelle in der gleichen zeitung ist die folgende
selbstbeschreibung zu lesen:

"Wir gelten, das ist unser gerechtfertigter internationaler Ruf, als duldsam, zuverlässig, berechenbar und flippen auch in Krisenzeiten nicht aus."

der zusatz "noch nicht" ist eine option auf die zukunft, bei der weder die genaue art des möglichen "ausflippens" (in der vergangenheit hat das bereits zweimal fast die ganze welt zu einem militärischen eingreifen gezwungen) noch die möglichen ziele benannt sind. ebenfalls finde ich es verdammt fraglich, ob duldsamkeit in irgendeiner form nun eine besonders positive eigenschaft ist (wölfe mögen bekanntlich besonders sanfte schafe...)
und irgendwie ist dieses merkwürdig unformulierte, im vagen gelassene, unaus- oder auch nicht-zuende-geprochene, zwischen den zeilen offen gelassene zumindest in meinen augen typisch für viele der beiträge, die sich in den vergangenen tagen medial mit den berüchtigten "sozialen unruhen" beschäftigten. mir fiel dabei immer wieder ein satz von theweleit aus den "männerphantasien" ein, der sinngemäß in etwa lautete, dass in deutschland alleine die vorstellung eines bürgerkriegs (die höchste zuspitzung sozialer unruhen bzw. der eskalierte klassenkampf) deshalb in einem merkwürdig obszönen geruch stehe, weil man da "an den eigenen eltern rummachen" würde - er hat das vor dem hintergrund seiner spezifischen psychoanalytischen herangehensweise mit einer sexuellen note verknüpft, die ich nicht unbedingt sehe - aber der satz macht trotzdem sinn, wenn man davon ausgeht, dass sich die "eliten" immer wieder gerne, bewusst oder unbewusst, auch als elternfiguren inszenieren. was nur deshalb funktionieren kann, weil sich relevante teile der bevölkerung davon aufgrund ihrer eigenen psychophysischen struktur ansprechen lassen. und den eltern widerspricht man bekanntlich nicht, zumindest nicht in deutschland.

*

ich vergesse bei all dem durchaus nicht, dass es spätestens seit den vielgeschmähten 68ern durchaus relevante und breiter wirksame veränderungen im umgang mit kindern hier gegeben hat; ebenfalls müssen heute die diversen gruppen von einwanderern und migrantInnen berücksichtigt werden (wobei ich die herkömmliche türkische kindererziehung nach meinem wissen ähnlich kritisch wie die deutsche bewerten würde), dazu kommen selbstverständlich auch noch ganz andere einflüsse, die über die frage des umgangs mit der krise hier mitentscheiden werden (wie die mögliche strategische und taktische intelligenz unserer antisozialen "eliten" bspw.), aber für mich ist das ausgeführte eben ein ganz entscheidender - und bspw. in den vielen aktuellen vergleichen zwischen deutscher und französischer "protestkultur" auch immer präsenter - historischer hintergrund, der von all jenen menschen, die sich hier emanzipatorische veränderungen wünschen und dafür arbeiten, keineswegs unterschätzt werden darf, was mehrheitlich leider immer noch der fall ist.

*

im dritten teil der reihe wird es dann u.a. genauer um die (öffentliche) diskussion der "sozialen unruhen" hierzulande gehen.

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