für den heutigen sonntagsblues sage ich mal ein must read! an, und den impuls fühle ich selten genug - aber es gibt geradezu sensationelle (mir fällt gerade kein passenderer begriff ein) neue informationen, die den zusammenhang zwischenpeak oilund der sich immer deutlicher manifestierendensystemkrisenicht nur unterstreichen und meiner meinung nach sehr nachvollziehbar machen, sondern diese verbindung sozusagen mit einemgrellen leuchtenden rothervorhebt:
"Eine neue Studie stellt alle derzeitigen Nachrichten in den Schatten. David Murphy hat unter dem Titel The Net Hubbert Curve: What Does It Mean? den Einfluss steigenden Energieaufwands bei gleichzeitig abnehmender Erdölförderung untersucht. Das Ergebnis lässt selbst hartgesottene Zweifler der derzeitigen Industriezivilisation erzittern.
Der Hintergrund ist, dass es Erdöl braucht um nach Erdöl zu bohren. Zieht man die Menge des zur Förderung aufgebotenen Erdöls von der Menge des geförderten Öls ab, bekommt man die Netto-Energie, die der Gesellschaft anschließend für andere Zwecke zur Verfügung steht (den Quozienten aus Ertrag und Aufwand nennt man Erntefaktor, dieser gilt sinngemäß für alle Energiequellen). Im Jahre 1930 bekam man etwa 100 Fass Erdöl für jedes Fass, das man investierte, 1970 waren es nur noch dreißig und im Jahr 2000 gar nur noch 11 Fass. Dieser Trend wird sich so fortsetzen, gerade beim Ausbeuten von Tiefsee- und Polaröl, das gigantische Aufwendungen benötigt. Murphy extrapolierte also den beobachteten Trend aus totaler Erdölförderung und Netto-Energie und kam zu folgender Prognose:"(...)
ich möchte hier nur die vielleicht gravierendste konsequenz aus dieser studie erwähnen: unserer spezies bleiben danach gerade noch 20 jahre, um vor allem die ökonomische infrastruktur - incl. produktion, transport, landwirtschaft etc. - global auf das post-öl-zeitalter umzustellen. aber nicht nur das nötige problembewusstsein sowie der nötige wille zu den nötigen umwälzenden prozessen ist weit und breit nicht zu sehen, auch und gerade die materiellen voraussetzungen, die benötigt werden, um bspw. angepasste techniken zu entwickeln - was den übergang zumindest nicht ganz so ruppig machen würde, aber beim heutigen stand der technik vorläufig weiterhin in vielen bereichen die nutzung von erdöl impliziert -, werden mit jedem kommendem jahr in diesem leider sehr plausiblen countdown schwieriger, teurer und vor allem in ihrer verfügbarkeit geringer werden.
sicher, man kann solche studien anzweifeln und in frage stellen - genauso, wie man die haltung der drei affen einnehmen kann. für alle anderen jedoch wird es dringend zeit, sich tatsächlich mit den möglichen worst-case-szenarien auseinanderzusetzen, die beim zerfall der globalisierten industrialisierten welt nach westlichem muster potenziell denkbar sind. wer den sonntag dazu nutzen will, könnte sich zum anfang mit zwei online lesebaren romanen beschäftigen:jenseits des ölgipfelssowiepeak oil reloadedder autorin eva marbach geben erste hinweise gerade auf die alltagsprobleme, die sich mit den zunehmenden auswirkungen des peaks ergeben werden.
wobei: die verhältnisse, die sich aus dem zusammentreffen von peak oil nicht nur mit der sich immer noch verschärfenden weltwirtschaftskrise, sondern auch anderen ressourcenkrisen (wasser!), den folgen des klimawandels (die sich zunächst ebenfalls in möglichen verteilungskriegen v.a. um land, massiven flüchtlingsbewegungen und zunehmenden politisch-sozialen instabilitäten manifestieren werden), sowie - und das betrachte ich als eigentliche katastrophe - dem ebenfalls global wahrnehmbaren phänomen des zerfalls der sozialen basis vieler gesellschaften bzw. dem zugrundeliegenden teilweisen oder auch kompletten der individuellen sozialen fähigkeiten vieler menschen (wie ich ihn fragmentarisch im blog zu dokumentieren versuche) ergeben, sind vermutlich etwas, was auch die phantasie des düstersten apokalyptikers überfordern dürfte. es wird höchste zeit, sich darüber klar zu werden, das die nicht mehr abreissenden botschaften des kommenden eine schwere, andauernde und fatale überlastung der inneren schutzmechanismen bei vermutlich fast allen von uns mit sich bringen werden, was ein im besten sinne ganzheitlich vernünftiges umgehen mit dieser historischen konstellation, die einen absoluten und vermutlich entscheidenden wendepunkt in der menschlichen geschichte anzeigt, fast unmöglich erscheinen lassen - wir werden uns auf alle möglichen bekannten und noch unbekannten arten der inneren flucht (in diverse virtuelle räume, zu denen auch die verschiedenen arten von wahnsinn zu rechnen sind) als massenphänomen einstellen müssen. und das ist nur ein punkt unter vielen, die am horizont sichtbar werden.
ganz ernsthaft: aus meiner sicht und mit berücksichtigung der mir realistisch erscheinenden szenarien sowie der wahrnehmbaren entwicklungen steuern wir rasend schnell auf einen punkt zu, an dem sich nur noch eine einzige alternative für die überwiegende mehrheit aller menschen stellen wird. und die lautet:
(die art unseres lebens radikal) ändern oder sterben.
(...)"So ist es ja immer gewesen, dass die Deutschen entweder andere das Fürchten lehrten oder sich vor sich selber fürchteten. Nun merken wir, dass etwas sich verändert hat; das heißt, die anderen merken es. Roger Cohen, der Berlin-Korrespondent der New York Times, schrieb kürzlich in der Süddeutschen: »Die Welt steht Kopf – die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich!«(...)
ein kurzer auszug aus einemessay, der die frage stellt, "was eigentlich aus der german angst geworden ist". ich komme auf diesen artikel später nochmal zurück. vorher grabe ich nochmal imletzten herbst, genauer ende oktober, wo ich folgendes skizziert hatte:
(...)"es ist vor dem eben umrissenen eigentlich kein wunder, dass bei der aussicht auf derart gewaltige um- und zusammenbrüche eine mehrheit der hiesigen bevölkerung nichts mitbekommen will - ja, will. denn auch wenn die materie gerade bezgl. der ökonomie komplex ist, so sind doch für alle interessierten die nötigen informationen (noch) vorhanden, um sich ein wie rudimentär auch immer ausfallendes bild der situation machen zu können. bezgl. dieses punktes gibt es keine entschuldigung. es muss also etwas mit der eigenen motivation, den verbreiteten inneren strukturen und auch mit der eigenen wahrnehmung zu tun haben, wenn hier bisher weiter "alltag" gespielt wird. ein wichtiger punkt ist dabei sicherlich die schon neulich aufgegriffene soziale trance, zu der die propagierung von "privatheit" (in der form als synonym von vereinzelung) sicher viel beiträgt. will sagen: uns fällt jetzt die allgemeine schädigung der beziehungsfähigkeiten (und damit auch schädigung der fähigkeiten zum kollektiven handeln) voll auf die füße. und als eine folge davon werden wir im zuge der weiteren eskalation der krise mit zunehmend destruktiver werdenden ängsten und aggressionen rechnen müssen"(...)
jetzt, ein gutes halbes jahr später, scheint mir der zeitpunkt gekommen zu sein, um die im letzten satz genannte these erstmals auf ihre plausibilität zu überprüfen. das kann ich naturgemäß nur auszugsweise, weil ich weder über die möglichkeiten noch über die zeit verfüge, entsprechendes bundesweit gültiges datenmaterial zu sammeln und zu sichten. datenmaterial, welches ich vor allem in den rubriken der "unpolitischen", "privaten" und "alltäglichen" gewalt suchen würde, denn - und den zusatz hatte ich damals nicht gemacht - gerade in diesen bereichen vermute ich das erste sichtbarwerden der destruktiven kollektiven tiefendynamik, welche diese umfassende systemkrise innerhalb einer bevölkerung unfehlbar mit sich bringen wird, die mehrheitlich nicht (mehr) fähig erscheint, sich qualitativ andere lebens- und existenzbedingungen auch nur vorzustellen und den herrschenden kapitalismus plus seine totalitär verdinglichenden wirkungen im gesamten sozialen leben als quasi-"natürliches" ansieht.
fangen wir also mal an mit dem kleinen und nicht repräsentativen überblick von entsprechenden meldungen, die mir in den letzten wochen und monaten so im gedächtnis hängen geblieben sind. da wären zum einen etliche großereignisse wie bspw. derrheinische karnevalim februar:
"Nachdem es schon an Weiberfastnacht teils aggressiv und gewalttätig zuging, kam es auch am Rosenmontag vor allem in Köln zu zahlreichen Schlägereien. In den anderen Karnevalshochburgen des Landes wurde nach Angaben der Polizei weitgehend friedlich gefeiert."
aber:
(...)"An allen Karnevalstagen zusammen haben die Beamten weniger Einsätze absolvieren müssen als im Vorjahr. Nur an Weiberfastnacht sei es gewalttätiger als sonst zugegangen, resümiert Baldes.
Die Bundespolizei im Kölner Hauptbahnhof verzeichnet einen sprunghaften Anstieg der Gewalt. Von Weiberfastnacht bis zum Abend des Rosenmontags wurden 19 Körperverletzungen gemeldet."(...)
nur ein großstadtphänomen?
(...)"Doch nicht nur der Kölner Karneval wird von gewalttätigen Jecken massiv gestört. Auch die Polizei im Rheinisch-Bergischen Kreis bemerkte eine zunehmende Gewaltbereitschaft. "Mit von Jahr zu Jahr zunehmender Tendenz ist festzustellen, dass junge Leute kaum noch Interesse an Karneval selbst haben, sondern die Tage gemeinsam nutzen, um sich in jede Richtung auszuleben", erklärt Norbert Knappe von der Polizei in Bergisch Gladbach. Die Einsätze wegen körperlicher Gewalt sind von 69 Delikten im vergangenen Jahr auf 103 angestiegen."(...)
und als bewohnerin von köln hattesomludamals in bezug auf karneval einen aspekt erwähnt, der auch in allen folgenden meldungen fast immer eine nicht unwesentliche rolle spielen wird - alkohol.
von karneval in den april vor meine haustür nach bremen, wo bspw.folgendeszu verzeichnen war:
"Bei drei verschiedenen Einsätzen wurde am Wochenende Widerstand gegen die einschreitenden Polizeibeamten geleistet. Auf dem Vegesacker Bahnhofsplatz trat und schlug ein 23 Jahre alter Mann auf Polizisten ein und zertrümmerte die Scheibe eines Streifenwagens. Am Werdersee trat eine 14 Jahre alte Jugendliche mit Füßen nach den Beamten und beschädigte die Tür eines Streifenwagens und in Bremen-Burg widersetzte sich ein 29 Jahre alter Bremer seiner vorläufigen Festnahme mit Fußtritten gegen die Beamten."(...)
alle beteiligten waren im alter bis ca. 25, also nach allgemeinem verständnis noch jugendliche. bei zwei der fälle war ebenfalls alkohol im spiel. und bemerkenswert - selbst die polizeitypische überhöhung von "widerstandshandlungen" abgerechnet - fand ich vor allem das spontane attackieren der polizei seitens der verhafteten.
ostern war zumindest hier bisher eine art festivität, die nicht durch irgendwelche besonders exzessiven "feiern" geprägt war - bis zu diesem jahr. wer sich ein wenig mit der geschichte der straßenkrawalle in der (alten) brd beschäftigt hat, wird den namensielwallkreuzungvermutlich schon mal gehört haben:
"In den frühen Morgenstunden des Ostersonntages blockierten zirka 250 bis 300 zum Teil erheblich angetrunkene Menschen die Sielwallkreuzung. Es wurde unkontrolliert Fußball gespielt und dabei auch die Oberleitungen der Straßenbahn getroffen. Der ÖPNV wurde daraufhin umgeleitet. Durchfahrende Taxen wurden von der Menge umringt und als Polizeikräfte vor Ort erschienen, wurden diese mit Flaschenwürfen attackiert."(...)
hieß es in den ersten meldungen der lokalpresse seitens der polizei noch, das wäre alle ein werk von "autonomen" im zusammenspiel mit "erlebnishungrigen jugendlichen" gewesen, so wurde das später revidiert - es blieben nur die letzteren übrig. es kam übrigens in den letzten wochen noch öfter zu solchen fussballspielen nachts auf dergleichen kreuzung - "Heute Morgen hielten sich ca. 150 Personen im Bereich der Sielwallkreuzung in größtenteils aggressiver Grundstimmung auf. Sie spielten auf der Kreuzung Fußball, feuerten Leuchtraketen ab und hatten mitten auf der Kreuzung ein 120 Liter fassendes Müllgefäß in Brand gesetzt. Der Individualverkehr war blockiert.
Die eintreffenden Polizeikräfte wurden mit Flaschen beworfen und wüst beschimpft. Durch zügiges Vorgehen der Einsatzkräfte - u.a. unter Einsatz von Diensthunden - wurde die Kreuzung geräumt."(...) -, was eine größere öffentliche debatte unter forderung nach mehr polizeipräsenz nach sich zog. und stellt das umfunktionieren der kreuzung besonders nach werder-spielen oder auch bei welt- und europameisterschaften schon eine art tradition dar, so war dieses jahr das erste mal zu beobachten, wie nicht nur ostern, sondern (s.o.) auch noch ein paar wochenenden später sich jeweils eine menge ohne einen solch "formalen" anlaß versammelte, mit anschließenden weiteren polizeieinsätzen. es hat fast den anschein, als würden sich die über jahre berüchtigten "silvesterkrawalle" rund um die kreuzung jetzt unregelmäßig auf das ganze jahr ausdehnen. nächsten mittwoch dürfte anläßlich des uefa-pokal-endspiels unter bremer beteiligung - und vor einem feiertag - ähnliches zu beobachten sein, wobei der gleichfalls beginnende kirchentag am selben abend vermutlich für eine sehr seltsame kombination von sich auf der straße befindlichenden menschen sorgen wird.
aber ostern war auch an anderen orten - wie zb. einem großen und ebenfalls seit jahren stark besuchten osterfeuer am weserstrand - gekennzeichnet von maßlosen alkoholkonsum sowie teils schweren übergriffen und überfällen, in einem fall einer messerstecherei, bei denen überall ebenfalls jugendliche bis 25 - meist noch jünger - beteiligt und betroffen waren.
bleiben wir noch ein wenig beim stichwort fussball, der ja nicht nur in seiner kommerziellen "profi"-variante und nicht nur in massenpsychologischer hinsicht einigefunktionenerfüllt, sondern sich dadurch auch als eine art gesellschaftlicher seismograph nutzen lässt. vor ein paar tagenbeschwertesich wieder einmal die polizei:
(...)"Pro Spielsaison summierten sich die Einsatzzeiten von Polizeibeamten mittlerweile auf 1,3 Millionen Stunden, berichtet Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder. Jedes Wochenende würden deutschlandweit rund 800 Spiele von Beamten begleitet.
Die enorme Zahl lässt sich einerseits auf das Phänomen zurückführen, dass selbst in den unteren Ligen, die Gewaltbereitschaft von Fangruppen zunimmt. Ein zweiter Grund ist die Entwicklung der Ultras-Bewegungen, die der Polizei Kopfschmerzen bereiten. Aus den einstigen Kritikern der Kommerzialisierung des Fußballs, gehen nach Darstellung der Polizeivertreter immer öfter gewaltbereite Gruppen hervor."(...)
wobei bzgl. der "ultras" noch anzumerken wäre, dass sich hier die wahrnehmung der polizei naturgemäß von der wahrnehmung der fans krass unterscheidet (interessierte stöbern bittehier.)
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soweit wie gesagt ein paar nicht repräsentative, subjektive und schlaglichtartig ausgewählte meldungen in sachen "unpolitischer" gewalt aus den letzten monaten. die verzerrenden medialen einflüsse sowie die interessen der polizei schon berücksichtigt: was können uns solche meldungen nun in hinsicht auf die ausgangsfrage sagen? sind sie überhaupt aussagekräftig? immerhin waren ja bei den gleichen anlässen zeitgleich teils tausende menschen unterwegs, die nun nicht in irgendeiner form "polizeilich auffällig" geworden sind. und da ist schon die erste einschränkung: die aktuelle qualität der hiesigen sozialen beziehungen sowie der allgemeine individuelle psychophysische "durchschnittszustand" lässt sich meiner meinung nach aus solchen meldungen nur beschränkt ableiten, nicht zuletzt deshalb, weil sich besonders bereiche wie die innerfamiliäre oder auch beziehungsgewalt, aber auch das mobbing im beruf, immer noch weitgehend unbeobachtet abspielen. hingegen sind die jugendlichen und teils auch die kinder seit jahren (medial) immer zuerst im blickpunkt, nicht nur wg. des sog.komasaufens, sondern auch wg. der konstatierten allgemeinenperspektivlosigkeit, die in diesem fall jedoch prompt - und wieder öffentlich - sofortbestrittenwird.
kurz: es ist ein durchaus widersprüchliches bild, was sich da (medial) präsentiert. und ich versuche mal, sowohl die widersprüche als auch die aus meiner sicht vorhandenen tatsächlichen tendenzen auf den punkt zu bringen:
alkohol: bekanntlich die "volksdroge" nr.1, und ihr einfluss bei massenevents aller art ist gewaltig. ich halte die beliebtheit von alkohol aufgrund seiner spezifischen wirkungen - u.a. förderung von enthemmung und amnesie - hierzulande nicht für zufällig. und wenn ich mir so die alltäglichen straßenszenen so betrachte, die ich mitbekomme, bekomme ich mehr und mehr den eindruck, dass - analog zum einsatz bei der ganz persönlichen "krisenbewältigung", wie er seit jeher benutzt wurde - auch die laufende systemkrise im aktuellen stadium nicht unwesentlich mittels alkohol von vielen vorläufig "weggetrunken" wird.
"widerstand gegen die staatsgewalt": bei aller vorsicht, die vor allem aus der berücksichtigung der eigeninteressen der polizei bei solchen öffentlichen diskussionen herrührt - hier habe ich ebenfalls den eindruck, dass es primär, aber nicht nur, unter bestimmten teilen von jugendlichen zu einer massiven verschiebung in der hinsicht gekommen ist, dass die polizei ihren status als "respektsinstitution", wie sie ihn bspw. noch in meiner jugendzeit in den 1970ern besaß, massiv eingebüsst hat. und das ist aus meiner sicht auch keine entwicklung, die nur mit der zunahme der zahl von kindern / jugendlichen aus migrantischen milieus zu tun hat, die in ihren herkunftsländern teils mit einer wesentlich offener brutal agierenden polizei zu tun haben (was die polizei hierzulande nun nicht freisprechen soll.) ich finde diese entwicklung durchaus ambivalent: einmal ist eine weichende angst vor der "staatsgewalt" in meinen augen nun nichts grundsätzlich negatives, weil zu fähigkeiten wie dem öffentlichen und bewussten politischen widerspruch nun einmal auch relativierte ängste gegenüber dem staatsapparat gehören; zum anderen aber könnte es sich dabei auch um menschen handeln, wie sie in diversen blogbeiträgen schon beschrieben wurden, mit sehr ernsten psychophysischen störungen, die sich durch grenzenlosigkeiten aller art, und eben nicht nur gegenüber staatlicher gewalt, manifestieren.
"öffentliche" (bzw. öffentlich registrierte) straßengewalt allgemein: meines wissens in den letzten jahren statistisch zurückgegangen, wobei eine in relation kleine gruppe von primär ebenfalls jugendlichen hier eine erhöhte brutalisierung gegenüber ihren opfern zeigte. ich vermute, dass sich im laufenden jahr hier sowohl der allgemeine trend spürbar verändern wird (ich gehe von einer zunahme aus), als auch die brutalisierung verschärfen und ebenfalls verbreiten wird.
die "unsichtbaren" gewaltformen: hier sind das schon genannte mobbing, auch stalking, ebenfalls die sog. beziehungsgewalt, aber auch die folgen wie psychophysische ("psychische") krankheiten gemeint. und gerade in diesem bereich gehe ich bis auf weiteres - solange nämlich keinerlei wirkliche politische massenbewegung erkennbar ist - von einer enormen verschärfung aus. warum, steht letztlich schon in den vorherigen teilen dieser reihe: die vorhandene traumatische matrix im zusammenspiel mit den vereinzelnden ("individualistischen") ideologischen maximen, zuschreibungen und "werten" des herrschenden systems begünstigt eindeutig die letzteren reaktionen als "typische" für den hiesigen bisherigen umgang mit einer krise solchen kalibers. soweit meine persönliche prognose.
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auch bei hinzunahme weiterer potenzieller indikatoren, die auskunft über kollektive tiefenprozesse geben können, erscheint die situation weiter widersprüchlich. nehmen wir einmal einen (musikalisch einigermaßen erträglichen) chart-hit, nämlich "haus am see" von peter fox, der mitte oktober letzten jahres (offener krisenbeginn) zuerst unter den "top ten" in d-land auftauchte und sich in den charts bis vor kurzem halten konnte:
ist der text ironisch gemeint? ich bin mir da ernsthaft nicht sicher, obwohl ich zumindest ironische anklänge durchhöre. ansonsten stellt der text eine geballte ansammlung von vorstellungen des unbeschwerten, wenn auch modifizierten, spießerglücks aus männlicher sicht dar - individueller "erfolg", eine narzisstische "die-welt-ist-für-mich-da" haltung, die sich regelrecht beisst mit tendenzen zum cocooning im eigenen "haus am see" und geradezu aufdringlichen wünschen nach einer (groß-)familie sowie sozialer verankerung, bei gleichzeitiger akzeptanz des neoliberalen credos vom win-it-or-lose-it, selbstverständlich mit "gezinkten karten". und alles ausgesprochenerweise ein traum.
kurz: der song lässt sich in meiner wahrnehmung durchaus auch als krisensong verstehen, je nach blickwinkel als einer der trotzigen sorte, oder aber auch als abgesang auf hiesige lebensträume und -entwürfe (wenn man denn die eventuelle ironische komponente als existierend bezeichnet).
als anschluß dazu gleich eine der zahllosenumfragendieser zeit:
(...)"In ihrem Unmut über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise würde offenbar die Mehrheit der Berliner Gewalttätigkeiten gegen die Verantwortlichen gutheißen. Wie eine aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der «Berliner Zeitung» (Wochenendausgabe) ergaben, sagten 58 Prozent der Befragten, dass sie Verständnis für gewalttätige Proteste und Demonstrationen haben, die sich etwa in Frankreich gegen Banker und Manager richteten. Verständnis für solche Aktionen haben in Berlin besonders Anhänger der Linken (69 Prozent) und der Grünen (66 Prozent), aber auch 58 Prozent der SPD- und immerhin 53 Prozent der CDU-Anhänger."(...)
was im eingangs erwähnten essay so kommentiert wird:
(...)"Man kann die Solidität einzelner Umfragen mit Fug bezweifeln, aber nicht bezweifeln lässt sich, dass sie nicht das geringste Indiz für Radikalisierungen, gleich welcher Art, enthalten. Es müssten sich ja, aller historischen Erfahrung nach, ökonomische Krisenerfahrungen in einem sichtbaren Zulauf zu radikalen Parteien äußern. Nichts davon ist zu sehen. Zwar gibt es, vor allem in den neuen Bundesländern, einen harten Kern neofaschistischer Antidemokraten, aber erstens ist der in Frankreich oder Italien nicht kleiner, zweitens gab es ihn schon vor der Krise, und dass er jetzt wachsen wird, ist keineswegs ausgemacht."(...)
der erste satz ist im angesicht der zitierten umfrage eine völlig widersprüchliche behauptung, und nichts weiter. die nächste behauptung stimmt zwar, es ist für mich aber inzwischen mehr als fraglich, ob sich das genannte historisch gewohnte muster auch bei dieser krise finden lassen wird. die entscheidenden reaktionen in den kollektiven tiefenströmungen werden sich aller wahrscheinlichkeit in historisch neuen formen ausdrücken, die sich erst als letztes - wenn überhaupt - in irgendwelchen prozentanteilen irgendwelcher parteien wiederspiegeln werden (eher in solchen formen, wie ich sie oben als alltagsgewalt umrissen habe). und das hat nicht nur etwas mit den in den letzten beiträgen in dieser reihe skizzierten verhältnissen zu tun, sondern auch mit der endgültigen zerschlagung aller organisierten strukturen der arbeiterbewegung hierzulande im nationalsozialismus. das war ein bruch, von dem sich "die linke" bis heute nicht erholt hat (und das meine ich nicht primär auf die zerschlagung der kpd bezogen, sondern eher auf das, was sich als "proletarisches milieu" bezeichnen ließe - von arbeitersportvereinen über selbsthilfestrukturen in proletarischen vierteln bis hin zu einer ausgewachsenen kleingartenkultur (die nicht umsonst bis heute staatlicherseits sehr reglementiert wird - im ns waren die parzellengebiete vieler großstädte rückzugsorte des vorhandenen widerstands).
der autor des essays in der zeit hat nicht nur davon offensichtlich keinen begriff, sondern auch nicht von der existenz transgenerationaler traumata, wie sie hier schon thema waren (und wie sie die teils durchaus zutreffenden bemerkungen zur öffentlichen stimmung in den 1980er jahren miterklären können).
(...)"Man soll nie sagen, etwas sei ein für alle Mal vorbei, aber ein unbefangener Blick auf die Gegenwart lehrt, dass die alte Mechanik aus Angst und Aggression schwach geworden ist. Natürlich gibt es immer wieder Gegenbeweise, aber in der jetzigen Wirtschaftskrise geschah es nicht in Deutschland, dass Banker oder Manager attackiert wurden, sondern in England und Frankreich."(...)
und das wird als ausdrücklich positiv beschrieben, obwohl man ebensogut desinteresse, nichtwissen über das tatsächliche ausmaß der krise sowie immer noch vorhandene autoritätsängste und falsche vorstellungen über die "eliten" als wahrscheinlichere gründe anführen konnte. immer noch wird ein "seriöses" auftreten im nadelstreifenanzug und das sprechen in esoterischen und bedeutungsvoll erscheinenden worten über ökonomische zusammenhänge von vielen hierzulande als beweis für gute absichten und fähigkeit genommen. derhauptmann von köpenickist immer noch lebendig, und der oben beschriebene veränderte umgang von teilen der jugendlichen mit der staatsgewalt stellt dabei nur scheinbar einen widerspruch dar - die eine (staatliche) uniform mag abgelehnt werden, aber die fixierung und mehr oder weniger heimliche sehnsucht nach der anderen (nadelstreifen) ist nach jahrzehnten der kapitalistischen formierung unter totalitären vorzeichen (und als symbol für geld = "leben") mehr oder weniger ungebrochen. bisher sollen nur die nieten weg (wenn überhaupt), aber (noch) nicht das gesamte system dahinter.
der dokumentierte essay lässt sich als verspäteter kommentar zu den vor ein paar wochen beschworenen und verdammten sozialen unruhen lesen, und das bringt mich jetzt direkt zu diesem thema zurück. es gab da u.a. eine ganz aufschlußreichesammlungverschiedener "prominenter" stimmen, ein paar auszüge:
(...)"Bisher war die soziale Stabilität ein klarer Standortvorteil. Wer auch diesen noch abschaffen will, setzt nicht nur die Zukunft unserer Wirtschaft und ihrer Arbeitsplätze aufs Spiel, sondern führt etwas anderes im Schilde: Der will ein anderes politisches System!"
Hans-Olaf Henkel
ganz recht, "herr" henkel - und zwar ein system, wo leute wie Sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu melden haben.
(...)"Die Geiselnahmen in Frankreich zeigen, welche Lösungen verzweifelte Menschen suchen. Daraus kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die von den Verantwortlichen genau beobachtet werden sollte - sie könnten zur Rechenschaft gezogen werden. Darum brauchen wir schnell ein gewaltiges Beschäftigungsprogramm, das gerade den industriellen Bereich stärkt. Die Regierung muss ganz schnell viel Geld lockermachen."
Rainer Einenkel
ein betriebsratsvorsitzender von opel auf gewerkschaftslinie - "geld her, oder ihr werdet zur rechenschaft gezogen". eine kleine erpressung zur erhaltung des status quo der industriearbeiterschaft. aber keinesfalls systemkritisch.
(...)"Und es gibt die reale Gefahr, dass der zentrale Aufruf von rechts erfolgt. Es ist ja angenehm, dass es in dieser Hinsicht in Deutschland bisher sehr ruhig geblieben ist, nicht so wie in anderen europäischen Ländern. Wenn jetzt nichts von links kommt, besetzt die Rechte das ganze. Die Linke muss reagieren, von ihr muss ein Aufruf kommen, etwas, um das die Leute sich sammeln können. Und damit meine ich kein fertiges Programm, die Alternative selbst kann nur in einem Prozess kollektiver sozialer Unruhe entstehen.
Thomas Seibert
eine stimme aus der außerparlamentarischen radikalen linken. ich sehe die skizzierte gefahr ebenfalls, wenn auch nicht als alleinige - auch der organisierte faschismus wird sich mit den eingangs und bisher umrissenen reaktionen schwer tun, obwohl er in sachen andockpunkte an gewaltstrukturen mehr und "bessere" optionen hat als die linke. den letzten satz hingegen kann ich nur unterschreiben, das sehe ich gleich.
und als letztes ein wissenschaftler:
"Niemand kann voraussehen, ob und wann es soziale Unruhen auch in Deutschland geben wird. Ich auch nicht. Trotzdem teile ich nicht die Einschätzung, dass es hier auf Dauer ruhig bleiben wird. Unter der Oberfläche brodelt es bereits.
Wir haben ganz aktuell die Leute in den Betrieben befragt und es zeigte sich: Der Unmut wächst. Entscheidend für Deutschland ist bisher, dass die Kurzarbeit noch viele Probleme abfedert. Die Frage ist jedoch, wie lange das halten wird. Eine Reihe von kleinen Unternehmen werden vor der Insolvenz stehen, und auch bei den großen Betrieben wird es massiven Personalabbau geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einer Wirtschaftsstruktur, die ohnehin bereits eine stark prekarisierte Arbeitswelt hat, eine weitere Prekarisierung völlig folgenlos bleiben wird."(...)
ja, was wird passieren, wenn die absehbaren massenentlassungen real werden, was wird nach den bundestagswahlen passieren, wenn der zwang zu (leeren) versprechungen bei der politischen "elite" nicht mehr vorhanden ist und die große rechnung präsentiert werden wird? was wird also in dem moment passieren, wenn die krisenfolgen ganz spürbar auch für viele derjenigen werden, die sich heute noch - ob aus unwissenheit oder/und selbstsedierung - in "sicherheit" wähnen? was wird dann aus all den in diesem beitrag erwähnten teils eher unterschwelligen reaktionen von aggressivität gegen andere, aber auch in großem maße gegen sich selbst? wie wird sich dieses potenzial entwickeln?
denn die krise läuft nicht nur hierzulande unbeirrbarweiter, und die frage bleibt offen, ob in einem halben jahr immer noch relative ruhe und der quasiwunsch nacheiner art volksgemeinschaftdominieren. und wie lange das noch vorhandene restvertrauen in diedgb-gewerkschaftenanhalten wird.
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das war jetzt ein zugegebenermaßen sehr "voller" und assoziativer beitrag, aber genau dafür existiert ja auch die entsprechende rubrik. und ich hoffe, gerade durch die vielzahl auch widersprüchlicher aspekte vielleicht dem einen oder der anderen leserIn anregungen für eigene wahrnehmungen gegeben zu haben.
im letzten teil der reihe werde ich dann noch einen aspekt behandeln, der mir hierzulande besonders relevant erscheint: die massenwirkung des fernsehens als teil der sozialen trance.
"Die Politiker pumpen Billionen Euro und Dollar in die Wirtschaft, um der globalen Krise Herr zu werden. Alles umsonst, fürchtet Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet."(...)
und ob diese katastrophe so eintreten wird, hängt nicht zuletzt maßgeblich von den reaktionen relevanter bevölkerungsmehrheiten rund um den globus ab - darum jetzt ein weiterer blick vor die haustür.
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in einemkommentarzu einem der songs in den letzten krisennews hat "argolis" folgendes angemerkt:
"Einige der Songs sind auch ganz nett, nur bei RoboZ - wenn die Rede ist von 'Parasiten', von 'menschlichen Schmarotzern' und das Ressentiment gegen das arbeitslose Einkommen gepflegt wird - wird mir eher übel."
ich greife diese kritik deshalb auf, weil sie direkt zu einigen zentralen punkten der bisherigen "krisenbewältigung" hierzulande führt - der öffentliche diskurs von der "gier einiger weniger schwarzer schafe" ist darin ebenso enthalten wie die dadurch potenziell im raum stehende unheilvolle trennung zwischem (bösen internationalen) "raffenden" und (guten deutschen) "schaffenden" kapital, die damit verbundene these vom "strukturellen antisemitismus" sowie die fragen danach, ob die krise erstens hierzulande in nennenswertem maße bestehende aggressions- und wutpegel steigern und zweitens bis zu ihrem ausbruch triggern kann (diese fragen dürften sich real auch größtenteils hinter der öffentlichen debatte zu den "sozialen unruhen" verbergen).
ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend, trotz wahrnehmung der erwähnten und sich durchaus aufdrängenden assoziationen. warum? wenn ich diese frage für mich zu beantworten versuche, komme ich zu folgenden schlüssen: erstens benennt er tatsächlich die ständig geleugnete realität einer existierenden klassengesellschaft, in der sich eine immer größer werdende spaltung der materiellen situation zwischen einer im verhältnis tatsächlich sehr kleinen schicht oben und einem größer werdenden unten auftut. zweitens wird die tatsache benannt, dass es tatsächlich konkrete täterInnen innerhalb der strukturen gibt (eine tatsache, die von einer breiten medialen koalition von leuten wie bspw. hans werner sinn bis hin zu teilen der radikalen linken bestritten wird - "es sind die anonymen systemzwänge". ich halte eine derartige argumentation für bestens geeignet, tatsächlich leute in scharen zu einer potenziellen faschistischen massenbewegung zu treiben. erstmal sehe ich einen grundsätzlichen widerspruch zwischen zwei - auch gerne in der linken - gebräuchlichen konstrukten: die "anonymen systemzwänge" (in gestalt der notwendigen profitakkumulation, der eigenen behauptung am markt etc.) beissen sich direkt mit der immer wieder gerne postulierten "(selbst)verantwortungsfähigkeit" "des" menschen, die für viele linke welt- und menschenbilder eine tragende rolle spielt.
wenn man aber diese "verantwortungsfähigkeit" ernstnimmt (ich tue das nur begrenzt, weil ich die nicht von vorneherein als irgendwie gegeben betrachte, sondern als potenzial bzw. option sehe, dessen manifestation direkt von den gesellschaftlichen verhältnissen und der jeweiligen förderung dieser option abhängig ist), so ist das bild des von kapitalistischen zwängen determinierten managers /bankers / unternehmers sehr fragwürdig - was zwingt diese leute schließlich dazu, in ihren positionen zu verharren, wenn sie aufgrund ihrer fähigkeit zum verantwortlichen handeln doch erkennen müssten, dass sie nicht nur andere existenziell gefährden, sondern langfristig auch sich selbst? (eine art tatsächlicher zwang ist nur bei klinischen soziopathen gegeben). sie könnten ja schließlich auch etwas ganz anderes aus ihrem leben machen (dafür gibt es übrigens auch ein paar wenige beispiele).
dann: die "anonymen systemzwänge" mögen ja strukturell durchaus vorhanden sein, aber trotzdem ist zu ihrer materiellen umsetzung in die realität das konkrete tun und lassen ganz konkreter personen notwendig - nicht der "zwang" zur rationalisierung und zur drückung der lohnkosten führt zu massenentlassungen und erwerbslosigkeit, sondern die entsprechenden beschlüsse und die unterschriften unter die kündigungen von wieder ganz konkreten personen. letztere mögen sich zwar auf die "zwänge" berufen, aber sie könnten ebensogut ja auch - zusammen mit der betroffenen belegschaft - nach mitteln und wegen suchen, eine ökonomie zu gestalten, die ohne die dem konkurrenz- und leistungsprinzip immanenten zwänge funktioniert. und auch hier führen die fragen zu den möglichen gründen, warum die sog. "führungspersönlichkeiten" bzw. "leistungsträger" letzteres i.d.r. nicht einmal in erwägung ziehen, direkt zur frage nach ihrer möglichen psychophysischen verfassung.
die genannten systemzwänge sind also nur dann ein relevanter faktor, wenn die handelnden personen aufgrund ihrer persönlichkeitsstruktur tatsächlich ebenfalls so determiniert sind, dass ihnen diese zwänge nicht als solche erscheinen, sondern als quasi "natürliche" und scheinbar alternativlose lebensbedingungen - und das macht es gerade in diesem fall aus meiner sicht noch notwendiger, sich mit den handelnden personen und erst recht mit ihrer isolierung von allen relevanten machtpositionen in politik & ökonomie zu beschäftigen - eine schlußfolgerung, die zwar aus anderen gründen, aber immerhin von anderen teilen der linkengleichfalls gezogenwird:
"Wann, wenn nicht jetzt fordern wir den Bruch mit dem System und den Verantwortlichen?
Weder wird das System des kapitalistischen Verwertungszwangs radikal hinterfragt, noch werden die Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft benannt. Die Tietmeyers, Eichels, Steinbrücks, Merkels, die Asmussens oder die Issings und Ackermanns. Das sind sie. Sie sind die Verantwortlichen für das Desaster. Sie sind die Verantwortlichen aus Deutschland für die drastische Zunahme von Hunger, Elend und Vertreibung durch die Weltfinanzkrise. Sie müssen verschwinden. Und zwar alle. Wie hieß der Schlachtruf 2002 in Argentinien? "Que se vayan todos"! (Alle sollen abhauen)"
der bruch mit dem system und den verantwortlichen - das eine ist ohne das andere nicht schlüssig, nicht sinnvoll, und auch nicht zu haben.
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und auch wenn man argumentiert, dass die jeweils handelnden personen aus den "eliten" letztlich ja nur austauschbare charaktermasken" darstellen würden, ändert das nichts an der notwendigkeit, ihnen direkt auch ihre persönlichen grenzen - und ihre endlichkeit - aufzuzeigen, notfalls auch in solchen formen, wie sie bspw. in der vergangenheit vongünther andersfür den fall eines "gesellschaftlichen notstands" skizziert worden sind - dazu kann doch auch das szenario aus dem text der "roboZ" zählen, in den entsprechenden wohnvierteln den "eliten" direkt auf den pelz zu rücken (was eh mehr sinn machen würde als die immer wiederkehrenden rituale der zerstörung von infrastruktur in gerade denjenigen vierteln, wo größtenteils die betroffenen der elitären "politik" wohnen - seien es nun banlieus oder auch, etwas anders gelagert, viertel wie kreuzberg und die schanze).
zu begriffen wie "parasiten" und "schmarotzern" habe ich nun durchaus eine deutlicheposition, und sehe es trotzdem analog dem text lieber, wenn denn solche begriffe denen zurückgegeben werden, die man inhaltlich treffend noch am ehesten damit belegen kann - und das sind natürlich nicht die erwerbslosen bzw. "hartzer", sondern das ganze antisoziale pack an der macht. will sagen: es gibt auch für mich grenzen der geduld und der verständnis- bzw. reflexionsbreitschaft und -fähigkeit, hinter der mächtige wut und der wunsch danach steht, dass bestimmte leute für ihre ständigen destruktiven aktionen in massendimensionen endlich auch spürbare und schmerzhafte konsequenzen erleiden sollen. und genau solche wünsche und auch die wut, die ich erstens für verständlich und zweitens auch für legitim halte, werden durch ermahnungen in richtung "unzulässiger" personalisierung von "anonymen systemzwängen" seitens bestimmter linker nicht nur ins leere laufen gelassen (wo sie sich selbstverständlich nicht verflüchtigen, sondern sich schlimmstenfalls gegen die eigene person wenden), sondern es werden damit gleichzeitig auch die nötigen psychophysischen prozesse blockiert, die als voraussetzung für späteres (zielgerichtetes und bewußtes) handeln grundsätzlich notwendig sind.
mit anderen worten: bei der notwendigen berücksichtigung der psychophysischen verfassung breiter bevölkerungskreise in diesem land ist jede art von verbot, antikapitalistische impulse und ressentiments auch in personalisierter form zu empfinden, eine fatale und geradezu suizidale dummheit. die meiner meinung nach auch nicht unmaßgeblich in den 1920ger und 30ger jahren seitens der damaligen linken mit zum aufstieg des faschismus beigetragen hat. wer an strukturell mehr oder weniger psychophysisch geschädigte menschen ansprüche hinsichtlich (selbst-)reflexionsfähigkeiten und einsicht in strukturelle gegebenheiten stellt, die diese vorläufig nicht erfüllen können und dazu noch keinen begriff von der elementaren und existenziellen aggression besitzt, die das leben in sich selbst als "zivilisiert" bezeichnenden kapitalistischen gesellschaften mit ihrer ständigen tabuisierung so ziemlich jeglicher - auch positiver und nötiger - aggression ständig produziert, hat eine der wesentlichen lektionen des faschismus schlicht nicht verstanden. die nazis haben nämlich genau mit diesem potenzial erfolgreich "politik" gemacht.
es gilt dabei auch, die enge innere verwandtschaft zwischen depression und aggression (die erstere begreife ich als verwandelte letztere) zu beachten, die unseren "eliten" durchaus bekannt ist und bisher erfolgreich dazu benutzt wird, um zb. das potenziell revolutionäre potenzial der erwerbslosen mittels ständiger öffentlicher stigmatisierungen und demütigungenbis in den todruhigzustellen. eine linke, die sich - meiner meinung teils aus mittelklassenbedingter harmoniesucht - weigert, die realität des klassenkampfes zu begreifen und sich entsprechend klar und deutlich zu äussern, macht sich an dieser stelle der mittäterschaft schuldig.
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struktureller antisemitismus: selbst, wenn viele der derzeit aufälligen us-banken und auch manager aus dem finanzbereich jüdische namen tragen mögen - wen interessiert das eigentlich wirklich ausser leuten, die zwanghaft nach zusammenhängen suchen, die am kern des problems vorbeigehen? es ist sachlich schlicht und einfach irrelevant. und den leuten, die sich aus zufälligen religiösen hintergründen selbst verschwörungstheorien basteln, muss konsequent sowohl ihre eigene gestörte logik als auch die realität des treibens des meistens als gegenpol glorifizierten "deutschen" kapitals vor augen geführt werden, welches kein stück besser oder anders agiert als die geschmähte "jüdische us-ostküste". für diese notwendigen maßnahmen jedoch sehe ich nicht, dass abstriche bei der gleichfalls nötigen benennung konkreter verantwortlicher gemacht werden müssen - ganz im gegenteil sehe ich eine realitätsgerechte aufklärung als antidot zumindest für diejenigen an, die aufgrund ihrer eigenen psychophysischen dispositionen, aber auch aufgrund der schwer verständlichen komplexität der krise anfälliger als andere für die entsprechenden reduktionistischen (ein wesentliches merkmal des antisemitismus) konstrukte von rechtsaussen sind.
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und das letzte stichwort des "arbeitslosen einkommens": hier bleibt mir nur zu sagen, dass die benennung der tatsache der fundamentalen ungerechtigkeit des zustands, dass wiederum einige wenige von der ausbeutung der arbeitskraft der vielen, die sich selbst am markt zur bloßen existenzsicherung verkaufen müssen, profitieren, aus meiner perspektive erstmal nichts mit der durchaus wünschenswerten entkoppelung von (lohn)arbeit und materieller existenzsicherung zu tun hat. eher sehe ich hier schon die besondere und fragwürdige glorifizierung von schwerer körperlicher arbeit berührt, wie sie in deutschland trotz wesentlich veränderter bedingungen (incl. eines realen bedeutungsverlustes gerade dieser art von arbeit) eine lange und schlechte tradition besitzt.
klaus theweleit hat in seinen "männerphantasien" zu dieser besonderen - und im naziuniversum auf die spitze getriebenen - fetischisierung dieser besonderen art arbeit einige aspekte herausgearbeitet, die aus meiner sicht bis heute relative gültigkeit besitzen: vor dem hintergrund des weiter oben angesprochenen ständig produzierten aggressionspotenzials in dieser gesellschaft, dessen bloße existenz zu erwähnen bereits vielfältig tabuisiert ist, stellt(e) körperliche arbeit einen der wenigen erlaubten und sogar erwünschten wege der psychomotorischen abfuhr der im genannten potenzial gebundenen energien dar (ein anderer ist bis heute die sportliche betätigung).
das hat aus sicht der "eliten" gleich zwei wünschenswerte konsequenzen: einmal stabilsiert diese abfuhr das gesamte gesellschaftliche gefüge, zum anderen aber lässt sie sich selbstverständlich profitabel nutzen. mit dem zunehmenden verschwinden dieser art der arbeit primär durch automatisierung haben sich die "eliten" also aller wahrscheinlichkeit selbst ein ei ins nest gelegt, welches vermutlich zu argen verdauungsstörungen führen wird bzw. schon führt, wenn man diesen aspekt mal in zusammenhang besonders mit dem verhalten erwerbsloser junger männer betrachtet.
neben der identitätskonstruktion mittels (lohn-)arbeit wäre das also der zweite - und mit dem ersten funktional zusammengehörige - punkt, der bei der betrachtung der bedeutung von "arbeit" in deutschland eine wichtige rolle spielt. er erklärt einerseits die zu beobachtende traumatische wirkung von erwerbslosigkeit bei vielen menschen mit, andererseits aber auch die bisher primär zunehmende depression bei den betroffenen, die jedoch unter bestimmten bedingungen in relativ wahllose und destruktive aggression umschlagen kann (wenn übrigens der worst case eines krieges zwecks "rettung" des systems eintreten sollte, so wird er psychophysisch primär aus dieser quelle mit den nötigen aggressionen gespeist werden).
ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass die verfasser des textes ihre zeilen vor diesem hintergrund geschrieben haben; eher verstehe ich die entsprechenden passagen in dem sinne, wie ich ihn oben eingangs zu diesem abschnitt skizziert habe. ich arbeite unter miesen bedingungen zu einem miesen lohn, während andere direkt davon profitieren und sich ein leben im überfluss (zu allem auch noch allgemein schädlichen überfluss) gestatten? fuck you!
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soweit also anhand des userkommentars einige weitere anmerkungen zum krisenumgang hierzulande. und so wie es aussieht, werden weitere teile in dieser reihe folgen, zumal ich ein paar weitere aus meiner sicht relevante punkte (bspw. den einfluss des fernsehens) noch nicht mal erwähnt habe.
die beiträge dieser kleinen reihe -hier geht´s zum ersten teil- stellen einen versuch dar, das thema besonders aus der perspektive weit verbreiteter psychophysischer strukturen in der hiesigen bevölkerung zu beleuchten. diese in jedem fall zunächst individuell vorhandenen strukturen prägen aufgrund historisch gewachsener und tradierter ähnlichkeiten wie eine größtenteils unsichtbare matrix unser aller verhalten, auch und gerade bei kollektiven reaktionen. und das gilt nochmal besonders und verschärft bei realen oder auch "nur" potenziellen existenziellen bedrohungen diverser art, welche die krise bereits jetzt (und zukünftig noch in größerem maßstab) für viele menschen mit sich bringt. das ist, sehr kurzgefasst, mein "arbeitsansatz" bei diesen beiträgen.
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der fiktive brief des hyperion im ersten beitrag "...lässt sich durchaus nach meinem verständnis als sehr frühe psychohistorische studie lesen.". dabei beziehe ich mich vor allem auf die arbeiten des us-amerikanischen psychohistorikers lloyd deMause, von dem eine zusammenfassung seiner arbeitenhiermit einigen seiner zentralen thesen näher vorgestellt wird.
und die basis dessen, was da von hölderlin mittels der kunstfigur hyperion über die damalige deutsche bevölkerung und ihre eigenarten im sozialverhalten konstatiert wird, lässt sich anhand von deMause bzw. den arbeiten deutscher psychohistoriker wie folgt begreifen:
(...)"Kindesmord und Säuglingssterblichkeit waren gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Deutschland und Österreich weit mehr verbreitet als in England, Frankreich, Italien und Skandinavien. Neugeborene wurden nicht als vollwertige Menschen betrachtet, weil man dachte, sie besäßen in den ersten 6 Wochen noch keine Seele und konnten so »in einer Art später Abtreibung getötet werden«. Vielfach bekamen gebärende Mütter in Deutschland »ihre Babies im Abort und behandelten die Geburt wie eine Evakuation«. Geburten, die als »Stuhlgang erfahren wurden, ermöglichten den Frauen ihre Kinder auf eine sehr grobe Art umzubringen, durch Zerschmettern ihrer Schädel wie bei Geflügel oder Kleintieren«.
Andere, die beobachteten, wie Mütter ihre Kinder töteten, bemerkten an diesen keine Gewissensbisse, »voll von Gleichgültigkeit, Kälte und Gefühllosigkeit [und vermittelten] den Eindruck allgemeiner Gefühlsarmut« gegenüber ihren Kindern. Auch wenn der Säugling überleben durfte, konnte er leicht vernachlässigt und zuwenig gefüttert, und somit »direkt in den Himmel geschickt« werden. Die Sterblichkeitsraten von Säuglingen reichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von 21 Prozent in Preußen bis zu erstaunlichen 58 Prozent in Bayern, wobei sich die Zahlen im Süden teilweise aus der Praxis des Nichtstillens erklären, denn von Hand gefütterte Babies starben dreimal so häufig wie Gestillte. Die besten Zahlen für ganz Deutschland gegen Ende des Jahrhunderts lagen immer noch über 20 Prozent, doppelt so hoch wie in Frankreich und England."(...)
(...)Klöden schreibt, das Motto deutscher Eltern gegen Ende des 19.Jahrhunderts wäre simpel gewesen: »Kinder können nie genug geschlagen werden.«Obwohl wenige deutsche Eltern der Vergangenheit sich für ihr Schlagen heute einer Gefängnisstrafe entziehen könnten, bekamen die
Kinder Ende des 19. Jahrhunderts wenig Schutz von der Gesellschaft, da ihre eigenen Worte und nicht einmal die körperlichen Spuren ihrer
schweren Misshandlung nichts zählten. Endes Erhebung beschreibt typische Gerichtsverfahren, so ein Nachbar Anzeige erstattete, wegen »eines dreijährigen Mädchens, [deren] Körper mit Striemen übersäht war. Lippen, Nase und Zahnfleisch waren offene Wunden. Der Körper zeigte zahlreiche eiternde wunde Stellen. Das Kind wurde auf einen glühend roten eisernen Herd gesetzt - zwei Wunden auf den Pobacken eiterten«, aber das Gericht sprach die Eltern frei."(...)
(auszüge aus lloyd deMause, "das emotionale leben der nationen", siehe literaturliste oder den link oben)
das sind zustände, wie sie sich nicht plötzlich erst in der beschriebenen epoche entwickelt haben, sondern auch vorher (zb. in der zeit von hölderlin) vorhanden waren - und spätestens seit den arbeiten verschiedener, v.a. ursprünglich "klassisch" psychoanalytischer dissidentInnen wie arno gruen und besondersalice miller, fortgeführt und ergänzt durch eigene ansätze von der psychohistorie und vielfältig belegt und gestützt durch die untersuchungen der aktuellen psychotraumatologie könnten eigentlich alle wissen, dass ein derartig destruktiver umgang innerhalb unserer eigenen spezies - gegenüber dem nachwuchs - nicht nur nicht ohne schwere negative konsequenzen für die direkt betroffenen bleibt, sondern auch das potenzial besitzt, ganze gesellschaften in ihrer sozialen basis schwer zu schädigen, wenn nicht sogar mittel ständiger zwanghafter re-inszenierungen der destruktivität auf den pfad der selbstzerstörung zu treiben.
ein ganz fataler mechanismus bei traumatischen prozessen stellt dabei die eigenschaft von traumata dar, sich zu tradieren - d.h., dass traumatisierte menschen, bei denen ohne bewussten umgang mit den trauma ihr ganzes leben von selbigen in vielfältiger art und weise totalitär bestimmt werden kann - in sachen körperlicher verfassung, körperlichem ausdruck, wertesysteme, weltvertrauen, soziales verhalten, beziehungsfähigkeiten, selbst- und fremdwahrnehmung - in einem bestimmten sinne gar nicht anders können, als ihre gesamte soziale umgebung und besonders "eigene" kinder ständig mit traumatischen und auch traumatisierenden strukturen im alltag zu konfrontieren und zu beeinflussen. und das auch, ohne das die kinder selbst als traumatisch zu bezeichnende erlebnisse am eigenen leib erlebt haben müssen. der gleich prozeß kann sich dann, selbst ohne neues traumatisches material, in abgeschwächter und modifizierter form noch in den nächsten generationen manifestieren. weitere informationen zu tradierten traumata im blog bspw.hier, hier, daunddort.
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ich glaube dabei, dass die informationen, die hinter der wahrnehmung der tatsache, dass traumata dazu neigen, sich in gewisser - und vielfältiger - weise fortzupflanzen stecken, noch nicht annähernd in ihrer vollen bedeutung und allen konsequenzen verstanden worden sind. auch ich möchte mir das nicht anmaßen, habe aber aus meiner inzwischen jahrelangen und teils sehr persönlichen beschäftigung damit immer wieder durch vage gefühle und bestimmte aha!-erlebnisse öfter den eindruck, als würde hier eine entscheidende weggabelung unserer weiteren evolutionären entwicklung liegen. will sagen, das es für mich in manchen momenten so erscheint, das es ohne ein breites sowohl individuelles als auch kollektives verständnis des prozesses "trauma" die erwähnte entwicklung nicht (mehr) geben wird. und die spezies insgesamt in einer phase der agonie, gewalttätigkeit, allgemeiner antisozialer atmosphäre und psychophysischer verwahrlosung enden wird (alles typische mögliche symptome eines traumas, zu besichtigen schon in vielen weltregionen). und, das sollte und muss dazu gesagt werden: es wird ein sehr qualvolles ende für die meisten sein, die das möglicherweise miterleben müssen.
deutschland stellt dabei eine art mikroskop dafür dar, was weit verbreitete - und primär durch den über jahrhunderte extrem brutalen und erbärmlichen umgang mit kleinen menschen erzeugte - traumata in massenhaften dimensionen innerhalb einer gesellschaft anrichten können. ich habe im letzten beitrag bereits das, was so allgemein unter dem begriff der "deutschen mentalität" verstanden wird, kurz umrissen. und sowohl die autoritätsängste (wurden und werden bis heute zuerst in den familien verankert) als auch bereitwillige unterwürfigkeit (dito) stellen ebenso wie die brutalität gegen alles anscheinend "schwächere" (wird bis heute von den sog. "eliten" benutzt) tatsächlich zwei zusammengehörige seiten einer medaille dar. je nach betroffenem mensch, der zugehörigen sozialisation sowie dem jeweiligen sozialen umfeld im näheren und weiteren (gesellschaftliche verhältnisse) sinne können traumatische strukturen sich mal im extrem in der einen oder der anderen weise ausdrücken. aber beides gehört funktional untrennbar zusammen.
wie die deutsche, von deMause inspirierte, psychohistorische forschung ausserdem darlegt, gibt es auffällige entwicklungsunterschiede zwischen deutschland und anderen europäischen ländern (zb. frankreich) im umgang mit kindern. und diese sind bruchlos bis 1945 zu konstatieren, erst nach dem ende der nazis lässt sich ansatzweise eine sehr langsame verbesserung wahrnehmen (und relikte der üblichen und "normalen" sog. erziehung bis 45 haben sich in der alten brd, aber wahrscheinlich auch in der ddr, mindestens bis in die 1970er jahre gehalten - stichwortheimkinder.) ebenfalls ist die mehrheitlich - zumindest öffentlich - entsetzte reaktion auf die immer wieder neuen fälle von verschiedener gewalt gegen kinder (siehe auch den index hier im blog, wo viele dieser fälle dokumentiert sind) eine für deutschland historisch recht neue reaktion, zumal die jeweiligen praktiken - kindermorde durch eltern, vernachlässigung, prügel - hier über jahrhunderte im bewusstsein viel zu vieler menschen als "normal" gegolten haben.
natürlich haben dann die historischen traumatischen kollektiverfahrungen durch diktaturen, kriege, flucht, vertreibung und auch all die gescheiterten bzw. teils "verratenen" revolutionen (wozu übrigens "1989" aus meiner sicht nicht zu zählen ist, denn das war eine systemimplosion und keine revolution) dann auf die eh schon vorhandene basis jeweils noch eins draufgesetzt bzw. diese basis immer wieder getriggert. und trotzdem halte ich den eingangs skizzierten unterdurchschnittlichen hiesigen umgang mit kindern für eine entscheidende - zumindest psychophysisch wirksame - quelle des ganzen deutschen desasters.
und eine der vielfältigen ausdrücke davon lässt sich nach meinem verständnis bspw. auch in den folgenden aussagen betrachten, mit denen ich dann wieder den bogen zur aktuellen situation schlagen möchte - stichwort"mentalitätsunterschiede":
(...)"Die Revolution fand vor zweihundert Jahren in Frankreich statt, nicht in Deutschland", sagt Rudolf Heim von der Chemiegewerkschaft IG BCE. "Das sind unterschiedliche Mentalitäten." Dabei ist die Wut auch in Deutschland groß: "Conti stellt die Systemfrage", erklärt Heim. Es gebe eine Betriebsvereinbarung, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen in Stöcken kommt. "Damit wird eine rechtsverbindliche Vereinbarung gebrochen." Doch diesen Streit will man geordnet juristisch austragen, obwohl auch die IG BCE weiß, dass "man langfristig vor Gericht die Standorte nicht sichern kann".(...)
Heim fürchtet nicht, dass Conti-Mitarbeiter derweil die Geduld verlieren könnten und einfach ohne ihre Gewerkschaft beschließen, das Werk in Stöcken zu besetzen. "In Frankreich haben wilde Streiks Tradition, doch nicht in Deutschland."
So sieht es auch Gewerkschaftsexperte Hans-Jürgen Arlt: In Frankreich gebe es eine Protestkultur, in Deutschland eine Verhandlungskultur."(...)
so kann man sich eigene autoritätsängste und damit vorhandene konfliktscheu bzw. -unfähigkeit auch schönreden. ich würde ja den begriff einer unterwerfungskultur eher realistisch finden. aber diese realität soll und darf bis datonicht ausgesprochenwerden:
(...)"Heitmeyer: Frankreich besitzt eine ganz andere Protestgeschichte und auch eine gewaltanfällige Protestkultur. Außerdem ist Frankreich eine Klassengesellschaft. Darin entstehen viel eher Protestbewegungen, weil die Menschen sich aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit leichter zusammenfinden.
sueddeutsche.de: Ist es auch eine Mentalitätsfrage?
Heitmeyer: Ja, auch. In Deutschland ist es bisher undenkbar, dass deutsche Arbeiter ihre Manager festhalten und als Geisel nehmen, so wie es jetzt in Frankreich passiert."(...)
starkes stück von heitmeyer, die tatsache der existenz einer klassengesellschaft in deutschland schlicht zu leugnen. und dann noch die nichterklärung mittels der "anderen mentalität". etwas quasinatürliches, vielleicht "genetisch bedingtes", wird damit suggeriert, was bei näherer betrachtung zur durchaus selbstproduzierten sozialen realität wird - selbstproduziert durch all die jahrhunderte voller schläge, grausamkeiten, beschimpfungen, anklagen und erzeugter schuldgefühle.
heribert prantl nähert sich dem ganzen komplex mit einemweiteren aspekt, der das bisherige ergänzt:
(...)"Ist jetzt Freiheit - oder ist noch Ordnung? Dieser fragende Satz aus den Fliegenden Blättern von 1848 ist ein deutscher Schlüsselsatz, er erklärt den deutschen Anti-Chaos-Reflex. Freiheit galt hierzulande lange nicht als Inhalt und Teil der Ordnung, sondern als ein Synonym für Unruhe und Chaos. Ordnung ist gut, Freiheit ist schlecht. Das klingt noch heute in den politischen Debatten durch, mit denen neue Sicherheitsgesetze begründet werden; die Beschränkung der Freiheitsrechte soll mehr Sicherheit bringen. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, Unruhe eine Pflichtverletzung. Das wurzelt tief im kollektiven Hintergrundbewusstsein."(...)
und der vorletzte satz war schlicht und einfach jahrhundertelang eine maxime des deutschen umgangs mit kindern. und auch vor diesem hintergrund ist ein ganz wichtiger satz zu lesen:
"Die gewalttätigsten Zeiten waren in Deutschland diejenigen, in denen keinerlei Unruhe geduldet wurde."
und an anderer stelle in der gleichen zeitung ist die folgendeselbstbeschreibungzu lesen:
"Wir gelten, das ist unser gerechtfertigter internationaler Ruf, als duldsam, zuverlässig, berechenbar und flippen auch in Krisenzeiten nicht aus."
der zusatz "noch nicht" ist eine option auf die zukunft, bei der weder die genaue art des möglichen "ausflippens" (in der vergangenheit hat das bereits zweimal fast die ganze welt zu einem militärischen eingreifen gezwungen) noch die möglichen ziele benannt sind. ebenfalls finde ich es verdammt fraglich, ob duldsamkeit in irgendeiner form nun eine besonders positive eigenschaft ist (wölfe mögen bekanntlich besonders sanfte schafe...)
und irgendwie ist dieses merkwürdig unformulierte, im vagen gelassene, unaus- oder auch nicht-zuende-geprochene, zwischen den zeilen offen gelassene zumindest in meinen augen typisch für viele der beiträge, die sich in den vergangenen tagen medial mit den berüchtigten "sozialen unruhen" beschäftigten. mir fiel dabei immer wieder ein satz von theweleit aus den "männerphantasien" ein, der sinngemäß in etwa lautete, dass in deutschland alleine die vorstellung eines bürgerkriegs (die höchste zuspitzung sozialer unruhen bzw. der eskalierte klassenkampf) deshalb in einem merkwürdig obszönen geruch stehe, weil man da "an den eigenen eltern rummachen" würde - er hat das vor dem hintergrund seiner spezifischen psychoanalytischen herangehensweise mit einer sexuellen note verknüpft, die ich nicht unbedingt sehe - aber der satz macht trotzdem sinn, wenn man davon ausgeht, dass sich die "eliten" immer wieder gerne, bewusst oder unbewusst, auch als elternfiguren inszenieren. was nur deshalb funktionieren kann, weil sich relevante teile der bevölkerung davon aufgrund ihrer eigenen psychophysischen struktur ansprechen lassen. und den eltern widerspricht man bekanntlich nicht, zumindest nicht in deutschland.
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ich vergesse bei all dem durchaus nicht, dass es spätestens seit den vielgeschmähten 68ern durchaus relevante und breiter wirksame veränderungen im umgang mit kindern hier gegeben hat; ebenfalls müssen heute die diversen gruppen von einwanderern und migrantInnen berücksichtigt werden (wobei ich die herkömmliche türkische kindererziehung nach meinem wissen ähnlich kritisch wie die deutsche bewerten würde), dazu kommen selbstverständlich auch noch ganz andere einflüsse, die über die frage des umgangs mit der krise hier mitentscheiden werden (wie die mögliche strategische und taktische intelligenz unserer antisozialen "eliten" bspw.), aber für mich ist das ausgeführte eben ein ganz entscheidender - und bspw. in den vielen aktuellen vergleichen zwischen deutscher und französischer "protestkultur" auch immer präsenter - historischer hintergrund, der von all jenen menschen, die sich hier emanzipatorische veränderungen wünschen und dafür arbeiten, keineswegs unterschätzt werden darf, was mehrheitlich leider immer noch der fall ist.
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im dritten teil der reihe wird es dann u.a. genauer um die (öffentliche) diskussion der "sozialen unruhen" hierzulande gehen.
und quasi als passenden prolog zum thema hören wir zunächst eine stimme aus schon recht weit entfernter vergangenheit, eine jener stimmen, die meistens unter der rubrik "deutsche klassiker" geführt werden - und ich finde es immer wieder eine schöne ironie der geschichte, wenn von hiesigen nationalisten gerade der verweis auf diese "klassiker" mit stolzgeschwellter brust herausgetönt wird, um die "überlegenheit" des volks der "dichter & denker" (die entsprechende metamorphose dieser sentenz in richter & henker ist nach wie vor höchst angemessen) zu belegen. der folgende auszug aus dem romanhyperionvon hölderlin, entstanden ende des 18. jahrhunderts, eignet sich immer wieder sehr gut, um den oben genannten die erwähnte brust wieder recht schnell zusammenfallen zu lassen. und gleichfalls - das werden die vermutlich zwei weiteren folgebeiträge dieser minireihe zeigen - hat hölderlin da bereits vor langer zeit einige typische atmosphärische und verhaltensmässige folgen von weit verbreiteten traumatischen sozialstrukturen mittels wortgewaltiger sprache eingefangen, die sich insgesamt zu etwas komprimieren lassen, was unter dem in die irre führenden begriff von der "deutschen mentalität" bis heute davon zeugt, dass sich mehr oder weniger große teile der hiesigen bevölkerung immer noch nicht über ihr eigenes sein und dessen bedingungen auch nur einigermaßen im klaren sind.
mit der aktuellen situation in der heutigen krise hat das, was gleich im brief von hyperion an seinen freund bellarmin zu lesen sein wird, in meinen augen deshalb etwas zu tun, weil die spezifisch hiesigen autoritätsängste, die unfähigkeit zum widerstand gegen angemaßte autorität sowie die damit zusammenhängende bereitschaft zur aggression gegen alles als "schwächer" wahrgenommenes - oder auch gegensich selbst- , eine lange und unheilvolle tradition besitzen, deren prägnanteste wegmarken nicht nur all die fehlgeschlagenen bzw. nicht stattgefundenen revolutionen darstellen, sondern ebenfalls all das, was sich in den verschiedenen deutschen diktaturen - mit dem monströsen, aber folgerichtigen "exzess" des nationalsozialismus an der spitze - wie ein giftiges konzentrat gebündelt hat - militarismus, rassismus, antisemitismus, sexismus und der in den weltkriegen jeweils in den offenen wahn kumulierende nationalismus. all das sind natürlich keine rein deutschen spezialitäten, und trotzdem sind die meisten erscheinungsformen der eben genannten herrschaftsverhältnisse in diesem land immer noch eine stufe ekliger, krasser, brutaler und mittels staatlicher duldung und unterstützung besser organisiert (= mörderischer) ausgefallen als anderswo. was ohne entsprechende dispositonen in relevanten teilen der bevölkerung eben nicht möglich gewesen wäre.
und das gilt in modifizierter form bis heute (dazu muss man sich zb. nur den verbreiteten umgang mit erwerbslosen, noch deutlicher den gegenüber "ausländern", betrachten). die in diesem zusammenhang verbreitete rede eines angeblich "deutschen nationalcharakters" oder auch der von der schon erwähnten "deutschen mentalität" besitzt dabei trotz aller sonstigen irreführung (beides sind rein gedankliche konstrukte objektivistischer art) einen realen kern in der art, dass beide begriffe etwas zu erfassen suchen, was sich als tradierte kollektive erfahrungs- und verhaltensmuster beschreiben liesse. dabei geht es aber primär immer um individuelle erfahrungen von solcher verbreitung, dass sie regelmässig als "typisch" und "normal" (fehl-)wahrgenommen werden - letzteres deshalb, weil sie vielleicht typisch für eine bestimmte - nämlich traumatische - gesellschaftliche matrix sein mögen, aber gerade deshalb keinesfalls als "normalität" begriffen werden können und sollten.
und der folgende brief des hölderlin macht deutlich, dass diese matrix bereits seit langer zeit in unseren breiten hier wirksam ist - und auch die aktuellen und noch kommenden reaktionen auf die krise zu einem großen teil mit gestalten wird. der text lässt sich durchaus nach meinem verständnis als sehr frühe psychohistorische studie lesen. und es empfiehlt sich sehr, ihn sacken und wirken zu lassen. in den nächsten tagen kommt dann die zweite folge.
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Hyperion an Bellarmin
So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten -
Wie anders ging es mir!
Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist:
ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke.
Die Tugenden der Alten sei'n nur glänzende Fehler, sagt' einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt' ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind - wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene
schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern
unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! -
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht, wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether,
den verderbt ihr nicht.
O göttlich muß sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! -
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu tun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbelastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt. O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimat aller Menschen ist bei solchem Volk und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz
getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! -
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind
und leiden, wie ich dort gelitten.
(hölderlin: hyperion; zweiter band, zweites buch)
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edit am 1. mai: wie zur bestätigung des obigen lesen sich passagen aus einem gerade veröffentlichtenartikelunter der überschrift "Der neue Mensch" - zwei auszüge:
(...)"Wir alle drücken dem System, das ohne Alternative ist, die Daumen. Wir alle wünschen uns, dass es gewinnt, allerdings modifiziert, unter wachsam befolgten Regeln und Teilnahme engagierter Bürger."(...)
Es geht um Werte wie Bedürfnis-Aufschub, Disziplin, Dienst, Pflicht. Um das, was Max Weber die protestantische Arbeitsethik nannte."(...)
ist das nun
[ ] überlautes pfeifen im walde seitens eines kapitalistischen lohnschreibers
[ ] das bis zum erbrechen widerholte diktat des TINA-prinzips ("there is no alternative") seitens eines kapitalistischen lohnschreibers
[ ] unverschämtes appellieren zum maßhalten im sinne von "wir-sind-ja-alle-irgendwie-mitschuld" seitens eines kapitalistischen lohnschreibers oder auch
[ ] die öffentliche zurschaustellung der eigenen sklavenmentalität seitens eines kapitalistischen lohnschreibers?
mal davon abgesehen, dass ich einen realen kern in dem ganzen dreisten elaborat sehe - denn ohne verschiedenen arten von grundsätzlichem, primär auf kompensierenden konsum zielenden, verzicht (wobei die wahrnehmung dessen, ob etwas als verzicht oder als bereicherung angesehen wird, durchaus aus verschiedenen perspektiven jeweils ganz unterschiedlich aussehen kann) wird´s auch meiner meinung nach keine sinnvollen veränderungen geben können -, sind die aussagen des autors in diesen zeiten von einer derartigen frechheit, das mir fast die spucke wegblieb.
jahrelang haben die kapitalisten zwecks profitakkumulation das lied vom fröhlichen konsum als lebenssinn vorgegeben; jetzt, wo das damit assoziierte system, angelangt an seinen inneren und den äußeren physikalischen grenzen, förmlich zerbröselt, kommt der rückgriff auf - kirchlich untermauerte - "preussische tugenden", zu denen hyperion oben schon das notwendige gesagt hat? ein schlechter witz.
ach ja, falls mir der autor irgendwann mal über den weg laufen sollte, gibt´s für das "wir alle" einen tritt. auch kapitalistische lohnschreiber müssen irgendwann erkennen, dass es grenzen der eigenen erbärmlichkeit gibt.
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und während ein mainstreammedium von "disziplin, dienst und pflicht" deliriert, ist ganz aktuell in dortmund zu besichtigen, wie leute, bei denen diese einfältige dreifaltigkeit ebenfalls hoch im kurs steht, krisenbewältigung in ihrem sinne verstehen:hunderte nazis greifen maikundgebung des dgb an. nicht die erste konfrontation zwischen gewerkschafterInnen und nazis in diesem jahr. und voraussichtlich auch nicht letzte. das sind nun wahrhaft deutsche zustände, und es stellt sich mehr und mehr die frage für die gewerkschaften, wie sie sich zu diesen positionieren wollen.
erst neulich hatte ich ein paar neuere überlegungen zu den real existierendensimulierten weltenaus ganz verschiedenen perspektiven zusammengetragen; heute gibt´s eine art fortsetzung, die ich mit einem zitat aus einemstreitgesprächzwischen einem pädagogen und einem psychiater über die "richtige" art des umgangs mit kindern beginne (für den hinweis auf dieses gespräch dank an wednesday):
(...)Bergmann: In der Tat werden immer mehr Kinder schwierig und auffällig. Das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom greift um sich wie eine Epidemie. Wir haben es mit sozialen und damit auch seelischen Verfallserscheinungen in der modernen Kindheit zu tun. Dazu gehört, dass Körperselbstbildstörungen zunehmen, also Essstörungen und Selbstverletzungen bei Mädchen sowie Computersucht bei Jungen.(...)
Winterhoff: Die Frage ist, was hinter den Auffälligkeiten steht. Die Kinder, die ich bis vor zwölf Jahren gesehen habe, wussten, dass es ein Gegenüber und Regeln gibt. Die Kinder, denen ich heute begegne, zeigen eine Respektlosigkeit und stellen sich nicht mehr auf das Gegenüber ein. Stattdessen zwingen sie den Erwachsenen, sich auf sie einzustellen.
Bergmann: Stimmt - aber natürlich nur für einen Teil der Kinder, der näher umrissen werden müsste. Da zeichnet sich eine tiefgreifende Veränderung ab, die von vielen, auch mir, seit längerer Zeit beschrieben wird, aber keineswegs bis ins Letzte verstanden worden ist: Manche Kinder sind freundlich, sympathisch, aber sie flutschen rechts und links an allen Regeln und Vorgaben, an allen Verbindlichkeiten vorbei. In meiner Praxis sind sie ausgesprochen höflich und sagen: Das war ganz toll bei Ihnen, Herr Bergmann. Ich sitze trotzdem bedröppelt hinter meinem Schreibtisch und habe das Gefühl, dass ich das Kind nicht erreicht, nicht berührt habe. Als gäbe es gar keinen Kern des Selbst, mit dem bewusst und unbewusst Kontakt aufgenommen werden könnte. Dies ist ein sehr auffälliger Teil einer gefährlichen Entwicklung. Die Kinder laufen uns aus dem Ruder. Es ist eine fast unheimliche Tendenz."(...)
"Als gäbe es gar keinen Kern des Selbst..." - offensichtlich tut sich der pädagoge an dieser stelle schwer, das, was nicht sein darf, weiter auszuführen bzw. überhaupt weiter zu denken - denn dann würde er auf modelle zurückgreifen müssen, die den stammleserInnen hier vertraut sein dürften, den weitaus meisten tätigen sowohl im pädagogischen als auch im psychiatrischen/psychologischen bereich jedoch nicht. gleichfalls würden ihm solche modelle auch den zusammenhang zwischen seiner hypothese und den vorher erwähnten körperselbstbildstörungen deutlicher machen können, aber das wäre dann wohl too much (zu sehr deutlichen und offenen störungen des körperschemas siehe auchhier, und zwar im unteren teil).
"Manche Kinder sind freundlich, sympathisch, aber sie flutschen rechts und links an allen Regeln und Vorgaben, an allen Verbindlichkeiten vorbei. In meiner Praxis sind sie ausgesprochen höflich und sagen: Das war ganz toll bei Ihnen, Herr Bergmann."
simulationsfähigkeiten in aktion. und es lässt sich mit berechtigung die these aufstellen, dass das eine direkte und sehr unmittelbare folge der konstatierten kernlosigkeit darstellt - wir sehen womöglich denobjektivistischen modus, und zwar die entgleiste variante, in betrieb.
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und das gleiche ist jetzt in einem neuen film unter dem sinnigen titelso glücklich war ich noch niezu betrachten, bei dem es in der insgesamt recht interessanten rezension bei telepolis am ende einen ganz zentralen absatz gibt:
(...)"Seine Hauptfigur Knöpfel ist ein Mensch, der sich selbst nur da findet, wo er in erfundene Rollen schlüpft, und das heißt zugleich, dass er sich längst verloren hat. Denn der Betrug an anderen geht mit dem Selbstbetrug Hand in Hand - und gerade weil es vielleicht ja zutrifft, dass die Welt gern betrogen werden will, wird das Spiel für die, die das gekonnt tun, mitunter derart verführerisch, dass sie Junkies ähneln, Spielsüchtigen - nur dass sie nicht um ihr eigenes Geld spielen, sondern mit dem Geld der Anderen gleich um ihr eigenes Leben."
wobei ich finde, dass die assoziation mit "spielsucht" etwas in die irre führt, weil sie nicht die existenzielle wucht der als-ob-struktur erfasst. nichtsdestotrotz tangiert das nicht meine empfehlung, sich den film anzuschauen; nicht zuletzt auch deshalb, weil vom regisseur alexander adolph ebenfalls die thematisch gleiche dokumentationdie hochstaplerstammt, in der es um - wenn man so will - authentische fallbeispiele von soziopathie bzw. als-ob-persönlichkeiten geht.
der hochstapler knöpfel im spielfilm jedenfalls scheint spontan ungefähr so sympathisch wie die figur des tom ripley von patricia highsmith zu sein, den ich in der vergangenheit als idealtypische (fiktive)als-ob-persönlichkeitbegriffen hatte. und diese benannte sympathie ist nicht nur etwas, was die wirkung von vielen (nicht allen) erfolgreichen soziopathen auf die menschliche mitwelt so unheimlich erscheinen lässt, sondern auch ein merkmal, welches von regisseurInnen und autorInnen vor allem deshalb immer wieder treffend beobachtet und skizziert werden kann, weil es real vorhanden ist.
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was sich in beliebigen kriminalistischenfallbeispielennachvollziehen lässt - als wäre ein tom ripley aus seinem buchumschlag in die reale welt entsprungen:
(...)"Wolf wird sich vielleicht als Holländer oder Brite ausgeben. Niederländisch und Englisch spricht er ohne Akzent, Letzteres sogar mit mehreren Dialekten. Wolf wird ein unscheinbares gebrauchtes Auto vor der Wohnung stehen haben, das er im Internet oder über eine Kleinanzeige gekauft hat.
So vermutet es zumindest die „Soko Wolf“; sie ist hinter dem Entführer her, für dessen Ergreifung es 100.000 Euro Belohnung gibt. Wolf könne eigentlich überall sein, sagen die Polizisten. Und dort, wo er ist, wird er lockere soziale Kontakte knüpfen, gerne mal mit den Nachbarn trinken, „bis er hauchzart lallt, aber nie bis zum Kontrollverlust“. Er wird die Menschen in seiner Umgebung freundlich grüßen, sich anpassen. „In honorigen Kreisen wird er dementsprechend auftreten. Er kann aber auch im Schlabberlook am nächsten Kiosk stehen.“ 56 Jahre ist Wolf alt, 1,85 Meter groß, trägt Brille, hat graue Haare und Geheimratsecken, ist muskulös vom ständigen Hanteltraining - „völlig unauffällig, komplett normal“, sagen Zielfahnder.(...)
Acht Jahre hat der gebürtige Düsseldorfer Wolf als Niederländer David van Dijk scheinbar „komplett normal“ im Frankfurter Westend gelebt. Ab und zu hat er sich den weißen Mercedes 200 E seiner Lebensgefährtin geliehen. Die Frau, so die Polizei, habe keine Ahnung gehabt, mit wem sie zusammenlebte."(...)
wäre interessant zu erfahren, was diese frau nach achtjähriger ehe überhaupt zu "ihrem" mann sagen kann - noch interessanter wäre aber vermutlich eine gründliche beschäftigung mit ihren selbst- und fremdwahrnehmungsfähigkeiten. bei den verschiedenen geschichten von soziopathen solchen kalibers, die mir bisher bei der beschäftigung mit dem thema so bekannt geworden sind, fällt diese fatale unfähigkeit der jeweiligen sozialen umfelder, menschen anders als im grad ihrer kompatibilität mit den herrschenden gesellschaftlichen normen für "normalität" wahrzunehmen, immer wieder sehr unangenehm auf - stecke den schlimmsten kriminellen und komplett empathielosen massenmörder in schlips und kragen, lasse ihn die rudimentärsten gesellschaftlichen umgangsformen beherrschen und eine einigermaßen höfliche sprache, so wird oma schulze von gegenüber unter garantie vom "höflichen netten nachbarn" schwärmen, der immer so zuvorkommend und ordentlich aufgetreten ist. was spätestens dann grund genug sein sollte, sich einmal ausführlicher mit all den oma schulzes und den welten zu beschäftigen, welche von ihnen so bewohnt werden.
(...)"Wolf hat nie einen Beruf gehabt, nie etwas gelernt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit Verbrechen. Seit Thomas Wolf 15 Jahre alt ist, beschäftigt er die Polizei. Als Fahrrad- und Ladendieb beginnt er. Wolf kommt in ein Landesjugendheim, haut ab, wird zum Räuber. Auch die erste Gefängnisstrafe bleibt ohne Folgen. Er klaut weiter, fälscht sich einen Führerschein, betrügt, begeht Körperverletzungen.
Sein Leben besteht aus Straftaten, Aufenthalten in Gefängnissen und Ausbrüchen aus Gefängnissen.(...)
„Seine Taten laufen ruhig und gesittet ab“, sagen Ermittler. Schließlich lässt Wolf sein Leben als van Dijk und die Frau, mit der er acht Jahre zusammenlebte, wie einen Koffer zurück und geht ein für ihn hohes Risiko ein.(...)
Polizeipsychologen bezeichnen Wolf als narzisstisch veranlagt. Er sei ein Soziopath. „Er weiß nicht, was eine menschliche Bindung ist. Er hat keine Empfindungen.“ Aber Wolf weiß, wie er sich verhalten muss. Als unauffälliger älterer Herr irgendwo in Westeuropa."
das wörtchen narzisstisch halte ich im obigen zusammenhang übrigens für irreführend, auch wenn soziopathen (mit hoher wahrscheinlichkeit in diesem fall zutreffend) oberflächlich betrachtet wie narzissten wirken können. aber die innere dynamik ist eine grundsätzlich andere, weil eine narzisstische ps in der regel von einem mehr oder weniger schwer gestörten, aber eben auch vorhandenen, authentischen selbst kündet.
wolf hätte vielleicht in seiner kindheit auch beim eingangs erwähnten pädagogen im büro sitzen und diesen zu den gleichen aussagen wie oben veranlassen können - eine kindheit, zu der sich selbst ohne weitere kenntnisse der biographie sagen lässt, dass sie schlicht verheerend gewesen sein muss. denn wenn es keine deutlich abgrenzbaren ereignisse wie bspw. ein unfall mit hirnschädigung gegeben haben sollte, so ist ein mensch mit einer störung solchen kalibers immer ein produkt (in diesem falle trifft das wortwörtlich zu) der eltern und mittelbar der gesellschaft, die solche existenzen produziert.
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wolf lässt sich dabei noch in der rubrik der gesellschaftlich durchschnittlich "erfolgreichen" soziopathen unterbringen, und zwar deshalb, weil sein existenzielles spiel immer wieder trotz kontakt mit dem repressionsapparat "funktioniert", und zwar über recht lange zeiträume - er kann innerhalb der existierenden gesellschaftlichen strukturen funktionieren (= überleben), und in nichts anderem liegt der "erfolg". ein beispiel für jemanden, der bei vermutlich strukturell ähnlicher ausgangslage nicht mal annähernd diese ebene erreicht und bei seiner geschichte gleichzeitig die fiktionale bis offen halluzinierte qualität der als-ob-welten deutlich macht, lässt sich im folgendenprozeßberichtbetrachten - "In einer Scheinwelt Chef gespielt":
(...)"Software für Finanzbuchhaltung, ein Computer und ein Notebook, Tintenpatronen, ein Regal – die Bestellungen, die der Angeklagte deutschlandweit tätigte, wollen nicht recht passen zu einem von Arbeitslosengeld II lebenden 35-Jährigen, der die Sonderschule nach der achten Klasse verlassen hat.
„Er hat sich eine Scheinwelt aufgebaut, in der er als Chef fungiert“, erklärte die Verteidigerin, „er spielt Chef.“ In seiner „leitenden Funktion“ habe er Bestellungen für Produkte wie Steuerberaterprogramme getätigt, „um seine Tätigkeit ausüben zu können“. Ihr Mandant lebe sehr isoliert und habe im Rahmen seiner fiktiven Geschäftstätigkeit unter anderem Formulare bei BMW bestellt, um als Vertragshändler für den Autohersteller tätig werden zu können.
Bei den Bestellungen, die zum Teil eine Höhe von über 3500 Euro erreichten, firmierte der umfassend geständige Mann mit erfundenen Briefköpfen als Unternehmer in Sachen Systemtechnik oder Computersystemen."(...)
das mutet im vergleich mit der - hm, "weltläufigkeit" bei t.wolf wirklich gleich alles ein "paar klassen tiefer" an; ebenfalls wie die anfallenden finanziellen schäden. vermutlich hat der protagonist dieser geschichte aber einfach mehr pech und ungünstige umstände bei der umsetzung seiner fiktionen gehabt:
(...)"Bewährungschancen und Therapieangebote, aber auch mehrjährige Haftstrafen hatte der Mann in seiner Vergangenheit schon mehrfach erhalten. Seine ältesten Einträge im Strafregister reichen bis ins Jahr 1989 zurück. Überwiegend sind es Betrugsdelikte, mit denen der Angeklagte schon im Alter von 16 Jahren begann.(...)
Die von seiner Verteidigerin und auch seinem Bewährungshelfer vertretene Meinung, dass der Mann sich lediglich so verhalte, weil er nicht anders könne, teilte der im Prozess gutachtende Psychiater nicht. Der Angeklagte wirke keineswegs wie ein Sonderschüler, er könne sich gewählt ausdrücken. Während der Begutachtung „war er charmant, weltoffen und sympathisch“, so der Psychiater. Der Mann habe durchaus die Fähigkeit, sich auf Menschen und ihre Gefühle einzustellen und sie zu manipulieren."(...)
und das ist wieder mal so ein psychiatrisches gutachten, bei dem ich ob der schlussfolgerungen kopfschüttelnd davor sitze - wann wird sich bei der etablierten psychiatrie endlich mal die existenz von totalsimulativen persönlichkeiten herumsprechen, die natürlich die fähigkeiten besitzen, "sich auf menschen und ihre gefühle einzustellen", weil sie nicht anders können - nicht anders überleben können? ein schimmer dieser nicht verstandenen einsicht blitzt paradoxerweise im folgenden auf:
(...)"Im Raum stand für das Gericht die Frage einer eventuellen Schuldunfähigkeit aufgrund einer psychischen Störung. Doch diese Möglichkeit verneinte der psychiatrische Gutachter entschieden. Zwar sei bei dem 35-Jährigen eine sogenannte „dissoziale Entwicklung“ von Kindheit an festzustellen sowie eine Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typus, aber beides sei nicht so schwerwiegend, dass sein Leben davon durchgehend eingeschränkt werde."(...)
was der psychiater für eine vorstellung von "so schwerwiegend" hat, dass er bereit wäre, eine durchgehende einschränkung eines lebens daraus abzuleiten, bleibt sein geheimnis. ich will damit keinesfalls die psychophysische struktur bei solchen menschen wie den geschilderten verharmlosen, auch wenn ich die ebene des primär finanziellen betrugs aus meiner persönlichen sicht für nicht so relevant halte wie bspw. die bereitschaft zum mord ohne reue und innere hemmnisse, die bei einer solchen struktur jederzeit in die realität "einbrechen" kann. aber der umgang damit mittels der bisherigen und konventionellen mitteln besonders der justiz ist in solchen fällen durch die bank hoffnungslos unzulänglich und sogar kontraproduktiv, wenn man dazu die reale funktion von gefängnissen als "schulen des verbrechens" und zuchtanstalten für dissoziale persönlichkeiten berücksichtigt. aber gleichfalls gilt natürlich: um diesen umgang qualitativ zu ändern, müsste sich zunächst die orthodoxe psychiatrie von einigen elementaren hartnäckigen illusionen und fiktionen lösen, und das wiederum kann nicht geschehen ohne entsprechende änderungen von gesellschaftlichen welt- und menschenbildern. wozu ganz basal auch die änderung unseres verhältnisses zu kindern sowie zur bedeutung derpränatalen phaseder menschlichen entwicklung gehört.
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solange das aber nicht passiert, werden wir uns von der unter uns vorhandenen soziopathischen minderheit weiter offenbar mit einiger bereitwilligkeit - mindestens - betrügen lassen (meistens noch schlimmeres); mit einiger wahrscheinlichkeit sogar im globalen maßstab:"Könnte ich die Psychopathen nicht im Gefängnis studieren - an der Wall Street würde ich genug von ihnen finden". wobei die notwendige anmerkung zum schluß noch lautet: nicht nur die soziopathen schaffen sich offensichtlich immer wieder im großen und kleinen maßstab das ihnen passende system, sondern der vorgang läuft gleichfalls permanent in der anderen richtung ab - der kapitalismus favorisiert die ihm am meisten kompatiblen persönlichkeitstypen.
"Wir blicken auf die Megamaschine der Moderne mit ihren explodierenden, implodierenden und zunehmend konvergierenden Mechanismen (`Globalisierung´), also auf dieses ganz und gar Gemachte, Artefaktische, wie auf ein `Natur´-Ereignis, das mit der unberechenbaren Eigendynamik einer Urgewalt über uns hereinbricht und nur noch durch bedingungslose Unterwerfung einigermaßen `beherrscht´ werden kann. Gleichzeitig verwandelt sich die ganze Welt der authentischen Person und ihrer Beziehungen in ein bewußt Gestaltbares, Machbares, Herstellbares: Wir kompensieren unsere sklavische Unterwerfung unter das Diktat der mechanistisch-toten Anonymität durch heroische Selbstgestaltungen, die in dieser Form gar nicht realisierbar sind. Auch wenn uns unsere Welt zunehmend entgleitet, und zwar in entwürdigender Weise, so versuchen wir doch alles, um wenigstens noch eine `gute Figur zu machen´.
Der spätmoderne Mensch präsentiert sich, auf allen Ebenen der Intellektualität, Weltmächtigkeit und auch im Privaten, als ziemlich lächerliche und realitätsflüchtige Figur. Die mentale Selbstversklavung des spätmodernen Typs in Gestalt der erniedrigenden und hoffnungsfrohen Unterwerfung unter den Terror der anonymen Mechanismen und des autistischen Objektivs kann durch nichts in der Welt kompensiert werden."
(j. erik mertz, borderline - weder tot noch lebendig; s. 311; siehe literaturliste)
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als einstieg in diesen beitrag, den ich durch einige leseerlebnisse anderswo angeregt schreibe, finde ich das obige zitat - mit dem ich damals auch dieses blog begonnen hatte - sehr passend. das "warum" sollte sich in den folgenden absätzen erschliessen.
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"Unerwiderte Liebe hat zu dem Mord mit anschließendem Selbstmord am späten Freitagabend in der Wiener Innenstadt geführt. Bei der Bluttat erschoss in den Räumlichkeiten der Österreichischen Autistenhilfe (ÖAH) in der Eßlinggasse 17 ein 29-jähriges Mitglied einer Autisten-Selbsthilfegruppe eine 24-jährige Studentin und danach sich selbst. Offenbar hatte sie seine Liebe zu ihr nicht erwidert, wie ÖAH-Vizepräsidentin Ruth Renee Kurz am Samstagvormittag schilderte.(...)
Er schoss mit dem Gewehr mehrfach auf die 24-Jährige, die in einem Wiener Studentenheim lebte. Die anderen Gruppenmitglieder brachten sich schwer geschockt in Sicherheit. Dann tötete er sich selbst in einem Nebenraum. Seper: "Es deutet alles darauf hin, dass es sich um eine Beziehungstat gehandelt hat."(...)
Fraglich ist, was den 29-Jährigen zu der Tat getrieben hat. Gerade bei Autisten seien solche Handlungen sehr ungewöhnlich, so Kurz: "Normalerweise ist es so, dass Autisten, wenn sie überhaupt zu Aggressionen neigen, diese eher gegen sich selbst richten. Gerade diese Kinder brauchen besonders viel Liebe, weil sie so übersensibel sind, viel sensibler als wir alle." Der ÖAH-Vizepräsidentin zufolge hat der Täter vor kurzem eine Bezugsperson durch Todesfall verloren, was seine Situation zusätzlich schwierig gemacht haben könnte."(...)
innerliches aufstöhnen war meine erste reaktion bei ansicht dieses artikels, und das bezieht sich vor allem auf den völlig unreflektierten gebrauch einiger worte - da wäre einmal das behauptete tatmotiv in gestalt der "unerwiderten liebe" - dazu hatte ich bezgl. verdinglichender wahrnehmungsmodi in der vergangenheit etwas geschrieben, was ich jetzt nochmalzitiere:
"ich frage mich immer, wann sich endlich herumsprechen wird, dass menschen andere menschen, die auch als menschen wahrgenommen werden, unmöglich besitzen können /wollen. diese besitzidee könnte ihre basis in einer konstellation "ich vs. mein körper" als selbstwahrnehmung haben - und hat bereits dann, wenn nämlich diese konstellation in der selbstwahrnehmung dominant ist, eine gewisse pathologische qualität (ja, ganz recht, unser westliches normalbewußtsein...). anders: "besitzen" lassen sich nur dinge - oder eben menschen, die durch eine defekte wahrnehmung in dinge verwandelt werden. was mich zu einer etwas überraschenden assoziation bezgl. sogenannter "eifersuchtsmorde" bringt, die angeblich immer durch "übergroße liebe" verursacht werden. vielleicht existieren auch hier zwei qualitativ grundsätzlich verschiedene zustände von eifersucht: einmal eine authentisch-menschliche form, die durch schmerz über zurückweisung und (getriggerte) verlustgefühle (trauer!) auch älterer herkunft gekennzeichnet ist. und zum anderen eine "als-ob-eifersucht", bei der das wort liebe völlig fehl am platze ist, und die sich eben durch die kränkung durch den verlust eines für einen selbst wertvollen objektes auszeichnet. liebe lässt los, wenn auch unter schmerzen - die immer wiederkehrenden morde jedoch lassen ganz und gar nicht los, vernichten das ding lieber, und erkennen damit auch nicht die existenz einer anderen persönlichkeit als eigene qualität an. und das ist von liebe welten entfernt, wie ich finde."
ich sehe keine gründe, das obige grundsätzlich zu revidieren - wer bezgl. solcher eifersuchtsmorde ernsthaft von tatmotiven aus "liebe" redet, muss sich meiner meinung nach dringend mit seinem liebesbegriff auseinandersetzen. und natürlcih beschreibt das letzte zitat eine strukturell autistische position, die sich - versteckt - ebenso als psychophysische ausstattung bei vielen "normalen" und nicht als explizit autistisch diagnostizierten wiederfindet.
der täter im aktuellen fall hat gleich mehrfach auf die angebliche "geliebte" geschossen - mal ehrlich, wer soll diesen sprachgebrauch bei so einem deutlich an den tag tretenden vernichtungsdrang noch ernstnehmen? das gleiche gilt für den ausdruck "beziehungstat", der hier primär der verschleierung der sich aus den genannten fakten ergebenen offenkundigen tatsache dienen soll, dass eben keine (authentische) beziehung vorhanden gewesen sein dürfte.
das bei menschen mit diagnosen aus dem "klassisch" autistischen spektrum mordaktionen eines solchen kalibers "sehr ungewöhnlich" sein sollen, mag bei betrachtung der relationen zu den taten der "nt`s" (autistischer "slang" für die angeblich "neurologisch typischen") der fall sein - mir sind keine diesbezgl. statistiken bekannt, aber es existieren genügend hinweise dafür, dass auch diagnostizierte autisten durchaus in der lage sind, ihre aggressionen in extrem destruktiver manier nach außen zu richten - beispielehierundhier.
das es dazu tatbegünstigende umstände wie den benannten todesfall im umfeld des täters geben kann, halte ich für möglich. hingegen ist die behauptete sensibilität wieder etwas, was meiner meinung nach nicht mit pauschal mit der authentischen sensibilität gleichgesetzt werden darf - in den bisherigen blogbeiträgen zum thema autismus sollte deutlich geworden sein, dass es sich um eine schwere psychophysische störung besonders der sozialen (beziehungs-)fähigkeiten handelt, die u.u. kompensatorisch durch allerlei objektivistische simulationen "ersetzt" werden, was speziell für den versteckten strukturellen autismus gilt. das gilt es durchaus zu unterscheiden von der situation, in der sich bspw. schwer autistische kinder befinden, bei denen bezgl. spezieller wahrnehmungen durchaus so etwas wie eine übersensibilität zu verzeichnen ist. ich möchte nur in frage stellen, dass sich diese ausgerechnet auf die wahrnehmung sozialer beziehungen entwickelt. davon abgesehen: ich würde einen 29jährigen nicht mehr unbedingt als "kind" betrachten, selbst wenn diese bezeichnung seitens der zitierten leiterin der öah metaphorisch für den inneren entwicklungsstand des täters gemeint gewesen sein sollte.
als vorläufiges fazit möchte ich festhalten, dass anhand einer solchen tat für mich speziell am punkt der selbst- und fremdwahrnehmung bei sog. "beziehungs"tätern deutlich wird, dass die " klassischen" autisten bzw. ihre existenzweise sehr viel mehr mit den wahrnehmungsmodi scheinbar ganz "normaler" menschen zu tun haben, als uns allen lieb sein kann. und das gilt genauer gesagt nicht nur für solche taten, sondernauchandere.
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von anscheinend "privaten" welten, in denen simulierte und konstruktivistische "liebe" solche mörderischen folgen nach sich ziehen kann, springen wir in die öffentlichen - bei kritik und kunst ist mir ein aktueller beitrag mit dem titelDie simulierte Welt: Von den Lügen der Mächtigenbesonders ins auge gefallen - der text beschäftigt sich anlässlich der krise besonders mit der einerseits zu beobachtenden realitätsflucht bzw. -verdrängung seitens der sog. "eliten", die andererseits mit einem von aussen als schon starrsinnig zu betrachtenden festhalten an den systemtragenden simulationen, fakes und als-ob-konstrukten untrennbar zusammenhängt. hartmut finkeldey macht das u.a. an den notorisch verzerrenden statistiken zur erwerbslosigkeit fest:
(...)"Das kommt bei der infamsten wirtschaftspolitischen Lüge, dem infamsten "image", das der Neoliberalsimus in den letzten Jahren kreierte, sinnfällig zum Ausdruck. Ich meine die Lüge vom "Wirtschaftswunder 2.0", die Lüge des "die Reformen wirken, die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Kaufkraft steigt" etc. Alle öffentlich zugänglichen Zahlen belegten damals, 2006 und 2007, problemlos, dass weder die Erwerblosigkeit real zurückging, noch die Kaufkraft der Bevölkerung stieg. Dennoch erlebten wir damals monatlich das gleiche Ritual: Es wurden real gar nicht existente "Erfolge am Arbeitsmarkt" verkündet, die GfK konstatierte einen "Anstieg der Konsumlaune" - und dass der Konsum real gar nicht stieg (und nicht steigen konnte, da ja die Kaufkraft fehlte), fand sich dann irgendwann auf Seite 15 unten in einer kleinen Meldung, wenn überhaupt.
Und dieser Vorrang des Virtuellen, diese Schein-Problemlösung (das Arbeitslosenproblem wird per Fake "gelöst") in einer Schein-Welt (die Reformpolitik bewirkt, das es "allen besser geht"), diese gespenstische Simulation ist alles andere als lediglich harmlose Real-Satire. Denn in einer Welt,in der Vollbeschäftigung simuliert wird, es real aber sehr wohl Erwerblose gibt, fallen die realen Erwerblosen eben als Überflüssige aus der Welt. Sie werden gleichsam weggekürzt. Wie schon gesagt: Aus naheliegenden Gründen - denn wenn die Wirklichkeit mit meiner Ideologie nicht übereinstimmt, desto schlimmer für die Wirklichkeit! - verbindet sich mit einer solch gespenstisch herbeisimulierten Welt die Neigung, die wirkliche Welt der Simulation anzupassen, und sei es durch Gewalt. Denn reale Erwerblose in einer fast schon der Vollbeschäftigung zustrebenden Welt darf es ja gar nicht "geben", sie müssen ja selbst schuld sein - und dürfen somit erbamungslos der Scheinwelt angepasst werden. Durch Sanktionen, Schikanen, verweigertes Geld. So stellt sich dann per Gewalt im Idealfall wirklich ("wirklich"!) die Arbeitslosenquote Null her..."(...)
das ist meiner meinung nach ein gut beschriebenes beispiel für den ständigen versuch der ersetzung der realität durch simulierte pseudo- bzw. als-ob-realitäten. ich möchte das nur noch dahingehend ergänzen, dass ich das problem tiefer sehe: wie der verlinkte beitrag schon selbst beschreibt, handelt es sich bei simulationen einer solchen dimension keinesfalls um "gewöhnliche" lügen; und das nicht primär deswegen, weil hier eine große zahl von personen an der systematischen konstruktion solcher als-ob-realitäten beteiligt ist, sondern eher deswegen, weil die virtuellen welten mutmaßlich für eine größere zahl der in "politik" & wirtschaft handelnden protagonisten die ihneneinzig mögliche existenzweisedarstellt - und warum die inneren strukturellen merkmale pathologischer art bei einzelnen menschen durchaus gesamtgesellschaftlich fatale folgen nach sich ziehen können bzw. gleichfalls ausdruck gesellschaftlicher verhältnisse darstellen, habe ich in anderen beiträgen schon öfter versucht, aufzuzeigen.
eine weitere assoziation zum empfehlenswerten k-u-k-beitrag noch:
(...)"Im Bereich des Politischen sind wir, spätestens, seit mithilfe von Massenmedien Legitimation hergestellt werden muss, mit einem Phänomen konfrontiert, das Arendt als "image-making" problematisiert hat. Dieses Image-making, diese Manipulation der Wirklichkeit im Bereich der Politik ist eben gerade kein punktuelles Lügen. Politik findet dann unter offenkundig falschen, erlogenen Voraussetzungen statt. Es handelt sich hier keineswegs um ein Oberflächenphänomen. Denn die Manipulierer sind gezwungen, wie Arendt richtig sah, die Wirklichkeit ihren Manipulationen anzupassen. Und es handelt sich dabei mitnichten nur um gefahrlose Flunkerei (etwa, wenn irgendwo Jubelperser hinbestellt werden, was ja manchmal, jüngst bei Sarkozy, auch eine heitere Note hat).
"Die Täuscher wie die Getäuschten müssen, schon um ihr "Weltbild" intakt zu halten, sich vor allem darum kümmern, daß ihr Propaganda-"Image" von keiner Realität gefährdet wird."(Arendt, Hannah, aaO, p. 359)
das, was da im zitat von hannah arendt beschrieben wird, ist aus meiner sicht nichts anderes als angewandter konstruktivismus, wie er auch als grundlage und technik in dem nicht zufällig in elitären kreisen beliebten sog.neurolinguistischen programmierenbenutzt wird, welches primär zum ziel hat, die eigenen fiktionen (die grenze zu klinisch relevanten wahngebilden ist hier mehr als fließend) als "realität" wahrzunehmen. es wäre eine durchaus interessante sache, mal bei gelegenheit nachzuforschen, wieviele der jetzt von der authentischen realität so in die bredouille gebrachten bankster, manager und die sie hofierenden politiker mittels nlp-methoden "gecoacht" worden sind, die tatsächlich darauf hinauslaufen, "die ganze Welt der authentischen Person und ihrer Beziehungen in ein bewußt Gestaltbares, Machbares, Herstellbares" zu verwandeln, wie mertz es ausdrückt. einige bekannte beispiele sind im verlinkten beitrag zu nlp anfangs schon genannt.
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in einem ganz anderen zusammenhang beschäftigt sich gleichfalls robert kurz in eineminterview- ebenfalls anläßlich der aktuellen krise - mit der virtualisierung sozialer zusammenhänge, speziell innerhalb linker theorie & praxis - und ich möchte dabei explizit auf den benannten aspekt eingehen (wobei das schon als teil meines zuletzt angekündigten antwortversuchs hinsichtlich der demonstrationen am kommenden wochenende betrachtet werden kann):
(...)"Warum ist die Schande der Krise auch die Schande der postmodernen Linken?
Die Krise ist keine Schande, sondern ein objektiver Prozess, der aus der blinden Dynamik von Konkurrenz und unkontrollierter Produktivkraftentwicklung resultiert. Hinsichtlich der postmodernen Linken kann man insofern von einer Schande sprechen, als sie die Kritik der politischen Ökonomie größtenteils über Bord geworfen hat. Der „Ökonomismus“ der traditionellen Parteimarxisten wurde nur kritisiert, um die negative Objektivität der kapitalistischen Kategorien von „abstrakter Arbeit“ und „Verwertung des Werts“ gleich ganz zu entsorgen. Die Krisendynamik des Kapitalismus wurde völlig verkannt und in „unbegrenzte Möglichkeiten“ umgedeutet. Wie die neoliberalen Eliten glaubte die postmoderne Linke an das „finanzgetriebene Wachstum“ und machte sich zu einem ideologischen Ausdruck des fiktiven Kapitals. Den ökonomische Virtualismus ergänzte der technologische Virtualismus des Internet. Das „second life“ im virtuellen Raum mutierte zur „eigentlichen“ Lebensform, die angebliche „immaterielle Arbeit“ (Antonio Negri) zur Fortsetzung der kapitalistischen Arbeitsontologie.(...)
Der falsche ökonomische und technologische Virtualismus schlug sich philosophisch in einer Erkenntnistheorie nieder, die den fetischistischen „realen Schein“ des Kapitalverhältnisses nicht mehr kritisieren und überwinden wollte, sondern zu dem Glauben verführte, sich in diesen Verhältnissen „selbst verwirklichen“ zu können. Das „eiserne Gehäuse“ (Max Weber) des warenproduzierenden Systems wurde den virtualistischen Illusionen entsprechend in eine jederzeit und für alles offene „Ambivalenz“ und „Kontingenz“ umdefiniert, die beliebig begehbar zu sein schien. Wahrheit, auch die negative Wahrheit der Kritik, sollte keine objektive Grundlage in den Verhältnissen mehr haben, sondern als „produzierbar“ und „verhandelbar“ gelten. Das negative Wesen des Kapitals löste sich für die postmoderne Linke in eine unbestimmbare „Vielfalt“ von Erscheinungen auf, die sich als zusammenhanglose „Vielfalt“ sozialer Bewegungen ohne Fokussierung auf den harten Kern des Kapitals darstellen sollte.
In sozialer Hinsicht war die postmoderne Linke ein Trendsetter der kapitalistischen Individualisierung und Flexibilisierung. Das abstrakte Flexi-Individuum wurde nicht als Krisenform des bürgerlichen Subjekts erkannt, sondern zum Vorschein befreiter Individualität schon innerhalb des Kapitalismus verklärt. Statt als letzte Daseinsform des totalitären Marktes und als drohender „Krieg aller gegen alle“ in der universellen Krisenkonkurrenz erschien die Individualisierung als atomisierte Form der „Selbstverwirklichung“ und der „flexible Mensch“ (Richard Sennet) nicht als hilflos getriebenes Objekt kapitalistischer Zwänge, sondern als „Souverän“ seiner selbst, der neue Spielräume gewinnen und alles aus sich machen könne. Die Nähe des postmodernen Denkens zur neoliberalen Ideologie war trotz aller äußeren Gegensätze immer unverkennbar. Jetzt steht die postmoderne Linke vor den Trümmern ihrer Illusionen und wird mit der harten Realität einer epochalen Krise konfrontiert, die sie von Anfang an nicht wahrhaben wollte und auf die sie deshalb nicht vorbereitet ist."(...)
mal von dem spezifischen hintergrund der kurzschen "wertkritik", die ich hier nicht weiter erläutern kann und will, abgesehen, ist der obige befund für mich durchaus schlüssig - wenn dazu die notwendige benennung der dazugehörigen psychophysischen prozesse (wie traumatisierungen, ihre möglichen folgen und auch die gesellschaftliche verbreitung antisozialer bis soziopathischer pathologien) erfolgt, die ich sowohl als ausdruck wie auch gleichfalls als motor der hier leider wieder mit dem falschen ausdruck "individualisierung" bezeichneten prozesse begreife - es geht um vereinzelung und die zerstörung sozialer zusammenhänge bzw. deren versuchte ersetzung durch konstruktivistische und simulative surrogate, für die seit der verbreitung von computern und internet gewaltige und historisch neue möglichkeiten vorhanden sind (nebenbei: ich bezweifle, dass die dynamik der aktuellen krise ohne computer so möglich wäre).
die benannte postmoderne ist dabei aus meiner persepktive identisch mit der anfangs von mertz erwähnten "spätmoderne", auch wenn dieser die postmoderne in seinem modell bereits als erledigt ansah. und wenn ich hier im blog von der ersteren spreche, so meine ich auch immer die letztere.
es steckt sehr viel im zitat von kurz, auf das ich nur unzureichend eingehen kann - und der satz "Die Nähe des postmodernen Denkens zur neoliberalen Ideologie war trotz aller äußeren Gegensätze immer unverkennbar." ist ein volltreffer in der hinsicht, als das er viele fragmente politischer, ökonomischer, sozialer und gerade auch kultureller entwicklungen, die hier im blog auch schon als explizite probleme begriffen worden sind, in den meiner meinung nach realistischen größeren zusammenhang bringt.
die postmoderne linke hat sich dieses attribut vor allem dadurch "verdient", in dem gerade in ihren sog. popkulturellen und auch gender-politischen fraktionen die dominanz konstruktivistischer ansätze ein ausmaß angenommen hat, welches zwangsläufig in ganz eigene formen der als-ob-welten führen musste - ohne irgendwann noch begreifen zu können, dass all diese welten sowohl untrennbar mit der authentischen sozioökonomischen realität nicht nur verbunden sind, sondern darin ihre grundlagen besitzen; als auch ausdruck von problematischen bis offen pathologischen entwicklungen darstellen - das hatte ich hinsichtlich der debatten zu sex und gender und ihrer betonung von nötigen dekonstruktionen geschlechtlicher identitäten in früheren beitragen bspw.soausgedrückt...
"konstruierte identitäten, die bis heute den kern der gesellschaftlichen geschlechterstereotypen bilden, sind beliebig austausch- und natürlich auch dekonstruierbar - aber das eigentliche problem versteckt sich eher dahinter: konstruierte identitäten bilden primär krücken für diejenigen, die aufgrund psychophysischer schäden die (körperlichen) grundlagen ihrer eigenen authentischen identität entweder nicht (mehr) wahrnehmen oder aber deren grundlagen erst gar nicht entwickeln konnten."
"warum aber sollte jemand, der/die sich in sich und seiner/ihrer körperlichkeit sicher und wohl fühlt, den wunsch entwickeln, sich eben von dieser körperlichkeit und den damit untrennbar verbundenen vielfältigen beschränkungen und grenzen "befreien" zu wollen, sich eine neue identität verschaffen zu wollen? es macht, egal aus welcher perspektive betrachtet, keinen sinn - es macht aber dann einen sinn, wenn die ureigene menschliche körperlichkeit eben nicht mehr oder nur noch fragmentarisch als eigenes selbst empfunden wird bzw. werden kann - die bewegung hin zu fiktiven sphären, in denen die heimat ebenso fiktiver selbstentwürfe oder der konstruktion von mächtigen wesen zu suchen ist, stellt sich aus dieser perspektive als eine determinierte, also unfreie und defensive reaktion auf tatsächlich unerträgliche realitäten dar. und das ist eben vielleicht auch am besten in jenen feministischen strömungen zu sehen, die ernsthaft in der "befreiung" von der eigenen körperlichkeit letztlich eine tendenz weiterführen, die ebenso ein nietzsche in seinem konzept vom "übermenschen" bereits entwirft. zufällig ist das weder im einen noch im anderen fall - gerade frauen haben eine vielfältige und leidvolle erfahrung mit angriffen auf die eigene subjektivität und körperlichkeit (bei männern dürfte das imo ebenfalls eine rolle spielen, wobei hier die bereits sowieso weiter fortgeschrittene entfremdung von eigener körperlichkeit und sinnlichkeit eine rolle spielt)."
und hinsichtlich der sog. poplinken, von denen in einer ihrer verfallsformen nur noch ein durchaus positiver, aber "irgendwie kritisch" gemeinter bezug auf sog. "bewusstes konsumieren" übriggeblieben ist (dazu gehören auch durchaus alle fragen des sog. styles), findet sich hier ein passendes zitat einer rezension des buches"fake for real":
(...)"Das Bedenkliche daran ist, dass in die Simulation politischen Handelns nur allzu gerne eingewilligt wird. Judith Mair und Silke Becker, altersmäßig der als apolitisch gescholtenen Generation Golf zugehörig, ziehen in ihrem Buch "Fake for real. Über die private und politische Taktik des So-tun-als-ob" erleichtert den Schluss, dass die Ära der "Objektivitätsapostel" mit ihren ideologischen Scheuklappen endgültig überwunden sei. Statt großen Posen in der politischen Arena empfehlen die beiden Autorinnen smartes Verhalten in der Warenwelt: "Als aktive Konsumenten sind wir zugleich immer auch konsumierende Aktivisten, die sich aus einem gut bestückten Freizeitparksortiment und Supermarkt das herauspicken, was ihrer ,politischen Gesinnung' nahe kommt."
Es ist bezeichnend für das Selbstverständnis vieler Menschen in den Dreißigern, die statt von Bebel von Baudrillard gelernt haben, politische Gesinnung nur noch in Anführungszeichen denken zu können. Der Austausch von widerstreitenden Positionen, die Geltungsansprüche von Welterklärungsmodellen wird mit Kusshand den "immergleichen selbsternannten Diskurshoheiten" (Mair/Becker) überlassen. Man selbst wähnt sich in der pfiffigeren Position und verfolgt amüsiert das Politainment der Titanic-Partei und die situationistischen Einflüsse bei Guido Westerwelle.
Die schonungslose Analyse hat man drauf, klar, doch um das Eingeständnis, über die jahrelangen Dekonstruktionsarbeiten irgendwie auch seinen Politikbegriff verloren zu haben, drückt man sich noch herum."(...)
das traf schon damals - vor fast vier jahren - genau den punkt, der bei robert kurz jetzt genauer ausgeführt wird.
umso ärgerlicher finde ich, dass er - sozusagen auf einer weiteren metaebene - das zugrundliegende problem der zentralen verleugnung der tatsache, "das menschen beziehungswesen aus fleisch und blut" (mertz) sind, und die nichtberücksichtigung der konsequenzen aus dieser elementaren basis für alle nur denkbare sozialität ebenfalls weiterführt, und zwar mit folgendem absatz aus dem interview:
(...)"Für eine neue soziale Emanzipationsbewegung geht es nicht mehr darum, ein „objektives Subjekt“ wachzuküssen, sondern ohne ontologische Rückversicherung die Subjektform überhaupt zu kritisieren und als kapitalistische Daseinsform zu dechiffrieren. Die Form „Subjekt“ kann immer nur ein Agent des „automatischen Subjekts“ von Kapitalverwertung sein und darf nicht mit dem Willen zur emanzipatorischen Aktion verwechselt werden, der sich selbst konstituieren muss und keine ontologische Grundlage haben kann. Das ist schwer zu denken, weil gerade die postmoderne Linke die Kritik des Subjekts aufgegeben hat (so ist der späte Foucault zur Beschwörung des partikularisierten Subjekts zurückgekehrt). Diese Kritik ist vor allem deshalb gescheitert, weil sie nicht mit der Kritik der politischen Ökonomie vermittelt war."(...)
ich betrachte das "subjekt" im kapitalismus immer als ein als-ob-subjekt, weil es sich von seinen dominierenden psychophysischen funktionsweisen her betrachtet eher um ein schwer beschädigtes subjekt handelt, welches diese beschädigungen - die sich vor allem im gesamten bereich der sozialen beziehungen manifestieren - kompensatorisch versucht, mittels verdinglichung/objektivierung seiner selbst und auch aller anderen, genauer gesagt alles lebendigen anderen, auszugleichen - es geht also um überlebensversuche, die bei einer postulierung des subjekts als "eigentlich überflüssig" an stärke und verzweiflung nur noch zunehmen werden. die sog. subjektform, die kurz als identisch mit der "kapitalistischen daseinsform" begreift, ist aus meiner perspektive eigentlich keine authentische subjektform mehr, besser gesagt, es ist ihre totale negierung: nämlich dersoziopath(unabhängig davon, unter welchen namen diese extreme manifestation der kapitalistischen normen in körperlicher gestalt nun historisch bisher aufgetreten ist). hier haben wir den meiner meinung nach einzigen tatsächlichen fall, in dem das subjekt aufgrund psychophysischer prozesse tatsächlich zu einer art objekt im totalitären, d.h. allumfassenden sinne, und damit zur kapitalistischen daseinsform, geworden ist.
es bedarf zu einer tatsächlichen emanzipation bei den meisten menschen also eher des zurückdrängens der objektivistischen, konstruktivistischen und simulativen prozesse, was ich gleichbedeutend mit gesundung begreifen würde - und zwar nicht mit einer gesundung im sinne kapitalistischer verwertungs- und leistungsfähigkeit, wie hoffentlich klar sein sollte. wir brauchen gerade mehr authentische subjektivität und auch individualität, um zur authentischen kollektivität zu kommen!
von der krisenkaskade hatte ich bereits öfter geschrieben; so bin (nicht nur) ich bekanntlich zb. der meinung, dass selbst dann, wenn die derzeit praktizierte ökonomie aktuell auf welchen wegen auch immer nochmals unter enormen aufwand in eine richtung des wachstums gezwungen werden sollte, die nächsten strukturellen krisen unmittelbar eintreten würden - und als erstes würdepeak oilbzw. die folgen des peaks dafür sorgen, dass ein sog. aufschwung sehr sehr schnell wieder aufgrund rasant steigender energiepreise zum rohrkrepierer wird. aber das ist nur ein punkt, den ich v.a. deswegen immer wieder erwähne, weil er mir ansonsten überall zu kurz kommt. mittlerweile kommt die diagnose einer ausgewachsenen systemkrise jedoch aus immer mehr ecken, und es werden weitere - reale und halluzinierte - gründe genannt, mit denen sich eine nähere beschäftigung lohnt - ein paar beispiele jetzt.
interessanterweise ist der autor des ersten textes ein selbsterklärter anhänger der sog. "österreichischen schule", also jener spielart der sog. wirtschaftswissenschaften, die unter ihrem guru von hayek das ideologische konstrukt verbrochen hat, was heute unter neoliberalismus allgemein selbst bis in bürgerliche kreise hinein für eine mischung aus aufstöhnen und hohngelächter sorgt. es ist aber durchaus spannend, die aktuellesicht der dingeaus dieser ecke zu verfolgen:
(...)"Zum einen ist es keine Rezession; es ist eine Krise. Es gibt zwischen den beiden keinen genauen Unterschied, aber eine Krise hält man für noch ernster... und man geht NICHT davon aus, dass sie durch normale Regierungsmaßnahmen lösbar ist. Normalerweise begegnet man einem Konjunkturabschwung mit günstigeren Zinssätzen und höheren Regierungsausgaben. Diese beiden Zwillingswaffen der gesteigerten Verbraucherkredite und der höheren Defizite sprengen den Asteroiden normalerweise in seine Einzelteile, noch ehe er die Erde erreichen kann.
Aber ich habe schon mehrfach die Meinung geäußert, dass es diesmal anders ist. Wir haben es mit einer echten, strukturellen Krise zu tun... die durch zu hohe Schulden hervorgerufen wurde. Wenn die Menschen in eine solche Situation kommen, dann können sie nicht weiter Geld ausgeben - selbst wenn ihnen jemand mehr Kredite zu günstigeren Bedingungen anbietet."(...)
in diesem kleinen absatz, ja eigentlich in nur wenigen worten steckt nach meinem verständnis die gesamte neoliberale "antwort" auf die frage, wer oder was eigentlich schuld an der situation ist. "die menschen" haben "zu hohe schulden" gemacht, sprich "über ihre verhältnisse" gelebt. aha. he, Sie da draußen - ja, auch Sie stützeempfänger - "wir" müssen jetzt alle den gürtel enger schnallen, weil Sie über ihre verhältnisse gelebt haben! wie, Sie behaupten, dass Sie ständig genau dazu aufgefordert worden wären und das bspw. die werbung nichts anderes suggerieren würde als "kaufen Sie noch mehr mist, weil Sie sonst kein ganzer mensch sind"? und was, Sie haben trotz arbeit irgendwie immer weniger geld in der tasche? und die staatlichen hilfen sind almosen, von denen höchstens ein hund einigermaßen gut leben könne? hörnsemal, wir müssen jetzt auf etliche prozente unserer renditen verzichten, und da kommen Sie mit solchem gejammer? wo ist unsere polizei?!? wird zeit, euch undankbarem pack euren platz zu zeigen...
in dieser sicht der dinge fungiert als "eigentlicher" auslöser bzw. grund der krise die entscheidung der damaligen us-regierung unter clinton, möglichst vielen bürgerInnen der usa eine eigene wohnung zu ermöglichen; auch und gerade solchen, die sich das unter anderen - also den "normalen" - umständen niemals hätten "leisten" können. aber anstatt diesen durchaus lobenswerten vorsatz auch richtig durchzuführen - was nichts anderes bedeutet hätte, als wohnen als menschenrecht auch gegen die herrschenden besitzverhältnisse und mechanismen des wohnungs- und immobilienmarktes durchzusetzen, also als durchaus revolutionäre strukturelle veränderung weg vom "wohnraum-als-ware" -, statt solcher aktion also, die real weder gewünscht noch beabsichtigt gewesen ist, versuchte die administration, ihr vorhaben systemimmanent umzusetzen. und benutzte dazu eben dann die üblichen instrumente, zu denen primär billige bzw. staatlich geförderte kredite gehörten. was sich daraus dann aufgrund der systemimmanenten funktionsgesetze entwickelte, hat lange zeit niemand in den usa interessiert, solange die sache scheinbar gut ging bzw. ihr absehbares ende mittels weltweiter verlagerung der risikokredite in die länge gezogen werden konnte. das ist jetzt eine extrem geraffte kurzform, die aus neoliberaler perspektive implizit folgende auf den punkt gebrachte aussagen enthält:
- wer sich kein "eigenes" haus bzw. wohnen generell nicht leisten kann, muss halt im wahrsten sinne des wortes draußen bleiben. also im wohnwagen, zelt oder auf der strasse. und lebt dann immerhin nicht "über seine verhältnisse"
- die erwähnten versuche der us-regierung waren ein "unzulässiger eingriff" in das "freie spiel der marktkräfte", bei denen unter anderen umständen niemals "kreditunwürdige" kredite bekommen hätten.
- die involvierten banken waren geradezu "staatlich gezwungen" (= wider besseren wissens), solche kredite herauszugeben und später damit zu handeln.
- die staaten sind generell zu sehr damit beschäftigt, unproduktive minderleister - zu letzteren zählen auch schwächelnde branchen und firmen - aus steuergeldern zu subventionieren, und deshalb auch so hoch verschuldet.
- die löhne und sozialleistungen sind immer noch zu hoch und erwecken deshalb ungesunde konsumbegehrlichkeiten bei der masse, die am ende mit zu hoher privatverschuldung beitragen.
- deshalb sind auch alle versuche der konsumankurbelung mittels "konjukturpaketen" verabscheuungswürdig
was empfielt also im angesicht dieser gar erschröcklichen verhältnisse der (us-)neoliberale - ganz recht, "der markt" soll es richten, allerdings unter administrativer lenkung zu beginn:
(...)"Es gibt ungefähr 6 Billionen Dollar in Schulden, die beseitigt werden müssen, ehe die Wirtschaft wieder wachsen kann. Die Liqudierung würde es bringen - schnell und schmerzhaft. Die Leute würden bekommen, was sie verdient haben. Das auf dem Dollar basierende System würde zusammenbrechen. Alle würden ihre Lektion lernen und hinterher besser dastehen."(...)
immerhin zählt er zu "den leuten, die dann das bekommen würden, was sie verdient haben", nach meinem verständnis auch die ganze schar kapitalistischer brüder im ungeiste, die jene teile der finanz- und wirtschaftswelt repräsentieren, die inzwischen faktisch - wie die banken und auch die autoindustrie - im koma in den staatlichen intensivstationen am tropf hängen. die mehrheit jener "leute" aber - damit sind Sie und ich gemeint, die wir gemeinsam schändlich "über unsere verhältnisse" gelebt haben (das haben wir hier im westen zwar mehrheitlich tatsächlich, aber auf eine ganz andere art & weise, als sich die neoliberalen das vorstellen).
insgesamt sind das alles fragmente einer art krisentheorie, die dann durchaus plausibel erscheint, wenn man sich die ohren verkleistert, die augen fest zuhält und die eigene wahrnehmung primär auf die objektivistische schiene polt. oder anders: wenn man sich in einen zustand der dissoziierenden antisozialität begibt.
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um diesem höchst ungesunden zustand entgegenzuwirken, hilft einekonträre sichtder dinge, hier aus dem umfeld der zeitschrift krisis:
(...)"Im Unterschied zum Platzen der New Economy-Blase ist auffällig, dass dieser Kriseneinbruch nicht nur eine Branche, sondern nahezu alle Branchen erfasst. Dass die Krise zunächst als Immobilien- und Spekulationskrise aufgetreten ist, sollte nicht dazu verleiten, in den Finanzmarktoperationen die wahren Ursachen der Krise zu sehen. Denn wo und wie eine Krise erscheint, muss nicht zwangsläufig darauf hindeuten, wo sie entstanden ist und welchen Charakter sie hat. Bereits 1857 bemerkte Marx solche Kurzschlüsse in der zeitgenössischen Debatte und formulierte dazu in einem Leitartikel im New York Daily Tribune derart treffend, dass es als Kommentar zur aktuellen Diskussion gelesen werden könnte:
„Wenn Spekulation gegen Ende einer bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer Vorläufer des Zusammenbruchs (crash) auftritt, sollte man nicht vergessen, daß die Spekulation selbst in den vorausgehenden Phasen der Periode erzeugt worden ist und daher selbst ein Resultat und eine Erscheinung (accident) und nicht den letzten Grund und das Wesen (the final cause and the substance) darstellt. Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen (spasms) von Industrie und Handel durch Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansehen.”(...)
und das lässt sich als direkte antwort auf die oben vorgestellte variante neoliberaler krisentheorie verstehen - "die spekulationen" können nach meinem verständnis auch als synonym für jene prozesse des handels mit den sog. "faulen krediten" in all seinen bisher bekannten formen gelten, mit dessen hilfe sich die banken gerade selbst in den finanziellen hades befördert haben (das sie sich mithilfe von phantastilliarden an steuergeldern immer noch an dessen eingang festklammern, ändert nichts an der grundsätzlichen situation - alle banken weltweit sind faktisch insolvent, und zwar sogar in "normalen" zeiten. das hat etwas mit dem grundsätzlichen "funktionieren" unseres geldsystems zu tun, wie es zb. im filmmoney as deptdargestellt wird. diese tatsache, die ständig durch unsere eigenen fiktionen bezg. des geldes verdeckt wird, kommt momentan nur einmal deutlich sichtbar an die oberfläche).
also, die kredite für die häuslebauer in den usa sind aus dieser perspektive nicht der kern des problems. aber was dann?
"Der jetzige Kriseneinbruch setzt sich in seinem Umfang von dem, was wir aus den letzten Jahrzehnten gewohnt sind, deutlich ab. Nicht nur, weil alle Branchen betroffen sind, sondern auch dadurch, dass im Unterschied zur Asien-, Mexiko- oder Argentinienkrise sich die Krise nicht nur auf einen Staat oder eine Weltregion beschränkt.(...)
Es handelt sich also um einen weltweiten Krisenprozess und es liegt die Frage nahe, ob es sich hier vielleicht um das Ende einer sogenannten „Langen Welle“ handeln könnte. Gemäß der Theorie der Langen Wellen wird die kapitalistische Wirtschaft etwa alle 50 Jahre von stetig wiederkehrenden großkonjunkturellen Zyklen erfasst. Es könnte hier argumentiert werden, dass auf den letzten Zyklus nach dem Kriseneinbruch ein weiterer folgen würde.
Auf den ersten Blick entbehrt diese Überlegung durchaus nicht einer gewissen Plausibilität. Wenn es der Kapitalismus bislang immer wieder geschafft hat, hinter jeden großen Krisenprozess einen Neustart zu setzen – warum sollte es dieses Mal nicht funktionieren? Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es so einfach nicht ist. Zunächst deshalb, weil diesem Gedanken eine falsche Geschichtsphilosophie zugrunde liegt. Nur, weil sich die Kapitalverwertung bislang nach jeder Krise erholen konnte, heißt das nicht automatisch, dass ihm das auch in diesem Fall gelingen wird."(...)
einkondratjew-zyklusalso, der sich seinem ende zuneigt - wer jetzt einwirft, dass diese zyklen von der orthodoxen und etablierten wirtschaftswissenschaft nicht ernstgenommen werden, sollte sich den aktuellen zustand dieser disziplin nochmals vor augen führen. ich akzeptiere diese these vorläufig und frage, was denn jetzt an wahrhaft neuen produktiven innovationen kommen sollte, die gemäß theorie die nächste "lange welle" einleiten müsste. sehen Sie da was in reichweite? ich nicht. dazu kommt noch ein aspekt, der in den mainstreamdebatten bis dato auch keine rolle spielt, der aber womöglich ein ganz entscheidendes puzzlestückchen zum verständnis der krisenursachen darstellt - gleich im nächsten absatz:
(...)Nun ist der Kapitalismus bereits seit Mitte der 70er Jahre mit der Situation konfrontiert ist, dass der ihm eigentümliche Rationalisierungswetbewerb technische und organisatorische Veränderungen im Produktionsprozess hervorgebracht hat, die in einem so hohen Maße Arbeitskraft durch Maschinerie ersetzen konnten, dass immer mehr Arbeit überflüssig wurde.
Seitdem warten nun die ExpertInnen gespannt darauf, welche Technologie wohl den nächsten prosperierenden Zyklus, die nächste Welle kapitalistischer Akkumulation einleiten und tragen könnte. Die New Economy war lange Zeit ein heißer Tipp, doch seit die 2000/2001 eingebrochen ist, ist das keine ernsthaft diskutierte Alternative mehr. Und dass das „finanzmarktgetriebene Akkumlationsregime“ auf Sand gebaut war, haben spätestens die Ereignisse seit dem Spätsommer 2008 gezeigt. Die Vermehrung von Finanztiteln an den Finanzmärkten ist nun mal keine Kapitalverwertung. Diese setzt nämlich immer die Verausgabung von Arbeit voraus, um Wert und Mehrwert zu produzieren. Nachdem die Finanzblase geplatzt ist, stellt sich also nach wie vor die alte Frage: wo soll er herkommen, der neue Aufschwung? Seit dreißig Jahren schon wird das Wirtschaftswachstum mittlerweile simuliert: durch staatliche Verschuldung, ungedeckte Geldschöpfung und Finanzmarktblasen.(...)
das finde ich vor dem hintergrund meiner inhaltlich auf unsere sozialstrukturen gemünzten these der um sich greifenden ersetzung von authentischem menschlichen sozialen verhalten durch simulierte und antrainierte als-ob-zustände plus der parallel wahrnehmbaren dafür notwendigen psychophysischen umstrukturierungen (als deren ausdruck ich u.a. viele beziehungskrankheiten begreife) einen höchst interessanten satz: "seit dreißig jahren schon wird das wirtschaftswachstum mittlerweile simuliert..." - wenn sich diese einschätzung näher begründen lässt, stellt sich sofort die frage, ob es da nicht etliche zusammenhänge gibt? was treiben eigentlich all die soziopathen, die großmeister der simulation, in den elitären führungsebenen? im hinterkopf notiert; und weiter im text:
(...)"Wenn wir es also mit mehr zu tun haben als mit einem vorübergehenden Kriseneinbruch – lässt sich das Geschehen dann als Hegemonieverschiebung sinnvoll beschreiben? Oft zu lesen ist etwa von einer relativen Abnahme der Macht der USA, in deren Folge aus dem klassischen Imperialismus ein Empire geworden sei. So richtig diese Beobachtung sein mag, so oberflächlich bleibt sie auch. Denn es ist ja keineswegs ausgemacht, das dieser relative Hegemonieverlust die Ursache der zu beobachtenden Prozesse ist – und nicht vielleicht ihre Folge."
das lasse ich mal so stehen mit der bemerkung, dass ich ebenfalls zur im letzten satz geäusserten variante neige.
"Das wird deutlicher, wenn wir uns vor Augen führen, das auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen ausgemacht werden. Jede Form gesellschaftlicher Verlässlichkeit und Dauerhaftigkeit scheint verloren gegangen zu sein, selbst Unternehmen könnten nicht mehr langfristig planen und sind von stetig undurchschaubarer werdenden Marktlagen abhängig und die herrschenden Institutionen verlieren mehr und mehr die Fähigkeit zur Integration. Doch auch diese Feststellung bleibt auf einer sehr oberflächlichen Ebene. Denn woher rühren nun diese allumfassenden Desintegrationstendenzen? Am Ende gar aus einer Systemkrise?"
möchten Sie das publikum fragen oder doch lieber den telefon-joker nutzen? jenseits dessen bekomme ich hingegen beim wort "desintegrationstendenzen" assoziationen, die hier im blog vielfach thema waren und sind - werfen Sie einfach mal ein blick auf denindex; da ist jede menge an zuständen, situationen und ereignissen versammelt, die ich insgesamt durchaus als ausdruck einer gigantischen desintegrationstendenz bezeichnen könnte. was aus einer marxistischen perspektive wie der dargestellten hauptsächlich an folgendem liegt:
"Tatsächlich sieht es sehr danach aus. Wenn es stimmt, was Karl Marx sagte, und „die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware die ökonomische Zellenform“ der kapitalistischen Gesellschaft darstellt – müsste dann nicht ihre Krise auch weite Teile der kapitalistischen Institutionen, Lebenspraxen und Ideologien umfassen? Sollte es dem Kapitalismus tatsächlich seit dem Ende des Fordismus nicht mehr gelingen, in ausreichendem Maße Arbeit einzusaugen, dann hätte dies eine Krise der Wertvergesellschaftung zur Folge. Die gesellschaftliche Synthesis über Arbeit, Wert und Kapital würde sich immer weniger in der Lage erweisen, einen kohärenten sozialen Gesamtzusammenhang herzustellen. Nun ist aber die Gesellschaft, in der „das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist“, die Voraussetzung menschlicher Vorstellungen von Gleichheit und Freiheit, die Basis der abstrakten Vergesellschaftung über Recht und Staat und überhaupt die Grundlage für gesellschaftliche Vorstellungen und Ideologien."
nun, ich finde ja, dass das doch eher abstrakte - in dem sinne von nicht unmittelbar fühlbar - postulat vom "verhältnis der menschen als warenbesitzer" präsenter gemacht werden kann, wenn wir uns bspw. einmal die aus- und vor allem unausgesprochenen fragmente der aktuellen sprache anschauen, in denen viele zeitgenossInnen heute nicht nur über ihre "beziehungen" reden und denken, sondern auch über sich selbst:
- "ich investiere zuviel in diese beziehung"
- "ich erwarte einen gerechten ausgleich zwischen geben und nehmen"
- "ich bin nichts wert"
- "mein körper ist mein eigentum"
- "was nutzt mir das? (bzw. der / die)?"
- und speziell zur sexualität hatte ich in einem früheren beitrag mal die wirkung der marktgesetze
so formuliert:
"äußere attraktivität konform der jeweiligen mainstreamproduzierten nachfrage mitsamt der
fähigkeit, das eigene image gut zu verkaufen, erhöhen die eigenen chancen, von anderen als
investitionswürdiges (zeit, aufmerksamkeit) objekt der begierde wahrgenommen zu werden"
das mag zwar alles platt klingen und auch "irgendwie" schon bekannt sein, aber die konsequenz zu ziehen, dass eine derartige sprache auch etwas über die jeweils vorhandene neuronale konfiguration bzw. die psychophysischen zustände der solcherart sprechenden aussagt, und sich diese zustände wiederum in einem dialektischen wechselspiel zwischen individuum und gesellschaft entwickelt haben müssen, bei dem sich die bekannten sozialisationsinstanzen die klinke in die hand geben bei der bewußten und v.a. unbewußten "wertevermittlung", und sich diese "werte", die ja allgemein verbindliche sein sollen, in letzter hinsicht und im kern nicht von der beschränkten gefühls- und denkwelt eines, sagen wir mal durchtriebenen gebrauchtwagenhändlers unterscheiden - diese konsequenz also mögen nur die wenigsten ziehen, weil sich damit sofort fragen von solcher grundsätzlichkeit hinsichtlich der eigenen existenz und auch des eigenen sozialen umfeldes stellen, die metaphorisch gesprochen das potenzial einer ordentlichen portion nitroglyzerin besitzen und den ernsthaft fragenden sofort in eine völlig unbekannte zone jenseits aller gewohnten sozialität befördern können. was im allgemeinen unglaubliche ängste mit sich bringt. und auch diese erpresserische konstellation, mit der (wir) solche fragen im allgemeinen unterdrücken, ist eine komponente des klebstoffes, der den ganzen laden hier bis dato (noch) zusammenhält - noch:
"Eine Systemkrise in diesem Sinn ließe sich daher durchaus als „fundamentale Krise“ beschreiben: nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern weit darüber hinaus wären gesellschaftliche Institutionen und Vorstellungen von ihr betroffen. Den Ausweg aus dieser Krise würde dann auch nicht eine sorgfältig geplante Form von Politik darstellen, mit der sich das Ganze dann ein wenig effizienter und ein wenig sozialer organisieren ließe. Stattdessen steht die Menschheit vor der Wahl zwischen Emanzipation und Barbarei.
In diesem Sinne birgt die Systemkrise auch durchaus die Gefahr, zu einer noch tiefgreifenderen Menschheitskrise zu mutieren. Denn nicht nur, dass der Kapitalismus die natürlichen Lebensgrundlagen zu unterhöhlen droht und aufgrund des ihm innewohnenden Wachstumszwangs davon auch nicht ablassen können wird; die immer durchgeknalltere Formen annehmende ideologische Krisenverarbeitung hält noch weitere Spannungspotentiale bereit, bei denen sich mit gutem Grund fragen lässt, wie die Menschheit da wieder rauskommen will.
Aber malen wir das Szenario nicht in zu düsteren Farben. Denn der aktuelle Krisenprozess ist gewissermaßen hausgemacht. Er ist weder vom Himmel gefallen noch von unbesiegbaren Naturkräften ausgegangen. Er hat seine Ursache vielmehr in der simplen Tatsache, wie Menschen ihr Leben und damit ihre Produktion organisieren – und was das mit ihnen macht. Das bedeutet aber auch, dass es es die Möglichkeit zur Veränderung gibt. Die jedoch kann nur darin bestehen, neue Formen sozialen Miteinanders zu finden, die nicht auf der Logik von Ware, Geld und Staat beruhen."
die folgen des zwangs zum - exponentiellen - wachstum sollten deutlich sein; beispiele einer "ideologischen krisenverarbeitung", hier einer nationalistischen, lassen sich in den in den letzten news erwähnten streiks in großbritannien betrachten. und so augenöffnend ich in mancher hinsicht solche texte mit schwerpunkt ökonomiekritik auch finde, die beliebigkeit und unkonkretheit hinsichtlich "neuen formen sozialen miteinanders, die nicht auf der logik von ware, geld und staat" beruhen, liegt zu einem großen teil aus meiner perspektive darin begründet, dass die fragen danach, wie, auf welchen wegen und mittels welcher prozesse sich einerseits denn die benannten logiken ganz konkret und real in die menschliche struktur, d.h. unsere körper und die darauf basierende psyche, ihren verheerenden weg bahnen, und wie sie sich andererseits in "normalen" und pathologischen formen des fühlens und denkens in jedem menschen kenntlich machen, bisher überwiegend nicht gestellt werden - und genau aus diesem grund habe ich in verschiedenen debatten hier und an anderen orten auch das fazit gezogen, dass ich mir keine emanzipativen prozesse mehr vorstellen kann, die nicht auch ganz zentral auf dem heutigen wissen zu unserem psychophysischen funktionieren beruhen. das betrachte ich weiterhin als schwerstes manko, nicht nur der politischen linken.
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die in obigen text drohend skizzierte - und sehr realistische - möglichkeit einer menschheitskrise wird mittlerweile auch an solchen orten wie dem feuilleton der frankfurter allgemeine als option ernstgenommen, und das sogar in sehrdrastischen worten, die für solche eine zeitung eher ungewöhnlich sind. und vor allem taucht hier als wahrnehmung wiederum das auf, was der "krisis"-autor ganz treffend mit dem begriff der desintegretationstendenzen zu fassen versuchte:
(...)"Bald ist das richtige Politikinstrument – irgendwo muss es doch liegen – gefunden, dann wird, Lieblingsvokabel des Politsprechs, die „Stellschraube“ angezogen, und wir setzen die Fahrt fort wie zuvor, bitte entschuldigen und verkennen Sie die Tatsache unseres anhaltenden Absturzes.(...)
Alle (...) schauen zu, geduldig und nett, wie wir postmodernen Menschen heute sind. Es ist viel zu ruhig.
Es ist längst Zeit, das Staunen über die irrwitzige Geschichte von den mehrfach gebündelten Schrottpapieren und den kriminellen Systemen, die ihre Verbreitung zum Geschäft gemacht haben, diesen Dealern mit gepanschten Finanzspritzen, zu überwinden und das ganze Ausmaß der sich gerade voll entfaltenden Weltkrise ins Auge zu fassen. Das monatelange öffentliche Kümmern um die Banken hat wenig gebracht und führt dazu, die akute Gefahr kommender sozialer Krisen zu vernachlässigen. Wir haben bald ganz andere Probleme, abstrakt war letztes Jahr: In Island führten Proteste der chronisch friedlichen Bevölkerung, die langen schlechten Zeiten entgegensieht, zum Sturz der Regierung, der auch nur ,abwiegeln‘ und ,weiter so‘ einfiel.
Die angesehene Zeitschrift „Foreign Policy“ hat nun die Liste der „nächsten Islands“ veröffentlicht, Staaten, bei denen sich totale Überschuldung, politisches und wirtschaftliches Missmanagement und ein kompletter Glaubwürdigkeitsverlust der Regierenden krisenhaft zuspitzen. Nicaragua ist dabei, alle anderen aber liegen in und bei Europa: Großbritannien, Griechenland, Lettland und die Ukraine. Deren wachsendes Elend wird nicht stumm bleiben. Abgesehen von Streiks, Demonstrationen, Unruhen und Plünderungen können wir rassistische Ausschreitungen gegen Migranten und Minderheiten, politische Instabilität, höhere Kriminalität und generell eine um sich greifende Gewaltbereitschaft und Radikalisierung erwarten. Diese Krise beschert uns zerfallende Gesellschaften in unserer Nachbarschaft: Wo noch die Republik war, herrscht bald die Mafia. Krise ist keine Frage von Blasen und Buchungen, da geht es um durchgeheulte Nächte. Anderswo, unter den chinesischen Wanderarbeitern und bei den Illegalen, die aus Afrika nach Europa wollen, wird die Krise Leben kosten."(...)
noch mehr leben als im kapitalistischen normalbetrieb schon, muss ergänzt werden. und ob der zerfall nur auf die nachbarschaft beschränkt bleibt? ansonsten gäbe es auch zu anderen stellen des textes etliches anzumerken, aber ich finde ihn nicht nur wegen seines umfeldes bemerkenswert, sonder vor allem wg. seiner expliziten botschaften erstaunlich - neben dem neulich thematisierten "zeit"-artikel ist das nun eine weitere breitseite für ein "bürgerliches" publikum, von dem gefordert wird, sich mit dem gedanken an eine gesellschaftliche umwälzung zu beschäftigen:
(...)"Es ist derzeit völlig offen, ob die Textur der Gesellschaft diese Krise übersteht. Denn das Versagen der Banken war ja in der herrschenden Ideologie, die sich als Wissenschaft tarnte, gar nicht vorgesehen: Weniger Steuern und mehr Freiheiten für die Tüchtigen, dann geht es allen gut. Doch wir sehen: Nirgendwo gibt es so viele tüchtige und berühmte Millionäre wie in Kalifornien. Hollywood und Silicon Valley ziehen Talente aus der ganzen Welt an, und doch kann es sein, dass dieser reiche, dynamische Staat bald seine Lehrer nicht mehr bezahlen kann. Da ist mehr faul als nur ein Stapel Papiere. Wie lebt der Kalifornier, zu dessen Betriebssystem das große Versprechen auf ewige Verbesserung gehört, mit einer dauerhaft verbauten und überschuldeten Zukunft?
Die deutsche Gesellschaft hat auf die Krise erst mal recht liebevoll reagiert: Jemand ist süchtig geworden, hat alles Geld verbraucht und verlangt nun nach mehr. Also räumt man die Schränke aus, um ihm über die nächsten Tage zu helfen. So haben wir, obwohl der Haushalt fast ausgeglichen war, Schulden gemacht und Bürgschaften abgegeben, wie in den „Kindern vom Bahnhof Zoo“ die Freunde den Junkies Rotwein und Hustensaft gemixt haben – um die Schmerzen zu lindern.
Aber so kann es nicht weitergehen. Die Republik kann nicht länger koabhängig sein und muss auf die systemische Krise mit einem Systemwandel reagieren.(...)
Um die Gesellschaft vor Unruhen und kalten Bürgerkriegen zu bewahren, muss ein großer Dialog begonnen werden. Das alte System wird sich nicht fangen, für die Ramschpapiere gibt es keinen Markt, und es wird auch keinen mehr geben. Mit gouvernementalem Herumfuchteln in Klüngelrunden, um irgendwelche Stellschrauben zu befingern, ist nichts mehr zu gewinnen. In solch einer Lage kann es einen Fortschritt nur geben, wenn man sich von ideologisch begründeten Prinzipien verabschiedet und all das stärkt, was Gemeinsinn stiftet."(...)
ich nehme dem autor dabei durchaus ab, dass er mit der konservativen floskel "gemeinsinn" durchaus kein revival der volksgemeinschaft im sinn hat. fragt sich allerdings nur, wie verbreitet dieses verständnis ist?
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um schluß dieser völlig persönlichen auswahl an theoretischen und/oder beschreibenden stellungnahmen zur krise sei noch auf einen text hingewiesen, der vor kurzer zeit bei telepolis veröffentlicht wurde und von krisenthesen des soziologen immanuel wallersteins handelt -In dreißig Jahren wird es keinen Kapitalismus mehr geben. na, das ist doch mal ne ansage! solange ich allerdings keine genaueren texte von wallerstein selbst speziell zu diesem punkt (und bei diesem thema auch lieber in deutscher sprache) zur verfügung habe, möchte ich diese these hier erstmal nicht weiter kommentieren.
und das wort vergessen steht deshalb in hochkommata, weil diese art des vergessens meiner meinung nach erstens eine medial produzierte, zweitens aber auch ein ausdruck dafür ist, dass nicht alleine die entsetzlichen bilder aus gaza und israel derart mobilisierend und vor allem polarisierend wirken, sondern die beteiligung israels am krieg offensichtlich affekte und emotionen aufwühlt, die tief in der geschichte der jüdischen bevölkerungsteile weltweit, realem und/oder fehlwahrgenommenem antisemitismus sowie der extremtraumatischen shoa und ihrer jeweiligen (nicht-)verarbeitung wurzeln. denn bei näherer betrachtung sind die parallelen zwischen der situation im indischen ozean und der im nahen osten frappierend - das beginnt bei der in sri lanka sogar weitaus längerenkonfliktgeschichte, bei der ebenso wie im nahen osten großbritannien eine gelinde gesagt unrühmliche rolle spielte...
(...)"Unter den Briten werden in der Verwaltung vor allem hochkastige Tamilen eingesetzt, was durch ihre traditionell gute Bildung begünstigt wird, aber wohl hauptsächlich einer Divide et impera-Taktik entspricht; dadurch genießen die Tamilen einige Privilegien. Die britische Regierung holt zahlreiche indische Tamilen nach Ceylon, die sie als Arbeitskräfte auf ihren Teeplantagen benötigt. Der Anteil von Tamilen an der Gesamtbevölkerung steigt dadurch im Lauf der Zeit von 12 auf 18 Prozent an. Bereits 1840 kommt es daher zu ersten Spannungen wegen des unterschiedlichen Glaubens."(...)
...setzt sich im laufe des krieges mit einer art selektion mittels brutalität bei den kriegsparteien fort...
(...)"Nach dem Anschlag kommt es zu landesweiten Pogromen gegen die tamilische Minderheit. In ihrem Verlauf werden, vor allem in den Gebieten mit singhalesischer Bevölkerungsmehrheit, zwischen 1000 und 5000 Tamilen ermordet und mindestens 100.000 zur Flucht in andere Landesteile gezwungen, wobei ein großer Teil des tamilischen Eigentums in singhalesische Hände übergeht; dabei werden die Täter teilweise von regierungsnahen Politikern angestachelt, und Mitglieder von Polizei und Militär beteiligen sich an den Ausschreitungen.
Auf Seite der Tamilen gewinnt bald die LTTE (auch als „Tamil Tigers“, tamilische Tiger bezeichnet) die Oberhand, indem sie andere separatistische tamilische Gruppierungen rigoros und teilweise gewaltsam bekämpft. Im andauernden Krieg kann sie als stärkste militärische Kraft auch schnell die politische Führung der Tamilen übernehmen."(...)
...mit dem ebenfalls aus nahost bekannten ergebnis, das kein mensch mit emotionaler vernunft sich vorbehaltlos irgendwie positionieren könnte. und geht mit der ebenfalls bekannten konstellation eines "asymmetrischen krieges", bei dem von beiden seiten aus auch die zivile bevölkerung attacktiert wird, weiter:
(...)"Am 14. Juni 2006 starben bei einem mit zwei mit Metallkugeln gefüllten Sprengsätzen durchgeführten Anschlag auf einen Reisebus bei Kebitigollewa (nördliche Zentralregion, nahe Anuradhapura) mehr als 60 Menschen. Es war der schwerste Anschlag seit 2002. Während die Regierung die LTTE dafür verantwortlich macht, sagte ein Sprecher der Organisation, sie habe nichts damit zu tun. Die srilankische Luftwaffe flog noch am selben Tag Einsätze gegen Stellungen der LTTE an der nordöstlichen Küste, dabei wurden 1000 tamilische Zivilisten getötet.(...)
Ebenfalls in Muttur wurden am 6. August 17 tamilische Mitarbeiter der französischen Hilfsorganisation „Aktion gegen Hunger“ ermordet aufgefunden. Regierung und LTTE gaben sich gegenseitig die Schuld an dem Massaker. Am 8. August 2006 erklärte die LTTE überraschend ihren Rückzug von dem umkämpften Stausee, so dass die Schleusentore wieder geöffnet werden konnten. Am 14. August 2006 wurden durch einen Bombenangriff der Armee Sri Lankas mit Kampfflugzeugen des Typs KFIR auf das Kinderheim „Chencholai“ in Mullaithivu 61 Schulmädchen getötet und über 129 verletzt. Die Regierung gab an, sie habe nur ein LTTE-Ausbildungslager bombardiert, aber unter Umständen griff die Armee diese Schule gezielt an."(...)
kommen solche nachrichten Ihnen nicht von woanders her sehr bekannt vor? und halten Sieselbstmordattentateeventuell für ein rein islamistisches phänomen?
(...)"Die LTTE führt mit rund 250 ihr zugeschriebenen Anschlägen die Statistik der weltweit verübten Selbstmordattentate an. Die Selbstmordattentate würden, laut LTTE, nicht zum Erreichen eines Ziels oder zum Durchdrang in die von der Regierung kontrollierten Gebiete (anfänglich) eingesetzt, sondern seien vorwiegend zur Abwehr von Großoffensiven der oppositionellen Parteien auf die tamilische Bevölkerung."(...)
wie auch in nahost (und jedem anderen krieg) hat sich ein geschlossener kreis aus gegenseitiger traumatisierung und brutalisierung inzwischen verselbstständigt - mit der folge des entstehens einer"kultur" der gewalt:
(...)"Des einen Freiheitskämpfer sind des anderen Terroristen – dies gilt insbesondere auch für die LTTE. Immer wieder gelang es den Befreiungstigern mit Minenanschlägen und Selbstmordattentaten, die auffällig häufig von Frauen begangen wurden, Vertreter des Staats und noch mehr Unbeteiligte zu ermorden. Die LTTE hat einen martialischen Kult um ihre so genannten Black Tigers aufgebaut, eine Eliteeinheit von Selbstmordattentätern, die nach ihrem Tod als "Märtyrer" verehrt werden. Sie trugen den Konflikt wiederholt in die Hauptstadt Colombo und die eher ruhigen Landesteile.
Doch auf Seiten der Regierung bedienen sich insbesondere paramilitärische Gruppen ebenfalls terroristischer Mittel, um sich missliebiger Personen zu entledigen oder häufig einfach nur um die tamilische Bevölkerung in umstrittenen Gebieten einzuschüchtern. Es herrscht eine Kultur der Gewalt, die Angst eines Großteils der Bevölkerung begünstigt jene, die sich als Schützer der jeweiligen Gruppeninteressen aufspielen.
Rund 80.000 Menschenleben hat der Bürgerkrieg bislang gefordert. Hunderttausende wurden in seinem Verlauf immer wieder zur Flucht gezwungen."(...)
im laufe des letzten jahres und besonders in den letzten wochen bis heute hat sich der ständig glühende konflikt zu einem aufgeflammtenkriegentwickelt:
(...)"Es geht um das Kernland der Rebellen, auch Tamilen-Tiger genannt, im Norden der Insel. Es sind die heftigsten Kämpfe seit Jahren, und die Welt nimmt vergleichsweise wenig Notiz von ihnen. Perera sagt, was die Zahl der Opfer angehe, spiele Sri Lanka in einer Liga mit anderen, keineswegs vergessenen Konflikten: "Sri Lanka kommt gleich nach dem Irak und Afghanistan. Dann gibt es noch Somalia. Sri Lanka ist also unter den ersten Vier, was Kriege auf dieser Welt angeht, aber das spielt in den internationalen Medien und auch für die Regierungen kaum eine Rolle", meint Perera, und: "Weil es geopolitisch und strategisch nicht so wichtig ist. Und es hat auch kein Öl, was der Grund dafür sein dürfte, dass andere Länder viel prominenter behandelt werden."
Hinzu kommt, dass die Regierung in Sri Lanka kaum unabhängige Journalisten in dem umkämpften Gebiet zulässt und Beobachtern zufolge die Presse in der Hauptstadt ohnehin gut im Griff hat - oder wieder fester zupackt, wenn das mal nicht der Fall sein sollte. Was aus der Kampfzone nach außen dringt, ist viel Propaganda: Erfolgsmeldungen der Regierungstruppen, dass sie Fortschritte machen; so genannte Erfolgsmeldungen der LTTE-Rebellen, dass sie viele Soldaten getötet hätten."(...)
wie, auch die situation der berichterstattung kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? und womöglich auch noch die frage am ende des folgenden zitats?
(...)"Die Großen, die USA, Indien, China würden mittlerweile, wo nicht laut, so doch stillschweigend dulden, dass die Regierung sich offenbar fest vorgenommen hat, die Tamilen-Rebellen ein für alle Mal militärisch in die Knie zu zwingen. Die Frage ist nur, ob ein solcher Krieg überhaupt gewinnbar ist."(...)
wie gesagt: die parallelen sind frappierend, wobei sich hier ebenfalls die frage nach unserer involviertheit - in gestalt "unserer" angeblichen repräsentanten aka regierung(-en) - genauso wie bei vielen anderen kriegen stellt -deutsche waffen, deutsches geld...- in diesem speziellen fall deutsche lizenzen:
(...)"Nachweisliche Abnehmer sind auch Bangladesch und Sri Lanka, dessen Armee das G3 im Bürgerkrieg gegen die Rebellen der Tamil Tigers einsetzt."(...)
eine auswahl weiterer und recht "versteckter" deutscher beteiligungen an der ausrüstung der regierungstruppen in sri lanka ist u.a.hierzu finden; wobei dort ebenfalls zu sehen ist, das bspw. der großteil der ausrüstung der dortigen marine von israel geliefert wurde - so schliesst sich denn der traurige kreis am ende auch hier wieder. ein kreis, der hauptsächlich durch unsere von der allgegenwärtigen aufmerksamkeitsökonomie verzerrten wahrnehmung sowie eben bei etlichen auch durch die direkte beteiligung israels in nahost mobilisierten antisemitischen ressentiments zu ausschließlich hauptsächlich die dortige situation im focus hat (was sich auch als beleg für die instrumentalisierung der palästinensischen opfer für diese ressentiments begreifen lässt). das menschliche leiden ist jedoch rund um den planeten überall das gleiche. und kann nicht durch räumliche distanzen relativiert werden.
die parole in der überschrift habe ich das erste mal auf demonstrationen während der - fast vergessenen - unruhigen und bewegten jahre 1980/81 gehört, genauer nach dem tod vonklaus-jürgen rattayim damaligen westberlin (details sind im verlinkten beitrag zu finden). damals war´s nicht nur in westdeutschland unruhig, sondern ebenso in holland, großbritannien, italien, der schweiz... - hausbesetzungen, anschläge, straßenunruhen, anti-akw-proteste und die startbahn west in frankfurt prägten ebenso wie die revolution in nicaragua und der guerillakrieg in el salvador eine länderübergreifende bewegung, deren stärke in ihrer vielschichtigkeit lag, die aber gleichzeitig viele - v.a. kulturelle - momente einer klassischen jugendbewegung nicht überschreiten konnte.
trotz aller militanz gab es in dieser zeit nichts vergleichbares analog zu den aktuellen griechischen unruhen, und das mag auch daran liegen, dass die gesellschaftlichen verhältnisse heute trotz aller scheinbaren erstarrung wesentlich instabiler geworden sind. die parole jedoch finde ich nach wie vor sehr treffend in ihrer kenntlichmachung des primats der dingwelt und ihrer gleichzeitigen impliziten benennung der ungeheuren heuchelei, die noch stets jeden "krawall" in der (medialen) öffentlichkeit begleitet hat, und so natürlich auch die ereignisse in griechenland.
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diese heuchelei löst in mir immer noch die gleiche (v)erbitterung aus, die ich als jugendlicher damals gespürt habe - anklagende zeigefinger auf ausgebrannte autos, kaputte schaufensterscheiben und verwüstete bankfilialien auf der einen seite, schweigen, ignoranz, schulterzucken und zustimmende passivität auf der anderen im angesicht von millionenfachen tod und elend durch den hunger, die kriege, die ökologische verwüstung sowie die zerstörung sozialer beziehungen und traumatisierungen planetenweit, die von der "besten aller welten" in gestalt der westlich-industriellen "zivilisation" bis heute ungebremst zur erhaltung des eigenen status quo verursacht werden. der ordentliche normale bürger, der sich wie ein schaf bösartig blökend die abgrundtief verlogenen postulate und bewertungen der "eliten" zu eigen macht und sich aus allem heraushält, was seine eigene friedhofsruhe stören könnte - zb. die verprügelten kinder in der wohnung nebenan -, alles als kriminelles chaos empfindet, was seinen eigenen pervertierten lebensinn bedrohen könnte - zb. kratzer im autolack -, und alles als unverschämte zumutung, was seine als-ob-freiheit des ungehinderten konsums in frage stellt, ist nach wie vor eine erbärmliche und dümmliche karikatur des menschseins, die sich in wahnhafter verkennung der realität dazu noch erdreistet, sich selbst für einen, wenn nicht den gipfelpunkt der schöpfung zu halten und dumpf "polizei" brüllt, wenn sich die realität in handfesten formen in seine simulationen und die erbittert verteidigte trance zu drängen droht. um diese spezies zu betrachten, reicht momentan ein blick in viele online-foren.
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solche leute, deren funktion in vielerlei hinsicht mit der metapher des nützlichen idioten der herrschenden mafiösen strukturen auf den punkt gebracht werden kann, haben ebenso keinerlei legitimation sich über gegengewalt zu beschweren, wie die "eliten", die für sich ganz selbstverständlich in anspuch nehmen, gewalt je nach bedarf und abgesichert von den von ihnen geschaffenen apparaten, instanzen und gesetzen beliebig einzusetzen. diesem anspruch dienen die mechanismen der demokratiesimulationen ebenso wie die einschüchternde präsenz von militär, polizei, geheimdiensten, justiz und gefängnissen. nein, nicht der eindämmung der vielfältig vorhandenen antisozialen gewalt in den sozialen beziehungen dienen diese einrichtungen - das ist eher eine zweitrangige symptombekämpfung von phänomenen, die in einer grundsätzlich durch gewalt strukturierten gesellschaft zwanghaft ständig produziert (und bis zu bestimmten grenzen in kauf genommen) werden, sondern primär dienen sie einzig und alleine dem machterhalt und der absicherung der vorhandenen hierarchien, die von den herrschenden "eliten" als existenzielles elixier, als der für sie einzig zählende "lebenssinn" innerhalb des nur quantifizieren könnenden objektivistischen modus´ gebraucht werden. da sie die folgen ihrer gewalt zu großen teilen nicht wahrnehmen können, existieren diese folgen für sie in einem umfassenden sinne auch nicht. was dazu führt, dass gewalt ständig nur unter strategischen und taktischen gesichtspunkten gesehen werden kann.
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aus diesen gründen habe ichneulichdas folgende fazit gezogen:
"und das macht meiner meinung auch sog. gewaltdebatten, jedenfalls in ihrer bisherigen form, ziemlich überflüssig."
das möchte ich im folgenden präzisieren:
wie ebenfalls im letzten beitrag schon geschrieben, respektiere ich gewaltlosigkeit als persönliche maxime und als ausdruck tiefgreifender biographisch-persönlicher erfahrungen absolut (wenn sie denn nicht blind ist gegenüber der systemimmanenten und -produzierten gewalt), sehe jedoch ein grundsätzliches problem darin, wenn aus dieser haltung heraus versucht wird, in gesellschaftliche prozesse einzugreifen. das problem liegt dabei in der wahrnehmungsbedingten und - eigentlich - grundsätzlich sinnvollen annahme, das mein menschliches gegenüber grundsätzlich gleich "tickt" (funktioniert) wie ich selbst.
ohne diese jeden tag unzählige male benutzte hypothese, die eigentlich eine art von grundsätzlichem vertrauensvorschuß darstellt, wäre die soziale menschliche welt, wären beziehungen aller art zwar vielleicht nicht unmöglich, würden sich jedoch tiefgreifend anders und v.a. komplizierter gestalten als eh schon.
diese gerade umschriebene annahme lässt sich als teil unserer aller psychophysischen grundausstattung ansehen, und wenn ich "alle" schreibe, meine ich in diesem fall auch alle, selbst die soziopathischen zeitgenossen, die meiner meinung nach mit der gleichen hypothese operieren. aber genau in letzterem zeigt sich bereits das erwähnte problem.
gewaltlosigkeit als ethisch-moralisch leitende matrix hinter gesellschaftlich-politischem engagement kann nur funktionieren, wenn das angesprochene gegenüber - also im normalfall die herrschende macht - , die in der demonstrativ gewaltfreien position enthaltenen angebote von offenheit, beziehung, verzicht auf verletzung u.a. auch als solche wahrnehmen, sprich sich davon berühren lassen kann. die idee hinter aktionen wie unterschriftensammlungen, petitionen, öffentlichen appellen, kundgebungen und menschenketten etc. geht unausgesprochen eben von dieser der anderen seite unterstellten fähigkeit aus: mitmenschliche kritik ernst zu nehmen, sich davon berühren zu lassen und gegebenenfalls konsequenzen für das eigene handeln zu ziehen.
ich fürchte allerdings, genau wegen dieser unterstellung bleibt die gewaltfreie aktion bis heute so offenkundig wirkungslos (zu ein paar immer wieder angeführten anscheinenden ausnahmen komme ich noch).
denn die ernsthafte frage, die sich stellt: was ist denn, wenn mein gegenüber die stillschweigend unterstellte gleichheit bzw. die benannten fähigkeiten gar nicht oder nur in verzerrten formen aufweist?
was ist denn, wenn mein gegenüber zu denjenigen gehören sollte, die aufgrund unserer verfluchten jahrtausendealten "tradition" von vielfältigster antisozialer gewalt bereits die strukturen und symptome von einer oder mehreren der im blog thematisierten beziehungskrankheiten aufweist, zu deren merkmalen es gehört, die selbst- und fremdwahrnehmung quantitativ und qualitativ in richtung objektivismus zu verschieben? wenn ich es gar mit einem durch die traumatischen gesellschaftlichen verhältnisse erzeugten psychophysischen quasi-mutanten zu tun habe, wie er sich in gestalt der strukturellen soziopathen am deutlichsten manifestiert?
in diesem fall wird die oben beschriebene sinnvolle annahme zu einem hochgefährlichen wahrnehmungsmässigen rohrkrepierer, und zwar gleich doppelt: einmal bleibe ich in einer realitätswidrigen illusion hängen, die im schlimmsten fall zu völlig falschen einschätzungen der realität mit der implikation der eigenen vernichtung führen kann, zum anderen bleibt aber auch das gegenüber in seiner objektivistischen konstruktion hängen, welche funktionsbedingt meine postulierte gewaltlosigkeit nun seinerseits nur als strategische heuchelei wahrnimmt - "der tickt so wie ich auch". eine fatale art der kompletten nicht-kommunikation, in der intentionen und motive beidseitig real nicht nur völlig aneinander vorbeirauschen, sondern auch schlicht aufgrund der beidseitigen unhinterfragten hypothese nicht wahrgenommen werden können. und in dieser konstallation bleibt diejenige seite sieger, die die größeren machtmittel incl. der nötigen skrupellosigkeit für ihren einsatz besitzt.
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der philosophgünther andershat das obige in einem bemerkenswerten interview mit seinem fiktiven selbst in folgenden worten ausgedrückt (der genannte minister friedrich zimmermann war ende der 80ger jahre bundesinnenminister unter kohl und galt als csu-hardliner):
Anders fiktiv: Der (zimmermann) hat (...) die Unterscheidung zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit verwischt. Laut `Welt´ hat er nämlich gesagt: `Auch gewaltloser Widerstand ist Gewalt. Und zwar deshalb, weil er Widerstand ist.´
Anders: Kurz, Widerstand als solcher ist gewalttätig. Eine schöne Gleichung (...)
Anders: (...)Und um noch einmal auf das schändliche Wort von Zimmermann zurückzukommen, auf dieses entrechtende, höhnende, lieblose, undemokratische und unchristliche Wort `gewaltloser Widerstand ist Gewalt, weil Widerstand´ - dieses `Weil´ ist in der Tat das niederträchtigste Weil, das ich je gehört habe. Nicht nur seine diktatorische Mentalität bezeugt Zimmermann durch diese Formel, er prahlt mit ihr geradezu. Statt aus seinem hätte sie glatt aus dem bellenden Mund Hitlers kommen können. Sie ist ein um 50 Jahre verspätetes Echo.
Soweit, glauben Sie, sind wir beinahe?
Das ist keine Sache des Glaubens. Wer wie Zimmermann verkündet, gewaltloser Widerstand sei, weil Widerstand, Gewalt, der versagt jedem Widerspruch sein Recht und macht dadurch jede freie Meinungsäußerung, jede Kritik an Maßnahmen der herrschenden Macht zur strafwürdigen Anmaßung. Und das ist das Ende jeder Freiheit. So würde z.B. jede noch so freundlich angebrachte Warnung vor Kriegsspielzeug verdächtig werden, sie sei eine als `christlich´ oder als `gewaltlos´ getarnte Gewaltaktion gegen die sogenannten `freiheitlichen Werte´. Natürlich gibt es zuweilen - das läßt sich nicht abstreiten - Fälle, in denen Freundlichen, die sich für offiziell nicht Gebotenes oder gar für amtlich Verbotenes direkt einsetzen, gewisse vorübergehende Erfolge beschieden sind. Aber in den Augen der Zimmermänner stehen eben Erfolge eigentlich nur den Machtinhabern zu. Und eigentlich (aber natürlich unausgesprochenerweise) dürfen Erfolge ausschließlich durch Drohung mit Gewalt (die Macht und dadurch Legitimität beweist) durchgesetzt werden. Was die erhobene und zuschlagende Hand des Establishments kann (und deshalb angeblich darf und soll), das darf der streichelnden nicht gestattet sein.
In den Augen der Zimmermänner ist Güte, die einzugreifen sucht (was ihr zuweilen sogar glückt), nichts als ein Trick. Und Sanftheit nichts als getarnte Gewalt. Jedes Schaf gilt ihnen als Wolf im Schafspelz - echte Schafe gibt es aus der Perspektive der Mächtigen nicht, und das bedeutet natürlich auch: Echte Christen sind in den Augen derer, die nur die Gewalt und der auf Gewalt beruhenden Macht Legitimation zuerkennen, eo ipso Heuchler. Daß das von den Zimmermännern niemals zugegeben werden würde, gehört zum Wesen der Zimmermänner. Und das die sich als `gewaltlos´tarnenden Wölfe im Schafspelz von den rechtschaffenen Wölfen (die, weil sie Machteigentümer sind, auch legitim das Gewaltmonopol besitzen), nicht geduldet werden können, das versteht sich von selbst.(...)
(auszüge aus "die zuspitzung 1: vom ende des pazifimus" in "günther anders - gewalt ja oder nein. eine notwendige diskussion" hrsg. manfred bissinger; münchen 1987; knaur; isbn 3-426-03893-5; s. 103, 106 - 107)
"jedes schaf gilt ihnen als wolf im schafspelz" - eine treffende metapher für die weiter oben beschriebene fatale psychophysische hypothese der grundsätzlichen gegenseitigen gleichheit. beispiele für diesen wahrnehmungsfehler lassen sich heute ebenso ohne probleme finden, besonders die immer wieder angeführte "menschliche natur" mit ihrer angeblich immanenten gier, gar mordlust, wurzelt in genau diesem fehler bei denjenigen, die damit ankommen. wie früher schon geschrieben: das ist ihre eigene projektion ihrer eigenen selbstwahrnehmung.
und aus diesem grund sind wir alle in den augen der paranoiden macht auch zwingend und notwendig tatsächlich verdächtig und müssen umfassenden kontroll- und überwachungsmaßnahmen unterworfen werden. und zwar ganz egal, ob und was wir real tun und lassen. schäuble ist ein würdiger nachfolger von zimmermann.
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das buch, aus dem ich gerade zitiert habe, ist eines, welches in der form heute womöglich gar nicht mehr erscheinen dürfte. der anlaß war ein interview des damaligen herausgebers der zeitschrift "natur" mit günther anders, in dem dieser einige aufsehenerregende gedanken zum weiteren weg des anti-atom-widerstands nach dem super-GAU von tschernobyl 1986 formulierte. gedanken, die zu einer breiten öffentlichen diskussion um die gewaltfrage führten, unter beteiligung sowohl der "natur"-leserInnenschaft als auch großer teile des damals noch existierenden milieus der (links-)liberalen intellektuellen der alten brd. darunter bspw. namen wie heinrich albertz, ingeborg drewitz, axel eggebrecht, erich kuby und etliche andere. ihren reaktionen ist im buch ein ganzes kapitel gewidmet, ein paar auszüge:
"Wer öffentlich zur Gewalt aufruft, soll selbst bereit sein, ins Feuer zu gehen. Das wird der von mir sehr ernstgenommene Günther Anders sicher nicht tun. Er trägt nun die Verantwortung dafür, daß sich jeder Terrorist auf ihn berufen kann.
Ich halte seinen Aufruf nicht nur für falsch, sondern für unverantwortlich. Ich werde mich weiter strikt an den Satz halten: "Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen." Das gilt für alle Seiten des mörderischen Konfliktes, in dem wir stehen." (Heinrich Albertz, S. 37)
"Gewalt gegen Sachen wird zu "Terrorismus" erklärt, um den vielfältigen, diffusen Widerstand treffen und kriminalisieren zu können zur Durchsetzung des von der Bevölkerung abgelehnten Atomprogramms. Ganz anders, wenn es um die Interessen der Großindustrie geht. Dann bleibt Gewalt gegen Sachen im Werte von vielen hundert Millionen und sogar Gewalt gegen Menschen unverfolgt oder ein Kavaliersdelikt. Die, die gleich tonnenweise und vorsätzlich Gift in den Rhein und damit in unser Trinkwasser schütten sitzen mit dem Minister am Konferenztisch und feilschen darüber, daß sie in Zukunft doch bitteschön freiwillig auf solche Gewalt verzichten.
Für die Regierenden ist offensichtlich nicht Gewalt gleich Gewalt. Es kommt für sie darauf an, wer in welchem Interesse das staatliche Gewaltmonopol verletzt. Es wird Zeit, daß die da oben ihr Verhältnis zur Gewalt überprüfen. Ihre Beteuerungen der Abscheu vor Gewalt klingen so unglaubhaft." (Hans-Christian Ströbele, S. 80f.)
"Gewalt ist nicht Gewalt. Es kommt darauf an, wer wann wo für welche Gewalt ist. Es ist etwas anderes, ob einer, der keine Gewalt hat (außer der sprachlichen) für Gewalt ist, so wie der ehrenwerte Günther Anders, ob ob einer wie der Staat, der vor Gewalttaten strotzt, Gewalt abzulehnen vorgibt." (Joseph von Westfalen, S. 85)
im kern war die reaktion der "promis" damals eindeutig ablehnend (die zitatauswahl oben ist nicht repräsentativ); etwas anders verhielt sich das bei den leserInnen:
"Es ist in der Geschichte der Menschheit noch nie gelungen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Versuche enden stets im vielfach gesteigerten Chaos und schwerstem Unglück." (Leonore E., Oberursel, S. 113)
"Seit Auschwitz sollte eigentlich allen endgültig klar sein, daß die Gewaltlosigkeit der Machtlosen nicht in der Lage ist, die Mächtigen von der amoralischen Ausübung der Gewalt abzuhalten." (Hans-Werner K., Frankfurt, S. 116)
"Die Alternative zu den nun leider wenigen wirkungsvollen Demonstrationen ist nicht automtatisch Gewalt, sondern eine nur durch menschliche Phantasie begrenzte Palette von Widerstand." (Thomas L., Sulzbach, S. 121)
"... was prinzipiell eher bedeutet, daß ich einem Gegner, der mich mit einem Tötungsgegenstand bedroht, doch zunächst einmal die Waffe aus der Hand schlage, anstatt den Menschen gleich umzuhauen." (Felicia M., Kassel, S. 122)
"Die tägliche kleine Sabotageaktion, angefangen von Kaufboykott bestimmter Produkte, über zubetonierte Abwasserrohre, bis hin zum umgeknickten Stormmast - vielfach, phantasievoll und unkontrollliert eingesetzt, gibt uns eine noch lange nicht ausgeschöpfte Kraft. ... Angst machen den Mächtigen nicht einige Gewaltaktionen, sonden die zunehmenden Sympathien hierfür in wachsenden Bevölkerungskreisen." (K. Lauer, Saarbrücken, S. 123)
"Da sitzen wir nun am Tisch, wir Gewaltlosen, schlagen natur auf und beginnen zu blättern. Wir sind zwar für Widerstand, aber gewaltlos muß er sein. ... Gewalt ist moralisch verwerflich und wird schwer bestraft. Außerdem provoziert man damit die Poizei, die einen dann verprügelt. Gewaltos wollen wir werden und gewaltlos auch dorthin kommen.
Doch dann das Gespräch mit Günther Anders über Notstand und Notwehr. Es macht uns neugierig und wir lesen. Was steht da?! Was spricht er da aus? Aber er spricht es aus! Ganz schön mutig, dafür kann man ins Zuchthaus kommen, neuerdings! - Wir meinen, in uns bewege sich etwas, oberhalb des Magens, und ein Kloß im Hals läßt uns den Kopf anheben, um zu schlucken. Ein seltsames Kribbeln durchströmt den Körper, als strahle ein warmer Hoffnungsschimmer auf die verkrämpfte Backe, und wir stellen fest, daß wir kaum zuvor einen Text so verschlungen haben.
Doch - Nein! - Nein, wie sind doch gegen Gewalt, keine Gewalt gegen Menschen und auch nicht gegen Sachen!. Wie kann man nur so etwas schreiben?!
Wir legen den Text weg, stehen auf und sehen zum Fenster raus: Die Fichten auf dem Hügel sind durchsichtiger denn je. Die Autos vor der Ampel unten machen einen Höllenlärm ... auf einem LKW erkennen wir den Schutt des alten Fachwerkhauses aus der Nachbarstraße ... Eine Frau an der Ampel schlägt ein Kind, weil es nicht bei Fuß bleiben will ...
Auf jeden Fall sind wir gegen Gewalt. Wir müssen nur noch zahlreicher auf die Straße! - Nein, nicht für Politiker oder die Bevölkerung, die uns sowieso nicht hören, sondern um Eindruck zu schinden beim großen Gewalo, Schutzpatron der Gewaltlosen, der hoffentilch bald zu uns kommt und zur Belohung die Atomkraft abschafft und die Raketen und vielleicht auch ein bißchen die Chemie-Industrie und ein paar Autos und ... und ... und ..." (Carl Christian R., Kirn, S. 127f.)
"Welches Verhängnis, wenn Menschen gutgläubig nachgeben, auf Gewalt verzichten, weil sie an die Gewaltlosigkeit glauben! Sie werden dann nur um so radikaler von der Gewalt überwunden!" (Steffen S., Mannheim, S. 130)
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Sie sehen schon, das die erwähnten gesellschaftlichen probleme den geist der 80er jahre atmen - jedoch im prinzip heute noch aktuell, wenn nicht verschärft und ergänzt sind um die entwicklungen seit dem 11.09.2001 und die heutigen umfassenden krisensymptome. das tabu, welches anders damals ankratzte, liest sich auf den kern gebracht folgendermaßen (und die im zentrum seiner argumentation stehende atomara bedrohung würde er wahrscheinlich heute noch mit der bio/gentechnologie, dem klimawandel und auch der wirtschaftskrise ergänzen):
""Keiner von denen - und ich sprech vor allem von Politikern, Generälen, Wissenschaftlern und Journalisten - keiner von denen, die die atomare Massenbedrohung oder den Massenmord vorbereiten, mit diesem drohen oder die Möglichkeit des Massenmordes durch sogenannte friedliche Atomanlagen mindestens in Kauf nehmen - keiner von denen darf mehr oder soll mehr seines Lebens sicher sein. Da sie uns pausenlos programmatisch und professionell in Angst versetzen, sollen nun endlich auch sie in Angst leben müssen. Die uns bedrohen, sollen von uns bedroht werden. Und nicht nur bedroht werden, sondern dadurch, daß wir unsere Drohungen hier und dort wahrmachen, eingeschüchtert, dadurch zu Einsicht gebracht und dadurch zur Umkehr veranlaßt werden. Damit am Ende niemand mehr bedroht sei, nicht wir und auch sie nicht. Ob uns das gelingt, ob wir durch unsere Gegenbedrohung die Gefährdung der Menschheit noch neutralisieren können, das weiß ich nicht. Aber daß wir das ohne unsere Gegendrohung nicht können, das weiß ich." (Charles Meunier* - meines wissens ein kanadischer künstler, anmerkg. mo)
*übersetzung durch günther anders am 28.9.1986, im buch auf s.89
weitere argumentationen aus dem interview von anders mit seinem fiktiven selbst:
"... Das Recht auf Notwehr tödlich Bedrohter und in jeder Sekunde Angreifbarer ist natürlich natürlich! Selbst das Naturrecht ...
Die Absage an Gewaltlosigkeit nennen Sie "Notwehr"?
Schon wieder dieses "Nennen"! Sie ist Notwehr! Und da die Bedrohung total und die mögliche Vernichtung global ist, hat unser Notwehr total und global zu werden. Zum Verteidigungskrieg aller Bedrohten. Und das heißt: aller Menschen heute und morgen." (s.91)
"Wir Atomgegner kämpfen also, wie gesagt, einen Verteidigungskampf gegen so enorme Bedroher, wie es deren nie zuvor gegeben hatte. Also haben wir das Recht, Gegengewalt auszuüben, obwohl hinter dieser keine "amtliche" und "rechtmäßige" Macht, also kein Staat, steht. Aber Notstand legitimiert Notwehr, Moral bricht Legalität. Diese Regel zweihundert Jahre nach Kant eigens zu begründen, erübrigt sich ja wohl." (s. 93)
"Happenings sind nicht genug!
(Befremdet:) Happenings! Dieser Vergleich überschreitet doch wohl ...
Nein. Gar nichts überschreitet er. Und ist auch nicht nur ein Vergleich. Gewaltlose Widerstandsaktionen ähneln nicht nur Happenings. Sie sind Happenings.
Und warum sind sie das?
Deshalb, weil Happinings verspielte Scheinakte sind und Als-Obs, die so tun, als seien sie mehr: nämlich wirkliche Aktionen oder mindestens Bastarde von Sein und Schein, von Ernst und Spiel." (s.98)
"Unsere Gewaltausübung darf immer nur als Verzweiflungsmittel, immer nur als Gegengewalt, immer nur als Provisorium eingesetzt werden." (s.102)
"Gewaltlosigkeit gegen Gewalt taugt nichts. Diejenigen, die die Vernichtung von Millionen Heutiger und Morgiger, also unsere endgültige Vernichtung vorbereiten oder mindestens in Kauf nehmen, die müssen verschwinden, die darf es nicht mehr geben." (s. 104)
na, harter tobak, oder? bevor sich hier einige bemüßigt fühlen sollten, in ihrer strukturellen obrigkeitshörigkeit zur nächsten polizeiwache zu rennen: informieren Sie sich vorsichthalber vorher darüber, wer günther anders war. und realisieren Sie, dass dieses buch bis heute "legal" gehandelt wird.
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es gibt natürlich etliche gute argumente gegen gewalt, und ich glaube, die meisten sind mir durchaus bekannt. am ernstesten davon nehme ich - bei ansicht des blogs wahrscheinlich nachvollziehbar - ihre potenziell traumatischen folgen bzw. die kreisläufe des traumas, die dringend unterbrochen werden müssen. was bedeutet, innerhalb der sozialen beziehungen gewalt klar und deutlich zu ächten!
aber: die sphären von macht und herrschaft bzw. diejenigen, die dort ihre psychophysischen defekte kompensieren und ausagieren, haben sich selbst zeitweise oder auf dauer aus diesen sozialen beziehungen ausgeschlossen und setzen dieselben sowie im weiteren die elementarsten überlebensbedingungen der gesamten spezies durch ihr fortgesetzt destruktives handeln unter permanent zunehmenden lebensgefährlichen druck. und deshalb kann die eben erwähnte maxime von der ächtung für sie nicht gelten! es geht dabei keinesfalls um grundsätzliche vernichtung, sondern um ihre unschädlichmachung - das verhindern ihres weiteren agierens. und da bin ich allerdings der gleichen meinung wie anders: das wird nicht ohne einen sorgfältig kontrollierten und abgewogenen einsatz von gewalt möglich sein.
als alternative sehe ich bisher einzig die option einer wirklich massenhaft getragenen sozialen isolierung der erwähnten elitären schichten. das würde bedeuten, die zusammen- oder eher zuarbeit für das und mit dem system auf allen nur denkbaren gebieten einfach einzustellen -> totale aufkündigung der loyalität. das aber wäre nur erreichbare, wenn sich die soziale trance soweit aufösen lassen würde, dass relevante teile der hiesigen bevölkerung zu einem schier unfassbaren psychophysischen entwicklungssprung in der lage wären bzw. diesen mit der gemeinten auflösung bereits beginnen würden. ob es diese möglichkeit gibt?
ghandi oder martin luther king werden meistens als beispiele für funktionierende gewaltlose widerstandshandlungen aufgeführt. ich würde ja sagen, bei ansicht der heutigen realitäten in den usa ist zu sehen, dass sich zwar einige symptome des rassismus dort abgeschwächt haben (obamas wahl mag dafür ein beispiel sein), jedoch strukturell viele schwarze nach wie vor die absolute arschkarte haben. und zu einer realistischen bewertung ghandis ist eine beschäftigung mit den damaligen speziellen bedingungen in indien ganz hilfreich, die er vorgefunden hat. die sind meiner meinung nach nicht übertragbar auf andere zeiten und räume.
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es gäbe noch viel zum thema zu sagen, aber ich möchte Ihnen einfach zum schluß einentextaus dem heutigen griechenland mit auf den weg geben, der mit seiner - mich sehr berührenden - sprache für sich selbst spricht und dabei deutlich macht, dass die ganze sog. gewaltdebatte am ende wahrscheinlich etwas sekundäres ist. will sagen: die hauptarbeit gerade in einem land wie hier liegt aktuell darin, jetzt die deformierten und angegriffenen sozialen beziehungen zu heilen und diesen prozeß auf immer weitere kreise auszuweiten. und mit diesem unbescheidenem wunsch verabschiede ich mich für heute.
(...)"Morgen bricht ein Tag heran, und nichts wird mehr das Gleiche sein. Was kann befreiender sein als dies, nach so vielen Tagen der Gleichheit? Eine Kugel war nötig, um die brutale Abfolge dieser Identischen Tage zu durchbrechen. Der Mord an einem 15 jährigen Jungen war der Moment, in dem eine Loslösung statt fand, stark genug um die Welt auf den Kopf zu stellen. Eine Loslösung von dem warten auf andere Tage, zu einem Punkt, an dem so viele gleichzeitig dachten: „Das war es, kein Schritt weiter, alles muss sich ändern, und wir werden es verändern.“ Die Rache für den Tod von Alex, wurde zur Rache für jeden einzelnen Tag, gezwungen in dieser Welt aufzuwachen. Und was so schwierig schien, stellte sich als simpel heraus.
Dies ist was passierte, und was wir haben. Wenn uns etwas Angst macht, dann ist es die Rückkehr zur Normalität. In den Zerstörungen und Plünderungen unserer ach so heilen Städte sehen wie nicht nur das offensichtliche Resultat unserer Wut, sondern auch die Möglichkeit zu leben zu beginnen. Uns bleibt nichts anderes mehr zu tun, als uns zu installieren in der Möglichkeit und sie in ein lebendes Experiment umzuwandeln: Angefangen beim alltäglichen Leben, unserer Kreativität, der Macht unsere Wünsche zu materialisieren, der Macht die Wirklichkeit nicht zu betrachten, sondern zu konstruieren*. Dies ist unser lebenswichtiger Raum. Alles andere ist Tod.
Die die verstehen wollen, werden verstehen. Jetzt ist die Zeit, die unsichtbaren Zellen zu durchbrechen, die alle und jeden an ihre kleinen pathetischen Leben ketten. Und dies fordert nicht einzig oder notwendigerweise jemanden auf, eine Polizeistation anzugreiffen oder Einkaufszentren und Banken abzufackeln. Die Zeit sein Sofa zu verlassen, die passive Betrachtung des eigenen Lebens, und auf die Strasse zu gehen, um zu sprechen und zu hören, alles private hinter sich zu lassen, sich zu involvieren in die sozialen Beziehungen; die destabilisierende Kraft einer Atombombe. Und dies ist genau, da die Fixierung eines jeden (bis jetzt) auf seinen Mikrokosmos wie an die Anziehungskraft eines Atoms gebunden ist, die Kraft, welche die (kapitalistische) Welt umkehren wird. Das ist das Dilemma: Mit dem Aufständischen oder alleine. Und dies ist einer der wirklich wenigen Momente, in denen dieses Dilemma so Absolut und so Real sein kann."
(*hier würde ich gerne ersetzen: wahrnehmen und gestalten!)