kontext
ich kann es Ihnen nicht ersparen, wieder einmal meldungen wie die folgende zur kenntnis nehmen zu müssen:
"Schwere Misshandlungen durch die eigene Mutter: In Köln hat eine Frau ihr fünf Monate altes Baby lebensgefährlich verletzt, indem es den Jungen gegen eine Zimmerwand warf. Im baden-württembergischen Eppingen entpuppte sich ein angeblicher Unfall als Kindstötung."
in früheren beiträgen findet sich mehr zum thema (eine auswahl, regelmäßige leserInnen hier werden sich an vieles weitere erinnern) : eins, zwei, drei, vier
dazu möchte ich auf ein interview aufmerksam machen, in dem der präsident des deutschen kinderschutzbundes, heinz hilgers, eine art zwischenfazit zur infantizidalen situation in diesem land zieht. auszüge:
"Zum Rückblick auf das Jahr 2005 gehört leider hierzulande auch, gehören auch die dramatischen Fälle von Kindesmisshandlungen, die die Öffentlichkeit erschütterten in diesem Jahr. Es waren besonders grausame Geschehnisse: Vernachlässigung oder Misshandlungen, die tödlich endeten. Im Fall der Jessica aus Hamburg wurden die Eltern wegen Mordes verurteilt. Nur die Spitze eines Eisberges, sagen Kinderschutzorganisationen. Und in dieses Bild scheint ein Bericht der Zeitung "Die Welt" zu passen, die heute aus bisher unveröffentlichten Statistiken des Bundeskriminalamtes zitiert. Danach sind die Fälle von Kindesmisshandlungen seit 1996 um 50 Prozent gestiegen. (...) Zuerst mal die Frage, Herr Hilgers: Wie können wir denn erkennen, ob die Zahl der Fälle tatsächlich angestiegen ist oder ob einfach mehr Fälle gemeldet werden?
Heinz Hilgers: Ja, jedenfalls nicht an der Kriminalstatistik. Die Kriminalstatistik weist die gemeldeten Fälle aus. (...) Wir wissen auf der anderen Seite, dass etwa im selben Zeitraum die Zahl der Kinder, die - aus anderen Untersuchungen -, die Zahl der Kinder, die regelmäßig mit Gegenständen geschlagen werden, von einer Million auf etwa 700.000 zurückgegangen ist. Und das sind natürlich viel höhere Zahlen als die Zahlen, die den Strafverfolgungsbehörden bekannt sind.
(...)
Insgesamt betrachtet: Gewalt gegen Kinder und Gewalt gegen Jugendliche, wie schätzen Sie die Situation derzeit ein in Deutschland, wenn Sie sie bewerten würden?
Hilgers: Ja, also ich würde sagen, die Dunkelziffer ist etwas kleiner geworden. Aber nur ganz wenig. Die Situation ist nach wie vor schlimm. Und man darf nicht vergessen: Jeder Einzelfall ist furchtbar. Und es ist dringend erforderlich, dass wir uns offensiver mit Hilfeinstrumenten an die Eltern wenden."(...)
die bereitschaft, genauer hinzuschauen, hat also zugenommen - ähnlich wie durch die thematisierung von vergewaltigung bzw. sexualisierter gewalt gegen frauen ebenfalls die angezeigten, mithin statistisch erfassten "fälle" derartiger gewalt prozentual gestiegen sind. man könnte sagen, dass der dreck sichtbarer geworden ist - besser: sein ganzes ausmaß. und dennoch lässt sich die trostlose realität in ihrem ganzen ausmaß immer noch nur erahnen - geschätzte 700.000 kinder, die mit gegenständen geschlagen werden - die phantasie kennt dabei keinerlei grenzen. recherchieren Sie selbst.
in dieser zahl sind dabei noch nicht mal die enthalten, die "nur" mittels armen und beinen ihrer "erziehungsberechtigten" geprügelt werden.
weiter geht es mit dem thema der prävention und möglichen interventionen:
(...)"Doch was ist mit Familien, wo alles sehr harmonisch aussieht, die scheinbar auch keine sozialen Probleme haben und wo dennoch später ja Gewalt auftreten kann? Also wie will die Gesellschaft dem einen Riegel vorschieben?
Hilgers: Man kann nicht allem einen Riegel vorschieben. Das ist sehr deutlich und das ist auch nicht möglich - auch nicht mit Pflichtuntersuchungen für die Früherkennungsuntersuchungen. Nein, das geht nicht. Es wird immer möglich sein, dass es schreckliche Fälle gibt. Das ist schlimm für jeden Einzelfall, aber ganz auszuschließen ist das nicht. Wir müssen als Gesellschaft insgesamt natürlich eine bessere Einstellung zu den Menschen, zu den Eltern gewinnen, die Verantwortung für Kinder tragen," (...)
ein problem bei den derzeit diskutierten maßnahmen staatlicher und institutioneller eingriffe (denen ich als provisorische sofortmaßnahme im interesse der opfer nicht grundsätzlich abgeneigt bin) besteht imo in der tendenz, das generelle gewaltproblem besonders an familien festzumachen, die nach allen kriterien unter ökonomischer verarmung, schlechter bildung etc. leiden. sicher - wie früher schon einmal ausgeführt, tragen schlechte bis existenziell bedrohliche ökonomische bedingungen einiges zur wahrscheinlichkeit von gewalttätigen strukturen innerhalb von familien bei. primär auslösend jedoch sind sie nicht. die hier thematisierte gewalt kommt in allen gesellschaftlichen klassen vor, auch in den sog. ober- und mittelschichten. es erscheint nicht nachvollziehbar, warum diese von interventionsprogrammen ausgeschlossen bleiben sollten. so wird das problem ungerechtfertigt verkürzt und an einer bestimmten gesellschaftlichen gruppe festgemacht - einer gruppe zudem, die bereits zunehmend im focus staatlicher und institutioneller maßnahmen steht - die grenze zwischen tatsächlicher hilfe und systematischer entmündigung, kontrolle und repression in zeiten zunehmender ökonomischer verelendung mitsamt den begleitenden sozialen selektionsprozessen ist eine sehr fließende. bei betrachtung der ständig perfektionierten ausweitung der innerstaatlichen repressionsapparate in der gesamten sog. westlichen welt jedenfalls kann ich mich des eindrucks nicht erwehren, dass weitreichende staatliche eingriffe gerade in den bereits sozial stigmatisierten gruppen sehr schnell für zwecke instrumentalisiert werden können, die mit der vielleicht z.t. aufrichtig gemeinten hilfe nichts mehr zu tun hätten. nennen Sie das meinetwegen übersteigertes misstrauen meinerseits - aber den vertreterInnen unserer sog eliten bedingungslos ihre hehren absichten zu glauben (nicht nur bei diesem thema), bedeutet in aller regel die akzeptanz einer im großen und ganzen völlig fiktiven realitätsvorstellung, was nur unter weitgehendem verzicht auf´s eigene fühlen und denken zu erreichen ist.
wo waren und sind denn diejenigen vertreterInnen der politischen klasse, die bspw. das faktum der jährlich mit gegenständen geprügelten 700.000 kinder als den gesellschaftlichen offenbarungseid benennen, der es ist? eben - es gibt sie nicht. sie müssten wohl zum einen mindestens teilweise ihre eigene wahlklientel kritisieren (erinnern Sie sich noch an diese zahlen (recht weit unten, aufgeschlüsselt nach parteivorlieben) ...?), zum anderen aber gehört diese art "erziehung" letztlich zum repertoire der macht - wer das überlebt, wird entweder ein objekt der psychiatrie, ein objekt der polizei- und justizapparate - oder aber, bei weitgehender unauffälligkeit, ein der macht kompatibler "staatsbürger" werden, der mitsamt seinem späteren tun die existenz hierarchischer apparate, die existenz von ungerechtigkeit und das prinzip der gewalt zur "regulierung" sozialer konflikte als quasi "natürliche" ordnung der dinge nicht nur akzeptiert, sondern auch unterstützt. die macht würde sich quasi ins eigene fleisch schneiden, wenn es mehr und mehr menschen geben würde, die es nicht mehr nötig hätten, in quasi psychotischen realitäten zu existieren, sondern selbstbewußt und vertrauensvoll genug sind, ihren eigenen emotionalen und intellektuellen wahrnehmungen zu vertrauen - und die empathie- und liebesfähig wären. aus wär´s aller wahrscheinlichkeit recht schnell mit der perversen zumutung, die die menschliche welt heute in großen teilen darstellt. ernsthaft: kann es im interesse der "eliten" liegen, sich selbst den vielleicht wichtigsten ast abzusägen, auf dem sie es sich gemütlich gemacht haben? wahrscheinlich mehr oder weniger instinktiv dürfte darum der schon früher zitierte generalstaatsanwalt von berlin ganz im sinne der obigen zusammenhänge seine aussagen getätigt haben.
weiter im interview:
"Wie weit haben sich denn die Erziehungsvorstellungen geändert nach Ihrer Erfahrung und Einsicht? Also in einer Umfrage haben wohl 70 Prozent der Kinder angegeben, Ohrfeigen zu bekommen. Das galt früher als ein ganz normales, notwendiges Erziehungsmittel. Hat sich daran was geändert in größerem Maßstab?
Hilgers: Ja, positiv. Die Gewalt in den Familien ist im historischen Zusammenhang deutlich zurückgegangen, sowohl über die Generationen hinweg als auch in den letzten 15, 20 Jahren. Das ist erfreulich.(...)"
das ist tatsächlich erfreulich, und vielleicht eine der wichtigsten gesellschaftlichen entwicklungen überhaupt (wichtiger jedenfalls als die täglichen fiktionalen realitäten in form der zahlen des dax, des bsp usw. das problem besteht z.t. auch darin, dass allzuviele leute letzteres als einzig "ernsthafte" realität wahrnehmen). wenn Sie wissen wollen, warum - lesen Sie lloyd deMause.
im letzten satz allerdings nochmals ein etwas kryptischer hinweis auf die besonders schweren fälle:
"Sie werden aber die Familien in besonderen Problemlagen, im Armutsbereich, nicht erreichen. Da sind offensivere Methoden notwendig."
es wird genau zu beobachten sein, was das für methoden sein werden.
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eine information als nachtrag noch:
"Nach Schätzungen der UN-Kinderhilfswerks Unicef sterben in Deutschland pro Woche zwei Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung. Rund 200000 lebten in verwahrlostem Zustand oder müssten Misshandlungen erleiden."
eine schätzung - aber rechnen Sie´s einfach mal hoch aufs jahr, auf ein jahrzehnt - und je weiter Sie in den jahrzehnten zurückgehen, um so höher müssen Sie die wöchentliche zahl ansetzen...und dabei auch im hinterkopf behalten, dass es hier "nur" um die sozusagen sichtbare gewalt geht - die primär psychischen formen wie z.b. verweigerte kommunikation, emotionaler mißbrauch etc. sind im obigen noch gar nicht berücksichtigt. ebenso die primär sexualisierten gewaltformen.
edit: die morgige taz enthält ein interview mit einer mitarbeiterin einer ärztlichen kinderschutzambulanz, welches einige der bereits genannten aspekte bestätigt. auszug:
"Wie hat sich die Gewalt gegen Kinder in den letzten Jahren verändert?
Wir können keine Zunahme von Misshandlungen beobachten, bemerken allerdings immer mehr Vernachlässigungen. Die Bereitschaft, sich mit Kindern zu beschäftigen, ihnen Zeit und Ressourcen entgegenzubringen, nimmt ab. Kinder, die vernachlässigt werden, haben ein besonders hohes Risiko, auch andere Gewaltformen zu erfahren. Deshalb ist diese Entwicklung nicht zu unterschätzen."
ich werde das schlechte gefühl nicht los, dass sich als synonym für "vernachlässigung" auch gleichgültigkeit einsetzen lässt. und die wiederum lässt sich im schlimmsten fall als symptom für das finale absterben menschlicher beziehungen ansehen.
ebenfalls erklärt die frankfurter rundschau das elend der kinder zum thema des tages (ob´s im silvestertrubel viele interessieren wird?), und schreibt in einem kommentar:
"In erster Linie bleibt die Wohlfahrt der Kinder Aufgabe der Gesellschaft selbst. Sie hat sich zur Scham zu erziehen, dass in ihrer Mitte hunderttausendfach Hilflose gequält, missbraucht und vernachlässigt werden."
scham ist sicher ein notwendiger schritt auf dem weg der heilung, dabei sollte es dann allerdings nicht bleiben. das problem scheint mir aber eher darin zu liegen, dass es für viele zeitgenossInnen uncool ist, sich (für etwas) zu schämen - das kann einem doch glatt die laune versauen.
mal schauen, wann das medial gerade entdeckte elend wieder von den titelseiten verschwunden ist.
...ist das thema eines nps-foren-threads, den ich interessierten leserInnen empfehlen möchte.
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edit am 1.12: ein ähnliches thema - narzißmus und macht - wurde in einer sendung des deutschlandfunks thematisiert, von der ein manuskript online verfügbar ist. auch, wenn das thema hier natürlich hörerfreundlich komprimiert worden ist, eignet sich der mitschnitt imo als einstieg ins thema, und macht auch gleich ein paar zusammenhänge deutlich - auszüge:
"Mir fallen da ganz viele Patienten ein, die in der Therapie erarbeiten konnten, dass sie Marionetten waren, dass sie funktionieren mussten wie kleine Roboter, wobei sie den Erwartungen der Eltern perfekt entsprechen mussten. Und für sich selbst wenig Spielraum hatten. So entwickelten sie ein so genanntes "Falsches Selbst": Und wer sie genau beobachtet, diese Menschen, der erkennt, dass sie merkwürdig unecht wirken. Und sich nach außen anders darstellen, als sie sich in Wirklichkeit innerlich fühlen."
ähnlichkeiten mit dem modell einer als-ob-persönlichkeit werden sichtbar, wobei die "echte" als-ob-persönlichkeit (in gestalt des klassischen psychopathen verkörpert) imo nicht mit dem obigen gleichzusetzen ist. bizarrerweise ließe sich vielleicht eher von einer als-ob-als-ob-persönlichkeit reden. wobei sich für mich die frage stellt, ob nicht auch zumindest teilweise psychopathen fachlicherseits und irrtümlicherweise mit dem modell einer nps klassifiziert werden können? wäre ein ähnlicher effekt wie er z.b. auch hinsichtlich der borderlinestörung bereits von mertz thematisiert wurde - ein effekt, der v.a. durch das menschenbild und die theorie der orthodoxen psychoanalyse erklärbar wäre.
aber stichwort borderline:
"Es ist die Brillanz, es ist die Grandiosität, es ist ein bisschen so der Charme auch, die Wortgewandtheit, die Faszination, die ausstrahlt und wo man sich wünscht, ja ich möchte auch so sein."
schauen Sie nochmal an das ende des ersten borderline-beitrags. dann wird zumindest auch ein grund dafür klarer, warum diese beiden ps sowohl öfter als verwandte zwillinge gedacht werden als auch schwierigkeiten bei der jeweiligen spezifischen diagnostik bestehen. und ebenso wird meiner meinung nach dadurch deutlich, warum der bereich dessen, was allgemein so als psychische störungen bezeichnet wird, zwar in der vielfalt möglicher symptome schon recht ausgedehnt, aber eben auch begrenzt ist - ich sehe diesen bereich inzwischen eher als ein spektrum an, in dem die möglichen reaktionen eines menschen auf ungünstige prä-, peri- und postnatale entwicklungsbedingungen aller möglichen arten von vielfältigsten bio-psychosozialen einflüssen abhängig sind. was für mich u.a. als konsequenz bedeuten würde, eher nach zusammenhängen zu suchen als mittels ständig ausdifferenzierender modelle die möglichen zusammenhänge zu verschleiern. einen echten qualitativen unterschied sehe ich bisher tatsächlich nur zwischen den phänomenen echte psychopathie und "klassischem" (kanner-)autismus (imo nocheinmal voneinander unterschieden) einerseits und den anderen bisher hier erwähnten (persönlichkeits-)störungen (incl. wahrscheinlich dem asperger-syndrom) andererseits. der gemeinsame nenner von allen besteht jedoch in den mehr oder weniger schweren schäden der sozialen fähigkeiten allgemein und der beziehungsfähigkeiten im besonderen. und da mich dabei vor allem die möglichen gesellschaftlichen konsequenzen der verbreitung dieser störungen interessieren,summiere ich sie unter diesem aspekt deswegen als beziehungskrankheiten. gleichzusetzen sind sie trotzdem nicht, wobei ich den eindruck habe, dass die tatsächlichen unterschiede erst in den bereichen der neurophysiologie bzw. neurobiologie deutlich werden können. und eher nicht durch die verbreiteten psychoanalytischen bzw. diversen psychologischen entwicklungsmodelle, die teils zu sehr den primären charakter von geistigen konstruktionen aufweisen, deshalb eher einem stochern im nebel gleichen und dazu noch meist unhinterfragt diverse verzerrende kulturell-zeitgeistige und auch für die gesamtgesellschaft entlastende komponenten transportieren. das eine einigermaßen realistische wahrnehmung dieses komplexen bereiches ein hartes stück arbeit ist, will ich dabei nicht leugnen. und wenn hier professionelle aus den entsprechenden disziplinen mitlesen, wäre ich dankbar für mögliche hinweise auf denk- oder andere fehler in meinen obigen gedanken.
der heute startet mit einer meldung zum zusammenhang zwischen gestörten spiegelneuronen und autismus:
"Bei Autisten funktionieren die Gehirnschaltungen, die Menschen ermöglichen die Aktionen anderer wahrzunehmen und zu verstehen, nicht auf die herkömmliche Art und Weise. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der University of California gekommen. Die EEGs von zehn Patienten mit Autismus wiesen eine Dysfunktion des Spiegelneuronensystems auf. Ihre Spiegelneuronen reagieren nur auf ihre eigenen Aktionen und nicht auf die anderer. Bei Spiegelneuronen handelt es sich um Gehirnzellen im prämotorischen Kortex."
(...)
Heute wird davon ausgegangen, dass das menschliche Spiegelneuronensystem nicht nur bei der Ausführung und Beobachtung von Bewegungen eine Rolle spielt, sondern auch bei höheren kognitiven Prozessen. Dazu gehören zum Beispiel die Sprache, die Fähigkeit andere zu imitieren oder von ihnen zu lernen, ihre Intentionen zu erkennen oder mit ihrem Schmerz zu fühlen. Autismus wird teilweise genau durch Defizite in diesen Bereichen charakterisiert. Frühere Studien legten daher nahe, dass ein dysfunktionales Spiegelneuronensystem die beobachteten Pathologien erklären könnte. Die aktuellen Forschungsergebnisse unterstützen diese Hypothesen in einem entscheidenden Ausmaß."
wie früher schon hier geschrieben, spielen die erst seit recht kurzer zeit zum thema gewordenen spiegelneurone offensichtlich für unsere sozialen beziehungen eine wichtige rolle. wenn nun (soziale) prozesse bekannt werden sollten, die diese spiegelneuronsysteme verändern, beeinträchtigen oder gar zerstören können - wäre das nicht sogar ein relevanter grund, z.b. justizielle konsequenzen aus allgemein antisozialen aktionen zu überdenken bzw. neu zu definieren? nur mal so als gedanke eingeworfen.
*
in einem weiteren beitrag zum autismus taucht der satz "Demnach müssen wohl auch andere Faktoren eine wesentliche Rolle spielen" auf. ach? tatsächlich? gene hin oder her (zu den immer noch nicht breit wahrgenommenen jüngsten erkenntnissen der genforschung gehört übrigens das zusammenspiel von genen und sozialen bedingungen, aber ich habe gerade nicht die kapazitäten dafür, hier auch noch einen crashkurs zu veranstalten), dieses zauberwort dient anscheinend - genauso wie "neurologisch bedingt" - immer noch primär dazu, auch den kleinsten verdacht auf die beteiligung psychosozialer einflüsse zu zersteuen. sachlich hingegen erlauben weder "genetisch" noch "neurologisch" die konstruktion eines menschen, der quasi "ganz aus sich selbst heraus" krankhafte veränderungen produziert. der verdacht bleibt weiter bestehen, dass es sich bei dieser fragmentierten und objektivierenden wissenschaftlichen wahrnehmungsart selbst um eine quasiautistische wahrnehmung handelt. was natürlich nicht thematisiert wird.
stattdessen haben Wissenschaftler (...) mehrfach auch toxische Stoffe, Mangelernährung, Viren oder andere Pathogene dafür verantwortlich gemacht. dazu wird auch bei möglichen umweltgiften geschaut, während die theorie, dass verschiedene impfungen möglicherweise ursächlich-auslösend beteiligt sind, inzwischen breit als unwahrscheinlich bewertet wird. und so bleibt entscheidendes ungeklärt:
"Unklar ist an der Theorie der genetischen Faktoren aber die rasante Zunahme an Autismus-Fällen. (...) Erschreckend waren jedenfalls die beim Treffen in Boston präsentierten Zahlen: seit den 90-er Jahren hat die Krankheit um 172 Prozent zugenommen, obwohl die Bevölkerung in den USA um nur 13 Prozent jährlich wächst."
eine entwicklung, die nicht nur in den usa zu verzeichnen ist - folgende meldung bezieht sich auf großbritannien und datiert von 2001:
"London (rpo). Die Anzahl der Autismusfälle bei Kindern dürfte viermal höher sein als bisher angenommen. Eine Studie von Forschern der Central Clinic und des Institute of Psychiatry des King’s College hat zwischen Juli 1998 und Juni 1999 im englischen Staffordshire 15.000 Kinder zwischen 2,5 und 6,5 Jahren auf Entwicklungsstörungen hin untersucht.
Frühere Studien gingen von vier bis sechs Erkrankungen auf 10.000 Kinder aus. Jetzt zeigte sich, dass der Anteil viel eher bei 17 Fällen liegt."
ist tatsächlich eine veränderte definition und wahrnehmung die erklärung?
"Der scheinbare Anstieg von Autismus-Fällen ist zum Stillstand gekommen. Eine UK Kohorten-Studie (Archive of Diseases of Childhood 2003;88:666-70) fand einen Anstieg bis zum Gipfel 1992, der v.a. auf ein grösseres Bewusstsein der Bevölkerung und der Kinderärzte für das Krankheitsbild zurückzuführen sei. Seitdem ist es zu keiner signifikanten Zunahme der Neuerkrankungen mehr gekommen."
(quelle)
ist es eine fehlinterpretation meinerseits, wenn ich die erste meldung als direkten widerspruch zur zweiten ansehe?
keine erklärung jedenfalls ist das obige für die in den usa involvierten forscher:
"Ein explosionsartiger Anstieg der Autismus-Fälle im US-Bundesstaat Kalifornien in den vergangenen 15 Jahren ist nicht das Ergebnis sich ändernder Diagnose-Kriterien. Auch die Verbesserung der Diagnose ist nicht der Grund des enormen Anstiegs um 273 Prozent zwischen den Jahren 1987 und 1998. "Autismus steigt in den USA und wir wissen nicht warum", erklärte der Erstautor der Studie, Robert S. Byrd vom M.I.N.D. Institute der University of Califonia/Davis.
Für die Zunahme der Autismus-Fälle finden die Forscher keine Erklärung. Der Anstieg ist laut Byrd nicht durch eine Lockerung der Kriterien, die für eine Diagnose benötigt werden, begründbar. Autismus-Kriterien erfüllten zwar auch einige Kinder, die nicht autistisch aber geistig unterentwickelt waren, diese falsche Einstufung habe sich aber mit der Zeit nicht verändert. Weiters wurden 90 Prozent der Kinder in den Staaten geboren. Dadurch wird die Möglichkeit ausgeschaltet, dass die Zunahme das Ergebnis einer Einwanderung von Familien nach Kalifornien, um bessere Services in Anspruch zu nehmen, ist. Die Genetik spiele zwar eine Rolle. Wurden bislang auch schon mindestens sechs Gene entdeckt, die Menschen für den Autismus prädisponieren können - eine Epidemie auslösen können diese aber nicht, betonte Byrd".
nur kalifornien?
"Die Autismus-Zunahme kann ebenso gut in anderen Bundesstaaten festgestellt werden. Nur sieht diese niemand", betonte Allenby.
eine öffentliche erklärung der europäischen union hingegen bleibt so derart im vagen und unklaren - sinngemäß "zwar kann eine zunahme festgestellt werden, aber..." -, dass der klartext aus kalifornien dagegen regelrecht krass wirkt. mehr zu diesem ganzen komplex in der zukünftigen fortsetzung dieses beitrags.
*
ein kleines quiz gefällig?
"Es wird verglichen, bewertet, gemessen und alles mit jedem in ein Konkurrenzverhältnis gesetzt."
(quelle)
handelt es sich um a) eine beschreibung des objektivistischen bewusstseins, b) eine autismus-variante, c) ökonomisch-effektives denken, d) empathielosigkeit, e) den ausdruck einer zwangsneurose, f) den ausdruck einer zwanghaften persönlichkeitsstörung, g) die typische form der westlichen rationalität, h) die typische form des westlich-wissenschaftlichen denkens, i) puren kapitalismus, j) eine folge von sozialer dissoziation, k) etwas von allem, l) nichts davon?
ausgespielt werden erkenntnisgewinne.
*
edit am 21.12.09: wenn ich mich recht erinnere, habe ich diesen beitrag vor gut vier jahren geschrieben - und nun gibt es aktuell neue zahlen aus den usa:
"Nach neuen Erhebungen der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) verbreitet sich Autismus, eingeschlossen das Asperger-Syndrom und andere Autismus-Spektrum-Störungen, in den USA immer schneller unter den Kindern. Jetzt sollen bereits 1 Prozent der 8-Jährigen bzw. 9 von 1000 autistisch oder 1 von 110 sein (in der EU geht man von 3-6 auf 1000 Kinder aus, es liegen aber keine genauen Zahlen vor). (...)
2007 galt noch ein achtjähriges Kind von 150 als autistisch, 2000 eines von 300. In 10 der beobachten Regionen haben autistische Störungen durchschnittlich um 57 Prozent gegenüber den letzten Erhebungen in 2002 du 2006 zugenommen, allerdings schwankt die Zunahme regional erheblich zwischen 27 und 95 Prozent. Derzeit könnten, so wird von den CDC geschätzt, 730.000 Menschen im Altre bis 21 Jahren Autismus-Spektrum-Störungen zeigen.
Die sprunghafte Zunahme autistischer Erkrankungen bei den 1998 Geborenen könnte ganz einfach darin liegen, dass Ärzte Kinder häufiger so diagnostizieren. Beim CDC will man aber nicht ausschließen, dass eine wirkliche Zunahme stattgefunden hat, auch wenn man keinen Grund dafür angeben kann." (...)
seit jahren also keinerlei wirkliche erkenntnisse, selbst bei der entscheidenden frage nach dem grund des ansteigens der diagnosen im autistischen spektrum nicht - hm...
als nachtrag zum thema infantizid möchte ich Ihnen einen artikel in der aktuellen "taz" nicht vorenthalten, zumal da gleich mehrfach etliches bemerkenswerte auftaucht:
"Der Mann weiß inzwischen, dass er aussprach, was Volkes Stimme seufzend bejaht: In Deutschland gebe es, so Hansjürgen Karge, Generalstaatsanwalt von Berlin, "völlig übertriebene Vorstellungen von antiautoritärer Erziehung"; ein "Klaps" könne einem Kind nicht schaden. Das war Anfang der Woche - und die Debatte dauert an: Muss es eine Todsünde sein, Kinder im Gefecht normalen Familienlebens mit einer Geste der Züchtigung - Klaps, Ohrfeige oder deren Androhung - dem erwachsenen Willen zu unterwerfen?"
wie der autor des artikels später noch feststellt, kann derartiger menschenverachtender unsinn nur von leuten kommen, die nicht in der lage sind wahrzunehmen, dass es sich bei kindern nicht um ihre leibeigenen bzw. ihr eigentum handelt. auch bei der gewalt gegen kinder ist die vermutlich wichtigste voraussetzung bei den täterInnen dabei eine wahrnehmungsverschiebung (in verschiedenen möglichen varianten) in die objektebene, in der alles nur als dinglich empfunden werden kann.
und der offensichtliche irrsinn dieser art der "kindererziehung" wird schon daran deutlich, dass es bei einer ernstgemeinten akzeptanz dieser - hm, einstellung keinerlei argumente dagegen gibt, nicht auch unter erwachsenen menschen mit derartigen mitteln zu agieren, und andere dem eigenen willen zu unterwerfen. bei diesem gedanken wird auch gleich sehr deutlich, dass dieser sehr verbreitete schwere psychophysische defekt in den "erwachsenen" welten von heute tatsächlich seine entscheidende basis in der kindheit der so handelnden besitzen dürfte.
"Man könne doch, gerade in Stresssituationen, Müttern und Vätern nicht verübeln, wenn ihnen mal die Hand ausrutsche.
Das war schon damals eine Bagatellisierung dessen, worum es bei dieser Frage geht: dass in Deutschland, nicht erst seit nationalsozialistischen Tagen, ein Bewusstsein tief fußt, körperliche Gewalt als Mittel von Ermutigung und Bestrafung führte zu dem, was die jeweiligen Züchtiger als Erfolg verstanden wissen wollen: Gehorsam. Zu "lieben Kindern" also."
zu gebrochenen und im extremfall hasserfüllten kindern also, wie die aktuellsten erkenntnisse aus der hirnforschung, neurobiologie, psychotraumatologie und psychohistorie nahelegen. von "liebe" sollte in diesem zusammenhang überhaupt nicht geredet werden.
Eine beliebige Recherche in kriminalpolizeilichen Akten spricht freilich eine Sprache, die mit der verniedlichenden Aura des Wortes vom "Klaps" nicht in Einklang zu bringen ist: Da ist dann von Müttern und Vätern die Rede, denen, quasi familiär eingebettet und scheinbar geschützt durch die grundgesetzlich garantierte Distanz des Staates von der Familie, jede Form von Bestialität erlaubt scheint. Väter neigen in dieser Hinsicht eher zum Faustschlag, auch zum so genannten "Arsch voll"; Mütter, eingebunden in die Moral der guten Amme, zur verdeckten Demütigung, wenn sie ihre Kinder in fast kochendem Wasser baden, mit festem Griff die Ärmchen verdrehen, sie mit dem Metallhandfeger traktieren. Väter waren (und sind noch oft) die Familienfiguren, die sich die Finger schmutzig machen sollen; Mütter hingegen sind kaum weniger aggressionsfähig, aber sie bevorzugen die Drohung: Lass erst mal Papa heimkommen!
ja. alleine die rede vom "klaps" ist hier nur noch als verharmlosung zu werten. und diesem beamten im staatsdienst scheint nicht klar zu sein, dass er pures antisoziales zeug absondert und letztlich auch damit solche ereignisse überhaupt erst in letzter konsequenz mit möglich macht - durch eben die benannte verharmlosung.
"Hinter dem Wunsch, wenigstens mit einem "Klaps" strafen zu dürfen, verbirgt sich im Grunde nichts als die Fantasie, Kinder als Leibeigene behandeln zu dürfen."
korrekt. immer noch hängen wir im zeitalter der sklaverei fest. die welt ist voll von psychophysischen entwicklungsländern.
"Die meisten Kinder, so wissen es Kinderschutzexperten, finden im übrigen postum, dass Gewalt gegen sie gerechtfertigt (gewesen) sei: "Das hat mir doch nicht geschadet" - Aussagen von Opfern, die im konkreten Moment Horror empfanden, aber die Taten ihrer familiären Peiniger rechtfertigen müssen, um an den Akten der Aggression nicht irre zu werden. Die Alternative - Geschlagen- oder Verlassenwerden - beantworten sie lieber mit dem meist kleineren Übel."
aussagen von opfern vor allem, die später möglicherweise zu täterInnen werden:
"Auswertungen von Täterprofilen haben ergeben, dass alle Personen (überwiegend Männer), die zur Gewalt neigen und körperlichen Missbrauch als solchen nicht erkennen, selbst als Kinder Opfer von familiärer Gewalt geworden waren. Kinderschutzexperte Kai-Detlef Bussmann, Professor an der Universität Halle-Wittenberg, sagt hierzu nur kühl: "Je mehr Eltern schlagen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später zum Problem für unsere Gesellschaft werden."
womit die thesen von lloyd deMause auf den kern gebracht wären.
"In jeder fünften deutschen Familie zählt Gewalt nach wie vor zum Potenzial von Erziehung. Wenngleich 80 Prozent der Erwachsenen Gewalt als Mittel ablehnen, so ist die Front der Klapsbejaher sprechend differenziert: Während einer Forsa-Umfrage zufolge Unionsanhänger mit 43 Prozent kleinere Züchtigungen befürworten, sind es derer 40 bzw. 38 Prozent bei FDP- und Linkspartei-Gewogenen. Ein knappes Drittel sozialdemokratisch Inspirierter sind für leichte Schläge - und die Wählerschaft der Grünen ist mit immerhin noch 15 Prozent zu einem Ja in dieser Hinsicht zu bewegen."
(ein weiterer grund zum nichtwählen.)
"Im Übrigen haben nur 14 von 46 Mitgliedern des Europarats, die die Konvention der Gewaltfreiheit unterzeichnet haben, akzeptable Schutzmaßnahmen installiert. Die Weltorganisation gegen Folter hat 2003 gegen fünf Staaten in Sonderheit Anklage erhoben: Belgien, Griechenland, Irland, Italien und Portugal, wo das Züchtigen von Kindern besonders krass im Volksbewusstsein eingesunken ist.
Dass zum familiären Zusammenleben körperliche Gewalt nicht gehören muss, beweisen skandinavische Beispiele. Züchtigung ist strikt verboten, moralisch geächtet und faktisch nicht zu verheimlichen, weil niemand es gutheißt. In TV-Spots haben schwedische Kinderschutzorganisationen vor fünf Jahren Erwachsenen Gewalt demonstriert. Gezeigt wurden Erwachsene, denen von viermal größeren Gestalten, Monstern gleich, 7,20 Meter hoch, zwei Meter breit, Klapse erteilt wurden. Aus dieser Perspektive wird selbst ein Klaps wie eine Exekution wahrgenommen. Erziehung, die ohne körperliche Strafeinschreibungen auskommen kann, ist ein Zeichen von Zivilisation - nicht von Laschheit. Stress ist eine Ausrede, immer."
da bleibt wenig zu kommentieren. ein recht guter artikel, wie ich finde - obwohl die dimensionen der probleme und auch die historischen folgen von gewalt gegen kinder zu stark im hintergrund belassen werden. aber die widerstände - bei uns allen - vor genau der wahrnehmung dieser dimension dürften riesig sein, was keinerlei entschuldigung dafür ist, sie nicht anzugehen.
wie in der unten stehenden vorstellung des psychohistorischen ansatzes von deMause war auch in anderen beiträgen hier schon öfter die rede von psychotraumata, in der psychiatrischen diagnostik von heute als posttraumatische belastungsstörung (ptbs) oder posttraumatisches stresssyndrom (ptss) bekannt. nun ist bereits die geschichte (und auch die vorgeschichten) dieser diagnose, die v.a. auf politischen druck einerseits von verbänden us-amerikanischer vietnamveteranen , andererseits der feministischen bewegung mit ihrer thematisierung der folgen von gewalt gegen frauen und kinder erst vor ca. drei jahrzehnten in die dsm-klassifikation der us-amerikanischen psychiatrie aufgenommen wurde, ein lehrstück für sich (mehr dazu z.b. im buch "die narben der gewalt" von judith herman, siehe literaturliste). bis heute ist sie vieldiskutiert und im fluß; in letzter zeit wird v.a. ihre beschränkung auf extremereignisse (bzw. das, was als solches wahrgenommen wird) und ihre zu enge definition der möglichen traumafolgen kritisiert (mehr dazu z.b. in einem interview der aktuellen ausgabe von psychologie heute, leider bisher nicht online verfügbar). ebenso wird v.a. der zusammenhang mit verschiedenen persönlichkeitsstörungen wie borderline, der dissoziativen ps sowie in geringerem ausmaß auch der narzisstischen ps diskutiert. alle diese fragen verdienen eigentlich eigene beiträge, und zumindest einiges davon soll auch zuküftig hier im blog zu lesen sein.
bei den recherchen zum letzten beitrag jedoch ist mir wieder ein text unter die augen gekommen, der mich bereits beim ersten mal sehr beeindruckt hat, weil er imo gut nachvollziehbar deutlich macht, wie aktuelle konflikte und krisen sozusagen einem unsichtbaren drehbuch folgen, welches in den jeweiligen individuellen - und zusammengenommen dann auch kollektiven - erlebnissen der vergangenheit wurzelt. wegen der eigenart der traumatischen gedächtnisspuren in ihrer form als abgespaltene seperate neuronale netzwerke taucht auch öfter der begriff "eingefrorene zeit" auf, die dann in symptomen wie z.b. flashbacks wieder "auftaut" und die aktuelle raum-zeit-wahrnehmung der betroffenen im extremfall völlig überlagern kann. wie dieser und womöglich auch andere mechanismen einfluß auf aktuelle krisen und konflikte wie z.b. den israelisch-palästinensischen haben, ja diese durch die beteiligten psychophysischen prozesse primär überhaupt erst mit ihren destruktiv-gewalttätigen "lösungsversuchen" möglich machen, wird durch u.a. die arbeiten und ansätze des israelischen psychologen dan bar-on deutlich. auszüge:
(...) "Überlebende des Holocaust sind meist schwer traumatisiert. Das Verschweigen der erlittenen Erniedrigungen ist auch eine Strategie der Rückkehr in ein normales Leben. Im Israel der fünfziger und sechziger Jahre, einer Nation der Starken und Siegreichen, war für eine ausführliche Würdigung dieses Leids der Opfer, außerhalb der offiziellen Gedenkrituale, kein Raum. Auch für die Nazitäter war das Verschweigen ihrer Taten und das Verleugnen der Verantwortung für den Massenmord eine Grundbedingung dafür, in bürgerlicher Normalität weiterzuleben. Auch im Land der Täter war das Verdrängen Teil der offiziellen Kultur: Erst Anfang der 60iger Jahre, fast zwei Jahrzehnte nach Kriegsende, wurde durch den Frankfurter Auschwitzprozess mit der öffentlichen Aufarbeitung des Holocaust begonnen. So hatte z. B. Hertha F., die 1992 in Wuppertal mit dabei war, erst im Alter von 20 Jahren durch die Verhaftung ihres Vaters und den anschließenden Prozess davon erfahren, dass als er SS-Offizier an Massenmorden in der Ukraine beteiligt war. Die Erkenntnis, einen Massenmörder zum Vater zu haben, bestimmte ihr weiteres Leben.
Verdrängen und Verschweigen machen auf die Dauer krank, physisch und psychisch, was immer die kulturellen Ursachen und die gesellschaftlichen Kontexte dieser Sprachlosigkeit sind. Einer strukturellen Ähnlichkeit der Leiden von Täterkindern und Opferkindern in ihren Auswirkungen auf das Individuum war Dan Bar-On auf die Spur gekommen, nachdem er in den siebziger und achtziger Jahren in seiner therapeutischen Praxis mit den traumatisierten Holocaustopfern gearbeitet hatte, die an Spätfolgen litten. Er begann sich zu fragen, wie es wohl den Kindern der Täter ergangen sei. Da sich bisher noch niemand dafür interessiert hatte, macht Dan Bar-On dies zu seinem Forschungsthema.
Als Angehöriger einer Nation, die ihre Entstehung aus dem Holocaust definierte, war er niemals „unabhängiger Wissenschaftler" oder „objektiver Beobachter", sondern aufgrund seiner Biografie, stets als Beteiligter und Betroffener in den Forschungsprozess involviert. (...)"
"Dass der Holocaust bei den Nachkommen von Tätern und Opfern immer präsent ist, sei unvermeidlich, resümiert Dan Bar-On seine Untersuchung. Doch der negative Einfluss auf das Leben kann durch den bewussten Verarbeitungsprozess, der im TRT-Dialog stattfindet, vermindert werden. Die Folgen werden weniger bedrohlich und selbstzerstörerisch, denn durch den Dialog wird es allen Betroffenen möglich auf eine erträgliche Art damit zu leben.
Auf ihrem sechsten Treffen 1997 beschloss die TRT-Gruppe, ihrer Arbeit eine neue Qualität zu geben: Sie wollten die eigenen positiven, als heilsam erlebten Erfahrungen mit der dialogischen Aufarbeitung des eigenen Traumas, das Teil eines kollektiven Traumas ist, an Menschen weitergeben, die in aktuellen Konflikten leben. Die Hamburger Körber-Stiftung unterstützte diesen Schritt. So trafen sich im Frühsommer 1998 in Hamburg Mitglieder der TRT-Gruppe mit eingeladenen Multiplikatoren aus Ländern die jahrzehntelange Konflikte erlebt hatten: Katholiken und Protestanten aus Nordirland, Farbige und Weiße Südafrikaner und sowie Palästinenser und Israelis. Dabei erlebten die Beteiligten, welchen Unterschied es macht, ob der Dialog über einen historischen oder gegenwärtigen Konflikt geführt wird. Miriam K. erinnert sich, wie sie unbedingt an der Südafrikagruppe teilnehmen wollte, dann aber begriff, dass sie sich dem israelisch-palästinensischen Konflikt stellen musste. Das Anhören der palästinensischen Geschichten war für sie fast unerträglich: „Als der erste Palästinenser über sein Leben, seine Vergangenheit, seine aktuelle und schmerzhafte Realität in der West Bank sprach, stellte ich fest, dass ich in der Defensive war und mich peinlich berührt, geschockt und verärgert fühlte. Es fiel mir sehr schwer zu glauben, es handele sich keineswegs um eine Ausnahme und deshalb sei es unfair, so zu tun, als sei es die >Normalität< für Palästinenser. Natürlich traute ich mich nicht, diese Gedanken zu äußern."
Wieder erzählte Miriam K. ihre Geschichte als Nachkommin von Holocaustopfern, doch diesmal erlebte sie, wie die eigene Opfer-Identität zu bröckeln begann: „Als der nächste Palästinenser sprach, wand ich mich. Schon wieder war es eine Geschichte über Verfolgung, Angst und unerträgliche Erniedrigung. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Wie war das möglich? Je mehr ich hörte, desto mehr schauderte ich. Es war mir peinlich, Jüdin zu sein. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass meine jüdischen Mitmenschen diesen Leuten solchen Schmerz und solches Grauen zufügten. Ich wollte ihre Taten verteidigen, sie als ein Bedürfnis nach Sicherheit für Israels Bestreben, sich vor Terrorismus zu schützen, begründen. Aber ich konnte mich nicht einmal mich selbst davon überzeugen, dass diese Gründe gut genug waren. Ich war erschöpft und wünschte, ich wäre woanders."
(...)
"Ein Verständnis, das zunächst äußerst fragil war und durch die Frage einer Palästinenserin, die die Realität des Holocaustes in Frage zu stellen schien, wieder zu zerbrechen drohte. Martin Bormann wurde nun mit seiner Geschichte zum glaubwürdigen Zeitzeugen: „Die Palästinenser hörten ihm offensichtlich gebannt zu. Die ganze Situation war unwirklich: Juden versuchten, Palästinenser von der Bedeutung und Wahrheit des Holocaust zu überzeugen, während der Sohn eines berühmten Nazi-Täters die Fakten aufzählte." Mehr als ein Jahr nach dem Hamburger TRT-Dialog, reflektiert Miriam K. ihre Erfahrung so: „Noch einmal war meine Weltsicht erschüttert worden. Meiner Ansicht nach waren Juden immer die Opfer, aber diese Position kann ich nun nicht mehr aufrecherhalten. Der Workshop in Hamburg hat mich aus dieser Opferkategorie herauskatapultiert, und ich musste mir einen neuen Platz suchen. Ich bin unserer Konfliktgruppe für den Mut und die Offenheit, ihren Schmerz mitzuteilen, sehr dankbar. Sie ging mit unbequemen Tatsachen um und ließ neue Informationen an sich heraus, die für sie eine Herausforderung darstellten.(...)"
ähnliche prozesse im hintergrund, wie sie hier deutlich werden, können Sie getrost überall dort voraussetzen, wo es langjährige konflikte, kriege und diktaturen gibt bzw. gab. und die weitgehend hilflosen "lösungsversuche" der "offiziellen politik", die sich meistens in medienwirksamen gewaltmaßnahmen manifestieren, können natürlich nichts tatsächlich verbessern, sondern dienen eher - und diese erkenntnis verdanken wir u.a. deMause - den psychophysischen bedürfnissen des diese "politikerInnen" wählenden publikums, welches in seine ganz eigenen bewältigungsversuche verstrickt ist. was nicht ausschliesst, dass gewaltmaßnahmen im einen oder anderen fall auch rational angebracht sein können, um das ausagieren von extremer destruktivität überhaupt erst einmal als voraussetzung für alles andere zu unterbinden. das scheint jedoch bis heute regelmässig eher ein zufälliger nebeneffekt zu sein, der zudem in keinerlei relation zu den realen folgen kriegerischer gewalt und alleine schon deren drohung - "Oft fühle ich nichts, gar nichts" - steht, und kann von daher als behauptete motivation nicht ernstgenommen werden. manchmal werden die tatsächlichen motivationen, wie von deMause im falle der kriege gegen den irak untersucht, jedoch deutlich:
"Zwischen 1991 und 1998 starben laut UNICEF 500 000 irakische Kinder unter 5 Jahren. “Rechnet man die Erwachsenen noch hinzu”, so Halliday, “liegt die Zahl mit ziemlicher Sicherheit bei über einer Million”. 1996 wurde Madeleine Albright zum aktuellen Zeitgeschehen befragt. Die Sendung im amerikanischen Fernsehen hieß ‘60 Minutes’. Albright war damals US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Frage: “Wie wir hören, starben (im Irak) eine halbe Million Kinder... ist es den Preis wert?” Albrights Antwort: “Wir glauben, es ist den Preis wert.” Der Sender CBS weigert sich seither, die Aufzeichnung des Interviews freizugeben, und der (interviewende) Reporter ist zu keiner Diskussion bereit."
unsere schwierigkeit wird zunächst sein, so glaube ich aus meiner ganz persönlichen erfahrung, die pure realität derlei niederträchtiger bösartigkeit überhaupt ersteinmal wahrzunehmen , und zu realisieren, dass in unserer wahrnehmungssperre und verleugnung gleichzeitig informationen zu unseren ganz eigenen persönlichen geschichten gestaut sind, die wir lieber nicht so genau wissen möchten. darauf können sich unsere beherrscher bisher verlassen. noch...
dem hinweis eines lesers (nochmal danke dafür!) verdanke ich die kenntnis von mehreren älteren forschungsprojekten zum autismus mit einigen sehr aufschlussreichen ergebnissen. einmal wäre da ein bericht zur - im wahrsten sinne des wortes - hier schon häufiger thematisierten auffälligen objektwahrnehmung, bzw. möglichen gründen dafür:
"Menschen mit Autismus und dem verwandten Asperger Syndrom nehmen Gesichter quasi wie unbelebte Objekte wahr. Das berichten Forscher der Universität Yale aufgrund von funktionellen Kernspinuntersuchungen (fMRI) des Gehirns. "Diese Ergebnis ist sehr überzeugend, da es mit unseren klinischen Erfahrungen mit Autismus zusammenpasst", erklärte Studienleiter Robert Schultz."
(...)
"In der dreijährigen Studie haben der Neuropsychologe Schultz und seine Kollegen ermittelt, dass Personen mit Autismus bei Gesichtswahrnehmung verminderte Aktivität im Gyrus fusiforme zeigen, der Großhirnwindung, die bei Gesichtserkennung aktiv ist. Gleichzeitig fanden die Forscher, dass eine benachbarte, für Objekterkennung zuständige Hirnregion bei diesen Patienten aktiver war. Die Schwierigkeit, Menschen anhand ihrer Gesichter zu erkennen und mit ihnen umzugehen, ist für dieses psychische Leiden charakteristisch. "Personen mit Autismus und Asperger haben sehr wenig Interesse an Menschen, und unsere Studie zeigt, dass dieses Desinteresse sich wiederspiegelt in der Art, wie die Zentren für optische Verarbeitung in ihren Hirnen organisiert sind."
wenn Sie sich vor augen halten, dass das autistische spektrum in den hier im blog vorgestellten erscheinungsformen aufgrund theoriebedingter und struktureller (wahrnehmungs-) defizite in psychiatrie/psychologie möglicherweise wesentlich größer ist, als allgemein angenommen wird, erhält der satz "haben sehr wenig Interesse an Menschen" gleich einen unheilvollen unterton. die benannte eigenschaft lässt sich in ihren konsequenzen jeden tag in den nachrichten studieren.
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die überschrift des nächsten artikels, "Autisten fühlen sich mit Logik ein", stellt bereits einen widerspruch in sich dar - konsequenterweise müsste hier von objektivierender simulation von empathie gesprochen werden - eine als-ob-variante davon:
"Mitgefühl als "mentale Arithmetik"
Eine Londoner Wissenschaftlerin hat drei Gehirnregionen identifiziert, die bei gesunden Menschen vermutlich für das Einfühlungsvermögen zuständig sind, berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Autisten dagegen versuchen sich mit Hirnregionen des reinen Verstandes in andere Menschen einzufühlen, sagte Francesca Happe auf der Konferenz der Britischen Psychologischen Gesellschaft in Glasgow."
wie hier bereits zu lesen war, spielen nach den neuesten forschungen sowohl die spiegelneurone als auch die propriozeptive wahrnehmung eine wichtige, wenn nicht eine entscheidende rolle für die fähigkeit zur empathie. leider werden die drei gehirmregionen nicht genauer präzisiert.
Bei den gesunden Versuchspersonen stellten die Forscher in drei Hirnregionen eine erhöhte Aktivität fest. Die autistischen Probanden dagegen nutzten ganz andere Gehirnbereiche, um die Aufgaben zu lösen. "Es scheint, dass sie dazu eher den reinen Verstand als die soziale Intelligenz nutzten", erklärt Happe.
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eine enorme brisanz in verschiedener hinsicht enthält aber besonders ein artikel unter der überschrift "Gestresste Schwangere bekommen häufiger autistische Kinder" - spontan werden Ihnen, falls bekannt, dazu die thesen von j.e. mertz hinsichtlich der borderlinepersönlihkeitsstörung einfallen, dazu ergeben sich von hier aus aber auch deutliche verbindungen zum gesamten bereich psychotraumata:
"Starker Stress der Mutter in der Schwangerschaft kann das Risiko für Autismus bei Kindern erhöhen. Das berichten amerikanische Hirnforscher auf dem Jahrestreffen der Neurologischen Gesellschaft in San Diego.
Belastende Ereignisse wie der Tod eines geliebten Menschen oder der Verlust des Arbeitsplatzes können die Entwicklung des Gehirns der Ungeborenen beeinflussen und so zu Autismus führen, so die Wissenschaftler um David Beversdorf von der Staats-Universität Ohio. Bisher sahen Wissenschaftler die Gründe für die Krankheit vor allem in einem Defekt des Erbguts.
Die Wissenschaftler hatten 188 Frauen mit autistischen Kindern über den Verlauf ihrer Schwangerschaft befragt. Sie fanden heraus, dass diese Mütter zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche häufig durch schwere Schicksalsschläge belastet waren. In dieser Phase der Schwangerschaft entwickelt sich ein Teil des Gehirns, der bei Autisten anders ausgebildet ist.
Autismus ist eine Persönlichkeitsstörung, bei der die Patienten bereits im Säuglingsalter unfähig sind, Gefühlsbeziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. (...)"
klartext: hier geht es um die möglichkeit, das ereignisse, die üblicherweise als traumatisch beschrieben werden - wobei die oben angeführten beispiele noch nicht mal die variante von direkter psychophysischer gewalt gegen die schwangere benennen - verschiedene erscheinungsformen des autistischen spektrums hervorrufen könnten. was das in letzter konsequenz vor dem hintergrund der zustände auf diesem planeten bedeuten könnte, brauche ich regelmässigen leserInnen hier wahrscheinlich nicht näher zu erläutern.
durchaus im direkten zusammenhang mit dem letzten beitrag ist die mir selbst erst seit kurzem bekannte diagnose alexithymie zu sehen - im beitrag einer institution des medizinbetriebs heisst es dazu u.a.:
"In den letzten Jahren sind immer mehr Patienten in Behandlung gekommen, die angeben, kaum oder gar nichts emotional zu spüren. In der modernen Forschung werden diese Patienten Alexithyme genannt, weil sie unfähig sind, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Dabei handelt es sich um eine Art „Gefühlsblindheit“. Wenn diese Menschen versuchen, ihre Gefühle zu beschreiben, ist das ungefähr so, als redeten Blinde über Farben, wobei man spürt, dass ihnen die Sache grundsätzlich fremd ist. Dieses Phänomen ist häufiger anzutreffen als z. B. in den 70er Jahren angenommen wurde. Es betrifft Arme wie Reiche, Junge wie Alte und Männer deutlich häufiger als Frauen. Bei psychologischen Tests in Skandinavien erwiesen sich 13 % aller Probanden als alexithym, unter den Frauen waren es 10, bei den Männern 17 %. Fast jeder ist schon einmal Menschen mit Alexithymie begegnet, z. B. einem Buchhalter, der in der Mittagspause über nichts anderes als Bilanzen fachsimpelt."
mir persönlich ist dabei immer noch nicht so recht klar, wo hier eigentlich die unterschiede zu den diagnosen des "klassisch" autistischen spektrums liegen gemacht werden. wenn jemand von den leserInnen hier genaueres sagen kann - bitte sehr.
auffällig ist jedoch auch hier die im zitat erwähnte geschlechtliche verteilung. und das folgende klingt sehr ähnlich wie die im letzten beitrag dokumentierten stellungnahmen der autismus-forscherInnen:
"Dabei zeichnen sich Frauen zumeist durch eine höhere Fähigkeit zur Empathie aus. Ihre emotionalen Hirne können deutlich besser Regungen von Mitmenschen erkennen und deuten. Als typische Stärke der Männer hingegen wird das systematische Denken bezeichnet. Dabei sind Männer im Durchschnitt Frauen überlegen, sobald es sich um logische Schlussfolgerungen handelt. Anhand von Untersuchungen ist festgestellt worden, dass dieser technische Denkstil als ein charakteristisches Merkmal der Menschen mit Alexithymie bezeichnet werden kann. Oft fallen die Alexithymen auf den ersten Blick gar nicht auf."
ja. und mehr noch als das (jetzt folgt ein satz, bei dem ich Sie einfach drum bitten möchte, sich die bedeutung dieser aussage- einer medizinischen institution, wie gesagt - genauestens bewußt zu machen:
"In vielen Berufen sind Alexithymie-Eigenschaften in unserer Industriegesellschaft eine durchaus erwünschte Eigenschaft.
Daraus wird ersichtlich, dass es sich bei der Alexithymie nicht um eine Krankheit handelt."
ich bin immer wieder leicht fassungslos über die hier sichtbar werdende "logik" ("weil es nützlich ist, gefühllos zu sein, ist - kann - es nicht krankhaft sein"), obwohl ich diese aussage nun schon länger kenne. und diese logik passt verdammt gut zu anderen, ähnlichen phänomenen, die z.b. hier und hier thematisiert wurden.
das bild wird deutlicher.
in einem artikel auf spon wird heute eine these als angeblich neu vorgestellt, die bereits in den letzten jahren immer wieder in den v.a. wissenschaftlichen diskussionen zum autismus diskutiert wurde:
"Denn ihre These über das "Rain Man"-Syndrom und das Gehirn lautet, in Kurzform: "Autismus stellt eine extreme Form der männlichen Struktur dar." Von "beeinträchtigter Empathie" und "erweiterter Systemisierung" ist da die Rede.
Was bei Autisten mit "Systemisierung" gemeint ist, kennt man etwa aus dem Film "Rain Man" oder dem Roman "Buntschatten und Fledermäuse" von dem autistischen Autor Axel Brauns: Fahrpläne auswendig lernen, Kreuzworträtsel ausdenken, zum Vergnügen Telefonbücher lesen, von Straßennamen besessen sein, die Reihenfolge hunderter Spielkarten im Kopf behalten. Praktische, wenn auch im Alltag selten wirklich dringend nötige Fähigkeiten also. Normale Männer machen so etwas auch - in reduzierter Form. Zum Beispiel spielen Jungen lieber als Mädchen mit mechanischem Spielzeug und sind besser im Kartenlesen."
(...)
Autisten können sich gar nicht in die Lage anderer versetzten, sie haben keine "Theory of Mind", wie Psychologen das nennen: Sie wissen einfach nicht, was im Kopf ihres Gegenübers vor sich geht. Bei Männern, vermutet das Forscherteam vom Autism Research Center der Cambridge University, ist das ähnlich. "Wir haben festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum eine übersteigerte Form des männlichen Profils aufweisen", schreiben die Wissenschaftler."
es steht ja noch die fortsetzung dieses beitrags aus, und ich werde da versuchen, auf die - hm, testosteron-hypothese näher einzugehen. die möglichen verbindungen des autistischen phänomens in all seinen erscheinungsformen zu den verbreiteten geschlechterstereotypen sind allemal einer näheren betrachtung wert (dazu gehört übrigens auch der überproportional hohe anteil an frauen mit borderlinediagnose). und - möglicherweise! - erleben wir mit dieser diskussion den beginn einer notwendigen neuformulierung von patriarchatskritik auf einer neurobiologischen basis. dabei wird es imo für alle beteiligten bisher unvorhergesehene kröten zu schlucken geben - meine ganz persönliche meinung dazu.
nachtrag: in der dem spon-artikel zugrundeliegenden pressemitteilung heisst es am ende:
Baron-Cohen betonte laut BBC, dass die Wissenschafter daran interessiert seien den Autismus zu verstehen. "Es geht nicht darum, wie man intervenieren, Autismus verhindern oder einen pränatalen Test entwickeln kann. Es gibt zwei ethische Bedenken: Ob es sich bei Autismus um eine Krankheit handelt und ob ein möglicher pränataler Test spezifisch oder genau genug wäre."
die anmerkungen zum pränatalen test - okay, aber die andere frage erinnert sofort an etwas ähnliches: "was nützlich ist, kann keine krankheit sein"
das folgende stellt gewissermaßen einige anmerkungen dar, und zwar zu den entsprechenden kommentaren hier. natürlich ist der ausdruck in der überschrift oben als phrase nicht unproblematisch und lädt zu verschiedenen mißverständnissen geradezu ein. eines davon könnte z.b. in einer simplifizierung doch recht komplexer (wenn auch deshalb nicht unverständlicher) sozialer verhältnisse liegen. meist in der form von personalisierung, wie es z.b. am deutlichsten sehr gerne mit der person adolf hitlers als quasi alleinschuldiger/-verantwortlicher hinsichtlich nazi-deutschlands betrieben wird:
"Die Hitlerforschung laboriert seit je an einem Dilemma: Entweder wird das Phänomen Hitler aus seiner psychischen Abnormität erklärt - was die Frage offenlässt, wie ein einzelner eine so große öffentliche Wirkung haben konnte. Oder man erklärt Hitlers Aufstieg aus den sozialhistorischen Umständen seiner Zeit - wobei man dann doch nicht um die Einsicht herumkommt, daß ohne seinen pathologischen Vernichtungswillen der Massenmord nicht möglich gewesen wäre."
so beschreiben die autoren von hitler - karriere eines wahns (siehe auch literaturliste) im vorwort die sich immer noch konträr gegenüberstehenden historischen forschungsansätze aus ihrer sicht. die kluft dazwischen versuchen sie mit ihrem ansatz zu überbrücken, indem hitler einerseits mit hilfe von vielfältig vorhandenen zeitzeugenberichten und biographieforschung einerseits sozusagen nachträglich eine gründliche psychiatrische anamnese und diagnose gestellt wird, andererseits aber auch nach den quasi ankoppelungspunkten seiner persönlichen pathologie beim damaligen begeisterten publikum gefragt wird - und letztlich also auch die pathologischen strukturen innerhalb dieses publikums untersucht werden. die dabei entstehenden ergebnisse lassen sich, wie es vielleicht schon zu erwarten gewesen ist, keinesfalls in der "klassischen" psychiatrischen diagnostik unterbringen, die dann auch von den autoren um ein eigenes modell erweitert wird - sie kommen letztlich zu dem schluß, dass es sich bei hitler um einen realitätstüchtigen psychotiker, genauer um eine sonderform von schizophrenie, gehandelt hätte. und arbeiten dabei kurioserweise zentral mit dem begriffspaar "privates" vs. "öffentliches selbst", wobei das letztere bei hitler ihrer meinung nach u.a. von zügen wie paranoia und einem grandiosen narzißmus geprägt gewesen sei und das "private selbst" im laufe der zeit regelrecht "erdrückt" hätte. auch die von anderen psychiatern gestellte diagnose einer narzißtischen borderlinepersönlichkeit wird von ihnen untersucht, und paradoxerweise ist ihre ablehnung dieser diagnose vielleicht gleichzeitig richtig und falsch - richtig deswegen, weil die von ihnen dargestellte argumentation der entsprechenden diagnostik sich tatsächlich im engen orthodox-psychoanalytischen korsett bewegt und schlicht nicht überzeugend ist bzw. extrem konstruiert wirkt. und falsch aber eventuell deswegen, weil sich eine borderline-diagnose auch anders begründen lässt - und wenn statt der begriffe privat und öffentlich das paar authentisch vs. simulativ benutzt wird, kommt dabei ziemlich genau das heraus, was ein gewisser herr mertz unter zuhilfenahme der gedanken von christa rohde-dachser so beschreibt:
"Dazu Rohde-Dachser (1991): `Die (borderline-)Patienten entwickeln auf der Basis oberflächlicher Identifizierungen nach außen hin eine Fassade angepaßter Verhaltensweisen, hinter der sich das wahre Selbst so vollkommen verbergen kann, daß es keinen Kontakt zur Realität mehr findet...Das von der Realität abgeschnittene wahre Selbst verflüchtigt sich immer mehr zu einer für den Patienten oft kaum mehr faßbaren megalomanischen Phantasie, während die ursprünglich als Schutz des wahren Selbst intendierte falsche Fassade immer mehr Raum gewinnt.´
An anderer Stelle übernimmt die Autorin das Statement eines Psychoanalytikerkollegen: Die borderlinespezifischen psychischen Spaltungsprozesse bewirkten unter anderem den `Schutz einer geheimen Zone des Nicht-Kontaktes, wo das Subjekt absolut allein...und sein wahres Selbst geschützt ist.´
kleine zwischenfrage: nichtkontakt und eine zone des absoluten alleineseins - welches wort kommt Ihnen dabei in den sinn?
mertz weiter:
"Wie sollten wir als Therapeuten dieses verschlossene Geheimnis in Erfahrung bringen? Muß das wahre Selbst etwa unbedingt vorhanden sein, gerade weil es subjektiv-erfahrungsmäßig und funktional so offensichtlich fehlt und auch von anderen nicht mehr wahrgenommen werden kann? Welch seltsame Logik: Es ist da, gerade weil es nicht da ist. Vielleicht sollten wir zunächst einmal die Hypothese zulassen, daß etwas offenischtlich Nichtvorhandenes ... tatsächlich nicht vorhanden ist. Sobald wir diesen außerordentlich kühnen Schritt getan haben, tritt wieder das verpönte Bild der totalsimulativen Persönlichkeit in unser Blickfeld und damit das spätmoderne Angstgespenst des Autismus."
(beide zitate oben aus: j. erik mertz, "borderline...", s. 66; siehe literaturliste)
mit ihrem dualistischen selbst-modell retten die autoren des hitler-buches also womöglich das eindimensionale psychosekonzept der orthodoxen psychiatrie und müssen fast zwangsläufig zur "schizophrenie"-diagnose gelangen, auch wenn sie dazu den eh schon sehr strapazierten begriff schizophrenie noch weiter inhaltlich ausdehnen müssen. tatsächlich aber wird bei dem von ihnen angehäuften material zu hitler, dessen umfang und qualität bereits alleine schon das buch lesenswert machen, eigentlich überdeutlich, dass es sich bei ihm um eine durch und durch beziehungslose persönlichkeit gehandelt hat, die allerdings selbst - in grenzen - an die authentizität der eigenen kontakte geglaubt hat. nach dem selbstmord seiner "geliebten" geli raubal im jahre 1931 soll er kommentiert haben:
"Bisher hatte ich noch Bindungen zur Welt, - offenbar hatte ich sie noch, ich wußte es gar nicht. Jetzt ist alles von mir genommen. Jetzt bin ich ganz frei, innerlich und äußerlich. Vielleicht hat es so sein sollen. Jetzt gehöre ich nur noch dem deutschen Volk und meiner Aufgabe."
(matussek, matussek, marbach "hitler - karriere eines wahns", s. 195; siehe literaturliste)
nach diesem zeitpunkt wurde von verschiedensten beobachtern eine extrem zunehmende (oder vielleicht sich völlig offenbarende?) "fremdheit und kälte gegenüber den anderen" sowie der "verlust der letzten reste zwischenmenschlicher empathie" konstatiert - eine anscheinend neue qualität der beziehungslosigkeit, die sich jedoch berechtigt anzweifeln lässt, wenn man sich das verhältnis von hitler zu geli rauball genauer betrachtet. einmal wurde sie von ihm wie eine gefangene "gehalten", wenn auch unter luxuriösen bedingungen. zum anderen aber existieren berichte von sado-masochistischen handlungen, zu denen er sie gezwungen haben soll. und auch, wenn letztere berichte mit vorsicht zu betrachten sind, so wird doch überdeutlich, dass hitler selbst hier, bei der "größten liebe seines lebens", eine mehr oder weniger völlige unfähigkeit zu einer nichthierarchischen und tatsächlich menschlichen beziehung gezeigt hat. seine anderen frauen"beziehungen", besonders die zu eva braun, zeigen das nur um so deutlicher und krasser auf, was bereits bei der angeblichen großen "liebe" deutlich wird:
"Unzweifelhaft jedoch ist die Tatsache, daß Geli von Hitler als sein Besitz angesehen wurde,..."
("hitler-....", s. 193)
ich frage mich immer, wann sich endlich herumsprechen wird, dass menschen andere menschen, die auch als menschen wahrgenommen werden, unmöglich besitzen können /wollen. diese besitzidee könnte ihre basis in einer konstellation "ich vs. mein körper" als selbstwahrnehmung haben - und hat bereits dann, wenn nämlich diese konstellation in der selbstwahrnehmung dominant ist, eine gewisse pathologische qualität (ja, ganz recht, unser westliches normalbewußtsein...). anders: "besitzen" lassen sich nur dinge - oder eben menschen, die durch eine defekte wahrnehmung in dinge verwandelt werden. was mich zu einer etwas überraschenden assoziation bezgl. sogenannter "eifersuchtsmorde" bringt, die angeblich immer durch "übergroße liebe" verursacht werden. vielleicht existieren auch hier zwei qualitativ grundsätzlich verschiedene zustände von eifersucht: einmal eine authentisch-menschliche form, die durch schmerz über zurückweisung und (getriggerte) verlustgefühle (trauer!) auch älterer herkunft gekennzeichnet ist. und zum anderen eine "als-ob-eifersucht", bei der das wort liebe völlig fehl am platze ist, und die sich eben durch die kränkung durch den verlust eines für einen selbst wertvollen objektes auszeichnet. liebe lässt los, wenn auch unter schmerzen - die immer wiederkehrenden morde jedoch lassen ganz und gar nicht los, vernichten das ding lieber, und erkennen damit auch nicht die existenz einer anderen persönlichkeit als eigene qualität an. und das ist von liebe welten entfernt, wie ich finde.
zurück zu hitler: neben der pseudobeziehung zu geli raubal, die sich mit guten gründen als pseudo bezeichnen lässt, wird von den autoren der erwähnten untersuchung primär seine mutterbeziehung als "echt" herausgestellt und das an seiner anscheinend extremen trauer bei ihrem tod festgemacht (eine mutter übrigens, die ihn "vergötterte" und ihm einen völlig unrealistischen status eines "supersohnes" gab - eine mögliche quelle einer fetten narzißtischen problematik, schon klar - allerdings stellt sich auch hier die frage, ob sich wirklich von einer beziehung im menschlichen sinne sprechen lässt. bei arno gruen ist zum verhältnis von hitler zu seiner mutter etwas ziemlich anderes zu lesen:
"Dr. Eduard Bloch, der Arzt, der 1907 Hitlers Mutter behandelt hatte, berichtete später, er habe `nie einen jungen Menschen gesehen, der vor Schmerz und Gram so namenlos unglücklich gewesen wäre wie der junge Adolf Hitler´ beim Begräbnis seiner Mutter (genau darauf beziehen sich matussek et al., anmerk. mo). Doch was steckt hinter einer solchen hysterischen Ergebenheit, die wir von vielen Konformisten kennen? (...) Rudolph Binions Analyse ist eher zuzustimmen (...). Er zog die Aufzeichnungen dieses Arztes heran, die im Hauptarchiv der NSDAP gefunden wurden, und konnte die gespaltene Natur von Hitlers `Mutterliebe´ zeigen. Hitler war zwar außerordentlich um seine sterbende Mutter besorgt, bestand jedoch auf der wirkungslosen, aber furchtbaren Jodoformbehandlung, die seine Mutter sehr quälte und ihren Tod beschleunigte."
(arno gruen, "der wahnsinn der normalität", s. 154; siehe literaturliste)
und damit werden ausnahmslos alle von hitler bekannten und durch verschiedenste zeitzeugen dokumentierten zwischenmenschlichen verhältnisse zu fiktionalen und simulativen nichtbeziehungen. eine wandelnde katastrophe, dieser mann - aber hervorgebracht und gefördert durch ebenso katastrophale soziale verhältnisse einer kultur, die sich einbildet, eine "hochzivilisation" zu sein.
*
und natürlich: die frage danach, wieweit seine anhängerschar selbst innerhalb dieser defekten realitätsform funktionierte, birgt klarerweise bis heute für uns als nachkommen der betroffenen generationen eine ziemliche brisanz, holt sie doch ein anscheinend historisches ereignis direkt auf die ebene ganz persönlicher und existenzieller fragen. und da wird´s dann eben sehr schnell ungemütlich bis bedrohlich. von daher ist aber die arbeit der autoren der betreffenden hitlerbiographie imo um so bedeutender einzuschätzen, auch wenn sie meines wissens bis heute ebensowenig größere resonanz gefunden hat wie bereits erwähnte gewisse andere arbeiten. wozu wieder mertz die klarsten worte findet, zumindest was das sichtbare versagen der sog. fachleute angeht:
"Der intelligente und simulativ geschickte Antisoziale, der zu Macht gekommen ist, wird kurzerhand per definitionem zu einem Ding der Unmöglichkeit deklariert, d.h. die Hitlers und Himmlers werden in einem sehr seltsamen Outplacingverfahren aus dem psychopathologischen Spektrum einfach ausgeschlossen und damit letztendlich in den gesunden Sektor verschoben. Als ob sich die innerhalb der wissenschaftlichen Psychopathologie operierenden Mitglieder der Funktionseliten, stellvertretend für alle anderen Mitglieder gegen jedwedes psychopathologisches Verdachtsmoment grundsätzlich verwahren wollten. Die Funktionselite wäscht sich quasi selbst rein, versucht es wenigstens, und die Wissenschaft ist dabei behilflich. Wer einigermaßen unauffällig und effizient funktioniert, insbesondere in herausgehobener Position, kann nicht wirklich, nicht ernsthaft krank sein, weil er nicht krank sein darf."
(mertz, "borderline...",s. 57)
nun werden sich vielleicht gerade bei hitler genügend stimmen finden lassen, die eine ernsthafte psychopathie noch in erwägung ziehen - der bursche war einfach in jeder hinsicht zu extrem. anders aber sieht´s dann schon mit den sog. demokratischen führern und erst recht mit bspw. angehörigen der wirtschaftlichen "eliten" aus, obwohl gerade in diesen bereichen eine echte notwendigkeit besteht, sich die handelnden protagonisten ganz genau anzuschauen.
das selbst bei einem explizit nichtpsychiatrischen blick sehr schnell einiges auffällige sichtbar wird, lässt sich z.b. bei einem bestseller der 1970er jahre, ihr da oben - wir da unten von bernt engelmann und günter wallraff, in hunderttausenfacher auflage verlegt, nachvollziehen. ging es den beiden dort ursprünglich um ein besitz- und persönlichkeitsprofil der damaligen westdeutschen gesellschaftlichen, v.a. wirtschaftlichen "eliten", so ziehen sie ziemlich am ende ihrer recherchen - bei der darstellung des damaligen skandals um den "gerling-konzern" und den bankrott der "herstatt-bank", folgendes fazit:
"Die FAZ verschweigt (in einem dokumentierten kommentar zum erwähnten skandal, anmrk. mo), daß Gerling nur ein - besonders offensichtlich gewordenes - Beispiel für die Möglichkeiten, ja Affinitäten von Machtmißbrauch und Unternehmerwillkür innerhalb der sogenannten `Freien Marktwirtschaft´ darstellt. Die vielen Hunderte und Tausende kleinen und großen Gerlings sollen weiterhin möglichst frei und hemmungslos ihrer Profitleidenschaft unkontrolliert nachgehen. Unterschlagen und verdrängt wird, daß Gerlings Verhalten geradezu symptomatisch ist für Alleinherrscher dieser Größenordnung. Alfried Krupp, der alte Flick, Quandt, Melitta-Bentz, Siemens-Clan, Oetker und wie sie alle heißen, zeigen politisch wie psychopathologisch oft ganz ähnliche Verhaltensmuster."
(engelmann/wallraff "ihr da oben - wir da unten"; rororo, reinbek 1976; s. 293; isbn 3 499 16990 8)
erstmalig 1973 erschienen, ist die damalige zeit der patriarchalischen alleinherrscher über solche bis heute - in form von aktiengesellschaften meist - existierenden markenunternehmen zwar vorbei, an der psychopath(olog)ischen grundstruktur jedoch scheint sich nicht viel geändert zu haben. das buch ist quasi von vorne bis hinten eine beschreibung schwerer psychiatrischer auffälligkeiten, bei denen die betroffenen einzig durch geld und machtposition vor jenen konsequenzen geschützt sind, die ein normalsterblicher in solchen fällen recht schnell vom sozialen umfeld zu erwarten hätte. gerling ist für derartige verhaltensweisen ein besonders eindrückliches beispiel, aber es finden sich ganze familien mit symptomatiken - beispiel der kruppclan:
- alfred krupp, der eigentliche firmengründer, "brachte das Werk wiederum (wie sein vater, anmerkg. mo) an den Rand des Bankrotts, und nur durch enorme Staatszuschüsse und -kredite konnte die <vaterländische Anstalt> gerettet werden, zum anderen starb auch er in völliger geistiger Umnachtung, nachdem er zuvor bereits (...) deutliche Symptome manisch-depressiven Irreseins gezeigt hatte."
- sein einziger sohn, fritz krupp kümmerte sich um das unternehmen überhaupt nicht, frönte stattdessen deutlich pädophilen neigungen und "endete 1902, nachdem seine <Ausschweifungen>, wie man es damals nannte, publik geworden waren, durch einen - selbstverständlich vertuschten - Selbstmord. Er starb ohne männlichen Erben; die inzwischen zum größten Stahl- und Waffenproduzenten Mitteleuropas gewachsene Firma Friedr. Krupp wurde Alleineigentum seiner Tochter Bertha, und diese heiratete 1906 den Legationsrat Gustav von Bohlen und Halbach, den Kaiser Wilhelm (...) Allerhöchstderoselbst zum Krupp beförderte (...)." gustav krupp von bohlen und halbach wurde von seinen nächsten angehörigen "taffy" genannt, und...
- ..."Taffy wurde indessen ein waschechter Krupp: Auch er zeigte früh Symptome von Geistesgestörtheit, insbesondere eine krankhafte Pedanterie, die selbst die Bewirtung von Gästen einem auf Sekunden genau eingeteilten Protokoll unterwarf. Auch lernte er Fahrpläne auswendig und machte eine Staatsaffäre daraus, wenn ein - von ihm gar nicht benutzter - D-Zug mit zwanzig Sekunden Verspätung seine Kontrollposten passierte. Später verfiel auch er in geistige Umnachtung."
(alle zitate aus engelmann/wallraff, "ihr da oben...", s. 8/9)
vielleicht sollte noch hinzugefügt werden, dass es sich bei krupp um jene firma handelt, die im ersten weltkrieg durch den verkauf von waffen an beide kriegführenden seiten stinkreich geworden ist (und etlichen deutschen soldaten durch "qualität made in germany" ein invalidenschicksal, wenn nicht den tod, "bescherte" - soldaten , die genau die "ordnung" verteidigen sollten, die eine solche firma erst hervorbrachte); und sowohl am aufstieg hitlers als auch massenhaft von späterer zwangsarbeit und wiederum krieg nocheinmal profitierte, und sehr schnell nach dem zweiten wk wieder präsent war und macht und einfluß vergrößerte. eine "erfolgsgeschichte", die stellvertretend für viele andere derartige geschichten steht.
"houston, we have a very big fuckin´ problem...!"
zufällig bin ich über diese zusammenfassung eines bloggers gestolpert, die dieser wohl zur illustration einer ganz anderen geschichte genutzt hat - und trotzdem ist da etwas sehr wichtiges gut erfaßt:
"In Krisen zeigen die meisten Menschen Abwehr- und Fluchtreaktionen, die aus der Tierwelt übernommen sind. Der Herzschlag beschleunigt sich, die Muskeln spannen sich, das Gehirn wird bis auf vegetative Funktionen abgeschaltet. Leider führt das manchmal dazu, dass wir uns in einer Krise, die weder durch Angreifen noch durch Flucht gelöst werden, absolut irrational verhandeln. Wir operieren mit einem IQ auf Höhe der Zimmertemperatur. Unter anderem werden Emotionen, die instinktiv durch Körpersprache vermittelt werden, nicht mehr erkannt. Man wird für kurze Zeit zum Autisten."
temple grandin - siehe hier - führt ihren eigenen erfolg in ihrem beruf u.a. darauf zurück, dass sie sich perfekt in tierisches bewußtsein hineinversetzen könne, da sie selbst z.t. in diesem kontext funktionieren würde.
der traumaforscher und -therapeut peter levine geht in seinem ansatz von folgendem aus:
"Es beruht auf Verhaltensbeobachtungen in der Tierwelt. Der zugrunde liegende biologische Mechanismus geht auf das Jäger-Beute-Verhalten zurück, einen ursprünglichen Reiz-Reaktions-Zyklus mit grundsätzlich drei Optionen: Flucht-, Angriff- und Totstell-Reflex.
Tiere in freier Wildbahn sind zwar häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, werden jedoch nicht nachhaltig traumatisiert, da sie über angeborene Mechanismen verfügen, die es ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Stress-Energie wieder abzubauen. Zwar sind wir Menschen mit grundlegend gleichen Regulationsmechanismen ausgestattet, doch wird die Funktionsfähigkeit dieser instinktgeleiteten Systeme häufig durch den „rationalen“ Teil unseres Gehirns gehemmt und außer Kraft gesetzt.
Dies kann bei uns Menschen dazu führen, dass die vom Körper im Alarmzustand bereit gestellte Überlebensenergie vom Nervensystem nur unvollständig oder verzögert aufgelöst wird. Der Organismus reagiert in der Folge weiterhin auf die Bedrohung der Vergangenheit. In diesem Falle sind die in der Gegenwart zu beobachtenden Reaktionsweisen, Verhaltensmuster, Überzeugungen, Gedanken und Gefühle der Person oft noch mit den erschreckenden Erfahrungen der Vergangenheit gekoppelt."
mein eigener eindruck läuft auf ähnliches hinaus, wenn sich zum beispiel eine ständige erregung des vegetativen nervensystems, dissoziative phänomene, selbstverletzende aktionen sowie verlust an weltvertrauen insgesamt mit einer grundsätzlichen isolation als folge sowohl bei menschen mit ptbs-diagnose als auch autistInnen wiederfinden lassen. möglicherweise lässt sich über die oben thematisierte verbindung einiges besser verstehen.
und überlegen Sie einmal, wie´s eigentlich in hierarchisch strukturierten gesellschaften wie unserer mit der nur oberflächlich kontrollierten und verwalteten gewalt aussieht.