kontext
ein thema, welches hier mit trauriger regelmäßigkeit eine rolle spielt - zuerst ein paar neue zahlen des schreckens:
(...)"Mindestens 275 Millionen Kinder weltweit sind von Gewalt in der Familie betroffen. "Es ist gegenwärtig eine der meist verbreiteten Menschenrechtsverletzungen." Sie bleibe ein größtenteils verborgenes Problem, dem sich nur wenige Länder stellen, hieß es in dem Bericht."(...)
und die potenziellen - und belegbaren - folgen sollten sich langsam mal herumgesprochen haben:
(...)"Die Folge solcher - oft traumatischer - Erfahrungen auf psychischer und physischer Ebene können Lernschwierigkeiten und eingeschränktes Sozialverhalten sein. Kinder, die in gewaltgeprägten Familien aufwachsen, können gewalttätiges, leichtsinniges oder kriminelles Verhalten an den Tag legen, leiden an Depressionen oder schweren Angstzuständen, kamen die Experten zum Schluss. Auf Grund der begrenzt verfügbaren Daten in manchen Teilen der Welt bezeichnete UNICEF die Zahl von 275 Millionen Kindern als "vorsichtige Schätzung". Wer in seinen ersten Lebensjahren Zeuge von Gewalt in der Familie wird, für denjenigen erhöhen sich die Chancen enorm, später wieder mit Gewalt in Berührung zu kommen - sei es als Opfer oder als Täter."(...)
in mindestens 275 millionen biographien also "erhöhte chancen", die gewalt in den verschiedenen aspekten zu re-inszenieren (und hier geht es "nur" um die familiäre gewalt gegen kinder; die durch bspw. krieg traumatisierten müssen dazugerechnet werden) - falls wir uns immer noch über die achsounbegreifliche neigung unserer spezies wundern, sich selbst das leben zur hölle zu machen, dürfen und müssen wir uns einfach einzigartige kollektive und selbstmörderische dummheit hinsichtlich unseres nichtwissens über unser psychophysisches funktionieren attestieren. wobei dummheit in einer gewissen hinsicht auch hauptsächlich nichts weiter als ein moralisch wertendes synonym und symptom gestörter wahrnehmung darstellt, letztere ebenso häufig als folge traumatischer gewalt auftritt - und sich so die katze in den eigenen schwanz beißt. diesen absolut fatalen kreislauf des wahnsinns endlich, endlich zu durchbrechen - das stellt imo weiterhin die sinnvollste und dringendste aufgabe unserer zeit dar.
(und nein, bitte keine mißverständnisse: ich möchte traumatisierte menschen damit keinesfalls pauschal als dumm bezeichnen - machen Sie sich vielleicht einfach mal gedanken darüber, was dummheit eigentlich ausmacht. und ich möchte mich bei der quelle für den hinweis auf die obige nachricht bedanken, beim forum der subfrequenz, welches ich als sammlung sehr wichtiger und interessanter informationen nur empfehlen kann. das zugehörige fraktallog ist aus gleichem grund eh bereits verlinkt.)
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vor dem hintergrund des obigen sind diskussionen besonders bizarr, bei denen es hauptsächlich darum geht, die im angesicht einer gewaltverseuchten welt durchaus nachvollziehbar renitenten kids mit den mitteln aus dem arsenal einer totalitären pädagogik wieder zur ordnung zu rufen - einen lesenswerten kommentar dazu gibt es hier zu lesen:
(...)"Der neueste Katastrophenmanager heißt Bernhard Bueb, war dreißig Jahre lang Leiter der Internatsschule Schloss Salem und präsentiert ein Traktat, mit dem er den Geist der 68er endgültig aus den deutschen Klassenzimmern exorzieren will: Lob der Disziplin heißt sein Werk, das schon kurz nach Erscheinen einen kollektiven Erlösungsseufzer unter den ratlosen Erziehern hervorgerufen hat. Und auch die Journaille schlägt mit den Flügeln vor Begeisterung angesichts des »erfrischenden Tabubruchs«. Kaum eine Zeitung, kaum ein Sender, in der Bueb seine schmalen Thesen nicht immer wieder aufs Neue zum Besten geben darf. Flankiert von Bild,FAZ und Spiegel, soll »Deutschlands strengster Lehrer« in den Schulen für »Recht und Ordnung« sorgen. Gerade noch wurde anlässlich der Fußball-WM der angeblich entspannte Patriotismus gefeiert – in dessen Gefolge die NPD nun im Osten ihre Wahlsiege feiert –, schon sollen die Hacken zusammengeschlagen werden.
Bueb fordert »Strenge, Härte, Disziplin«. Mehr noch: »die vorbehaltlose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. Denn: »Erziehung bedeutet immer Führung.« Und: »Wer führt, erwartet Gefolgschaft.« Natürlich will auch er nur das Beste für unsere Kinder: »Die Fürsorge gebietet manchmal Disziplin ohne Debatte.« Gebetsmühlenhaft bläut er dem Publikum die wenigen Maximen seiner Kasernenhofpädagogik ein. Es ist, als wolle er die Prinzipien seiner Kindererziehung erst mal an den erwachsenen Lesern seines Buches exekutieren, indem er ihnen die Lektüre als Strafe auferlegt.
Keine Frage: Tugenden sind gut. Wären sie schlecht, hießen sie Untugenden. Nur muss eine Tugend sich immer danach fragen lassen, für welche Werte sie eingesetzt wird. Mit Disziplin kann man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlauf gewinnen. Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte, »ein Konzentrationslager führen«.
»Ja, ohne harte Disziplin kann man das Lager nicht in Schuss halten Sie müssen ja durchgreifen.« Sagt nicht Bernhard Bueb, sondern sagte während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses der Angeklagte Stefan Baretzki, ehemals Angehöriger der SS und Kommandoführer in Birkenau. Es gibt Begriffe, Bilder, Wendungen, die vor dem Holocaust vergleichsweise harmlos geklungen haben mögen, die seitdem aber so nachhaltig kontaminiert sind, dass, wer sie verwendet, dies selten unschuldig tut.
Dass ein Hörfunkjournalist Bueb darauf hinweisen konnte, dass sein Buch, würde man nur wenige Passagen streichen, auch als das bildungspolitische Programm der NPD gelesen werden könne, dafür trägt der Autor die Verantwortung. Wenn er schreibt: »Die Nationalsozialisten waren Meister der Gemeinschaftserziehung, das darf man nicht verschweigen.« Oder wenn er sagt: »Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee.« Und man bekommt mehr als eine Ahnung, wofür er seine Schüler fit machen will, wenn er feststellt: »Soziale Tugenden, die Menschen für Extremsituationen qualifizieren, wie sie der Krieg mit sich bringt, bedürfen der Übung wie andere Tugenden auch.«
dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen. vielleicht schweben dem herrn bueb ja bootcamps nach us-muster vor? es ist eine sache, notwendige und haltbare grenzen bei und für menschen zu setzen, die diese nicht (mehr) bei sich und anderen wahrnehmen können. das dürfte in unserer lage leider unverzichtbar sein. aber gerade bei kindern und jugendlichen mit den erwiesenermaßen gewaltfördernden und offen menschenverachtenden mitteln aus totalitären institutionen wie zb. dem militär zu arbeiten, ist letztlich als verbrechen zu werten. der ruf nach härte und disziplin stellt einerseits das symptom von hilflosigkeit dar, andererseits ist er ebenso ausdruck des bereits oben erwähnten nichtwissens über die psychophysischen menschlichen strukturen, deren funktionsgesetzen wir alle individuell und kollektiv unterworfen sind. im schlimmsten fall werden die effekte aus solcherlei gehirnwäsche auch bewußt eingesetzt bzw. angestrebt - auch dafür stellt der militärische drill das nachdrücklichste beispiel dar (immer noch die eindrucksvollste und sehenswerteste inszenierung dieses drills und seiner folgen: der erste teil von "full metal jacket" von stanley kubrick).
"Nicht das revolutionäre, aber immerhin das kecke Aufbegehren gegen die Obrigkeit (wie es sich in den Werken von Heine über Tucholsky bis Erich Kästner findet) galt lange Zeit in den gescheiteren Teilen des nachwachsenden Bürgertums als Tugend. Irgendetwas ist seitdem geschehen. Denn jetzt werden, wie eine von dieser Zeitung zitierte Umfrage belegt (ZEIT Nr. 37/06), Polizei und Bundeswehr von den Jugendlichen zu den attraktivsten Ausbildungsunternehmen gezählt. Traumberufe, in denen die Strukturen der Demokratie weitgehend außer Kraft gesetzt sind, wo stattdessen Befehl und Gehorsam gelten. Das scheint Buebs Behauptung Recht zu geben, dass die orientierungslos gewordene Jugend für ein gewisses Maß an Härte geradezu dankbar sei. Die Frage ist nur, ob man als Pädagoge diesem Unterwerfungsbegehren folgen oder ob man ihm entgegenarbeiten sollte.
»Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll«, schreibt Adorno in seiner berühmten Rede Erziehung nach Auschwitz, »bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin."
also funktional eine selbstwahrnehmungsreduktion.
"Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte.« Anders gesagt: Zum Kuscher gehört der Mucker. Und wer klein gemacht wurde, gibt das, einmal aufgestiegen, nach unten weiter. Der Glaube, man müsse der Natur nur ihren Lauf lassen, dann werde sich das Gute schon Bahn brechen, hat die Pädagogik auf einen kurzen Irrweg geführt. Größer, langlebiger, folgenreicher war der Irrglaube, man müsse den Willen der Kinder brechen, um aus ihnen Menschen zu machen."(...)
und u.a. genau dieser zuletzt erwähnte irr- und aberglaube übelster prägung beschert uns bis heute genau die verhältnisse, die weiter oben im bericht von unicef angesprochen werden. all das hat mit "zivilisation" nichts, aber auch gar nichts, zu tun.
(...)"Die Sehnsucht nach der harten Hand, die Ergebenheit vor dem päpstlichen Mummenschanz, der patriotische Taumel während der Weltmeisterschaft, das Wiedererstarken der NPD, die dramatisch sinkenden Wahlbeteiligungen, all das weist auf eine wachsende Demokratiemüdigkeit hin. Das verbliebene Restbürgertum, ebenso denkfaul wie hinfällig, seiner eigenen Geschichte ungewiss oder überdrüssig, hat dem nichts entgegenzusetzen. Lieber sinkt es mit lasziver Eleganz dem starken Mann in die Arme, als sich weiter den Mühen der eigenen Einsichten und Errungenschaften zu unterziehen."(...)
der letzte satz ist zwar schön formuliert, jedoch lässt sich arg bezweifeln, ob das "bürgertum" jemals wirklich daran interessiert war zu begreifen, aus welchen gründen seine und die mitglieder anderer sozialer klassen so "ticken", wie sie´s denn tun. freud hat zwar die tür aufgeschlossen (was sein ewiger verdienst bleiben wird, jenseits aller nötigen und berechtigten kritik), ist letztlich aber noch lange nicht ausreichend zum verstehen unserer selbst. und genau das wird letztlich über sein oder nichtsein der menschheit entscheiden - manchmal finde ich die perspektive eines evolutionären intelligenztestes gar nicht so weit hergeholt. momentan muss am bestehen leider stark gezweifelt werden.
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edit am 04.10: war ja klar, dass es ergänzungsbedarf verschiedenster art geben würde - also:
- einen sehr, sehr finsteren aspekt habe ich - unzulässigerweise, wie ich finde - auf das militär beschränkt. und zwar einfach die sehr reale variante, dass das brechen gerade, aber nicht nur, von kindlichen persönlichkeiten von denjenigen gewollt und propagiert wird, die selbst in unbeschreiblicher art davon wissen, dass sie auf diese weise erstens eine art sklaven zur persönlichen verfügung bekommen (die eher innerfamiliäre variante), und/oder von den heute herrschenden a-sozialen gesellschaftlichen machtverhältnissen profitieren und ebenfalls wissen, dass eingeschüchterte, verängstigte und zur freien kollektivität unfähige menschen keine bedrohung für den status quo darstellen (diejenigen, die auf die gewalt selbst mit gewalt reagieren, können ebenfalls instrumentalisiert werden - so funktioniert das militär - oder aber sind eine aufgabe für die repressionsapparate und geben dazu noch prächtige gesellschaftliche feind- und schreckbilder ab). im kommenden traumaschwerpunkt werde ich u.a. dem schon früher geäusserten verdacht nachgehen, dass massenhafte traumatisierungen durch soziale gewalt vielleicht einen bisher völlig unterschätzten baustein für hierarchische systeme aller art darstellen.
- zum teil des adorno-zitats mit der erwähnten "gleichgültigkeit gegen schmerz" (bei sich und anderen) hatte ich angemerkt, dass ich das funktional für eine reduktion von selbstwahrnehmung halte. das sollte ruhig ergänzt werden: wieder vor dem hintergrund der eigenheiten traumatischer strukturen lässt sich erkennen, dass die erzeugte gleichgültigkeit sich tatsächlich bereits als posttraumatisches symptom verstehen lässt, vielleicht sogar als symptom von dissoziation. derart können posttraumatische strukturen in einem menschen bei entsprechenden inneren und äußeren dispositionen mindestens zu einer art soziopathie führen - das wäre dann die materialisierung der täter-opfer-dialektik.
- nochmals zur dummheit: ich habe mich da ungeschickt ausgedrückt, bin aber gerade nicht in der lage, das zu präzisieren. das ausmaß und die konsequenzen dessen, was so als dummheit verstanden wird, sind in meinen augen jedenfalls wesentlich weitreichender, als ich so als angenommen unterstelle. der dummheit immanent scheint ihre notorische unterschätzung zu sein, und all das hat sehr sehr viel mit unseren jeweiligen wahrnehmungsfähigkeiten zu tun. anders: bestimmte wahrnehmungstunnel erzeugen das phänomen namens dummheit - und diese tunnel, so meine hypothese, können in bestimmten fällen wiederum auch zu den posttraumafolgen gezählt werden. die untertanen dumm zu halten, was die eigene machtbasis anbelangt, ist jedenfalls bis heute eine tägliche beschäftigung von sog. eliten weltweit.
- vielleicht überflüssig, aber ich möchte es trotzdem erwähnen: mit liebe haben die geschilderten praktiken und vorschläge nichts, aber auch gar nichts, zu tun. sicher, ein grundsätzlich liebevoller umgang mit kindern beinhaltet auch die option, bei auftretender notwendigkeit grenzen zu setzen. aber das "wie" ist hier entscheidend. ich glaube, dass bei einer - potenziell erreichbaren - wesentlich verbesserten individuellen und kollektiven psychophysischen selbstregulation viele der heute zu beobachtenden probleme gerade hinsichtlich eigener und fremder grenzen, die wir uns gar als "normal" anzusehen angewöhnt haben, keine große rolle mehr spielen würden. dabei wären dann auch wesentlich mehr als heute bereits die pränatale phase sowie die umstände der schwangerschaft zu berücksichtigen.
- und zum schluß möchte ich noch auf einen ganz frischen tp-artikel zum thema hinweisen.
ein wirklich sehr aufschlußreicher artikel (u.a. bereits beim spielverderber und bei somlu thematisiert) illustriert sehr schön die konstruktion von zuständen , die ich hier u.a. mit dem begriff "zonen des virtuellen pseudoseins" benannt hatte - als-ob-realitäten:
"PR-Profis sind Wahrnehmungsmanager."
genauer: manipulierer sowie konstrukteure von scheinwelten. gesellschaften, die solches hervorbringen, werden sich letztlich den eigenen ast absägen, auf dem sie wachsen.
"PR-Leute sind immer auch Übersetzer, die versuchen, die Deutungsmacht über Begriffe zu erlangen, Worte gefügig zu machen, Assoziationen zu diktieren. So werden aus Entlassenen Freigesetzte, aus Zuzahlung wird Eigenverantwortung und aus Menschen Humankapital. Anonyme Konzerne sind plötzlich fühlende Wesen."(...)
nein, sie sind eben keine "fühlenden" wesen, sondern haben ihr äquivalent eher in denjenigen, für die die psychiatrie die begriffe(*1) soziopathie bzw. antisoziale persönlichkeitsstörung bereithält.
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und ein leser hat mir folgenden artikel zugesandt (vielen dank dafür an dieser stelle!), der sich wie eine logische ergänzung des obigen liest:
"Die Macht - für den einen bloß ein Wort, für den anderen ein Magnet mit einer ungeheuren Anziehungskraft. „Entscheidend für den Willen zur Macht ist der Dominanzfaktor, den der einzelne mitbringt“, sagt Christian Zielke, Führungskräfte-Coach und Professor für Personalmanagement an der Fachhochschule Gießen-Friedberg. Außerdem müsse derjenige, der nach Macht strebe, gewisse Spielregeln befolgen und dabei auch in Kauf nehmen, ethische und moralische Hürden zu überschreiten. Nach dem Motto: „Schein-Sein-Schwein".(...)
der dominanzfaktor - ja, der braucht bestimmt einiges an pr, bevor all diejenigen, die das überschreiten von ethischen und moralischen hürden irgendwie nicht so toll finden, ein solches konstrukt wahrhaft kranker - objektivistischer - personen als ersterbenswerte (*2) realität akzeptieren (wobei den pr-fuzzies schon mal gesagt sei: es ist letztlich suizidale zeitverschwendung...)
„Dominante Persönlichkeiten wollen andere besiegen, Hindernisse durch Zielstrebigkeit überwinden und ihr Umfeld formen“, sagt der Führungskräfte-Coach Oscar Winzen. Diese dominanten Typen, in Fachkreisen kurz D-ler genannt, strebten nach Erfolg. Sie werden Winzen zufolge angetrieben von dem starken Willen, sich mit anderen zu messen, sich durchzusetzen und respektiert zu werden. Für sie stünden Aufgaben und deren Bewältigung im Vordergrund. Menschliche Beziehungen träten dahinter eher zurück. „D-ler lassen sich nur ungern vorschreiben, wie sie eine Aufgabe zu erledigen haben. Sie wollen immer die Kontrolle behalten“, sagt Winzen. Unterordnung sei ihre Sache nicht."(...)
diese d-ler haben ein ziemlich erbärmliches und reduziertes leben, würde ich mal sagen. was an sich tragisch und bedauernswert wäre , wenn sie dieses pseudoleben nicht ausgerechnet als leitbild für alles und jeden propagieren würden und mittels gewalt in diversesten formen (genau: dann, wenn die pr versagt hat) auch durchzusetzen trachteten.
"Eine Spielregel auf dem Weg zur Macht ist deshalb die Stromlinienförmigkeit. Statt Ecken und Kanten zu zeigen, gelte es, anpassungsfähig und ständig in Bewegung zu bleiben. „Am besten schützt man sich, indem man so geschmeidig und formlos wie Wasser ist“, sagt Zielke. Denn wer sich gegen den Strom der Zeit stelle, werde in der Regel von der Masse bestraft. Zu dieser Stromlinienförmigkeit gehört auch, keine Position zu ergreifen. Wer sich aber auf keine Seite oder Sache festlege, mache sich auch keinen zum Feind. Das macht nach allen Seiten offen. Zum Beispiel bei Firmenfusionen gelingt es so, unbeschadet von der Verliererseite auf die Siegerseite zu wechseln.
Wer endlich den Gipfel der Macht erreicht hat, für den gilt es, nicht gleich wieder abzustürzen. Denn dort oben ist die Luft dünn, und die Luft reicht nur für wenige. Aber wie erhält man die Macht? „Man muß sich wirkungsvoll selbst inszenieren“, sagt Zielke. Dazu gehöre die eherne Regel: Laß die anderen zu dir kommen, und laß sie warten. Das wirkt wichtig. Genauso, wie sich rar zu machen. Wer als Chef durch Abwesenheit glänzt, fördert den Nimbus, Wichtigeres zu tun zu haben. Je mehr man von einer Person hört oder sieht, desto alltäglicher wird sie."(...)
authentische persönlichkeit (mit allem, was dazugehört)? weg damit! hindert nur. stattdessen gibt´s konstrukte und inszenierungen - ein ideales milieu für wahrhaftige als-ob-persönlichkeiten und diejenigen, die sich bemühen, zu solchen zu mutieren.
"Klingt alles ziemlich schwierig. „Für Machtspiele ist ja auch nicht jeder geeignet, und sie machen auch nicht jedem Spaß.“ So manch einer könne ein solches Verhalten auch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Es kommt eben auf den Typen an. Für manche wirkt die Macht eben wie ein Magnet."
tja. das ist dann eben einfach so. (zu den merkmalen schwer gestörter selbst- und realitätswahrnehmung gehört übrigens in vielen fällen auch, dass sich die betroffenen in einer gewissen art und weise um kopf und kragen quatschen bzw. zwanghaft alles über ihren desolaten zustand ausplaudern - besonders dann, wenn all die schönen konstruktionen und sch(w)einwelten unter dem druck der realität zu kollabieren beginnen.)
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edit am 05.08. - (*1): der vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass das selbst unter berücksichtigung der mängel in den offiziellen diagnostischen modellen noch zutreffend ist.
(*2): beim wort ersterbenswert hat mir wohl der alte doktor aus wien ins ohr geflüstert...aber weil der ganze satz dadurch so eine hübsch verwirrende mehrdeutigkeit bekommt, lass ich es mal stehen.
im übrigen wird der text aus der faz mit jedem lesen ein bißchen mehr schier unfaßbar: eine verherrlichung des blanken opportunismus mit deutlich antisozialen zügen; eine tatsächliche beschreibung von psychophysisch schwer gestörten personen - und das wird hier nicht mal mehr augenzwinkernd als vorbild verkauft - zombieleben.
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edit 2 am 06.08.: ich habe mir einige gedanken zum begriff "als-ob-persönlichkeiten" in der überschrift gemacht - mit dem ergebnis, dass das zwar generell als metapher durchgehen kann, aber möglicherweise auch von manchen falsch interpretiert werden wird. darum reiche ich eine präzisierung nach.
"eine tatsächliche beschreibung von psychophysisch schwer gestörten personen", so kann ich nach wie vor meinen eindruck des oben verlinkten artikels aus der faz zusammenfassen. mir scheint es aber nötig zu sein, mal etwas genauer hinzuschauen, was sich da eigentlich - bei zuhilfenahme sowohl der "offiziellen" diagnostischen modelle als auch der hier teils bereits vorgestellten alternativen sichtweisen - so alles finden lässt. ich entdecke dabei schnittmengen bzw. hinweise auf folgende diagnosen bzw. modelle:
- borderline-persönlichkeitsstörung
- narzisstische ps
- dissoziale (antisoziale) ps
- schizotypische / schizoide ps
in diesen "offiziellen" diagnostischen begriffen (zu deren möglichen mängeln hier schon einige anmerkungen zu lesen waren, bspw. in den basisbeiträgen zu borderline) lassen sich die im artikel skizzierten eigenschaften der sogenannten "dominanten typen" ("d-ler") wiederfinden:
- macht (über andere) als selbstzweck, d.h. als dominierende und aus der jeweiligen psychophysischen struktur entstammende handlungsmotivation. damit eng verwandt sind
- starke kontrollbedürfnisse
- ebenso wie die weitgehende akzeptanz des konkurrenzprinzips.
- die obigen eigenschaften implizieren bzw. haben zur voraussetzung eine weitgehende beziehungsunfähigkeit incl. fehlender beziehung zu sich selbst. das nun wiederum stellt einen deutlichen hinweis auf defekte der selbst- und fremdwahrnehmung dar, die mit einiger wahrscheinlichkeit kompensatorisch vom objektivistischen modus (ausführlich hier im verlauf des beitrags dargestellt) u.a. mittels simulativer fähigkeiten (die quelle der angesprochenen inszenierungen und konstrukte -> das material, mit dem die "wahrnehmungsmanager" der pr-branche arbeiten) "aufgefangen" werden und es den betroffenen ermöglichen, selbst nach den herrschenden diagnostischen kriterien "realitätstüchtig" (und arbeitsfähig) zu bleiben. letzteres verlangt dabei als voraussetzung eine entsprechende disposition der sozialen welt, d.h. dass die gerade thematisierten merkmale sowohl mindestens rudimentär in vielen menschen psychophysisch verankert sein müssen und - folge und quelle zugleich - sich auch im wertekanon, in den herrschenden ideologien und im welt- und menschenbild der betroffenen gesellschaft wiederfinden lassen müssen.
wenn Sie sich die geschichte (nicht nur) der westlichen kultur anschauen und die aktuellen realitäten betrachten, werden Sie sich selbst die frage - und zwar ganz eindeutig - beantworten können, ob die genannte disposition vorhanden ist.
- zur bereits erwähnten beziehungsunfähigkeit und den davon untrennbaren wahrnehmungsstörungen gehört ebenfalls eine (sehr) weitgehende empathieunfähigkeit, die in objektivistischer art und weise allerdings ebenfalls durch entsprechende simulationen unkenntlich bzw. schwer erkennbar gemacht werden kann.
- die im artikel ebenfalls durchklingenden merkmale egozentrik, einzelgängertum und auch der unwillen zur unterordnung / unabhängigkeitsbestrebungen werden erstens gerne mit individualität gleichgesetzt bzw. verwechselt und sind imo zweitens - im gegensatz zu den erst genannten merkmalen - nicht per se als sozial negativ zu werten. hier kommt es ganz auf den jeweiligen kontext und den grad der individuellen ausprägung an.
gerade die letzteren eigenschaften weisen zusätzlich deutlich auf punkte hin, die sich einerseits bei der schizoiden und schizotypischen ps finden lassen (bitte nicht mit schizophrenie verwechseln!), andererseits aber auch im "offiziellen" autististischen spektrum, und hier besonders beim asperger-syndrom.
die diversen simulativen zustände, mit denen die angehörigen der sog. eliten laut faz-artikel operieren (sollten), sind ebenso wie die empfohlene "flexibilität" (aka opportunismus) dabei praktisch kernelemente des nicht offiziell anerkannten modells der als-ob-persönlichkeit (dazu hier und hier ), welches wiederum schnittmengen zur narzisstischen und zur borderline-ps aufweist. als synonym lässt sich für die als-ob-persönlichkeit auch simulationsfähiger autismus nennen - damit wären sowohl die teils extrem ausgeprägten simulativen fähigkeiten ebenso wie die im modell vorhandene totale beziehungsunfähigkeit (der strukturell autistische kern) auf den punkt gebracht.
finden Sie wiedermal verwirrend? es ginge eigentlich noch weiter - der begriff soziopathie wird zwar i.d.r. auch als synonym der dissozialen / antisozialen ps genutzt, muss aber imo unterteilt werden in "echte" (bedingt durch eine strukturell autistische grundlage der persönlichkeit) soziopathie ("psychopathie", siehe hier ) und funktionell soziopathische züge, die mit einer zwar u.u. weitgehenden, aber eben nicht totalen strukturellen beziehungsunfähigkeit einhergehen bzw. ein symptom derselben darstellen. das sichtbare begriffswirrwarr war hier bereits einmal thema.
beziehungsunfähigkeiten verschiedenen grades machen bei so ziemlich allen hier erwähnten diagnostischen begriffen den realen kern der psychophysischen störungen aus, die mit diesen begriffen erfasst werden sollen. die bis heute bekanntesten, offensichtlichsten und weitgehendsten störungen mit diesem kern finden sich unter dem label autismus bzw. im autistischen spektrum - und vor diesem hintergrund stellt sich die frage schon fast gar nicht mehr, was für ein menschenbild eigentlich im obigen artikel tatsächlich propagiert wird.
das ich mich hier immer mal wieder in intensive versuche stürze, verschiedende diagnostische begriffe / modelle zu definieren bzw. ihre definitionen und die impliziten abgrenzungen darin zu hinterfragen, hat nichts damit zu tun, dass ich mir hier einen etwas skurrilen zeitvertreib gesucht hätte. nein, ich bin der meinung, dass möglichst präzise und realitätsnahe modelle der menschlichen psychophysischen störungen - aber auch des gesunden funktionierens seins - unverzichtbar für das verständnis heutiger gesellschaftlicher prozesse sind - und damit auch unverzichtbar für alle versuche, sie im positiv emanzipatorischen sinne zu verändern.
vor diesem hintergrund finde ich deswegen solche meldungen ("borderline u.a. eine untergruppe von autismus") sowie den neuen begriff der strukturellen persönlichkeitsstörung, der mir vor einiger zeit zu ohren gekommen ist (und angeblich einen neuen ansatz kennzeichnet, den fließenden grenzen zwischen den meisten ps rechnung zu tragen - zukünftig würden danach diagnosen also zb. "strukturelle ps, typ narzissmus"; typ borderline...etc. lauten - im netz ist darüber bisher nichts zu finden; wenn Sie also mehr infos haben sollten, was es mit diesem ansatz auf sich hat - her damit) keineswegs nur wortklaubereien, sondern verstehe sie als hinweise darauf, dass sich möglicherweise ein realitätsgerechteres verständnis der fraglichen zustände herauszubilden beginnt.
und damit ließen sich dann auch wesentliche und entscheidende prozesse in gesellschaft und "politik" anders und besser verstehen - u.a. eben auch solche, warum uns eigentlich von einer großen "bürgerlichen" zeitung die dargestellte krankhafte karikatur des menschseins als lei(d)tbild verkauft wird - und sich niemand groß darüber aufzuregen scheint.
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und ebenso lassen sich möglicherweise auch solche parallelen besser verstehen - vergleichen Sie einmal das menschenbild des obigen faz-artikels mit dem inhalt, der in einem älteren beitrag der gleichen zeitung enthalten ist:
„Ökonomisch eigenverantwortlich betrachtet, zahlt es sich da für Langzeitarbeitslose und solche, die es werden können, nicht mehr aus, anders als im Augenblick und allein zu leben. (...) Alles Geld, das in einer ‚Bedarfsgemeinschaft‘ von Eltern, Kindern, Gatten oder Lebensgefährten verdient wird, geht von dem eigenen Anspruch ab. So kommen Ehen, Partnerschaften, Groß- und Kleinfamilien, Patchworkverhältnisse aller Art auf den Prüfstand (...). Das Familienmodell zahlt sich nur aus, wenn noch kleine Kinder im Spiel sind.“ (...) "Hartz IV fördert die zeitliche und räumliche Zersplitterung der Gesellschaft. Seine Zielvorstellung ist die Monade. Der Menschentypus, den Hartz IV favorisiert, ist der Einzelkämpfer, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat und weiter fortlaufend abbricht.“
und damals hatte ich dazu u.a. kommentiert:
"was für ein typ mensch wird da gefördert? welche eigenschaften sind z.b. gefragt, wenn gefordert wird, für die rein ökonomische existenz von heute auf morgen notfalls den ort zu wechseln, unter hinnahme des verlustes aller sozialen bezüge (was übrigens durchaus als traumatisch im strengen sinne erlebt werden kann)? welche psychophysischen züge sind dafür wohl am nützlichsten?
beziehungsfähigkeit z.b. wohl kaum - die dürfte für derlei eher hinderlich sein."(...)
um in der folge dann auf etliche parallelen zu bestimmten eigenschaften der borderline-ps hinzuweisen. tatsächlich ist es doch sehr interessant zu sehen, was für effekte zentrale "politische" projekte der sog. eliten so nach sich ziehen können - effekte und konsequenzen, die sich ganz berechtigt das attribut antisozial gefallen lassen müssen. und die darüber hinaus aber möglicherweise auch die krankhaften persönlichkeitsstrukturen ihrer entwickler und propagierer nicht nur enthalten, sondern sogar weiter verbreiten können - vielleicht sogar in einem gewissen sinne sollen (zb. um die weiter oben erwähnten gesellschaftlichen dispositionen für ein günstiges entwicklungsmilieu der gestörten menschen weiter zu verbreiten - will sagen: soziopathische und beziehungsunfähige personen können weitgehend ungestört (aus-)agieren bzw. fallen nicht weiter groß auf bzw. entsprechen der gesellschaftlichen norm, wenn die gesamte gesellschaft in wesentlichen teilen selbst die wahnsinnigen normen, wertesysteme und ideologien als leitbilder anerkennt und praktiziert, die als pathologische konstrukte von schwer kranken personen entwickelt werden).
und das wären absolut fatale prozesse, die bspw. weder die etablierte soziologie noch die politikwissenschaft auf dem schirm hätten.
ob an solchen hypothesen etwas dran ist (und ich bin der meinung: ja, leider!) lässt sich allerdings nur mit einer wesentlich veränderten und verbreiterten psychophysischen diagnostik im speziellen herauszufinden; deren voraussetzung im allgemeinen aber ganz entscheidend in einer realistischen anthropologie liegt - sprich: in einem ganz wesentlich veränderten verständnis / einer veränderten wahrnehmung dessen, was wir als menschen eigentlich sind und was uns ausmacht. was für entwicklungsbedingungen und voraussetzungen wir brauchen, um zu liebes- und freiheitsfähigen, v.a. aber angstfreien menschen zu werden. denn solche menschen haben es schlicht nicht nötig, ihre macken u.a. durch das ansammeln von macht zu kompensieren.
so meine gedanken bei ansicht eines gleich folgenden zitates - aber der reihe nach.
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die möglichen gründe für die belegbare zunahme von diagnosen (!) aus dem autistischen spektrum besonders im letzten jahrzehnt - siehe zb. hier - sind in den sich zuständig fühlenden wissenschaftlichen bereichen bis heute gegenstand von vielfältigsten auseinandersetzungen. nun sorgt eine neue studie aktuell für diskussionen:
(...)"Mehr als ein Prozent aller Kinder leiden unter Autismus oder einer verwandten Störung aus dem Formenkreis der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Kohortenstudie im Lancet (2006; 368:210-215). Die Zahlen liegen deutlich über den bisherigen Schätzungen, sind aber nach Ansicht von Experten kein Beweis für eine tatsächliche Zunahme der Störung.
Bis Ende der 80er-Jahre galt der infantile Autismus, heute als frühkindlicher Autismus bezeichnet, als eine sehr seltene Störung mit einer Prävalenz von 4-5/10.000. Dann kamen drei epidemiologische Studien in Japan zu einer Prävalenz von 13 -15,5/10.000. Seither übertreffen sich die Epidemiologen in Europa und den USA mit ihren Schätzungen. Doch Ergebnisse von Gillian Baird vom Guy's and St Thomas' Hospital in London und Mitarbeiter stellen alle bisherigen Annahmen in den Schatten: Danach liegt bei 38,9/10.000 Kindern ein Autismus vor. Bei weiteren 77,2/10.000 wurden andere Tiefgreifende Entwicklungsstörungen gefunden, zu denen das Rett-Syndrom, das Asperger-Syndrom und sonstige desintegrative Störungen des Kindesalters gehören. Damit ergibt sich eine Rate von 116,1/10.000 oder mehr als ein Prozent."(...)
(zum begriff der prävalenz eine imo verständliche definition von wikipedia: "Die Prävalenz oder auch Grundanteil ist eine Kennzahl der Epidemiologie und sagt aus, wieviele Individuen einer bestimmten Population an einer bestimmten Krankheit erkrankt sind. Sie gibt eine absolute Häufigkeit an. Die Prävalenzrate ist dagegen eine relative Größe; sie wird bestimmt durch die Zahl der Erkrankten im Verhältnis zur Zahl der Untersuchten.")
also, ich entnehme den zusammengefassten ergebnissen folgendes: erstens geht es hier zusammengefasst um die sog. "Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen" bei kindern, zu denen u.a. die diagnosen des "klassisch" autistischen spektrums gezählt werden - frühkindlicher autismus (kanner), asperger-syndrom, atypischer autismus - ; zweitens werden dadurch die ergebnisse bzw. auch spekulationen früherer forschungen untermauert, die imo ebenso mehrheitlich von einer höheren autismus"rate" in der bevölkerung von verschiedenen regionen auf dem planeten berichtet haben; drittens taucht sofort - und das finde ich mittlerweile recht auffällig - die relativierung hinsichtlich der "tatsächlichen Zunahme der Störung" auf. soweit also erstmal alles bekannt.
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in einer für die presse aufbereiteten agenturmitteilung findet sich dann aber ein statement, das es in sich hat:
(...)"Man sollte die epidemiologischen Studien differenziert betrachten", so Stephan Partl, Assistenzarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikum Würzburg, im Gespräch mit pressetext. Der Anstieg der autistischen Fälle sei schon länger bekannt. Ein Grund hierfür ist die Anzahl der Untergruppen von Autismus wie die Schizoide Persönlichkeitsstörung, Borderline oder ADHS, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, erläutert Partl."(...)
"...Untergruppen von Autismus wie die Schizoide Persönlichkeitsstörung, Borderline oder ADHS, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben..." - nun, die letztere behauptung lässt sich bei großzügiger interpretation höchstens auf das "aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)sydrom" beziehen, wohingegen sowohl die schizoide ps als auch borderline nicht erst seit gestern in den diagnostischen katalogen vorhanden sind. und das "ad(h)s" taucht tatsächlich oft als komorbidität bspw. des aspergersyndroms auf (und auch bei borderline). das ist die eine sache.
die andere - und damit wäre hier tatsächlich in einer dem eindruck nach sogar eher beiläufigen bemerkung eine kleine sensation versteckt - ist die aussage, dass die borderline-ps eine "untergruppe" von autismus darstellen würde. ich staune immer noch - diese bemerkung stammt immerhin von einem angehörigen einer institution der orthodoxen psychiatrie, die sich - und genau das ist bekanntlich ein hauptthema dieses blogs - womöglich bei einigen ganz zentralen diagnostischen modellen gerade im bereich der persönlichkeitsstörungen (und im autismus- und traumakontext) sowohl in der konstruktion der diagnosen als auch im verständnis der ätiologie gehörig verzettelt hat. der einzige mir bekannte "professionelle" autor, der sich in den letzten jahren genau damit beschäftigt hat, ist der hier oft zitierte j.e.mertz, über dessen faktische ignorierung seitens der etablierten psychiatrie und psychologie ich im letzten jahr geschrieben hatte:
(...)"aber das ist doch laut titel ein buch zum thema borderline?, ließe sich fragen. ja - aber dieser zusammenhang lässt sich erst dann überhaupt diskutieren, wenn es einen begriff davon gibt, was autismus eigentlich bedeutet. es lässt sich einiges zu mertz und seinem modell anmerken, auch in mehreren punkten entschiedene kritik - trotzdem halte ich seine herausarbeitung der inneren struktur des autismus für plausibel und einleuchtend, und werde mich darauf im folgenden auch beziehen. zum buch insgesamt sei an dieser stelle noch gesagt, dass mir bisher - es ist vor gut fünf jahren erschienen und mittlerweile offensichtlich vergriffen - keinerlei fachspezifische rezension untergekommen ist. eine anfrage beim zuständigen verlag vor gut einem halben jahr ergab lediglich, dass es möglicherweise überhaupt nur drei rezensionen nach veröffentlichung gegeben hat. trotz professioneller recherchekenntnisse gelang es mir nicht, auch nur eine rezension zu gesicht zu bekommen, auch nicht nach recherchen in einer unibibliothek.(...)
dieses auffällige schweigen der fachwelt ist für mich - gerade im borderlinebereich, wo an sich jede veröffentlichung sehr bald von anderen professionellen kommentiert und rezensiert wird - inzwischen zwar einerseits verständlicher, stellt andererseits jedoch auch ein recht jämmerliches ausweichen dar - die thesen von mertz haben es wirklich in sich, dazu bringt er eine sehr scharfe kritik an der orthodoxen psychoanalyse sowie inspirierende beobachtungen zum westlich geprägten bewußtsein vor, ebenso einiges ketzerische zum geschlechterverhältnis - von der möglichen rolle der mütter bei psychischen störungen und der bedeutung der pränatalen phase nicht zu reden. viel explosives material also, um sich daran abzuarbeiten - aber stattdessen das erwähnte tiefe schweigen. und es geht dabei nicht um etwas beliebiges, was eigentlich egal ist - das buch kann für betroffene z.b. mit einer borderline-diagnose eine verheerende wirkung haben, und alleine schon deswegen wäre es eine sozusagen berufliche pflicht der überwiegend - in relation - hochbezahlten sog. professionellen, sich dazu zu äußern. aber die methode des aussitzens ist anscheinend nicht nur in einem gesellschaftlichen bereich als problemlösung beliebt."(...)
das buch ist mittlerweile tatsächlich schon länger vergriffen, und ich habe auch nichts von einer neuauflage mitbekommen. aber das erwähnte tiefe schweigen ist imo keinesfalls ein verzerrter eindruck - es finden sich an verschiedenen stellen bruchstückchen, die das deutlich machen. so schreibt eine userin in einem thread im forum des "borderline-netzwerks" vom januar 2005:
(...)"Einige Patienten hörten, dass es eine Studie geben soll, die eine besondere Form des Autismus bei BPS untersucht haben soll. Angeblich würden über 80% der " schweren Borderlinern" unter den gleichen, dem Autismus ähnelnden Symtomen leiden, es bestünde sogar der Verdacht, dass dies der Entwicklung von BPS Vorschub leistet."(...)
nun, das ist eine frage in einem unterforum dort, welches speziell dazu dient, mit psychiatrisch / psychotherapeutisch ausgebildeten und auf borderline spezialisierten professionellen ins gespräch zu kommen. diese frage ist seit über einem jahr ohne antwort. das kann ganz verschiedene gründe haben, ich weiß - und trotzdem entsteht so ein ziemlich merkwürdiger eindruck. ich habe zwischenzeitlich mal begonnen, in nicht kostenpflichtigen medizinischen datenbanken online nach dieser erwähnten studie zu recherchieren und werde Ihnen das ergebnis natürlich nicht vorenthalten. und falls die hier mitlesenden therapeutisch oder sonstwie einschlägig in betroffenen bereichen tätigen dazu mehr wissen bzw. hinweise geben könnten, wäre ich für entsprechende informationen sehr dankbar.
(vielleicht sollten sich die professionell tätigen auch mal diesen thread in einem forum von asperger-betroffenen anschauen - gerade der letzte beitrag wirft bei mir so einige fragen nach den methoden und inhalten der orthodoxen psychiatrischen diagnostik auf - insbesondere bin ich über die "kombination" asperger und posttraumatische belastungsstörung doch ziemlich erstaunt.)
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jedenfalls steckt in der oben zitierten unscheinbaren äußerung des arztes einiges an sprengstoff. und ich frage mich, ob, wo und vom wem das wahrgenommen wird?
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edit: ich kann mir vorstellen, dass es einige leserInnen hier gibt, die das obige thema vielleicht für eine art von pseudoauseinanderstzung um pure begriffe halten - aber darum geht es zumindest mir keinesfalls. ich sehe eher bzw. ahne eine ganze reihe von unabsehbaren konsequenzen nicht nur für direkt betroffene, nicht nur in und für die beteiligten wissenschaftlichen disziplinen, sondern weit darüber hinaus sogar für das selbst- und menschenbild primär der westlichen kultur.
ein wechsel in der wahrnehmungsweise von als krankhaft betrachteten menschlichen existenzweisen - und als solche lassen sich die als persönlichkeitsstörungen definierten zustände ebenso wie die verschiedenen formen von "anerkanntem" autismus durchaus begreifen - , ein solcher wechsel also würde bspw. recht schnell fragen danach aufwerfen, wie es denn zu den - imo oberflächlichen - unterschieden im verhalten von vielen borderline-diagnostizierten im vergleich mit bspw. asperger-betroffenen kommt, was zb. den umgang mit sozialen beziehungen anbelangt. und hier landen wir dann sehr schnell bei fragen zur bedeutung von simulativen zuständen innerhalb und für die menschliche existenz.
desweiteren stünden dann verschärft fragen nach der strukturellen bedeutung des vermehrten auftretens von autistischen zuständen in der menschlichen gesellschaft zur debatte; ebenfalls müsste das bisherige bild des autismus radikal korrigiert werden - und dazu dann auch wesentliche bereiche der heutigen psychiatrischen diagnostik, die sich zusätzlich um eine neue definition von "gesunder normalität" bemühen müsste - und damit dann wiederum die bisherige "normalität" ganz anders zu betrachten gezwungen sein würde...
im november letzten jahres wurde hier in einem beitrag u.a. über das reduzierte schmerzempfinden bei menschen mit borderline-diagnose und "selbstverletzendem verhalten" (svv) berichtet. zu diesem phänomen liegen nun neue forschungsergebnisse vor:
(...)"Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) fügen sich typischerweise selbst Verletzungen zu, so z.B. schneiden oder brennen sie sich oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand, und berichten dabei von reduzierter Schmerzwahrnehmung bis hin zu völliger Schmerzlosigkeit. Das Forscherteam um Schmahl und Greffrath hatte in einer früheren Arbeit (PAIN 2004; 110: 470-479) gezeigt, dass jedoch die Schmerzentstehung und die Schmerzweiterleitung bei diesen Patientinnen völlig normal funktioniert und auch, dass die schmerzverarbeitenden Nervenzellen im Gehirn der BPS-Patientinnen zunächst noch normal auf schmerzhafte Reize reagieren. Die Wissenschaftler hatten daher gemutmaßt, dass somit im Gehirn dieser Patientinnen die Entstehung von Schmerzempfindungen aktiv unterdrückt werden müsse.
Der Aufklärung der zentralnervösen Hintergründe dieses ungewöhnlichen Phänomens sind die Forscher nun einen großen Schritt näher gekommen. Sie untersuchten aktuell in Kooperation mit Erich Seifritz (Universitätsklinik für Psychiatrie, Bern) und weiteren Arbeitsgruppen aus Deutschland, Italien und der Schweiz, wie sich die zentralnervöse Verarbeitung von Schmerzreizen im Gehirn von Patientinnen mit BPS von der bei gesunden Versuchspersonen unterscheidet. Hierfür wurden sowohl objektiv identische als auch subjektiv gleich schmerzhaft empfundene Hitzereize auf den Handrücken der Versuchspersonen gegeben. Die Schmerzhaftigkeit wurde von den Teilnehmerinnen subjektiv bewertet während - mittels funktioneller Bildgebung in der Kernspintomographie - Hirnareale identifiziert wurden, die der Erkennung, Verarbeitung und Bewertung dieser Schmerzreize dienen."(...)
"Der dorsolaterale präfrontale Kortex, ein Hirnareal, das der kognitiven Schmerzbewertung dient, zeigte unmittelbar nach der Hitzereizung bei den Borderline-Patientinnen eine erhöhte Aktivität gegenüber Gesunden. Nachfolgend wurde in der Hirnrinde des vorderen Cingulums und in der Amygdala der Patientinnen die Aktivität deutlich reduziert - diese Hirngebiete sind dafür bekannt, dass sie der affektiven Bewertung von Schmerzreizen dienen. Dies legt den Schluss nahe, dass bei den Patientinnen mit Borderline-Störung eine erhöhte kognitive Kontrolle zu einer niedrigeren affektiven Schmerzbewertung führt und damit zur Schmerzunempfindlichkeit. Man kann vermuten, dass starke Schmerzreize zu einer Beruhigung von Hirnsystemen führen, die für die Verarbeitung von starken Emotionen verantwortlich sind.
Selbstverletzungen bei Borderline-Patientinnen können also in gewisser Weise als ein Selbstheilungsversuch angesehen werden. "Somit verfügt unser Gehirn offensichtlich über sehr effektive neuronale Netzwerke zur Unterdrückung von Schmerzen. Wenn wir diesen Mechanismus genauer verstehen, können wir möglicherweise in Zukunft von den Borderline-Patientinnen lernen, wie wir chronischen Schmerzpatienten besser helfen können", so die Autoren."(...)
was könnte nun eigentlich der begriff der "kognitiven kontrolle" in diesem zusammenhang bedeuten?
"Kognitive Kontrolle
- wird dann ausgeübt, wenn eine Person durch eine kognitive Strategie die wahrgenommene Aversivität eines Ereignisses reduziert
- Strategien sind: Ablenkung, Konzentration auf die positiven Aspekte eines Ereignisses, Uminterpretation des Ereignisses als harmlos, Einnehmen einer sachlich-analytischen Position, Sinnverleihung etc.
- hat fast ausschließlich positive Auswirkungen auf die antizipatorische Erregung als auch auf die empfundene Aversivität der
Stimuli (Thompson, 1981)
- bessere Noten bei Schülern, die Strategien wie Intellektualisierung, Isolation, Verneinung oder Rationalisierung anwenden
- elektr. Schläge werden als weniger belastend empfunden, wenn diese als interessante Erfahrung eingestuft werden, und Ruhe und Uninvolviertheit empfohlen wurde
- weniger Schmerzmittel und weniger Streß bei Operationspatienten, wenn diese vorher beruhigende Selbstgespräche, kognitive Uminterpretationen oder Ablenkungs- und Selbstbewältigungsstrategien durchführen konnten"
(quelle)
"Uminterpretation, Einnehmen einer sachlich-analytischen Position, Konzentration, Intellektualisierung, Isolation, Rationalisierung" - wenn Sie in diesem blog häufiger zu besuch sind, wird Ihnen wahrscheinlich recht schnell die assoziation zum bereits oft erwähnten objektivistischen modus gekommen sein. tatsächlich stellen die obigen attribute allesamt kennzeichen dieses modus dar, der zur menschlichen grundausstattung gehört und beim "korrekten" funktionieren als werkzeug innerhalb einer voll entwickelten und primär in der ganzkörperlichen (selbst-)wahrnehmung verankerten subjektivität zur verfügung steht. wie am aspekt der schmerzunterdrückung/verringerung zu sehen ist, kann er dabei wertvolle und durchaus sinnvolle dienste leisten. zum problem - und das wurde hier in vielen beiträgen zu den verschiedenen beziehungskrankheiten wiederholt skizziert - wird er dann, wenn er durch verschiedene mögliche pathogene (z.b. traumatische) einflüsse "entgleist" ist (was vermutlich in ganz unterschiedlichen entwicklungsphasen geschehen kann, bspw. bereits pränatal) und in der folge die gesamte subjektivität dominiert.
aus dieser sicht betrachtet, sprechen also die oben skizzierten neuen erkenntnisse meiner meinung nach für das modell des außer kontrolle geratenen objektivistischen modus. vielleicht lässt es sich so ausdrücken: beim svv steht der sich quasi fiktiv verselbstständigende objektive modus dem eigenen körper in deutlicher distanz gegenüber, dessen affektive wahrnehmungen (emotionen) als zu unerträglich empfunden werden. das sozusagen in diesem fall "überbewusste" (objektive) bewusstsein arbeitet dabei mit den typischen strategien der wahrnehmungsreduktion, wie konzentration, rationalisierung, isolation. ich vermute, dass sich diese "überbewusstheit" (verrückte objektivität, fiktive/virtuelle "realität") sogar zumindest in einzelnen situationen in einem deutlich tranceartigen zustand ausdrückt - der aspekt der dissoziation sollte hier nicht in vergessenheit geraten.
wie gesagt, steht dieses objektive werkzeug uns allen zur verfügung. entscheidend ist aber, wie das verhältnis dieses werkzeugs zur subjektivität aussieht. und diesbezgl. sind die beziehungskrankheiten die nachdrücklichste manifestation dessen, was eine krankhafte verschiebung dieses verhältnisses sowohl individuell als auch gesellschaftlich für katastrophale folgen haben kann.
das svv auch "in gewisser weise als selbstheilungsversuch" angesehen werden kann, stellt dabei keinesfalls einen widerspruch dar. das menschliche "funktionsganze" ist in dieser hinsicht sehr einfallsreich, wenn es um das eigene überleben geht. das große problem dabei ist nur, dass viele wege zu diesem ziel offensichtlich dysfunktional sind - auf dauer scheiternde versuche der selbstrettung (wenn denn überhaupt ein selbst im üblichen sinne vorhanden ist - daran gibt´s ja bekanntlich so einige zweifel, siehe die "als-ob-persönlichkeit").
da svv ja auch bei autistischen menschen und bei traumabetroffenen auftauchen kann, wäre ein neurophysiologischer vergleich vermutlich sehr aufschlußreich - die nicht wahrgenommenen eigenen körpergrenzen mittels direkter physischer manipulation spüren zu wollen, scheint mir ein einleuchtender erklärungsansatz für das svv im autistischen spektrum zu sein. ebenso wie das bild im traumakontext, quasi mittels eines "gegenfeuers" zu schmerzhafte gefühle aus der eigenen wahrnehmung zu verbannen. ob es dabei relevante unterschiede oder gemeinsamkeiten (von denen gehe ich persönlich aus) in den beteiligten neurophysiologischen mechanismen gibt, dürften entsprechende forschungen für das verständnis dieser zustände sehr hilfreich sein. falls Ihnen in dieser hinsicht weitere informationen vorliegen - Sie kennen ja die kommentarfunktion.
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weil ich nun gerade beim thema borderline bin, möchte ich Ihnen folgenden prozeßbericht nicht vorenthalten:
"Im Lübecker Mordprozess gegen den Schwerverbrecher Christian Bogner hat eine psychiatrische Sachverständige den Angeklagten für voll schuldfähig erklärt. Bogner sei nicht geistesgestört, leide jedoch an einer Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typus, sagte die Hamburger Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Freitag vor dem Landgericht. Der vielfach vorbestrafte Bogner soll laut Anklage den arbeitslosen Gärtner Engelbert Danielsen aus Eutin umgebracht haben, um nach einem Gefängnisausbruch dessen Identität anzunehmen."
identitätsdiebstahl? erinnern Sie sich noch an mr. ripley?
und wie neulich schon einmal thematisiert, müssen auch bei dieser geschichte einige fragen zu den verwendeten diagnostischen modellen gestellt werden:
"Es gebe keine Anhaltspunkte für eine psychotische Erkrankung. "Das Wesen einer Psychose besteht gerade darin, dass die Patienten sich für gesund halten", sagte die Ärztin vor Gericht."
ich frage mich, ob die ärztin schon mal etwas von simulativen zuständen und fähigkeiten und den möglichen grundlagen gehört hat? der täter kann hier durchaus versucht haben, aus ihm bekannten klischees/fragmenten so etwas wie ein "objektives" bild einer psychose zu konstruieren. was die psychiaterin - aus ihrer ebenfalls objektiven sicht berechtigt - als unglaubhaft abtut. soweit nachvollziehbar.
wenn der täter aber "bewusst" simuliert: würde das ausschließen, dass er sich vielleicht selbst ebenfalls für gesund hält? wie im beitrag neulich schon angesprochen, sehe ich hier mal wieder die möglichkeit gegeben, dass die orthodoxen kriterien für einen psychotischen zustand völlig in die irre führen. wer einen anderen menschen zum zwecke des identitätsdiebstahls umbringt, muss sich schon mindestens in einem außergewöhnlichen zustand befinden. berechnend und kaltblütig. halt sehr objektiv. und mit einigen fähigkeiten zur anpassung und kontrolle der aktuellen realitätsstandards. das schließt nach den herrschenden diagnostischen modellen einen grundsätzlich psychotischen zustand natürlich aus.
meine gegenthese ist vor diesem hintergrund weder überraschend noch neu: diese art von berechnender und kalter / empathieloser objektivität, die vielleicht sogar eine gesteigerte fähigkeit zur bewältigung der aktuellen herrschenden realität mit sich bringt (in der gefühle und weitere bestimmte elementare (selbst-)wahrnehmungen grundsätzlich einen unsicheren status haben), lässt sich spätestens bei dominierender position in einem menschen mit guten gründen als schwer pathologisch und durchaus auch als psychotisch ansehen.
bogners vermutliche simulation eines psychotischen zustands (mittels "objektiv" anerkannter kriterien wie halluzinierter stimmen u.ä.) lässt sich von daher auch als sekundäre und situationsbedingte simulation einer grundsätzlich simulativen persönlichkeit auffassen, die z.b. auch keine großen schwierigkeiten mit der vorstellung hat, in fremde identitäten zu schlüpfen - weil es keine authentische eigene identität gibt.
und wenn jemand keinen anderen zustand kennt oder aber nicht bspw. durch vergleiche auf die besonderheit dieses zustands aufmerksam wird, sehe ich keinerlei gründe dagegen, warum sich so eine person nicht selbst für gesund halten sollte. sowieso wandelt die ärztin mit dem ansatz, das gerade genannte kriterium zum "wesen" einer psychose zu erklären, schon auf einem schmalen grad (offensichtlich, ohne das es ihr aufgefallen wäre): wie viele politiker, aufsichtsräte, militärs... halten eigentlich sich selbst für durchaus "gesund und realitätsangepasst"? auch wenn eigentlich inzwischen selbst größten ignoranten so einiges auffallen sollte...zwei auszüge aus tp-artikeln bringen diesen sachverhalt zwar etwas populistisch, aber inhaltlich durchaus zutreffend auf den widerlichen und bedrohlichen punkt:
"Wenn man Ihren Ausführungen folgt, bekommt man den Eindruck, das Land werde von Kriminellen, Gesinnungslosen und Geisteskranken regiert, die das öffentliche Eigentum im Dienste von Privatunternehmen zu ihren Gunsten und zu Lasten der Bürger kaputt sanieren."
"In Politik und Film drängt sich die gleiche Frage auf: Wie verrückt muss ein Staatschef sein, der die Bombe wirft?"
der unterschied zu leuten wie bogner liegt bis auf weiteres mit hoher wahrscheinlichkeit vor allem darin, dass jene nur selten bis nie vor gericht stehen. und noch seltener bis niemals psychiatrischer diagnostik unterworfen sind, die praktischerweise dazu bisher so eingerichtet ist, dass sie gerade die schlimmsten und destruktivsten psychophysischen zustände nicht als pathologisch begreifen will - wg. "objektiver realitätskontrolle".
miese zeiten sind`s, in denen die verrückte objektivität als fetisch vergötzt und ihre übelsten repräsentanten bestenfalls ignoriert werden - ohne, dass das wahrscheinliche grundproblem überhaupt auf den tisch kommen würde.
"Da war zum Beispiel Herr Fusi, der Friseur. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler, aber er war in seiner Straße gut angesehen. Er war nicht arm und nicht reich. Sein Laden, der mitten in der Stadt lag, war klein, und er beschäftigte einen Lehrjungen.
Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. Der Lehrjunge hatte frei, und Herr Fusi war allein. Er sah zu, wie der Regen auf die Straß platschte, es war ein grauer Tag, und auch in Herr Fusis Seele war trübes Wetter.
"Mein Leben geht so dahin", dachte er, "mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin, wird es sein, als hätte es mich ne gegeben."
Es war nun durchaus nicht so, daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. Er liebte es sogar sehr, den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören, was sie darüber dachten. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts. Seine Arbeit bereitete ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, und er wußte, daß er sie gut machte. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. Aber es gibt eben manchmal Momente, in denen das alles kein Gewicht hat. Das geht jedem so.
"Mein ganzes Leben ist verfehlt", dachte Herr Fusi. "Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur, das ist nun aus mir geworden. Wenn ich das richtige Leben führen könnte, dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!"
Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte, war Herrn Fusi nicht klar. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor, etwas Luxuriöses, etwas, wie man es immer in den Illustrierten sah.
"Aber", dachte er mißmutig, "für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. Man muß frei sein. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum."
In diesem Augenblick fuhr ein feines, aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor den Spiegel, hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken, setzte sich auf den Rasierstuhl, nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern, während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte.
Herr Fusi schloß die Ladentür, denn es war ihm, als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum.
"Womit kann ich dienen?" fragte er verwirrt, "Rasieren oder Haare schneiden?" und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit, denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze.
"Keines von beiden", sagte der graue Herr, ohne zu lächeln, mit einer seltsam tonlosen, sozusagen aschengrauen Stimme. "Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. Ich bin Agent Nr. XYQ/384/b. Wir wissen, daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen."
"Das ist mir neu", erklärte Herr Fusi noch verwirrter. "Offengestanden, ich wußte bisher nicht einmal, daß es ein solches Institut überhaupt gibt."
"Nun, jetzt wissen Sie es", antwortetet der Agent knapp. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: "Sie sind doch Herr Fusi, der Friseur?"
"Ganz recht, der bin ich", versetzte Herr Fusi.
Dann bin ich an der rechten Stelle", meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. "Sie sind Anwärter bei uns."
"Wie das?" fragte Herr Fusi, noch immer erstaunt.
"Sehen Sie, lieber Herr Fusi", sagte der Agent, "Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum. Wenn Sie einmal tot sind, wird es sein, als hätte es Sie niemals gegeben. Wenn Sie Zeit hätten, das richtige Leben zu führen, wie Sie das wünschen, dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Alles, was Sie benötigen, ist Zeit. Habe ich recht?"
"Darüber habe ich eben nachgedacht", murmelte Herr Furi und fröstelte, denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter.
"Na, sehen Sie!" erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre. "Aber woher nimmt man Zeit? Man muß sie eben ersparen! Sie, Herr Fusi, vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. Können Sie mir folgen?"
"Gewiß", sagte Herr Fusi.
Der Agent Nr. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben."(...)
(ich kürze diese rechnereien mal ab, in denen die einzelnen zeiteinheiten bis zu den sekunden zerlegt werden - ich bin gerade zu faul zum tippen - und springe direkt zum ergebnis, welches der graue dem armen herr fusi, über dem sich gerade eine raffinierte falle zu schließen beginnt, jetzt präsentiert - mit der hypothetischen annahme einer siebzigjährigen lebensdauer):
"Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel:
2 207 520 000 Sekunden
Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: "Dies also, Herr Fusi, ist das Vermögen, welches Ihnen zur Verfügung steht."
Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Die Summe machte ihn schwindelig. Er hätte nie gedacht, daß er so reich sei.
"Ja", sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre, "es ist eine eindrucksvolle Zahl, nicht wahr? Aber nun wollen wir weitersehen. Wie alt sind Sie, Herr Fusi?"
"Zweiundvierzig", stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt, als habe er eine Unterschlagung begangen.
"Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?" forschte der graue Herr weiter.
"Acht Stunden etwa", gestand Herr Fusi.
Der Agent rechnete blitzgeschwind. Der Stift kreischte über das Spiegelglas, daß sich Herr Fusi die Haut kräuselte.
"Zweiundvierig Jahre - täglich acht Stunden - das amcht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern, Herr Fusi?"
"Auch acht Stunden, so ungefähr", gab Herr Fusi kleinlaut zu.
"Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen", fuhr der Agent unerbittlich fort. "Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit, sich zu ernähren. Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?"
"Ich weiß nicht genau", meinte Herr Fusi ängstlich, "vielleicht zwei Stunden?"
"Das scheint mir zu wenig", sagte der Agent, "aber nehmen wir es einmal an, dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter, wie wir wissen. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde, das heißt, Sie sitzen bei Ihr und sprechen mit Ihr, obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. Ferner, haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich, dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet, das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundertsiebenundneunzigtausend."
"Aber...", warf Herr Fusi flehend ein.
"Unterbrechen Sie mich nicht!" herrschte ihn der Agent an, der immer schneller und schneller rechnete. "Da Ihre Mutter ja behindert ist, müssen Sie, Herr Fusi, einen Teil der Hausarbeit selbst machen. Sie müssen einkaufen gehen, Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr. Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?"
"Vielleicht eine Stunde, aber..."
"Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend, die Sie verlieren, Herr Fusi. Wir wissen ferner, daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen, einmal wöchentlich in einem Gesangsverein mitwirken, einen Stammtisch haben, den Sie zweimal in der Woche besuchen, und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen. Kurz, Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot, und zwar etwa drei Stunden täglich, das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend. - Ist Ihnen nicht gut, Herr Fusi?"(...)
nein, ganz entschieden nicht. sind Ihnen übrigens bereits die savant-fähigkeiten hinsichtlich des rechnens beim grauen aufgefallen? und ist es nicht interessant, dass er die verschiedenen momente sozialen lebens als nutzlose dinge bezeichnet?
"Wir sind gleich zu Ende", sagte der graue Herr. "Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis, Sie wissen schon."
Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern, so kalt war ihm geworden.
"Das wissen Sie auch?" murmelte er kraftlos, "ich dachte, außer mir und Fräulein Daria..."
"In unserer modernen Welt", unterbrach ihn der Agent Nr. XYQ/384/b, "haben Geheimnisse nichts mehr verloren. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch, Herr Fusi. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?"
"Nein", sagte Herr Fusi, "das geht doch nicht..."
"Ganz recht", fuhr der graue Herr fort, "denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben, weil ihre Beine verkrüppelt sind. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde, um ihr eine Blume zu bringen. Wozu?"
"Sie freut sich doch immer so", antwortete Herr Fusi, den Tränen nah.
"Aber nüchtern betrachtet", versetzte der Agent, "ist sie für Sie, Herr Fusi, verlorene Zeit. Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzigmillionenfünfhundertvierundneunzigtusend Sekunden. Und wenn wir nun dazurechnen, daß Sie die Gewohnheit haben, jeden Aben vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken, dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhundertsiebenundneunzigtausend. Nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen eigentlich übrig bleibt, Herr Fusi."
Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung:
Schlaf 441 500 000 Sekunden
Arbeit 441 500 000 ,,
Nahrung 110 376 000 ,,
Mutter 55 188 000 ,,
Wellensittich 13 797 000 ,,
Einkauf usw. 55 188 000 ,,
Freunde, Singen 165 564 000 ,,
Geheimnis 27 594 000 ,,
Fenster 13 797 000 ,,
Zusammen: 1 324 512 000 Sekunden
"Diese Summe", sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel, daß es wie Revolverschüsse klang, "diese Summe ist also die Zeit, die Sie bis jetzt bereits verloren haben. Was sagen Sie dazu, Herr Fusi?"
Herr Fusi sagte gar nichts. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn, denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus.
Der graue Herr nickte ernst.
"Ja, Sie sehen ganz recht", sagte er, "es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens, Herr Fusi. Aber nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen von Ihren zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhundertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölftausend."
Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit:
1 324 512 000 Sekunden
-1 324 512 000
0 000 000 000 Sekunden
Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung.
"Das", dachte Herr Fusi zerschmettert, "ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens."
Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen."
(michael ende "momo"; thienemanns verlag, stuttgart 1973; isbn 3 522 11940 1; s. 58 - 65)
*
ich weiß im moment gar nicht, ob ich noch groß etwas anfügen soll oder muss - ende hat die wesentlichen züge des objektivistischen umgangs mit - oder vielleicht besser: der vergewaltigung - der subjektiven zeit so fein herausgearbeitet, das kaum noch etwas zu ergänzen bleibt. wobei ich ja schon früher hier geschrieben hatte, dass ich zumindest seine mir bekannten bücher lange jahre unterschätzt habe, was ihr potenzial anbelangt. und das meine ich jetzt recht unabhängig von irgendwelchen literaturkritischen aspekten. er hat es imo mit großem erfolg geschafft, bestimmte wahrheiten der aktuellen sozialen menschlichen realität in der westlichen kultur in kreativer weise in einem anderen licht erscheinen zu lassen.
der als letztes geschilderte - wirklich billige - taschenspielertrick des grauen sollte deutlich sein. einige wichtige eigenarten des wesens der grauen, wie sie im roman beschrieben werden, sind mir allerdings wirklich erst in letzter zeit aufgefallen: so wird oben auch deutlich, dass die erzwungene akzeptanz der "objektiven" tunnelrealität - denn objektiv betrachtet, d.h. unter realitätswidriger und fiktionaler auslöschung aller beziehungen des herrn fusi - nicht nur zu menschen, sondern auch zu seiner subjektiven zeit, die sich eben nicht primär zerlegen und durch zahlen beschreiben lässt, ohne schwer geschädigt oder gar zerstört zu werden - nur mittels einer art einschüchterung/verängstigung gelingt, durch die der graue einen veränderten bewußtseinszustand bei seinem opfer hervorruft. der dann zu einer dominanz des objektivistischen modus führt, in dem die logik des grauen denkens die einzig "realistische" zu sein scheint - "sachlich und nüchtern", wie es der graue selbst einfordert.
und so "objektiv" betrachtet ist also die zeit der herrn fusi tatsächlich ein äusserst karges gerippe, eine genau zu definierende menge, begrenzt und endlich, mit der anscheinend gehaushaltet werden muss. und die seltsam abgehoben und irgendwie einen elementaren mangel zu enthalten scheint. reduziert ist hier das treffende wort.
ich weiß, man kann´s mit analogien auch übertreiben. aber die, die hier sichtbar werden, erscheinen mir doch bemerkenswert genug, um nicht von einer überinterpretation zu reden. das ende auch so deutliche hinweise auf savant-fähigkeiten und verdinglichende wahrnehmung gegeben hat (beides ist weiter oben schon erwähnt worden), hat mich selbst wirklich überrascht. neben diesen eigenschaften sollten Sie sich dazu einmal mit den sonstigen beschreibungen der grauen näher beschäftigen (ich nehme übrigens an, dass vielen leserInnen hier das buch bekannt sein dürfte): sie existieren in einem zwangs-/pseudo-kollektiv, sind ohne erkennbare individualität (mit nummern gekennzeichnet), als einzelwesen jederzeit ersetzbar, besitzen eine strikte hierarchie mit extremen machtkämpfen, dazu noch eine deutliche suchtstruktur und sind extrem in ihrer wahrnehmung reduziert - dinge und zahlen stellen das einzige dar, was sie (an-)erkennen können. kontroll- und datenfreaks sind sie auch noch.
und sie haben eigentlich keine eigene, bzw. nur eine elementar sinnlose und v.a. freudlose existenz - sie sitzen quasi, und hier ist dieses wort tatsächlich einmal angebracht, parasitär auf der lebendigen subjektivität der menschen, bei der die subjektive zeit eine untrennbare rolle spielt, und saugen diese ab.

(ganz nebenbei gesagt, halte ich übrigens "agent smith" und seine kollegen aus der matrix für die grauen herren der neuzeit - die regisseure der "matrix" haben mit ihrem lustigen zitatewahn im film einmal eine schneise (nicht nur) quer durch die gesamte pop-kultur gezogen, und sich dabei an etlichen, teils sogar noch unerkannten quellen bedient - die grundsätzlichen eigenschaften der grauen jedenfalls sind bei agent smith imo ebenfalls vorhanden, mit betonung der virtuellen pseudoexistenz - und gesteigerter bösartigkeit. aber das, wie gesagt, nur ganz nebenbei).
was der graue wicht im friseursalon dann zwecks zeitsparens empfiehlt, lässt sich unter diesen voraussetzungen lebhaft ahnen - ich füge es trotzdem noch an, auch deshalb, weil es so fatale strukturelle ähnlichkeiten mit gewissem managementgeschwätz unserer zeit besitzt (und das buch wurde immerhin vor über dreissig jahren geschrieben).
"Aber, mein Bester", antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, "Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei Ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können."
("momo", s. 67)
ein antisoziales programm der selbstgeisselung, welches aber heute bei den propagandistischen predigern der verdinglichung von allem und jedem eine art zustimmendes grunzen hervorrufen dürfte - ende hat da doch tatsächlich so etwas wie einen sehr frühen entwurf zum selbstmanagement einer ich-ag geschaffen...
das ergebnis ist in der fiktion natürlich genauso verheerend wie in der realität - nachdem herr fusi den pakt mit dem unterteufelchen geschlossen hat, sah dann das leben unter zeitsparzwang so aus:
"Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon in zwanzig Minuten fertig.
Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr so wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT!
An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Entschlüsse hielt.
Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich´s versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. (...)
Es war so etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener."
("momo", s. 69)
hier hat ende imo zuwenig vorstellungsvermögen besessen - damals war es eher noch nicht denkbar, dass die grauen herren der märkte ihren lohnarbeitssklaven nicht nur die zeit klauen würden, sondern inzwischen auch ganz ihre seele haben wollen: mürrisch zu sein kann heute schon einen vertraglich festgehaltenen entlassungsgrund darstellen...gute mine zum bösen spiel ist gefordert - simulative fähigkeiten.
ansonsten kam mir gerade noch die assoziation, dass die jahre der vermutlichen entstehung des buches auch jene zeit gewesen ist, in der es zu einigen recht umwälzenden entwicklungen in der industriellen produktion gekommen ist, gerade was die rationelle ausnutzung der arbeitskraft speziell in der fließbandproduktion anbelangte. werde ich nochmal nachschauen.
tja, und das phänomen der immer schneller dahinrasenden zeit ist meiner erfahrung nach als wahrnehmung stark verbreitet. ganz entschieden weniger stark ist jedoch die frage im umlauf, ob diese art der zeitwahrnehmung nicht etwas mit der allgemeinen destruktiven entwicklung unserer sozialen verhältnisse zu tun haben könnte. das wäre sicher ein interessanter diskussionspunkt.
*
haben Sie sich übrigens schon einmal genauer mit der - hm, bewegung beschäftigt, die schon seit einiger zeit unter dem namen slowfood mehr und mehr um sich zu greifen scheint, allerdings bisher hauptsächlich in materiell privilegierten kreisen? es lohnt sich sehr, sich näher mit einigen überlegungen zu beschäftigen:
"Slow Food steht in diesem Zusammenhang für Produkte mit authentischem Charakter, die auf traditionelle oder ursprüngliche Weise hergestellt und genossen werden.(...)
In einer programmatischen Erklärung werden die Ziele der Bewegung erläutert.
* Der Genuss steht im Mittelpunkt - weil jeder Mensch ein Recht darauf hat.
* Qualität braucht Zeit.
* Die ökologische, regionale, organoleptische und ästhetische Qualität ist Voraussetzung für Genuss.
* Geschmack ist keine Geschmackssache, sondern eine historische, kulturelle, individuelle, soziale und ökonomische Dimension, über die durchaus gestritten werden soll.(...)"
"slowfood" besitzt dabei über die thematisierung von qualität und produktion von nahrung durchaus etliche links zu ökonomiekritischen strömungen einerseits, ist aber auch andererseits der auffälligste teil einer gesellschaftlichen strömung noch nicht so recht abschätzbaren ausmaßes, die sich allgemein der verzögerung der zeit widmet:
"Wer hastet, gilt als wichtig. Wer Nächte durcharbeitet, als fleissig, belastbar und erfolgsorientiert. Wer hingegen Zeit hat, gar Lücken im Terminkalender, macht sich verdächtig, ein Nichtsnutz, Tagedieb oder Siebenschläfer zu sein. Tagsüber wird deshalb in unseren Breitengraden nur heimlich geschlafen, hinter heruntergelassenen Jalousien und verschlossenen Klotüren, als ob sich’s hierbei um ein strafbares Vergehen handelte." (von der page des "vereins zur verzögerung der zeit")
mit einer sehr verwandten bis ähnlichen thematik, aber ganz offen bezogen auf die sog. arbeitswelt, beschäftigt sich auch die Initiative zur Rehabilitierung von Muße & Müßiggang aus bremen, die u.a. eine hübsche sammlung von zitaten zum thema bietet.
ich finde es durchaus ein gutes zeichen, wenn sich ein bewußtsein und auch ein gefühl dafür entwickelt, dass dem zugriff des objektivistischen und verdinglichenden wahnsinns, der sich - seinen inneren gesetzen folgend - totalitär auf raum und zeit erstreckt, eben auch auf allen betroffenen ebenen stoppschilder entgegengesetzt werden. die eigene zeit wiederzufinden, ist dazu noch etwas, was als aufgabe von jedem und jeder von uns angegangen werden kann - die eigenen - authentischen - rhythmen zu leben, bspw. was den schlaf angeht, kann in den heutigen sozialen umständen durchaus explosive qualitäten entwickeln.
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das thema "zeit im objektivistischen modus" oder auch zeit und beziehungskrankheiten wird hier bestimmt nochmal wieder auftauchen. vielleicht sind Sie jetzt aber auch schon selbst auf den geschmack gekommen, sich näher damit zu beschäftigen - seltsamerweise spielt der aspekt der menschlichen zeitwahrnehmung generell kaum irgendwo eine größere rolle. wäre gut, wenn sich das ändert.
zum schluß: habe ich schon mal erwähnt, dass ich seit jahrzehnten ohne armbanduhr und kalender auskomme? und das das ein ziemlich cooler zustand ist, wie ich finde? es gibt durchaus so etwas wie eine innere uhr, die ich in gewissen grenzen auch als "wecker" nutzen kann. und wenn termine wirklich wichtig sind, bleiben sie auch im gedächtnis - wenn sie eine bedeutung für mich haben. ist eine trainings- und gewohnheitssache. ständiges auf-die-uhr-starren jedenfalls macht mich auch dann nervös, wenn ich es bei anderen mitbekomme.
und jetzt bin ich müde genug, um diesen beitrag beenden zu wollen. danke für die zeit, die Sie sich genommen haben.
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edit bzw. nachtrag:
"ansonsten kam mir gerade noch die assoziation, dass die jahre der vermutlichen entstehung des buches auch jene zeit gewesen ist, in der es zu einigen recht umwälzenden entwicklungen in der industriellen produktion gekommen ist, gerade was die rationelle ausnutzung der arbeitskraft speziell in der fließbandproduktion anbelangte. werde ich nochmal nachschauen."
habe ich noch mal nachgeschaut - und siehe da, die erinnerung trog mich nicht:
"Das MTM-Verfahren (Methods-Time Measurement), in Amerika von einer Gruppe von Wissenschaftlern entworfen, wird vertrieben und verkauft.... (diese angaben dürften heute nicht mehr relevant sein, darum spare ich sie hier aus, anmerk. mo)
An die 300 Firmen in der Bundesrepublik sind bisher auf dieses profitintensivste System abonniert. - Bei MTM geht man davon aus, daß es für jeden Arbeitsvorgang ein meßbares Minimum an notwendigen Bewegungen gibt. Für jede dieser Bewegungen wird eine Normzeit festgesetzt, die von jedem Menschen erreicht werden soll, egal ob es sich um einen jungen oder alten, Mann oder Frau, um einen Starken oder Schwachen, um einen ehemaligen Teppichknüpfer oder einen an Fließbandarbeit Gewöhnten handelt.
Bevor die Methode auf den Markt kam, wurde sie monatelang getestet. Für den Bewegungsvorgang "Gehen" ließ man Menschen von unterschiedlicher Größe, Gesundheit, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, entwickelter Intelligenz im Kreis herumlaufen. Immer verfolgt von einem Kameraauge. Aus der Zahl der aufgenommenen Bilder wurde ein Mittelwert errechnet und auf eine Grundeinheit bezogen, die den 100.000. Teil einer Stunde ausmacht. Ergebnis: die sogenannte Normzeit. In der gleichen oder ähnlichen Weise wurden die verschiedenen MTM-Grundbewegungen gemessen. Dabei unterscheiden die Unternehmer und ihre Wissenschaftler drei Arten von Grundbewegungen:
1. Wirksame Bewegungen, z.B. Hinlangen, Greifen.
2. Verzögernde Bewegungen, z.B. Überlegen, Entscheiden, Lesen.
3. Unwirksame Bewegungen, z. B. Sichunterhalten, Träumen, Aufheben eines Teils, das auf den Boden gefallen ist. (die "nutzlosen dinge", die der graue herr oben anprangerte...anmerk. mo) Als Grundbewegungen anerkannt sind Hinlangen, Greifen, Bringen, Loslassen, Fügen, Trennen, Drücken, Drehen, Kurbeldrehen.
Als Blickfunktionen gelten: Anvisieren, Blickverschieben, Lesen.
Körper-, Bein- und Fußbewegungen sind: Seitenschritt, Beugen, Aufrichten vom Beugen, Fuß bewegen, Knien, Sichsetzen, Sicherheben, Körperdrehung, Gehen.
Auf der Basis dieser Normwerte werden die einzelnen Arbeitsplätze analysiert und eingerichtet. Der ökonomische Vorteil dieser Methode wird in einer Informationsschrift eines Unternehmens so angepriesen:
`Es wird versucht, alle nicht unmittelbar zum Arbeitsfortschritt beitragenden Bewegungen zu eliminieren.´
Über den politischen Vorteil heißt es:
`MTM verlagert Beschwerdegründe von subjektiven Beurteilungen auf objektive.´(...)"
(engelmann / wallraff "ihr da oben - wir da unten"; erstausgabe 1973 (das gleiche jahr, in dem "momo" erschienen ist also); ich zitiere hier von s. 110 - 112 der rororo-taschenbuchausgabe von 1976)
"...verlagert Beschwerdegründe von subjektiven Beurteilungen auf objektive." ja-ha, schon verstanden. heisst soviel wie: "wir ignorieren deine primären (selbst-)wahrnehmungen, sie sind vollkommen irrelevant und sogar störend (für uns) - wir tun einfach so, als ob sie nicht vorhanden wären bzw. beweisen dir ganz objektiv, dass du im unrecht bist." implizit wird damit natürlich auch vermittelt, die eigene, primär subjektiv-körperbezogene wahrnehmung als irrelevant zu begreifen bzw. sie derart zu entwerten. was in kulturen, die traditionell genau diesen destruktiven vorgang als festen bestandteil ihrer kindererziehungspraktiken über jahrhunderte verankert haben, natürlich bei den betroffenen menschen auf eine schon entsprechend vorgeprägte struktur trifft.
"MTM", so dachte ich beim lesen des obigen, wird ja wohl heute im zeitalter der pc-arbeitsplätze keine so große rolle mehr wie vor dreissig jahren spielen? dem ist überhaupt nicht so, und zwar nicht nur, was die sphäre der automatisierten produktion in den bereichen anbelangt, die weiterhin auf menschliche (zu-)arbeit angewiesen sind - siehe bspw. hier:
"Dem Labor für Arbeitswissenschaft des Fachbereichs Maschinenbau und Produktion der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) ist der MTM-AWARD/Förderpreis 2004 verliehen worden.
Methods Time Measurement, kurz MTM genannt, ist ein Verfahren zur Beschreibung, Gestaltung und Planung von Arbeitssystemen mittels definierter Prozessbausteine. Das Verfahren kommt überall zum Ein¬satz, wo verrichtungsorientierte menschliche Arbeit geplant, organisiert und durchgeführt werden muss. MTM-Anwendungen findet man in der Fertigung, Qualitätskontrolle, Logistik und Instandhaltung ebenso wie in der Verwaltung oder im Dienstleistungsbereich. MTM ist heute weltweit das meist verbreitetste Verfahren "Vorbestimmter Zeiten" und bildet damit an jedem Standort global tätiger Unternehmen eine einheitliche Planungs- und Leistungsnorm.(...)"
recherchieren Sie einfach mal selbst - mit der phrase "mtm-verfahren".
tja, wenn ein autor polemisch sein möchte, und sich über die geschichte der objekte seiner polemik entweder nicht im klaren ist und/oder aber diese noch nie genauer betrachtet hat - dann kann dabei so etwas herauskommen:
"Krankheiten kommen und gehen. Manche verschwinden einfach. So wie die Hysterie, die Ende des 19. Jahrhunderts als nervöses Frauenleiden hoch im Kurs stand. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, erwarb sich seine ersten Meriten mit den 1895 veröffentlichten „Studien über Hysterie“. Heute ist dieses merkwürdige Leiden praktisch verschwunden, es hat sich aufgelöst wie ein Federwölkchen in der Mittagssonne. Genauso wie einige andere Störungen, etwa die „vegetative Dystonie“ oder die „Neurasthenie“. Hoch im Kurs steht dafür zurzeit das „Borderline-Syndrom“, während die „multiple Persönlichkeit“ schon wieder auf dem absteigenden Ast ist."
lieber herr wewetzer, hiermit möchte ich Sie darüber informieren, dass Sie einem verbreiteten "als-ob"-eindruck aufgesessen sind - bei betrachtung der tatsächlichen verhältnisse ergibt sich bezgl. der oben genannten diagnosen doch ein etwas komplexeres bild:
erstens, die hysterie in der klassisch freudschen-psychoanalytischen fassung hat nach heutigem wissensstand bereits damals schon störungsbilder bezeichnet, die heute entweder unter borderline und/oder dissoziativer persönlichkeitsstörung und/oder posttraumatischer belastungsstörung (da wäre die hysterie als ersatzdiagnose dann eben auch als vertuschungsdiagnose zu werten) und/oder aber der "offiziellen" diagnostischen nachfolgerin der hysterie, der histrionischen persönlichkeitsstörung klassifiziert werden. dazu kommt der aspekt, der beziehungskrankheiten in ihrem erscheinungsbildern so rätselhaft machen kann: die symptome der "klassischen" hysterie enthielten so ziemlich alles, was in den damals herrschenden frauenbildern der bürgerlichen gesellschaft an geschlechterstereotypen zu finden war - ohnmacht, passivität, theatralische gefühle, überdrehte verzweiflung... die gesellschaftlichen veränderungen des frauenbildes berücksichtigend, verwundert es deshalb nicht allzusehr, das heute "dieses merkwürdige Leiden praktisch verschwunden" ist - in der form wie zu freuds zeiten sicherlich.
zweitens, die "vegetative dystonie" war tatsächlich immer eine pseudodiagnose, die - und das finde ich besonders bemerkenswert - faktisch nur in der alten brd während der 1960er und -70er jahre eine rolle gespielt hat - und sonst nirgends auf der welt. seit zehn bis fünfzehn jahren taucht innerhalb derjenigen forscherInnen und praktikerInnen, die sich aus verschiedener perspektive mit dem thema trauma beschäftigen, häufiger die spekulation auf, dass sich hinter dieser "diagnose" tatsächlich in der mehrzahl aller fälle (post-)traumatische störungen aus dem zweiten weltkrieg bei kriegs- und fluchtbetroffenen zivilpersonen in deutschland versteckt haben, die - weil gesellschaftlich tabuisiert - zum zeitpunkt ihres erscheinens nicht offen angesprochenen und erst recht nicht "erkannt" werden sollten und durften (einer meiner engsten verwandten* hatte übrigens auch diese "diagnose", und vor meinen erinnerungen betrachtet, enthält die obige hypothese für mich einigen sinn.)
im zukünftigen basisbeitrag "trauma" werde ich auf die "vegetative dystonie" näher eingehen.
drittens, die neurasthenie lässt sich bis heute noch in der icd finden, in der aktuellsten deutschen version unter f48.0; hatte aber ihre "hochzeit" vor dem ersten weltkrieg (siehe dazu auch zb. das buch "Das Zeitalter der Nervosität" von joachim radkau) und wird meines wissens nach - ebenfalls von minderheitenpositionen innerhalb der medizin- bzw. psychiatriegeschichte - als vorläuferin zweier heute wohlbekannter diagnosen angesehen: einmal dem sog. burn-out-syndrom, zum anderen aber - und das war ebenfalls für mich eine echte überraschung - vom "aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" ad(h)s. betrachtet man(n) die relativ unspezifischen (eine gemeinsamkeit mit der hysterie) neurastheniesymptome, und macht sich dazu klar, dass in der vergangenheit unter dieser diagnose hauptsächlich männer erfasst wurden, so legt das die folgenden schlüsse nahe: zum einen, dass es sich hier vielleicht um das "komplementär" zur hysterie ("frauenkrankheit") gehandelt haben könnte, zum anderen aber, dass möglicherweise - gerade bei beachtung der kinderverstümmelnden erziehungspraktiken der damaligen zeit - auch hier von (post-)traumatischen folgen - hauptsächlich eben bei männern - ausgegangen werden könnte, die wiederum durch eine weitere individualisierende diagnose unter wissenschaftlicher mithilfe quasi "vertuscht" worden sind.
viertens stimmt zwar die beobachtung, dass borderline schon seit jahren sozusagen "im trend" liegt - aber dazu sollte auch erwähnt werden, dass die diagnostische konstruktion "borderline" sehr wahrscheinlich nur teilwahrheiten über die dahinterstehende komplexe realität aussagt - mehr dazu lässt sich hier in den entsprechenden beiträgen nachlesen.
die "multiple persönlichkeit" hingegen firmiert heute unter der dissoziativen persönlichkeitsstörung, weist zudem etliche querverbindungen richtung borderline und posttraumatischen störungen auf (klassische komorbiditäten alle drei) und ist meines wissen leider alles andere als "auf dem absteigenden ast".
und während ich mir das alles nochmal so anschaue, kommt mir der gedanke, dass die obigen diagnostischen modelle - fast alle von der zeit ihrer entstehung an bis heute heftig umstritten - vielleicht genau in ihrer wechselhaftigkeit eines der zentralen merkmale von beziehungskrankheiten wiederspiegeln: die gedanklichen konstrukte der diagnosen scheinen ebenso wie die phänome, die sie zur erfassen versuchen, ihre inhalte/identität zu wechseln - und zwar zu einem großteil ebenfalls anhand des jeweiligen kulturellen und sozialen zeitgeistes.
jedenfalls scheinen mir die genannten beispiele nicht besonders tauglich zu sein zur kritik dessen, was der herr wewetzer eigentlich aufs korn genommen hat: das "disease mongering" ist auch nach meinem eindruck durchaus sowohl als problem/ausdruck als auch symptom kapitalistischer logik zu betrachten, und dass die pharmakonzerne - wie alle anderen profitorientierten unternehmen - keinesfalls primär aus humanistischen und altruistischen motiven handeln, ist eine binsenweisheit. aber wie eingangs schon gesagt: etwas mehr könnte - und sollte - sich auch der autor einer polemik mit seinem gegenstand beschäftigen.
(*hier stand ursprünglich ein genauerer begriff, den ich aber aus verschiedenen gründen geändert habe).
***
und wo ich schon gerade mal am herumnörgeln bin, möchte ich das gleich weiter betreiben - der journalist und autor ulf poschardt äußert sich in einem radiointerview zu seinem neuen buch "Einsamkeit - Die Entdeckung eines Lebensgefühl" zu mehreren punkten derart, dass ich heftig widersprechen möchte:
"Was ist für Sie Glück?
Ulf Poschardt: Glück ist der Versuch, seinem Leben beim Gelingen habhaft zu werden. Glück ist trainierbar: aus Erfahrung und Instinkt, Reflexion und emotionaler Balance kann jeder Mensch für sich die richtige Harmonie finden. Glück ist ein dynamisches Konzept: es ist ebenso schnell erkämpft wie verflogen. Glücklich sein zu wollen, fordert den Menschen. Es ist kein Geschenk des Himmels."
*grmpf* managementgeschwätz - glück ist keinesfalls "trainierbar", genausowenig "erkämpfbar" - es ist primär eine wahrnehmung, die gerade dann umso flüchtiger werden wird, je mehr versucht wird, sie bewusst anzustreben. trainierbar sind in einem gewissen sinne höchstens die eigenen wahrnehmungsfähigkeiten. aber was poschardt da sagt, läuft imo lediglich auf die zehntausendste version der alten und üblen ideologie hinaus: "alles ist machbar".
"Der konstruktive Ansatz des Buches versucht, die Traumatisierung der Einsamkeit als Teil seiner mitunter verheerenden Wirkung zu erklären. Indem mein Buch der Einsamkeit ihren schlechten Ruf raubt, eröffnet es neue Chancen. Zudem appelliert es an den unglücklich Einsamen, nicht in Trauer und Selbstmitleid zu versinken, sondern Momente der Einsamkeit als Chance und Glücksfall zu begreifen."
das wörtchen "konstruktiv" ist hier vielleicht als leitfaden zu begreifen - erstens muss meiner ansicht nach deutlich zwischen alleinsein und einsamkeit unterschieden werden - ersteres ist ein eigentlich für uns alle existenziell notwendiger zustand, dessen ausmaß und gestaltung individuell sehr unterschiedlich sein kann. alleinsein ist zur eigenen besinnung und zur eigenen reproduktion unverzichtbar, und ich bin gegenüber menschen, die nicht alleine sein können, recht mißtrauisch - imo verweist eine solche unfähigkeit auf ernste probleme.
einsamkeit hingegen kenne ich selbst genauso gut wie alleinsein, und beides sind - für mich - deutlich unterscheidbare zustände. sie ist von generell schmerzhafter natur - einsamkeit lässt sich imo ähnlich betrachten wie ein hungergefühl: ein mangel ist vorhanden, etwas existenziell notwendiges fehlt - und unsere psychophysische ausstattung lässt uns das über die zugehörige wahrnehmungen spüren. alleinesein kann ich genießen, und ich muss mich dabei keinesfalls einsam fühlen - mit sich selbst gut umzugehen, und die eigene zeit mit sich erfüllend zu gestalten und zu genießen, zeichnet zustände von alleinesein dann aus, wenn ich (mich selbst) gut wahrnehmen kann. oder besser: wenn ich sein kann.
einsam sein hingegen bedeutet, aktuell oder innerhalb beliebiger zeiträume beziehungslos (im weitesten sinne begriffen) zu sein, auch und gerade zu sich selbst (was dann die quasi automatische folge nach sich zieht, auch gegenüber anderen beziehungslos zu sein). und solche momente lassen sich imo keinesfalls als "Chance und Glücksfall" begreifen. ich meine, dass poschardt hier der eben erwähnten verwechslung aufsitzt. wobei: die wahrnehmung von einsamkeit als "chance und glücksfall" lässt sich vielleicht von denjenigen konstruieren (als objektivistische wahrnehmung), für die eine allgemeine und umfassende beziehungslosigkeit eh schon den normalfall darstellt. diese situation kann unter umständen mit diversen fiktionen bzw. simulationen "gefüllt" werden, wie wir gesehen haben. weitergedacht könnte das auch bedeuten, dass die fähigkeit der wahrnehmung von einsamkeit eigentlich etwas positives ist, ließe sie doch den rückschluss zu, dass der wahrnehmende mensch auch schon das gegenteil kennengelernt haben muss. aber vorsicht: auch dieser kontrasteffekt lässt sich vom objektivistischen bewußtsein konstruieren, eine simulative persönlichkeit zb. kann sich aus der objektiven beobachtung dieses kontrastes (anhand von erzählungen anderer bspw.) eben eine genauso objektive nachbildung dieses effektes zusammenbasteln.
weiter im interview:
"Am Ende Ihres Buches heißt es: "Die Unmöglichkeit Liebe zu finden, ist die einzige Entschuldigung für Einsamkeit." Wenn es nun aber jemandem wirklich unmöglich ist, die Liebe zu finden, kann die Einsamkeit dann dennoch ein Lebensgefühl sein, das ein Leben lang beglückend ist?
Das will ich nicht ausschließen. Jeder muss nach seiner Fasson glücklich werden. Mir ging es am Ende nur darum, die Einsamkeit nicht als Lösung aller sozialen Probleme zu überhöhen. Das wäre eine billige Lösung. Weit verbreiteter Autismus führt eine Gesellschaft in den Untergang."
den letzten satz unterschreibe ich - natürlich.
aber ich bezweifle, ob poschardt hier tatsächlich weiß, worüber er eigentlich redet. die einsamkeit als ein "lebenslang beglückendes lebensgefühl" anzusehen, stellt für - wieder in relation - gesunde menschen ein ding der unmöglichkeit dar. stellen Sie sich nur mal vor, Sie würden dazu aufgefordert werden, hunger als "lebenslang beglückendes lebensgefühl" zu betrachten - nichts weiter als eine unverschämte zumutung.
und diese zwanghafte perspektive "jeder muss (!) nach seiner fasson glücklich werden" - schon wieder managementgeschwätz. vor nichts scheint eine gewisse (und gesellschaftlich tonangebende) art von menschen so viel angst zu haben wie vor der erkenntnis, dass eben nicht alles im leben einen guten ausgang nimmt; dass für uns alle grenzen existieren, dass nicht alles machbar und nicht jede existenzielle schädigung korrigierbar ist. stattdessen "sei glücklich!" als quasibefehl. daraus lassen sich zwar fiktionen und simulationen konstruieren, die ein happy-end besitzen mögen - aber mit der realität hat das dann eben nicht mehr eben viel zu tun. es gibt ereignisse und verluste, die nicht oder nur mit schweren konsequenzen zu verarbeiten sind - und gerade die beziehungskrankheiten zeigen das in aller deutlichkeit. ich habe das gefühl, hier will poschardt den "weit verbreiteten autismus" - vermutlich als metapher gemeint, aber eine durchaus treffende beschreibung - mittels empfehlungen zur simulation eher unsichtbar machen.
richtig unsinnig wird es dann spätestens hier:
"Auf das oben genannte Zitat bezogen: Ist Einsamkeit etwas, wofür sich der Mensch entschuldigen muss? Gerade in einer Zeit, in der jüngeren Menschen Bindungs- und Kinderlosigkeit vorgeworfen wird?
Niemand muss sich entschuldigen. Dieses Buch verhindert Stigmatisierung. Der Einsame kann ein künftiger, glücklicher Familienvater sein. Die ewig Einsame eine hervorragende Mutter und Patentante."
schlicht und einfach zu den letzten aussagen: nein. wer beziehungslos ist und das durch die wahrnehmung als einsamkeit "angezeigt" bekommt, kann nur innerhalb von und mittels simulationen ein "glücklicher Familienvater" oder eine "hervorragende Mutter" sein. nicht aber in der realität, in der das gleichzeitige vorhandensein von einsamkeit und authentischer beziehung ein ding der schieren unmöglichkeit darstellt. während das alleine sein innerhalb von authentischen beziehungen, wie schon gesagt, eher als notwendigkeit zu begreifen ist.
das folgende möchte ich Ihnen wirklich ans herz (und an den kopf) legen - in der faz macht sich ein ehemaliger spex-redakteur gedanken zum thema der überschrift - die idee, dass es sich bei dem, was psychiatrische diagnosen dem autistischen spektrum zurechnen (und vielleicht noch darüber hinaus), um eine art sozialer und psychophysischer mutation handelt, ist ja hier im blog verschiedentlich schon angerissen worden:
"Wenn jeder für sich bleibt, vereinzelt, sprachlos und von der Furcht getrieben, die Gesellschaft könnte ihn verstoßen wie die Natur seinen haarigen Ahnen, dann ist der Mensch dabei, sich aus dem halbfertigen Paradies zu vertreiben, das er sich aus Not gebaut hat. Wenn Autisten Ironie verstehen lernen, werden sie darüber schmunzeln. Einstweilen ist der effektivere Chef womöglich wirklich einer, der mit echter Asperger-Teilnahmslosigkeit durch seine ohnehin austauschbaren Angestellten hindurch auf die Nah- und Fernziele des Unternehmens blicken kann, und umgekehrt wird auch ein Angestellter, der nicht aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes - also vor Gemeinschaftsentzug - gelähmt ist, der nicht schon vor der bloßen Möglichkeit erbleicht, einen Fehler zu machen, seine Aufgaben sachgemäßer und effizienter erledigen als einer, der sich noch quälend vorstellen muß, was im Chef und den Kollegen vorgeht."
(...)
Wenn Evolution Schicksal ist, führt sie unter den gegebenen Vorzeichen zum arbeitsfähigen Autisten. Wenn man sie aber steuern kann, führt sie vielleicht zur Solidarität, das heißt zu einer Welt, in der die Angst nicht deshalb verschwindet, weil ihre biologische Grundlage entfällt, sondern weil wir ihre soziale abgeschafft haben."
und ich glaube mehr und mehr, dass die in den letzten sätzen beschriebene perspektive möglicherweise tatsächlich die definitive herausforderung für unsere spezies in diesem jahrhundert darstellt.
(das folgende lässt sich als ergänzung/fortsetzung dieses beitrags lesen.)
*
die zeit arbeitet in einem neuen artikel an der rehabilitation der gefühle, in dem sich u.a. diese behauptung findet:
"Entscheidungen ohne Gefühle gibt es gar nicht. Der Homo oeconomicus, der die Alternativen rein rational abwägt, erweist sich als Fiktion der klassischen Wirtschaftstheorie."
jein. wer sich mit phänomenen wie dem autismus, der klassischen psychopathie und eben auch der alexithymie näher beschäftigt, könnte sehr wohl zu dem schluß kommen, dass es sich hier um versuche zur angleichung an das "ideal" des "homo oeconomicus" handelt (oder aber das modell des "homo oeconomicus" nach den primären strukturellen eigenschaften der genannten störungen konstruiert ist...) - genau diese befürchtung (nicht nur von mir) war ja bereits öfter thema hier. ich hätte mir gewünscht, das das thema der simulation von gefühlen nicht so vollständig unter den tisch fällt.
und hätte sich der autor mal genauer diesen - von ihm selbst oder der redaktion - verlinkten artikel angeschaut, so hätte er selbst entsprechende schlüsse ziehen können. eine art populäre einführung ins thema alexithymie, etliches ist bereits im älteren blogartikel dazu erwähnt - einiges jedoch verstärkt ganz persönliche spekulationen meinerseits:
"Bislang haben Wissenschaftler nur Vermutungen, warum manche Menschen so schlecht mit Gefühlen zurechtkommen. Die beiden plausibelsten: Entweder haben sie es als Kind nie gelernt, oder sie haben es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt."
man(n) braucht nicht professionell wissenschaftlich tätig zu sein, um mit ein wenig nachdenken selbst darauf zu kommen. und auch darauf, dass das in einem widerspruch zur folgenden behauptung steht:
»Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal«, stellt Harald Gündel klar. »Es gibt Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und eben welche, die damit schlecht umgehen können.«
das erinnert nicht zufällig an die hier im ersten blogbeitrag zum thema dokumentierte behauptung, dass die alexithymie deswegen keine krankheit sei, weil sie den erfordernissen einer modernen industriegesellschaft ganz gut entsprechen würde. und wieder drängt sich der eindruck auf, dass ein durch prä-, peri- oder postnatale traumatische (in einem weitgefassten sinne) einflüsse erzeugter defekt von einigen leuten unbedingt als quasi zufälliges "persönlichkeitsmerkmal" dargestellt wird - warum, wenn es sich denn bei den genannten wahrscheinlichen ursachen doch um deutlich krankheitswertige einflüsse handelt?
dazu geht es hier nicht um den "guten" oder "schlechten" umgang mit gefühlen, sondern um ihre schlichte wahrnehmung - erstaunlich unpräzise, diese behauptung eines professionellen.
"Manchmal kann es auch praktisch sein, emotionale Zwischentöne einfach zu überhören. Ein alexithymer Uhrenhändler aus Düsseldorf erzählt, dass er ein außergewöhnlich guter Verkäufer sei. Menschen, die schachern wollen, auf die Tränendrüse drücken oder etwas vom letzten Wunsch der Großmutter erzählen, haben bei ihm keine Chance - es perlt an ihm ab. Als ihm seine Frau allerdings neulich weinend erzählte, ein guter Freund sei gestorben, nahm er sie nicht etwa in den Arm und tröstete sie, sondern musste grinsen."
regelmässige leserInnen hier werden sich darüber ihre eigenen gedanken machen können, ebenso wie über folgendes:
"Manche Alexithyme könnten sich aber auch nach einem traumatischen Erlebnis abrupt ihren emotionalen Empfindungen und Wünschen verschlossen haben. Gefühlsblindheit wäre dann eine Anpassungsstrategie des Gehirns, die sie vor dem bewussten Erleben einer Flut negativer Gefühle bewahren soll. Dafür spricht die Entdeckung von Traumaforschern, dass selbst das Gefühlsleben von Erwachsenen noch erstarren kann, wenn sie etwa großer Brutalität ausgeliefert sind."
ich wünsche mir ja dringend forscherInnen, die sich die erkennbaren verbindungen zwischen den bereichen autismus - pränatale prägungen - persönlichkeitsstörungen - psychotraumatologie - sozioökonomische gesellschaftliche strukturen mal systematisch näher betrachten würden - aber es könnte natürlich passieren, dass das schwer verstörende ergebnisse bringen würde.
einmal weit zurück - ein paar jahrhunderte gleich - in der geschichte der westlichen kultur zu gehen und sich näher mit einem mann zu beschäftigen, dessen name wie kaum ein zweiter mit dem begriff der "wissenschaftlichen aufklärung" assoziiert wird, scheint auf den ersten blick langweilig zu sein.
aber vielleicht haben Sie trotzdem zeit übrig. ich hatte es ja hier schon mal angekündigt, dass mich insbesondere die spekulationen zu einem möglichen aspergersyndrom bei newton interessieren:
"Newton habe kaum gesprochen, Vorträge in leeren Sälen gehalten, wenn keine Studenten auftauchten, und seine wenigen Freunde äußerst ruppig behandelt. Beide hätten sich oft völlig in ihre Forschungsarbeit vertieft und dann nichts anderes mehr gekannt - ein typischer autistischer Zug, wie Baron-Cohen meint."
und dieses interesse hat einen besonderen hintergrund, auf den ich gleich zu sprechen komme.
vorher aber noch ein paar hinweise auf allgemeine informationen zu newton: ich nehme einfach mal an, dass die meisten leserInnen spätestens im physikunterricht der schulzeit mit diesem namen bekannt gemacht worden sind - newton, dem unter dem baum ein apfel auf den kopf fiel (ein mythos im übrigen) - und der daraufhin die schwerkraft ent-deckte. nun sind seine wissenschaftlichen arbeiten und seine wirkungen auf die gesamte westliche kultur - bis heute - allerdings wesentlich breit gestreuter, als es die geschichte mit dem apfel impliziert. einen überblick über diese arbeiten kann ich mir hier sparen, weil es im netz bereits genügend seiten gibt, die das besser zusammenfassen: hier und hier bspw.
sein vielleicht zentralstes arbeitsergebnis wird so beschrieben:
"Doch er war der erste, der eine umfassende physikalische Theorie ausarbeitete. Ein System aus grundlegenden Annahmen, aus denen er mit den Mitteln der Mathematik Naturgesetze formulierte, die immer und überall gültig sein sollten."
ein grundlegendes und umfassendes system also, welches bis heute einflüsse auf uns alle hat, die erstens kaum jemals benannt werden, weil sie zweitens nicht einfach zu verstehen sind - das newtonsche weltbild (oft auch ergänzt durch kartesianisch, nach dem philosophen rené descartes, von dem der ausspruch "ich denke, also bin ich" stammt, der bis heute zu den essentials der rationalistischen weltanschaung gehört - letztlich findet sich hier auch die wahrscheinliche grundlage für jene ideologie, die in einer der letzten beiträge als objektivismus vorgestellt wurde) - das newtonsche weltbild also ist etwas, was die weltwahrnehmung innerhalb der westlichen kultur seit ein paar jahrhunderten bis heute ganz grundlegend strukturiert, und damit nicht nur irgendwelche abstrakten wissenschaftlichen bereiche prägt, sondern auch unseren alltag und unsere sozialen beziehungen. wie das?
um diese unvermeidliche - und verständliche frage einigermaßen zu beantworten, möchte ich auf ein z.b. hier noch erhältliches buch des us-amerikanischen historikers morris berman hinweisen, "wiederverzauberung der welt", dessen untertitel ganz und gar nicht zufällig "am ende des newtonschen zeitalters" lautet. das buch erschien in d-land mitte der 1980er jahre und wurde - imo unberechtigt - ob seiner fundamentalen kulturkritik in die damals boomende "new age" - schiene gepackt. (berman schreibt im übrigen heute bevorzugt zum - aus seiner sicht zerfallenden - us-amerikanischen imperium. hier ein interview mit ihm.)
die "wiederverzauberung der welt" jedenfalls ist eine wahre fundgrube für alle, die an der entwicklung der westlichen kultur in den letzten jahrhunderten interessiert sind - berman "betreibt ungewöhnliche Geschichtsforschung. Er beschreibt, wie die Wissenschaft seit dem 16. Jahrhundert zwischen Mensch und Natur eine völlige Trennung praktiziert hat. Die Folgen waren katastrophal: die Entfremdung des Menschen von seiner Welt, eine technokratische Gesellschaft, die das Leben der Menschheit und des Planeten immer stärker bedroht." (aus dem klappentext).
im weitesten sinne geht es inhaltlich um das spannungsverhältnis zwischen magischen weltbildern bzw. wahrnehmungen (berman nennt das "partizipierendes bewußtsein"), der von newton entscheidend mitbegründeten wissenschaftlichen aufklärung (das objektiv-rationalistische denken) und dem, was als wahnsinn bezeichnet wird. wobei gerade beim letzteren eine kritik anzubringen ist: berman bezieht sich bei seiner definition primär auf das, was die westliche psychiatrie schizophrenie nennt, führt dabei etliche argumente für eine grundsätzlich als struktur vorhandene, real aber fehlschlagene befreiende funktion dieser art von psychotischer wahrnehmung an - und das ist leider imo ein zu verengter blick, wie wir heute annehmen können. wie hier schon öfter skizziert wurde, haben wir es aller wahrscheinlichkeit nach mit zwei elementaren und qualitativ unterschiedlich organisierten phänomenen zu tun, wenn von psychose die rede ist (von denen nur die eine, nämlich "schizophrene", form tatsächlich ein element von befreiung, oder vielleicht besser protest, enthält - die andere form jedoch ist eine völlige unterwerfung mit implizitem selbstverrat, wobei der meist erzwungen ist.) und berman gelangt sogar, wie noch zu sehen sein wird, unausgesprochen zum gleichen schluß. aber in den 1980er jahren fehlten mit sicherheit etliche informationen bzw. einfach ein entsprechender blick, um diesen unterschied in all seinen vermutlichen konsequenzen zu berücksichtigen. ebenfalls berücksichtigt er den bereich der massenhaft traumaerzeugenden kindererziehung in den untersuchten mittelalterlichen bis früh neuzeitlichen zeiträumen zu wenig - ich vermute, vor dem heutigen wissenstand wäre seine bewertung der magischen praktiken etwas anders ausgefallen und beziehe mich dabei u.a. auf deMause, dessen herleitung vieler sog. religiöser (im weitesten sinne) praktiken und der dahinter stehenden wahrnehmung als produktion von dissoziierenden menschen mir sehr plausibel erscheint. aber trotz allem finde ich das buch nach wie vor anregend, und die jetzt anstehenden gedanken zu newton darin sind sehr aufschlußreich.
*
eigentlich wäre es hier notwenig, die implikationen des newtonschen weltbildes ausführlich darzulegen, gerade deshalb, weil den meisten von uns die bedeutung von weltbildern und die quasimaterielle eindringlichkeit, die sie bis in unsere anscheinend persönlichsten gedanken und gefühle hinein annehmen können, nicht unmittelbar einsehbar ist - in einem gewissen sinne stellen sie das wasser dar, in dem wir fische uns bewegen - und wie eine schöne metapher lautet, war es unter garantie kein fisch, der das wasser zuerst entdeckte. mit anderen worten: es ist ein enorm schwieriges unterfangen, die sozial produzierte bühne wahrzunehmen, auf der das eigene lebenstheater spielt.
und für ein physikalisch-abstraktes weltbild als teil dieser bühne gilt das erst recht.
in einem vergleich zwischen den weltbildern des mittelalters und des 17. jahrhunderts (welches bereits von gallilei und am ende auch von newton beeinflusst gewesen ist) kommt berman u.a. zu folgenden unterschieden:
"Wenden wir uns dem Weltbild des 17. Jahrhunderts zu, dann werden wir wahrscheinlich zuallererst ds Fehlen jeder immanenten Bedeutung bemerken. E.A. Burtt hat beschrieben, wie das 17. Jahrhundert, das mit der Suche nach Gott begann, damit endete, das er vollständig aus ihm verdrängt wurde. Die Dinge besitzen keinen Zweck, was eine anthropozentrische Auffassung ist, sondern lediglich Verhaltensweisen, die auf atomistische, mechanische und quantitative Weise beschrieben werden können (und müssen). Das Ergebnis davon ist, daß sich unsere Beziehung zur Natur vollständig geändert hat. Im Unterschied zum mittelalterlichen Menschen, dessen Beziehung zur Natur auf Gegenseitigkeit beruhte, sieht sich der moderne Mensch (der existenzialistische Mensch) im Besitz der Fähigkeit, die Natur zu kontrollieren und zu beherrschen, sie für seine eigenen Zwecke zu benutzen. Dem mittelalterlichen Mensch war eine sinnvolle Stellung im Universum gegeben, es bedurfte keines Willensaktes von seiner Seite. Dem modernen Menschen ist es andererseit auferlegt, seine Ziele selbst zu finden. Aber was diese Ziele sind oder sein sollten, kann zum erstenmal in der Geschichte nicht mehr logisch abgeleitet werden. Kurzum: die moderne Wissenschaft basiert auf der scharfen Trennung zwischen Ding und Wert, sie kann uns lediglich sagen, wie etwas zu tun ist, nicht, was zu tun ist und ob wir es tun sollten."
(berman, "wiederverzauberung der welt"; s. 50/51)
anmerkungen von mir: die oben durchschimmernde positive darstellung der mittelalterlichen welt mit ihren strikten hierarchien (gott - kirche - adel - volk) ist mir etws zu optimistisch gefärbt - sicher, "existenzialistische" ungewißheiten und sinnfragen der heutigen zeit sind in einer solchen ordnung nicht unbedingt zu erwarten, die kehrseite jedoch ist eine relative starrheit und die zementierung der damals aktuellen herrschaftsformen. großflächige verwüstungen okönomischer bzw. ökologischer art jedoch sind durch die implizite begrenzung einer solchen ordnung weitgehend ausgeschlossen. ebenso wie technologisch sinnvolle verbesserungen. der mittelalterliche mensch in seinem seiner zeit entsprechend geprägten dissoziierten dasein scheint sich eine primär sicherheit gebende ordnung gegeben zu haben.
beim "neuen" weltbild jedoch ist in den kernaussagen etliches enthalten, was uns aus ganz anderen ecken heraus bekannt vorkommt:
"Verhaltensweisen, die auf atomistische, mechanische und quantitative Weise beschrieben werden können"; "Fähigkeit, die Natur zu kontrollieren und zu beherrschen"; "scharfe Trennung zwischen Ding und Wert" - stichworte: objektivismus, und auch autismus - gerade die trennung zwischen ding und wert weist deutlich auf eine spezifische wahrnehmung hin, in der der objektivistische modus zwar noch bzw. nur dinge wahrnehmen kann, aber eben keinerlei innere qualitäten mehr, für die bestimmte psychophysische wahrnehmungsfunktionen intakt sein müssen (im mittelalter scheinen diese qualitäten allerdings größtenteils halluziniert gewesen zu sein...eine assoziation von mir, die erstmal befremdlich klingt: haben wir hier etwa eine historischen wendepunkt vor uns, bei dem neben den "üblichen" dissoziierten menschen zum erstenmal wahrnehmbar auch eine autistische minderheit auf der bühne erscheint? erinnern Sie sich bitte an die beiträge zum thema infantizid und zu traumafolgen - ist das, was wir geschichte nennen, in ihrem tiefsten inneren am ende eine geschiche der psychopathologien? bei der die jeweils - hm, kränkesten vertreterInnen der jeweiligen pathologie deshalb zu ruhm und ehren kommen, weil sie die passenden tendenzen der jeweiligen zeit in ihren verschiedenen bereichen einfach am prägnantesten darstellen und bündeln können?
"Schließlich ist für das 17. Jahrhundert nur das `wirklich´ wirklich, was abstrakt ist. Atome sind real, aber unsichtbar; die Schwerkraft ist real, kann aber ebenso wie Impuls und träge Masse lediglich gemessen werden. Allgemein gesprochen dient die abstrakte Quantifizierung als Erklärung. Es war dieser Verlust des Greifbaren und Sinnhaften, der die sensibleren Geister der Epoche - Blaise Pascal und John Donne zum Beispiel - an den Rand der Verzweiflung trieben. Die `neue Philosophie stellt alles in Zweifel´, schrieb letzterer im Jahre 1611, `alles ist in Stücken, jeglicher Zusammenhang verschwunden´. Oder in Pascals Worten: `die Stille des unendlichen Raumes flößt mir Entsetzen ein.´"
(berman, "wiederverzauberung..."; s. 51)
wahrnehmungsweisen...abstraktes statt sinnliches - und eine qualitativ neue art der fragmentierung. natürlich auch eine notwendige basis für die ökonomischen verhältnisse, die wir heute kapitalismus nennen. aber lag darin wirklich der zweck dieser neuen wahrnehmungsweisen, wie es marxistische theorie nahelegt? (ich weiß schon, dass das wort "zweck" hier einigen unpassend erscheinen wird, aber ich hoffe, dass trotzdem klar ist, was ich meine.) oder hat sich auf der psychophysischen basis nicht doch vielleicht einfach die dieser basis angemessene ökonomische form entwickelt, vergleichbar den jeweiligen entwicklungen in anderen lebensbereichen? henne oder ei...
"Die Natur (einschließlich menschlicher Wesen) wird somit zum Material, das man sich aneignen und formen kann. Nichts kann in sich zweckhaft sein, und Werte - wie Machiavelli als einer der ersten ausführte - sind ja lediglich Gefühlsregungen (sic! mo). Die Vernunft ist nun völlig (zumindest theoretisch) instrumental, zweckrational. Man kann nicht länger fragen: `Ist das gut?´, sonder lediglich: `Funktioniert es?´ Eine Frage, die die Einstellung der Handelsrevolution und die wachsende Betonung der Produktion, Vorhersagbarkeit und Kontrolle wiedergibt."
(berman, "wiederverzauberung...."; s. 53)
letzteres begründet bis heute die dominanz der westlichen kultur auf diesem planeten. wie aber sah nun die biographie eines mannes aus, der diese dominanz theoretisch zu einem großen teil mitvorzubereiten half?
*
"Isaac Newton steht als Symbol für die westliche Wissenschaft und seine *Principia* kann wohl zu Recht als Dreh- und Angelpunkt des wissenschaftlichen Denkens der Neuzeit bezeichnet werden. (Er)...definierte die Wissenschaftsmethode an sich, die Begriffe von Hypothese und Experiment sowie die Vorgehensweisen, an Hand deren die rationale Beherrschung der Welt zu einem lebensfähigen intellektuellen Programm erhoben werden konnten. (,,,) Und obwohl die Physik des 20. Jahrhunderts Details der Newtonschen Synthese beträchtlich modifizierte, bleibt das gesamte wissenschaftliche Denken, wenn nicht sogar der Charakter des zeitgenössischen empirisch-rationalen Denkens im allgemeinen, seinem Wesen nach durch und durch newtonisch.
Mit einigem Erstaunen reagierte deshalb der britische Ökonom John Maynard Keynes, als er beim Durcharbeiten der unzähligen Manuskripte Newtons, die von seinen Nachfahren 1936 (...) zur Versteigerung freigegeben worden waren, entdeckte, daß Newton sich intensivst mit okkulten Wissenschaften und hier speziell mit der Alchemie befaßt hatte, ja beinahe besessen davon gewesen ist. (...)
Keynes erkannte, daß das 18. Jahrhundert Newton eigentlich für die Öffentlichkeit `zurechtgemacht´ hatte. (...) Aber die in jüngster Zeit von Frank Manuel erstellte Biographie Newtons hat, ebenso wie die von David Kubrin erstellte brilliante Studie über Newton und seinen kulturellen Hintergrund, gezeigt, daß Newton selbst in großem Umfang `gesäubert´hat.
(...)...sowohl aus psychologischen als auch aus politischen Gründen sah es Newton als notwendig an, diesen Teil seiner Persönlichkeit (den "mystischen") und seiner Philosophie zu unterdrücken und die nüchterne Fassade eines Positivisten zur Schau zu tragen. Die Evolution von Newtons eigenenem Bewußtsein spiegelt nicht nur auf signifikante Art und Weise das Schicksal der alchemistischen Tradition zur Zeit der Restauration Englands wider, sondern auch die Evolution des westlichen Bewußtseins im allgemeinen. Und so behauptet Manuel,daß Newtons Persönlichkeit ebenso wie seine Sichtweise nichts weiter als ein extremer Ausdruck seiner Zeit waren."
(berman, "wiederverzauberung..."; s. 124/125)
eine zeit, in der die methoden der kindererziehung sowie der umgang mit kindern allgemein, wie es bei deMause zu lesen ist, mehr oder weniger katastrophal waren - von heute aus betrachtet. das ist bei folgendem zu beachten:
"Newtons Kindheit war geprägt von einem sehr hohen Maß an Verlustangst. (...) Newtons Vater starb drei Monate vor Geburt seines Sohnes, und seine Mutter heiratete wieder, als er ungefähr drei Jahre alt war. Sie verließ daraufhin ihren Sohn, um ungefähr eineinhalb Meilen von ihm entfernt mit ihrem neuen Ehemann (namens smith, anmerk. mo) zusammenzuleben; Isaac blieb in dieser Zeit bei seiner Großmutter in seinem Geburtsort (...) Seine Mutter kehrte erst nach dem Tod ihres zweiten Mannes (...) zurück, als Newton bereits elf Jahre alt war. Somit war Newton während entscheidender Phasen seiner Entwicklung verlassen und im Stich gelassen worden, und dies, nachdem seine Mutter sowieso schon als alleiniger Elternteil seine einzige Bezugsperson gewesen war. Als Ergebnis, schreibt Manuel,
war seine Fixierung auf sie absolut und vollkommen. Das Trauma, ursprünglich von ihr verlassen worden zu sein, erzeugten großen Schmerz, Aggressivität und Angst in ihm. (...)
der biograph manuel wertet das als ein "traumatisches Ereignis in Newtons Leben, von dem er sich nie erholte." wobei: vielleicht haben wir hier auch eine jener typischen fehlurteile, die sich, von unseren heutigen normen geprägt, mutter-kind-verhältnisse immer nur als grundsätzlich liebevoll vorstellen können - die realität des infantizids sagt etwas anderes, ebenso wie newtons reaktionen nicht unbedingt etwas liebevolles deutlich machen:
"Newton schrieb als Jugendlicher in einem seiner Notizbücher unter das Wort `Sünde´: `gegen meinen Vater und meine Mutter Smith die Drohung ausstoßen, sie möchten samt ihrem Haus verbrennen´, und `ganz bestimmten Personen den Tod wünschen´.
dazu kam ein sonderbares bewußtsein der eigenen "auserwähltheit":
"Er war am Weihnachtstag des Jahres 1642 früh zur Welt gekommen, und man nahm nicht an, daß er überleben würde. Tatsächlich war in der Gemeinde, in der er zur Welt kam, die Kindersterblichkeitsrate auffallend hoch, und Newton war später davon überzeugt, daß die Tatsache, daß er am Leben geblieben war (ebenso wie der Umstand, daß er als junger Mann nicht der Pest zum Opfer gefallen war), ein Zeichen göttlicher Einmischung war. Wie Manuel weiterhin aufzeigt, kursierte in derselben Gemeinde außerdem die weitverbreitete Ansicht, daß ein Junge, der nach dem Tode seines Vaters geborn wird, mit außergewöhnlichen Kräften ausgestattet sei. (...) Er war überzeugt, `daß Gott sich in jeder Generation nur einem einzigen Propheten enthüllt, was parallele Entdeckungen unmöglich macht.´ In den unteren Rand seines Alchemie-Notizbuches ritzte Newton als Anagramm seines lateinischen Namens Isaacus Neuutonus: Jeova sanctus unus - Jehova, der Heilige.
Zusätzlich zu diesen geschilderten Eigenschaften wies Newton typisch puritanische Züge auf: Strenge, Disziplin und vor allem Schuld und Scham. `Er hatte einen eingebauten Zensor in sich´, meint Manuel, `und lebte beständig unter dem strengen Blick eines Aufsehers...´ Zu solchen Schlüssen gelangt Manuel nach der Durchsicht von Übungsheften des jugendlichen Newton, die unter anderem Sätze enthalten, die Newton in freier Assoziation gewählt hatte, um sie ins Lateinische zu übersetzen. Diese Sätze enthalten im Überfluß Themen wie Angst, Selbstherabsetzung und Einsamkeit:
Ein junger Bursche,
er ist blaß.
Für mich gibt es keinen Platz, wo ich
sitzen kann.
Zu welcher Beschäftigung taugt er?
Er ist gebrochen.
Das Schiff sinkt.
Es gibt da etwas, was mir Kummer bereitet.
Er hätte bestraft werden sollen.
Niemand versteht mich.
Was wird aus mir werden.
Ich werde Schluß machen.
Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.
(berman, "wiederverzauberung...", alle obigen zitate s. 125 - 127)
klingen newtons sätze nicht ganz verblüffend aktuell? ähnliches lässt sich heute auch in diversen netzforen lesen, zu depressionen, borderline... ich war ähnlich erstaunt wie berman:
"Für einen Jugendlichen sind dies zweifelsohne sehr ungewöhnliche Sätze, um ins Lateinische übersetzt zu werden; die Auswahl ist beinah nicht zu glauben. `Bei all diesen Notizen des Jungen´, schreibt Manuel,
`erstaunt vor allem, daß kein einziges Mal die Äußerung eines positiven Gefühls auftaucht. Das Wort Liebe fehlt völlig, und Äußerungen von Freude, Wusch und Verlangen sind selten...Fast alle Aussagen enthalten Negationen, Ermahnungen, Verbote. Das Leben erweist sich als feindlich und auf Strafe bedacht.´"
ich weiß nicht, wie oft ich den letzten satz schon gelesen habe - und immer wieder ist es ein gefühl, welches mir mit wucht kommt: das ist so verdammt bekannt, große und entscheidende teile des heutigen sozialen lebens sind auf diesem prinzip, besser dieser wahrnehmung, aufgebaut.
"Wäre darüber hinaus nichts weiter von Isaac Newton an die Geschichte überliefert worden, dann hätten diese Notizbucheintragungen den Status eines psychiatrischen Kuriosums erhalten. Anstattdessen haben wir es bei Isaac Newon mit dem Erschaffer der Wissenschaftsauffassung der Neuzeit zu tun, und diese Auffassung, die besagt, daß alles hundertprozentig vorhersagbar ist ("Töte alles, was in Bewegung ist" wie Philip Slater es ausdrückt), kann keinesfalls getrennt von ihrer pathologischen Grundlage gesehen werden. `Eine der wichigsten Quellen für Newtons Drang nach Wissen´, schreibt Manuel, `war seine Furcht und Angst vor dem Unbekannten. Wissen, das in mathematische Formeln gebracht werden konnte, vermochte seiner quälenden Unsicherheit und Ungewißheit ein Ende zu bereiten...(Die Tatsache), daß die Welt mathematischen Gesetzen gehorcht, bedeutete seine eigene Sicherheit.
Alles auf Himmel und Erden in einen einzigen starren, engen Rahmen zu zwingen, dem nicht einmal per Zufall das kleinste Detail entkommen konnte, um frei umherzuscheifen, war für diesen von Angst und Furcht verfolgten Mann eine innere Notwendigkeit. (...) Das System war sowohl in seinen physikalischen als auch historischen Dimensionen vollständig. (...) Es war Newtons Glück, daß die Gesellschaft Europas einen großen Teil seines gesamten Systems als ein perfektes Abbild der Wirklichkeit akzeptierte, so daß sich sein Name aufs engste mit seinem Zeitalter verband.´
Trotz seines gelegentlichen Nervenzusammenbruchs war Newton kein Psychotiker, es steht jedoch außer Zweifel, daß er sich an der Grenze zu irgendeiner Form des Wahnsinns bewegte, den er durch eine völig auf den Tod ausgerichtete Natursicht zu beschwichtigen suchte. Bemerkenswert daran ist jedoch weniger diese Natursicht selbst als vielmehr die Zustimmung und der Beifall, den sie auf breiter Ebene fand. (...) Anstatt irgendein einsamer, eigenartiger Kauz zu bleiben, gelang es ihm, ganz Europa dazu zu bringen, `sich diesem großen, zwanghaften Modell anzuschließen´, Präsident der Royal Society zu werden und 1727 mit Glanz und Glorie in der Westminster Abtei in einem Akt internationaler Bedeutung begraben zu werden.
Man könnte sagen, daß Europa, nachdem es die Newtonsche Sicht der Welt übernommen hatte, geschlossen den Verstand verlor."
(berman, "wiederverzauberung...", s. 128/129)
über den letzten satz empfiehlt sich eine besinnliche meditation...und ob newton als psychotiker bezeichnet werden soll, ist eine definitionsfrage - wie gesagt, bezieht sich berman nur auf die eine form - newton hat dagegen seinen wahnsinn erfolgreich in die gesellschaft transferiert, und befindet sich damit in berühmter gesellschaft. erfolg kann eben auch ein kriterium für wahnsinn sein, zumal sie er auch eine stützende funktion besitzt, die dem erfolgreichen sowohl das blanke ausagieren als auch die nichtauseinandersetzung mit sich selbst ermöglicht.
*
zum schluß noch ein recht berühmtes bild newtons (der mit hilfe eines zirkels die welt zerlegt) von william blake, und ein passendes gedicht von eben diesem blake. das soll kommentar genug sein.

Now I a fourfold vision see,
And a fourfold vision is given to me;
´t is fourfold in my supreme delight,
And threefold in soft Beulah´s night
And twofold always. May God us keep
From single vision and Newton´s sleep!
Jetzt sehe ich eine vierfältige Erscheinung
und eine vierfältige Sicht ist mir geschenkt.
Vierfältig ist sie in meinem äußersten Entzücken,
Dreifältig in Beulah´s sanfter Nacht
und zweifältig zu allen Zeiten.
Möge Gott uns vor einfältiger Sicht
und Newtons Schlaf bewahren.
(1802)
wieder einmal hat sich ein thema quasi aufgedrängt, welches ich für interessant genug halte, es näher zu beleuchten - hinter der beschäftigung mit dem neurolinguistischen programmieren (wer zur theorie und technik weiteres wissen will, findet im netz genügend material) versteckt sich unter anderem die grundsätzliche frage, ob jegliche zwischenmenschliche kommunikation als manipulativer akt anzusehen ist - und diese frage nun birgt allerdings reichlich sprengkraft, und ist für unser selbstbild als menschen ganz und gar nicht unerheblich.
wie ich dazu komme, mich näher mit dem nlp zu beschäftigen, steht an einem anderen, nichtöffentlichen virtuellen ort, wo ich vor kurzem folgendes geschrieben habe - auszüge:
"bin mehr zufällig über interessante infos - von einer nlp-seite selbst, die gerne mit "ethisch" vs. "unethisch" hantiert und darin scientology nicht unähnlich ist - gestolpert: über die haider-fpö und nlp
mittels des "back"-buttons im browser könnt ihr zu einem zweiten, ähnlichen artikel gelangen.
(...) doch, sehr interessant
wer besucht sowas? was wird da genau vermittelt? wenn ich mir den da verlinkten .pdf-flyer anschaue, wird mir etwas anders...
"Top-Manager wie Lee Iacocca, Politiker wie der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sowie die internationalen Konzerne IBM, Mercedes, Coca-Cola, Sandoz, Master Foods, American Express und BP wissen schon längst um das enorme Potential der neuen Coaching-Methode. Auch hierzulande hielt NLP bereits Einzug in firmeninterne Trainingsprogramme: Bei Philips, Agip, Voest Linz, Bank Austria, Palmers, Interunfall, Siemens, Boehringer-Mannheim oder Wüstenrot verbessern Manager ihre Fähigkeiten Mittels NLP."
(quelle)
gleiche quelle:
"Indem man Atem, Mimik, Gestik, Sprechgeschwindigkeit, Körperhaltung usw. an sein Gegenüber anpaßt, schafft man eine Verbindung, den sogenannten Rapport, wie es im Fachausdruck heißt, der für den Gesprächspartner angenehm ist. Durch dieses Pacing, auch Spiegeln genannt, wird eine Art Gleichklang hergestellt, der leicht alsbald in ein Leading, also in ein Führen, übergeleitet werden kann."
na prima...sie sprechen es auch gleich offen aus:
"Natürlich birgt dieser direkte Draht zum Unterbewußten die Gefahr der Manipulation. Roman Braun: "Manipuliert werden wir ständig, man kann nicht nicht manipulieren. Manipulation heißt Veränderung. Durch NLP macht man sich die Prozesse bewußt, die ansonsten im Unterbewußtsein ablaufen."
das ist nicht nur ein starkes stück, sondern eine regelrechte frechheit - kommunikation jeglicher art als ausnahmslose manipulation darzustellen bzw. so ernsthaft zu empfinden, verlangt imo tatsächlich eine persönlichkeitsstruktur, in der sich grundsätzliche defekte vermuten lassen.
(...)
zum schluß noch zwei längere kritiken an menschenbild und methoden des nlp (auch wenn die zweite aus kirchlichen kreisen stammt, enthält sie viele erwähnenswerte überlegungen):
kritik 1
kritik 2
und als nachtrag noch diesen kurzen ausschnitt aus einem längeren bericht zur praxis des nlp:
"NLP-versierte Manager wie der Beiersdorf-Direktor Patzelt glauben denn auch, ihre Arbeitskollegen regelrecht konditionieren zu können - wobei die Tierversuche des russischen Physiologen Iwan Pawlow durchaus als Modell dienen. So wie Pawlow einst den Speichelfluss seiner Hunde allein durch einen Klingelton in Gang setzte (zuvor hatte er einige Male bei der Verabreichung des Futters die Klingel ertönen lassen), versuchen sie ihre Mitmenschen durch geschickt gesetzte Signalreize zu ähnlichen unwillkürlichen Handlungen zu verleiten. Patzelt erläutert: "Beim neurolinguistischen Programmieren geht man davon aus, dass eine Vorstellung, ein innerer Dialog, oder ein Gefühl genau solche Reaktionen sind wie die Speichelabsonderung des Pawlowschen Hundes." Den zugrundeliegenden Vorgang nennen die NLP-Experten "ankern".
(quelle)
die hier dargestellte vorstellung des charakters menschlicher gefühle ähnelt dabei auf verblüffende und wahrscheinlich keinesfalls zufällige weise den entsprechenden aussagen, wie sie auch die ideologie des objektivismus macht - eine quasi mechanische, durch äußere reize ausgelöste und irgendwie sekundäre menschliche reaktion.
darauf hat sich dann eine z.zt nicht abgeschlossene diskussion um die relevanz von nlp in den gesellschaftlichen "eliten", den potenziellen wirkungsradius solcher techniken und eben zum begriff der manipulation entwickelt, wobei gerade zum letzteren thema eine mehr oder weniger große zahl von menschen das nlp-postulat des grundsätzlich manipulativen charakters jeglicher kommunikation zu teilen scheint - nicht nur am erwähnten virtuellen ort. ich halte das für gelinde gesagt bedenklich, und möchte dazu wieder einmal den herrn mertz zitieren, der sich der theorie und praxis des nlp mit scharfer polemik nährt, vorher aber noch ein paar grundsätzliche ausführungen zur subjektiven erfahrung generell und an sich macht (dazu verweise ich auch auf die längeren zitate von ihm hier ):
"Die zwei Fundamentalkategorien der subjektiven Erfahrung
Die primärkompetente Beziehungserfahrung beruht offensichtlich auf einem primärsinnlichen Erfahrungsmodus, der von primärfiktiven Elementen, die nicht aus der primärsinnlichen Eigenerfahrung (...) stammen, etwa wissenschaftlich-professionellen Theorieprothesen (auf Fremderfahrung basierende Fiktionen), begleitet, gesteuert, überlagert, durchdrungen, deformiert oder weitgehend blockiert werden kann. Immer wieder stoßen wir, in Psychologie und Psychopathologie, in der Theorie und in der Praxis, (...) auf dieses Spannungsverhältnis zwischen primärsinnlicher Erfahrung und Fiktion.
Wir erfahren die Welt, uns selbst mit eingeschlossen, entweder auf sinnlichem oder nichtsinnlichem Wege...oder überhaupt nicht. Sinnliche Erfahrung und nichtsinnliche Erfahrung, das sind die Fundamentalkategorien der subjektiven Erfahrung. (...) Auch das wieder eine scheinbare Banalität. (...) Mit diesem unscheinbaren Instrument läßt sich nunmehr der ganze Komplex um Beziehung und Nichtbeziehung, Authentizität und Simulation in der Weise neu ordnen, daß ein totalsimulatives Phänomen erstmals denkbar wird und systematisch bearbeitet werden kann. Bei dieser Basisordnung handelt es sich zugleich (...) um eine Banalität der alltäglichen Erfahrungspraxis, wie sie uns etwa in folgenden Behauptungen begegnet: Das bildest du dir nur ein, das ist nur Einbildung. Oder: Ich habe etwas mit meinen eigenen Augen gesehen, ich habe es deutlich gespürt. Natürlich ist dieser kleine Unterschied zwischen Einbildung und sinnlicher Erfahrung auch in wissenschaftlich-professionellen Kreisen nicht ganz unbekannt."
(j. e. mertz, "borderline..."; siehe literaturliste; s. 94/95)
der erwähnte "kleine unterschied" zwischen "primärsinnlich und primärfiktiv", zwischen sinnlicher erfahrung und einbildung ist imo das, was in den beiträgen zur subjektivität und objektivität weiter unten genauer skizziert worden ist - gemeint ist der objektivistische modus, das "konstruktivistische ich" als werkzeug - und nicht etwa als qualitativ eigener gegenpol! - der subjektivität. dieses verhältnis spielt auch bei der hier dargestellten kritik am menschenbild des nlp eine zentrale rolle. mit bezug auf diesen "kleinen unterschied" geht es weiter:
"Manche Schulrichtungen, vor allem das sogenannte Neurolinguistische Programmieren (NLP), kennen den Unterschied wohl, lösen ihn aber im Ernstfall vollkommen auf. Ob ein Erinnerungsbild tatsächlich eine sinnliche Eigenerfahrung repräsentiert oder nur eine bloß fiktive Produktion, die vom Betreffenden so erlebt wird, als ob es sich um eine frühere sinnliche Eigenerfahrung handeln würde, spielt hier keine Rolle mehr, weil der Betreffende selbst diese Als-Ob-Erinnerung als Repräsentation einer tatsächlich gemachten, d.h. sinnlichen Eigenerfahrung erlebt...die Differenz ist dann "egal" [R. B. Dilts 1991].
Gelegentlich ist aus dieser Ecke zu hören, das Gehirn könne nicht zwischen sinnlicher Erfahrung und bloß halluzinierter Erfahrung unterscheiden, beides werde gleichermaßen als real erlebt. Oder anders ausgedrückt: "Menschen reagieren auf ihre Abbildung der Realität, nicht auf die Realität selbst" [erster "Glaubenssatz" des NLP, T. Stahl 1992]."
(mertz, "borderline..."; s. 95)
an dieser stelle möchte ich ein paar bemerkungen wagen - wagen deshalb, weil es dabei um einen themenbereich geht, der tatsächlich komplex und kompliziert ist (und nicht nur so erscheint, wie einiges andere) - letztlich geht es darum, was eigentlich das wesen unserer realität in all ihren varianten ist - eine frage, auf die es nur versuche von antworten zu geben scheint und vielleicht nur geben kann - beim nachdenken. sinnlich ist das eindeutiger, und genau dieser unterschied ist es, um den es u.a. geht.
Sie werden sowohl in kritiken als auch selbstdarstellungen des nlp an einigen stellen finden, dass nicht wenige diese technik zum gebäude des psychologischen - und im weiteren sinne auch philosophischen - konstruktivismus zählen (auch mertz wird später darauf zurückkommen). nun habe ich weder vor, noch sehe ich mich in der lage, hier eine ausführliche auseinandersetzung mit dieser denkrichtung zu führen. ein paar persönliche assoziationen, die mir sowohl speziell bei der beschäftigung mit nlp als ausdruck des konstruktivismus als auch allgemein zum letzteren kommen, möchte ich aber trotzdem anmerken, weil sie für mich bei meiner eher ablehnenden haltung konstruktivistischen ansätzen gegenüber eine rolle spielen.
erstens: ich habe keinerlei grundsätzliche schwierigkeiten mit bestimmten vorstellungen, die sich bspw. durch bereiche wie die neurowissenschaften oder auch die moderne physik ergeben - ganz grob und verkürzt meine ich damit, dass wir durch unser gehirn und mittels unserer wahrnehmung in einem gewissen sinne erst das quasi erschaffen (das wort "konstruieren" greift an dieser stelle zu kurz und inpliziert imo auch etwas falsches), was wir als materielle realität um uns herum wahrnehmen - in dem sinne, das bspw. farben, gerüche, geschmack und all die unzähligen wahrnehmungen durch das zusammenspiel von im "außen" vorhandenen atomen und molekülen mit den atomen und molekülen unseres körpers zustandekommen. und das andere sinne bspw. bei tieren wie fledermäusen (ultraschall) für diese auch dafür sorgen, dass sie eine qualitativ andere welt als die menschliche erleben - wobei wir über dieses erleben nur spekulieren können. ich hoffe, das für Sie einigermaßen deutlich ist, was ich hier meine. aber wie gesagt: eine konstruktion im sinne einer rein aktiven bzw. bewußten handlung ist das für mich nicht, weil wir für die gesamte dauer unserer existenz untrennbar in diesen prozeß eingebunden sind und das sozusagen einen grundlegenden und integralen teil unseres seins ausmacht. ebenfalls ist unsere grundlegende und spezifisch menschliche realitätswahrnehmung an unsere körperlichkeit gebunden. und das ist imo zu unterscheiden von der art konstruktivismus, für die primär der objektivistische modus zuständig ist. und meine kritik bezieht sich eben auf diese letztere art.
zweitens: eine folgerung daraus kann ich hoffentlich ziemlich kurz abhandeln - es geht um den konsens der realität, den wir alle permanent und ununterbrochen produzieren. wobei es hier um die äußere realität geht - in der bspw. ein tisch durch seine funktion und handfeste beschaffenheit definiert wird, und in der wir durch die nutzung der sprache - hier eben des wortes "tisch" - dieses wissen bei uns allen aufrufen und uns derart verständigen können - und zwar relativ unabhängig von unseren ganz persönlichen assoziationen und empfindungen, die wir mit einem tisch ansonsten noch verbinden - die können sehr unterschiedlich sein, und vervollständigen sozusagen den grundkonsens "tisch" um eine einzigartige, individuelle note. nur in diesem sinne ließe sich behaupten, dass jede person einen tisch "für sich" wahrnimmt (wie es der radikale konstruktivismus nahelegen würde) - aber das ist eben nur die eine hälfte der realität, wobei sie untrennbar zur - und hier ist dieses wort angemessen - objektiven realität dazugehört. es lässt sich unmöglich sagen, dass die eine hälfte "besser" oder "realer" als die andere wäre - nur das die funktion, welche die objektive realität schafft, eine elementar subjektive ist (genauer nachzulesen in den weiter unten stehenden beiträgen zum thema objektivismus und subjektivität.)
und so wird hoffentlich deutlich, dass die trennung zwischen subjektiven und objektivitäten realitäten ein grundlegender irrtum ist - wenn es den anschein dieser trennung trotzdem gibt, so hat das gründe, die eher in unseren verrückten sozialen verhältnissen zu suchen (und zu finden) sind.
drittens: wenn schon der allgemeine, eher philosophische konstruktivismus derartige verwirrungen anzettelt, so wird das im falle der konstruktivistischen psychologischen ansichten geradezu kriminell: dieses denken konsequent auf das soziale leben angewandt, landet man(n) schurstracks beim solipsismus - in dieser sicht ist und bleibt jede/r von uns auf ewig eingekerkert in einer inneren zelle ohne ausgang, deren wände aus schichten von abbildungen, illusionen und fiktionen bestehen - ohne jede chance, jemals die tatsächliche realität wahrzunehmen. das erinnert nicht ganz zufällig auch an den autismus , wobei hier defektbedingt das meiste bzw. all das von dem verschwunden ist, was wir allgemein als subjektive realität zu bezeichnen pflegen - es bleibt einzig der objektivistische modus mit seinen konstruktionen übrig, die ohne den elementaren subjektiven teil zwar weiterhin funktional(!) subjektiv sind und bleiben, aber eben die typischen mechanistisch-toten eigenschaften der objektivistischen produktionen als totale und einzige realitätswahrnehmung zulassen - einfach, weil die wahrnehmungsfähigkeiten, die die lebendigen qualitäten wahrnehmen könnten, geschädigt oder nicht (mehr) vorhanden sind.
klingt verwirrend? ist es auch. aber bereits diese verwirrung ist imo ein indiz für die schädigungen unseres lebens, um die es hier geht. wie gesagt: lesen Sie vielleicht noch einmal die beiträge unten, in denen der objektivistische modus genauer beschrieben wird. und behalten Sie im kopf, dass er eine funktion der subjektivität darstellt. das, was wir als objektive realität bezeichen, wird zwar auch von diesem modus wahrgenommen, aber eben nur zu einem kleinen teil, der dann auch noch - aufgrund des werkzeugcharakters dieses modus - völlig verzerrt, nämlich tot und dinghaft, ist. unsere wahrnehmung dieser realität ist immer und grundsätzlich subjektiv, kann aber eben durch wahrnehmungsschädigungen einen "objektivistischen" anschein bekommen. und ein ganz grundsätzlicher irrtum scheint mir darin zu liegen, diesen dann übrig bleibenden verzerrten rest als "objektive realität" zu betrachten. wobei sich dieser irrtum von den davon betroffenen kaum vermeiden lässt, weil sie schlicht keinen vergleichsmaßstab haben. im übrigen entsteht die verwirrung nicht zum geringen teil durch die unterschiedlichen assoziationen, die wir den worten "subjektiv" und "objektiv" zuordnen.
der psychologische konstruktivismus scheint nach diesen assoziationen bspw. von einer völlig und ausschließlich "subjektiven" wahrnehmung auszugehen - aber wie ich oben versucht habe deutlich zu machen, ist das unsinn - er setzt eine defekte wahrnehmung, in der der objektivistische modus dominiert, als ganzes. und das ist entscheidend. gerade, weil diese angeblich "subjektive" (im sinne unserer assoziationen) wahrnehmung bestenfalls als egozentrisch, schlimmstenfalls als autistisch zu bezeichen ist und die vollständige subjektive wahrnehmung, die eben auch die grundlage für ein tatsächlich menschliches soziales leben darstellt, als nicht existent ignoriert. und das hat fatale folgen.
viertens: folgen z.b. der art, wie sie in der mehr oder weniger bewußten nutzung konstruktivistischer ansätze bei historisch-politischen oder auch justiziellen themen deutlich werden. ob es sich um die leugnung des holocaust, das immer noch vorkommende anzweifeln der erlebnisse vergewaltigter frauen vor gericht oder auch das sog. false-memory-syndrom geht - die konstruktivistischen einschläge sind unverkennbar:
- holocaustleugner führen gerne das wort "objektiv" im mund - "objektiv" habe es gar keine gaskammern gegeben, wäre zyklon b lediglich zur entlausung eingesetzt worden, und was dergleichen mehr verbraten wird. den überlebenden zeugInnen des terrors wurde und wird regelmässig eine rein "subjektive" (lies: verzerrte) erinnerung unterstellt. die wahnhafte konstruktivistische vorstellungswelt wird hier gleich mehrfach deutlich: a) die sog. "objektivität" ist eine radikal reduzierte; einmal werden tatsächlich objektive beweise für den massenmord als "fälschungen" deklariert oder ignoriert, zum anderen aber wird die subjektive erfahrung der überlebenden als belanglos vom tisch gewischt - die "objektivität" als dominierend gegen die subjektivität ausgespielt (und wieder nicht zufällig ähnelt das dem, was ich auch schon zur medialen diskussion der folter geschrieben habe). die vollständige wahrnehmung der objektiven realität des holocaust verlangt natürlich sowohl die vollständige subjektive wahrnehmung der objektiven beweise und die vollständige subjektive wahrnehmung der subjektiven erinnerungen der überlebenden, wobei gerade deren schmerzen und entsetzen integraler bestandteil dieser wahrnehmung sind und sogar in einem gewissen sinne die tatsächliche realität der vernichtung erst subjektiv zugänglich machen. die leugner kennen hier weder empathie noch erbarmen, und belegen genau dadurch, dass sie vorwiegend im objektivistischen modus agieren - der aber mit der objektiven realität der shoah nichts zu schaffen haben will. ich kann mir im übrigen nicht helfen, aber mich erinnert das frappierend an die praxis des doppel- oder zwiedenkens, wie sie von orwell beschrieben worden ist - die leugner wissen im allgemeinen sehr gut um die realität der shoah, leugnen dieses wissen aber offensichtlich auch vor sich - müssen es leugnen -, wenn sie denn "überzeugend" auftreten wollen. doppeldenk!
zum problem, dass die subjektiven erinnerungen der überlebenden durch die schiere wucht des traumas ebenfalls vom objektivistischen modus geprägt sein könnten, komme ich beim false-memory-syndrom.
- vergewaltigte frauen vor gericht: auch hier wird gerne nach "objektiven" beweisen dafür gesucht, dass es sich eindeutig um eine vergewaltigung (im strafrechtlichen sinne) gehandelt hat. auch hier ist der objektivitätsbegriff ein extrem reduzierter, der v.a. nicht berücksichtigt, dass gerade in situationen ohne massive - physische - gewaltanwendung die jeweiligen individuellen und subjektiven grenzen von frauen sehr verschieden sein können, und dazu noch diverse überlebenstrategien beachtet werden müssen, die weitere gewalttätigkeiten eventuell verhindert haben, später aber dann zuungunsten der frauen interpretiert werden. das prinzip ist uns bekannt: definiere die "objektive" realität, und du hast die macht. auch das ausspielen der "objektivität" gegen die subjektivität wird hier gerne betrieben, wobei hier ebenfalls in den weitaus meisten fällen der objektivistische modus am gange ist - das herrschende modell der "objektivität" verlangt die ignoranz gegenüber den schmerzen der opfer. und auch hier stellt sich am schluß eine ähnliche frage wie eben, in einem gewissen sinne auch mit mehr berechtigung: was ist, wenn der objektivistische modus die subjektivität der überlebenden prägt?
- false-memory-syndrom : bekannt geworden vor allem im kontext der sexualisierten gewalt gegen kinder, wird die tatsächliche möglichkeit der manipulation von erinnerungen (die imo in einzelnen fällen belegbar ist und sowohl bewußt als auch unbewußt von therapeutInnen praktiziert werden kann) meistens instrumentalisiert, was zwar vielleicht verständlich, aber völlig unakzeptabel ist. zu diesem syndrom gäbe es etliches zu sagen, aber das spare ich mir an dieser stelle - ich möchte nur auf die bedeutung hinweisen, den dieses phänomen im zusammenhang mit dem hier beschriebenen hat: wenn offensichtliche fiktionen produziert werden, egal, wie subjektiv bzw. persönlich sie auch erscheinen mögen, dann ist dafür der objektivistische modus verantwortlich. der aber kann als dauerzustand dominant sein, oder aber im falle von akuten, belastenden und (quasi-)traumatischen einflüssen zeitweise dominant werden. wobei für letztere eben nicht unbedingt die fiktiven ereignisse verantwortlich sind, sondern oft genug reale ereignisse, die jedoch nicht erkannt werden und/oder nicht bearbeitet werden können oder sollen, wofür es etliche gründe gibt. das ist eine variante. die andere ist auch der machtmißbrauch von therapeutischer seite, was therapeutInnen voraussetzt, deren persönlichkeitsstruktur und/oder die theoretischen modelle, mit denen sie arbeiten, sie für derartige manipulationen konstruktivistischer art anfällig machen.
letzteres bringt uns allmählich wieder zurück zum thema nlp, aber ein letztes noch vorher.
fünftens: es lohnt sich, in diesem ganzen kontext einmal genauer george orwells "1984" wieder zu lesen. zur metapher für die primär technologische überwachung geworden (die bei orwell übrigens letztlich wesentlich begrenzter ist als das totalitäre szenario, welches die heutigen techniken erlauben - das nur am rande), geht imo etwas unter, dass er sich auch mit den "geistigen" (in seinem sinne) bzw. psychophysischen aspekten der macht beschäftigt hat. ich war sehr erstaunt, als ich folgendes las:
"Sie sind hier, weil es Ihnen an Demut, an Selbstdisziplin mangelt. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis für geistige Gesundheit ist. Sie zogen es vor, ein Wahnsinniger, eine Einpersonenminderheit zu sein. Nur der disziplinierte Geist erkennt die Realität, Winston. Sie halten die Realität für etwas Objektives, Äußeres, das seinen eigenen Bestand hat. Sie glauben auch, das Wesen der Realität sei an sich selbstverständlich. Wenn Sie sich der Illusion hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, daß alle anderen das gleiche sehen wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, daß Realität nichts Äußeres ist. Die Realität existiert im menschlichen Geist und sonst nirgends. Nicht im Geist des Einzelnen, der irren kann und ohnehin bald untergeht; nur im Geist der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit erachtet, i s t Wahrheit. Die Realität lässt sich auschließlich durch die Augen der Partei erkennnen. Diese Tatsache müssen Sie wieder neu lernen, Winston. Es erfordert einen Akt der Selbstvernichtung (sic! mo), eine Willensanstrengung. Sie müssen sich erst demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können." (...)
"Aber wie könnt ihr denn die Materie kontrollieren" stieß er hervor. "Ihr kontrolliert ja nicht einmal das Wetter oder die Schwerkraft. Und es gibt Krankheit, Schmerz und Tod --"
O´Brien brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. "Wir kontrollieren die Materie, weil wir den Geist kontrollieren. Realität findet im Schädel statt. Sie werden es schrittweise lernen. Es gibt nichts, was wir nicht könnten. Unsichtbarkeit, Levitation - alles. Wenn ich wollte, könnte ich wie eine Seifenblase über dem Boden schweben. Ich will es nicht, weil die Partei es nicht will. (...) Die Naturgesetze machen wir."
(aus den lektionen während der folterung von winston smith, zitiert nach: george orwell, "1984"; ausgabe der "ozeanischen bibliothek 84"; ullstein; frankfurt/main 1984)
uff. klingt das nicht ganz erstaunlich modern, einmal die passagen über die partei, die orwell 1948 speziell hinsichtlich der nazis und des stalinismus hereinarbeitete, aussen vor gelassen? das mitglied der inneren partei, o`brien, erweist sich tatsächlich als radikaler konstruktivist, der seinem opfer mittels konditionierung durch folter eine lektion positiven denkens erteilt - "es gibt nichts, was wir nicht könnten" - klingt´s nicht wahrscheinlich genauso ähnlich in den hunderten von coaching-, selfmanagement- und auch nlp-seminaren? grenzenlos...(e) fiktionen - die natürlich gegen krankheit, schmerz und tod höchstens einen placeboeffekt haben - aber zu welchem preis?
auch die umdefinierung von "geistiger gesundheit" klingt verblüffend - deutlich wird darunter die akzeptanz und anpassung an die gesellschaftsstragenden fiktionen verstanden. das hat eine gewisse ähnlichkeit mit der wiederherstellung der "arbeitsfähigkeit", die mehr oder weniger unausgesprochen von großen teilen der offiziellen psychiatrischen und psychotherapeutischen institutionen als primäres merkmal "psychischer gesundheit" verstanden wird (und auch als konkreter maßstab benutzt wird.)
im weiteren verlauf der gehirnwäsche oder auch umprogrammierung merkt o`brien an:
"Ich sage Ihnen doch, Winston" meinte er, "daß Metaphysik nicht Ihre starke Seite ist. Das Wort, das Sie suchen, heißt Solipsismus. Aber Sie irren sich. Das ist kein Solipsismus. Kollektiver Solipsismus, wenn Sie so wollen. Doch das ist etwas anderes: eigentlich das Gegenteil davon. Aber wir schweifen nur vom Thema ab", sagte er in verändertem Tonfall.
(orwell, "1984")
o`brien hat allen grund, das thema zu beenden - "kollektiver solipsismus" ist als reine tatsachenbeschreibung eines zustands zulässig, inhaltlich jedoch ein widerspruch in sich selbst - mit kollektivität hat das absolut nichts zu tun, ganz im gegenteil - die partei ist streng darauf bedacht, dass alle voraussetzungen für echte kollektivität - d.h. echtes soziales leben - grundsätzlich ausgerottet werden. als alleine an der macht an sich interessierte (auch darüber monologisiert o´brien) kann die fiktive elite ozeaniens keinerlei interesse an irgendwelchen authentischen sozialen impulsen haben. stattdessen gibt es die auch aus der realen historie bekannte karikatur von kollektivität - eine zwangsgemeinschaft, in der sich alle unablässig untereinander kontrollieren und terrorisieren, und die keinerlei freiräume für rückzüge und individuelle entfaltung lässt, die an sich zur authentischen kollektivität dazugehören. völlig vereinsamt und isoliert innerhalb einer ständig präsenten masse, die eine permanente simulation von gemeinschaft fordert und erzwingt - das ist tatsächlich das prinzip der "volksgemeinschaft", die um so besser funktioniert, wenn möglichst viele ihrer mitglieder sich selbst umprogrammiert haben - wie es o´brien berechtigt nennt, ein "akt der selbstvernichtung" - wobei das im wortwörtlichsten sinne zu verstehen ist. das lässt sich imo berechtigt als eine autistische gesellschaft bezeichnen, in der der autismus allerdings durch ständige simulationen verborgen ist.
Das Verbrechen der Partei lag darin, daß sie einem eingeredet hatte, bloße Regungen, bloße Gefühle seien bedeutungslos, während sie einen gleichzeitig aller Macht über die materielle Welt beraubte.
na, fällt Ihnen was auf? ersetzen Sie "partei" einmal durch "regierung", oder auch "konzernleitung"...orwell hat eindrucksvoll das wesen jeder guten fiktion bzw. simulation gesellschaftlicher verhältnisse klargemacht: er hat seinen objektivistischen modus als werkzeug genutzt, um seine sehr korrekten (und bedrohlichen) subjektiven wahrnehmungen zu bündeln und zu vermitteln. er wußte, was allen machtmenschen ein greuel ist:
Was zählte, waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, und eine hilflose Geste, eine Umarmung, eine Träne, ein Wort zu einem Sterbenden konnten ihren eigenen Wert besitzen.
werte, die in ihrer authentischen form der vollen subjektiven - und folglich auch objektiven - menschlichen realität entsprechen, wie sie möglich sein könnte. werte, die der objektivistische modus zwar simulieren, aber nicht wirklich begreifen kann. und werte, die sich jedem machtkalkül entziehen - vielleicht ließe sich sagen, sie besitzen ihre ganz eigene macht, die von jener weltenweit entfernt ist.
selbst der "als-ob-modus" lässt sich finden:
Als Winston das augenlose Gesicht mit dem rasch auf- und zuklappenden Unterkiefer betrachtete, beschlich ihn das sonderbare Gefühl, keinen richtigen Menschen, sondern eine Art Puppe vor sich zu haben. Hier sprach nicht das Gehirn des Mannes, sondern sein Kehlkopf. Was dabei herauskam, waren zwar Worte, aber keine Sprache im eigentlichen Sinne: es waren unbewußt geäußerte Laute, wie das Quaken einer Ente.
wenn ich es irgendwann mal schaffe, den beitrag zum thema "psychopathie" zum ende zu bringen, werden darin aus dem psychiatrisch-klinischen kontext ganz ähnliche beschreibungen auftauchen...und orwell wird hier bestimmt auch noch in anderen zusammenhängen wiederauftauchen. damit beende ich die längere abschweifung.
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wobei ich mich frage, wie orwell wohl das nlp gefunden hätte - auf neusprech lässt sich ein neulingpro draus machen - klingt doch positiv, "neu" und "pro" - und das linguistische umprogrammieren ist ja eh bereits sein thema gewesen, na, und die vorsilbe neuro lässt sich als zugeständnis an die modernen zeiten begreifen. weiter zum thema nlp mit herrn mertz, wobei seine folgenden worte die fortsetzung vom anfang sind - und vor der gerade umrissenen gestalt des konstruktivismus werden diese worte womöglich besser zu verstehen sein - schauen Sie sich nochmal den ersten nlp-"glaubenssatz" im zitat oben an.
"Es handelt sich hier um ein ganz eindeutig psychotisches Erfahrungsmodell, das uns ganz offen und vollkommen ungeniert als angebliche Universalie angedient wird. Der Mensch an sich bleibt hier eingekapselt in selbst produzierten Abbildungen (fiktiven `Landkarten´ usw.) und ohne unmittelbaren Zugang zur Realität jenseits seiner eigenen Konstruktionen und Halluzinationen. Der NLP-Mensch leidet also, streng genommen, an einer Psychose, und zwar an einer außerordentlich schwerwiegenden und chronischen Form der Schizophrenie, denn selbst gewöhnliche Schizophrene `wissen zu unterscheiden zwischen *ihren* Stimmen und derjenigen des Untersuchers (...)´
Dieser extrem pathomorphe Alptraum in Gestalt des NLP ist wohl kaum ganz zufällig, quasi aus Versehen zustande gekommen: Wir dürfen durchaus davon ausgehen, daß die Erfinder und Protagonisten des NLP hier nicht unbedingt immer einfach irgend etwas hastig dahinplappern, sondern zum Teil tatsächlich auch aus ihrer ureigenen (psychotischen) Erfahrung schöpfen, die sie jedoch irrigerweise generalisieren und theoretisch sogar noch amplifizieren (der NLP-Mensch fällt z.B., was seine Unterscheidungsfähigkeit betrifft, noch hinter den gewöhnlichen Schizophrenen zurück). (...) Das sog. NLP, wir kommen später darauf zurück, präsentiert sich als hochkarätiges tiefensimulatives Inventar.
Wir können diesen eindeutig psychotischen "ersten Glaubenssatz" des NLP jederzeit durch ein einfaches Experiment widerlegen: Während dieser seltsame, in seinen psychotischen Denkwelten ("Landkarten") gefangene NLP-Experte beispielsweise hurtig an uns vorbeiläuft, stellen wir ihm, ohne Vorwarnung und mit großem Geschick, ein ganz und gar empirisches Bein. Und was passiert dann? Unser NLP-Experte fällt, er fällt plötzlich hin. Auf unser ziemlich reales empirisches Forscherbein, auf diese nackte Realität hat unser NLP-Experte angeblich nicht reagiert, denn auf Realitäten reagiert er grundsätzlich nicht, sagt er. Unsere Fragen an den gestrauchelten NLP-Menschen lauten nun: Auf welche "Abbildung der Realität" hat er nun als wirklich glaubensfester NLP-Mensch in diesem Fall reagiert, welche Landkarte in seinem Kopf hat ihn da zu Fall gebracht? Und: Ist diese, seine Abbildung der Realität nicht ziemlich irrelevant, wär er nicht in jedem Fall hingefallen, ganz unabhängig von seinen lächerlichen Abbildungen, Landkarten usw.? Ist es nicht doch einzig und alleine die körperliche Realität unseres empirischen Forscherbeins, die den NLP-Experten zu Fall bringt? Der Realitätsbegriff jedenfalls, den das sog. NLP propagiert, hat ganz gewiß nichts mit unserer gemeinsamen Realität zu tun, die NLP-Realität ist die Realität des psychologischen Konstruktivismus, und die beschreibt eine psychotische Erfahrungswelt."
(mertz, "borderline...", s. 95/96)
ich musste beim niederschreiben dieser recht boshaften experimentellen simulation wieder mal vor mich hinkichern, trotz oder gerade deswegen, weil das thema ernst ist - aber tatsächlich: wer den konstruktivismus ernst nimmt, landet unweigerlich in einem zustand wie dem, in dem sich der orwellsche folterer o´brien befindet, wenn er herumtönt, dass er, "wenn er nur wolle", schweben wie eine seifenblase würde. ich finde ja, dass gegen derlei solipsistische anwandlungen mindestens zwei probate mittel existieren: einmal frische und halbflüssige hundescheiße, die einem am schuh hängt, und zum anderen bohrende zahnschmerzen - es ist recht schwierig, sich beidem gegenüber ignorant zu verhalten. und noch schwieriger ist es, sich selbst zu begründen, warum zum teufel einem das eigene hirn gerade derartige realitäten konstruiert...wobei: ignoranz lässt sich dann durchhalten, wenn die eigenen wahrnehmungsfunktionen schon derart durch sind, dass derlei ereignisse einfach nicht oder nur gefiltert und fragmentarisch wahrgenommen werden können. und darin scheint auch das eigentliche geheimnis eigentlich aller konstruktivistischen ansätze zu liegen: von und für menschen entwickelt, bei denen genau diese voraussetzung zutrifft. wenn wir uns deutlich machen, dass wir seit tausenden von jahren und seit unzähligen generationen hindurch mit sozialer gewalt in teils extremen formen mitsamt ihren traumatischen folgen zu tun haben, und die wirkungen daraus auf unsere psychophysischen funktionen bedenken - dann fällt es eigentlich nicht so schwer, die wahrscheinliche quelle solcher konstrukte zu orten.
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und damit beende ich den ersten teil zum thema "nlp". im zweiten wird es speziell um den begriff der manipulation gehen.