kontext

Samstag, 26. Januar 2008

kontext 37: "...nicht grundsätzlich gefühllos..."

beim überfliegen eines prozeßberichtes anlässlich des hungertodes der kleinen jacqueline bin ich über ein paar passagen gestolpert, die nicht nur wieder mal die ganze hilflosigkeit justizieller reaktionen auf ein solches geschehen deutlich machen, sondern auch sonst etliche fragen aufwerfen:

(...)“Ihre Mutter trug das ausgemergelte, vollkommen dehydrierte und unterernährte Kind zu einer Ärztin und tat verwundert, als diese nur noch den Tod des Mädchens feststellen konnte. Zu diesem Zeitpunkt wog Jacqueline nur noch sechs Kilogramm. Kinder in diesem Alter wiegen üblicherweise das Doppelte.

Bis zum Tag der Geburt hatte die 22-Jährige die Schwangerschaft mit Jacqueline verschwiegen - sogar dem Vater. "Wir müssen ins Krankenhaus, ich glaube, ich kriege ein Kind", soll sie ihrem verdutzten Ehemann am 14. Januar 2006 gesagt haben. Wenige Stunden später kam Jacqueline zur Welt. "Ich weiß es erst seit heute morgen", sagte der überraschte Vater gegenüber einer Hebamme im Kreißsaal. Jene Hebamme bestätigte auch, dass das Unvorstellbare möglich war: Selbst sie habe bei Judith H. äußerlich keine Schwangerschaft erkennen können. Durch psychische Einflüsse sei es in Ausnahmefällen möglich, dass bei verdrängten Schwangerschaften keine äußeren Anzeichen zu erkennen seien.“(...)


die im letzten satz genannte information ist für mich persönlich neu, aber durchaus vorstellbar. aber bei einem solchen geschehen stellen sich beim heutigen wissensstand sofort fragen nach der
pränatalen beziehung – oder in diesem fall besser: dem verhältnis – von dieser mutter zum kind. soll man bei einem szenario wie oben dargestellt wirklich von einer liebevollen und beziehungsfähigen mutter ausgehen, wenn das ausmaß der verdrängung - in diesem fall ebenfalls vielleicht angebrachter: ablehnung - gegenüber dem fötus die schwangerschaft bis in die (sichtbare) körperliche ebene derart massiv zu beeinflussen imstande ist? die argumente für die antwort „nein“ verstärken sich beim folgenden:

(...)“Von Jacquelines erbärmlichen Zustand will er nichts mitbekommen haben. Seine Frau hatte das vor Gericht bestätigt und ein schriftliches Geständnis abgelegt: "Ich selbst trage die Schuld, dass meine Tochter sterben musste." Sie habe keine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können. "Ich versuchte, sie zu versorgen, wusste aber sonst wenig mit ihr anzufangen. Ich konnte nicht mit ihr schmusen oder sie lange auf den Arm nehmen." Nach der Geburt sei sie voller Panik gewesen, dass sie nun für dieses Kind die Verantwortung tragen. "Ich wollte nur noch schlafen und versuchte, die Kleine mechanisch zu versorgen."(...)

besonders leserInnen von mertz´ borderline-buch werden vielleicht beim anblick dieser sätze ein ebenso unheimliches déjà vu verspüren wie ich – fast haargenau gleichen sich die aussagen in einem ausführlichen fallbeispiel, anhand dessen mertz die nicht-beziehung einer borderline-mutter (in seinem modell gleichbedeutend mit einer simulationsfähigen autistischen mutter) prä-, peri- und postnatal zu ihrem kind deutlich macht. und das wort „mechanisch“ ist in diesem zusammenhang durchaus treffend: die angeklagte mutter befand bzw. befindet sich mit sehr großer wahrscheinlichkeit in dem bewußtseinsmodus, den ich hier im blog mit dem attribut objektivistisch bezeichne – ein modus, der bei dominanz in einem menschen dazu tendiert, alles lebendige zu verdinglichen – mit regelmäßig katastrophalen folgen.

ebenso habe ich mich schon öfter darüber aufgeregt, dass sowohl orthodoxe psychiatrie als auch justiz von solchen verhältnissen nichts wissen wollen – und lieber auf simulationen hereinfallen:

(...)“Nach Ansicht der Kammer hat die 22-Jährige bewiesen, dass sie nicht grundsätzlich gefühllos war. Zeugen hatten bestätigt, dass die Hausfrau durchaus zärtlich zu ihrem Kind war.“(...)

ich frage mich allerdings, was das für zeugen gewesen sein könnten. etwa die, deren wahrnehmungs(un)fähigkeiten im anschluß zur sprache kommen?

(...)“Nie habe man die Eltern mit ihrem Kind gesehen, immer nur mit den Hunden. "Schlimm, dass wir das alle nicht gemerkt haben."
Das betonte auch Richter Gaßmann in der Urteilsbegründung und wandte sich an Familienangehörige und Freunde: Warum haben sie nicht nachgefragt, wo Jacqueline ist oder haben sich abwimmeln lassen? Warum hat niemand insistiert?“(...)


vielleicht deswegen, weil die mutter, die so erfolgreich ihre schwangerschaft verdrängt hat, trotzdem durchaus „zärtlich“-mechanisch mit ihrem kind umgegangen ist? die eltern scheinen bezgl. ihrer sozialen unfähigkeiten das passende soziale milieu gefunden zu haben. und der offensichtliche widerspruch in den zeugenaussagen hat keine weitere rolle gespielt.

ebenso unentschuldbar und eigentlich schon ein kunstfehler seitens des gutachters, dass die pränatale phase mit ihren auffälligkeiten offensichtlich weder im psychiatrischen gutachten noch – zwangsläufig als folge – in der juristischen bewertung eine rolle gespielt hat. ich wäre ja gerne bei diesem prozeß dabei gewesen, um unmittelbar sinnliche eindrücke von allen beteiligten zu bekommen – wenn ich mich aber auf die berichterstattung verlasse, wäre das allerdings wahrscheinlich das äquivalent zu einer fiesen geisterbahnfahrt geworden...

die ganze sache jedenfalls hat mich so beschäftigt, dass ich nach weiteren fragmenten recherchiert habe, die vielleicht eine genauere aufklärung erlauben – bei berichten aus den mainstreammedien eine immer wieder undankbare aufgabe, da solche berichte regelmäßig entweder unter „panorama“ oder „blick in die welt“ als quasi zerstreuende unterhaltungslektüre gepackt und ebenso regelmäßig von ihren sozialen, kulturellen und politischen hintergründen gelöst werden. mit dieser einschränkung im hinterkopf sind die folgenden fragmente zu lesen – hier das
erste :

(...)“Die Mutter sei lethargisch und von ihrer Ehe enttäuscht gewesen, weil ihr Mann sie nur als Sexobjekt gesehen habe.“(...)

den vater habe ich bisher außen vor gelassen, aber nicht nur die obige aussage – selbst wenn sie als eine art schutzbehauptung fungieren sollte – macht deutlich, dass sich der mann gleichfalls in einem überwiegend objektivistischen modus befunden haben muss. wäre übrigens bei solchen menschen hinsichtlich der partnerwahl nichts überraschendes – die selbst- und fremdverdinglichung ist etwas gewohntes, und so müssen beide nicht auf die idee kommen, etwa ihren zustand aufgrund der irritationen des jeweils anderen infrage stellen zu müssen.

eine weitere
quelle :

(...)“Die Eltern haben nach Erkenntnissen der Polizei Cannabis und Amphetamine genommen,...“(...)

das könnte irrtümlicherweise zu dem schluß verleiten, hier handele es sich um typische und partiell verwahrloste junkie-eltern, was als aussage auch regelmäßig impliziert, die drogen wären ursächlich verantwortlich. das aber ist selbst bspw. bei gewohnheitsmäßigen fixern regelmäßig unsinn – suchtstrukturen und drogenabusus sind in aller regel sekundäre phänomene, die auf einer bereits geschädigten psychophysischen verfassung „aufsitzen“, und da im bereich von traumata und/oder den persönlichkeitsstörungen wie borderline auch durchaus als versuche der selbstmedikation angesehen werden können, ebenso häufig aber die ursprünglichen beziehungsprobleme nur verstärken – was bei cannabis in einem solchen fall wie hier bedeutet, dass eine tödliche gleichgültigkeit offen herauskommt, während amphetamine durchaus in der lage sind, tendenzen sozialer / beziehungsunfähiger kälte stärker herauszuarbeiten. die drogen passen in diesem fall jedenfalls zum gesamtkontext.

weiter mit der letzten quelle:

(...)“Seit geraumer Zeit habe das Ehepaar niemanden mehr ins Haus gelassen, sagte ein Polizeisprecher. Polizisten fanden die Wohnung völlig verwahrlost vor. Nach Angaben der Ermittler herrschten "chaotische Zustände". Die beiden Hunde hätten keine Zeichen von Vernachlässigung gezeigt.“(...)

selbst bei berücksichtigung von vielleicht übertrieben bürgerlichen vorstellungen von häuslicher ordnung teile ich in diesem fall die polizeiliche wertung. gleichfalls wird eine nicht mehr überraschende soziale isolation sichtbar. die nächste information jedoch wirft wieder einige fragen auf:

(...)“Die Frau hat bereits ein vier Jahre altes Kind, das zur Adoption frei gegeben worden war.(...)

auch das spricht erstens nicht unbedingt für die beziehungsfähigkeiten der mutter; zweitens aber wäre es zu einer realistischen einschätzung des ganzen zustandes der mutter eigentlich nötig, auch die verfassung dieses kindes genau zu betrachten – wie hat dieses kind eine solche familienstruktur bisher überstanden, und mit welchen folgen? ich möchte bezweifeln, dass sich die oder der zuständige gutachter mit dieser frage beschäftigt hat – einfach aus der kenntnis der dissoziierenden theorie und praktisch der etablierten psychiatrie heraus. dabei wäre es eigentlich notwendig, dass sich gutachter in solchen fällen auch mit solchen
ansätzen wie im link vorgestellt auskennen, und dann dem adoptierten kind auch vielleicht bei aussagen wie den folgenden zuhören könnten:

(...)“ Anfangs beschäftigt sich die Autorin mit der Frage, was Borderline-Mütter, die sie „Als-ob-Mütter“ nennt, in ihren Kindern auslösen. Folgende Gedanken nennt sie als typisch für Kinder mit einer Borderline-Mutter: „Ich weiß nie, was mich erwartet.“ „Ich vertraue ihr nicht.“ „Sie sagt, es ist nichts geschehen.“ „Bei ihr fühle ich mich schrecklich.“ „Alle andern denken, sie sei ganz großartig.“ „Es geht immer um alles oder nichts.“ „Sie ist so negativ.“ „Sie flippt aus.“ „Manchmal kann ich sie nicht ausstehen.“ „Sie macht mich verrückt.“(...)

als-ob-mütter – das trifft es schon. aber bereits die anerkennung der existenz solcher mütter mit allen ernsten implikationen nicht nur für das herrschende mütter-, sondern auch für unser gesamtes menschenbild ist für diese gesellschaft offensichtlich immer noch too much. die vielfältigen konsequenzen aus dieser verweigerung tragen wir immerhin gerechterweise alle.

*

eine art zusammenfassung der – juristisch relevanten – informationen dann in der
letzten quelle , die ich zitieren möchte:

(...)“Das Mädchen war im März vergangenen Jahres verhungert und verdurstet, nachdem ihre Eltern die Pflege und Versorgung des Kindes weitgehend eingestellt hatten. Die Mutter habe gesehen, wie sich Jacqueline von einem blühenden Lebewesen zu einem Kind mit einem Greisengesicht entwickelt habe, sagte der Richter.
Das Mädchen war so wund, dass sich die Haut zwischen Knien und Nabel ablöste. "Dass dies eine Qual für das Kind war, sah die Angeklagte", sagte Gaßmann. Trotzdem habe sie aus einer "sehr großen Überforderung" heraus keine Hilfe geholt.(...)

(...)Der Mann habe auch um den Zustand des Hauses gewusst, das die Polizei später völlig vermüllt vorfand.
"Er hätte dem Kind helfen müssen", befand der Richter: "Das kann er nicht auf seine Frau abschieben." Diese hatte ihm immer wieder gesagt, dass Jacqueline schlafe, wenn er nach ihr fragte. Zu seinen Gunsten nahm das Gericht an, dass der Vater nicht wusste, wie es im Kinderzimmer aussah. Dort lagen zahllose verschmutzte Windeln.(...)

(...)Nach ihrer Überzeugung haben die Eltern des Mädchens die Versorgung des Kindes eingestellt, weil sie sich lieber um ihre eigenen Interessen kümmern wollten. Die Hunde und Fische der Familie seien wohl genährt gewesen.“(...)


stichwort herrschendes mütterbild: selbst wenn eine mutter ganz offensichtlich mehr oder weniger unberührt ihrem leidenden kind zuschaut, darf das laut den herrschenden vorstellungen keine grundsätzlichen fragen nach der allgemeinen beziehungs- und liebesfähigkeit einer solchen mutter aufwerfen – sie holt sich dann keine hilfe wg. „einer sehr großen überforderung“. hallo? selbst bei schweren ökonomischen problemen – die hier noch nicht mal eine rolle gespielt haben – sind beziehungsfähige mütter in aller regel daran existenziell interessiert, für sich und ihr kind die notwendige hilfe zu holen. scham? ja, gibt es – aber überlegen Sie mal selbst: was bedeutet es denn eigentlich, wenn eine vorhandene scham – in form von „was werden die leute sagen?“, „bin ich eine schlechte mutter?“ und dergleichen – dazu führen sollte, das selbst geborene kind lieber erbärmlich sterben zu lassen und zu verschweigen – und zwar nur, um das selbstkonstruierte image nach innen und außen zu wahren? ganz recht: es bedeutet, das der schein, das objektivistisch konstruierte bild, welches eine solche mutter von sich hat und nach außen abgeben möchte, wichtiger als die realität ist, in der ganz real ein kind verhungert.

seltsam zwiespältig: die mutter wird derart gleichzeitigt entschuldigt, bei der strafe aber verstärkt bedacht. das weist meiner meinung nach deutlich auf einen gesellschaftlichen entlastungsprozeß hin: die „böse mutter“, die „eigentlich“ nicht böse ist (sein soll), aber trotzdem härter bestraft wird als der in meinen augen gleichfalls im großen maße mitverantwortliche mann (was ist das für ein vater, der sich angeblich so vom betreten des kinderzimmers abhalten lässt? der für hunde und fische mehr interesse aufbringt als für ein kind? bei seinen geschilderten tränen im prozeß jedenfalls bleibt sehr offen, aus was für einer motivation sie eigentlich geflossen sind). derart jedenfalls wird sowohl der gesellschaftlichen als auch der justiziellen konvention genüge getan – ohne, dass etwas grundsätzlich falsches an diesen konventionen angetastet werden müsste.

in diesem konkreten fall jedenfalls dürfte es tatsächlich der staatsanwältin gelungen sein, sich der kalten und traurigen realität hinter dieser geschichte noch am deutlichsten zu nähern. natürlich ohne weitere konsequenzen – denn gesellschaftlich müsste ganz rational und auch emotional eigentlich ein starkes interesse daran bestehen, die bedingungen von derartigen „fällen“ erstens ganzheitlich zu verstehen, um dann zweitens im interesse aller beteiligten wirksame prävention zu entwickeln. da letzteres aber aller wahrscheinlichkeit nicht geht, ohne die derzeitigen pathologischen gesellschaftlichen verhältnisse auf breiter – ganz breiter – basis elementar zu verändern, und dazu noch der aspekt der bloßen rache bei der strafjustiz unausgesprochen eine hauptrolle spielt, bleibt hier wieder mal alles auf der ebene einer als-ob-bewältigung. die bedingungen im knast jedenfalls sind bestens dazu geeignet, aus den eltern ganz offene soziopathen zu machen. und alles zusammen lässt sich auch als weiteren ausdruck der neulich thematisierten
deutschen zustände ansehen, die in ihrer ganzen verwahrlosung und bedrohlichkeit noch kaum begriffen worden sind.

* * *

in eigener sache: den angekündigten beitrag zur jugendgewalt möchte ich erst mit abstand nach den morgigen
demokratiesimulationen veröffentlichen – ich halte das thema für wichtig genug, um auch jenseits des derzeitigen medialen hypes dran zu bleiben. und als eine art vorbereitung sowie auch als ein antwortversuch zu den vor einiger zeit gestellten fragen nach möglichen zusammenhängen zwischen asperger-autismus, alexithymie und soziopathie wird davor noch ein weiterer basis-beitrag zur letzteren folgen.

Montag, 8. Oktober 2007

kontext 36: kriegstraumata bei der bundeswehr

die junge welt kommt heute mit einem schwerpunkt zum thema, der neben einem allgemeinen überblick zur situation in der bundeswehr besonders die hier schon öfter erwähnte täter-opfer-dialektik bei den folgen von man-made-violence in den focus rückt:

(...)"684 Bundeswehrsoldaten sind bislang wegen Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) behandelt worden. Das teilte die Bundesregierung im Februar dem Bundestagsabgeordneten Gert Winkelmeier mit. Das sind rund ein Prozent derjenigen, die zwischen 1996 und 2005 im Auslandseinsatz waren. Der Bundeswehrpsychiater Karl-Heinz Bisold geht aber von weit höheren Zahlen aus. Im Deutschen Ärzteblatt (Nr. 41/2006) schätzte er den Anteil behandlungsbedürftiger Soldaten nach Auslandseinsätzen »auf zwei bis fünf Prozent«. Das Problem sei, so Biesold, »daß die Soldaten sich nicht eingestehen wollen, daß sie krank sind«, aus Furcht, von den Kameraden verachtet zu werden.

Auch fünf Prozent dürften noch untertrieben sein. Eine US-Untersuchung mit GIs, die den Vietnamkrieg führten, aus dem Jahr 1992 ermittelte, daß rund 15 Prozent von PTBS betroffen waren, bei Soldaten mit »hoher Gefechtsintensität« sogar über 38 Prozent. Von den Irak-Rückkehrern leidet nach einer Studie des »Walter Reed Army Institute of Research« aus dem Jahr 2004 knapp jeder achte US-Soldat an der psychischen Störung."(...)


zur situation in den usa siehe auch hier - "benutzt und weggeworfen".

(...)"Und doch, die Bundeswehr sieht sich veranlaßt, das Problem auch selbst zu thematisieren. Im Vordergrund steht Abhärtung: den Soldaten werden Techniken zum Streßmanagement und »realitätsnahe« Einsatzvorbereitungen vermittelt, wie z.B. simulierte Geiselnahmen. Daß manche Ausbilder dabei über die Stränge schlagen, hat sich gezeigt, als Rekruten im Ausbildungslager Coesfeld im Jahr 2004 mehrfach mißhandelt wurden."(...)

mit potenziell traumatischen mitteln auf ein trauma angeblich vorbereiten: das ist wirklich eine irre logik. und eine logik, so wäre zu ergänzen, die einen wahren kreislauf des irrsinns produziert:

(...)"Der Luftwaffenpsychologe Bernd Willkomm schrieb in der Bundeswehrzeitschrift Y im Dezember 2006: »Je länger dann ein Auslandseinsatz dauert, umso mehr kann es bei den Soldaten … zur Absenkung von Hemmschwellen führen.« Damit erklärt der Psychologe auch, daß sich Soldaten in Afghanistan mit Skeletteilen in Pose gesetzt haben. Es habe sich dabei »mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine sogenannte passive Aggressivitätshandlung« gehandelt. »Aktive« Handlungen, wäre zu ergänzen, haben US-Soldaten im Folterknast Abu Ghraib im besetzten Irak vorgeführt. Deswegen geht das Thema auch Antimilitaristen an. Traumatisierte Soldaten sind latent aggressiv. Und sie traumatisieren Zivilisten, die ihrerseits ihre Aggressionen weitertragen und zu Tätern werden können."(...)

*

die letztgenannte fatale dynamik wird auch in einem interview mit der ärztin veronika engl thematisiert:

(...)"Sind Posttraumatische Belastungsstörungen ein typisches Soldatenproblem?

Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Soldaten und Zivilisten. Ausschlaggebend ist, daß jemand Gewalt erlebt, entweder gegen sich selbst oder gegen jemanden in der unmittelbaren Umgebung. Als Zivilist erleben Sie eher eng umgrenzte Ereignisse, etwa einen Autounfall. Soldaten dagegen sind in einer dauerhaft traumatisierenden Situation. Man spricht hier von einer multiplen bzw. seriellen Traumatisierung. Dadurchsteigt das Risiko, in der Folge an einerTraumafolgestörung zu erkranken, wenn die Erfahrungen nicht fachgerecht behandelt und verarbeitet werden können.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil betroffener Soldaten?

Den muß man nicht schätzen. Es gibt umfangreiche Forschungen dazu, und man weiß, daß rund 20 Prozent der Soldaten, die in kriegerischen Einsätzen Gewalt erleben, später an PTBS leiden. Das Risiko steigt mit der Einsatzdauer und der Intensität der Gewalt.

Das Weißbuch der Bundeswehr sieht vor, daß ab 2010 bis zu 14000 Soldaten gleichzeitig im Auslandseinsatz stehen …

Man muß davon ausgehen, daß von diesen 14000 Soldaten, soweit sie direkte Bedrohung erfahren, rund 20 Prozent behandlungsbedürftig werden. Wenn die Behandlung unterbleibt, heißt das: Viele Soldaten werden unter irreversiblen Störungen leiden, nicht mehr arbeitsfähig sein, gegen sich selbst und andere gewalttätig – das wären unermeßliche soziale Kosten."(...)


in diese "sozialen kosten" muss dann auch eine art der allgemeinen gesellschaftlichen verrohung miteinbezogen werden, für die derart traumatisierte soldaten quasi als multiplikatoren wirken können - ein drastisches beispiel aus den usa.

(...)"Wie ist der Stand der PTBS-Forschung in Deutschland?

Deutschland war lange ein Nachzügler. Im Ersten Weltkrieg sprach man hierzulande noch von der »Zitterneurose« und begegnete den Soldaten mit ungeheurem Zwang. In der englischen Armee war PTBS schon damals als Krankheitsbild anerkannt. Erst in den letzten 20 bis 25 Jahren hat sich die deutsche Medizin intensiv des Themas angenommen. Den Anstoß gab vor allem die feministische Theorie und Psychotherapie. Die psychotherapeutische Behandlung nach häuslichen Gewalttraumata ist, wie schon gesagt, nicht grundverschieden von der Behandlung bei kriegsgenerierten Störungen.

Hat das eine überhaupt mit dem anderen zu tun?

Allerdings. Der Staat schickt Männer und Frauen in den Krieg, die traumatisiert werden und andere traumatisieren. Soldaten und Zivilisten, die hinterher unter Störungen leiden, richten Aggressionen gegen sich selbst oder, und das betrifft einen bedeutenden Teil der Kriegsopfer, gegen andere Menschen. Gerade Männer neigen viel eher dazu, die Aggressionen, die sie erleiden mußten, nach außen zu wenden.

Soldaten sind also Täter und Opfer zugleich?

Zumindest aus medizinischer Sicht. Der sogenannte »Krieg gegen Terror« ist nichts anderes als Terror durch Krieg. Wir Menschen sind nun mal nicht dafür geschaffen, anderen Gewalt anzutun und Gewalt zu erleben – es macht uns krank. Wer eine PTBS entwickelt, droht selbst zum Täter zu werden – sei es gegen sich selbst oder gegen andere, sei es in einer Terrorgruppe, einer Armee oder, was meistens der Fall ist, er droht zum Täter gegen Frauen oder Kinder zu werden. Dafür fehlt in der Politik leider jegliche Einsicht."


diesen aussagen bleibt wenig hinzuzufügen, mit einer ausnahme: es könnte durchaus sein, dass die "politik" (synonym für das treiben von am eigenen machterhalt interessierten "eliten") durchaus mehr (instrumentalisierende) einsicht in die beschriebene täter-opfer-dialektik besitzt, als es zunächst den anschein hat. traumatisierte menschen jedenfalls machen in den seltensten fällen revolutionen, eher im gegenteil: ihre traumainduzierten ängste und ihre misstrauen haben pathologische effekte auf alle authentische sozialität, machen sie prinzipiell lenk-. kontrollier- und ausrechenbar. und die kollateralschäden stören diese "eliten" wie üblich kein stück.

*

in der traumareihe wird es zukünftig übrigens auch noch einen beitrag zur geschichte der kriegstraumata geben.

Samstag, 9. Juni 2007

kontext 35: auf den punkt gebracht

"Ich fühle mich in dieser Gesellschaft in wirtschaftlicher und staatlicher Sicht zunehmend von einem menschlichen Wesen zu einem Objekt denunziert. Das ist falsch, das ist unmenschlich, pervers und schafft Zukunftsängste, zumindest gehts mir so."

ab dem 1. juli 2007 werden wir alle mit einer lebenslangen personenkennziffer markiert - zumindest wird es die herrschende "elite" versuchen. und dieser versuch wird einmal mehr die verschiedenen varianten des in diesen kreisen aller wahrscheinlichkeit nach vorherrschenden wahrnehmungsmodus deutlich machen, der notwendigerweise mit einer in vielen fällen recht offenen paranoiden basis und umfassenden kontrollambitionen einhergeht. bisher fehlt es leider noch an einer herrschafts- und auch selbstkritischen psychiatrie/neurologie, um die in diesem bereich erkennbaren zusammenhänge auf breiter basis zum thema zu machen, zu untersuchen und hinweise auf nötige gesellschaftliche konsequenzen zu geben. objektivistische wahrnehmungsmodi sind eine der tödlichsten gefahren für unsere spezies überhaupt - von john brunner 1975 im "schockwellenreiter" ebenfalls auf den fatalen punkt gebracht:

"Es sind diese entsetzlich tüchtigen Leute, die mit ihren präzise funktionierenden Fischgehirnen Menschen auf Stückgut, auf Menschenmaterial, auf Zahlenkombinationen reduzieren, um sie in den Griff zu bekommen, um sie als numerische Größen in ihren Kalkülen handhaben zu können. Es ist dann nur noch ein winziger Schritt, um Menschen tatsächlich zu verschicken, zu verbrauchen, zu vernichten, zu löschen."

(...)"Wir hatten sogenannte Begleitnummern erhalten. Die Polizisten haben uns mit diesen Nummern angesprochen."(...)

(diese art des umgangs der staatsgewalt mit den ihr ausgelieferten besitzt - nicht nur, aber besonders - in d-land eine gewisse tradition - und das im verlinkten interview beschriebene verhalten seitens verschiedener polizeibeamter ist deshalb umso ekelhafter.)

Sonntag, 13. Mai 2007

kontext 34: von traumatisierender wahrnehmung

in einem tp-artikel wird heute anhand der ereignisse vom 11.09.2001 nochmals etwas deutlich gemacht, dessen bedeutung für das gesamte menschliche leben im allgemeinen und für den umgang mit bzw. die prävention von destruktiven konfliktmustern im speziellen dringend weiterer verbreitung bedarf:

(...)"Nach einer Studie von Neurobiologen der University Cornell und der University of Stanford können Traumata, die normalerweise durch die Bedrohung des Lebens von dem Betroffenen selbst oder anderen ausgelöst und intensive Gefühle der Angst, des Schreckens oder der Hilflosigkeit bewirken, das Gehirn nachhaltig verändern. Das geschieht nicht nur bei Menschen, bei denen psychische Folgen wie eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert werden können, sondern diese Veränderungen sind auch bei Menschen durch Brainscans nachweisbar, die völlig unbelastet wirken, aber dennoch bei bestimmten emotionalen Stimuli überreagieren."(...)

das ist hinsichtlich der neurophysiologischen traumainduzierten veränderungen zwar grundsätzlich nichts neues, alarmierend und aufschlußreich sind jedoch die durch die studie verstärkten indizien dafür, dass ein trauma auch nicht direkt betroffene in ihren wahrnehmungs- und selbstregulationsfähigkeiten negativ beeinflussen kann. was daraus für schlußfolgerungen zu ziehen sind, wird im artikel komprimiert so zusammengefasst:

(...)"Erstaunlich ist, dass sich das erfahrene Trauma mehr oder weniger im Alltag verdeckt neurobiologisch eingetragen hat und weiterhin, wenn auch mit der Zeit schwächer werdend, auf bestimmte, aber unspezifische Stimuli emotionale Reaktionen verursacht, die sich auf das Verhalten auswirken und nicht kontrolliert werden können. Die Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass auch andere Stresserlebnisse sich derart niederschlagen können. Interessant wäre es, solche Studien in Ländern wie derzeit Afghanistan, Irak, Somalia oder auch Sudan durchzuführen, in denen viele Menschen, auch wenn sie nicht direkt Opfer oder Täter sind, mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert werden und in ständiger Unsicherheit leben. Leiden Kämpfer und Opfer eher an posttraumatischen Belastungsstörungen, so graben sich durch Kriege und Bürgerkriege, durch die alltägliche erlebte Gefahr und Gewalt verursachte Ängste buchstäblich in die Gehirne ein und können so Nationen noch viele Jahre nach einem Ende der Auseinandersetzungen beeinflussen, auch wenn eine Situation nichts mit dem Ursprungstrauma direkt zu tun hat."

und gerade letzteres ist tatsächlich nichts anderes als eine beschreibung dessen, was sich in der realität ständig beobachten lässt - aktuell und relativ offen bspw. in tschetschenien, im gaza-streifen, in israel (siehe auch hier); die speziell benannte verzögerte wirkung jedoch ist in vielen südamerikanischen ländern (mit erfahrungen von diktaturen/bürgerkriegen) zu beobachten, und nicht zuletzt auch ein thema unseres lebens in diesem land hier.

das kriege (als ein traumatisierender extrempol destruktiven menschlichen verhaltens) selbst dann noch als ein verbrechen angesehen werden können, wenn sie tatsächlich zur selbstverteidigung und aus einer art notwehr heraus aufgenötigt werden, wird durch derartiges wissen eher untermauert. damit werden aber ein weiteres mal unsere heutigen gesellschaftlichen strukturen und institutionen als das kenntlich, was sie schon lange sind: überholt und schlicht nicht den nötigen grundbedingungen für ein gesundes menschliches leben entsprechend. und dazu muss noch nicht einmal das monster krieg herangezogen werden, dazu reicht bereits schon ein blick auf unsere alltägliche art der angst-ökonomie. und unser sog. rechtswesen aka justiz hat bzw. will von all dem natürlich noch nicht mal einen begriff haben (es geht hier u.a. um permanente körperverletzung) - was aber auch kein wunder ist, ist ihre funktion doch letztlich nicht die erreichung von möglichst viel gerechtigkeit und menschlich zu nennenden lebensverhältnissen, sondern der schutz bestimmter partial-interessen wie zb. der wahnvorstellung "eigentum" (ein nachdrückliches aktuelles beispiel gerade auch bei tp). aber das ist eine andere baustelle.

Samstag, 21. April 2007

kontext 33: das konsumimperium

ein bemerkenswerter text von eduardo galeano, der vieles von denjenigen katastrophalen entwicklungen aufgreift, die keinen fühlenden und denkenden menschen heute mehr unberührt lassen können.

(...)"Das Recht auf Verschwendung, Privileg von Wenigen, sagt, die Freiheit von allen zu sein. Sag mir, wieviel du verbrauchst und ich sag dir, wieviel du wert bist. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern werden die Blumen Dauerlicht unterworfen, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen der Kaufsucht und der inneren Unruhe dann bezahlen zu müssen. Diese Lebensweise ist nicht sehr gut für die Menschen, aber sie ist sehr vorteilhaft für die Pharmaindustrie."(...)

(...)„Unglückliche Leute, die leben, um sich gegeneinander abzuschätzen“, bedauert eine Frau im Viertel von Buceo in Montevideo. Der Schmerz nicht mehr das zu sein, wie früher der Tango sang, hat sich in die Schande nicht zu haben, gewandelt. Ein Mensch, der arm ist, ist ein armer Tropf. „Wenn ihr nichts habt, denkt ihr, ihr taugt nichts“, sagt ein Junge im Viertel Villa Fiorito von Buenos Aires. Und ein anderer beweist in der dominikanischen Stadt von San Francisco de Macorís: „Meine Brüder arbeiten für die Marken. Sie leben, Etiketten kaufend und leben Blut und Wasser schwitzend, um die Gebühren zu bezahlen.“

Unsichtbare Gewalt des Marktes: Die Mannigfaltigkeit ist Feindin der Wirtschaftlichkeit und die Einförmigkeit befiehlt. Die Serienproduktion, auf gigantischer Ebene, setzt überall ihre Pflichtnormen des Konsums. Diese Diktatur ist verheerender als jede Einparteiendiktatur: Sie drückt der ganzen Welt eine Lebensweise auf, die die Menschen wie Fotokopien des beispielhaften Konsumenten reproduziert."(...)

(...)"Die Experten verstehen es, Waren in Zaubereinheiten gegen die Einsamkeit zu verwandeln. Die Dinge haben menschliche Bestimmungen: Sie streicheln, begleiten, verstehen, helfen, das Parfüm küsst dich und das Auto ist der Freund, der niemals versagt. Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte. Die Öffnungen der Brust füllen sich, vollgestopft mit Dingen, oder davon träumend, es zu tun. Und die Dinge können nicht nur umarmen: Sie können auch Symbole des sozialen Aufstiegs sein, Passierscheine, um die Grenzen der Klassengesellschaft zu überwinden, Schlüssel, die verbotene Türen öffnen. Um so exklusiver, um so besser: Die Dinge wählen dich aus und retten dich aus der Massenanonymität. Die Werbung informiert nicht über das Produkt, das sie verkauft, oder seltene Male tut sie das. Das ist das wenigste. Ihre Funktion besteht in erster Linie in der Frustkompensierung und Fantasien zu nähren: In wen möchten Sie sich verwandeln, wenn Sie diese Rasierlotion kaufen?

Der Kriminologe Anthony Platt beobachtete, dass die Straftaten auf der Strasse nicht nur Folge extremer Armut sind. Sie sind auch die Frucht der individualistischen Ethik. Die gesellschaftliche Besessenheit des Erfolgs, sagt Platt, wirkt sich entscheidend auf die illegale Aneignung der Dinge aus. Ich hörte immer sagen, dass Geld nicht glücklich macht; aber jeder arme Fernsehzuschauer hat genügend Motive zu glauben, dass das Geld etwas ähnliches herstellt, dass der Unterschied eine Angelegenheit von Spezialisten ist."(...)

(...)"Jetzt, wer trifft wen? Trifft die Hoffnung die Wirklichkeit? Der Wunsch, trifft er sich mit der Welt? Und die Leute, treffen sie sich mit den Menschen? Wenn sich die menschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Dingen reduziert haben, wie viele Leute treffen sich mit den Dingen?"(...)

(...)"Die Besitzer der Welt benutzen die Erde, als ob sie ausschaltbar wäre: Eine Ware des flüchtigen Lebens, die sich ausverkauft, wie sich, von kurz nach der Geburt an, die Bilder, die das Maschinengewehr des Fernsehers schiesst, und die Moden und die Idole, die die Werbung ohne Waffenruhe auf den Markt wirft, erschöpfen. Aber in welche andere Welt werden wir umziehen? Sind wir alle dazu verpflichtet das Märchen zu glauben, Gott habe den Planeten an einige Unternehmen verkauft, weil er schlecht gelaunt entschied, das Universum zu privatisieren? Die Konsumgesellschaft ist eine Dummenfänger-Falle. Diejenigen, die das Heft in der Hand haben, täuschen vor es zu ignorieren, aber jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass die grosse Mehrheit der Leute wenig konsumiert, sehr wenig oder notwendigerweise nichts, um die Existenz der wenigen Natur, die uns bleibt, zu garantieren. Die soziale Ungerechtigkeit ist weder ein zu korrigierender Irrtum, noch ein zu überwindender Fehler: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die in der Lage ist ein Shopping-Center in der Grösse des Planeten zu ernähren."


logisch und zwangsläufig, dass die beschriebenen verhältnisse sich in die innersten strukturen der menschen regelrecht einbrennen.
logisch und zwangsläufig, dass dieser prozeß nicht ohne enorme symptome - sowohl bei einzelnen menschen als auch ganzen betroffenen kollektiven - vor sich gehen kann.

und logisch und zwangsläufig, dass der zeitpunkt rasend schnell näherrückt, an dem für jeden und jede die entscheidung fallen muss: alles, was ein menschliches - authentisches - leben ausmacht, im wortwörtlichen sinne verraten und verkaufen für eine welt der simulationen und fiktionen, die bei weitem nicht nur mit geld bezahlt werden?

"Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte." ja. und wer ein system - egal ob es sich selbst als "freiheitlich", "demokratisch" oder sonstwelchen phrasen aus der simulationsfabrik der antisozialen "eliten" bezeichnet - stützt, welches genau solche entwicklungen wie nicht nur in diesem blog thematisiert nicht nur hervorbringt, sondern noch als "alternativlos" und "einzig möglich" propagiert, und sich für diese unterstützung mit beliebigen produkten der dingwelt aushalten lässt - wer sich also für den eigenen materiellen wohlstand auf kosten von millionen und milliarden anderer lebewesen prostituiert und zum täter macht - der wird unfehlbar die konsequenzen tragen müssen. und die unausweichlichste wird diejenige sein, die in der eigenen totalen isolation bestehen wird - leerer als eine wüste.

wer freundschaft, liebe und solidarität nur noch als "soft skills" begreift, und sie als leere hüllen instrumentalisierend und simulativ im eigenen egozentrischen interesse einsetzt, verdammt sich selbst zu einer einsamkeit, die unermesslich ist. um diese einfache wahrheit wird keiner der leeren schwätzer von der herrlichkeit der westlichen "kultur" und "zivilisation" herumkommen - es sei denn, er oder sie macht sich selbst zu einem jener mutanten, die bspw. unter dem namen der als-ob-persönlichkeit laufen.

Montag, 26. März 2007

kontext 32: "very important persons" dies- und jenseits der borderline (update)

die offensichtlich nicht nur metaphernhaft dem in verschiedenen formen und intensitäten auftretenden wahn verfallenen gesellschaftlichen "eliten" in politik, ökonomie, sport und dem sog. showbusiness - siehe auch hier - stellen mit ihrem handeln und in ihrem so-sein womöglich nur repräsentantInnen von zuständen dar, in denen sich eine mehrheit der bevölkerungen der westlich-kapitalistischen welt ständig befindet. wie anders lassen sich die mainstreamerfolge von offensichtlichen kunstfiguren wie paris hilton, britney spears oder auch angelina jolie plausibel erklären?

die beiden zuletzt genannten haben dabei in den vergangenen wochen für einige schlagzeilen gesorgt:

"Britney Spears ist in eine Entzugsklinik geflüchtet – und alle spekulieren darüber, was bloß in das einst so brave Mädchen gefahren sein mag. Ein Gerücht überschlägt das nächste: Hat sie sich die Haare nur abrasiert, weil sie Läuse hatte? Ist sie drogensüchtig? Einige meinen: Ihr „Zusammenbruch“ sei nichts weiter als ein Versuch, im Gespräch zu bleiben, gemäß Dieter Bohlens Popstar-Grundgesetz: Hauptsache, die Zeitung schreibt den Namen richtig.

„Das glaube ich nicht“, sagt Borwin Bandelow, Psychiater an der Universität Göttingen und Autor des Buchs „Celebrities“ (Rowohlt 2006), in dem er die Psyche von Stars wie Michael Jackson, Kurt Cobain und Marilyn Monroe zu ergründen versucht. Er meint: Nur wer einen kleinen Sprung in der Schüssel hat, schafft es im Showbusiness überhaupt an die Spitze. Britney Spears ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Sich nicht immer ganz normal zu verhalten, gehört eben zur Normalität eines Superstars.

Die meisten Stars, behauptet der Psychiater Bandelow, werden nicht labil, weil sie nicht mit dem Druck fertig werden oder es nicht mehr aushalten, im Rampenlicht zu stehen. Nein, es ist vielmehr umgekehrt: Gerade Superstars haben von Anfang an einen Knacks. Das erst treibt sie zu Höchstleistungen – und in den Abgrund.

So sind fast alle wirklich Großen im Showgeschäft krankhaft selbstverliebt. „Narzisstisch“, wie es im Fachjargon heißt. „Kritiker haben mir immer Britney Spears als Gegenbeispiel vorgehalten“, sagt Bandelow. Da war endlich mal ein Star, der sich normal verhielt, geradezu brav, eine, die keinen Sex vor der Ehe haben wolle. „Dabei gibt es bei ihr Hinweise für eine Persönlichkeitsstörung, wie ihre Impulsivität und ihre Sucht.“

Typisch für Narzissten sei außerdem die „Zurschaustellung des Körpers“, bei Britney Spears in Form immer knapper werdender Klamotten; zuletzt ließ sie sich in Posen fotografieren, in denen mehr oder weniger klar zu erkennen war, dass sie keinen Slip trug. Anderes Beispiel: Robbie Williams, der kaum eine Gelegenheit auslässt, der Welt seinen nackten Oberkörper zu zeigen. Williams, zurzeit ebenfalls auf Entzug, meint: Wer kein Narzisst ist, wird auch kein Star."(...)


zu bandelows thesen bzw. seiner umstrittenen ferndiagnostik habe ich in einem der oben verlinkten beiträge schon meine meinung gesagt, und mir scheint eine weitere these von ihm zwar plausibel, aber zu kurz zu greifen:

(...)"Bei vielen komme jedoch noch ein Hang zur Selbstzerstörung hinzu, sagt Bandelow. Wenn alles seinen normalen Gang geht, fühlen sich diese Menschen nicht normal, sondern leer. Der Psychiater glaubt sogar, dieses Gefühl der Leere biochemisch dingfest machen zu können: Die Empfindlichkeit für körpereigene Opiate, „Endorphine“ genannt, sei bei diesen Menschen heruntergefahren. Das heißt, sie brauchen stärkere Erfolgserlebnisse um das gleiche Glück zu erfahren, was unsereins schon bei geringeren Anlässen erfährt. „Sie wechseln ihre Sexpartner häufiger, suchen Kicks in Form von Drogen, und sogar ihr Hang zur Selbstzerstörung lässt sich darauf zurückführen“, sagt Bandelow. Gerade Schmerzen nämlich bringen die Endorphine auf Trab: Auf diese Weise versucht der Körper, den Schmerz zu stillen. Britney Spears ließ sich, unmittelbar nachdem sie sich die Haare abrasiert hatte, tätowieren, was ebenfalls ein Versuch sei, „die fehlende Endorphin- Empfindlichkeit zu kompensieren“.(...)

damit sind wir dann bei einem speziellen aspekt des "selbstverletzenden verhaltens" gelandet, nämlich der durchaus realistischen möglichkeit eines sehr spezifischen suchtprozesses, der tatsächlich auf den körpereigenen endorphinen beruhen dürfte. das sollte allerdings nicht den blick für das vernebeln, was ich im basisbeitrag borderline skizziert habe: svv muss zunächst zwingend als symptom einer (selbst-)verdinglichenden körperwahrnehmung begriffen werden, in der der körper als objekt manipuliert wird, um bestimmte, als erleichternd empfundene psychophysische effekte hervorzurufen. das ein solches verhalten dann zusammen mit mehr oder weniger ausgeprägten identitätsstörungen auftritt - im weiteren verlauf des zitierten artikels bezgl. britney spears zu lesen - ist dann vor dem hintergrund der simulierten identitäten von öffentlichen personen, die mehrheitlich narzisstische und/oder borderline-merkmale aufweisen, nicht mehr groß erstaunlich.

*

während britney spears offensichtlich irgendwo in den eiertänzen mit ihren als-ob-identitäten die kontrolle verloren hat und auch nach den herrschenden kriterien von realitätstüchtigkeit aus der normalität zumindest partiell und behandlungsbedürftig herausgefallen ist (als letztes angeblich mit den diagnosen manisch-depressiv und bulimie, schafft eine entfernte kollegin von ihr diesen drahtseilakt bisher scheinbar mühelos und mit großem erfolg - und dabei ist angelina jolie eigentlich ein perfektes beispiel für eine frau mit zumindest borderlineartigen strukturen, die als gesellschaftlich extrem erfolgreich gelten muss (das folgende foto mit condoleezza rice ist für die art dieses erfolges, der ihr sogar einige türen bei den politischen "eliten" geöffnet hat, ein passendes symbol).

erfolgreiche frauen. quelle: wikipedia

ich gebe zu, dass einer der anlässe für diesen beitrag jetzt in einer sammlung von selbstbeschreibungen seitens jolie aus den vergangenen jahren liegt, die ein namenloser autor zu einer art biographie verwurstet hat (zu den medialen wellen darum siehe auch das bildblog) - dabei bleibt aber unbestritten, dass diese zitate unwidersprochen existieren.

und was ist über jolie nun öffentlich bekannt?

zum praktizierten selbstverletzenden verhalten lassen sich hier originalaussagen von ihr (und nicht nur von ihr, nebenbei gesagt) finden. im verlinkten wiki-artikel dazu:

„Ich sammelte Messer und hatte immer bestimmte Dinge um mich. Aus irgendeinem Grund war das Ritual mich selbst zu schneiden und die Schmerzen zu spüren, vielleicht sich lebendig zu fühlen und ein Gefühl der Befreiung zu verspüren irgendwie therapeutisch für mich.“

das darf als durchaus repräsentativ für svv-praktizierende angesehen werden. das sie in jüngster zeit angegeben hat, dass die geburt ihres sohnes - und die damit verbundene mutterrolle - sie sowohl vom svv als auch von zeitweiligen suizidalen anwandlungen abgebracht hätte, ist meiner meinung durchaus eine zwiespältige sache - der mythos des heilenden effektes eines eigenen kindes für psychophysisch beeinträchtigte frauen spukt bis heute selbst in vielen köpfen sog. professioneller helfer, mit teils desaströsen folgen für die jeweiligen kinder, die in so einer konstellation immer in gefahr sind, als mittel zum zweck benutzt zu werden.

ihre tattoos sind schon fast legende (eines davon besteht in dem - lateinischen - spruch "was mich nährt, tötet mich") und sind damit womöglich eines der bekanntesten beispiele für das bereits früher thematisierte entsprechende kulturelle phänomen überhaupt.

lassen die beiden obigen merkmale schon aufhorchen - und sich zumindest als indizien in eine bestimmte richtung begreifen - so werden sie erst so richtig plausibel im zusammenhang mit den bekannt gewordenen vorlieben der jolie für sm-sex - nochmals aus dem wiki-artikel:

"„SM-Sex kann als Gewalt missverstanden werden. Es geht jedoch um Vertrauen. Ich mag es mit einer anderen Person meine Grenzen zu erweitern, sowohl emotional als auch sexuell. Dabei fühle ich mich am sexysten. Ich bin sowohl in devoten als auch dominanten Rollen gewesen, weil ich mehr möchte.“

auch das klingt durchaus bekannt, nämlich aus vielen öffentlichen stellungnahmen und - zumindest mir - auch privaten diskussionen zum thema sm. einfach eine weitere sexualpraktik halt, die nicht diskriminiert werden sollte - solange niemand zu schaden kommt und alle beteiligten frei entscheiden, was ist schon dabei? in einer aufgeklärten gesellschaft kann es doch nur heißen "anything goes".

von wegen. das thema sm wird hier irgendwann noch einmal gesondert besprochen, deshalb für den moment nur drei gedanken dazu: erstens bezweifle ich die freiwilligkeit bzw. freie wahl - wenn lust nur in einer position von unterwerfung und/oder beherrschung empfunden werden kann, sehe ich weit und breit keine freie entscheidung, sondern eine psychophysische determinierung.

zweitens - das ist allerdings mein persönlicher eindruck - finden sich sm-praktiken auffällig häufig bei bl-diagnostizierten menschen sowie - in kleinerem ausmaß - auch bei traumatisierten aufgrund sexualisierter gewalt. auch deshalb wäre ich vorsichtig, hier von "freier entscheidung" zu sprechen.

drittens aber: sm-sex ist eigentlich der fast perfekte ausdruck für verdinglichenden sex (dahinter käme als "perfekte" form nur noch die offene vergewaltigung, die allerdings berechtigt nicht mehr als sexualität begriffen werden kann und qualitativ etwas anderes ist). was das konkret bedeutet? in einer kultur, in der objektivierung und verdinglichung alltägliche praktiken darstellen, die uns bis in unsere innersten strukturen hinein prägen, besteht einfach eine enorm hohe wahrscheinlichkeit dafür, dass gerade einer der sensibelsten zwischenmenschlichen bereiche davon massiv beeinträchtigt wird - und sm stellt in meinen augen dafür ein klares indiz dar. zusätzlich kommt der aspekt, das hier auch ein geradezu typisches beispiel dafür vorliegt, wie sich machtstrukturen in menschen nicht mittels bloßer repression, sondern durch lust verankern und reproduzieren. und gerade das macht sie außerordentlich gefährlich.

meine deutliche kritik an sm will ich also nicht als moralistisches, womöglich noch kirchlich beeinflusstes reaktionäres unbd lustfeindliches gezeter verstanden wissen, sondern als versuch, einen der sozusagen tückischten tricks der macht kenntlich zu machen. genauer und mehr dazu aber wie gesagt in einem künftigen eigenen beitrag dazu.

zurück zu angelina jolie: all das obige zusammengenommen würde bei einer beliebigen anonymen frau - ohne geld, erfolg und daraus resultierender relativer machtstellung - vermutlich zu ganz anderen konsequenzen, wahrscheinlich sogar zu einer psychiatrischen behandlung, führen bzw. geführt haben. jolie erfüllt - oder hat zumindest erfüllt - gleich mehrere punkte der icd- und dsm-kriterien für borderline. die selbstverdinglichenden tendenzen sind unübersehbar, und dazu kommt noch die manipulation am eigenen körper durch ihre schönheits-op.

vor diesem hintergrund ist es auch keinesfalls zufällig, dass jolie für bl-betroffene junge frauen vielfach eine art vorbild darstellt - nicht zuletzt hat dazu ihre rolle in dem film durchgeknallt - girl, interrupted, zusammen mit der hauptdarstellerin winona ryder, der im film ausgerechnet ein borderline-syndrom diagnostiziert wird.

*

alle gerade aufgeführten aspekte gelten bei jolie nun nicht nur nicht als irgendwie bedenklich, sondern werden quasi spurlos aufgesogen von ihrer öffentlichen identität: als starke frau mit schauspielerischem talent, dazu ein - oder vielleicht sogar DAS - weltweite sexsymbol dieser zeit.. historisch vergleichbar in der wirkung, wenn auch mit einigen biographischen unterschieden, scheint nur noch marilyn monroe gewesen zu sein - auch die bekanntlich sehr borderline-verdächtig, und im gegensatz zu angelina jolie am ende auch öffentlich zutiefst unglücklich mit suchtsymptomen und suizidalen anwandlungen.

ich will nun weniger an jolie kritik üben - ihr politisches interesse und engagement kann ich ihr nach den zugänglichen informationen bisher nur abnehmen, und ihre biographie mit all den erwähnten destruktiven elementen ist keinesfalls einzigartig - als vielmehr an einer öffentlichkeit, deren stars vielfach züge von identitätsstörungen und objektivistischem wahn aufweisen. und diesen zustand als "normalität" mißzuverstehen, müssen wir uns dringend abgewöhnen.

*

edit am 27.03.: als das obige gestern schon eine weile geschrieben war, fiel mir eine zurückliegende diskussion bei che ein, in der es um ayn rand und ihre ideologie des objektivismus ging - und in derem verlauf ich damals auf einen text gestoßen bin, der u.a. die folgenden aussagen enthält:

(...)Es wird noch unheimlicher: Am 3. Oktober desselben Jahres trat Pitts damalige Noch-Nicht-Freundin Angelina Jolie in „Topic A“ auf, einer mittlerweile abgesetzten und von Tina Brown moderierten Sendung auf CNBC. Brown fragte Jolie, was sie in letzter Zeit so lesen würde. „Was ich gerade lese? Ich bin sehr mit Ayn Rand beschäftigt, ich habe also zuerst The Fountainhead und dann Atlas Shrugged gelesen“, antwortete Jolie. „Ich denke, dass sie eine sehr interessante Philosophie hat.“ Sie fügte hinzu: „Man bewertet sein eigenes Leben neu und das, was wichtig für einen ist.“(...)

so findet zusammen, was zusammen passt.

Freitag, 19. Januar 2007

kontext 31: "fiktionale glaubwürdigkeit"

nicht vergessen möchte ich den hinweis auf ein interview mit einem angehörigen der branche, deren tätigkeit als professionelle fake-industrie vermutlich schwer unterschätzt wird. einige gleichzeitig erschütternd und erfreulich deutliche auzüge:

(...)"Sie behaupten auch, Ehrlichkeit sei für die Politik kein relevantes Kriterium.

Kocks: Richtig. Und das ist kein Zynismus, das ist der Zustand des Aufgeklärtseins. Die Wahrheitskategorie hat mit Geschäften nichts zu tun. Ein Autohändler möchte Geschäfte machen, und ein Politiker möchte das auf einer anderen Ebene auch. In Demokratien müssen Sie Machtausübung - zynisch könnte man sagen: leider - legitimieren. Deshalb müssen Sie die Leute von Ihren politischen Maßnahmen überzeugen. Dass es dabei nicht um die reine Wahrheit geht, ist mittlerweile Allgemeingut. Auf die Frage: 'Glauben Sie Politikern?', antworten nur 15 Prozent uneingeschränkt mit ja. Und die müssen Sie im Grunde genommen zum Arzt schicken."(...)


so wird auch noch ganz nebenbei die bedeutung des wortes "aufklärung" manipuliert: in der denkwelt dieses konstruktivisten ist das offensichtlich die rein kognitive wahrnehmung eines zustands der sozialen zerstörung, die lediglich objektivistisch registriert und unter dem eigenen nutzkalkül bewertet wird. zynisch bleibt das allerdings weiterhin, und die konstatierte - angebliche - nichtbeziehung von wahrheit und geschäften klingt haargenau wie die hier dokumentierte behauptung, das gefühle und "geschäfte" nichts miteinander zu tun hätten. haben sie auf einer ebene auch nicht, aber ganz anders, als es die zitierten meinen. es ist eigentlich unglaublich, dass diese selbstdemaskierungen von protagonisten der herrschenden a-sozialen zustände ohne sichtbare konsequenzen bleiben.

und dann wird es noch deutlicher - was für einen begriff von authentizität hat so jemand?

(...)"Also geht es in der politischen Auseinandersetzung darum, wer der bessere Schauspieler ist?

Kocks: Es geht um fiktionale Glaubwürdigkeit. Wir können einen Politiker nicht als Person beurteilen, weil wir ihn nicht wirklich kennen, sondern nur in seiner Rolle. Die kann er authentischer oder weniger authentisch spielen. Authentizität ist eine bestimmte Art der Inszenierung, auf die wir mit der Zubilligung von Vertrauen reagieren. Authentizität ist aber nicht Wahrheit: Leute, die im Stadttheater sitzen und den Hamlet sehen, glauben doch nicht, sie wären jetzt wirklich in Dänemark und es wären Geister da"(...)


"authentizität ist eine bestimmte art der inszenierung" - so klingt das gerede der völlig flexibilisierten, globalisierten und konstruktivistischen ich-manager, die den waren-fetischismus, die verdinglichende logik und ihren letztlich funktional autistischen wahrnehmungsstatus in totalität als ersatzoption und identitätskrücke für verlorengegangene (selbst-)wahrnehmungsfähigkeiten - und in letzter konsequenz für ihren fehlenden persönlichkeitskern (durchaus materiell gemeint) - akzeptiert haben (früher waren dafür bevorzugt götter und nationen beliebt - aber auch die haben ja bekanntlich eine art revival).

natürlich kann authentizität auch simuliert werden, aber hier geht es um jemanden, der ganz offensichtlich nichts anderes als simulationen wahrnimmt (bzw. wahrnehmen kann). und seine beschriebenen schwierigkeiten mit seiner branche dürften eher daher rühren, dass er seinen wahrnehmungsstatus bis in die letzte konsequenz hinein deutlich werden lässt - und dabei womöglich berufsspezifische strukturen zu sehr kenntlich macht.

(...)"Mit welchem Rollenbild möchten Sie denn gerne wahrgenommen werden?

Kocks: Ich? Der käufliche Intellektuelle. Klar. Brain to hire."


sich selbst zur nutte machen und stolz drauf sein. sie wissen irgendwo, was sie tun. andererseits wissen sie´s auch wieder nicht - sonst würden sie vor sich selbst schreiend davonrennen.

Montag, 1. Januar 2007

kontext 30: auf der suche nach der verlorenen zeit (update)

so lässt sich die - mehr oder weniger willkürliche - zeitmarkierung "neues jahr" auch beginnen - mit dem langsamen lesen dieses artikels:

(...) "Anfang November las ich in verschiedenen wissenschaftlichen Studien folgende Fakten: Ehepaare reden am Tag durchschnittlich acht Minuten miteinander; 40 Prozent der leitenden Angestellten leiden unter Stress; das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt; vier von fünf Kindern in Deutschland fühlen sich unter Zeitdruck; der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent; und Untersuchungen der Historikerin Juliet Schor zufolge haben Amerikaner seit Mitte der 1970er Jahre 37 Prozent ihrer Freizeit eingebüßt." (...)

ich hatte schon früher anhand der geschichte von herr fusi etwas zur meiner meinung bisher meist unterschätzten rolle der objektivistischen pervertierung unserer lebenszeit geschrieben, und die folgenden sätze lassen sich als nahtlose ergänzung/erweiterung verstehen:

(...) "Seit es die Räderuhr als pures Messgerät gibt, um sich von der Naturuhr unabhängig zu machen, ist das Naturwesen Mensch zunehmend vertaktet und vermessen worden. »Die Uhr quantifiziert und objektiviert den Menschen«, schreibt der kulturkritische Trendforscher Jeremy Rifkin, »sein Leben wird mit der Uhr gleichgeschaltet, mit den Erfordernissen des Zeitplans und den Diktaten der Effizienz.« Dieses System arbeitet forciert vor allem an der Aufhebung von Verbindlichkeit. Je mehr Verbindungen angeboten werden, desto weniger verbindlich sind sie." (...)

verbindlichkeit aber - das steckt bereits im wort selbst - bedeutet eine wesentliche soziale fähigkeit, die für das menschliche beziehungsleben unverzichtbar ist. der bereits an vielen stellen hier thematisierte und inzwischen unverkennbare angriff der "objektivistischen maschinerie" auf eben diese grundlegende basis allen sozialen lebens mittels des zeitdiktats ist aber ein - ja, kriegsschauplatz, auf dem wir im gegensatz zu anderen mehr möglichkeiten haben: das wiederzulassen der eigenen (körper)zeit und der bruch der dominanz der fremdbestimmten zeit kann unter den heutigen bedingungen zu einem subversiven, ja schon revolutionären akt werden - und das könnte bereits in kleinen schritten funktionieren. entwöhnung von uhr und kalender, bei gleichzeitiger wiederentdeckung der eigenen rhythmen, wäre z.b. einmal ein wirklich schöner neujahrsvorsatz

*

edit am 02.01.07: sozusagen auf die schnelle hier ein paar weitere lese- und suchanregungen, wobei ich Ihnen gerade bei letzteren etwas arbeit aufbürde.

Wie das Zeitgefühl entsteht gibt einen komprimierten überblick zu einigen aspekten des aktuellen wissenstandes - und vor allem das folgende möchte ich herausheben:

(...) Darum hängen der Sinn für Bewegung und das Gefühl für die Zeit untrennbar zusammen. Wenn - etwa durch einen Schlaganfall - eines von beiden gestört ist, geht meist auch das andere verloren. Für das Gehirn ist Zeit Bewegung." (...)

körperbewegung.

mir fällt beim thema der zeitwahrnehmung dazu immer wieder ein, dass sich selbige v.a. im autistischen spektrum, ebenso bei zuständen, die heute als psychotisch begriffen werden und bei nutzung psychoaktiver substanzen teils krass und spektakulär ändert. ich kann Ihnen sehr empfehlen, einfach mal in diesen und diesen treffern herumzuschmökern. der aspekt des verlustes der eigenen, inneren zeit wird in etlichen materialien nachdrücklich deutlich. und damit wird ein weiterer gedanke klarer: die allgegenwärtige strukturierung unseres alltags mittels eines objektivistischen zeitrasters lässt sich u.a. als angepasste struktur begreifen - und zwar vor allem für menschen, die mehr oder weniger stark vom gerade erwähnten verlust der eigenen zeit betroffen sind. dieser gedanke wiederum verlangt geradezu nach einer vertiefenden betrachtung - zu der ich momentan aber nicht kommen werde. was natürlich aber keinesfalls ausschließen soll, dass Sie sich ebenfalls gedanken machen, die dann bestenfalls auch hier zu lesen sein werden (jaja, der zaunpfahl...;-)

Sonntag, 29. Oktober 2006

kontext 29: von *konstruierten* erinnerungen unter gewaltbedingungen

in einem gewissen zusammenhang zu dem gerade im letzten beitrag besprochenen steht ein artikel bei spon, in dem es u.a. um manipulationen am menschlichen gedächtnis geht:

(...)"Die verwirrende Erkenntnis, dass das Gedächtnis keineswegs ein Archiv ist, das pendantisch die Vergangenheit speichert, beschäftigt Neurobiologen, Psychologen und Sozialwissenschaftler inzwischen weltweit. Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist.

Dass dies ein Irrtum war, hatte und hat ungeahnte Folgen, etwa bei Kindesmissbrauchs-Prozessen. Die renommierte, aber auch umstrittene Gutachterin Loftus legt immer neue Studien vor, um Richtern zu zeigen, wie wenig Verlass auf das Gedächtnis ist. Wie wenig man den Aussagen von Missbrauchs-Opfern unkritisch Glauben schenken könne, wenn sie sich erst nach Jahrzehnten an die Gewalttat erinnern. Loftus vertritt die Seite der Angeklagten; eine heikle Position.

Doch auch wenn der Streit in der "False Memory"-Debatte kaum lösbar ist - die Studien, die er anstieß, haben die Gedächtnis-Forschung ein gutes Stück vorangebracht. "Eines sollten wir uns klar machen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."(...)

Im autobiografischen Gedächtnis lagert die persönliche, subjektiv erlebte Lebensgeschichte. Es ist das komplexeste der Erinnerungssysteme und zugleich dasjenige, das bei Kindern als letztes entsteht, im Alter von etwa drei Jahren, wenn ein Kind eine Vorstellung von seinem Selbst zu entwickeln beginnt. Dass Schimpansen und Menschen, die 99 Prozent des genetischen Codes gemeinsam haben, dennoch grundverschieden sind, liege vor allem am autobiografischen Gedächtnis, sagt Markowitsch. Nur der Mensch kann sich an seine Biografie bewusst erinnern, nur er weiß, wie er eine bestimmte Situation erlebt und wie er sich dabei gefühlt hat.

Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. "Gefühle", sagt Markowitsch, "sind die Wächter unserer Erinnerung."(...)


diese (und auch gleich folgende) behauptungen dürften zunächst wie bestätigungen für diejenige weltsicht anmuten, die heute unter dem attribut konstruktivismus angesegelt kommt (mehr zu den sich in diesem zusammenhang stellenden fragen u.a. hier. ) ich betone das "zunächst", weil sich bei den fraglichen forschungen wiedereinmal die grundsätzlich fragmentierende tendenz der westlichen wissenschaft zeigt: erstens ist das sog. autobiographische nicht das einzige gedächtnis beim menschen; zweitens manifestieren sich aller wahrscheinlichkeit bereits selbst pränatale erlebnisse (und auch perinatale bzw. sehr frühe postnatale) bevorzugt in der körperlich-materiellen menschlichen struktur. ein synonym dafür wäre das körpergedächtnis, welches Sie selbst bspw. bei einem chronisch verspannten schulter-nacken-bereich spüren können - ständiges unwillkürliches ducken und an-/verspannen vor einer realen oder auch durch posttraumatischen stress bedingten imaginierten gefahr ist nicht eben selten ein auslöser für derartige verspannungen, bei denen sich im wahrsten sinne des wortes eine haltung der umwelt gegenüber körperlich fixiert. dabei müssen die ursprünglich auslösenden momente tatsächlich keinesfalls dem bewussten gedächtnis zugänglich sein.

in einer arbeit zu zusammenhängen zwischen (psycho-)traumata und wachkoma wird zur körperlichen speicherung von traumatischen stress u.a. ausgeführt:

(...)"Der traumatisierte Leib/Körper vergißt nichts (...). Er nimmt als sozialer Raum Erfahrungen über gelungene und misslungene zwischenmenschliche Beziehungen in sich auf. Durch die Projektions- und Verarbeitungsfläche des Gehirns kann der Körper sich im Ich spiegeln. Im Falle eines Phantomschmerzes behält das Gehirn einen Körperteil in (schmerzvoller) Erinnerung, während der Körper selbst zum Überleben kein Ich-Gehirn benötigt, sondern sich auf sich selbst und durch sich selbst schützen kann. Solange es atmet, ist Hoffnung. Der Körper/Leib ist in der Lage, sein erlittenes Trauma symbolisch auszudrücken (...). Es ist bemerkenswert, dass und wie die moderne Medizin, die am Körper ansetzt, das Objekt ihrer Begierde, den Körper/Leib vernachlässigt und ihn biomechanisch reduziert."(...)

den letzten satz kann ich nur unterstreichen, und eine ähnliche reduktion lässt sich leider auch in vielen bereichen der neurowissenschaften beobachten. ich kenne selbst aus meinen umfeld und auch aus psychiatrischen krankengeschichten viele beispiele dafür, wie sich ein trauma regelrecht "verschlüsselt" in anscheinend nur somatischen symptomen - aber auch bereits in körperlichen haltungen, wie sogar in der art und weise, wie jemand geht - ausdrücken kann. der bewusste zusammenhang ist den betroffenen meistens nicht zugänglich, und genau das dürfte u.a. dazu führen, das sich das gehirn über die lücken biographisch sozusagen etwas "hinwegkonstruiert" - aber das bedeutet eben nicht, das "eigentlich gar nichts passiert ist" - sondern das die authentischen details für die betroffenen nicht mehr zugänglich sind.

(...)"Viele Patienten im Wachkoma zeigen einen "verkrüppelte" Körperlichkeit mit einer sogenannten Dekortikationshaltung bzw. spinalspastischen Haltung: zurückgebeugter überstreckter Kopf, geöffnete Augen, starre indifferente Mimik, Ulnardeviation und Faustschluß der Hände sowie Beugestreck- oder Beuge-Beugespastik von Armen und Beinen, häufig mit Spitzfußbildung einhergehend.

Dieser Zustand der "Verunstaltung" und "Verkrüppelung", über die man lieber nicht reden möchte, erinnert in manchen Teilen an eine vorgeburtliche "primitive" Schutzhaltung, die auch als "Embryonalhaltung" bezeichnet wird. Nach traditionellem, defektmedizinischen Verständnis wird diese starre pathologische Körperhaltung als direkte Folge einer schweren Hirnschädigung aufgefaßt. Demgegenüber ist eine beziehungsmedizinische und psychosomatisch-psychodynamische Sichtweise eher geneigt, diese Körperhaltung auch als ein Resultat zusammenwirkender interner und externer pathologisch-isolativer Lebensbedingungen zu sehen (wie bei einer schweren beidseitigen parietalen Läsionen), oder als reaktiv-psychodynamisch bedingten Dysmorphophobie in Verbindung mit bizarren Körperfehlvorstellungen und Formen des selbstdestruktiven Körperagierens."(...)


was ich gerade mit "verschlüsselt" meinte, wird im folgenden satz deutlicher:

(...)"...sondern nahmen verschiedene Körperhaltungen ein, die in einigen Fällen so charakteristisch waren, daß aus der eingenommenen Körperhaltung auf die Art der Gewalteinwirkung rückgeschlossen werden konnte: die abwehrend-vorgestreckten Arme, die gekrallten Finger, die entsetzte Erstarrung, das ohnmächtige Ausgeliefertsein (Abb. 2). Offensichtlich kam es in der Hypnose zur "Erinnerung" an die im Körpergedächtnis des "autonomen Körperselbst" eingeschriebenen Spuren des Traumas.(...)

all das haben große teile der neurowissenschaftlichen forschung in ihrer hirnfixiertheit offensichtlich nicht so recht auf dem schirm - denn wenn sie es hätten, gehörte das folgende entsprechend ergänzt:

"(...)BLACK-OUTS, Verwechslungen und verzerrte Erinnerungen - was Menschen häufig besorgt an sich selbst wahrnehmen, ist letztlich oft ein Segen. "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, Sozialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale." Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne."

an dieser stelle ist es durchaus nötig, in erinnerung zu rufen, dass sich die zitierte "menschliche normalität" durchaus nicht als "normal" begreifen lässt, wenn unsere jahrtausendealte gewohnheit der gewaltausübung gegen andere, aber auch gegen uns selbst, berücksichtigt wird. sollte gerade ein sozialpsychologe nicht in der lage sein, etwas weiter zu denken? dann könnte es vielleicht mal sehr bald forschungen darüber geben, wie sich "falsche erinnerungen" nicht aus einer menschlichen, sondern einer gewalttätigen realität heraus ergeben. aber sowas möchte natürlich auch niemand wirklich wissen.

(...)"Deutlich zeigt sich dies in Erinnerungsgemeinschaften, etwa bei Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Die zunächst individuellen Berichte werden sich oft von Treffen zu Treffen immer ähnlicher, bis sie schließlich in eine kollektive Erinnerung münden.

Dieses Phänomen brach sich Bahn anlässlich eines Vortrags des Koblenzer Historikers Helmut Schnatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Unter den Zuhörern waren viele ältere Dresdner, die sich daran erinnerten, wie britische Tiefflieger sie gejagt hätten, während sie vor den Flammen durch die Straßen flüchteten. Mehrere Teilnehmer sagten, sie hätten sie noch genau vor Augen, "die silbrig schimmernden Mustangjäger".

Doch Schnatz konnte belegen, dass dies unmöglich geschehen sein konnte, weil der durch den Bombenangriff erzeugte gewaltige Feuersturm jeden Tiefflug unmöglich gemacht hatte. Auch hatte eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinen Beleg für eine solche Menschenhatz geliefert. Die Zuhörer waren empört. "Ich protestiere dagegen", rief ein alter Mann, "dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen." Hundertfacher Applaus.

Bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist das Gedächtnis besonders unzuverlässig: Erfahrungen wie die Dresdner Bombennacht können - ähnlich wie die einer Vergewaltigung - extremen Stress und damit zusammenhängende biochemische Prozesse im Gehirn auslösen, die eine Speicherung von Erinnerungen empfindlich stören. Nur noch Fragmente des ursprünglichen Ereignisses gelangen dann ins Langzeitgedächtnis. Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse.(...)


richtig: traumatische erinnerungen werden aller wahrscheinlichkeit im gehirn in seperaten neuronalen netzwerken gespeichert, die der bewussten erinnerung nicht oder nur sehr fragmentarisch zugänglich sind. dazu kommt die speicherung im körper bzw. den möglichen betroffenen körperregionen selbst. ich hatte oben schon geschrieben, dass es sehr gut sein kann, dass hier vom gehirn tatsächlich realitätskonstruktionen zur hilfe genommen werden, um derartige biographische "lücken" (die ja genauer betrachtet eigentlich keine sind, weil es hier eher um einen defektbedingt und gleichzeitig schützenden nicht möglichen zugriff auf die authentischen erinnerungen geht) sozusagen zu schliessen. nur: ein schwerer fehler scheint mir wie gesagt darin zu liegen, das als "menschliche normalität" zu postulieren. viel treffender ist es meiner meinung, das als menschliche "normalität" unter traumatischen sozialen bedingungen zu begreifen. und das ist ein ganz entscheidender unterschied.

Montag, 9. Oktober 2006

kontext 28: mehr zu autismus, empathie, spiegelneuronen und quasiautistischen zuständen

so, wie vor ein paar wochen angekündigt, möchte ich mich nochmals genauer den ergebnissen einer studie widmen, die sich speziell mit dem verhältnis von autismus und empathie beschäftigt - und dabei zu ergebnissen gekommen ist, die u.a. einigen der hier im blog behandelten thesen grundsätzlich widersprechen. wichtig und interessant genug also, um genau hinzuschauen.

(...)"Psychologen schreiben vermehrt über Gemeinsamkeiten zwischen Autisten und Psychopathen, die sie angeblich gefunden haben. J. Arturo Silva konstatiert „eine Assoziation zwischen der Psychopathologie des autistischen Spektrums und dem Verhalten von Serienmördern“. Pierre Flor-Henry schreibt: „Asperger-Syndrom und Psychopathie … teilen sich einige Charakteristika, insbesondere die völlige Abwesenheit jeglicher menschlicher Empathie.“

von den genannten konnte ich bisher keine deutschsprachigen übersetzungen ausfindig machen; hier gibt es eine art zusammenfassung einiger thesen von silva in englisch zu lesen. denen u.a. zu entnehmen ist, dass er bspw. zwei der bekanntesten attentäter der neueren us-amerikanischen geschichte als asperger-verdächtig ansieht. im deutschsprachigen raum lässt sich die these von der verbindung zwischen (asperger-)autismus, empathielosigkeit und psycho- bzw. soziopathischem verhalten in modifizierter form zb. bei j. erik mertz finden.

"Empathie ist die Fähigkeit, Gedanken, Motive und Gefühle anderer Menschen zu erkennen und mit angemessenen Emotionen darauf zu reagieren. Also unser Einfühlungsvermögen. Eine für das Zusammenleben sehr wichtige Eigenschaft: Auf der Empathie basieren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Wir helfen anderen in schwierigen Situationen, weil wir ihre Not und ihr Leid selbst spüren. Wer solches Mit-Leid nicht empfindet, ist tatsächlich – das belegen Untersuchungen – oft ein Psychopath. Auch Autisten wirken oft teilnahmslos, wenn sie andere in Not sehen. Mit dieser scheinbaren Parallele argumentieren einige Psychologen, um sie mit Gewalttätern und Mördern in eine Ecke zu stellen. Doch besitzen Autisten, nur weil sie nicht helfen, tatsächlich kein Mitgefühl?"

wie im weiteren verlauf dieses beitrags noch zu sehen sein wird, verdichtet sich in letzter zeit die vermutung, dass die sog. spiegelneurone im menschlichen gehirn eine sehr wichtige rolle für die menschliche empathiefähigkeit spielen - und in diesem zusammenhang liegen bereits studien vor, die sich mit dem funktionieren bzw. nichtfunktionieren der spiegelsysteme bei autismus beschäftigen:

(...)"Bei Autisten funktionieren die Gehirnschaltungen, die Menschen ermöglichen die Aktionen anderer wahrzunehmen und zu verstehen, nicht auf die herkömmliche Art und Weise. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der University of California gekommen. Die EEGs von zehn Patienten mit Autismus wiesen eine Dysfunktion des Spiegelneuronensystems auf. Ihre Spiegelneuronen reagieren nur auf ihre eigenen Aktionen und nicht auf die anderer. Bei Spiegelneuronen handelt es sich um Gehirnzellen im prämotorischen Kortex."
(...)
Heute wird davon ausgegangen, dass das menschliche Spiegelneuronensystem nicht nur bei der Ausführung und Beobachtung von Bewegungen eine Rolle spielt, sondern auch bei höheren kognitiven Prozessen. Dazu gehören zum Beispiel die Sprache, die Fähigkeit andere zu imitieren oder von ihnen zu lernen, ihre Intentionen zu erkennen oder mit ihrem Schmerz zu fühlen. Autismus wird teilweise genau durch Defizite in diesen Bereichen charakterisiert. Frühere Studien legten daher nahe, dass ein dysfunktionales Spiegelneuronensystem die beobachteten Pathologien erklären könnte. Die aktuellen Forschungsergebnisse unterstützen diese Hypothesen in einem entscheidenden Ausmaß."


behalten Sie das obige bitte im hinterkopf, wenn Sie sich die weitere argumentation zur vermuteten empathiefähigkeit von autistischen menschen ansehen - ich zitiere weiter aus dem ursprünglichen artikel:

"In den 1980ern teilte man Empathie noch in zwei Bereiche: kognitive Empathie, nämlich die Fähigkeit, mental in die Haut eines anderen zu schlüpfen, und affektive Empathie, nämlich die emotionale Reaktion auf einen beobachteten Gemütszustand. Letzteres entspricht dem, was man unter Mitgefühl versteht."

und an dieser stelle habe ich das erstemal schwer gestutzt: diese zweiteilung scheint mir keinesfalls sachlich gerechtfertigt zu sein - "kognitive empathie" klingt eher nach einem widerspruch in sich selbst, wenn ich nämlich empathie als den umfassenden (!) prozeß begreife, mittels dem das zwischenmenschliche mitfühlen bzw. -"schwingen" überhaupt erst möglich wird. das wörtchen "kognitiv" in seiner klassischen bedeutung reduziert diesen prozeß meiner meinung nach alleine auf die "mentale" rekonstruktion bzw. simulation von empathie - und eben das ist keinesfalls als empathie im vollen sinne des wortes anzusehen. auch diese art von simulation ist bereits thema von studien bezgl. des autismus geworden, und die daraus gezogenen schlüsse habe ich hier auszugsweise zitiert (in der mitte des beitrags):

"Mitgefühl als "mentale Arithmetik"

Eine Londoner Wissenschaftlerin hat drei Gehirnregionen identifiziert, die bei gesunden Menschen vermutlich für das Einfühlungsvermögen zuständig sind, berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Autisten dagegen versuchen sich mit Hirnregionen des reinen Verstandes in andere Menschen einzufühlen, sagte Francesca Happe auf der Konferenz der Britischen Psychologischen Gesellschaft in Glasgow."

Bei den gesunden Versuchspersonen stellten die Forscher in drei Hirnregionen eine erhöhte Aktivität fest. Die autistischen Probanden dagegen nutzten ganz andere Gehirnbereiche, um die Aufgaben zu lösen. "Es scheint, dass sie dazu eher den reinen Verstand als die soziale Intelligenz nutzten", erklärt Happe."


"sich mit logik einfühlen" wäre vielleicht tatsächlich die treffende beschreibung von "kognitiver empathie" - nur würde das, wie gesagt, imo eine vollständigkeit der empathischen fähigkeit implizieren, die ich an der stelle nicht erkennen kann - und die ich nach dem bisherigen wissensstand auch nicht für begründbar halte. wieder zurück zum ausgangsartikel:

„Die empathischen Kapazitäten beim Asperger-Syndrom sind zwar zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt, doch niemand hat bisher versucht, zwischen diesen Punkten zu unterscheiden“, erklärt Kimberley Rogers. Die Untersuchungen konzentrierten sich fast ausschließlich auf den kognitiven Aspekt. Dabei gibt es seit über zwanzig Jahren ein Verfahren, das beide Komponenten mit 28 Fragen misst: den vom Sozialpsychologen Mark H. Davis entwickelten interpersonellen Reaktivitätsindex (IRI).

Im Center for Brain Health an der NYU beantworteten 21 Erwachsene mit Asperger-Syndrom diese Fragen. Ging es um die kognitive Empathie, schnitten sie tatsächlich schlechter ab als die 23 zum Vergleich herangezogenen „normalen“ Testpersonen. Bei den Fragen zur affektiven Empathie hingegen offenbarten sich keine Unterschiede. Im Gegenteil, emotionsgeladene Situationen versetzten Asperger-Probanden oft stärker in inneren Aufruhr als die psychisch unauffälligen Teilnehmer."


das hier erwähnte schlechtere ergebnis bei der "kognitiven empathie" wäre meiner meinung nach viel eher als indiz für eine abgrenzung vom (asperger-)autismus zum soziopathischen spektrum zu werten; zumindest könnte das darauf hindeuten, dass die oben erwähnten besonderheiten beim "einfühlen" seitens autistischer menschen funktionell und/oder strukturell tatsächlich anders aussehen als die entsprechende besonderheit des "kognitiv empathischen" vermögens bei soziopathen. aber vielleicht ergibt sich die verwirrung auch durch das testverfahren selbst:

"Allerdings hat der IRI eine große Schwäche: Ob die Testpersonen etwa „oft ein Gefühl der Sorge für Leute empfinden, die wenig Glück im Leben haben“, schätzen sie selbst auf einer Skala ein. Es besteht die Gefahr, dass sie so antworten, wie es ihnen sozial erwünscht scheint. Also entwickelten die Forscher ein Verfahren, das sich an konkreten Situationen orientiert, in denen Menschen üblicherweise empathisch reagieren. Die Probanden bekommen Fotos gezeigt, etwa ein weinendes Kind vor einem abgebrannten Haus. Zunächst sollen sie sagen, wie sich das Kind fühlt – es wird also die kognitive Empathie geprüft. Die passende Antwort lautet „elend, kläglich“, und die bekommen die Teilnehmer auch mitgeteilt, bevor es mit den Fragen zur affektiven Empathie weitergeht: Wie sehr wühlt Sie das Bild auf? Fühlen Sie sich selbst beim Betrachten elend?"

und hier kann ich dann nur noch mit dem kopf schütteln: wie sich erstens die erwähnten antworten nach sozialer erwünschtheit dadurch verhindern lassen sollen, indem fotos gezeigt werden, erschließt sich zumindest mir keinesfalls. und zweitens: wenn dazu noch die passenden antworten - die (in diesem fall berechtigt) "sozial erwünschten" - vor dem eigentlichen test mitgeteilt werden - was kann dann tatsächlich berechtigt aus den ergebnissen gefolgert werden?

"17 Probanden mit Asperger-Syndrom durchliefen den Test und bestätigten, was sich zuvor angedeutet hatte: Mitgefühl und Anteilnahme waren bei ihnen ebenso ausgeprägt wie bei jedem anderen. Schwer fällt ihnen dagegen, zu erkennen, was in jemanden vor sich geht. Denn sie können die sozialen Zeichen, die unser Inneres nach außen tragen – also Gesten, Gesichtsausdruck, Tonfall – schlechter „lesen“. Dass Menschen mit autistischen Störungen oft teilnahmslos wirken, liegt also sehr wahrscheinlich daran. Mit Unfähigkeit zu Mitgefühl hat es nichts zu tun."

die letzten aussagen bzgl. des "schlechter lesen" sind imo berechtigt, und auch hier finde ich, dass diese eigenschaften des als solchen definierten autismus eher eine abgrenzung zur klassischen soziopathie nahelegen (weil soziopathen dieses "lesen" i.d.r. besser beherrschen - mit der wichtigen einschränkung der angstwahrnehmung bei sich selbst und bei anderen). was hingegen die folgerung betrifft, dass die empathiefähigkeit genauso "ausgeprägt wie bei jedem anderen" ist, habe ich nicht nur aufgrund der eigenarten der testsituation so meine zweifel. das klassisch autistische spektrum mag sich gerade durch die weitgehende simulative unfähigkeit der betroffenen von der klassischen psycho-/soziopathie unterscheiden. aber gerade bei aspergerautistischen menschen lässt sich imo begründet von einer gewissen simulativen fähigkeit ausgehen - lesen Sie dazu zb. nochmals die aussagen von temple grandin im basisartikel autismus 1. davon ausgehend und berücksichtigend, dass die "richtigen" antworten beim test quasi vorgegeben waren, ließe sich hier eher von einem groben schnitzer der beteiligten forscherInnen reden. so stellt sich zumindest für mich die situation dar, und ich bin gespannt auf Ihre interpretationen des testrahmens.

„Die längste Zeit wurde Autismus als Empathiestörung bezeichnet – in ebenso fälschlicher wie unverantwortlicher Weise“, kritisieren die New Yorker. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, Autisten den Platz im empathischen Spektrum zu geben, den sie verdienen.“ Der ist jedenfalls nicht auf der Seite von Psychopathen. Denn diese besitzen in der Regel eine sehr gute soziale Wahrnehmung. Zu erfassen, was in anderen vor sich geht, bereitet ihnen keinerlei Probleme. Charakteristisch ist vielmehr, dass sie diese Fähigkeit einsetzen, um ihre Opfer zu manipulieren. Psychopathen fehlt die affektive Empathie, sie empfinden also tatsächlich kein Mitleid."(...)

nein, die ergebnisse berechtigen aufgrund der eigenarten ihres zustandekommens und auch aufgrund der bisherigen erkenntnisse zum zusammenhang zwischen (gestörten) spiegelneuronen und autismus imo nicht dazu, eine solche aussage wie oben zu treffen. zweitens ist der ausdruck "gute soziale wahrnehmung" in bezug auf soziopathen aus meiner sicht einfach falsch - ich habe es in den beiträgen zur als-ob-persönlichkeit irgendwo so ausgedrückt: "sie sind zwar fähig, zu beobachten und das beobachtete auch objektiv korrekt zu beschreiben - aber sie werden davon nicht berührt" - und genau das ist kein ausdruck von "guter sozialer wahrnehmung", sondern eine schwere empathiestörung, die als "kognitive empathie" zu beschreiben lediglich falsche und u.u. gefährliche assoziationen aufruft (empathie lässt sich selbst als ein wahrnehmungsmodus begreifen, der nur in seiner vollen funktionsgestalt - wovon das mitfühlen einen untrennbaren teil darstellt - als vollständig anzusehen ist). eine schwere empathiestörung zudem, die vermutlich durch simulative fähigkeiten kompensiert und maskiert wird.

und gerade beim letzteren wären aus meiner sicht eher elementare unterschiede zwischen dem klassischen autistischen spektrum und der soziopathie festzustellen: die simulativen fähigkeiten sind viel deutlicher auf soziopathischer seite zu sehen. was aber die einschränkungen der empathiefähigkeiten betrifft, so würde ich bis auf weiteres bei beiden eher von quantitativen als qualitativen unterschieden ausgehen.

*

solche diskussionen wie die obigen mögen einigen leserInnen arg akademisch und in gewisser weise abgehoben erscheinen - aber aus meiner perspektive trifft solches aus gründen, die gleich näher beleuchtet werden, keinesfalls zu. die empathiefähigkeiten mitsamt ihren daraus folgenden handlungsoptionen stellen für das gesamte soziale leben eine unverzichtbare bedingung, eine grundlegende basis dar. und wenn hier psychophysische strukturelle und funktionelle schäden und defekte möglich sind, so ist es eine schlichte notwendigkeit, die art und weise dieser schäden und ihrer möglichen individuellen und kollektiven folgen so gut wie möglich zu verstehen. dies gilt umso mehr vor dem hintergrund extrem verbreiteter gewaltvorgänge in den aktuellen und historischen menschlichen gesellschaften.

das wort "autismuskritik" ist daher von mir nicht nur als metapher gemeint: eine begründbare erweiterung des autismusbegriffes halte ich sowohl für möglich als auch für nötig, gerade vor dem hintergrund von modellen und theoretischen hypothesen, die es nahelegen, zustände, die sich funktionell und/oder strukturell als autistisch auch bei nicht derart "offiziell" diagnostizierten menschen begreifen lassen, anders - und vermutlich zutreffender - zu verstehen, als es jetzt der fall ist. das die sich daraus ergebenden verbindungslinien bspw. zwischen dem autistischen spektrum und soziopathischen serienmördern für autistische betroffene keinesfalls angenehm sind, kann ich gut nachvollziehen. jedoch ist es imo einfach eine tatsache, dass nicht nur von dieser psychophysischen störung aus die genannten verbindungen zu teils extrem antisozialen verhaltensweisen existieren - borderline und narzißtische persönlichkeitsstörungen wären ein anderes beispiel.

das es leute geben könnte, die aus diesen verbindungen kurzschlüsse v.a. im handeln herstellen könnten, ist dabei ebenso unbestreitbar. aber das kann kein grund dafür sein, über diese verbindungen keinerlei worte mehr zu verlieren.

eine bisher im blog immer wieder nur angerissene these besteht in der aussage, dass wir alle sozusagen ein gesundes autistisches potenzial in gestalt unseres objektivistischen werkzeugs in uns tragen, welches aber unter bestimmten bedingungen krankheitswertig "entgleisen" kann und im monopolmodus bspw. für ein auch als solches erkennbares autistisches störungsbild sorgt. von letzterem bild bis hin zu einem gesunden gleichgewicht sind dabei vermutlich viele "mischungen" denkbar, in denen betroffene zb. in entscheidenden wahrnehmungsfähigkeiten funktionell in einen quasiautistischen status rutschen können. letztere these wird aus meiner sicht von einer relativ neuen studie untermauert, bei der es um gestörte empathische fähigkeiten und spiegelneurone bei "normalen" menschen geht:

(...)"Die Wissenschaftler konnten nun erstmals nachweisen, dass auch die Aktivität der Spiegelneuronen und somit das Empathie-Niveau von gesunden Menschen Unterschiede zeigen können. Die Studienergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht."(...)

"Spiegelneuronen werden beim Verrichten von Handlungen aktiviert, aber auch, wenn man Aktivitäten von anderen Personen beobachtet", erklärt Keysers gegenüber pressetext. In ihrer aktuellen Studie konnten die Forscher zudem erstmals nachweisen, dass es auch "auditive Spiegelneuronen" gibt, die beim Hören eines bestimmten Geräusches aktiviert werden. Ein gutes Beispiel, an dem sich dies zeigen lasse, sei die Getränke-Werbung, wobei man nur das Öffnen einer Dose, das Zischen des Getränkes und ein zufriedenes 'Aaaah' hört. "Man hört nicht nur die Aktion, sondern man fühlt es in sich - das eigene Gehirn fängt an, genau so zu funktionieren wie das Gehirn derjenigen, denen man zuhört", so Keysers.

Die neuen Erkenntnisse seien das Ergebnis einer langen Reihe von Experimenten. So zeigte sich bei Experimenten mit Affen, dass viele Neurone sowohl beim Knacken von Erdnüssen sowie bei der rein akustischen Wahrnehmung dieses spezifischen Knirschens aktiviert wurden. Im neuesten Experiment wurde untersucht, ob dieses Phänomen auch auf Menschen zutrifft. "Wir haben sowohl für Mundaktionen, wie etwa Knirschen, als auch für Handaktionen, beispielsweise das Zerreißen von Papier, erforscht, ob die Aktivitäten im Gehirn sich überlappen, wenn man die Handlungen selber verrichtet oder wenn man nur zuhört", so Keysers. Das haben die Forscher untersucht, indem sie die Gehirnaktivität von 16 Probanden beim Abspielen von verschiedenen Geräuschen in einem Scanner observierten. Es gab tatsächlich eine Überlappung und zwar in der bilateralen temporalen Gyrus sowie in der oberen temporalen Sulcus.

Bei den Experimenten stellte sich weiterhin heraus, dass Menschen mit einem großen Einfühlungsvermögen auch eine höhere Spiegelneuronenaktivität vorweisen."(...)


diese ergebnisse halte ich für sehr bemerkenswert, lassen sie doch verschiedene schlüsse bzw. fragen zu: erstens - wie oben schon erwähnt - können offensichtlich auch nicht als autistisch bezeichnete menschen autistische funktionseinschränkungen aufweisen; zweitens stellt sich die frage, wodurch diese beeinträchtigungen des spiegelsystems jeweils zustandekommen (das wäre einmal eine frage speziell an die psychotraumatologie, weil sich der verdacht äußern lässt, dass gewaltverhältnisse verschiedenster art mitverantwortlich sein können); drittens aber: sind diese defizite reversibel? und wenn ja, auf welche art und weise? viertens: wäre das funktionieren des spiegelsystems nicht vielleicht zukünftig als vorbedingung dafür zu setzen, dass jemand in gesellschaftliche autoritätspositionen gelangen kann? (zumindest solange, wie eine mehrheit unter uns offensichtlich nicht von hierarchischen systemen lassen kann).

ist empathie also für grundsätzlich - in relation zu den herrschenden sozialen bedingungen gesetzt - gesunde menschen am ende sowohl ver- als auch erlernbar? letzteres könnte erfreuliche perspektiven hinsichtlich nötiger gesellschaftlicher veränderungen eröffnen.

*

etwas konkreter möchte ich die obigen gedanken anhand eines textes machen, der sich vor einiger zeit in der "taz" mit dem thema armut in d-land beschäftigt hat. ein ziemlich lesenswerter text, der bei einer passage mein besonderes interesse geweckt hat:

(...)"Der eklatante Mangel an sozialer Empathie ist übrigens nicht neu, und er hat einen Grund. "Wir sind arm an Wissen über Armut", sagt Heiner Geißler. Diesen Befund erstellte der CDU-Politiker bereits 1976; damals war er Sozialminister in Rheinland-Pfalz.

Unsere Gesellschaft ist, was Armut betrifft, autistisch. Sie interessiert sich, wie viele Autisten, nur für Systeme. Sie diskutiert die "Agenda 2010", sie predigt den "Umbau des Sozialstaates", sie wägt den Vorteil von "Teilhabegerechtigkeit" gegenüber der "Verteilungsgerechtigkeit" ab, sie kennt tausende Statistiken über die deprimierende Lage auf dem Arbeitsmarkt. Sie spuckt Zahlen, Diagramme und Schaltpläne aus. Sie kann alles abstrahieren. Aber den Kontakt zu denen, die das betrifft, die damit klarkommen müssen, die darunter leiden, diesen Kontakt hat die Gesellschaft verloren. Sie ist unfähig, sich in die Lage armer Menschen hineinzuversetzen oder gar sie zu verstehen. Sie schildert stets eine völlig andere Welt, obwohl doch beide, die Mehrheitsgesellschaft und ihre Armen, in derselben Welt leben."(...)


mal abgesehen davon, dass das ein weiteres beispiel für die metaphorische nutzung des autismusbegriffs darstellt, wird in der obigen passage doch schon sichtbar, dass sich hier tatsächlich deutliche bezüge zu den gerade behandelten themen finden lassen. bezüge, die sich hier einmal primär auf kollektive wahrnehmungs(un-)fähigkeiten beziehen.

als "mangel an sozialer empathie" lässt sich der allgemeine umgang mit armut und v.a. mit armen schon bezeichnen; der angegebene grund "zuwenig wissen" hingegen überzeugt mich nicht. empathie ist eben keine primär kognitive angelegenheit - was sich beim thema armut u.a. daran sehen lässt, dass auch die vernünftigsten und logischten (kognitiven) vorschläge, die die katastrophalen gesellschaftlichen folgen weit verbreiteter armut berücksichtigen (was auch eine frage des wissens ist), ständig weitgehend ignoriert werden. armut wird zwar beobachtet, aber sie berührt eben viele nicht - und das kann tatsächlich viel mit empathiedefiziten zu tun haben; im konsequenten weiterdenken dann eben auch mit gestörten spiegelneuronen. ich finde das ein nachdrückliches beispiel dafür, was ich in diesem blog immer wieder versuche zu thematisieren: wie das, was so allgemein unter "politik" bzw. gesellschaftlichen bedingungen verstanden wird, eigentlich nicht verständlich ist ohne das wissen um die menschliche psychophysische struktur, ihre möglichen defekte und das entsprechende funktionieren - individuell, und bei weit verbreiteten individuellen eigenschaften dann eben auch kollektiv.

im weiteren zitat werden dazu viele typische produktionen des abstrahierenden objektivistischen modus benannt. und die monopolposition, die diese(r) statt der empathischen wahrnehmung einnehmen, lässt sich durchaus berechtigt als autistische struktur betrachten. ich frage mich wirklich, ob die autorInnen hier intuitiv etwas von den möglichen inneren dynamiken dieser gesellschaft ausgedrückt haben.

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