"12:18 Uhr Reuters berichtet, bereits in der Vergangenheit sei es in AKWs der Fukushima-Betreibergesellschaft Tepco zu schweren Sicherheitspannen gekommen. 2002 mussten demnach der Präsident des Atomenergieunternehmens sowie vier weitere Manager wegen des Verdachts gefälschter Sicherheitsberichte zurücktreten. Fünf Meiler - darunter die zwei durch das Erdbeben schwer beschädigten - wurden in der Folge vorübergehend stillgelegt. "
ich bemerke ein elementares desinteresse bei mir an allem, was derzeit aufgeregt nicht nur im mainstream, sondern auch in vielen blogs über den späten nachfahren einer süddeutschen "adels"sippschaft (ich habe leider mein exemplar von wallraffs/engelmanns "ihr da oben - wir hier unten" nicht in erreichbarer nähe - die haben sich da u.a. genau mit diesen clans, von thurn und taxis wäre ein anderer fall - beschäftigt und gut belegt, dass die mehrzahl dieser sippen zu ihrem bis heute andauerndem reichtum und einfluss vor einigen jahrhunderten durch methoden gekommen ist, die insgesamt mit dem begriff raubrittertum ganz gut zusammengfasst werden. auch zu den "von guttenbergs" gibt´s da ein paar seiten, an die ich mich leider gerade nur noch vage erinnern kann) verhandelt wird.
liegt vielleicht u.a. daran, dass ich finde, dass es jede menge elementarer anderer gründe dafür gibt, diesen bzw. überhaupt allgemein solche typen nicht in irgendwelchen sog. führungspersonen sehen zu wollen. und das es bei den sichtbaren strukturen innerhalb der macht"eliten" quasi zu den zugangsvoraussetzungen gehört, ohne weiteres lügen und faken zu können, sollte nun auch nicht so die große neuigkeit darstellen. das nicht nur in diesen kreisen weiterhin die formalen insignien von macht und einfluss, symbolisiert u.a. durch sog. titel, zur erwarteten und begehrten ausstattung zwecks einschüchterung der untergeordneten simpel gehören, ebensowenig.
nein, der eigentliche knackpunkt liegt für mich in etwas, was meines wissens nirgendwo wirklich verhandelt wird und läuft daraus hinaus, dass "der freiherr" durch und durch innerhalb der herrschenden systemlogik kritisiert wird, und zwar auf der basis einer allgemein verbreiteten halluzination namens "geistiges eigentum". ich hatte grob in erinnerung, dass ich dazu vor jahren eigentlich alles aus meiner sicht relevante schon einmal in einem kommentar zusammengfasst hatte.et voilá:
"geistesklau" ist für mich eine rein fiktive sache - es gibt in der realität nicht so etwas wie "geistiges eigentum", und es gibt meiner meinung nach auch niemanden, der/die so etwas beanspruchen könnte.
ich arbeite hier ausdrücklich mit vielen gedanken / viel wissen von vielen menschen, welches ich teils neu kombiniere bzw. zusammenhänge, die mir persönlich auffallen, deutlich machen kann (jedenfalls im besten fall).
mein eigener anteil wird von meinen persönlichen erfahrungen bestimmt, die mir - notwendigerweise, und das gilt für alle menschen - eine einzigartige und nur von mir selbst voll zu erlebende perspektive eröffnen. diese perspektive versuche ich hier, fragmentarisch zu vermitteln.
es gab, gibt und kann schlicht und einfach keinen menschen geben, der aus einem quasi sozialen vakuum heraus etwas schafft. ich bin für die arbeit hier und allgemeiner in allen aspekten meiner existenz auf die erfindungen und v.a. die arbeit vieler anderer angewiesen - und auch das gilt für uns alle.
welcher maler stellt seine farben, leinwände und pinsel selbst her, welcher musiker seine instrumente? welcher dichter sein papier? dazu müssen sie ebenfalls, um überhaupt malen, spielen und dichten zu können, erstmal ihre grundbedürfnisse befriedigen - bauen sie ihre häuser selbst, stellen sie die steine dafür her? säen und ernten sie?
und lange davor noch, müssen sie ein mindestmaß an mütterlicher/elterlicher zuwendung erfahren haben, um überhaupt existenzfähig zu sein.
es sollte deutlich sein, worauf ich hinauf will: die vorstellung von "geistigem eigentum" enthält implizit die heruntergekochte vorstellung vom "unabhängigen" kreativen, dessen elaboriertester ausdruck die sog. "genies" darstellen.
und das alles beruht auf fiktionen von der menschlichen existenz. ich denke, dass das fiktionen genau von der art und aus der ecke sind, die ich hier immer wieder thematisiere. anders: die vorstellungen vom "geistigen eigentum" - und letztlich vom "eigentum" überhaupt - lassen sich durchaus als ausdruck der dominanz objektivistischer wahrnehmung in dieser kultur entschlüsseln. für mich beruhen diese vorstellungen auf einer grundsätzlichen spaltung: das virtuelle ego, welches "seinen" körper "besitzt". diese konstellation aber stellt sozusagen unsere "kollektive basisstörung" (götz eisenberg) dar, und genau diesen zustand gilt es zu verändern."
wer sich in den 1990er jahren mal öfter in plattenläden für elektronische musik herumgetrieben hat, wird sich sicher an die enorme anzahl von vinylmaxis mit "white labels" erinnern - platten ohne jede angabe zum produzenten/mixer/label, nur mit gestempeltem titel drauf (wenn überhaupt; teils gab es auch nur eine nummer). die idee dahinter war eine, die mir neben der musik die (underground-)technoszene recht sympathisch gemacht hat: keine identifizierbaren stars. es wird gesampelt, sich anderswo bedient, neu zusammengesetzt, und letztlich entsteht ein nicht mehr abreissender flow, der sich selbst kreativ befruchtet und nur als ergebnis kollektiven und gleichberechtigten handelns denkbar ist.
und nein, ich vergleiche guttenberg nicht damit, weil er erstens nach außen hinsichtlich "eigentum" eine völlig konträre position vertreten dürfte und bei ihm zweitens das "samplen" von anderen gedanken mit dem ziel der selbstaufwertung geschah. und eben letzteres wollten die anonymen djs unterlaufen. das dieses vorhaben im großen und ganzen als gescheitert angesehen werden muss, macht die grundidee dahinter keinesfalls falsch. eher ist das wie üblich den sog. marktgesetzten geschuldet, die nach "stars" verlangen.
was dann auch bedeutet, dass innerhalb dieser verhältnisse zwangsläufig der bezug auf die erwähnte halluzination namens "eigentum" als nötig erscheint, nicht zuletzt aus gründen der eigenen materiellen existenzsicherung - das hatte u.a. che damals in einem kommentar zum obigen angemerkt:
"so grundsätzlich ich Dir da zustimme, und es steckt natürlich ein konstruiertes Menschenbild aus dem deutschen Idealismus dahinter (Originalgenie, Selbstverwirklichung in der Selbstverdinglichung usw), so gibt es doch eine viel pragmatischere Umgangsweise damit, die schließlich auch dem Urheberrecht bzw. Copyright zugrunde liegt: Es kommt vor, dass Menschen Texte, die von anderen stammen, ohne Quellennennung copy and paste-mäßig übernehmen, ev. satzbausteinmäßig rekombinieren und als die Eigenen ausgeben, weil sie schlicht zu faul sind, selber welche zu schreiben oder vielleicht selber nicht über die Grundlagen verfügen. Beim Schreiben von Seminararbeiten und in der Werbung kommt beides häufiger vor. Dagegen hilft das "Recht auf geistiges Eigentum". Und so pragmatisch verstehe ich den Begriff, ganz ohne metaphysische Hintergedanken."
"pragmatisch" (ein begriff, der oft genug als synonym vom "sachzwang" herhalten muss) lässt sich das sicherlich so sehen, aber meine hintergedanken würde ich nicht als "metaphysisch" begreifen wollen, sondern als beschreibung handfester (körperlich basierter) psychophysischer konfigurationen. von daher betrachte ich die kritik an dem "freiherrn" *kicher* als grundsätzlich wertkonservativ, und das problem mit dieser wie auch jeder anderen art von konservatismus liegt darin, dass leute mit solchen positionen durchaus nicht begreifen wollen / können, dass die von ihnen beklagten zustände - u.a. auch design/schein statt sein - prinzipiell auf ihrem ureigenen mist gewachsen sind - lobpreisung der (patriarchalischen) familie, betonung (womöglich "gottgegebener") autoritäten, unterordnung unter den staat etc. etc.
alles konzepte, die sich historisch als massiv traumainduzierend herausgestellt haben und eben als eine mögliche folge dieser eigenschaft dann die soziale substanz ganzer gesellschaften bzw. die sozialen fähigkeiten der einzelnen regelrecht zersetzen. insofern ist die ganze kritik potenziell systemtragend, und die "zeit" merkte neulich in der gleichen logik an, dass guttenberg dem leistungsgedanken schaden würde...
nun, ich finde ja, es gibt durchaus schlimmeres. was aber auch zeigt, wie tief große teile der hiesigen gesellschaft die gesetzten normen und werte als quasi naturhaft akzeptiert haben. aus der sicht muss guttenberg dann auch genau deswegen gehen - ; verstoß gegen den (kapitalistischen) mythos von leistung und eigener anstrengung, nicht z.b. wegen des verheerenden bombardements in kundus (erinnert sich noch wer...?)
es gibt wirklich noch viel zu tun.
*
edit: weil diese beiden meldungen auch schon länger bei mir als bookmarks rumfliegen und in diesem fall wie die faust aufs auge passen - einerseits direkt zum milieu der partei des guttenberg, andererseits generell zur inneren verfassung der sog. politischen "elite". da wären einmal die aussagen desex-ministers glos (csu):
(...) "Es gibt zu viele Karrieristen, die sich selbst zu wichtig nehmen", sagte er. "Jeder ist sich selbst der Nächste. Alle sind Konkurrenten. Jeder möchte ein Stückchen weiterkommen. Das alles macht einsam."
Ein Abgeordnetenleben in der Hauptstadt sei "ein permanenter Ausnahmezustand", sagte der CSU-Politiker, der seit 35 Jahren dem Bundestag angehört. Die Versuchungen seien vielfältig. "Ich habe Kolleginnen und Kollegen durch den Alkohol sterben sehen. Das hat auch etwas mit der Einsamkeit des Politikers zu tun." Er habe "tragische Schicksale erlebt, bis hin zum Freitod".
Freimütig gestand Glos ein, dass er von seiner Berufung zum Wirtschaftsminister im Herbst 2005 überrumpelt worden und für die Aufgabe nicht vorbereitet gewesen sei: "Ich wusste damals nicht mal, wo dieses Wirtschaftsministerium genau stand. Ich habe sogar in der Nähe gewohnt, aber es hat mich nie interessiert. Ich hatte kaum eine Ahnung davon, was die Aufgaben dieses Ministeriums sind, um was es sich alles zu kümmern hat."
egozentrismus, isolation, suchtprobleme, karrierekämpfe und inkompetenz. überrascht das jemanden? ein typ wie guttenberg jedenfalls kann sich in so einem milieu wie ein fisch im wasser fühlen - nur nicht erwischen lassen eben...
und dann machte vor einigen wochen die autobiographie eines sohns von helmut kohlfurore, in der ebenfalls einiges von den psychophysischen eigenarten all dieser staatsmänner deutlich wird:
(...) "Walter, der ältere Sohn, beurteilt den Vater als Vater und nicht als Bundeskanzler. Als Vater hat er für ihn versagt. "Jahrzehntelang hat er sein bestes in Partei- und Gremienarbeit investiert (...). Das war sein Sinnen und Trachten, es rangierte weit vor der Familie und dem Privatleben. Wir liefen auf seiner politischen Bühne mit, als Teil des Bühnenbildes, aber ohne tragende Rolle."
Mit kindlicher Sehnsucht schaute er auf seinen Freund aus der Nachbarschaft. Dessen Vater war Fernfahrer und kam mit seinem Lastwagen nach Hause. Zur Begrüßung hupte er laut. Den eigenen Vater empfand Walter Kohl als Gast im eigenen Haus.
Er berichtet offen von seiner inneren Versteinerung, seinen Gedanken, wie die Mutter das Leben selbst zu beenden." (...)
möglicherweise waren die spöttischen gerüchte über die sekretärin des helmut k., die diese als einzige halbswegs wirkliche bezugsperson darstellten, mehr als zutreffend.
mag sein, dass der preis für diese leute ziemlich hoch ist (wenn sie denn überhaupt in der lage sind, derartige defizite, verluste und beziehungsstörungen auch als solche wahrzunehmen). aber mein mitleid für diese brüder und schwestern hält sich trotzdem in sehr, sehr engen grenzen. eine wie rudimentär auch immer ausgebildete fähigkeit zur freien wahl würde ich bei den allermeisten schon unterstellen.
*
edit 2 am 01.03.: da ja zur stunde hierzulande so ziemlich alle medialen kanäle mit tonnen von schmierigkeit verstopft sind und man sozusagen genötigt wird, sich mit jener höchst unangehmen erscheinung zu beschäftigen, dann doch noch zum hoffentlich letzten mal etwas dazu.
beim querlesen bin ich auf einen aspekt gestossen, der mir tatsächlich längerfristig ernstzunehmen erscheint, bei derfrwie folgt beschrieben:
(...) "Es ist auch das überraschende Ende eines Kräftemessens, wie es das in Deutschland so noch nicht gegeben hat: einem Kräftemessen zwischen der sich als gesundes Volksempfinden gerierenden Massenmeinung, bildungsfeindlich und politikverdrossen, gebündelt und verstärkt durch die Medien der Bild-Gruppe aus dem Springerkonzern auf der einen Seite. Und der immer stärker anschwellenden Empörung eines Bildungsbürgertums, der geistigen und politischen Elite, das sich gegen die Opferung seiner wichtigsten Werte und Überzeugungen auf dem Altar des politischen Populismus gewehrt hat, in den bürgerlichen Zeitungen, vor allem aber in der unbegrenzten Öffentlichkeit zahlloser Internetforen." (...)
aus dieser perspektive betrachtet, die ich durchaus plausibel finde, kann ich mir nebenbei auch mein weiterhin vorhandenes grundsätzliches desinteresse an der ganzen geschichte besser erklären: das ist von a bis z eine sache zwischen auf den hund gekommenem kleinbürgertum ("bild"lesend, anfällig für populismus etc.) und großen teilen des mittleren und großbürgertums (teile der bildungsbürgerlichen "eliten" darunter).
ich merke da bei mir eine innere spaltung: interessant finde ich so einen prozeß schon, weil er auf enorme gesellschaftliche - hm, binnentektonische verwerfungen hindeutet. möglich, dass wir gerade den anfang eines prozesses erleben, der in vielen anderen europäischen staaten schon fortgeschrittener ist: die manifestation einer populistischen, durchaus in teilen "postmodern" beeinflussten, grundsätzlich rechten strömung mit einigen klaren affinitäten zu faschistoiden bis offen faschistischen vorstellungen. es gibt davon real teils sehr unterschiedliche phänomene zu betrachten, von berlusconi angefangen über wilders in den niederlanden bis hin zur "tea party" in den usa. der gemeinsame nenner bei allen ist zunächst etwas, was sich als "(pseudo)politik zwecks befriedigung von teils pseudoemotionen bis hin zu authentischen hassaffekten" beschreiben ließe. die nötigen feindbilder können dabei, je nach land und kulturellem background, sehr variieren und erscheinen teils austauschbar - der islam, juden, roma, "reiche" (allerdings ohne jeglichen ernsthaften antikapitalistischen impuls), intellektuelle bzw. leute, die als "gebildet" wahrgenommen werden, schwule/lesben, erwerbslose etc.
ich finde, dass sarrazin und der "freiherr" trotz aller unterschiedlichkeiten als gemeinsames wahrgenommen werden sollten - beide dürften ein ähnliches klientel bedienen (mich würde sehr die tatsächliche schnittmenge zwischen beiden "fan"gruppen interessieren); der hochstapler dazu noch eine spezifisch hiesige und vermutlich in süddeutschland aufgrund der bis heute andauernden präsenz von "adel" verbreitetere sehnsucht nach feudalen bzw. quasimonarchistischen verhältnissen. auch das ist für verunsicherte kleinbürger im krisenbedingt schrumpfenden wohlstand durchaus eine möglichkeit, sich mit den eigenen pseudoidentitären gerüsten über die runden zu retten. zumal "nation" und "gott" hierzulande aus gründen mehrheitlich immer noch nicht problemlos wieder als identitätskrücken zu gebrauchen sind.
die andere seite der medaille ist nun die, dass ich mir vom "bildungsbürgertum" keineswegs groß etwas verspreche - zum einen, weil es da ebenso eine gewisse sarrazin-kompalibität geben dürfte, zum anderen aber, weil die beschworenen normen und werte unter den heutigen sozioökonomischen bedingungen und noch viel mehr in den kommenden zeiten einer fundamentalen und globalen systemkrise nicht das papier wert sein werden, auf dem sie stehen. mein desinteresse rührt glaube ich grundsätzlich daher, dass ich die ganze auseinandersetzung als etwas wahrnehme, was letztlich innerhalb einer realitätswidrigen blase stattfindet - die meisten (!) der in europa lebenden menschen haben nach meinem empfinden weder eine ahnung noch einen begriff davon, was die finanz- und wirtschaftskrise tatsächlich bedeutet und was sie für folgen hat, was peak oil in den härtesten konsequenzen bedeutet, was ökologische destruktion bedeutet, was ressourcen- und hungerkrisen bedeuten und was peak water bedeuten wird. eher ist ein dumpf-ängstliches bewusstsein zu konstatieren, welches zwar merkt, dass irgendetwas fundamental in bewegung geraten ist, aber sich keinen genaueren begriff davon machen kann (teils auch nicht will, und von "elitärer" seite aus auch nicht soll.)
genau das ist die, allerdings absehbar vorübergehende, weil sie im angesicht der realität sehr schnell entzaubert sein werden, stunde der populisten, zu denen der "freiherr" durchaus in einer sehr spezifischen, der hiesigen demokratiesimulation und den hiesigen bedingungen angepassten form zu rechnen ist. vielleicht demnächst "unabhängig" mit eigenem (pseudo-)programm. wer weiß?
aber um es noch mal auf den punkt zu bringen: im verhältnis zu dem, was das globale wetterleuchten an inzwischen fast allen horizonten anzeigt, halte ich diese ganze geschichte für eine - ja, fußnote.
da ich z.zt. viel zu viel (lohn)-arbeite, entsprechend erschöpft bin und auch noch technische probleme mit der netzverbindung in form von längeren ausfällen habe, wieder nur etwas relativ kurzes. aber da das gleich folgende in den deutschsprachigen medien - ich kenne bis jetzt nur drei ausnahmen, von denen zwei gleich zu sehen sind - schlicht nicht existiert, will ich das blog einmal mehr als infomultiplikator nutzen. danke übrigens für alle kommentare - die lese ich durchaus und beziehe weitere anregungen daraus, auch, wenn ich momentan nicht sichtbar reagiere.
was die afrikanischen und arabischen aufstände betrifft, mehr in den nächsten tagen. es passiert so derart viel, in positiver wie auch in verdammt negativer - stichwort counterinsurgency - hinsicht, dass es schwer ist, noch auf einem einigermaßen aktuellen stand zu bleiben. wer auch nur halbwegs englisch versteht, kann sich im gesamten europäischen raum momentan am besten beim britischenguardianinformieren - neben al jazeera kenne ich keine weitere quelle, die so umfassend und aktuell berichtet. englischprachige nordafrikanische und arabische blogs mal ausgenommen.
*
ich hatte ja mal in den letzten beiträgen die sich u.a. mit dem ägyptischen aufstand beschäftigen, davon geschrieben, dass nach meinem eindruck dieses ereignis nicht nur regional, sondern weltweit ausstrahlen würde, und dazu vermerkt, dass das auch für die usa gilt. nun gibt es seit ein paar tagen aus dem bundesstaatwisconsinmeldungen und noch mehr töne, die mich die augenbrauen hochziehen lassen haben.
es geht schlicht um die möglichkeit - ich betone momentan dieses wort -, dass die derzeitigen szenen aus der hauptstadt madison den beginn eines, oder besser gesagt, einer reihe von gesellschaftlichen großkonflikten in den usa darstellen, die sich unmittelbar aus der wirtschaftskrise sowie den weltweit schwelenden elitären legitimationskrisen ergeben. das wird dazu ergänzt mit einer reihe von us-amerikanischen besonderheiten wie bspw. der marginalen rolle von gewerkschaften sowie der präsenz von extrem reaktionären bewegungen mit totalitär kapitalistischer und christlich fundamentalistischer ideologie wie der sog. "tea party", die sich in solchen konflikten unvermeidlich auf der anderen seite der barrikaden positionieren.
"Bis zu 30.000 Teilnehmer an täglichen Demonstrationen, ein besetztes Kapitol in der Hauptstadt Madison und Abgeordnete, die in einen Nachbarbundesstaat „fliehen“: Der US-Bundestaat Wisconsin erlebt derzeit mehr als turbulente Tage. Beamte machen gegen das Sparpaket von Gouverneur Scott Walker mobil. Doch gleichzeitig ist der Arbeitskampf der erste große Showdown zwischen Republikanern und Gewerkschaften.
Walker (...) will durchsetzen, dass die rund 175.000 Beamten des Landes einen Teil ihrer Pensions- und Gesundheitsversicherungsbeiträge selbst bezahlen. Lohneinbußen von rund sieben Prozent wären die Folge.
Walker spricht von einem Defizit von 137 Millionen Dollar, das er bekämpfen muss. Kritiker werfen ihm hingegen vor, dass er gleichzeitig 140 Millionen in neue umstrittene Initiativen wie die Förderung von privater Gesundheitsvorsorge steckt."
letzteres ist durchaus interessant - schaut man sich einmal die derzeitigelage der us-bundesstaateninnerhalb der fortgeschrittenen phase der globalen wirtschafts- und finanzkrise an, so fällt auf, dass wisconsin zwar bereits echte probleme mit den folgelasten der durch die banken und ihren lobbys eingeleitenen, aber letztlich durch die systemischen strukturen kapitalistischer ökonomien unvermeidlichen krise hat, aber sich noch nicht in so einem desolaten zustand wie bspw. californien oder illinois befindet. wie überall anders auch, versuchen die kapitalistischen jünger auch in wisconsin, die krisenfolgen von ihren finanziers und "leistungsträgern" nach unten abzuwälzen und statt dessen ihr gescheitertes - nicht für sie, aber gesamtgesellschaftlich - system weiter auszubauen und zu erweitern. privatisierungen allerorten und "mehr markt!" und "eigenverantwortung" werden unverdrossen weiter als heilsrezepte verkauft. soweit also kein unterschied zum hiesigen trauerspiel.
ein unterschied zwischen den meisten europäischen staaten und den usa gibt es jedoch hinsichtlich der rolle von gewerkschaften: in westeuropa können die meisten großen gewerkschaften als simulation von arbeiterInneninteressensverbänden gelten, eingelullt in phrasen wie "sozialpartnerschaft" und mit führungen, die sich längst auf die eine oder andere art kräftig mit ihren angeblichen gegenparts auf kapitalistischer seite arrangiert haben. in den usa hingegen favorisieren so ziemlich alle rechten strömungen den offenen kampf gegen einen so "unamerikanischen" gedanken wie den an gewerkschaftliche vertretungen:
"Doch gleichzeitig hat der Gouverneur noch einen ganz anderen Plan: Seit Monaten schießen sich die Republikaner in den ganzen USA auf Gewerkschaften ein, die sie für den nur langsamen Aufschwung nach der Krise verantwortlich machen. Von Gewerkschaftsverboten für öffentlich Bedienstete ist etwa die Rede, und etliche Bundesstaaten mit republikanischen Gouverneuren planen bereits Maßnahmen.
Walker ist nun der Erste, der sie in Gesetzesform gießen ließ: Sein Entwurf sieht vor, das Recht der Beamten auf Lohnverhandlungen abzuschaffen – mit Ausnahme von Polizei und Feuerwehr, die er bewusst nicht gegen sich aufbringen wollte." (...)
eine art testfall also, der in den usa augenscheinlich von vielen betroffenen und interessierten auch so verstanden wird, und demnach auch reaktionen auslöst, die für das landbemerkenswertsind:
(...) "Täglich kommen größere Demonstrationen zu dem Gebäude, in dem die beiden gesetzgebenden Kammern, das oberste Gerichtes und der Gouverneur vom Bundesstaat Wisconsin ihren Sitz haben. Am Montag waren es 2.000 Menschen; am Dienstag schon 5.000; am Mittwoch 15.000; und heute – am Donnerstag – zwischen 25- und 30.000.
Sie schwenken Transparente mit Aufschriften wie: “We – the people”. “Gerechtigkeit für die Mittelschicht”. “Verhandeln, statt diktieren”. Und: “Hände weg vom Arbeitsrecht”. Viele schwenken Fahnen. Sowohl die us-amerikanische, als auch die ägyptische. Gelegentlich hält ein Demonstrant ein Schild hoch, auf dem steht: “Aufrecht gehen, wie ein Ägypter.”
Es sind die größten sozialen Demonstrationen, die Wisconsin seit den 60er Jahren erlebt." (...)
walker wird auf etlichen schildern auch neben mubarak gezeigt, und selbst wenn man solche analogien sachlich als unpassend betrachtet, so scheint mir doch tatsache zu sein, dass das fanal vom tahrir-platz tatsächlich weltweit als beispiel innerhalb aller möglichen gesellschaftlichen konflikte begriffen wird. auch am gestrigen freitag waren zwischen 25 - und 30.000 menschen in madison auf den beinen. öl ins feuer goss walker noch zusätzlich, als er den demonstrantInnen vor ein paar tagen den einsatz der nationalgarde androhte. unter anderem das führte dann auch dazu, dass etliche schulen in der stadt seit tagen geschlossen sind, weil sich lehrkräfte und schülerInnen kollektiv krank melden, um sich dann den demos anzuschliessen. die übrigens keineswegs, wie in der ersten zitierten meldung vom orf die überschrift suggeriert, als "beamtendemos" zu bezeichnen sind. es sind auch eben viele schülerInnen und studentInnen auf den straßen, zusätzlich zu allen möglichen berufsgruppen wie etwa feuerwehrleute, die ja beim "sparprogramm" ausgenommen sind, aber aus solidarität trotzdem mitdemonstrieren.
apropos solidarität: in ohio gibt es ein ganz ähnliches szenario, auch dort will der bundesstaat gegen die gewerkschaftliche organisierung der staatlich bediensteten vorgehen. und auch dort kam es inzwischen zu ersten größeren demonstrationen vor dem landesparlament. eine solikundgebung wird auch aus new york city vermeldet, wo die ausgangslage ebenfalls ähnlich ist.
(...) "Auch DemokratInnen und GewerkschafterInnen betrachten das Kräftemessen von Wisconsin als Grossereignis. Beide haben Spitzenleute nach Madison geschickt. Manche sprechen von einem "Ground Zero” für die Gewerkschaftsbewegung der USA." (...)
und die bedeutung dieser auseinandersetzung ist auch der gegenseite bewußt: für den heutigen samstag haben "tea party"-gruppen aus dem gesamten bundesstaat zu einer gegendemonstration in madison aufgerufen. aktuelle updates, nicht nur zu diesem aspekt, bietet bspw. diehuffington post.
*
wenn sich diese auseinandersetzung tatsächlich in der erahnbaren dimension ausweiten sollte - und obama höchstpersönlich hat sich ja schon öffentlich geäussert - , dann werden er und seine administration neben den rasanten entwicklungen in nordafrika und dem nahen und mittleren osten in kürze auch mit einem innenpolitischen thema konfrontiert sein, bei dem sie in ihrer position nur verlieren können, weil sie gezwungen sein werden, auch dort mit gespaltener zunge zu sprechen. ich kann mich nur wiederholen: es sind interessante zeiten.
heute nur kurz - was in ägypten heute bis zur stunde los ist, lässt sich an vielen stellen medial nachvollziehen. wenn man die summe der berichte zieht, ist das absolut beeindruckend: geschätzt zwischen fünf und acht millionen menschen waren heute in allen großen und kleineren städten des landes auf den straßen. mubaraks tage sind so oder so hinüber, aber ich habe den eindruck, dass meine vermutung von gestern sich immer mehr zur realität manifestiert. was glaubt der mann? und was will er? wenn er jetzt geht, könnte er vermutlich - ausdrücklich: leider - unter der protektion seiner "elitären" kumpane sein zusammengeplündertes vermögen verjubeln. der ganze clan hat laut berichten ca.40 milliarden dollarin seiner herrschaftszeit zusammengerafft. aber so wie es aussieht, wird er bis zu seinem bitteren - und wieder ausdrücklich: hochverdientem - ende in seinem palast ausharren. wenn´s denn gefällt, bitte sehr. dürfte auch jede menge menschen in ägypten geben, die sich darüber freuen werden, wenn er erreichbar bleibt... puppen mit seinem konterfei baumelten heute jedenfalls schon mal von allerlei masten in kairo.
*
der fast greifbare erste erfolg - absetzung des diktators - des ägyptischen aufstands erschüttert erwartungsgemäß die region - momentan noch ziemlich unter gehen zwei meldungen, deren brisanz sich in kürze zeigen wird - dienächsten kandidatenaus dem kleinen finsteren freundeskreis von ben ali und mubarak dürfen sich langsam auch schon mal gedanken über ihre zukunft machen:
(...) "Im Nachbarland Syrien gibt es für Freitag und Samstag Aufrufe zu Protesten gegen Unterdrückung und Korruption. Diese sollten auch Ausdruck der Unterstützung für das ägyptische Volk sein, hieß es auf von Oppositionsgruppen betriebenen Internetseiten. Syriens Präsident Baschar al-Assad erklärte per Interview, er wolle mehr politische Reformen in seinem Land. Der Herrscher stützt sich auf die allmächtige Baath-Partei und das Militär. Seit 1963 gilt in Syrien - ähnlich wie seit fast 30 Jahren in Ägypten - ein permanenter Ausnahmezustand. Menschenrechtler beklagen willkürliche Verhaftungen und Folter.
In Algerien kündigten mehrere Gewerkschaften für die kommenden Tage große Streiks an." (...)
ein funke wird zum steppenbrand.
*
edit: als nachtrag gehören unbedingt die folgendeninformationendazu - in algerien ist es heute schon zu größeren aktionen gekommen:
(...) "Gegen das herrschende System und die sozialen Missstände formierte sich am Dienstag in Algerien breiter Widerstand. Knapp 90.000 Krankenpfleger sowie Beschäftigte aus dem Bildungssektor streikten. (...)
In Tizi Ouzou östlich der Hauptstadt Algier gingen nach Augenzeugenberichten mehrere tausend Studenten und Schüler auf die Straße, um für bessere Studienbedingungen und gegen die autoritäre Herrschaft von Präsident Abdelaziz Bouteflika zu protestieren. Die Demonstranten wurden von zahlreichen Bürgern unterstützt. Organisatoren der Proteste sprachen von 15.000 Teilnehmern.
Am Montag hatten wieder junge Arbeitslose mit Selbstverletzungen auf ihre Perspektivlosigkeit aufmerksam gemacht. Drei Männer im Alter zwischen 27 und 33 Jahren schlitzten sich mit Rasierklingen die Haut auf. Etliche andere Algerier hatten zuvor mit öffentlichen Selbstverbrennungen für Schlagzeilen gesorgt. Zu den jüngsten Fällen gehörte der eines Wachmanns einer Entwicklungsbank. Er versuchte, sich aus Verzweiflung über seine Situation zusammen mit seiner schwerbehinderten zehnjährigen Tochter anzuzünden. Alle Bankmitarbeiter traten daraufhin aus Solidarität in den Streik.
Für den 12. Februar haben Anhänger der Opposition zu einer Demonstration in Algier für einen Sturz des Systems und für ein Ende des seit 1992 geltenden Ausnahmezustands aufgerufen." (...)
zuerst mal zur abwechslung einenachricht, die vor ein paar stunden als eilmeldung in vielen europäischen medien auftauchte und - selten genug - grundsätzlich positiven inhaltes ist:
(...) "Die einflussreiche Armee in Ägypten hat sich erstmals hinter die Forderungen der Demonstranten gestellt. Am Montag versprach sie, im Konflikt zwischen der Opposition und dem Regime Zurückhaltung üben zu wollen. "Wir werden keine Gewalt gegen die Bürger einsetzen. Wir verstehen die Forderung der Demonstranten", hieß es in einer Erklärung.
"Die Meinungsfreiheit in friedlicher Form ist für alle garantiert", zitierten die amtliche Nachrichtenagentur Mena und das Staatsfernsehen aus der Erklärung. "Die Präsenz der Armee in den Straßen ist zu eurem Schutz, und um eure Sicherheit und euer Wohlbefinden zu garantieren", hieß es weiter. Die Armee rief die Bevölkerung auf, von Sabotageakten abzusehen, da diese die Sicherheit sowie das öffentliche und private Eigentum verletzten." (...)
falls es sich dabei nicht um einen sehr perfiden trick seitens führender militärs handeln sollte, bin ich geneigt zu sagen: das war´s für mubarak. wenn sich die armee bei den für morgen angesagten aktionen - landesweiter generalstreik und massendemonstrationen in größeren dimensionen als selbst am freitag - tatsächlich zurückhält, wird seine stunde und die großer (vermutlich nicht aller, das benötigt wesentlich mehr zeit) teile seines regimes am morgigen dienstag endgültig schlagen. und ich habe auch das gefühl, dass sein schicksal anders enden wird als das seines diktatorischen bruders ben ali in tunesien. mubarak erscheint unglaublich starr und realitätsfremd. kann gut sein, dass er im wahrsten sinne des wortes den abflug verpasst und stattdessen eine art ceaucescu-moment erlebt.
wie dem auch sei: tempo und ausmaß der entwicklungen sind schlicht atemberaubend und die konsequenzen noch nicht mal ansatzweise abzuschätzen. es ist im wahrsten sinne des wortes eine historische lektion, die da aus tunesien und ägypten erteilt und weltweit wahrgenommen wird. teils bin ich einfach baff.
*
gesicht(er) und töne aus der tunesischen revolution - ein junge frau singt am 14. januar inmitten einer demonstration vor dem innenministerium in tunis kurz vor dem sturz des diktators ein lied über die freiheit:
...
*
solche szenen machen mich - ja, unter anderem schlicht auch neidisch auf das, was die menschen da kollektiv jetzt erleben und an neuen erfahrungen machen - revolutionen sind keineswegs nur momente von angst und schrecken, wie es sich als subtext hartnäckig in vielen berichten des mainstreams hält. aber ich weiß auch nicht, ob ich sie unbedingt alspermanentes volksfestbezeichnen würde, wie das die folgende beschreibung aus kairo tut. wenn schon volksfest, dann jedenfalls nicht im hiesigen sinne:
(...) "Seit Tagen sitzen die Soldaten neben dem Ägyptischen Museum in unmittelbarer Nachbarschaft zum Platz der Befreiung, während um sie herum eine Art permanentes Volksfest tobt. Die Soldaten werden dort nicht als Fremdkörper behandelt, sondern stehen mittendrin in den Debatten darüber, wie es mit Ägypten weitergehen soll. Ihre Panzer sind vollgesprüht mit Slogans, die zum Sturz des Regimes aufrufen. Auf dem Platz sind die Soldaten und die Demonstranten schon längst zu einer Einheit verschmolzen. Da wirkt das Bild, in dem Mubarak inmitten der Militärführung sitzt und das stündlich im ägyptischen Fernsehen wiederholt wird, weit, weit weg.
Seit den Morgenstunden ist auch die Polizei zurück. Die meist verhassten Einheiten, die Bereitschaftspolizei und die Männer der Staatssicherheit aber sind weiterhin auf wundersame Weise aus dem Stadtbild verschwunden. Und die Streifen- und Verkehrspolizisten haben den Befehl, sich keiner Demonstration zu nähern und den Tahrir-Platz zu umgehen. (...)
Zwischen den Zigarettenverkäufern und Menschen, die kostenlos Datteln verteilen, entsteht nicht nur ein neues Ägypten, sondern es greift auch ein neues Gefühl um sich. Die jahrelange kollektive Depression, die dieses eigentlich humorvolle Volk in den letzten Jahren im Griff hatte, ist verschwunden.
Zunächst machten die Menschen ihrer Wut auf die Polizei Luft. Nun stehen sie auf dem Platz, und jeder kann sich frei über die letzten Jahre auslassen. Meist beginnt das mit dem Satz, "Weißt du, wie viel ich als … verdiene?", und endet mit einer Aufzählung der wichtigsten Lebensmittelpreise, die in keinem Verhältnis dazu stehen. Die Menschen beschreiben im Detail, was sie in all den Jahren unterdrückt hat und hören sich dabei gegenseitig zu, um schließlich einander in die Arme zu nehmen. Es ist wie ein Therapierausch.
Man wird den Eindruck nicht los, dass viele immer wieder jeden Tag auf den Platz kommen um diesen Glückstrip zu erleben, der mit einem verwunderten "Ach dir ging's auch so schlecht" beginnt, um mit dem enthusiastischen Ausruf "Stürzt Mubarak! Nieder mit dem Regime!" endet." (...)
ich vermute, dass keine imagination der aktuellen realität in beiden ländern auch nur ansatzweise nahe kommt. aber es klingt verdammt gut!
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letzteres noch vermehrt, wenn man sich die reaktionen des "offiziellen" westens und seiner speichellecker in vielen kommentarspalten quer durchs netz anschaut. während erstere an ihrer heuchelei ersticken mögen, gibt´s bei letzteren offenen rassismus, paranoide islamphobien (und ja, ich stehe dem islam so gegenüber wie jeder anderen religion auch - sie sind alle eine sackgasse, aber trotzdem lässt sich der befund so konstatieren) und europäisches herrenmenschendenken zu bewundern. im kern tiefste antisozialität und pathologischer egozentrismus ("unsere" sicherheit, "unser" einfluss, "unser" öl...)
pack alle beide, sowohl die westlichen "eliten" als auch ihre devoten untertanen. und zur aktuellen israelischen politik momentan nur ein wort: selbstzerstörerisch. für die von ihnen tolerierte entsetzliche dummheit und das kriminelle verhalten - nichts anderes ist die unterstützung einer folterdiktatur - ihrer regierenden wird letztlich die israelische bevölkerung bezahlen. aber warum sollte es denen auch besser gehen als bespw. der hiesigen bevölkerung?
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zum wort "fernwirkungen" empfiehlt es sich, auch einen blick auf zwei kommende "groß"- oder gar "supermächte" zu werfen, und zwar in asien. während china bei seinem eigenen "twitter"-klon das wort "egypt" schlicht gestrichen hat, wird ausindiendas folgende berichtet:
(...) "In Indien sind am Sonntag Zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen Korruption zu protestieren. Auslöser der Aktionen in Neu Delhi und anderen Großstädten waren die permanenten Korruptionsskandale, die seit Herbst die Regierung von Manmohan Singh erschüttern.
In Neu Delhi fordern tausende Demonstranten die Gründung eines gesellschaftlichen Gremiums, welches korrupte Beamte entlassen und korrupte Politiker von Wahlen ausschließen dürfen soll, wie ein Korrespondent RIA Novosti RIA Novosti vor Ort berichtet.
Die heutigen Proteste fallen mit dem 63. Todestag des weltberühmten indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi zeitlich zusammen. Fünf Oppositionelle sind in der indischen Hauptstadt in Hungerstreik getreten, um die Regierung zum Einlenken zu zwingen.
"Wir sind bereit, unsere Leben zu opfern - für die Werte, für die sich Mahatma Gandhi eingesetzt hatte", sagte einer der Streikenden, Schambu Datta (93), zu RIA Novosti. „Wir nehmen kein Essen zu sich, solange die Reaktion der Regierung ausbleibt."
Auch in der Finanzmetropole Mumbai sowie in Bangalore und Dutzenden weiteren Städten gingen viele Menschen unter ähnlichen Parolen auf die Straße." (...)
"es liegt was in der luft, ein ganz besonderer duft..." *summ*
das ist wortwörtlich zu nehmen - alle meldungen aus ägypten deuten darauf hin, dass die für morgen angesetzten demonstrationen zu einer echten machtprobe zwischen regime und bevölkerung werden könnten - ausgang ungewiss. in allen nur denkbaren fällen aber werden aller wahrscheinlichkeit nach massive fernwirkungen weit über die arabische welt hinaus zu verspüren sein.
ich habe zur entwicklung v.a. im nordafrikanischen raum viele gedanken im kopf, aber für den moment sei nur aus zwei texten zitiert, einmal ein ganzaktueller...
(...) "Mohammed Kamal sitzt zusammengesunken auf einem Schemel. Er ist sichtlich schockiert, wischt sich mit einem Taschentuch das Blut aus dem Gesicht. Die lila-rote Schwellung an seinem Auge aber bleibt. "Ich habe versucht, auf einer Demonstration eine Frau zu schützen, auf die die Polzisten eingeprügelt haben, als sie am Boden lag", erzählt der Anwalt. "Ich wollte sie da rausholen und dann haben sie auf mich zu siebt eingeprügelt und haben gerufen 'Du Hundesohn'." Kamal macht eine Pause und schüttelt wiederholt den Kopf. "Das Leben hier ist unmöglich geworden. Jeden Tag trampeln sie auf der Würde der Menschen herum", bricht es aus ihm heraus.
"Schau mich an, wie sie mich zugerichtet haben. Ich bin Anwalt, aber ich muss dir sagen, in diesem Land gibt es keine Gerechtigkeit." Er blickt still zum Boden, bevor er fortfährt. "Solange es keine Gerechtigkeit gibt, geht es abwärts mit diesem Land - und am Ende auch mit Husni Mubarak und mit all denen, die hinter ihm stehen. Es wird ihnen genauso gehen wie Ben Ali in Tunesien", sagt er mit zunehmendem Ärger in der Stimme.
Und dann ist er kaum mehr zu bremsen. Er arbeite jeden Tag am Gericht. Er habe genug von dieser Bestechung. Jeden Tag lungere er mit anderen Anwälten vor den Türen der Richter herum. "Ich möchte das nicht mehr machen." Aber er sei dazu gezwungen, um seine Fälle erfolgreich abzuschließen. "Wir alle haben unsere Würde abgelegt", klagt er.
Mit den Demonstrationen wolle er auf jeden Fall weitermachen, kündigt er an. Was ihm heute wiederfahren sei, habe ihn nur bestärkt. "Ich bin 25 Jahre alt. Ich bin unter Mubarak geboren. Und ich werde mit Mubarak oder seinem Sohn ins Grab gehen", meint er bitter "Mubarak ist ein Greis, warum regiert er immer noch?", fragt er und endet wie folgt: "Entweder nimmt Gott ihn oder uns zu sich. Wir können einfach nicht mehr". (...)
(...) "Das Gesicht des jungen Mannes ist schmerzverzerrt, die Augen geschlossen, der Mund weit aufgerissen. Er schreit vor Schmerzen, bittet darum, dass es aufhört. Der Mann liegt auf dem Boden, der Unterkörper ist nackt, und ihm wird ein Besenstiel in den After geschoben. Die grausame Tat erschüttert Ägypten, denn die Täter sind Offiziere der Polizeistation im Kairoer Stadtteil Bulaq al-Dakrur. Zwar ist bekannt, dass in ägyptischen Polizeirevieren und im Gefängnis gefoltert wird. Aber einen so eindeutigen Beweis gab es noch nie: Ein Polizeioffizier hat die Tat mit seinem Mobiltelefon gefilmt – und an Kollegen des Opfers, des 21-jährigen Taxifahrers Emad al-Kabir gesandt, der auf der Straße in einen harmlosen Streit mit der Polizei geraten war.
Mit der Warnung, ihnen werde es genauso ergehen, wenn sie sich mit der Polizei anlegten.
Die Polizisten sollen Schmiergelder von den Taxi- und Minibusfahrern des Viertels verlangt haben, was diese ablehnten. (...)
„Folter in Ägypten ist systematisch“, sagt Magda Adly, die Leiterin des Nadim-Zentrums, das Folteropfer medizinisch und juristisch betreut. „Sie ist weitverbreitet, es werden immer die gleichen Techniken benutzt und es gibt faktisch keine Strafverfolgung“, sagt die gelernte Narkoseärztin, die das Zentrum 1993 mitbegründet hat. „Zunächst gibt es im Polizeirevier die „Empfangsparty“ – so nennen dies die Polizisten selber: Schwere Schläge, Tritte, die Opfer müssen sich auf den Boden legen, und auf ihrem Rücken wird herumgetrampelt. Im nächsten Schritt werden die Menschen an ihren auf den Rücken gefesselten Händen aufgehängt. Oft werden sie an einen Deckenventilator gehängt, der dann angestellt wird, so dass sich das Opfer dreht. Oder sie werden an den Füßen aufgehängt. Elektroschocks gehören ebenso zum Repertoire.“ Regelmäßig endet dies mit dem Tod der Opfer.Bedroht davon sind einfache Kriminelle ebenso wie islamistische und linke Oppositionelle, aufmüpfige Studenten oder jeder Unschuldige, der in die Hände der Polizei gerät. So wie der 18-jährige Mahmoud Tamam, der zu Tode gefoltert wurde, nachdem er Streit mit seinem Nachbarn hatte, der das gleiche Mädchen liebte. Dieser habe seinem Verwandten im Polizeidienst gesagt, dem Nebenbuhler müsse eine Lektion erteilt werden." (...)
DAS sind "unsere" verbündeten - regimes von mördern, folterern und hoch antisozialen. nicht, das das eine neuigkeit wäre. Sie und ich tragen übrigens solche verhältnisse mittels steuern (die dann in sog. militär- und waffenhilfen, polizeiliche ausbildungen etc. fließt) entscheidend mit. wen das kalt lässt oder wer das sogar gut findet (davon gibt es einen gar nicht so kleinen anteil), stellt sich selbst - erfreulicherweise - klar in position. erfreulicherweise schreibe ich deshalb, weil es höchste zeit für klare und deutliche grenzziehungen ist. dazu demnächst mehr.
für den moment aber vor allem dies:
good luck and power to the people in egypt and tunisia!
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edit am 28.01.: es sieht zur stunde fast so aus, als würde dasbisher undenkbarenun tatsächlich geschehen:
(...) "Mit letzter Kraft stemmt sich die ägyptische Regierung gegen die Massenproteste im Land. Nach Angaben der staatlichen ägyptischen Nachrichtenagentur MENA sind über eine Million Menschen auf den Straßen. Unbestätigten Berichten zufolge sollen es bis zu zwei Millionen sein. Die Polizei setzt Gummigeschosse, Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten ein. Die Regierung schaltete das Handy-Netz ab und kappte Internet-Verbindungen. Friedensnobelpreisträger Mohamed al-Baradei steht unter Hausarrest.
Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira berichtet von Polizisten, die ihre Uniformen ablegen und sich den Demonstranten anschließen. Ähnliche Meldungen kommen auch über den Kurznachrichtendienst Twitter. Demnach geben sich Demonstranten und Polizisten, die eben noch gewaltsam gegeneinander vorgegangen waren, die Hände. In einem Bericht der amerikanischen Nachrichtenagentur AP wird spekuliert, Präsident Husni Mubnarak könne sich womöglich nicht mehr auf seine Polizisten verlassen und werde die Armee gegen die Demonstranten aufmarschieren lasse.
Auf Twitter heißt es, die Israelis begännen damit, ihr Botschaftspersonal aus Kairo zu evakuieren. Angeblich werden alle auf dem Kairoer Flughafen ankommenden Auslandsjournalisten sofort in Polizeigewahrsam genommen. (...)
Von Stunde zu Stunde breiten sich die Demonstrationen auf das ganze Land aus. Aus allen Großstädten werden Massenproteste gemeldet. In Suez haben Regierungsgegner demnach eine Polizeistation in Brand gesteckt. Die Stadt im Osten des Landes war schon in den vergangenen Tagen Schauplatz heftiger Straßenschlachten. In Luxur geht die Polizei mit Tränengas gegen die Demonstranten vor. Auf den Straßen würden Bilder des ägyptischen Präsidenten zerrisse, heißt es.
Weit über 100.000 Menschen sollen in Alexandria den Sturz der Regierung Mubarak fordern, berichtet die BBC. „Geh, geh, Mubarak, dein Flugzeug wartet auf dich“, skandieren sie den Berichten zufolge. (...)
es wurden heute mittag weiter auch massendemonstationen in jordanien vermeldet, und ganz aktuell kommen in der letzten halben stunde immer mehr hinweise darauf, dass sich syrien inzwischen ebenso wie ägypten vom netz abgekoppelt hat. regionale us-medien berichten dazu, dass sich einheiten der us-nationalgarde in ägypten bereit halten würden (links folgen, sobald sich das verifizieren lässt).
power to the people!
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edit 2: was ein tag... die soziale eruption in ägypten ist so gewaltig, dass sie auch den mainstreammedien nach deren eigenen gesetzen eine ausgiebige beschäftigung mit den ereignissen und teils auch den hintergründen aufzwingt. eine kleine auswahl im folgenden, aber zuerst noch zum letzten update oben: die meldungen bezgl. der syrischen netzsperre sind widersprüchlich; fakt scheint aber zu sein, dass zumindest bestimmte teile des netzes dort nicht erreichbar sind. eine totalblockade wird teils demntiert, teils weiter behauptet. zu der info mit der us-nationalgarde: es soll sich nur um eine kompanie handeln, die sich bereits seit wochen im land befindet und in irgendeiner uno-mission eingebunden ist - so zumindest quellen aus den usa. ich gebe das mal ohne kommentar weiter.
ansonsten: nachdem am abend erst in drei städten eine ausgangsperre verordnet (und prompt nicht befolgt) wurde, hat das regime die später auf das ganze land ausgeweitet. inzwischen soll sie partiell wieder aufgehoben sein. die polizei hat sich am ende nicht befähigt gezeigt, militante proteste eines solchen kalibers tatsächlich aufzuhalten (dazu hätten sie massiv schusswaffen benutzen müssen, was spätestens dann aber hinsichtlich der entschlossenheit und erbitterung vieler leute auf den straßen dort zu einer art finalen explosion geführt hätte.)
die zur hilfe beorderte armee verhält sich bisher uneindeutig - während aus alexandria und kairo von verbrüderungsszenen zwischen demonstranten und soldaten berichtet wurde, schienen in suez die einheiten deutlich feindselig gestimmt gewesen zu sein. es halten sich dazu hartnäckig berichte, die aus kairo von kämpfen zwischen armeeeinheiten und aufstandsbekämpfungspolizei erzählen - vielleicht ein ebenso entscheidender fakt wie in tunesien, dass es sich auch in ägypten um eine wehrpflichtarmee handelt. allerdings dürften die generäle dort eine andere linie fahren als in tunesien, was aber wiederum dann keine große bedeutung hätte, wenn sich die mannschaften schlicht den befehlen verweigern. die nächsten tage werden hier vermutlich klarheit schaffen.
es heisst wahrscheinlich eulen nach athen tragen, wenn ich hier nochmal die derzeit informativste nachrichtenquelle poste, aber sei´s drum: derlivestream von al jazeera(in englisch) dürfte momentan weltweit die umfassendste berichterstattung bringen (und sehr viele andere medien schöpfen aus dieser quelle). heute abend kam dort noch die meldung, dass immer mehr reiche geschäftsleute und auch figuren des regimes das land in privaten fliegern verlassen würden - die ratten verlassen ihr bisheriges bequemes und jetzt sinkendes schiff.
eindrucksvolle bilderstrecken bieten bspw.der standardund, wie schon gewohnt, wenn auch nicht total aktuell,boston.com.
zu den reaktionen der westlichen "politik" schreibe ich momentan nichts, weil die angemessene verachtung für die heuchelei und den opportunismus nicht adäquat in worte zu fassen ist.
abschließend sei noch auf eine wie ich finde sehr interessantemeldung aus saudi-arabienverwiesen, die im ersten moment relativ unspektakulär klingt, aber bei verdeutlichung der extrem repressiven verhältnisse dort wie ein vorbeben erscheint:
"Die Sicherheitskräfte in Saudi-Arabien haben heute Dutzende von Demonstranten festgenommen. Nach Polizeiangaben wurden zwischen 30 und 50 Menschen in Jeddah in Gewahrsam genommen, die nach den jüngsten schweren Überflutungen Verbesserungen bei der Infrastruktur eingefordert hatten. Die Proteste auf einer Einkaufsstraße seien nach 15 Minuten aufgelöst worden, berichteten Augenzeugen.
In dem Königreich sind öffentliche Demonstrationen nicht zugelassen. Den Aufruf zu dem Protest, über Smartphones massenhaft verbreitet, bewerten Beobachter als offene Herausforderung der autoritären Staatsführung." (...)
und so nehmen die dinge ihren (trotz aller opfer und schmerzen) hoffentlich erfreulichen verlauf.
auch, wenn ich mich momentan zwischen lohnarbeitszwängen einerseits und schreibunlust andererseits eingezwängt fühle - der heutige tag verlangt wieder mal danach, das blog als - wie rudimentär auch immer - möglichkeit der gegeninformation zu nutzen. also dann in kürze das wichtigste, was bisher vom heutigen "tag des zorns" aus ägypten bekannt ist:
1. nicht nur in kairo, sondern auch in zahlreichen anderen städten wie mahalla kubra (nildelta), masnoura (dito), alexandria ... waren und sind z.t. bis zur jetzigen stunde zehntausende auf den straßen.
2. zu auseinandersetzungen zwischen polizei und demonstranten kam es u.a. bei mehreren demonstrationen in kairo; inzwischen werden aus suez zwei tote demonstranten (laut diversen berichten durch gummigeschosse) sowie aus kairo ein toter polizist gemeldet.
3. die demonstrationen werden als die grössten im land seit den brotpreisunruhen 1977 bezeichnet. und das unter den bedingungen einer quasi-diktatur. auffällig soll besonders sein, dass sich die polizei an vielen orten anfangs stark zurückgehalten hat.
4. es ist bisher keine auffällige beteiligung oder gar dominanz durch bspw. die in ägypten durchaus starke moslembrüderschaft oder andere islamistische gruppen festzustellen. eher dominiert deutlich das vorbild tunesien, u.a. auch durch zahlreiche tunesische flaggen bei vielen demonstrationen sichtbar.
5. deutliche und zentrale stoßrichtung aller aktionen ist gegen das mubarak-regime; das machen primär die parolen auf den demos deutlich.
6. eineitalienische seiteberichtet unter berufung auf arabische quellen, dass der sohn und sog. "designierte" nachfolger von diktator hosni mubarak, gamal mubarak, inzwischen samt familie in eine clanvilla nach england geflüchtet ist.
7. "der westen" glänzt einmal mehr durch beredtes schweigen. mal sehen, wie lange die nummer noch durchzuhalten ist - ägypten ist bereits ökonomisch und politisch ein anderes kaliber als das kleine tunesien.
quellen und weiteres:karim el-gawharyfür die "taz" weiterhin mit berichten aus tunesien und aktuell aus kairo. liveblog mit ständigen updates (in englisch) beimguardian.
...über denkommenden aufstand - ich habe den text gerade erst selbst entdeckt und werde ihn noch ein paar mal lesen müssen, aber bereits beim ersten mal blieben mir besonders die folgenden passagen hängen:
(...) »Ich sehe sie, die vielen Unzulänglichkeiten, und ich bedaure sie, ja bekämpfe sie. Doch müssen wir froh sein, von allem Schlechten auf der Welt das am wenigsten Schlechte gefunden zu haben. Wir müssen hier aufhören, still halten, die Waffen niederlegen. Denn nach dem Gewaltmonopol bricht sich Bahn: das Chaos.« Man muss den Satz fünf, zwölf, hundert Mal wiederholen, bis der Schleier der Abstraktion fällt und seine Absurdität zum Vorschein kommt. Die Parteigänger des Gewaltmonopols sind sich sicher: Rational ist, eine Gesellschaft am Leben zu halten, in der Gewaltmittel aufs Unendliche angehäuft und, im Falle der Aktualisierung, in den Zugriffsraum einiger Weniger gestellt werden. Als naiv und utopisch gelten hingegen soziale Formationen, die sich dieser Irrationalität verweigern: all jene Räume, die sich in den metropolitanen Territorien bereits der Kontrolle der Maschine entzogen haben, und die neue, kommunale Wege des Zusammenlebens erzeugt haben; all jene Arbeit, die tagtäglich und in astronomischen Ausmaßen verrichtet wird, ohne dass Geld oder Zwang die Motivation zum Arbeiten herstellen; all jene Netzwerke und Nischen innerhalb des totalen Raumes, dort, wo die Argusaugen des Staates erblinden, in den Keimzellen der Selbstorganisation, an die die Gesellschaft nicht glauben will – weil sie eine ihrer letzten Wahrheiten aufs Spiel setzen: dass der Mensch ohne Staat zum Berserker wird.
In der Regel reicht allein der Hinweis auf den afrikanischen Kontinent, dessen imaginierte Finsternis uns erst die zivilisatorische Strahlkraft verleiht. »Sieh' genau hin! Wohin man blickt: Chaos regiert.« Neben Auschwitz, oder wahlweise dem Gulag, wird häufig genug auch Somalia als Kronzeuge für die Unmöglichkeit einer radikalen Alternative gehandelt. Zugleich ist das Land der mythische Ort, von dem man uns berichtet, dass der Mensch dort zu sich komme oder schon bei sich sei. Losgelöst vom staatlichen Sanktions- und Regulationsapparat, würde er endlich er selbst. Ein Monster: für sich wie für andere. Verschwiegen wird in dieser Konstruktion, dass dieser Mensch nicht ist, sondern bereits geworden ist. Wir kennen keine Gesellschaft, wo der Mensch zu sich kommt. Gesellschaft heißt gerade, dass er nicht bei sich ist. Er ist geworden in einer Umwelt, in der konkurrierende und hochgerüstete Gewaltmonopole über Jahrhunderte hinweg gewütet haben und in der sie nur fragiles, traumatisiertes und ausgebeutetes Menschenmaterial zurückließen, das sich in einem Wettlauf um das schnellere Sterben befindet. Selbst die Gewaltmittel lieferten sie mit und lehrten die so Subjektivierten die Mechanik der industriellen Vernichtung, bevor sie schließlich abzogen und schon bald begannen, über die Brutalität der »natürlichen« Zustände zu lästern, die sich ohne liberal-demokratische Gewaltapparate einstellten. (...)
spontane reaktion: treffer und versenkt, und zwar absolut zielgenau. mehr und weitereshier zum selberlesen.
bis zu dieser stunde berichten im deutschprachigen raum nur medien aus der schweiz und österreich über eine depesche der us-botschaft in aserbaidschan, die sich mit einer bisher nicht bekannten fast-katastrophe auf einer gasbohrinsel im jahre 2008 beschäftigt. die aus dem GAU im golf bekanntedesinformationspolitikdes ölkonzerns wird einmal mehr deutlich:
(...) "Den Informationen zufolge hat BP versucht, den Unfall in Aserbaidschan zu vertuschen. Geschäftspartner seien verärgert gewesen, dass der britische Konzern sogar ihnen gegenüber mit Informationen äußerst zurückhaltend gewesen sei, wie demnach aus Mails von US-Diplomaten hervorgeht. Im Jänner 2009 habe BP schlampige Betonierungsarbeiten für die Explosion verantwortlich gemacht - so wie nach dem Unglück im Golf von Mexiko, als der damalige Konzern-Chef Tony Hayward dem Subunternehmen Halliburton dafür die Schuld gab.
Die Explosion im Kaspischen Meer habe zur Schließung von zwei Bohrfeldern geführt. Damit sei die Förderung von mindestens 500.000 Barrel pro Tag monatelang unterbrochen gewesen." (...)
ebenfalls wird - analog dem vorgehen von "shell" in nigeria - unterstrichen, wie konzerne dieses kalibersalltäglichim sinne ihrer interessen, d.h. auch und vor allem im sinne ihrer aktionäre, vorgehen:
(...) "Dass das Verhältnis zwischen BP und Regierung doch nicht so harmonisch ist, zeigen andere Depeschen der US-Diplomaten. So beschuldigt der Präsident von Aserbeidschan den Energiekonzern, Öl im Wert von zehn Milliarden gestohlen zu haben. Ausserdem versuche BP mit erpresserischen Methoden, sich die Gasförderrechte in der Kaspischen Region zu sichern." (...)
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mich erinnert das ganze auch daran, dass hier noch ein artikel aussteht zu den langzeitfolgen desgolf-debakels. nein, dort ist natürlich nicht alles wieder in ordnung, ganz im gegenteil.